Sichtweisen und Anmerkungen zu der Aufführung des Theaterstücks "Der Drang" am Nationaltheater zu Mannheim


Referat (Ausarbeitung), 1998

5 Seiten


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Sichtweisen und Anmerkungen zu der Aufführung des Theaterstücks "Der Drang" am Nationaltheater zu Mannheim. Von Ralf Hofmann Auf den folgenden Seiten will ich meine Eindrücke, die sich beim Betrachten des Theaterstücks "Der Drang" bei mir festgesetzt haben, schildern. Dabei will ich auf das Stück selbst eingehen, d.h. was der Verfasser Franz Xaver Kroetz mit seinem gesellschaftskritischen, nennen wir es ruhig Drama, dem Zuschauer vermitteln wollte bzw. will. Zum anderen aber will ich die Inszenierung, Regiearbeit usw., am Nationaltheater in Mannheim kritisch unter die Lupe nehmen.

Der allgemeine Inhalt - die Rahmenhandlung des Stücks - ist schnell erzählt. Ein aus dem Knast entlassener Exibitionist bringt Unruhe in das so wohl behütete und gesellschaftskonforme Leben seiner Schwester und deren Mann. Der Kern des Stücks ist aber seine spezifische Dramaturgie und Szenentechnik - kurze Sequenzen. Deshalb ist der wesentliche Inhalt von "Der Drang" auch schwer zu beschreiben. Eines ist zumindest festzuhalten, die handelnden Personen unterziehen sich im Verlauf des Stücks einer Wandlung, vielleicht nicht immer so, wie der Zuschauer es am Ende erwartet, aber darin liegt ja auch eine gewisse Spannung, die durch die vielen kurzen Dialoge zwischen den vier Hauptdarstellern während des Stückes aufrecht gehalten wird.

Mit menschlicher Kraft setzten die Personen ihre Hoffnungen und Wünsche um. Otto, der Schwager des Exibitionisten, wird durch Mietzi, seiner Angestellten, wieder zum Mann, weil er wieder sexuell tätig sein darf. Seine Frau dagegen wird die Nebenbuhlerin Mietzi durch weibliche List wieder los, weil sie nicht bereit ist ihre Sehnsüchte, ein beschauliches Familienleben, dem Zugriff einer zerstörerischen Wirklichkeit preiszugeben.

Das Stück "Der Drang" bietet dem Zuschauer dadurch anspruchsvolle Theaterunterhaltung, die durch zum Teil etwas fehlplatziertem Humor bei an Bedeutung verliert. Daß dadurch wichtige Szenen verharmlost werden, muß man wohl eher Kroetz anlasten, als dem Regisseur. Trotzdem enthält "Der Drang" sarkastische und ironische Seitenhiebe auf unsere Gesellschaft, die es aber erst durch das aufmerksame zusehen und vor allem zuhören zu entdecken gilt. Deshalb ist das Stück bestimmt keine leichte Kost, denn der Zuschauer muß bzw. darf sich mit Ausformungen und Ausuferungen unserer Gesellschaft, wie z.B. Vorurteilen, Gewalt in der Ehe bzw. Gewalt allgemein, aber nicht nur körperlicher Gewalt, sondern und vor allem seelischer Gewalt, beschäftigen. Es ist kein Stück, bei dem man sich entspannt zurücklehnen kann, um sich von irgendwelchem Unterhaltungsmüll berieseln zu lassen.

Franz Xaver Kroetz beschreibt zu Beginn seiner Regieanweisungen stets die Personen, Ausehen usw., aber auch, wie das Aufführen seiner Stücke grundsätzlich zu handhaben ist. In allen Stücken die mir von Kroetz bekannt sind und das sind nicht wenige, unter anderem "Der stramme Max" oder "Mensch Meier" usw., weißt der Autor im Bezug auf die Sprache der Protagonisten deutlich darauf hin, daß der bayrische Dialekt im Außerbayrischen nicht nachzumachen ist. Orginalton Kroetz: "Der Sprache liegt der bayrische Dialekt zugrunde. Das heißt, das Bayrische hat Haltung, Denken und Fühlen der handelnden Personen beeinflußt. Darauf ist zu achten, nicht darauf, daß man im Außerbayrischen den Dialekt nachmacht." oder " Die Personen sprechen den bayrischen Dialekt. Es ist aber besser, sie sprechen hochdeutsch denn einen dümmlich nachgemachten Dialekt, der bloß die Figuren denunziert." Entweder hat der Regisseur, der dieses Stück am Mannheimer Nationaltheater umgesetzt hat, diese Anweisungen überlesen oder sie existieren bei diesem Theaterstück von Kroetz nicht - was ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen kann. Hochdeutsch wäre aber bei diesem Stück angebracht gewesen, um es deutlicher zu verstehen und nicht für ein gewöhnliches Volksstück alla Peter Steiner zu halten. Vor allem konnten wohl die meisten Zuschauer nicht den Spiegel erkennen, den uns Kroetz mit den Inhalten von "Der Drang" vorhalten wollte bzw. will. Die unqualifizierten Reaktionen des Publikums an manchen Stellen des Stücks bestärken mich in meiner Ansicht, daß die Intention von "Der Drang" bei den Besuchern teilweise nicht ankam. Ich denke da vor allem an die Szene, als Mietzi von Fritz, dem Exibitionisten, während und nach dem mißglückten Sexualakt zusammengeschlagen wird und es aus den Zuschauerrängen teilweise Gelächter hallte. Wenn man böswillig argumentieren will, kann man dem Publikum eigentlich gar keinen Vorwurf machen, sondern muß dies dem Regisseur ankreiden. Denn durch den künstlichen bayrischen Dialekt wirkten die beiden Schauspieler lächerlich und darunter litt die ganze Szene. Der Dialekt hat die Beiden denunziert und zu einer Lachnummer verkommen lassen. Der Regisseur hat durch das Anwenden des bayrischen Dialekts versäumt, dem Stück die intellektuelle Note zu verpassen, die es eigentlich verdient hat.

Aus der Feder von Franz Xaver Kroetz entstammen keineswegs bayrische Volksstücke die zur Belustigung der Leute dienen sollen. Ganz im Gegenteil, Kroetz schildert auch in "Der Drang" charakteristische Situationen im Alltag "kleiner Leute". Er zeigt auf, wie Personen durch den Einfluß der Gesellschaft, in der sie leben, psychisch verkrüppeln und zunehmend einem Aroganz-Wahn verfallen. Otto zum Beispiel ist so von Vorurteilen gegenüber allem und jedem zerfressen, daß es dem Zuschauer überdeutlich werden muß. Oder nehmen wir Mietzi, sie stellt einen Charakter dar, der keine eigene Meinung besitzt und nicht weiß was er will. Selbst bei der Frage, ob sie beim Geschlechtsverkehr einen Orgasmus hatte, muß sie Otto, der im Verlauf des Theaterstückes eine Affäre mit ihr hat, zitieren: "Der Otto hat gsagt, ich hab nen Orgasmus ghabt." Bei seinen Ausführungen bleibt Kroetz immer sehr allgemein und auf kleiner Ebene, er beschreibt eben das Leben des "kleinen Mannes". Auch die Namen der handelnden Personen sind äußerst gewöhnlich. Dies zeigt wieder, daß es sich bei den Personen um ganz "normale" Leute aus unserer Gesellschaft handelt - eben wie du und ich. Da wären wir wieder bei dem Spiegel, den uns Kroetz vorhält. Keiner der Zuschauer ist besser oder schlechter als einer der Personen in dem Theaterstück "Der Drang". Wenn ich auch nicht glaube, daß dies jeder verstanden hat, der sich im Einflußbereich der Intention des Stückes befand. Dies würde so manche Reaktion aus dem Publikum erklären - aber vielleicht sollte man manchen den Zutritt zu einem Theater verwehren. Denn wer das Anliegen des Autors, in dem Fall Kroetz, nicht versteht, der kann auch Nichts für sich persönlich aus der Aufführung herausziehen und stört nur die, welche ein wirklich offenes Ohr für die Hintergründe und die Abgründe, die sich in dem Theaterstück "Der Drang" auftun, haben.

Ich glaube auch, daß die vom Bühnenaufbau her technisch aufwendige Inszenierung mit dazu beigetragen hat, daß so manche Szene beim Zuschauer nicht richtig rüber gekommen ist. Es war eine nette Idee, die Bühne wie ein Wetterhäuschen zu gestalten, aus dessen beiden Türen sich die Hauptdarsteller und die Requisiten auf einer Drehscheibe immer wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, herausdrehten. Wie gesagt eine nette Idee, mehr aber auch nicht. Technische Spielereien können nämlich vom wesentlichen beim Theater - den Dialogen ablenken.

Apropos Ablenken, da wären wir bei der Musik, die zur Überbrückung der Szenenwechsel immer wieder eingespielt wurde. Spätestens nach der dritten Einspielung begann diese musikalische Untermalung zu nerven. Vor allem eine Art Marschmusik, die ab und zu, aber leider immer wieder ertönte war nichts anderes als ein musikalisch nichtsnutziges und primitives Dröhnen. Dadurch, daß aufgrund der technischen Möglichkeiten, der Umbau für die einzelnen Szenen recht zügig von statten ging, hätte sich der Regisseur diese Maßnahme sparen können. Er hat damit lediglich erreicht, daß sich so mancher genervt fühlte und damit vom Wesentlichen abgelenkt wurde.

Um noch einmal auf den technisch aufwendigen Bühnenaufbau, vor allem den drehbaren Bühnenaufsatz, zurückzukommen. Mich interessiert ehrlich gesagt, wie das Stück in einem kleineren Theater, das nicht über die Mittel des Mannheimer Nationaltheaters verfügt, umgesetzt worden wäre. Denn ohne diese Möglichkeiten hätte man das Theaterstück "Der Drang" sicherlich anders anpacken müssen. Vielleicht wären dann die einzelnen

Szenen intensiver beim Publikum angekommen, weil die Dialoge dann sicherlich noch mehr in den Vordergrund gerückt wären. Somit hätte sich vielleicht die eine oder andere seltsame Reaktion der Zuschauer vermeiden lassen.

Ich will jetzt aber die Gestaltung des Bühnenbildes nicht gänzlich verdammen. Denn eines wurde sicherlich erreicht, der Umbruch zwischen den vielen einzelnen Szenen und Orten der Handlung wurde mit Hilfe der Bühnentechnik immer rasch vollzogen. Dies bedeutete, daß die fließende Handlung des Stückes nie störend unterbrochen wurde. Bedenkt man, daß das Stück von seinen immer wieder wechselnden kurzen Sequenzen lebt, ist es sicherlich nicht leicht den Fluß zwischen diesen Sequenzen immer aufrecht zu halten, was aber bei der Inszenierung am Nationaltheater in Mannheim gut gelungen ist - allerdings zu Lasten der einzelnen Dialoge, die dadurch leicht in den Hintergrund gedrängt wurden, wie ich finde.

Ob man den Schwerpunkt auf eine flüssiger Handlung oder auf die Dialogen legt, oder gar einen Mittelweg einschlägt, hängt sicher auch davon ab, wie der Regisseur das Stück interpretiert. Ob als einfaches Volksstück, das lediglich der Unterhaltung dient, was es meiner Meinung nach nicht ist, oder als ein äußerst gesellschaftskritisches Theaterstück, gespickt mit Seitenhieben auf das soziale Umfeld, mit dem wir uns umgeben. Der Regisseur in Mannheim hat das Stück "Der Drang" wohl mehr als ein zur reinen Unterhaltung dienendes Theaterstück verstanden.

Mit der Möglichkeit einer sich drehenden Plattform hätte man auch Veränderungen bzw. Gefühlszustände der handelnden Personen herausstellen können - diese Chance wurde aber, wie ich finde, nicht wahrgenommen. Denn als sich Otto und Fritz zum Schluß von Mietzi losgelöst haben, drehen sie auf dem Rondell ihre Runden. Aber für den Zuschauer ist keine eindeutige Richtung zu erkennen. Die Schauspieler wechseln die Laufrichtung ständig. Einmal lassen sie sich von der Drehscheibe mit ziehen, ein anderes mal laufen sie gegen die Drehrichtung an. Es ist nicht ersichtlich, ob sie jetzt gegen den Strom ankämpfen oder sich von diesem treiben lassen. Es kann natürlich sein, daß der Regisseur darauf hinweise will, daß die Beiden unsicher und hin und her gerissen sind

- was ich eigentlich zu diesem Zeitpunkt vom Gefühlsleben der Beiden nicht glaube. Otto und Fritz wissen meiner Meinung nach in dieser Szene genau was sie wollen, was auch der Schluß des Stückes letztendlich zeigt, wie ich finde. Fritz zieht es in die Ferne und Otto kehrt endgültig zu seiner Frau zurück.

Wenn man sich das Stück im Ganzen betrachtet, fällt auf, daß die Pause, wie ich finde falsch plaziert war. Denn bei der letzten Szene vor der Pause war der erste Teil des Theaterstücks noch nicht ganz vollzogen. Erst zwei Szenen nach der Pause ist endgültig klar, daß die Ehefrau ihren Mann an Mietzi verloren hat. Ab hier beginnt dann das Bestreben der Ehefrau ihren Mann wieder für sich zu gewinnen. Deshalb fände ich es für dramaturgisch sinnvoller, die Pause erst nach diesen beiden Sequenzen zu setzen, weil erst dann der erste Teil des Stückes beendet ist.

Die Szene, in der die Ehefrau Mietzi umbringt, sie glaubt es zumindest im ersten Moment, wird von der Schauspielerin etwas lieblos interpretiert. Sie ist nicht in der Lage die Emotionen, die in dieser für den Ausgang der Handlung nicht unbedeutenden Sequenz liegen, dem Publikum näher zu bringen.

Dies sind natürlich nur noch Kleinigkeiten, die mir beim Betrachten der Aufführung noch aufgefallen sind. Aber sie summieren sich am Ende zu einem Gesamteindruck, der deswegen nicht nur positiv ausfallen kann.

Durch die spezifische Dramaturgie, die im Stück selbst durch die spezielle Szenentechnik in Form von sehr kurzen Sequenzen herrscht und bei der Inszenierung flüssig umgesetzt wurde, wird das Theaterstück interessant und unterhaltsam. Man sollte sich auch nicht an den für manchen etwas derben Ausdrucksformen und Darstellungsformen, wie etwa beim Geschlechtsverkehr, abschrecken lassen. Sie sind lediglich ein Stilmittel um die Wirklichkeit der Alltagssituationen möglichst real abzubilden und um dem Stück dadurch zu ermöglichen, gesellschaftskritisch zu sein. Die Kritik an der Gesellschaft, die Kroetz mit dem Theaterstück "Der Drang" sicherlich anbringen will, wird bei der Inszenierung des Stückes am Nationaltheater in Mannheim allerdings nicht deutlich genug herausgestellt. Grund hierfür ist, daß so mancher Dialog unter dem Eindruck von viel schmückendem Beiwerk verblaßt. Deshalb bin ich der Meinung, daß es sich bei der Aufführung um modernes Volkstheater mit einigen anspruchsvollen Wesenszügen handelt, das seine Vorzüge auch aus der Aktualität des Stückes zieht.

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Details

Titel
Sichtweisen und Anmerkungen zu der Aufführung des Theaterstücks "Der Drang" am Nationaltheater zu Mannheim
Autor
Jahr
1998
Seiten
5
Katalognummer
V96014
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sichtweisen, Anmerkungen, Aufführung, Theaterstücks, Drang, Nationaltheater, Mannheim
Arbeit zitieren
Ralf (Autor), 1998, Sichtweisen und Anmerkungen zu der Aufführung des Theaterstücks "Der Drang" am Nationaltheater zu Mannheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96014

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