Die Attributionstheorie von Kelley


Seminararbeit, 1997

18 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. EINFÜHRUNG
1.1 GESCHICHTE
1.2 IDEE

2. THEORIE
2.1 BEGRIFFE UND ELEMENTE - DIE KRITERIUMSDIMENSIONEN
2.2 DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN ELEMENTEN UND DIE DARAUS ABLEITBAREN ATTRIBUTIONSARTEN
2.3 ERWEITERUNG DER THEORIE - UMGANG MIT UNVOLLSTÄNDIGEN INFORMATIONEN

3. DAS KLASSISCHE EXPERIMENT
3.1 HYPOTHESEN
3.2 DESIGN
3.3 ERGEBNIS

4. WEITERE EMPIRISCHE ÜBERPRÜFUNGEN

6. EINSATZBEISPIELE FÜR DIE THEORIE
6.1 ERSTES EINSATZBEISPIEL
6.2 ZWEITES EINSATZBEISPIEL

7. KRITIK

8. LITERATUR

1. Einführung

Die Attributionstheorie von Kelley (1967, 1971, 1973) soll wie auch andere Attributionstheorien erklären, wie und welche Ursachen Menschen für Effekte, wie z.B. eingetretene Handlungsergebnisse, Verhaltensweisen etc. zuschreiben.

Im folgenden soll kurz die Geschichte der Attributionstheorien erläutert werden, in die Kelleys Attributionstheorie eingebettet ist. Neben der eigentlichen Theorie und Theorieerweiterungen sollen weiterhin empirische Überprüfung zu Kelleys Attributionstheorie und Anwendungsbeispiele der Theorie erläutert werden.

1.1 Geschichte

Eine einheitliche Attributionstheorie gibt es nicht, sondern vielmehr eine Reihe von Attributionstheorien und einige frühe Vorläufer der Attributionstheorien.

Einer dieser frühen Beiträge zur Attributionsforschung war Rotters Konzept der internalen vs.

externalen Kontrolle der Bekr ä ftigung (1946). Dieses Kontrollüberzeugungskonzept beschreibt

Erwartungen eines Handelnden bezüglich der eigenen Wirksamkeit. Hierbei wird zwischen internaler Kontrolle, der Überzeugung, mit dem eigenen Handeln etwas zu bewegen und externaler Kontrolle, der Überzeugung, daß das eigene Handeln nichts bewegt, unterschieden (Heckhausen, 1989, S. 392).

Ein ähnliches Konzept kam von deCharms (1968) - das Konzept der Pers ö nlichen Verursachung.

DeCharms unterscheidet zwei Persönlichkeitstypen: die Verursacher („origins“) und die „Abhängigen“ („pawns“ - Bauern beim Schachspiel)“. Während ein „origin“ sein Handeln als selbstbestimmt erlebt, fühlt sich ein „pawn“ eher fremdbestimmt und situativen Umständen unterlegen (Heckhausen, 1989, S. 391f).

Die erste eigentliche Attributionstheorie stammt von Fritz Heider (1958), von der auch alle neueren Attributionstheorien angeregt wurden. Heider befaßte sich mit der Psychologie des alltäglichen Handelns, also damit, wie der Alltagspsychologe - der nicht wissenschaftliche Psychologe, sich Handeln und Handlungsergebnisse erklärt. Heiders Attributionstheorie, die Theorie der naiven Handlungsanalyse, lehnt sich an Lewins allgemeine Verhaltensgleichung (V=F(P,U)) an, nach der Verhalten eine Funktion von Personenkraft und Umweltkraft ist. Heider differenzierte bei der Perso- nenkraft zwischen „try“, dem Bemühen (Motivation) und „power“, der Fähigkeit des Handelnden. Die Umweltkraft ist nach Heider durch die Schwierigkeit der Handlung definiert. Aus Personenkraft und Umweltkraft ergibt sich dann eine weitere resultierende Größe "can" (können), die sich aus Fähigkeit minus Bemühen ergibt. Nach diesem Modell erklären Personen, ob die Ursache einer Handlung in der Person oder der Umwelt lokalisiert ist.

Die Theorie der Selbstwahrnehmung (1967, 1972) wurde von Bem entwickelt, um Dissonanzreduktion1 zu erklären. Nach der Theorie macht man innere Gründe verantwortlich (z.B. man tut es gerne), wenn man bei sich Selbst ein Verhalten beobachtet, für das es keine äußere Rechtfertigung gibt. Nach Bem sucht man bei der Analyse von eigenem Handeln (Selbstattribution) erst äußere, situative Ursachen. Nur wenn diese nicht vorliegen, sieht man die Verhaltensursache in der eigenen Person (Heckhausen, 1989, S. 392f).

Neben der Attributionstheorie von Kelley gehört das Modell der korrespondierenden Schlußfolgerungen von Jones und Davis (1965) zu den neusten und wichtigsten Attributionstheorien. Hierbei handelt es sich um ein Modell der Motivationsattribuierung. Ein Verhalten soll auf Dispositionen wie Einstellungen und Motive des Handelnden zurückgeschlossen werden. Hierfür wird durch den Beobachter die Fähigkeit des Handelnden zur Durchführung, die Anzahl der nicht- gemeinsamen Effekte (non-common effects) und die allgemeine Erwünschtheit des Handlungseffekts erschlossen und analysiert. Unter nicht-gemeinsamen Effekten verstehen Jones und Davis die Effekte, welche die beobachtete Handlung nicht mit alternativen, anderen Handlungen gemein hat. Nur wenn es wenige nicht-gemeinsame Effekte gibt und die Erwünschtheit des Handlungsergebnisses niedrig ist, ergibt es für den Beobachter Aufschluß über Dispositionen (z.B. Einstellungen) des Handelnden.

1.2 Idee

Die Attributionstheorien, wie auch Kelleys Attributionstheorie sind kein Werkzeug zur wissenschaftlichen Handlungsanalyse, sondern wollen erklären, wie der Alltagspsychologe Ursachen für Ereignisse zuschreibt. Die Theorien erklären also nicht, wie man vorliegende Informationen sinnvoll analysiert, um zu einer möglichst korrekten Ursachenzuschreibung zu gelangen, sondern wie und welche Informationen der naive Wissenschaftler bei einer Ursachenzuschreibung eines Effekts einfließen läßt und welche Informationen nicht beachtet werden - also welcher Prozeß abläuft, wenn Personen Ursachen für Effekte zuschreiben.

Kelleys Attributionstheorie erklärt, wie Alltagspsychologen Effekte wie Verhaltensweisen, Einstellungen, Sympathiebekundungen und emotionale Reaktionen attribuieren. Hierbei werden die vorliegenden Informationen durch denjenigen, der die Attribution vornimmt daraufhin untersucht, ob die Ursachen einer Handlung in der Umwelt, im Handelnden oder in der Kombination beider lokalisiert ist.

2. Theorie

Kelleys Attributionstheorie nennt sich das Kovarianzmodell. Der Name rührt von der Überlegung her, daß ein Effekt mit seiner Ursache kovariiert: Ein Effekt kann also nur dann auftreten, wenn die Ursache gegeben ist. Ist die Ursache nicht gegeben, kann auch der Effekt nicht auftreten. In Abhängigkeit davon, wie verschiedene Ursachen miteinander kovariieren, wird nach dem Modell die Ursachenattribution vorgenommen.

Im Gegensatz zur Attributionstheorie von Jones und Davis2 läßt sich das Modell auch dann anwenden, wenn das zu attribuierende Verhalten vielfältig ist und eine Fülle von Informationen vorliegen. Das Kovarianzmodell von Kelley will, im Gegensatz zur Theorie von Jones und Davis, keine Disposition in der Person als Ursache der Handlung finden, sondern überprüft die vorliegenden Informationen darauf, ob die Ursache einer Handlung in der Person (dem Handelnden) in der Umwelt lokalisiert ist.

2.1 Begriffe und Elemente - die Kriteriumsdimensionen

Für die Ursachenattribution einer Handlung einer Person werden mehrere Handlungen der selben Person, das Verhalten anderer Personen, verschiedene mögliche Zielgegenstände der Handlung und verschiedene Zeitpunkte und Situationsumstände untersucht. Für die Attribution wird also Information über vier Dimensionen untersucht - die Kriteriumsdimensionen.

Die erste Kriteriumsdimension ist die Distinktheit der Entitäten3 (distinktiveness of entities). Hier ist die Frage, ob die Handlung auch von anderen Entitäten ausgelöst wird. Wird die Handlung auch von (allen) anderen Entitäten ausgelöst, ist sie nicht distinkt - man würde auch von niedriger Distinktheit sprechen. Die nächste Kriteriumsdimension ist die Übereinstimmung oder der Konsens zwischen Personen (consensus). Hier geht es um die Frage, ob andere Personen bezüglich der Entität genauso handeln - in diesem Fall läge hoher Konsens vor, oder ob andere Personen anders handeln, dann läge niedriger Konsens vor. Die dritte Dimension, die Konsistenz der Handlung über Zeit (consistency across time) fragt danach, ob die Person über verschiedene Zeitpunkte bezüglich der Entität immer so handelt, also zeitlich stabil handelt. Ist das der Fall, spricht man von hoher Konsistenz. Die vierte Dimension ist die Konsistenz über verschiedene Modalitäten (consistency across modalities). Hier ist die Frage, ob die Person sich auch dann gleich verhält, wenn die Handlung in andere situative Umstände eingebettet ist. In diesem Fall wäre die Konsistenz über Modalitäten hoch. Die letzten beiden Dimensionen werden meist zu Konsistenz oder Konsistenzinformationen zusammengefaßt, da sie in der Regel zusammen auftreten und nicht trennbar sind.

Es ergeben sich vier Attributionsarten, die aus dem Kovariationsmuster dieser vier bzw. drei Kriteriumsdimensionen erschlossen werden können.

2.2 Die Beziehungen zwischen den Elementen und die daraus ableitbaren Attributionsarten

Um die Beziehungen der Kriteriumsdimensionen und der daraus ableitbaren Attributionen zu verdeutlichen, kann man sich folgendes Beispiel vorstellen: Man erhält von einem Freund die Empfehlung für einen Kinofilm, den dieser gesehen hat. Bei der sich stellenden Frage, ob man der Empfehlung nachgeht und sich diesen Film anschaut, will man möglicherweise die Ursache der Empfehlung ergründen. Der Grund der Empfehlung kann einerseits in der Güte des Films liegen, der Entität, oder in Eigentümlichkeiten der Person, die ihn empfiehlt - die Person ist bei Filmen nicht besonders kritisch.

Angenommen die Person empfiehlt nicht jeden Film gleichermaßen, reagiert also spezifisch, dann handelt sie distinkt bezüglich der Entitäten (hohe Distinktheit). Wenn sie den Film auch schon mehrfach gesehen und empfohlen hat - die Handlung über Zeit also konsistent ist (hohe Konsistenz) und sie in ihrem Urteil mit anderen Personen übereinstimmt (hoher Konsens), so würde man nach Kelleys Modell eine Entitätenattribution vornehmen. Die Ursache für die Empfehlung scheint in der Entität, dem Film, zu liegen. Abbildung 2.1 verdeutlicht, wie die drei Kriteriumsdimensionen bei einer Entitätenattribution miteinander in Beziehung stehen - miteinander kovariieren. Man sieht, daß das Verhalten, also die Empfehlung, weder mit der Konsistenz-Dimension, noch mit der Konsens- Dimension zusammenhängt. Nur die Entitäten-Dimension gibt Aufschluß über das Verhalten, da es nur bei der Entität E1, also dem uns empfohlenen Film, auftaucht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1. Eine Entitätenattribution veranschaulicht am Würfel, der die Kovariation der Kriteriumsdimensionen „Entitäten“ (E1- E3), „Personen“ (E1-E3) und „Zeitpunkte“ (Z1-Z3) abbildet. Das Verhalten hängt nur mit der Entität E1 zusammen - hohe Distinktheit. Das Verhalten ist konsistent über Zeit und der Konsens mit anderen Personen ist hoch.

Angenommen, die Person wäre in ihrem Verhalten nicht distinkt, würde also grundsätzlich jeden Film empfehlen (niedrige Distinktheit), wäre auch hier in ihrem Verhalten konsistent (hohe Konsistenz) und andere Personen wären bezüglich des Films ganz anderer Meinung (niedriger Konsens), würde man dem Modell zufolge die Ursache der Empfehlung in der Person sehen. Es sollte also eine Personenattribution vorgenommen werden. Man würde z.B. attribuieren, daß die Person bezüglich Filmen einen schlechten Geschmack hat (Abb. 2.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.2. Eine Personenattribution. Das Kovariationsmuster der drei Kriteriumsdimensionen verdeutlicht, daß das Verhalten nur in Zusammenhang mit Person P3 auftaucht - die Person, deren Handlung in diesem Fall attribuiert wird Eine weitere Möglichkeit wäre, daß die Person, die den Film empfiehlt, ihn eigentlich noch nie gut fand (hohe Dinstinktheit), ihn aber nach erneutem Ansehen mit einer Freundin dann doch gut fand (niedrige Konsistenz über Modalitäten), während der Konsens mit anderen Personen auch niedrig ist. In diesem Fall hängt die Attribution mit keiner der Kriteriumsdimensionen zusammen. Die Empfehlung wird besonderen Umständen attribuiert - eine Umstandsattribution wird vorgenommen (Abb. 2.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.3. Eine Umstandsattribution. Das Kovariationsmuster der drei Kriteriumsdimensionen verdeutlicht, daß das Verhalten mit keiner der Kriteriumsdimensionen zusammenhängt.

Die vierte Attributionsart, die nach dem Modell von Kelley vorgenommen werden kann, ist die Person x Entität-Attribution, und zwar dann, wenn eine Handlung nur in der Kombination einer Person mit einer bestimmten Entität auftaucht. In obigem Beispiel dann, wenn die Person P3 eine ausschließliche Vorliebe für die Entität (Film) E1 hat (Abb. 2.4). Um eine solche Attribution vorzunehmen, müßte ein niedriger Konsens, eine hohe Dinstinktheit und eine hohe Konsistenz festgestellt werden. Die Person x Entität-Attribution wird dem Modell zufolge oft dann vorgenommen, „[...] wenn der Effekt mit Geschmack zu tun hat oder mit Dingen, zu denen die Einstel-lungen divergieren“ (West & Wicklund, 1985, S.145)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.4. Eine Person x Entität-Attribution. Das Kovariationsmuster der drei Kriteriumsdimensionen verdeutlicht, daß das Verhalten nur in der Kombination von E1 mit P3 auftritt.

Die Beziehungen der Kriteriumsdimensionen, die zu den vier Attributionsarten führen, lassen sich ,wie in Abb. 2.5 dargestellt, zusammenfassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.5. Die Kovariationsmuster der vier Kriteriumsdimension, die nach Kelleys Kovarianzmodell entweder zu einer

Ursachenlokalisation (Attribution) in der Entität, in der Person, in besonderen Umständen oder in einer Kombination von Person u. Entität führen.

Kelley veranschaulichte das Kovarianzmodell mathematisch durch Einführung eines F-Quotienten, in den die Informationen der drei Kriteriumsdimensionen als Varianzen einfließen. Hierbei steht die Variabilität der Variable Distinktheit im Zähler und die Variabilität der Variablen Konsistenz und Konsens als Ausdruck der Fehlervarianz im Nenner. Mathematisch gesprochen bedeutet dies, daß „je geringer Konsistenz und Konsens sind (d.h. je größer ihre Variabilität ist), um so größer ist der Nenner, der ‚Fehlerterm‘, und um so größer muß der Distinktheits-Wert im Zähler sein, um die Ursache des zu erklärenden Effekts noch in den Umweltgegebenheiten lokalisieren zu können“ (Heckhausen, 1989, S. 404).

Ziel der Attributionstheorie von Kelley ist es also, nach Möglichkeit eine Attribution auf Umweltfaktoren vorzunehmen. Weist das Verhalten einer Person hohe Distinktheit und ebenfalls hohen Konsens und hohe Konsistenz auf, was zu einem kleinen Nenner im F-Quotienten führt, so wird dieser Person nach Kelley ein „hoher Informationsstand über die Welt“ zugesprochen (Kelley, 1967, zitiert nach Heckhausen, 1989, S. 404).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Erweiterung der Theorie - Umgang mit unvollständigen Informationen

Es leuchtet ein, daß die Kovarianzanalyse nach Kelley eine Vielzahl von Informationen voraussetzt, die in der Realität oft nicht verfügbar sind. Zum Umgang mit unvollständigen Informationen beschreibt Kelley mehrere Verfahrensweisen.

Eine einfache Möglichkeit unvollständige Informationen zu vervollständigen, ist der von Kelley beschriebene Attributionstest. Beobachtet man das Verhalten einer Person in einer Situation, in der nicht alle notwendigen Informationen für eine Ursachenzuschreibung vorliegen, so könnte man die Person noch in weiteren ähnlichen Situationen (Modalitäten) oder ihr Verhalten bezüglich anderer Entitäten beobachten - testen, um das Bild zu vervollständigen. Als häufige Verhaltensweise von Personen beschreibt Kelley jedoch auch das Vornehmen von vorläufigen Attributionen, worauf in der Folgezeit nur noch die Informationen aufgenommen und ergänzt werden, die mit der vorläufigen Attribution konsistent sind.

Nach Kelley nehmen Personen jedoch auch dann Attributionen vor, wenn die Informationen unvollständig bleiben und zwar auf der Basis von Theorien und vorgefaßten Meinungen darüber, wie bestimmte Effekte mit Ursachen verknüpft sind. Solche vorgefaßten Meinungen nennt Kelley Kausale Schemata. Ein einfaches Beispiel der Verwendung eines kausalen Schemas wäre eine Situation, in der dem Beobachter eines Verhaltens nur die Information hoher Konsens vorliegt. Trotz unvollständiger Informationen kann eine Entitätenattribution vorgenommen werden, da nur bei der Entitätenattribution nach Kelley hoher Konsens vorliegen kann (siehe Abb. 2.5). Die wichtigsten von Kelley beschriebenen kausalen Schemata sind das Schema multipler notwendiger Ursachen (multiple necessary causes) und das Schema multipler hinreichender Ursachen (multiple sufficient causes). Beim Schema multipler notwendiger Ursachen müssen alle Ursachen gegeben sein, damit der Effekt zustande kommt. Hält eine Person dieses Schema in Zusammenhang mit einem bestimmten Effekt für notwendig, so vergewissert sie sich, ob alle Ursachen gegeben sind. Angewendet wird dieses Schema bei ungewöhnlichen, seltenen Effekten, z.B. Erfolg bei einer schweren Aufgabe. Die beiden notwendigen Ursachen wären hier hohe Fähigkeit und Anstrengung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. 6. Kausales Schema multipler notwendiger Ursachen zur Erklärung eines Effekts (E), wenn zwei Ursachen eine Rolle spielen. (nach Heckhausen, 1989. S. 407)

Beim Schema multipler hinreichender Ursachen ist eine von mehreren möglichen Ursachen ausreichend, um den Effekt hervorzurufen. In diesem Fall muß sich also nur vergewissert werden, ob eine der möglichen Ursachen gegeben ist. Dieses Schema wird eher bei häufigen Effekten wie z.B. Erfolg bei leichten Aufgaben angewendet. In diesem Fall würde entweder Anstrengung oder hohe Fähigkeit als Ursache ausreichen, um den Effekt hervorzurufen.

Bei diesem kausalen Schema ist es im Gegensatz zum Schema multipler notwendiger Ursachen jedoch nicht möglich, bei einem vorliegenden Effekt auf die Ursachen zurück zu schließen, die ihn zustande brachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. 6. Kausales Schema multipler hinreichender Ursachen zur Erklärung eines Effekts (E), wenn zwei Ursachen eine Rolle spielen. (nach Heckhausen, 1989. S. 407)

Da beim Schema multipler hinreichender Ursachen aufgrund eines vorliegenden Effekts nun nicht auf die ausschlaggebende Ursache zurückgeschlossen werden kann, werden die einzelnen Ursachen in ihrer Rolle abgewertet. Das nennt Kelley das Abwertungsprinzip (discounting principle). Je höher die Anzahl der möglichen Ursachen ist, desto stärker werden die einzelnen Ursachen abgewertet. Kelley äußert sich in diesem Zusammenhang nicht dazu, welche Ursachen abgewertet werden, also eher die umweltbezogenen oder diejenigen, welche die Person betreffen. Würde man eher bzw. stärker die umweltbezogenen Informationen abwerten, würde dies für die Diskrepanz der Beobachterperspektive4 nach Jones und Nisbet (1971) sprechen (Heckhausen, 1989, S. 405).

3. Das klassische Experiment

3.1 Hypothesen

McArthur (1972, 1976) überprüfte, inwieweit Versuchspersonen in der Lage sind, aufgrund von Informationen über die drei Kriteriumsdimensionen, Ursachenzuschreibungen im Sinne von Kelleys Kovarianzmodell vorzunehmen.

Wenn der Attributionsprozeß in der Realität wirklich so abläuft, wie in Kelleys Kovarianzmodell beschrieben, so sollten die Ergebnisse Kelleys Vorhersagen entsprechen, wie sie in Abb. 2.5 zusammengefaßt sind.

3.2 Design

Zur Überprüfung der Theorie erhielten die Versuchspersonen episodische Aussagen wie z.B. „Georg übersetzt den Satz falsch“. Zusätzlich erhielten die Vpn5 Informationen zu den drei Kriteriumsdimensionen. Zum vorherigen Beispielsatz erhielten sie als Konsensinformationen entweder den Satz „Jeder übersetzt den Satz falsch“ (hoher Konsens) oder „Kaum jemand übersetzt den Satz falsch“ (niedriger Konsens). Als Distinktheitsinformationen erhielten sie entweder den Satz „Georg übersetzt kaum einen anderen Satz falsch“ (hohe Distinktheit) oder den Satz „Georg übersetzt jeden Satz falsch“ (niedrige Distinktheit). Zur dritten Kriteriumsdimension, den Konsistenzinformationen, erhielten sie den Satz „Bisher hat er den Satz immer falsch übersetzt“ (hohe Konsistenz) oder den Satz „Bisher hat er den Satz noch nie falsch übersetzt“ (niedrige Konsistenz). Es gab also drei unabhängige Variablen (Faktoren), Konsensinformationen, Distinkt- heitsinformationen und Konsistenzinformationen, die jeweils zweifach gestuft waren, also entweder die Ausprägung „hoch“ oder „niedrig“ hatten. Die abhängige Variable des Experiments war die Beurteilung der Vpn, ob für den vorliegenden Effekt die Person, die Entität, besondere Umstände oder eine Kombination von Person und Entität verantwortlich ist.

3.3 Ergebnis

Die vorgenommenen Attributionen entsprachen weitgehend dem, was das Modell voraussagt. Hätte bei vorliegender Kombination der drei Kriteriumsdimensionen im Sinne des Kovarianzmodells eine Entitätenattribution vorgenommen werden müssen, so wurde dies in 61% der Fälle auch von den Vpn getan. Personenattributionen wurden in 85% der Fälle korrekt vorgenommen. Hing der Effekt mit keiner der drei Kriteriumsdimensionen zusammen, wurde in 70% der Fälle korrekt eine Umstandsattribution vorgenommen. Person x Entitäts-Attributionen wurden auch unter optimalen Bedingungen fast nie vorgenommen - sie wurden nie einer anderen Attribution vorgezogen. Insgesamt wurden überhäufig, auch modellkonträr, Personenattributionen vorgenommen, was der Diskrepanz der Beobachterperspektiven in der Fremdbeobachtung entspricht (s.o.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.1. Darstellung der Ergebnisse von McArthur. Prozentanteil der korrekt vorgenommen Attributionen, wenn die Kombination der Kriteriumsdimensionen im Sinne des Kovarianzmodells eindeutig für eine Entitätenattribution, Personenattribution oder Umstandsattribution sprach.

McArthurs und auch andere Studien (Nisbett und Borgida, 1975; Orvis, Cunningham und Kelley, 1975) zeigten jedoch, daß Konsensinformationen wenig von den Vpn genutzt wurden, also kaum in die Attribution mit einflossen. Ruble und Feldmann (1976) konnten jedoch zeigen, daß hier ein Positionseffekt vorlag - alle vorigen Experimente hatten gemeinsam, daß die Konsensinformationen den Vpn immer zuerst dargeboten wurden, ihre Position also nie variiert wurde. Bei Darbietung am Schluß waren sie nicht weniger wirksam als Konsistenz- und Distinktheitsinformationen. Neben der Nicht-Variierung der Reihenfolge der Informationsdarbietung muß man McArthurs Methodik noch dahingehend kritisieren, daß die Bedingungen für die Versuchspersonen geradezu ideal waren, da die Informationen explizit und schriftlich formuliert präsentiert wurden. Dadurch waren die Kovariationen sicherlich leicht aufzuspüren. In der Realität hingegen müssen die relevanten Informationen für die Kovarianzanalyse nach Kelley aus einem kontinuierlichen Strom von Handlungen und Ereignissen herausgefiltert werden. Heckhausen kritisiert darüberhinaus, daß durch die mangelnde Variation der Informationskombinationen die Vpn „geradezu auf die Logik des Kovariationsmodells gestoßen“ wurden. „Man könnte deshalb argwöhnen, die Befunde hätten nur das Vorhandensein logischer Fähigkeiten überprüft“, nicht jedoch, ob Vpn wirklich in der Lage sind, Kovariationen im Sinne des Modells zu entdecken (Heckhausen, 1989, S. 406).

4. Weitere empirische Überprüfungen

Laut Kelleys Theorie über kausale Schemata sollten Personen bei unvollständigen Informationen

Attributionen dem Schema gemäß vornehmen, dem die Informationen am nächsten kommen. Person, denen beispielsweise nur die Informationen hoher Konsens und hohe Distinktheit vorliegt, sollten demzufolge eine Entitätenattribution vornehmen, da die vorliegenden Informationen eigentlich eindeutig auf dieses Schema (hoher Konsens, hohe Distinktheit, hohe Konsistenz) schließen lassen. Orvis, Cunningham und Kelley (1975) überprüften diese Hypothese, indem sie Vpn nur Informationen von einer oder zwei der drei Kriteriumsdimensionen (unabhängige Variablen) vorlegten. Auf der Basis dieser Informationen sollten die möglichen Ursachen in ihrer Rolle von den Vpn geratet werden (abhängige Variable). Die Ergebnisse entsprachen weitgehend der Theorie der kausalen Schemata. Das kausale Schema multipler notwendiger Ursachen und das Schema multipler hinreichender Ursachen untersuchten Kun und Weiner (1973). Sie fanden heraus, daß Vpn der Meinung waren, daß Erfolg bei schwierigen Aufgaben große Fähigkeit und hohe Anstrengung verlangt, während bei leichten Aufgaben nach Meinung der Versuchspersonen entweder hohe Anstrengung oder große Fähigkeit ausreichen. (West & Wicklund, 1985, S. 82)

6. Einsatzbeispiele für die Theorie

6.1 Erstes Einsatzbeispiel

Im Rahmen von Assessment Centern6 ist es üblich, die eingesetzten Beobachter im Vorfeld daraufhin zu schulen, daß sie die Teilnehmer streng nach dem Bobachtungssystem beobachten und bewerten und dabei Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler vermeiden. Beobachtern werden dafür häufige Beobachtungsfehler anhand von Erklärungen und Übungen bewußt gemacht, damit sie bei der späteren Durchführung des Assessment Centers vermieden werden können. Beispiele für vermittelten Beobachtungsfehler, sind z.B. der Halo-Effekt, der besagt, daß die Beurteilung einzelner Merkmale von Personen durch andere Merkmale oder allgemeine Vorstellungen der Person verzerrt wird. Weitere Beispiele sind implizite Pers ö nlichkeitstheorien, nach Cronbach unbewußte Meinungen darüber, welche Persönlichkeitsmerkmale zusammen auftreten oder Effekte aufgrund von wahrgenommener Ä hnlichkeit, wie beispielsweise die positivere Beurteilung von Personen, die einem selbst ähnlich und somit sympathisch sind.

Ebenso sinnvoll erscheint es in diesem Zusammenhang, Beobachtern auch Attributionsprozesse, wie der von Kelley beschriebene, bewußt zu machen. Ein plausibles Beispiel für einen, durch Attributionsprozesse verursachten Beobachtungsfehler im Assessment Center, wäre die Beobachtung eines Teilnehmers, wie er in einer Übung ohne Erfolg abschneidet. Ist der Beobachter dieses Teilnehmers nun ein Vorgesetzter, der die Person schon früher häufiger in ähnlichen und anderen Aufgaben scheitern sah (hohe Konsistenz und niedrige Distinktheit) während andere Teilnehmer die Übung erfolgreich bearbeiten (niedriger Konsens), so würde der Beobachter laut Kelleys Theorie die Ursache des Mißerfolgs in der Person - also in mangelnder Fähigkeit sehen. Obwohl Assessment Center-Beobachter die Teilnehmer nur aufgrund der konkreten Übungen und nicht auf der Basis früherer Erfahrungen beurteilen sollten, wäre in diesem Beispiel die Schlußfolgerung „mangelnde Fähigkeit“ schnell gezogen. Durch eine intensive Schulung des Beobachters über Attributionsprozesse wäre ein solcher Fehler jedoch eventuell vermeidbar.

6.2 Zweites Einsatzbeispiel

Praktische Anwendung kann Kelleys Attributionstheorie auch im Rahmen von Personalentwicklungsmaßnahmen für Vorgestzte in Betrieben finden, nämlich überall dort, wo Vorgesetzte Handlungen wie erbrachte Leistungen von Mitarbeitern beurteilen.

Durch eine Schulung über Attributionstheorien wie die von Kelley, kann verdeutlicht werden wie naive Ursachenzuschreibungen vorgenommen werden und daß diese häufig voreilig und unkorrekt sind. Besonders die Erkenntnis aus McArthurs Untersuchung, daß komplexe Ursachenzuschreibungen wie Person x Entität - Attribution fast nie vorgenommen werden, verdeutlicht, wie mangelhaft Ursachenzuschreibungen in Alltagssituationen oft sind. In den meisten Fällen kann man davon ausgehen, daß Ursachen für ein Verhalten oder eine erbrachte Leistung nie in der Person oder in der Situation allein lokalisiert sind, sondern aus einer komplexen Interaktion aus Situations- und Personenfaktoren resultieren. Ein Training über Attributionsprozessen kann Beobachtungsfehler und voreilig vorgenommene Urteile bewußt machen und zumindest dafür sorgen, daß Vorgesetzte ihre Urteile intensiver überdenken und sich die Komplexität von Bedingungen, unter denen Verhalten zustande kommt, bewußt machen.

7. Kritik

Die Informationsabwägung, die nach Kelleys Kovarianzmodell für die Kovarianzanalyse notwendig ist, ist rein logisch und verlangt keinerlei psychisches Abwägen. In der empirischen Überprüfung des Modells von McArthur zeigte sich, daß Individuen hierzu jedoch nur begrenzt in der Lage sind. Besonders komplexere Attributionen, wie die Person x Entität-Attribution, wurde nicht nachgewiesen. Auch zeigte sich, daß Personen im Sinne der Perspektivendiskrepanz in der Fremdbeobachtung über- häufig, entgegen den Vorhersagen von Kelleys Modell, Personenattributionen vornehmen und situative und Umweltfaktoren offensichtlich vernachlässigen. Bedenkt man die methodischen Probleme von McArthurs Studie, ist zu erwarten, daß in der Realität die Effekte noch viel weniger im Sinne des Kovarianzmodells ausfallen und Personen noch mehr zum fundamentalen Attribuierungsfehler7 (Ross, 1977) neigen. Darüber hinaus sind Menschen in der Realität meist eher schlecht darin, Kovariationen zwischen Variablen aufzudecken und sehen vielmehr häufig Zusammen- hänge, wo keine bestehen (Illusionäre Korrelationen).

Kelley vertrat den Standpunkt, daß die Attributionsprozesse, die bei der Fremdwahrnehmung ablaufen, grundsätzlich identisch sind mit denen in der Selbstwahrnehmung (West u. Wicklund, 1985, S. 89) und postulierte die Gültigkeit seines Modells ebenso für die Selbstattribution. Die Selbstattribution wird aber häufig durch selbstwertdienliche Attribution (self-serving-bias) verzerrt (Stevens und Jones, 1967): Versuchspersonen neigen dazu, Mißerfolg externalen Faktoren zuzuschreiben und Erfolg sich selbst zuzuschreiben. Nach Kelley müßten Erfolg und Mißerfolg jedoch einfache Effekte sein, deren Attribution durch das Kovarianzmodell zu erklären sein müßten.

8. Literatur

Heckhausen, H. (1989). Motivation und Handeln. Berlin: Springer Kelley, H. (1971). Attribution in Sozial Interaction. Los Angeles: University of California Lindzey, G., Aronson, E. (1985). Handbook of Social Psychology. New York: Random House West, S.G., Wicklund, R.A. (1985). Einführung in sozialpsychologisches Denken, Weinheim: Beltz

[...]


1 Z.B. durch Einstellungsänderung. Nach Festingers Theorie der kongnitiven Dissonanz (1957) entsteht Dissonanz, wenn zwei kongnitive Elemente, die sich auf den selben Gegenstand beziehen, inkonsistent sind

2 Modell der korrespondierenden Schlußfolgerungen

3 Handlungs bzw. Zielgegenstände; können auch Personen sein

4 In der Fremdbeobachtung neigen Personen dazu, die Ursachen eines Verhaltens in der Person zu sehen, während sie situative oder umweltbezogene Informationen kaum beachten.

5 Versuchspersonen

6 Testverfahren zur Personalauswahl oder zur Personalförderung

7 häufige Überschätzung von Personenkräften in der Fremdbeobachtung.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Die Attributionstheorie von Kelley
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Autor
Jahr
1997
Seiten
18
Katalognummer
V95975
ISBN (eBook)
9783638086523
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Attributionstheorie, Kelley
Arbeit zitieren
Ziggy Lee (Autor:in), 1997, Die Attributionstheorie von Kelley, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95975

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