Angst und Angstbewältigung


Ausarbeitung, 1999

15 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kognitiv-emotionales Prozeßmodell von Richard S. Lazarus
2.1 Antezedente Bedingungen
2.1.1 Situationsvariablen
2.1.2. Persönlichkeitsvariablen
2.2 Phase I: Primary Appraisal
2.3 Phase II und III: Secondary Appraisal und Coping
2.3.1 Stimuluskonfigurationen
2.3.2 Persönlichkeitsvariablen
2.4 Zusammenhang von Phase I, II und III

3. Fazit

4. Literaturangaben

5. Anhang

1. Einleitung

Kognitionspsychologie ist die Wissenschaft, die sich mit der menschlichen

Informationsverarbeitung befaßt. Es gibt zwei Denkrichtungen mit unterschiedlichen Menschenbildern.

Eine Sichtweise ist motivational ausgerichtet, daß heißt, man geht davon aus, daß bestimmte Kognitionen oder auch deren Konstellationen motivationale Wirkungen haben. Das Individuum wird also motiviert kognitiv oder handelnd zu reagieren. Die zweite Sichtweise befaßt sich ausschließlich mit der Verarbeitung von Informationen. Die Funktionsweise des menschlichen Denkens wird mit der Arbeitsweise eines Computers verglichen - ist rational, überlegend und Informationen sorgfältig abwägend. Der Mensch wird mechanisch gesehen; encodiert Informationen, speichert und ruft diese ab.

Kennzeichen für die Kognitionspsychologie ist die Annahme, daß Verhalten nicht die Reaktion auf eine objektive Situation ist, sondern sich auf die kognitive Repräsentation dieser Situation bezieht.

Als Kognition bezeichnet man die Arten von Informationen, die wir in unserem

Gedächtnis haben, und die Vorgänge, die sich auf die Aufnahme, das Behalten und Verwenden solcher Informationen beziehen.

Zwischen objektiven Gegebenheiten und dem individuellen Verhalten wird durch kognitive Prozesse vermittelt. Man verarbeitet Informationen aktiv und baut sich durch die subjektive Wahrnehmung und Weiterverarbeitung objektiver Stimuli eine individuelle Abbildung der Umwelt auf. Dabei fließen immer vorherige Erfahrungen mit ein. Der neue Stimulus wird in bereits gebildete kognitive Strukturen, d.h. in Kategorien und Schemata, integriert.

Die Funktion kognitiver Strukturen ist die Selektion von Informationen und die

Lösung von Problemen und Entscheidungen, mit dem Ergebnis, daß neue Kognitionen wie Vorstellungen, Empfindungen, Erwartungen, etc. entstehen.

Kognitive Theorien stützen sich auf die Annahme, daß nicht direkt beobachtbare innere Prozesse und Strukturen im Menschen vorhanden sind. Dazu gehören Theorien zur sozialen Urteilsbildung, viele Lern-, alle Wahrnehmungs- und Denktheorien. Prozesse wie Denken, Wahrnehmen, etc. haben z.B. im Behaviorismus keine Bedeutung. Nach der Stimulus-Reaktions-Theorie besteht Lernen aus der Konditionierung durch Verstärkung.

Im Gegensatz dazu beziehen kognitive Theorien innere Prozesse, welche einer direkten Beobachtung nicht zugänglich und nur über verbale Äußerungen und/oder Verhaltensweisen erschlossen werden können, mit ein. Lernen ist also die Einordnung neuer Informationen in bereits gebildete kognitive Strukturen oder das Bilden neuer Strukturen. Zusammenfassend bedeutet das, daß der Mensch Gegenstände der sozialen Umwelt, andere Personen und deren Verhalten reflektiert. Er ordnet seine Erkenntnisse, setzt diese in Beziehung zueinander und bewertet sie. Kognitive Theorien deuten Angst als Folge von Erwartungen und Bewertungen subjektiv wahrgenommener Situationen. Dabei stellt sich die Frage nach dem Verhältnis, in dem Angst und Kognition zueinander stehen.

Folgende drei Hypothesen sind dazu aufgestellt worden:

(a) Auf Emotion folgt Kognition.

Angst wird hiernach als bewertete Wahrnehmung körperlicher und emotionaler Erregung definiert, d.h. Emotionen werden kognitiv als Angst empfunden.

(b) Kognition führt zu Emotion.

Angst entsteht hiernach erst, wenn eine Situation kognitiv als bedrohlich bewertet wurde, d.h. Kognition ist eine Voraussetzung für die Emotion Angst

(c) Kognition und Emotion laufen gleichzeitig ab.

Angst entsteht hiernach nicht nur auf einer Ebene, sondern Emotion und Kognition haben den gleichen Ursprung und sind miteinander verkettet.

Entsprechend der Hypothese (a) haben Schachter und Singer die Arousal- Bewertungstheorie aufgestellt. Arousal ist eine unspezifische physiologische Erregung wie z.B. Herzklopfen, Schwitzen und Zittern. Nach Schachter und Singer hat man das Bedürfnis, solche Erregung zu bewerten und zu interpretieren. Das ist die Aufgabe von Kognition. Praktisch heißt das, daß wir z.B. ein Zittern wahrnehmen, dieses kognitiv filtern und dann die Emotionsqualität Angst oder Freude zu empfinden. Bei dieser Theorie bleibt es allerdings offen, warum es zu einer körperlichen Erregung kommt, bevor man eine Situation kognitiv als bedrohlich eingeschätzt hat.

2. Kognitiv-emotionales Prozeßmodell von Richard S. Lazarus

Lazarus entwickelte seine Theorie zur Angstverarbeitung 1966. Unter Mitwirkung von Averill, Opton, Kanner und Folkman modifizierte er sein Modell im Laufe der Zeit. Das Modell, auf das wir unsere Erläuterungen stützen, ist von 1980.

Wie der Name ,,kognitiv-emotionales Prozeßmodell,, schon schließen läßt, geht Lazarus nicht davon aus, daß verborgene Triebe, Motive und Bedürfnisse des Menschen Ursachen von Emotionen sind - siehe S. Freud und Behavioristen - , sondern die in einer bestimmten Situation ablaufenden Bewertungsvorgänge. Dazu gehören, wie kognitiv schon besagt, Wahrnehmungs-, Denk-, Lern- und Erinnerungsprozesse.

Emotion definiert er als einen ,,komplexen, organisierten Zustand, der aus kognitiven Einschätzungen, Handlungsimpulsen und körperlichen Reaktionen besteht,, (Lazarus u.a. 1980, 198 aus R. Schwarzer). Eine Emotion muß als individueller Prozeß verstanden werden, der auf eine Person-Umwelt-Transaktion bezogen ist, d.h. die Person bewertet die Umwelt subjektiv. Zudem behauptet Lazarus, daß jede emotionale Qualität, z.B. Liebe, Neid etc. und Intensität auf ein bestimmtes Muster kognitiver Aktivität zurückgeht. Diese kann durch die augenblickliche Situation oder auch durch im Laufe des Lebens erworbene Überzeugungen geprägt sein.

Lazarus weist auch ausdrücklich darauf hin, daß nicht nur die Emotion von der Kognition beeinflußt wird, sondern auch andersherum bzw. auch Kognitionen verursachen.

Bsp.: Person A liebt Person B. A wird in diesem Zustand bestimmte

Handlungen von B anders bewerten, als wenn A B nicht lieben würde.

Es können mehrere Emotionen gleichzeitig auftreten, wobei die eine meist von anderen überdeckt oder auf andere Weise beeinflußt wird.

Das Ganze bezeichnet Lazarus als ein Prozeßmodell, da der Ablauf in Phasen erfolgt:

Phase 1 ist die Primary Appraisal,

Phase 2 die Secondary Appraisal,

Phase 3 die Bewältigungsphase - auch Coping genannt.

Lazarus` Emotionstheorie ist aus seiner Beschäftigung mit dem Phänomen Stress hervorgegangen. Er bezeichnet den gesamten Vorgang von der subjektiven Bewertung einer Situation über das anschließende Erlebnis einer Bedrohung bis hin zur Ausführung von bestimmten Reaktionen als Stress, wobei er noch einmal zwischen Stress-Stimuli, z.B. eine Prüfung, und Stress-Reaktionen unterscheidet. Die Situation oder auch Umwelt kann dabei real, vorgestellt oder auch antizipiert sein. Angst ist seiner Meinung nach eine mögliche Reaktion auf Stress-Stimuli. Sie ist eine Begleitemotion und entsteht, wenn eine Situation von einem Individuum als bedrohlich für das Wohlbefinden eingeschätzt wird. Es handelt sich dabei um mehrdeutige Situationen, die das Individuum nicht überblicken kann und somit mit Unsicherheit reagiert.

Laut Lazarus handelt es sich bei Angst um ein Syndrom.

Definition ,,Syndrom,,: Zusammentreffen einzelner, für sich allein uncharakteristischer Symptome zu einem kennzeichnenden Krankheitsbild. (Bertelsmann Universallexikon-Fremdwörter, 1990)

Als Symptome treten auf:

a) Kognitive und Physiologische Reaktionen
b) Körperausdruck
c) Bewältigungsverhalten

Je nachdem wir stark die einzelnen Symptome auftreten, beeinflussen sie in ihrer Gesamtheit die Intensität der erlebten Angst.

Im folgendem möchte ich nun auf die internen und externen Reize sog. Antezedenten Bedingungen eingehen, die für die Bewertung einer Situation bzw. der Umwelt und somit auch für die Qualität der Reaktion ausschlaggebend sind.

2.1 Antezedente (= vorausgehende) Bedingungen

Auslöser des Angstzustandes in der Theorie von Lazarus sind bewertete interne oder externe Reize. Diese Variablen wirken auf die gesamte Appraisalphase ein. Es handelt sich um:

a) Situationsvariablen
b) Persönlichkeitsvariablen

2.1.1 Situationsvariablen (=externe Reize)

Die Situations- oder auch Stimulusvariablen sind bewußte oder unbewußte Umweltfaktoren in einer bestimmten Reizanordnung. Es geschieht eine Objektbewertung.

Bsp.: Man mußkeine Autounfall gehabt haben, um Angst vor dem Autofahren zu haben.

2.1.2 Persönlichkeitsvariablen

Als Persönlichkeits- oder dispositionellen Variablen bezeichnet Lazarus das

kombinierte Ergebnis der biologischen und kulturellen Herkunft einer Person in Verbindung mit seiner individuellen Geschichte. Es sind dies Faktoren wie Persönlichkeitseigenschaften - beispielsweise Angstneigung - , kognitive Stile und persönliche Bewältigungsstrategien. Das Subjekt bewertet sich selbst.

Wie schon erwähnt beeinflussen diese Variablen eine erste Einschätzung (primary appraisal).

2.2 Phase I: Primary Appraisal

Die ablaufenden Bewertungsprozesse werden von ihm ,,appraisal,, genannt. Es kommt dabei zu einer Vermittlung zwischen Person, Umwelt/Situation und emotionaler Reaktion, weswegen sie Mediationsvorgänge genannt werden.

Nach dem Grad des Wohlbefindens gibt es drei Arten der Bewertung beim primary Appraisal:

a) irrelevant, d.h. die Situation hat keine Auswirkung auf das Wohlbefinden einer Person
b) günstig, d.h. das Wohlbefinden wird bewahrt oder gesteigert
c) streßinduzierend

Streßinduzierende Begegnungen können als bedrohlich, schädigend oder herausfordernd angesehen werden.

Unter Schädigung versteht Lazarus eine erlittene physische Verletzung oder

Krankheit; Schädigung des Selbstwertgefühls oder der sozialen Anerkennung; Verlust von geliebten Personen oder Verlust von persönlichen Bindungen.

Eine Bedrohung ist eine antizipierte Schädigung oder Verlust. Energie für die Bewältigung der Gefahrensituation wird mobilisiert.

Eine Herausforderung ist im Gegensatz zu einer Bedrohung mit positiven Emotionen verbunden. Gefahrensituation wird bewältigt, um einen Nutzen daraus zu ziehen. Als eine Beispiel kann man hier die Extremsportarten anführen. Gefährliche Situationen werden bewußt gesucht, um sie zu durchleben und hinterher sich ,,high,, zu fühlen.

2.3 Phase II und III: Secondary Appraisal und Coping

Nachdem ein Individuum den Eindruck gewonnen hat, daß eines seiner zentralen

Motive möglicherweise gefährdet ist, initiiert es ein kognitives Verhalten der Suche nach Möglichkeiten zur Bedrohungsbeseitigung. Dieser Vorgang wird als,, Secondary appraisal ,, beschrieben. Das Verhalten des Individuums resultiert in direkter oder intrapsychischer Angstverarbeitung. Beim secondary appraisal geht es nicht mehr um eine Bedrohungseinschätzung (primäry appraisal), sondern um das Problem, eine Verhaltensweise zu finden, die eine erkannte Bedrohung beseitigt, ohne eine neue entstehen zu lassen. Die Auslösung eines Bedrohtheitserlebnisses soll Motivcharakter haben. Art und Verlauf des Prozesses der Bedrohungsbeseitigung (coping) hängen für Lazarus, ähnlich wie der Prozeß des primäry appraisal, von zwei Faktorengruppen ab:

a) Stimuluskonfigurationen
b) Persönlichkeitsvariablen

2.3.1 Stimuluskonfigurationen

Drei Faktoren beeinflussen in besonderem Maße den Verlauf des Prozesses des secondary appraisal und der sich daran anschließenden Angstverarbeitung:

a) Die Lokalisierbarkeit der Gefahrenquelle
b) Die Ausführbarkeit alternativer Maßnahmen zur Bedrohungsbeseitigung
c) Situative Zwänge

a) Von der Lokalisierbarkeit der Gefahrenquelle hängt es mit ab, ob ein Individuum Bedrohungen durch direkte Handlungen oder durch intrapsychische Maßnahmen zu beseitigen versucht. Solange eine Gefahrenquelle nicht klar ausgemacht werden kann, sind direkte Formen des coping, wie etwa Angriff oder Flucht, nicht möglich. Wenn sich ein Individuum bedroht fühlt, ohne die Ursachen dieses Eindrucks genauer lokalisieren zu können, so wird es mit Angst reagieren. Eine Möglichkeit, die Angst in diesem Fall zu reduzieren, besteht darin, eine Ersatzursache der Bedrohung zu konstituieren.
b) Nachdem eine Situation als bedrohlich erkannt worden ist, muß ein Individuum eine Entscheidung treffen, welche möglichen Maßnahmen in dieser Situation ausführbar sind. Aber auch die Angstabwehrmechanismen hängen oft von situativen Momenten ab. Das Bramelsche Experiment zeigt, daß ein Individuum in einer als bedrohlich erlebten Situation eher mit Angstabwehrmechanismen reagiert, wenn die Person, auf die ein unangenehmer Tatbestand projiziert wird, sozial hoch eingeschätzt wird.

c) Situative Zwänge können die Ausführung einer Reaktion zur

Bedrohungsbeseitigung blockieren, wenn diese Reaktion noch bedrohlichere Konsequenzen für das betreffende Individuum nach sich ziehen würde, als sie ohnehin schon vorliegen. Auch unter diesem Aspekt wäre als erstes an die Hemmung von Aggressions- oder Fluchttendenzen durch bestimmte situative Einflüsse zu denken. So, wie in vielen Fällen offene Aggressionen gegen bestehende Normen verstoßen und ihre Ausführung damit die Befriedigung eines Motivs nach sozialem Kontakt gefährdet (aggressive Personen werden häufig von ihren Mitmenschen gemieden), so gilt beispielsweise nicht selten eine Flucht angesichts einer Gefahr als ,,unmännlich,, und gefährdet damit die Befriedigung des Motivs nach sozialer Anerkennung. Unter situativen Zwängen kann es auch zur Blockierung der Ausführung von Angstabwehrmechanismen kommen. Der Umstand, daß sich viele Menschen in der Gegenwart von Psychologen ,,gehemmt,, fühlen, hängt sicher auch damit zusammen, daß sie in dieser Situation die Ausführung bestimmter, ansonsten fast ,,alltäglicher,, Mechanismen zur Angstreduzierung für wenig angemessen halten, da Psychologen diese ja ohnehin ,,durchschauen,, würden.

2.3.2 Persönlichkeitsvariablen

Innerhalb der Faktoren, die von seiten der bedrohten Person aus als dauerhafte Disposition den Prozeß des secondary appraisal und damit ihr coping-Verhalten beeinflussen, unterscheidet Lazarus vier Gruppen:

a) Das Motivationsmuster einer Person
b) Ichstärke und Impulskontrolle
c) Angstabwehrdisposition
d) Allgemeine Einstellung zur Umwelt und zur eigenen Person

a) Das Motivationsmuster einer Person spielt sowohl beim primary wie beim secondary Appraisal eine wesentliche Rolle. Beim primary Appraisal determiniert es, welche Stimuli als bedrohlich bewertet werden, beim secondary Appraisal beeinflußt es die Auswahl des spezifischen coping-Verhaltens. So mögen bestimmte, im Prinzip praktikable Reaktionen zur Bedrohungsbeseitigung deshalb nicht ausgeführt werden, weil dem zentrale Motive einer Person entgegenstehen. Ein Mensch etwa, in dessen internem Wertsystem aggressive Handlungen tabuiert sind, wird sich solange nicht für eine Angriffshandlung zur Bedrohungsbeseitigung entscheiden können, wie die

Schuldgefühle, die als Konsequenz der Verletzung eines zentralen Wertes entstehen, von ihm als unangenehmer eingeschätzt werden als die eigentliche Bedrohung. Dasselbe wird für eine Person mit einen starken Bedürfnis nach sozialem Anschluß (Affiliation) gelten. Aus dem bisher Dargestellten wird deutlich, daß die Persönlichkeitsvariable ,,Motivationsmuster,, mit den Stimulusaspekten ,, Ausführbarkeit,, und ,,situative Zwänge,, bei der Beeinflussung des secondary Appraisal interagiert.

b) Die Konzepte Ichstärke und Impulskontrolle beziehen sich auf die Beobachtung, daß bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit einer geringeren Beeinflußbarkeit des betreffenden Individuums durch Gefahren und angemesseneren Formen des coping assoziiert sind. Den Begriff Ichstärke (bzw. umgekehrt der Ichschwäche) hatten wir bereits bei der Darstellung der Freudschen Angstauffassung kennengelernt. Er bezeichnet die variable Fähigkeit, auf gefährliche eigene Triebimpulse mit Verdrängung reagieren zu können. Da ichschwache Individuen nur eine unvollkommene Verdrängung besitzen, werden sie vergleichsweise häufig hohe Angstniveaus erleben. Somit läßt sich das Konzept der Ichstärke - Ichswäche einbeziehen in das übergeordnete Konzept der Ängstlichkeit. Den Zusammenhang der Ichstärke und Angemessenheit der coping - Maßnahmen kann man sich etwa folgendermaßen vorstellen: Ichschwache Personen erleben mehr Bedrohungen und geraten dadurch leichter, und evtl. auch stärker in Angst als ichstarke Individuen. Angst soll aber, wie wir bereits dargestellt haben, einen leistungssenkenden Einfluß auf komplexe Aufgaben haben. Wenn man nun die Auswahl einer angemessenen coping - Strategie (secondary Appraisal) als eine komplexe Problemlösung betrachtet, so folgt, daß ichschwache Individuen mit geringerer Wahrscheinlichkeit ein angemessenes coping-Verhalten zeigen werden als ichstarke Personen.

Impulskontrolle bezieht sich auf den Stand der kognitiven Entwicklung eines Individuums. Personen mit niedrigem kognitiven Entwicklungsniveau haben nur eine gering ausgeprägte Fähigkeit, Handlungsabfolgen längerfristig zu überschauen und in ihren Konsequenzen abzuschätzen. Sie werden deshalb etwa dem Impuls, in einer Bedrohungssituation anzugreifen oder zu fliehen, schneller nachgeben als ein Individuum, das sich die Konsequenzen jeder Handlung erst genau überlegt. Geringe Impulskontrolle ist somit etwa assoziiert mit der Tendenz zum schnellen Abschließen offener Probleme, mit undifferenzierten coping-Strategien und geringer Toleranz für mehrdeutige Situationen.

c) Die individuelle Disposition zur Bevorzugung bestimmter Angstabwehrstrategien stellt den zentralen Faktor innerhalb des Prozesses des secondary Appraisal dar. Angstabwehrmechanismen, wie etwa Verdrängung, Verleugnung, Rationalisierung oder Projektion, sind intrapsychische Formen der Bedrohungsbeseitigung. Personen, die, vermutlich aufgrund ihrer Lerngeschichte, zu einer Bevorzugung bestimmter Strategien der Angstabwehr tendieren, werden damit also die grundlegende Frage, ob sie auf eine Bedrohung direkt oder intrapsychisch reagieren sollen, häufig zugunsten intrapsychischer Maßnahmen entscheiden. Zwar sind Angstabwehr-mechanismen intrapsychische Formen der Bedrohungsbeseitigung, doch stellt nicht jede intrapsychische Bedrohungsbeseitigung eine Angstabwehr dar. Wie wir bereits erwähnt haben, ist die Aufmerksamkeitsveränderung für Lazarus ein fundamentaler intrapsychischer Prozeß. Die Aufmerksamkeit hinsichtlich einer Gefahrenquelle soll dabei zwischen den Polen Vigilanz und Vermeidung variieren. Angstabwehr bedeutet in diesem Zusammenhang, daß ein Individuum seine Aufmerksamkeit überwiegend in vigilanter oder vermeidender Weise auf die Bedrohungsquelle richtet. Je nach Art der Aufmerksamkeitszuwendung, auf der einen Seite als vigilante bzw. vermeidende Angstabwehr, auf der anderen Seite als differenzierte Informationsverarbeitung, soll es dann auf der nächsten Stufe der Angstverarbeitung (reappraisal) zu einer ,,realistischen,, oder ,,defensiven,, (angstabwehrenden) Neubewertung der Situation kommen. Die von Lazarus entwickelten Vorstellung über Art und Verlauf intrapsychischer Prozesse orientieren sich eindeutig am psychoanalytischen Konzept der Angstabwehr. Die neuere Angstabwehrforschung hat nun versucht, eine bloße Klassifizierung von Angstabwehrmechanismen durch die Herstellung einer Beziehung von verschiedenen Formen der Angstabwehr auf ein zentrales Konzept zu ersetzten.

So hat eine Reihe von Autoren (Gorden 1957, Ullmann 1958, Altrocchi 1961, Byrne 1961, 1964) ein eindimensionales bipolares Persönlichkeitskonzept der Angstbeseitigung entwickelt. An jedem dieser Pole sollen Individuen lokalisiert sein, die Angst in einer überwiegend inadäquaten Form beseitigen, d. h. im Sinne des Lazarus - Ansatzes defensiv bzw. angstabwehrend reagieren. Im Mittelbereich dieser Dimension waren dagegen Personen mit adäquater Angstbeseitigung lokalisiert. Derartige Personen sollen nach Lazarus fähig sein, Information in vergleichsweise objektiver Form aufzunehmen und zu einer realistischen Neuwertung der Situation zu kommen.

Personen an den beiden Polen unterscheiden sich danach, ob sie eine vage als bedrohlich erkannte Situation dadurch, daß sie diese Situation als schädigend interpretieren und mit entsprechender Reaktionen beantworten (vigilante Angstabwehr), oder ob sie eine Verdeutlichung erreichen, indem sie die Situation als eine gefahrlose interpretieren und ebenfalls entsprechend handeln (vermeidende Angstabwher). In beiden Fällen leistet das Individuum eine kognitive Verdeutlichung der Situation, macht sich also - wenn auch aufgrund seiner Fehlanpassung meist nur für ein gewissen Zeitraum - handlungsfähig und reduziert somit Angst. Personen, die möglicherweise bedrohliche Situation vorwiegend im Sinne ihrer schädigenden Komponente interpretieren, werden in der Literatur meist als Sensitizer oder Intelektualisierer und das entsprechende Verhalten als Sensitization bezeichnet. Personen, die eine derartige Situation in der Regel als gefahrlos deuten, werden Represser oder Vermeider und das entsprechende Verhalten Repression genannt (vgl. u. a. Gordon 1957, Byrne 1961, 1964). Zur Operationalisierung dieses Konstrukts hat Byrne (1961) die ,,Repression - Sensitization -Skala,, entwickelt (vgl. auch Krohne 1974).

d) Die allgemeinen Einstellungen eines Menschen zu sich selbst und zu seiner Umwelt sind eng mit seinem Motivationsmuster und seinen Angstabwehrdispositonen assoziiert. Auffassungen darüber, was moralisch richtig oder falsch, was nützlich oder schädlich sei, manifestieren sich als individuelle Werthaltungen und wirken damit als Motive. Einstellungen zur eigenen Person, zu ihren Fähigkeiten im Umgang mit den Mitmenschen werden als Selbstwertgefühl (self-esteem) zusammengefaßt. Dieses Konzept, das in der sozialpsychologischen Forschung zunehmend an Bedeutung gewinnt, überschneidet sich in wesentlichen Aspekten mit den bereits ausführlicher beschriebenen Konstrukten Ängstlichkeit oder Ichstärke. In einer Reihe neuerer Veröffentlichungen haben Lazarus und Mitarbeiter die Theorie modifiziert und dabei zu einem allgemeinen Modell emotionaler Prozesse erweitert. (Vgl. u. a. Lazarus 1975, Lazarus und Launier 1978). Zwei Modifikationen sind dabei für die theoretische Analyse der Angst von besonderer Relevanz und sollen deshalb hier kurz dargestellt werden: die Neubestimmung der primären und sekundären Bewertungsvorganges (appraisal) sowie Ergänzungen zum Konzept der Verarbeitung (coping). (Für eine umfassende Darstellung und kritische Würdigung der Lazarus-Theorie siehe auch Laux 1981).

2.4 Zusammenhang von Phase I, Phase II und Phase III

Auf Überlegungen in der ersten Theorie (Lazarus 1966) basierend, weisen Lazarus und seine Mitarbeiter nun verstärkt darauf hin, daß emotionale Prozesse und die ihnen zugeordneten Kognitionen und Handlungen komplexe Wechselbeziehungen zwischen den Systemen ,,Person,, und ,,Umgebung,, implizieren. Die Mehrzahl entsprechender Ansätze geht hier bestenfalls von einer interaktionistischen Konzeption aus. Hierbei wird ein unidirektionales Ursache - Wirkungs - Modell unterstellt, nach dem von den als unabhängig konzipierten Variablenklassen Person und Umgebung (Situation) eine Wechselwirkung auf das Verhalten ausgehen soll. Hiervon unterscheidet Lazarus eine reziproke Interaktion, in der nicht nur die Situation auf das Verhalten einer Person einwirkt, sondern diese Situation selbst auch durch die aktiv handelnde Person beeinflußt wird. Für diese Form von Beziehung wird der Begriff Transaktion eingeführt.

Im Rahmen der Angstverarbeitungstheorie von Lazarus wird postuliert, daß die Transaktion zwischen einer Person und ihrer Umgebung primär von den kognitiven Prozessen des Bewertens und Schlußfolgerns gesteuert wird. Wie in der ersten Fassung seiner Theorie unterscheidet Lazarus dabei zwischen primärer, sekundärer und Neubewertung. Während früher die Funktion der primären Bewertung jedoch nur in der Einschätzung einer Situation hinsichtlich des Grades ihrer Bedrohlichkeit bestand, werden in der Neuformulierung drei Arten primärer Bewertung unterschieden (vgl. Lazarus und Launier 1978): irrelevante, positive und stressbezogene Bewertung. Die letztgenannte Kategorie wird noch einmal eingeteilt nach Bewertungen von Bedrohung, Schaden - Verlust und Herausforderung. Für eine theoretische Analyse der Angst sind besonders die stressbezogenen Bewertungen Bedrohung (,,threat,,) und Schaden - Verlust (,,harm-los,,) relevant. Bedrohung bezieht sich, wie in der ersten

Theoriefassung, auf die Antizipation einer Beeinträchtigung. Sie wird durch bestimmte Reize, die auf die bevorstehende Konfrontation mit einem schädigenden Ereignis hinweisen, hervorgerufen. Demgegenüber bezieht sich die Bewertung Schaden - Verlust auf die Konfrontation mit einem gegenwärtigen oder bereits vergangenen Schadensereignis.

Eine Unterscheidung dieser beiden Bewertungsinhalte erscheint insbesondere im Hinblick auf die Bestimmung jeweils angemessener Verarbeitungsstrategien als zweckmäßig. Bei der Bewertung eines Sachverhalts als Bedrohung kommt der antizipatorischen Komponente des Bewertungsvorganges und damit Maßnahmen zur Nutzung von Hinweisreizen und zur Schadensabwendung besondere Bedeutung zu. Dies würde z. B. gelten für die Bewertung einer körperlichen Veränderung als Anzeichen eines ernsthaften Krankheitsprozesses. Demgegenüber könnten bei einer Bewertung als Schaden - Verlust eher Strategien, die eine Informationsvermeidung oder Situationsneudifinition implizieren, angemessen sein. Dies würde z. B. für den Fall einer eingetretenen schweren körperlichen Schädigung im Hinblick auf eine möglichst weitreichende Rehabilitation gelten.

Funktion der sekundären Bewertung ist auch in der Neufassung unverändert die Auswahl von Bewältigungsstrategien. Diese beziehen sich jedoch nicht mehr nur auf Bedrohungen, sondern auf jede stressbezogene Person - Situation - Transaktion. Wesentlich ist, daß die Begriffe primär und sekundär nicht mehr auf eine bestimmte zeitliche Abfolge verweisen. Die beiden Bewertungsprozesse können in jeder zeitlichen Relation zueinander stehen, also auch gleichzeitig ablaufen. Die Annahme, daß die beiden Bewertungsprozesse, im Extremfall, auch in umgekehrter zeitlicher Abfolge verlaufen können, erscheint zweckmäßig, wenn man bedenkt, daß der Einsatz bestimmter hochautomatisierter Angstabwehrmechanismen (secondary Appraisal) die Art der primären Bewältigung wesentlich bestimmen kann. Der Begriff der Bewältigung (coping) wird von Lazarus in seiner Neufassung dahingehend erweitert, daß hierunter nicht mehr nur die Bewältigung negativ eingeschätzter Transaktionen, sondern auch das Fertigwerden mit positiven erlebten Sachverhalten (Herausforderungen) verstanden wird. Die deskriptive Analyse dieses Bewältigungsprozesses wird in der Neufassung stark vorangetrieben, wobei allerdings ein Differenziertheitsgrad erreicht wird (vgl. etwa Lazarus und Launier 1978), der eine empirische Überprüfung zumindest als sehr schwierig erscheinen läßt.

Die Unterscheidung zwischen direkten Bewältigungshandlungen und intrapsychischen

Bewältigungsprozessen wird in der Neufassung unter zwei ,,Funktionen,, eingeordnet: Veränderung der gestörten Transaktion (= instrumentelle Bewältigung) und Regulierung der Emotion (palliative Bewältigung). Während die instrumentelle Bewältigung auf eine Änderung der gestörten Transaktion durch Einwirkung auf die Umwelt abzielt, richte sich die palliative Bewältigung auf die Kontrolle der aus einer Transaktion resultierenden Emotion. Wichtig ist dabei, daß instrumentell vs. palliativ nicht gleichbedeutend ist mit adaptiv vs. nichtadaptiv. Eine instrumentelle Bewältigung (z. B. eine aggressive Handlung gegenüber einer als Bedrohung eingeschätzten Person) kann sich als durchaus unangemessen herausstellen, während etwa die Einnahme eines Beruhigungsmittels vor einer Prüfung (palliative Bewältigung) adaptiv im Sinne einer erfolgreichen Bedrohungsbewältigung sein kann. Aus dem letztgenannten Beispiel wird zugleich deutlich, daß die Unterscheidung zwischen diesen beiden Bewältigungsformen doch recht fragwürdig ist, da eine Regulierung von Emotionen häufig auch instrumentellen Wert hat, d. h. verändert auf die Umwelt einwirkt. (So reagiert beispielsweise ein Prüfer auf einen aufgeregten, ängstlichen Prüfling anders als auf einen beherrschten Kandidaten. Entsprechend wird auch die Prüfungs-,,Transaktion,, anders verlaufen.) Als weiteres Unterscheidungskriterium für Bewältigungen führt Lazarus die zeitliche Orientierung, den thematischen Charakter und instrumentellen Fokus des Bewältigungsprozesses sowie die Bewältigungsarten ein. Zeitliche Orientierung und thematischer Charakter beziehen sich auf die jeweils unterschiedlichen Maßnahmen, die mit der Bewältigung vergangener Schädigungen, verglichen mit antizipierten Bedrohungen oder Herausforderungen, verbunden sind. Mit instrumenteller Fokus ist gemeint, daß sich Bewältigungen auf die Umgebung, auf das Selbst oder auf beides richten können, je nachdem, wo die Ursache für die gestörte Transaktion gesehen wird. - Unter die Bewältigungsarten werden, ähnlich wie in der früheren Version, Informationssuche, direkte Handlungen, Hemmungen bzw. Unterlassung von Handlungen und intrapsychische Prozesse subsumiert.

3. Fazit

Abschließend möchten wir nun festhalten, daß die Kognitionspsychologie davon ausgeht, daß Angst als Ergebnis einer bedrohlichen Situationseinschätzung gilt. Die unterschiedlichen Kognitionstheoretiker sind sich nur nicht einig darüber, ob Angst wie bei Schachter & Singer ein Produkt kognitiver und physiologischer Faktoren ist oder wie bei Lazarus das Entstehen von Angst an ein mehrphasigen Kognitions - Emotions - Prozeß geknüpft ist, bei dem Angst als eine mögliche Begleitemotion entstehen kann.

Zusammenfassend können wir festhalten, daß die Kognitive Theorie einerseits die vergleichsweise eng um psychopathologische Phänomene zentrierte Theorie Freud´s erweitert hinsichtlich zur Erklärung ,,alltäglicher angsrelevanter Verhaltensweisen, andererseits geht sie auch über die einfachen Vorstellungen behavioristischer Theorien hinaus, die Prozesse wie Erwartung und Bewertung außen vorlassen. Dies darf aber nicht als Vorzug der Kognitionstheorien gegenüber den anderen angesehen werden, da hieraus die Gefahr resultiert, die Theorien zu komplex und nicht mehr empirisch überprüfbar werden zu lassen, da sie sich nicht nur mit dem Phänomen Angst beschäftigen.

4. Literatur

Bertelsmann Universallexikon (1990). Fremdwörter. Bertelsmann GmbH

Frey/Greif (Hrsg.). (1983). Sozialpsychologie. Urban & Schwarzenberg

Krohne, Heinz W. (1976). Theorien zur Angst. Verlag W. Kohlhammer

Schwarzer, Ralf. Streß, Angst und Hilflosigkeit. Verlag W. Kohlhammer

Sörensen, Maren. Einführung in die Angstpsychologie. Deutscher Studienverlag

Wessels, Michael. (1994). Kognitive Psychologie. München Basel: Ernst Reinhardt Verlag

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Angst und Angstbewältigung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Seminar: Angst und Angsbewältigung I, bei: H. Papakirillou-Papaterpou
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V95963
ISBN (eBook)
9783638086417
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Referat über Kognitionstheoretische Ansätze von Angstbewältigung. Kapitel 2 im Buch von Maren Sörensen "Einführung in die Angstpsychologie".
Schlagworte
Angst, Angstbewältigung, Seminar, Angst, Angsbewältigung, Papakirillou-Papaterpou
Arbeit zitieren
Ilias Symeonidis (Autor:in), 1999, Angst und Angstbewältigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95963

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