Authentizität in der Real Life Soap BIG BROTHER


Hausarbeit, 2002
23 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Authentizitätsproblematik in „Big Brother“
2.1 Die Sehnsucht nach „reality“
2.2 Das Format „Big Brother“ als Hybrid-Genre: was ist noch authentisch, was wird fiktionalisiert?
2.3 Überlagerung von sozialer und medialer Wirklichkeit
2.3.1 Selbstdarstellung & unwillkürliche Darstellung der Bewohner
2.3.2 Die Zuschauer und das „Mobbing zum Mitmachen“
2.3.3 „BB“ selbst als (wirklich) authentischer Teil der Medienmaschinerie

3 Zusammenfassung und Ergebnis

4 Anhang (Referat vom 14.02.02)

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit schließt an ein im WS 2001/02 im Rahmen des Proseminars „Mediendramaturgie I - Dramaturgie-Theorien“ gehaltenes Referat über die „Dramaturgie des Fernsehformates Big Brother[1] “ an bzw. ist eine Ausarbeitung desselben mit veränderter Schwerpunktsetzung: Im folgenden Text geht es um die Authentizitätsproblematik des Formates: Ist die Bildhaftigkeit von „Big Brother“ authentisch? „Ist dasjenige `wahr´, was und weil wir es so im Fernsehen sehen, und in welchem Sinne wird mit Wahrheit `gelogen´? Welche Beziehung stellen wir zu diesen Wahrheiten her?“[2]

Einer kurzen kulturell-historischen Hinführung, die die „reality“-Lust unserer Mediengesellschaft beschreibt (2.1), folgt ein Abschnitt über das Nebeneinander und den Widerspruch von Authentizität und Fiktion. Es werden insbesondere Inszenierungsstrategien dargelegt, welche auf Authentisierung zielen, also auf Produktion von Authentischem (2.2). In 2.3 geht es um die Überlagerung von „unterschiedlichen Wirklichkeiten“, konkret also um die Definition des Authentizitätsbegriffes auf den unterschiedlichen Ebenen der sozialen und der medialen Wirklichkeit. Hier wird noch einmal unterschieden in die Haltung der Bewohner bzw. der Figuren/Charaktere (2.3.1) und der zuschauenden Rezipienten (2.3.2). In einem dritten Abschnitt (2.3.3) wird die Binnen-Perspektive erweitert und das Projekt „Big Brother“ im Kontext der aktuellen Medienlandschaft betrachtet.

Anmerkung:

Die Gliederung in besagte Kapitel ist nur eine grob strukturierende Einteilung. Es ist selbstverständlich, dass einige Ausführungen (oder Überschriften) auch in andere Kapitel integriert werden könnten. Die Kapitel sind auf Grund des Themas und dessen interner Zusammenhänge ohnehin untereinander verknüpfbar. Das Kapitel 2.2 z.B. ist als allgemeiner gefasste Hinführung und Darstellung einiger Beispiele gedacht, während sich das Kapitel 2.3 schon konkreter mit Einzelphänomenen beschäftigt und diese zueinander in Beziehung setzt. Die zusammenfassenden Überlegungen inklusive Ergebnisformulierung finden sich schließlich im dritten und letzten Kapitel. Im Anhang befindet sich noch ein für das Gesamtverständnis der Arbeit bestimmt sinnvoller Abschnitt des Referates, auf welchem dieser Text aufbaut.

2 Authentizitätsproblematik in „Big Brother“

2.1 Die Sehnsucht nach „reality“

In der Internet-Beschreibung von RTL 2 wird geschickt formuliert, wie das Projekt „Big Brother“ unsere Lust auf das vermeintlich pure ungekünstelte Leben als zentrales Element integriert und damit arbeitet:

„Durch die Konstellation unterschiedlicher Charaktere und Temperamente sowie durch die ungewohnten und beengten Lebensverhältnisse der Bewohner werden Gruppenprozesse ausgelöst, denen man sich nicht entziehen kann.

Interessant für die Zuschauer sind nun die Reaktionen der Bewohner, ihre Strategien, Konflikte zu bewältigen. Auch die Art und Weise, wie sich Koalitionen bilden und Abgrenzungen von anderen stattfinden, sorgt für Spannung und Aufschluss über Verhaltensweisen im alltäglichen Leben.

Somit wird das Projekt Big Brother zur Bühne, zum Raum ohne vierte Wand, in dem sich „Menschliches und allzu Menschliches“ studieren lässt. Und das nicht nur in kurzbemessener Einmaligkeit, sondern im großangelegten Zeitraum von drei Monaten in Serie.“

Hier werden indirekt menschliche Grundtriebe angesprochen: Exhibitionismus (das Zurschaustellen)[3] und Voyeurismus (das Zuschauen)[4] sind die Grundbausteine, die „Big Brother“ funktionieren lassen.

Dass die der Authentizität immanente Überzeugungskraft schon eine gewisse Tradition besitzt, was ihre Nutzung und Vermarktung als massenmediales Gut betrifft, zeigt die Entwicklung solcher Sendeformen, die sich der Authentizitäts-Faszination bedienen[5]: Begonnen hat die Beteiligung der Rezipienten an der „Wirklichkeit eines elektronischen Mediums“ mit dem Wunschkonzert im Radio, welches mittlerweile von nahezu jedem Sender angeboten wird. Bei unterschiedlichen Sendern bzw. Sendungen kann das Spektrum der Wünsche je nach Musiksparte variieren. Mittlerweile kann man solche Wünsche sowohl per Telefon und Fax als auch via e-Mail anmelden. Bei Call-In-Shows wird der Rezipient zu mehr als eben diesem: er wird zum aktiven Hauptbestandteil einer Sendung und erzählt oft einem hauptsächlich das Gespräch strukturierenden und dem Anrufer bei seinen Ausführungen behilflichen Moderator von seinen privaten oder psychischen Problemen etc. Daraufhin versucht der Moderator in Art eines „Briefkasten-Onkels im Radio“ mit dem Anrufer zusammen Lösungsvorschläge zu finden. Manchmal werden solche Sendungen auch im Fernsehen übertragen. Dabei wird die Figur des Moderators mehr in den Mittelpunkt gerückt. Er wird nun noch mehr zum „Kult-Briefkastenonkel“, dessen Reaktionen auf bestimmte (natürlich nur hörbare) Ausführungen eines Anrufers gezeigt werden. Er ist gezwungen, sich selbst zu präsentieren, mehr als er das bei der bloßen Tonübertragung (also der „Inszenierung“ seiner Stimme) gewesen ist. In Talkshows werden zum ersten Mal eine große Anzahl an Elementen integriert, die sich alle später auch in einer gewissen Form bei „Big Brother“ wiederfinden: der Zuschauer wird hier ganz klar zum Akteur. Die Faszination der Rezipienten erklärt sich durch die gegebene Möglichkeit des Nachempfindens von alltäglichen Problemen „normaler“ Menschen, welche oft in emotionaler Weise intime Dinge veröffentlichen. Die Rezipienten können ihren Voyeurismus ausleben, indem sie über die dargestellten Positionen diskutieren und Meinungen austauschen. Und sie können sich unter Umständen auch in den Positionen direkt wiederfinden. Die Entwicklung des Reality-TV s wurde in der Einführung des Referates genau betrachtet. Hier lassen sich „unverfälschte, echte“ Amateuraufnahmen (z.B. Urlaubsvideos etc.), Nachspielen von Realität bzw. „Alltagsdokumentationen“ („Das wahre Leben“) unterscheiden. „Das wahre Leben“ z.B. weist deutlich Vermischungen von klassischem Dokumentationsfilm und fiktionaler Soap-Opera auf („Docu-Soap“). Die Realität wird „abgefilmt“ ohne dass der Sender direkte Einflussmöglichkeiten hat. Durch technische Mittel wie subjektive (z.B.wackelige) Handkamera oder schlechte Licht- und Tonverhältnisse wird zudem Authentizität suggeriert. Auch die Webcams müssen natürlich an dieser Stelle erwähnt werden, da sie die einzigsten „Reality“-Quellen sind, deren Inhalt „ungefiltert“ genannt werden kann (live, kein Schnitt), zumindest was (in „Big Brother“) die (fehlende) post production betrifft. Die Anonymität des Internets (-man sitzt irgendwo irgendwann an einem Zugang zum „Daten-Highway“ und beobachtet die rund um die Uhr übertragenen Bilder-) bewirkt, dass hier der voyeuristische Reiz am größten ist. Bezüglich des „wirklichen Authentizitätsgehaltes“ muss man (in „Big Brother“) natürlich sehen, dass auch bei der Internet-Rezeption das Verhalten der Bewohner bzw. Figuren nicht unter die oben genannte Bezeichnung „ungefiltert“ fällt (- sofern das überhaupt möglich ist: Stichwort „Selbstinszenierungen“ - siehe 2.3.1). Bei der Internet-Übertragung sind jedoch keine fiktionalisierenden Stilmittel möglich. Der Handlungszusammenhang kann z.B. nicht durch Erzählbogen gewährleistet werden. Denn wer schaut 100 Tage lang 24 Stunden täglich „Big Brother“? Mit den Webcams zielt „Big Brother“ auf Vollständigkeit in seinem Authentizitätsanspruch.

Frei nach dem scheinbar auf Erfolg programmierten Motto „Das Leben schreibt die besten Geschichten“ dokumentiert „Big Brother“ nun also das Banale, das Triviale, das Alltägliche - wohl darauf achtend, dass die Alltäglichkeit des Alltags (und damit die Langeweile) nicht überhand nimmt...

2.2 Das Format „Big Brother“ als Hybrid-Genre: was ist noch authentisch, was wird fiktionalisiert?

Die dokumentarische Glaubwürdigkeit muss sich in der Theorie hauptsächlich durch Authentizitätsversicherungen darstellen: „Die dokumentierende Kamera begreift sich [...] als eine vornehmlich Realität beobachtende, registrierende Vermittlungsinstanz. Um diese Realität nicht zu verfälschen, darf der Dokumentarist in das zu filmende Geschehen möglichst nicht eingreifen.“[6] Mittel wie Interviews und Studiodiskussionen, graphische Visualisierungen und Präsentationen sowie auch das direkte Ansprechen des Publikums durch einen „Autor“ (z.B. Percy Hoven als Moderator) sind aber in der Theorie ausdrücklich erlaubt und verletzen nicht den dokumentarischen Charakter.[7]

Bilder werden für uns dadurch authentisch, „[...] daß [sic] wir sie dazu machen. [...] Wir müssen es `spüren´ können, dass das Abbild etwas mit Wahrhaftigkeit, mit Wahrheit, mit etwas zu tun hat, das uns `angeht´“[8]. Unser subjektives Erleben muß also stimmig sein. In „Big Brother“ wird das Leben selbst – in seiner Banalität und Trivialität (s.o.) – auf den Bildschirm gebracht und der Zuschauer sieht die Kandidaten meist als “ganz normale” Menschen, die ihre Emotionen und Probleme ausleben. Sie können, das muß man dem „System“ zugestehen, wohl auch gar nicht (maximal) 100 Tage schaupielern und sich verstellen. Man könnte also quasi von einem indirekten, gar nicht ausschließbaren „Zwang“ zu gewisser Authentizität im Verhalten der Kandidaten sprechen. Auf der anderen Seite muß man aber sehen, dass die vollständige Isolierung der Teilnehmer für einen extrem langen Zeitraum und damit die Eliminierung der Bewegungsfreiheit[9] eine absolut untypische Situation darstellt, die es so nie geben würde. Ein Aus-dem-Weg-Gehen und damit auch eine Gefühlsverdrängung (-was normalerweise häufig vorkommt-) wird quasi unmöglich gemacht. Die Monologe im Sprechzimmer sind zusätzlich standardisierte fest eingeplante Geständnisrituale[10], quasi „zwei Minuten täglich Psychoanalyse“. Zusätzlich kann der „Big Brother“ auch jeden Kandidaten willkürlich ins Sprechzimmer zitieren und Geständnisse „erzwingen“. Auf der anderen Seite sollen die Bewohner bei der Nominierung ihrer Mitspieler anonym bleiben (, was z.B. in der 1.Staffel teilweise jedoch nicht geschah). „Big Brother-Philosophie meint also: Eine Auflage zum Sprechen bei gleichzeitig aufgezwungener Zensur; zwar keine Gedankenüberwachung, wohl aber Gedankengängelung. Offenheit bis zu dem Punkt, da sie gefährlich werden könnte: eine Art Infrarot-Offenheit.“[11] Trotzdem wirken die Statements bei den Zuschauern mit am authentischsten, da sich durch das Anblicken der Kamera eine „unmittelbare“ face to face-Beziehung ergibt, die sehr stark an Interview-Dramaturgien erinnert. Gerade die explizite Sichtbarkeit der Kameras (z.B. eben im Sprechzimmer das symbolisierte „Auge des Big Brother“; die den jeweiligen Ausschnitt kontextualisierenden „REC“-, Zeit- und Ort- oder „Infrarot“-Einblendungen[12] ; das Zeigen von Situationen, in denen die Bewohner mit der Kamerasituation kokettieren[13] etc.) ist Kennzeichen für die Fiktionalität des Formates, für den Spielcharakter und die Künstlichkeit des Experimentes. Damit müssen nun die „realen“ Kandidaten klarkommen.[14] Als „tatsächlich dokumentarisch“ kann man die Live-Schaltungen ins Haus in der Sonntagssendung „Big Brother-Der Talk“ bezeichnen. Jedoch ist die jeweilige Situation (der Zeitpunkt am Sonntag abend steht immer von vornherein fest) stets erst durch das Spiel initiiert. Solche in der Dramaturgie festgelegten Plot Points wirken mit dem „unvorhersehbaren Potential“ zusammen und garantieren Spannung.

Bei den „Sofarunden“ wird geschickt Dokument und Fiktion kombiniert. Die Sendeanstalt bezeichnet solche Vorgehen als das „Gesellschaftsfähig Machen von Intimsphäre“: Die Bewohner sind angehalten, sich über ein von „außen“ vorgegebenes gesellschaftliches Thema auszulassen. Dabei werden automatisch Privates und Öffentliches vermischt.[15] Die authentischen Sofadiskussionen werden oft in einer „narrativen Montage [...] klassisch in der fiktionalen Konvention mit Totalen, Halb-Nahen, Schuss-Gegenschuss und entsprechender Tonregie aufgelöst [...]“.[16]

[...]


[1] In der Arbeit wird auch die Abkürzung „BB“ für „Big Brother“ verwendet.

[2] Emrich, 2.

[3] „...Gruppenprozesse, denen man sich nicht entziehen kann“.

[4] „Interessant für die Zuschauer“ [...] „Spannung“ etc.

[5] vgl. Gözen, 3ff.

[6] Hickethier, 201.

[7] vgl. Hickethier, 203.

[8] Emrich, 4.

[9] siehe Anhang S.16, Abschnitt „Erzähldramaturgische Vorgaben/Beschränkungen“, Aspekte 1-7.

[10] Der medium close up (close shot) präsentiert dem Zuschauer den Kandidaten in einem „standardisierten Kader; diese Rolle wird von den Akteuren unterschiedlich ausgefüllt: während Jürgen z.B. den Kontakt mit dem TV-Publikum sucht und die Kamera fast immer fixiert, schaut Alex meistens an ihr vorbei auf den Boden (Jürgen befindet sich vorrangig auf der „Spiel-Ebene“, siehe 2.3.1).

[11] Ott, 2.

[12] Diese Einblendungen fungieren deutlich als „Authentisierungs-Codes“, hier sind dies kulturell etablierte Kennzeichen von Aufnahmen aus Überwachungskameras; ein weiterer solcher Code ist im Dokumentarfilm-Genre z.B. auch der Schwarz-Weiß-Code.

[13] siehe 2.3.2.

[14] vgl. Adelmann, 2.

[15] vgl. 2.3!

[16] Adelmann, 3.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Authentizität in der Real Life Soap BIG BROTHER
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Mediendramaturgie 1
Note
1.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V9589
ISBN (eBook)
9783638162500
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausführliche Abhandlung der unterschiedlichen Einflüsse, die den Authentizitätsgehalt des Formats beeinflussen, inklusive der Aufschlüsselung der Dramaturgie des Formats, d.h. der Mechanismen (Teaser, Trailer, Figurenbeziehung, Aufgaben, Regeln etc...).
Schlagworte
Authentizität, Real, Life, Soap, BROTHER, Mediendramaturgie
Arbeit zitieren
Nico Fischer (Autor), 2002, Authentizität in der Real Life Soap BIG BROTHER, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9589

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