Das Repression-Sensitization-Konstrukt


Hausarbeit, 1995

11 Seiten


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Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehung des Repression-Sensitization-Konstrukts

3. Die Messung des Repression-Sensitization-Konstrukts

4. Befunde

5. Probleme der Validierung des Repression-Sensitization-Konstrukts

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Repression-Sensitization-Konstrukts wird der Versuch unternommen, unterschiedliche Coping-Strategien in Abhängigkeit von Ausprägungsgraden der Angst zu erklären und mögliche Prädiktoren für Verhalten in angstrelevanten Situationen zu diskriminieren.

Zu diesem Konstrukt hat es seit den sechziger Jahren bis heute eine Fülle von Untersuchungen in nahezu allen Teildisziplinen der Psychologie gegeben. Der Versuch einer Validierung ist bisher nicht zufriedenstellend gelungen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Überblick über die Entstehung, Verwendung und Problematik des Repression-Sensitization-Konstrukts zu liefern. Aus der Vielzahl der Untersuchungen werden einige, aus verschiedenen Bereichen der Psychologie exemplarisch vorgestellt.

2. Entstehung des Repression-Sensitization-Konstrukts

Aus den frühen Experimenten zur Wahrnehmung (Bruner und Postman, 1947) stammen die ersten Ansätze zur empirischen Klassifikation von Angstabwehrmechanismen zu einem zentralen Konzept. Bruner und Postman stellten als Ergebnis eines Experiments, in dem bedrohliche Reize im Tachistoskop dargeboten wurden, fest, daß sich zwei Gruppen von Personen in ihrer Reaktionsweise unterscheiden lassen. Die einen benötigten eine besonders kurze Darbietungszeit, um einen bedrohlichen Reiz zu identifizieren, die anderen eine besonders lange Zeit der Darbietung.

Die Hypothese von Bruner und Postman, die das Konzept des "preceptul defence" stützen sollte, konnte hier nicht bestätigt werden. Danach sollten alle Versuchspersonen mit einer Wahrnehmungsabwehr auf bedrohliche Reize (Tabuwörter, angstassoziierte Wörter) reagieren. Es zeigte sich aber, daß sich eine Gruppe der Versuchspersonen im Sinne einer "perceptual vigilance" verhielt, ein Phänomen, das bis dahin nur im Zusammenhang mit bedürfnisrelevanten Reizen beobachtet werden konnte.

Es wird daher angenommen, daß Menschen sich danach unterscheiden, ob sie eine kritische Situation dadurch meistern, daß sie diese möglichst wenig zur Kenntnis nehmen, oder dadurch, daß sie ihr gerade besonders viel Aufmerksamkeit schenken (vgl. Krohne, 1975).

Infolge dieser und ähnlicher Befunde entstand ein bipolares, eindimensionales Persönlichkeitskonzept der Angstabwehr.

An jedem Pol dieses Kontinuums sollen Personen lokalisiert sein, die eine extreme Form der Angstabwehr praktizieren, im mittleren Bereich dieser Dimension Personen, deren Angstverarbeitung angemessen erscheint (zur Problematik der Aufteilung der Extremgruppen s.u.).

Aufgrund der Annahmen, die über die intervenierenden Mechanismen, die zu solchen gegenläufigen Verarbeitungsstrategien führen, gemacht wurden, lag der Vergleich zu den Abwehrmechanismen der Psychoanalyse nahe. Diese Abwehrmechanismen lassen sich nach Anna Freud (1946) in Gruppen von einander ähnlichen Abwehrstrukturen zusammenfassen. Tucker (1970) und Krohne (1974) subsumierten unter die Bezeichnung sensitive bzw. repressive Abwehrstruktur folgende Freudschen Abwehrmechanismen:

Repression: Sensitization:

- Verdrängung - Isolierung
- Verleugnung - Intellektualisierung
- Reaktionsbildung - Kompensation
- Verschiebung - Depression (Selbstaggression)
- Sublimierung - Projektion
- Identifikation (Reaktionen im - Phantasien, Tagträume

Sinne der sozialen Erwünschtheit - Zwangsneurotische Reaktionen

- Rationalisierung
- Psychosomatische Störung

Ferner wurde versucht, das Repression-Sensitization-Konstrukt als kognitionspsychologisch orientierten Ansatz zu interpretieren (vgl. Krohne 1982). Den theoretischen Rahmen hierzu lieferte das Angstmodell von Lazarus (Lazarus & Averill 1972). Danach handelt es sich bei der Angstabwehr um einen Vorgang bei der Bewertung bestimmter Situationen. Diese Einschätzung soll nach Lazarus (1972) mehrdeutige Elemente enthalten. Es entsteht nur dann Angst, wenn keine entsprechenden Interpretationsschemata für entsprechende Umweltvorgänge vorhanden sind und somit nicht adäquat auf die Situation reagiert werden kann. Von fehlenden Interpretationsschemata wird dann gesprochen, wenn ein Individuum keine Möglichkeit hat eine Bedrohung zu beseitigen. Nur dann werden innerpsychische Prozesse in Gang gesetzt, die eine Veränderung der Aufmerksamkeit zur Folge haben und zur Neubewertung der Situation führen.

Bei der repressiven Angstabwehr werden besonders die wenig bedrohlichen Merkmale einer Neubewertung unterzogen, bei der sensitiven mehr die stark bedrohlichen, wobei beide Strategien als defensiv und inadequat bezeichnet werden können.

3. Die Messung des Repression-Sensitization-Konstrukts

Generell lassen sich zwei Richtungen der Differenzierung von Personen mit sensitiver bzw. repressiver Form der Angstabwehr unterscheiden. Einerseits werden übliche Skalen zur Erfassung von Ängstlichkeit verwendet, etwa die Manifest-Anxiety-Scale von Taylor (1953), im deutschsprachigen Raum deren Übertragung von Spreen (1961), die Saarbrücker Angstliste und das State -Trait Angstinventar (STAI).

Andererseits werden Repression-Sensitization-Skalen verwendet. Ullmann (1958) stellte erstmalig eine solche Skala aus Items des MMPI (Hathaway & Mc Kinley 1951, Spreen, 1963) zusammen, die zwar eine Retestreliabilität von .96 aufweisen konnte, aber vorwiegend klinisch auffällige Personen unterschied. Altrocchi, Parson und Dickoff (1960) entwickelten eine Skala aus Items einiger Unterskalen des MMPI, mit der es möglich sein sollte, auch klinisch unauffällige Personen valide erfassen zu können. Diese Skala wies allerdings einige psychometrische Mängel auf (einige Items kommen in zwei Unterskalen vor, die entgegengesetzte Verhaltensweisen messen). Byrne legte 1961 eine überarbeitete Version der Skala von Altrocchi vor, die er aufgrund einer erneuten Itemanalyse 1963 noch einmal revidierte. 1974 entwickelte Krohne die deutsche Version der Byrne'schen Repression-Sensitization-Skala (Byrne, 1963), wobei er die Itemübersetzungen des MMPI Saarbrücken (Spreen 1963) zugrundelegte. Die Skala von Krohne enthält 106 der 127 Items aus der englischsprachigen Version und behandelt 16 Themengruppen, die in Tabelle 1 wiedergegeben sind. Sie weist eine Retest-Reliabilität von rtt = .83 und eine interne Konsistenz von rtt=.94 auf (vgl. Amelang & Bartussek, 1981).

Tab. 1: Die Themengruppen der 106 Items in der deutschen Fassung (aus Amelang & Bartussek, 1981)

Schüchternheit Zugeben von Fehlern

Mangelndes Selbstvertrauen Abhängigkeit

Körperliche Symptome Depression

Sorgen um den Verstand Negatives Selbstbild Müdigkeit Angst und Sorge

Stimmungslabilität Mißtrauen

Ruhelosigkeit Bizarres zwanghaftes Denken und Soziale Sensibilität Handeln

Krohne (1974) stellte eine Liste von beobachteten Unterschieden zwischen Repressern und Sensitizern auf, die seiner Meinung nach zur Validierung des Repression-Sensitization-Konstrukts geeignet sind. Tabelle 2 gibt diese Differenzen wieder.

Unterschiede zwischen Repressern und Sensitizern in verschiedenen Tests und Variablen (aus Amelang & Bartussek, 1981, S. 319)

Sensitizer zeigen höhere Werte in folgenden Variablen:

Subjektive Ungewißheit bei komplexen Entscheidungen Differenziertheit von Fremdbeurteilungen

Differenziertheit der Selbstbeurteilung Ängstlichkeitswerte

Emotionale Labilität

Leistungsminderung durch Angst Zugeben von Fehlern

Dominanz

Schilderung der eigenen Person als mißmutig, selbstunsicher, reizbar, gehemmt Selbstkritik

Represser zeigen höhere Werte in folgenden Variablen:

Positive Valenz der Selbstbeurteilung

Beurteilungskonformität mit einer Bezugsgruppe

Tendenz zum Reagieren im Sinne der sozialen Erwünschtheit Ableugnen eigener Schwächen

Schilderung der eigenen Person als kontaktfreudig, gut gelaunt, ruhig, selbstbewußt, aktiv und frei von körperlichen Beschwerden

Leistungsförderung durch Angst

In neueren Untersuchungen werden häufig verkürzte Fassungen der Skalen von Byrne und Krohne wie die von Handal (1973) und Epstein & Fenz (1967) verwendet (vgl. Cook, 1985; Thorton, 1992). Debono & Snyder (1992) klassifizierten Represser und Sensitizer in einer Studie zur Erfassung von Unterschieden bezüglich Persuasion mit Hilfe von 43 zufällig ausgewählten Items aus der Skala von Byrne (1963).

Untersuchungen zu physiologischen Erregungsprozessen ergaben, daß Represser gegen den Erwartungen mehr physiologische Reagibilität zeigen als Sensitizer (Hare, 1966), obwohl ihre subjektiv empfundene Angst geringer ist (Scarpetti, 1973).

Aufgrund dieser Befundlage und infolge der Kritik, daß Repression-Sensitization-Konstrukt könne erschöpfend mit den Konstrukten zur Ängstlichkeit und zum Neurotizismus erklärt werden (vgl. Amelang & Bartussek, 1981), haben Weinberger et. al. (1979) und Krohne & Rogner (1985) für den deutschsprachigen Raum versucht, Repression-Sensitization als zweidimensionales Konstrukt zu differenzieren.

In der einfachsten Fassung wird die eine Dimension durch die Trait-Angst und die andere durch die Defensivität im Sinne der Sozialen Erwünschtheit konstituiert (Krohne & Rogner 1985). Die Messung der Dimensionen erfolgt über der State-Trait-Angstinventar STAI (Laux et.al., 1981) und dem SDS- Fragebogen nach Crowne & Marlowe (dt. Lück & Timaeus, 1968). Personen mit niedriger Trait-Angst und niedrigen Werten in der Defensivität werden als Nicht-Defensive bezeichnet. Represser dagegen weisen niedrige Ängstlichkeitswerte bei hohen Verleugnungswerten auf. Die Konfiguration von hoher Ängstlichkeit und niedriger Defensivität bezeichnen Krohne & Rogner (1985) als Sensitizer. Die vierte Gruppe, mit hohen Ängstlichkeits- und hohen Defensivitätswerten, charakterisieren sie als hochängstliche Personen mit einem dysfunktionalen bzw. inkonsistenten Angsbewältigungsmuster (vgl. Abb.: 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das zweidimensionale Konzept von Repression-Sensitization nach Krohne (1986)

Diese Einteilung erlaubt nach Krohne die Ableitung konkreter Bewältigungsverhaltensweisen, wenn Personen (mit entsprechend deutlicher Merkmalsausprägung) mit bedrohlichen Situationen konfrontiert sind. Von Sensitizern wird erwartet, daß sie, verglichen mit den anderen Gruppen, Informations- und Verhaltenskontrolle auszuüben versuchen. Represser müßten sich gedanklich und instrumentell weniger mit dem Stressor beschäftigen und sollten Informationen darüber aus dem Weg gehen (Krohne 1986).

Mit den Angstbewältigungstypen werden verschiedene globale Annahmen verbunden. Nicht- Defensive sollten in unterschiedlichen Situationen entsprechende Verhaltensvariation zeigen und deshalb höchste Bewältigungseffektivität erreichen. Sensitizer und Represser als die beiden rigiden Gruppen sollten nur dann erfolgreich sein, wenn ihr inflexibler Bewältigungsmodus zufällig zu den Situationsmerkmalen paßt (z.B. Represser vor einer Operation). Personen mit instabilem Modus, die Hochängstlichen, sollten bevorzugt emotionsregulierend handeln und am wenigsten effektiv sein.

Seit 1985 liegt eine Skala zur Erfassung von repressiven und sensitven Coping-Strategien bei Kindern vor. Bei der Repression-Sensitization-Traitskala für Kinder (RST-K, Krohne et al. 1985) handelt es sich um eine Skala, die anders als herkömmliche R-S-Skalen nicht globale Einstellungen und Reaktionstendenzen erfaßt, sondern auf konkrete bedrohliche Situationen Bezug nimmt. Sie beschreibt acht unterschiedliche, angstauslösende Situationen (vier selbstwertbedrohliche; vier physische Bedrohungen) und jeweils zwei Klassen von Bewältigungsreaktionen (sensitive und repressive).

In ähnlicher Weise ging Miller bei der Erstellung der ¯ Miller Behavioral Style Scale® (MBSS, Miller, 1980) vor. Er beschreibt mit den Begriffen "Monitoring" und "Blunting" zwei diametrale Dimensionen der Informationsverarbeitung in Belastungssituationen.

Monitoring ist die Tendenz, sich Informationen über die Belastungssituation zu verschaffen und zu nutzen. Blunting bezeichnet die Fähigkeit, sich von gefahrenrelevaten Reizen kognitiv abzulenken. Monitoring ist also ähnlich definiert wie Sensitization, Blunting ähnlich wie Repression.

Die MBS-Skala gibt vier belastende Situationen vor, von denen drei als physisch bedrohlich und eine als selbstwertbedrohlich anzusehen sind. Die Probanden sollen anhand von acht Aussagen über mögliche Verhaltensweisen, die informationssuchender respektive ablenkender Natur sind, angeben, ob dieses Verhalten auf sie zutrifft oder nicht.

Monitoring und Blunting sind unabhängig von demograhischen Merkmalen wie Geschlecht, Rasse, Alter und Bildungsniveau. Ebenso gibt es keine Zusammenhänge mit Depression, Ängstlichkeit und der Repression-Sensitization-Skala von Byrne (Miller, 1987). Der Versuch einer Übertragung in eine deutsche Fassung wurde von Schuhmacher (1990) unternommen.

4. Befunde

Es hat in der Vergangenheit eine Reihe von Untersuchungen zu verschiedenen Verhaltensbereichen im Zusammenhang mit Coping-Strategien gegeben. Einige Befunde sollen hier beschrieben werden.

Wie schon unter Punkt 3 (s.o. S.4) erwähnt, unterscheiden sich Represser und Sensitizer in ihrer physiologischen Reagibilität auf bedrohliche Reize. Da Represser höhere physiologische Reaktionen auf Streßreize aufweisen, läßt sich die Frage stellen, ob nicht die Wahrnehmung der eigenen Erregung das perceptual-defence-Phänomen determiniert. White & Wilkins (1973) konnten zeigen, daß Represser bei neutralen Wörtern höhere Erkennungszeiten hatten, wenn diese Wörter mit fingierten erhöhten physiologischen Erregungsrückmeldungen gekoppelt waren. Sensitizer wiesen für diese Wörter eine Reduktion der Erkennungszeit auf.

4.1. Reaktionen auf sexuelle Reize

Unterschiede in der Reaktionsweise auf sexuelle Reize zwischen Repressern und Sensitizern konnten Galbraith & Liebermann (1972) feststellen. In ihrer Untersuchung assoziierten Sensitizer überzufällig häufiger sexuelle Inhalte im Vergleich zu Repressern, wenn ihnen Wörter dargeboten wurden, die eine mehrdeutige Interpretation (neutral oder sexuell) zuließen.

Obwohl in einem Experiment von Byrne & Sheffield (1965) Represser und Sensitizer nach dem Lesen von erotischen Textpassagen gleichermaßen erregt waren, brachten Represser ihre Erregung mit Abscheu, Sensitizer dagegen mit positiven Gefühlen in Verbindung.

Byrne & Lamberth (1971) fanden heraus, daß der Zusammenhang zwischen dem Repression- Sensitization-Konstrukt und den Reaktionen auf sexuelle Reize bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern (vgl. Amelang & Bartussek, 1981)

Bei der visuellen Darbietung sexueller Reize konnte ebenfalls ein Unterschied in den Verhaltensweisen von Repressern und Sensitizern festgestellt werden (Halperin, 1986). Sensitizer richten ihren Blick länger auf Dias mit sexuellem Inhalt als Represser.

4.2. Aufmerksamkeit gegenüber eigenen Krankheiten

Sensitizer verbalisieren häufiger Unwohlsein und Krankheit, suchen häufiger einen Arzt auf und nehmen mehr Medikamente ein im Vergleich zu Repressern (Byrne, Steinberg, Schwartz, 1968). Generell scheinen Sensitizer eher für psychosomatische Krankheiten anfällig zu sein, während Represser eher an organischen Krankheiten wie Krebs und Herzerkrankungen leiden (Schwartz, Krupp & Byrne, 1971). Liegt bereits eine Erkrankung vor, so weisen Represser bei einigen Krankheiten (z.B. Asthma) eine höhere Sterblichkeitsrate auf als gleichermaßen erkrankte Sensitizer.

Die vermittelnden Mechanismen für die Unterschiede zwischen Sensitizern und Repressern bestehen vermutlich darin, daß Represser die ersten Anzeichen einer Krankheit stärker verleugnen und sich daher auch weniger schnell in ärztliche Behandlung begeben. Wenn deutliche Symptome eine Verleugnung unmöglich machen, reagieren Represser stärker als Sensitizer. Zudem mag die Unterdrückung von Gefühlen in chronifizierter Form auch zur Entstehung von Krankheiten beitragen.

4.3. Beziehungen zwischen Erziehungsstilen und dem R-S-Konstrukt

In der Forschung zur Angstbewältigung gibt es nur wenig Arbeiten, die sich mit den Entwicklungsbedingungen vergleichsweise stabiler interindividueller Unterschiede im CopingVerhalten befassen.

Neben den Untersuchungen von Byrne (1964b) und Weinstock (1967), die nahelegen, daß Represser in einem freundlichen, entspannten und ausgeglichenen Familienklima aufgewachsen sind, Sensitizer dagegen ihre Familien eher als unterdrückend, belastend und distanziert erfuhren, sind insbesondere die Arbeiten von Krohne (1985b) und Mitarbeitern (Krohne, Wiegand, Kiehl, 1985) zu nennen.

Krohne et al. (1985) entwickelten ein Zweiprozeß-Modell, daß zu Vorhersagen von Angstbewältigungsdispositionen aufgrund der Erziehungsstildimensionen

- Häufigkeiten positiver und negativer Rückmeldung (Lob und Tadel),
- Konsistenz der Rückmeldung,
- Intensität von Bestrafung, sowie
- elterliche Unterstützung und Einschränkung

in der Lage sein soll. Operationalisiert werden diese Dimensionen durch das Erziehungsstil Inventar (ESI, Krohne et al. 1985). Vier verschiedene Angstbewältigungsstrategien werden über spezifische Konfigurationen der Subtests des Angstfragebogens für Schüler (AFS, Wieczerkowski, Nickel, Janowiski, Fittau & Rauer, 1973), respektive durch die Repression-Sensitization-Traitskala für Kinder (RST-K, s. Kap. 3) bestimmt, (Krohne, 1985). Die postulierten Zusammenhänge zwischen den Ausprägungen bestimmter Merkmale elterlichen Erziehungsverhalten und spezifischen Angstbewältigungsformen sind in Abbildung 2 wiedergegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.:2 Postulierten Zusammenhänge zwischen den Ausprägungen bestimmter Merkmale elterlichen Erziehungsverhalten und spezifischen Angstbewältigungsformen (aus Rogner, Krohne, Johann to Settel, 1982)

Die Studien erbrachten nur teilweise erwartungsentsprechende Ergebnisse. Es konnte bestätigt werden, daß die Ausbildung vigilanter Informationsverarbeitung eng mit den Erziehungsstilmustern "häufiger und inkonsistender Tadel" und "wenig Unterstützung" verbunden ist. Represser berichteten von einer positiven Familienerziehung, was als ein Indiz für die generelle Tendenz vermeidender Angstbewältiger interpretiert werden kann, unangenehme oder bedrohungsbezogene Sachverhalte zu verleugnen (vgl. Krohne, Kohlmann, Schuhmacher, 1988 und Rogner et al. 1982).

4.4. Lernen und Gedächtnis

Es liegt die Vermutung nahe, daß Represser aufgrund ihrer Tendenz, bedrohliche Reize zu nihilieren, schlechtere Erinnerungsleistungen bezüglich bedrohlicher Informationen zeigen als Sensitizer. Luborsky (1965) konnte diese Annahme mit Hilfe projektiver Testverfahren bestätigen. Er ließ Probanden (voher dargebotene) Bilder mit sexuellem Inhalt erinnern. Sensitizer konnten überzufällig mehr Bilder reproduzieren als Represser. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Markowitz (1969), der neutrale Wörter, entweder mit negativen oder positiven Wörtern gleichzeitig darbot. Zwei Gruppe von Vpn erhielten eine neutrale respektive bedrohliche Instruktion. Verglichen mit der neutralen Bedingung konnten sich Represser unter der bedrohlichen Bedingung an weniger Wortpaare erinnern.

Unterschiede im Erinnern von länger zurückliegenden Ereignissen untersuchten Davis & Schwartz (1987). In ihrer Untersuchung baten sie 30 männliche Studenten, sich möglichst an alle Situationen in ihrem Leben zu erinnern, die sie mit Freude, Verwunderung, Glück, Ärger, Furcht oder Trauer assoziieren. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Differenz zwischen Sensitizern und Repressern. Allerdings ist anzumerken, daß Represser unabhängig von der emotionalen Gemütslage generell weniger Situationen erinnern als Sensitizer.

4.5. Weitere Befunde

Varca & Levy (1984) gingen der Frage nach, wie sich der Attributionsstil von Repressern und Sensitizern bei negativem feed back nach einer Teamarbeit unterscheidet. Ihre Untersuchung erbrachte folgende Ergebnisse: Personen, die vigilante Angstbewältigungsstrategien präferieren, attribuieren internal, wenn sie eine persönliche negative Rückmeldung erfahren, aber external sobald sich der Tadel auf die Gruppe bezieht. Represser reagieren reziprok auf die genannten Bedingungen. Die Autoren interpretieren die hypothesenkonformen Befunde in der Weise, als sie annehmen, daß ein Gruppen-feed-back mehrdeutige Interpretationen zuläßt, während ein persönlicher Tadel eindeutiger und damit weniger bedrohlich ist.

Was führt zu Einstellungsänderungen? Die Schlagkraft von Argumenten, oder die persönlichen Merkmale des Rezipienten? Das sind Fragen die im Hinblick auf Einstellungsänderung und Persuasion in der Sozialpsychologie von Interesse sind. Geht man davon aus, daß persönlich relevante Diskussionsthemen bedrohliche Elemente besitzen, so müßten Sensitizer per Definition mehr Information suchen als Represser. Mit anderen Worten, Sensitizer werden eher durch die Argumentstärke persuiert, Represser hingegen mehr durch die Persönlichkeit des Rezipienten. Debono & Snyder (1992) konnten in ihrem Experiment diese Hypothesen bestätigen. Sie fanden heraus, daß Represser, unabhängig von der Argumentstärke, durch die Quelle dieser Argumente (Experte vs. Laie) beeinflußt werden. Für Sensitizer ist die Stärke der Argumente eher ausschlaggebend für eine Einstellungsänderung.

5. Probleme der Validierung des Repression-Sensitization-Konstrukts

5.1. Meßverfahren

Bei der Durchsicht der Literatur zur Repression-Sensitization-Forschung wird deutlich, daß die Mehrzahl der Untersuchungen nicht oder schwer vergleichbar sind, da zur Einteilung in die Gruppe der Sensitizer bzw. Represser nicht nur unterschiedliche Meßverfahren verwendet, sondern auch unterschiedliche "cut-off-scores" benutzt werden. Da die Punktwerte der Angstskalen kontinuierlich variieren, ergibt sich aus der Willkürlichkeit der Festsetzung eines Grenzwertes zwischen den verschiedenen Abwehrtendenzen ein methodisches Problem.

Byrne (1963) legte den Schnitt bei 27% der Personen mit hohen Punktwert auf einer Repression- Sensitization-Skala und bei 27% mit niedrigem Punktwert. Andere benutzen "cut-off-scores" von 30%, 33% oder 40%.

Es gibt auch Untersuchungen, in denen der Median als "cut-off-score" verwendet wird und somit keine mittlere Gruppe besteht.

Von Chabot (1973) wird eine Einteilung in Quartile vorgeschlagen und ein einheitliches Meßinstrument, um eine Vergleichbarkeit der Gruppen in verschiedenen Untersuchungen zu gewährleisten.

5.2. Stichprobe

Eine Analyse der Zusammensetzung von Stichproben der amerikanischen Beiträge zur RepressionSensitization-Forschung ergab, daß 84% dieser Untersuchungen auf studentischen Versuchspersonen beruhen, wobei die Hälfte der Probanden durch Psychologiestudenten im ersten Semester gestellt wurden. Zusätzlich berücksichtigten nur die Hälfte der durchgeführten Studien eine ausgewogene Geschlechtsverteilung. 31% der Ergebnisse beruhen allein auf männliche, 11% allein auf weibliche Versuchspersonen (vgl. Chabot, 1973).

Ebenso wurde auch die Frage der freiwilligen oder unfreiwilligen Teilnahme als weitere wichtige Variable (Rosenthal & Rosnow, 11969) weitgehend vernachlässigt. So zeigten Untersuchungen von Becker (1967) sowie Baker & King (1970), daß Studentenkollektive verschiedener Städte sich in ihren Werten auf der Repression-Sensitization-Skala von Byrne (1963) stark von seiner Normstichprobe unterschieden.

In einer breit angelegten Untersuchung wies Schwartz (1972) einen Zusammenhang zwischen der spezifischen Form der Angstabwehr mit dem Lebensalter und dem Geschlecht nach. Geschlechtsunterschiede im Angstabwehrverhalten fanden auch Lomont (1966), Byrne, Steiberg, Schwartz (1968) und Thelen (1969)

5.3. Experimentelle Auslösung von Angst

Die Untersuchung von Emotionen erfolgt experimentalpsychologisch durch die systematische Variation bestimmter Bedingungen, von denen man annimmt, daß sie bestimmte Emotionen auslösen. Die begriffliche Trennung der auslösenden Bedingungen und der erfolgenden Reaktionen ist dabei problematisch, eine qualitative Bestimmung der Emotionen ist meist ebensowenig möglich wie eine exakte Angabe der Intensität dieser Emotionen (vgl. Krohne 1975).

In der Mehrzahl der Untersuchungen, in denen der Versuch unternommen wird, experimentelle Angst auszulösen, handelt es sich allein um Leistungsangst.

Es wird angenommen, daß das Ausmaß an psychologischem Streß mit der Bedeutung steigt, die diese Situation durch die Bewertung der betreffenden Person erfährt. Dabei zeigt sich, daß situative Aspekte und Persönlichkeitsdispositionen die Reaktionen auf die Angstauslösung stark beeinflussen.

5.4. Methodologische Probleme

Eysenck, (1989) kritisiert, daß in den meisten Untersuchungen, insbesondere in "perceptual-defence- Untersuchungen", nicht alle Wahrnehmungprozesse angesprochen werden. Die Darbietungszeit der Stimuli sei zu kurz um kognitive Prozesse zu aktivieren, die unterschiedliches Verabeitungsverhalten erst hervorbringen.

Einen weiteren Schwachpunkt sieht Eysenck darin, daß häufig nur ein bedrohlicher Reiz allein verwendet wird. Er nimmt an, Sensitizer und Represser werden erst dann unterschiedlich reagieren, wenn ein neutraler und ein bedrohlicher Reiz gleichzeitig, konkurrierend dargeboten werden.

6. Zusammenfassung

Obwohl das Repression-Sensitization-Konstrukt seit seiner Entstehung immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt ist, wird bis heute in vielen Bereichen der Psychologie der Versuch unternommen, es als differentialdiagnostisches Instrument zu etablieren. In der Vergangenheit sind ganze Reihen von Validierungsstudien durchgeführt worden, ohne jedoch befriedigende Ergebnisse zu liefern. Gründe hierfür werden zum einen in der Verwendung unterschiedlicher Skalen und cut-off-scores, zum anderen wegen methodologischer Schwächen der Untersuchungen vermutet. Das Repression- Sensitization-Konstrukt hat einiges zur Beschreibung unterschiedlicher Coping-Strategien in bedrohlichen Situationen beigetragen, und den Anstoß zu anderen Ansätzen auf diesem Gebiet geliefert.

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11 von 11 Seiten

Details

Titel
Das Repression-Sensitization-Konstrukt
Autor
Jahr
1995
Seiten
11
Katalognummer
V95939
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Repression-Sensitization-Konstrukt
Arbeit zitieren
Klaus Lorenzen (Autor), 1995, Das Repression-Sensitization-Konstrukt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95939

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