Der Begriff des Intriganten in Walter Benjamins "Ursprung des deutschen Trauerspiels"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Intrigant bei Benjamin
2.1. Charakterisierung des Intriganten
2.2. Verstand und Wille des Intriganten
2.3. Der Intrigant und die historische Handlung
2.4. Der Intrigant als komische Figur

3. Gryphius „Papinian“
3.1. Laetus als Intrigant
3.2. Laetus Vorgehensweise
3.3. Laetus Funktion innerhalb der Handlung
3.4. Laetus als komische Figur

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walter Benjamins „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ gilt als bedeutender Text in literaturwissenschaftlichen Kreisen. Darin strebt Benjamin danach, das barocke Trauerspiel in seinem Wesen zu erfassen. Einer der wichtigen Begriffe, welche Benjamin immer wieder in seinem Text aufgreift, ist der Begriff der Intrige. Somit kann festgelegt werden, dass Benjamin der Intrige einen besonderen Stellenwert zuspricht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Benjamin in seinem Trauerspielbuch nur verstreute Anhaltspunkte zu der Figur des Intriganten liefert. Es gilt also, diese Anhaltspunkte in einen Einklang zu bringen, um einen gewissen Grad an Vollständigkeit zu erreichen und die Frage beantworten zu können, welche Rolle die Intrige für Benjamin spielt und warum sie so wichtig ist.

Aus diesem Grund sollen die verschiedenen Aspekte, welche Benjamin mit der barocken Intrige in Verbindung bringt, zunächst einzeln beleuchtet werden, um anschließend eine allgemeine Schlussfolgerung über die Bedeutung der Intrige bei Benjamin ziehen zu können. Ausgehend von diesen Aspekten, wird die Figur des Intriganten in Bezug auf sein Wesen, sein Handeln, seine Funktion innerhalb des Dramentextes, sowie seine Verbindung zur Komik hin analysiert. Der erste Schritt dieser Arbeit besteht also darin, herauszuarbeiten wie Walter Benjamin den Begriff des Intriganten versteht, sowie seinen Stellenwert zu begründen.

Bei der folgenden Auseinandersetzung mit Benjamins Trauerspielbuch wird bewusst das gesamte Kapitel zur Allegorie ausgeklammert. Grund hierfür ist das Anliegen, eine möglichst präzise und greifbare Analyse zu bewerkstelligen, die nicht ins Uferlose ausläuft. Außerdem liegt das Hauptaugenmerk auf dem deutschen Barockdrama; Vergleiche mit englischer oder spanischer Literatur der Zeit dienen nur der Festigung der Aussagen über das deutsche Drama.

Damit die Ergebnisse dieses ersten Schrittes nachvollziehbarer werden, folgt anhand eines Beispiels ein Abgleich zwischen Benjamins Verständnis des Begriffs des Intriganten und einem Dramentext. Diese Überprüfung erfolgt durch die Auseinandersetzung mit Gryphius Trauerspiel „Papinian“, das als Höhepunkt der Barockdichtung gilt und somit geeignet für dieses Vorhaben ist. In diesem zweiten Teil sollen Schritt für Schritt die bereits behandelten Merkmale und Funktionen des Intriganten einer Untersuchung in Hinblick auf den konkreten Dramentext unterzogen werden.

Ziel ist es, den Zweck des Intriganten im deutschen Trauerspiel zu ermitteln, wobei stets auf Benjamins Sicht zurückgegriffen wird. Weitere Fragen, welche im Laufe der Analyse geklärt werden können, sind: Wie sieht Benjamin den Intriganten? Inwieweit treffen Benjamins Behauptungen auf barocke Dramen zu? Wie verhält sich der Intrigant im dramatischen Kontext und warum?

Bevor allerdings in die Analyse der Texte eingetaucht werden kann, soll zunächst eine allgemeingültige Definition der Intrige, unabhängig von den zu betrachtenden Texten, festgelegt werden: Nach dem Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft ist die Intrige „[e]ine verwickelte Handlungsabfolge oder ein Komplott, wobei die dramatischen Figuren ihre jeweiligen Interessen mit moralisch zweifelhaften Mitteln (durch Täuschung, Verstellung usw.) durchsetzen wollen.“1

Es handelt sich also bei dem Intriganten um eine machiavellistische Figur, die mit Täuschungsargumenten handelt, um ihr Ziel, welches nicht offenliegt, zu erreichen:

Es geht hierbei des öfteren um Nebenfiguren, die im Schatten des Helden oder der Hauptpersonen stehen, die sich aber für den Fortgang der Handlung oft als unentbehrlich erweisen. […] Es sind „Figuren“, die ein überlegenes Wissen aufweisen und aufgrund dessen strategisch nach möglichen Zielen trachten.2

2. Der Intrigant bei Benjamins

2.1 Charakterisierung des Intriganten

Die folgenden Behauptungen leiten sich aus Benjamins Aussagen ab und versuchen diese greifbar zu machen. Bevor genauer auf die Funktion der Intrige bei Benjamin eingegangen werden kann, muss genau geklärt werden, wie Benjamin den Intriganten im deutschen Barockdrama definiert:

Hinzu kommt die Bewertung der Intrige. Vom sogenannten Gegenspiel der klassischen Tragödie ist sie durch Isolierung der Motive, Szenen, Typen unterschieden. So wie Tyrannen, Teufel oder Juden sich auf der Bühne des Passionstheaters in abgrundtiefer Grausamkeit und Bosheit zeigen, ohne irgendwie sie aufklären oder entwickeln, ohne anderes als ihre niederträchtigen Pläne bekennen zu dürfen, liebt auch das Drama des Barock den Gegenspieler in grelles Licht gestellte Sonderszenen einzuräumen, in denen Motivierung die geringste Rolle zu spielen pflegt. Die barocke Intrige vollzieht sich, man darf es sagen, wie ein Dekorationswechsel auf offener Bühne, so wenig ist die Illusion in ihr gemeint, so aufdringlich die Ökonomie dieser Gegenhandlung betont. Nichts instruktiver als die Unbefangenheit, mit der entscheidende Motive der Intrige sich ihren Platz in Noten suchen müssen.3

Zunächst zieht Benjamin die Parallele zwischen grausamen Figuren vorangehender Formen, wie dem Passionsspiel, und dem Intriganten des barocken Trauerspiels und stellt dabei den herausstechenden niederträchtigen Charakter dieser Figuren in den Vordergrund. Es handelt sich nämlich dabei um Typen: Sie sind boshaft der Boshaftigkeit wegen und dies ist nicht zu übersehen. Szenen, die eigens für die Kundgebung der hinterlistigen Pläne des Intriganten eingeräumt werden, betonen dessen Skrupellosigkeit. Wichtig ist dabei, dass die Motivation hinter dem Vorgehen des Intriganten kaum genannt wird: Abgesehen von der reinen Machtgier, liefern die Texte keine nachvollziehbare Begründung für ihr Handeln. Somit fehlt die von Lessing geforderte Psychologisierung des Intriganten.

Dem Zuschauer sind die Handlungen und die Vorgehensweise des Intriganten bekannt, da das Trauerspiel darauf bedacht ist, äußert klar und offensichtlich die Intrige kundzugeben. Es besteht deshalb in keinem Moment der Zweifel, dass die intrigierende Figur das reine Böse verkörpert und alle anderen Figuren zum Narren hält. Das barocke Trauerspiel benötigt diese negativen Figuren, um das Geschehen ins Wanken zu bringen, bemüht sich aber nicht darum, ihnen einen begründeten Platz einzuräumen und versucht auch nicht diesen Umstand zu verstecken.

Schauplatz des barocken Dramas ist der Hof, welcher nicht nur „Schlüssel des historischen Verstehns“4 ist, sondern ebenfalls von Benjamin als „Hölle“5 betitelt wird. Diese Bezeichnung ist äußert passend, wenn man bedenkt, dass der Hof der Ort ist, an dem Gefahr und Misstrauen herrschen. Der Höfling kann im deutschen Drama, laut Benjamin, entweder „Heiliger“ oder „Intrigant“ sein.6 Ist er hinterlistiger Ratgeber und somit Intrigant, so gilt er durch seine boshaften Machenschaften als teuflische Figur und vollendet damit das Bild der Hölle.7

Eine weitere nicht zu vernachlässigende Eigenschaft des Intriganten ist sein Wissen, welches ihn überhaupt befähigt einen dermaßen großen Einfluss auf die Handlung zu haben. Auf diesen Punkt wird im Folgenden noch näher eingegangen.

Bei dem Intriganten handelt es sich also um eine eindimensionale Figur, einen Typus, der für die Handlung als notwendig gilt, der aber unfähig ist eine Entwicklung durchzumachen und der aus reiner Bosheit handelt. Dem Publikum oder dem Leser ist dieser Umstand glasklar. Außerdem gilt der Intrigant als fester Bestandteil des barocken Trauerspiels.

Welchen Zweck genau der Intrigant innerhalb des Barockdramas erfüllt, soll im Folgenden geklärt werden.

2.2 Verstand und Wille des Intriganten

Seine verworfnen Berechnungen erfüllen den Betrachter der Haupt- und Staatsaktionen mit um so größerem Interesse, als er in ihnen nicht allein die Beherrschung des politischen Getriebes, sondern ein anthropologisches, selbst physiologisches Wissen erkennt, das ihn passionierte. Der überlegen Intrigant ist ganz Verstand und Wille. Darin entspricht er einem Ideal, das Machiavelli zum ersten Mal gezeichnet hatte und das in der dichterischen und theoretischen Literatur des XVII. Jahrhunderts energisch ausgebildet wurde, ehe es zu der Schablone herabsank, als die der Intrigant der wiener Parodien oder der bürgerlichen Trauerspiele auftritt.8

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei dem Intriganten um einen Meister der Manipulation. Um dies bewerkstelligen zu können, bedarf es dem Intriganten verschiedener Eigenschaften, nämlich einem rationalen Verstand, einem großen Wissen und der Fähigkeit sich dieses Wissen reflektiert zunutze zu machen. Als „Betrachter“ steht der Intrigant nicht im Mittelpunkt der Staatsangelegenheit und hat so die Möglichkeit aus der Distanz heraus Informationen zu sammeln, um sein Eingreifen sorgfältig zu planen.

Ausschlaggebend für die Vorgehensweise des Intriganten ist er Umstand, dass er selbst nur aus seinem „Verstand“ heraus handelt, während der zu manipulierende Souverän durch Affekte geleitet wird. Benjamin bezeichnet die „menschlichen Affekte als berechenbares Triebwerk der Kreatur“9 und weist somit darauf hin, wie leicht es dem wissenden Intriganten fällt, die „Entschlußunfähigkeit des Tyrannen“10 auszunutzen und diesen zu lenken. Somit wird der Intrigant für den Souverän zu einer großen Gefahr, da er in seiner „Verschwörung“ gegen den Machthaber „destabilisiert“ was er „stabilisieren soll“.11 In seinem Abschnitt über die „Didaktische Absicht des Trauerspiels“ beschreibt Benjamin die zunehmende ausführliche „Darstellung der Affekte“, unter welcher die durchdachte Handlung leidet: „Das Tempo des Affektlebens beschleunigt sich dermaßen, daß ruhige Aktionen, gereifte Entscheidungen seltener und seltener begegnen.“12 Hiermit sind vor allem die Affekte des Tyrannen gemeint. Je stärker diese sind, umso leichter kann sein Berater von ihnen profitieren und die Handlung zu seinen Gunsten herumreißen.

Diese Vorgehensweise, den Willen des Souveräns ins Wanken zu bringen oder ihn sogar in eine andere Richtung zu lenken, ist Auslöser der gesamten dramatischen Handlung und somit unverzichtbar für das Trauerspiel. Geprägt durch seinen „Wille[n]“ ist der Intrigant die treibende Kraft, welche die Trauer erst hervorbringt und so den Kern des Dramas ausmacht:

Unter allen Umständen mußte der Intrigant eine beherrschende Stelle in der Ökonomie des Dramas einnehmen. Denn die Kenntnis des Seelenlebens, in dessen Beobachtung er allen anderen es zuvortut, mitzuteilen, war nach der Theorie des Scaliger, die hier mit dem Interesse des Barock sich wohl vertrug und hierin Geltung behauptete, der eigentliche Zweck des Dramas.13

Der Intrigant ist also ein notwendiger Bestandteil des Barockdramas: Er „gewährt [] den Einblick in die wirkenden Triebkräfte, die den Stoff der jeweiligen Dramaturgie bilden.“14 Deshalb soll der folgende Punkt erläutern, inwieweit der Intrigant die dramatische Handlung beeinflusst.

2.3 Der Intrigant und die historische Handlung

Barockes Drama ist Geschichtsschreibung: „Das geschichtliche Leben wie es jene Epoche sich darstellte ist sein Gehalt, sein wahrer Gegenstand.“15 Benjamin sieht allerdings in dem Versuch, Geschichte dramatisch festzuhalten, ein Problem:

Die >Einheit< einer schlechtweg historischen Handlung zwang das Drama in einen eindeutigen Verlauf, und gefährdete es. Denn so sicher ein solcher Verlauf aller pragmatischen Geschichtsdarstellungen zugrunde zu legen ist, so gewiß beansprucht die Dramatik von Natur Geschlossenheit, um die Totalität, die allem äußern Zeitverlauf versagt ist, zu gewinnen. Die Nebenhandlung, sei es parallel, sei’s im Kontraste zum Hauptvorgang, garantiert ihr dies. Allein nur Lohenstein beliebt sie öfter; sonst schloß man sie aus und meinte um so sicherer, Geschichte schlecht und recht zur Schau zu stellen.16

Mit der „Einheit“ sind die von Aristoteles vorgegeben Einheiten von Handlung, Zeit und Ort gemeint.17 Benjamin merkt an, dass die Einheiten von Zeit und Handlung verknüpft sind und in den meisten barocken Dramen wiederzufinden sind, während es keine Einheit des Ortes gibt.18 Das Problem liegt darin, dass eine akkurate Darstellung von Historizität, welche dem ständigen Verlauf unterlegen ist, nicht in das dramatische Schema von Geschlossenheit passt. Die Folge davon ist, dass die Geschichte den dramatischen Spannungsbogen zerstört. Die Nebenhandlung soll in diesem Fall die Lösung darstellen. Weitere Ausführungen betätigt Benjamin an diesem Punkt nicht, weswegen es nicht ganz nachvollziehbar ist, wie genau die Nebenhandlung dies bewerkstelligen soll. Worin besteht überhaupt die Nebenhandlung?

Um die historischen Gegebenheiten logisch nachvollziehbar in Dramenform darzustellen, bedarf es der Figur des Intriganten, um die Handlung erst ins Rollen zu bringen, „als antreibende Kraft des dramatischen Geschehens“.19 Doch wenn die Intrige unmittelbar den Haupthandlungsstrang beeinflusst, wäre damit keine Nebenhandlung beschrieben. Es bleibt also unklar, ob Benjamin die Intrige als mögliche Nebenhandlung ansieht, welche der Handlung Geschlossenheit garantieren soll.

Der historische Gegenstand im barocken Trauerspiel ist auch immer ein politischer.20 Benjamin sieht in der Verbindung von Intrige und Geschichte eine notwendige Verknüpfung: „Das Drama des Barock kennt die historische Aktivität nicht anders denn als verworfene Betriebsamkeit von Ränkeschmieden.“21 Wenn der von seinem Ratgeber gelenkte „Souverän die Geschichte [repräsentiert]“22, dann heißt dies ebenfalls, dass der Intrigant, welcher als „dritter Typus […] neben den Despoten und den Märtyrer“23 tritt, nicht nur tief mit der Geschichte verflochten ist, sondern diese indirekt auch lenkt. Menke macht auf das Paradox aufmerksam, dass souveräne Macht „auf Beratung und Verwaltung angewiesen ist“, wodurch ihr absolutistischer Ansatz ins Wanken gerät.24 Dies ist allerdings ein notweniger Umstand, um die Handlung des Dramas voranzutreiben, denn ohne den einflussreichen Berater können die historischen Geschehnisse sich im Drama gar nicht erst entfalten. Die Intrige ist also notwendiges dramatisches Mittel, um Geschichte darzustellen, welches allerdings verhindert, dass diese ihren akkuraten Gehalt an Historizität erreichen kann: „Unter den Einwänden gegen die Märtyrerhistorie ist gewiß der fundierteste, der jeden Anspruch auf geschichtlichen Gehalt ihr streitig macht.“25

Ansonsten wäre das barocke Drama nur eine chronologische Aufzählung von historischen Ereignissen ohne „tragische[n] Konflikt“. Aus diesem Grund beschreibt Schäfer das barocke Trauerspiel als „undramatische Gattung“.26

An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass Benjamin betont, im Barock sei Geschichte auch immer Heilsgeschichte und deshalb unmittelbar mit der Frage nach Moral verknüpft.27 Da es sich bei dem Intriganten um eine moralisch verwerfliche Figur handelt, spielt sie in diesem Diskurs eine Rolle.

2.4 Der Intrigant als komische Figur

Benjamin widmet dem „Intrigant[en] als komische Person“28 einen ganzen Abschnitt in seinem Trauerspielbuch. Ob er diesem Aspekt deswegen besonderen Wert zuspricht, muss allerdings erst herausgefunden werden.

Mit dem Intriganten zieht die Komik ins Trauerspiel ein. Sie ist darin jedoch nicht Episode. Die Komik – richtiger: der reine Spaß – ist die obligate Innenseite der Trauer, die ab und zu wie das Futter eines Kleides im Saum oder Revers zur Geltung kommt. Ihr Vertreter ist an den der Trauer gebunden.29

Benjamin sieht eine Notwendigkeit für „Komik“ und „Spaß“ im Trauerspiel, da diese Elemente zusammenhängend sind mit dem so präsenten Element der Trauer und ergänzend auf das Trauerspiel einwirken. Dieses Aufblitzen von Komik bewerkstelligt der Intrigant. Wie bereits erläutert stellt er das Gegenstück zum Souverän her, in welchem die Affekte, vor allem die Trauer, sich offenbaren. Damit beide sich also ergänzen, muss der kluge und kühle Intrigant die Lustigkeit verkörpern, welche aufgrund seines boshaften Naturell auf Grausamkeit beruht:

Der grauenhafte Spaß ist so ursprünglich wie die harmlose Lustigkeit, ursprünglich sind beiden sich nahe, und gerade der Figur des Intriganten dankt das so oft auf Stelzen schreitende Trauerspiel die Berührung mit dem Mutterboden traumhaft tiefer Erfahrungen. Wenn aber beide, die Trauer des Fürsten und die Lustigkeit seines Ratgebers, so nahe beisammen sind, so ist es zuletzt nur deswegen, weil in ihnen die beiden Provinzen des Satansreiches sich darstellten. Und die Trauer, deren falsche Heiligkeit das Versinken des sittlichen Menschen so drohend macht, erscheint unversehens in all ihrer Verlorenheit nicht hoffnungslos, verglichen mit der Lustigkeit, aus der unverstellt die Teufelsfratze hervorbleckt.30

Dem Intriganten ist es durch seine ursprüngliche Lustigkeit zu verdanken, dass das Trauerspiel zugänglicher wird.31 Laut Benjamin ist es kein großer Schritt von dem „grausamen Spaß“ zu der „harmlosen Lustigkeit“ und somit sieht er in der Figur des Intriganten die Komik und den Teufel vereint.

[...]


1 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 2. H – O. De Gruyter. Berlin 2000, S. 6.

2 Memmolo, Pasquale: Strategen der Subjektivität. Intriganten in Dramen der Neuzeit. Würzburg 1995. S. 8.

3 Benjamin, Walter: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main 1993. S. 56.

4 Benjamin, S. 73. Dieser Punkt wird im Verlauf der Arbeit noch genauer betrachtet.

5 Ebd., S. 124.

6 Vgl. Ebd., S. 75-79.

7 Vgl. Ebd., S. 107.

8 Ebd., S. 76.

9 Benjamin, S. 76.

10 Ebd., S. 52.

11 Horn, Eva: Die Macht, die sich verschwört. Machiavelli – Shakespeare – Schiller. In: Maximilian Bergengruen, Roland Borgards (Hg.): Bann der Gewalt. Studien zur Literatur- und Wissensgeschichte. Göttingen 2009. S. 154.

12 Benjamin, S. 79.

13 Benjamin, S. 79.

14 Memmolo 1995, S. 15-16.

15 Benjamin, S. 44-45.

16 Ebd., S. 57.

17 Aristolteles: Poetik. Manfred Fuhrmann (Hg.). Stuttgart 2014. S. 28, 77. Bei Aristoteles ist noch keine Rede von der Einheit des Ortes.

18 Vgl. Benjamin, S. 43.

19 Memmolo 1995, S. 10.

20 Vgl. Benjamin, S. 45.

21 Ebd., S. 69.

22 Ebd., S. 47.

23 Ebd., S. 76.

24 Menke, Bettine: Das Trauerspiel-Buch. Der Souverän – das Trauerspiel – Konstellationen – Ruinen. Bielefeld 2010. S. 106.

25 Benjamin, S. 69.

26 Schäfer, Armin: Versuch über Souveränität und Moral im barocken Trauerspiel. In: Maximilian Bergengruen, Roland Borgards (Hg.): Bann der Gewalt. Studien zur Literatur- und Wissensgeschichte. Göttingen 2009. S. 393.

27 Vgl. Benjamin, S. 69.

28 Ebd., S. 106-109.

29 Ebd., S. 106.

30 Benjamin, S. 107-108.

31 Benjamin spricht es nicht an, aber aus der Schilderung der „Aktionslüsternheit“ des „zeitgenössischen Normalbürger[s]“ (S. 56) könnte man eine Forderung nach Unterhaltung und Komik herausdeuten, welche sich in der teuflischen Figur des Intriganten zu erfüllen sucht.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des Intriganten in Walter Benjamins "Ursprung des deutschen Trauerspiels"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V959020
ISBN (eBook)
9783346307040
ISBN (Buch)
9783346307057
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Bejamin, Intrigant, Barocke Dramen, Ursprung des deustchen Trauerspiels, Gryphius, Papinian
Arbeit zitieren
Cindy Bloes (Autor), 2019, Der Begriff des Intriganten in Walter Benjamins "Ursprung des deutschen Trauerspiels", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/959020

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