Der Synkretismus im Rom der Kaiserzeit. Das Beispiel des Gotts "Sol"


Hausarbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Interpretatio Romana

2. Der Mithras-Kult
2.1 Die Ursprünge des römischen Mithras-Kultes
2.2 Zeitliche und räumliche Verbreitung
2.3 Die Anhänger
2.5 Theologie und mythische Episoden des Mithras-Kultes
2.5.1 Die Geburt aus dem Fels
2.5.2 Das Wasserwunder
2.5.3 Mithras &Sol
2.5.4 Die Stierjagd
2.5.5 DasStieropfer

3. Mithras und Sol
3.1 Sol - Die unbesiegte Sonne
3.2 Öffentliche Anerkennung auf Umwegen
3.3 Darstellungen von Sol und Mithras im Mithras-Kult
3.3.1 Unterwerfung des Sol
3.3.2 Freundschaftsvertrag und Kultmahl
3.3.3 Die Fahrt mit dem Sonnenwagen

4. Fazit

5. Literatur & Quellen

Einleitung

Die moderne, globalisierte Welt erscheint uns, weltumspannender Kommunikation in Echtzeit zum Trotz, als geprägt von religiösen und ethnischen Konflikten. Das antike Imperium Romanum umfasste einen Großteil der, den Europäern damals bekannten Welt. Es reichte zeitweilig vom Norden Großbritanniens bis weit in den Nahen Osten, vom Balkan bis nach Nordafrika. Wenn wir uns auf das anachronistische Gedankenspiel einlassen, dieses „Weltreich“ als eine antike Erscheinungsform der Globalisierung zu betrachten, drängen sich viele Fragen auf: Wie lässt sich die relative Stabilität dieses multiethnischen Staatengebildes erklären? Wie ließen sich sprachliche und kulturelle Barrieren überbrücken? Boten nicht die unterschiedlichen Religionen der zahllosen Ethnien allein schon genug Sprengstoff um das Römische Reich zur Implosion zu bringen? Die Stabilität lässt sich nicht allein auf eine militärische, technische oder gar kulturelle Dominanz der römischen Gesellschaft zurückführen. Vielmehr war diese Gesellschaft geprägt von einer beeindruckenden Integrationskraft. Ein Bewohner der britannischen Inseln oder der nordafrikanischen Provinzen konnte sich ebenso als römischer Bürger fühlen wie ein in der Einwohner der Hauptstadt Rom. Dass diese Identifikation mit Rom außerhalb der italischen Kemlande überhaupt möglich war, lag zum Teil begründet in einer Politik der Abgrenzung gegenüber den „Barbaren“ außerhalb der römischen Grenzen und in der Sicherheit, die die Schutzmacht innerhalb dieser Grenzen bot. Eine effektive Wirtschaftsordnung, die relativen Wohlstand ermöglichte, machte den römischen Lebensstil darüber hinaus für viele attraktiv. Mindestens ebenso wichtig warjedoch die Fähigkeit der römischen Gesellschaft fremde Ethnien und Kulturen unter dem Dach der antiken Reichsidee zu vereinen und deren potenzielle Andersartigkeit nicht nur zu tolerieren, sondern sich den fremden Kulturen zuweilen interessiert zuzuwenden. „So waren besonders die römischen Städte ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Völker.“1 Mit dem kulturellen Austausch ging zwangsläufig auch eine Berührung der unterschiedlichen Religionen und Kulte einher. Zuweilen mag die dogmatische Praxis der monotheistischen Weltreligionen uns den Blick auf die Tatsache verstellen, dass auch Religionen als kulturelle Systeme einem steten historischen Wandel unterliegen. „Sie dienen als Vorbild für andere und nehmen selbst von anderen etwas auf, beeinflussen sich gegenseitig und verbinden sich zu neuen Formen.“ 2

Die im Imperium Romanum geübte religiöse Toleranz erlaubte einen sehr individuellen Zugang zum Glauben und es war durchaus nicht unüblich sogar hohe religiöse Ämter in verschiedenen Kulten zu bekleiden, wie viele erhaltene Inschriften beweisen.3 So kam es teilweise zu einer Verschmelzung der Religionen und Kulte, einzelne Elemente „fremder“ Kulte wurden übernommen und Götter- und Sagengestalten in das eigene religiöse System integriert oder diese mit bekannten Figuren des römisch-hellenischen Pantheons gleichgesetzt. Am Beispiel des römischen Mithras-Kult lässt sich diese synkretistische Praxis hervorragend veranschaulichen.

Ziel dieser Arbeit soll es sein am Beispiel dieses Kultes den Synkretismus der Kaiserzeit näher zu beleuchten. Neben einer Darstellung der für dieses Thema relevanten Aspekte der bisweilen kontroversen Mithras-Forschung wird dabei ein besonderes Augenmerk dem eigentümlichen Verhältnis der, ebenfalls in einem, zeitweilig zur Staatsreligion avancierten, Kult verehrten, Sonnengottheit Sol und der namensgebenden zentralen Figur des römischen Mithras-Kultes gewidmet werden.

1. Interpretatio Romana

Wie aber erklärt sich diese religiöse Toleranz innerhalb der römischen Gesellschaft? Warum war den Römern nicht an einer „Missionierung“ der unterworfenen Ethnien gelegen? Das moderne Verständnis von Religion ist stark geprägt von der langen Tradition der großen Buchreligionen. Die Fixierung dieser Religionen auf eine „Heilige Schrift“ begünstigt eine Theologie, in der Autoritäten mit Berufung auf eine „göttliche Offenbarung“ normative Lehraussagen treffen, die für die Gläubigen verbindlich sind, wenn sie Teil der Religionsgemeinschaft sein wollen. Dieser Dogmatismus war der römischen Gesellschaft zunächst grundsätzlich fremd. „Der Einzelne war ganz individuell auf der Suche nach einer Sinngebung für sein Leben.“ 4 Dabei stand es ihm frei sich auch an nicht genuin römisch/hellenistischen Religionen und Kulten zu orientieren.

Unerlässlich für das Verständnis dieser antiken religiösen Vorstellungswelt und „entscheidend für die prinzipielle Toleranz gegenüber anderen Kulten“5 (im römischen Reich) ist die Praxis der sog. Interpretatio Romana. Dieser Terminus beschreibt die römische Gepflogenheit fremde, bspw. keltische oder germanische Götternamen, durch Namen der Figuren des altbekannten römischen Pantheon zu „übersetzen“. Der Begriff geht zurück auf Tacitus (ca. 55 - 120 n. Chr.), der in seinem Werk <Germania> die Alken oder Alcis, ein Brüderpaar aus der Germanischen Mythologie, in einem Schritt der Interpretatio Romana mit den Dioskuren Castor und Pollux gleichsetzte. Die Wesensähnlichkeit der Brüderpaare schien dieses Vorgehen zu rechtfertigen und ermöglichte Tacitus Publikum einen leichteren Zugang zu einer zunächst fremden Vorstellungswelt.6 So wurde der Eindruck erweckt und bestärkt, man fände letztendlich „überall dieselben Gottheiten vor, allerdings benannt in verschiedenen Sprachen“ 7. Auf diese Weise konnten fremde oder lokale Gottheiten (oder auch ganze mythische Episoden) durch die Identifikation mit römischen Gottheiten der eigenen Religion, deren Glaubensinhalte nicht kanonisch fixiert waren, einverleibt werden. Geläufig ist uns die Methode der Interpretatio Romana durch die allmähliche Angleichung und schließlich beinahe Gleichsetzung des römischen mit dem hellenistischen Götterhimmels, wobei Götter mit ähnlichen Attributen oder Zuständigkeiten wechselseitig noch stärker aneinander angepasst und endlich vollkommen gleichgesetzt wurden, wie etwa der griechische Zeus mit dem römischen Jupiter, Poseidon mit Neptun, Ares mit Mars usw.. Diese Praxis aneignender Integration machte jede Form der „Missionierung“ (der Begriff ist in diesem Zusammenhang anachronistisch) der unterworfenen Kulturen überflüssig. Das Verständnis dieser Vorgehensweise liefert somit einen Baustein um zu erklären wie es über lange Zeit zu einem weitgehenden Religionsfrieden im römischen Reich kommen konnte.

Die, auch als Synkretismus bezeichnete, Vermischung und Verschmelzung von Religionen ist kein typisch römisches Phänomen. Sie lässt sich überall da nachweisen wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen und Ideen und Vorstellungen sich durchdringen. In diesem Sinne sind alle Religionen, in ihrer frühen Zeit nicht zuletzt die christliche, bis zu einem gewissen Grad synkretistisch. 8

Die besonderen Voraussetzungen des Imperium Romanum begünstigten, das ist ein grundsätzlich neues Phänomen der Kaiserzeit, die Ausbreitung von überregionalen, nicht mehr an bestimmte Ethnien gebundenen Kulten, den sogenannten Mysterienkulten. Die, im Vergleich zu den dogmatischen Schriftreligionen, grundsätzliche Offenheit des religiösen Systems der römischen Gesellschaft machte es den römischen Bürgern relativ leicht sich neuen Kulten oder religiösen Ideen zuzuwenden. Sie waren möglicherweise in ihre Vorstellungswelt integrierbar und, zumindest in der Praxis, mit keinem Exklusivitätsanspruch verbunden. Eine konsequente Abkehr von gewohnten religiösen Vorstellungen war also nicht zwingend notwendig. Auch Repressionen waren in der Regel nicht zu fürchten. Im nächsten Abschnitt wird eine solche Mysterienreligion, der Mithras-Kult, in einigen Grundzügen vorgestellt.

2. Der Mithras-Kult

Bei dem römischen Mithras-Kult handelt es sich um einen sogenannten Mysterienkult der sich im 2. Jahrhundert n. Chr. im ganzen römischen Reich ausbreitete. Auch Zeitgenossen beschrieben mit dem Begriff „Mysterien“ schon „jene Geheimkulte deren Wirksamkeit vom 7. vorchristlichen bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert reichte.“9 Die besondere Beschaffenheit des römischen Weltreiches muss, wie oben erläutert, als grundsätzliche Voraussetzung für die Entstehung und den Erfolg dieser Religionen neuen Typs gesehen werden. Neben der religiösen Toleranz ist der Faktor relativ hoher merkantiler und militärischer Mobilität im Kaiserreich Teil dieser Voraussetzung. Im Gegensatz zu den „alten“ Religionen wurde man in die neuen Kulte in aller Regel nicht hineingeboren. Sie waren nicht verknüpft mit einzelnen bestimmten Ethnien oder Kulturgemeinschaften, auch wenn sie möglicherweise aus solchen hervorgingen. Der römische Staat wird von Ihnen als Ordnungsprinzip anerkannt.10 „Wer die Vorraussetzungen zur Aufnahme erfüllte und sich anschließen wollte war willkommen, gleichgültig aus welchem Land er stammte; er fand in dem neuen Kult eine geistige Heimat.“11

Wie der Forschungsbegriff Mysterienkult bereits nahelegt, zeichneten sich diese Kulte besonders dadurch aus, dass seine Anhänger, oder „Mysten“ über die religiösen Inhalte und die kultische Praxis Stillschweigen vereinbarten. So wurde, in Abgrenzung zum allgemeinen, öffentlichen Religionsvollzug, die Trennung zwischen Eingeweihten und Nichteingeweihten betont. Damit verbunden war bei allen Mysterienkulten ein Heils­und Erlösungsversprechen, wie etwa im Christentum, für dessen frühe Phase eine starke Ähnlichkeit zu den überregionalen Mysterienkulten konstatiert werden kann. Weitere Parallelen sind unübersehbar, so das die Mysterien mit ihrer, wenn nicht mono- so doch henotheistischen Tendenz von vielen Forschern als Vorläufer, Wegbereiter oder Konkurrenten des Christentums beschrieben wurden. Am Anfang stand für jeden Adepten der Mysterien ein Initiationsritus, der geheim, und somit schon ein Teil der Mysterien selbst war. Der Nimbus des geheimnisvollen mag zum Teil ursächlich sein für die Faszinations- und Anziehungskraft der Mysterienkulte, die, das legen die zahlreichen Versuche von Wissenschaftlern diese Mysterien zu „entschlüsseln“ Nahe, bis in die Gegenwart hineinreicht.12

Schriftliche Quellen geben nur wenig Aufschluss über die religiösen Inhalte des Mithras-Kultes. Die wenigen zeitgenössische Quellen, die über ihn berichten, stammen zu einem großen Teil von (häufig christlichen) Autoren, die dem Kult ablehnend gegenüberstanden und sind so bisweilen von polemischer oder verleumderischer Natur.13 Die Theologie des Mithras-Kultes lässt sich anhand dieser wenigen Zeugnisse nicht fundiert rekonstruieren. Erhalten geblieben sindjedoch relativ viele Überreste der Mithras-Heiligtümer und Ihres Inventars. „Der Kult ist an über 420 Orten nachgewiesen.“14 Die erhaltenen inschriftlichen Zeugnisse und Reliefs erlauben eine vorsichtige Annäherung an religiösen Inhalte und den Ritus der Mysteriengemeinschaft des Mithras.

2.1 Die Ursprünge des römischen Mithras-Kultes

Die Ursprünge des römischen Mithras-Kultes liegen weitestgehend im Dunkeln. Vereinfacht gesagt stehen sich zwei Theorien über die Entstehung des Mysterienkultes unversöhnlich gegenüber: Während die eine Theorie von einer großen Kontinuität einer, ursprünglich in Persien beheimateten Mithras-Religion ausgeht, möchte die andere besonders „das Schöpferische der einmaligen Leistung und den Eigenwert dieses Mysterienkultes vor dem Hintergrund einer bestimmten historischen, spezifisch römischen Situation“15 betonen.

Das moderne Bild vom Mithras-Kult war lange geprägt durch den belgischen Gelehrten Franz Cumont, der besonders durch sein sein zweibändigem Werk <Textes et monuments figurés relatifs aux mysterères de Mithra> (1896-1899) das historische Narrativ vorgab.16 Cumont ging davon aus, dass die Wurzeln des römischen Mithras- Kultes im antiken Persien, vornehmlich dem heutigen Iran zu suchen seien. Dieser Theorie folgte auch der niederländische Religionshistoriker Marten Jozef Vermaseren, dessen zwischen 1956 und I960 publizierter Corpus aller bekannten Denkmäler des Mithras-Kultes heute nach wie vor ein Standartwerk der Forschung zu diesem Thema darstellt. „Unter höchst ungewöhnlichen Umständen fasste der Gott aus dem Iran schließlich in Europa Fuß“, heißt es in der deutschen Fassung seiner Gesamtdarstellung <Mithras. Geschichte eines Kultes>, und weiter: „Dem Historiker Plutarch zufolge ( 1. Jahrhundert n. Chr.) lernten die Römer Mithras zuerst durch die Seeräuber aus Kilikien, einer kleinasiatischen Provinz, kennen.“ 17 Sowohl Cumont als auch Vermaseren insistierten also auf der Meinung, dass die im persischen Kulturraum entstandene Mithras-Religion irgendwann im 1. oder 2. nachchristlichen Jahrhundert gewissermaßen in das römische Reich importiert wurde. Tatsächlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ein Gott mit Namen „Mitra“ bereits auf einer Tontafel, gefunden in Borghaz-Köy, der Haupstadt des alten Hethiterreiches in der heutigen Türkei, aus dem 14.vorchristlichen Jahrhundert Erwähnung findet.

Verhältnismäßig gut informiert sind wir über einen Gott mit eben diesem Namen, der für das Perserreich des 5. oder 4. vorchristlichen Jahrhunderts belegt ist. Hier findet auch bereits eine Gleichsetzung des Gottes mit der Sonne statt, ähnlich wie im römischen Kult, in dem Mithras auch eindeutig als solare Gottheit gekennzeichnet ist.18 Zunächst Cumont, dann auch Vermaseren und vielen anderen genügten diese Parallelen und Ähnlichkeiten um den römischen Mithras mit der persisch-orientalischen Gottheit zu identifizieren. In der Folge kompensierten sie teilweise die mangelhafte Quellenlage zur Theologie des römischen Mithras-Kultes, indem sie dort vorhandene Wissenslücken mit Erkenntnissen über den persischen Mitra, der durch schriftliche Quellen wie den „großen Mitra-Hymnus“ besser belegt ist, zu füllen wussten. Die jüngere Forschung distanziert sich teilweise von der Annahme, dass die Mithras-Religion gewissermaßen als geschlossenes theologisches Weltbild das römische Reich erreichte und hier neue Anhänger fand. „Vielmehr ist eine direkte Kontinuität von persisch-hellenischen Mitra­Kult zu den römischen Mithras-Mysterien sowohl generell wie in einzelnen Details nicht zu beweisen“ 19, gibt Manfred Clauss in seiner 1990 erschienenen Monografie <Mithras - Kult undMysterien> zu bedenken.

Bereits Roland Merkelbach, der in seiner schlicht <Mithras> betitelten Publikation vor allem Vermaserens umfangreiches Standartwerk zur Mithras-Ikonografie ergänzt und aktualisiert und immerhin zwei große Kapitel „Mithra in der Religion der Perser“ und den ,,Mithrakulte[n] in hellenistischer Zeit“ widmet, kommt in Bezug auf den römischen Kult zu dem Schluss: „Die Mithrasmysterien waren eine neue Religion, die mit der Religion der alten Perser nicht viel mehr gemein hatte als den Namen des Gottes und einige mythische Episoden.“20

Augenfällig ist injedem Fall zweierlei, nämlich erstens, dass die Anzahl der Funde von Denkmälern, die mit dem römischen Mithras-Kult in Verbindung gebracht werden können nahelegen, dass der Kult gerade in Griechenland und in Kleinasien nie den Grad der Verbreitung erreicht hat der für den Rest des römischen Reiches belegt werden kann.21 Dies spricht gegen eine Verbreitung ausgehend vom alten Persien oder den östlichen Provinzen. Zweitens bewegen sich die Bilder der in den Mithräen gefundenen Reliefs ikonografisch im Rahmen römischer Vorbilder.

Die Frage nach dem tatsächlichen Ursprung des Mithras-Kultes bleibt anhand der Quellenlage ungeklärt. Auch die Vermutung, „dass die Mithrasmysterien eine einmalige Schöpfung eines religiösen Genies“22, welches über „gute Kenntnissen der persischen Religion“23 verfügte sind, ist geäußert worden. In Anbetracht der Tatsache, dass in dem Zeitraum in dem wir uns bewegen (1. - 2. Jh. n. Chr.) östliche (oder scheinbar östliche) Mysterien teilweise regelrecht „in Mode“ waren, man denke an den Isis- oder den Kybele-Kult24, ist es mehr als wahrscheinlich, dass persische Mitra oder Mithras Mythen in den grundsätzlich neuen römischen Kult eingeflossen sind oder ihn inspirierten. Durch einen solchen Kunstgriff ließe sich einer „neuen“ Religion, die vermeidlich aus einem Reservoir uralten Wissens schöpft, eine geheimnisvolle, altersweise Aura zueignen. Hier lässt sich die oben beschriebene synkretistische Praxis in Zusammenhang mit dem Mithras-Kult beobachten. Fremde Götter und Mythen werden in ein römisch-hellenistisches religiöses System „übersetzt“. Zunächst externe Kulturelemente werden so greifbar und verständlich. Das Fremde wahrt seine Faszination aber verliert seinen Schrecken. Auf diese Weise verändern sich bestehende Religionen oder entsteht, wie hier, ein neuer Kult, der an gewohnte kulturelle Systeme „andockt“.25

2.2 Zeitliche und räumliche Verbreitung

Die Unklarheiten in Zusammenhang mit der Entstehung des römischen Mithras-Kultes beiseite gestellt, scheint eines festzustehen: „Das religiöse Zentrum des neuen Kultes muß [...] schon sehr bald in der Hauptstadt des Reiches, in Rom selbst, gewesen sein.“26 Manfred Clauss räumt ein, dass die frühesten sicher zu datierenden Zeugnisse (2. Hälfte des 1. Jh.) nicht aus Italien sondern aus einigen nördlichen Provinzen stammen, macht aber gleichzeitig deutlich, das diese Zeugnisse, zumeist Weiheinschriften, jeweils in engem, direkten Zusammenhang mit Personen, die aus Italien stammen stehen. Auch er geht davon aus, dass sich der Kult von Italien, genauer gesagt von Rom und Ostia ausgehend, im ganzen Reich verbreitet haben muss.

[...]


1 Roland Gschlößl: Im Schmelztiegel der Religionen. Göttertausch bei Kelten, Römern und Germanen. Mainz: Zabern 2006, S. 7.

2 Ebd.

3 Vgl. Gschlößl, S. 9.

4 Ebd. S. 8.

5 Vgl. Gschlößl, S. 9.

6 Vgl. Ebd. S. 10.

7 Ebd.

8 Ebd. S. 11.

9 Manfred Clauss: Mithras. Kult und Mysterien. München: Beck 1990, S. 24.

10 Vgl. Reinhold Merkelbach: Mithras. Königstein/Ts.: Hain 1984. S.75.

11 “Ebd. S. 76.

12 Vgl. Ebd. & Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. Götter - Menschen - Rituale. München: Beck 1999, S. 7.

13 Vgl. Clauss (1990), S. 86.

14 Ebd., S. 9.

15 Clauss (1990), S. 17.

16 Vgl. Clauss (1990), S. 7.

17 Marten J. Vermaseren : Mithras. Geschichte eines Kultes. Stuttgart: Kohlhammer 1965. S. 20.

18 Vgl. Clauss (1990), S. 13.

19 Ebd. S. 17.

20 Merkelbach, S.76.

21 Vgl. Clauss (1990), Übersichtskarte der Fundorte, S. 34.

22 M.P. Nilson zitiert nach: Merkelbach, S. 77.

23 Merkelbach, ebd.

24 Vgl. Kloft (1999).

25 Vgl.Gschlößl,S. 11.

26 Merkelbach, S. 77.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Synkretismus im Rom der Kaiserzeit. Das Beispiel des Gotts "Sol"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich Meinecke Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Antike
Note
1.0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V959610
ISBN (eBook)
9783346305916
ISBN (Buch)
9783346305923
Sprache
Deutsch
Schlagworte
synkretismus, kaiserzeit, beispiel, gotts
Arbeit zitieren
Oliver Krüger (Autor), 2015, Der Synkretismus im Rom der Kaiserzeit. Das Beispiel des Gotts "Sol", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/959610

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