Das Höhlengleichnis Platons und die personal-transzendentale Pädagogik


Seminararbeit, 1997

15 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Höhlengleichnis des Platon

3. Personal-transzendente Pädagogik
3.1. Begriff der Person
3.2. Das Transzendentale

4. Verbindungslinien

5. Eine Art Zusammenfassung

6. Literaturangaben

1. Einführung

Eine in sich geschlossene, auch nur andeutungsweise erschöpfende Interpretation vom Höhlengleichnisses des Platon, in welchem der griechische Philosoph den „Bildungsgang des Philosophen“ (Pol. 514a - 518b) beschreibt, ist nicht meine Intension und würde den Umfang dieser Arbeit bei weitem sprengen; nach H. SCHNÄDELBACH „könnte (man) die ganze Philosophiegeschichte auch als Geschichte“ der Interpretation dieses Gleichnisses schreiben ( 1994, S.51). Dies will ich nicht.

Ich möchte nur untersuchen, in welchen Teilbereichen sich bei der heute diskutierte Theorie der personal-transzendentale Pädagogik Verknüpfungen zu den Gedanken des Platon ergeben.

Dazu wird das Höhlengleichnis kurz dargestellt und in den für die Untersuchung wichtigen Aspekten analysiert, des weiteren wird die personal-transzendentale Pädagogik in den ihr zu Grunde liegenden Begrifflichkeiten erläutert, um sodann die Verbindungen zu Platon zu knüpfen.

2. Das Höhlengleichnis des Platon

(Pol.514a-518b, eine sehr plastische Anschauung enthält KUNZMANN/ BURKARD/ WIEDMANN, 6. Aufl. 1996, S. 40f)

Platon bietet in seinem Gleichnis zunächst folgendes Bild:

Die Menschen, in einer unterirdischen Wohnung, einer Höhle lebend, in ihrer körperlichen, (tierhaften) Natur gefesselt; gefesselt auch in ihrer kindlichen, eingeschränkten Wahrnehmung und den Glauben über diese ihre Welt. Die Welt der „sprechenden Schatten“ auf der zu beobachteten Höhlenwand, nichts anderes sehen und hören die seit der Kindheit Gefesselten, dies und nur dies können die so eingeschränkt Erkennenden als das Wahre ansehen.

Platon entwickelt für die Menschen „die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande“ (Pol. 515c): einer wird von seinen Fesseln befreit und gezwungen, „sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehen und,..., jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah“ (Pol. 515d). Auf einem mühseligem Weg wird der so Befreite immer weiter dem Seienden entgegen gebracht. Die Grenze (Mauer) überschreitend, vorbei an den Gefäße tragenden, miteinander sprechenden Menschen, auch das lichtgebende Feuer ist nur eine Durchgangsstation in einem erzwungenem Prozeß der Erkenntnis. Er wird, auch mit Gewalt, diesen unwegsamen und steilen Aufstieg zum Licht geschleppt, um nach einer schmerzhaften und nicht nur wegen der Leuchtkraft notwendigen Gewöhnungszeit, die Sonne selbst als alleinige Ursache und ordnende Kraft für alle Zeiten und Räume zu erblicken.

Und kehre der so Erleuchtete nun zu seinen, noch immer gefesselten Mitmenschen zurück, würde er in der Dunkelheit nicht mehr viel sehen können und würde ob seiner Unbeholfenheit ausgelacht werden. Und, da man da oben, in der Nähe des Lichts ja anscheinend nur sich die Augen verderben kann, lohne es nicht nur, nicht nach oben zu gehen, „sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen“ (Pol.517a) .

Der Mensch will wohl lieber „gefesselt“ in seiner gewohnten „Wohnung“ der Vorurteile, des als wahr Erkannten, des Glaubens bleiben, als die - fast immer als schmerzhaft erlebte - Veränderung durch Lernen auf sich zu nehmen.

Der Weg nach oben, mühsam , langwierig und qualvoll, der Aufstieg zum Licht ist für Platon der „Aufschwung der Seele in die Gegend der Erkenntnis“ (Pol.517b) und das Höchste, das zuletzt und nur unter Schwierigkeiten Erkennbare ist die Idee des Guten.

Wenn auch der von seinen Fesseln befreite, langsam die Stufen der Erkenntnis heraufsteigende Mensch diese Idee des Guten sieht, ist ihm sofort bewußt, daß diese Ursache von allem „Richtigen und Schönen“ ist, „ im Sichtbaren das Licht und die Sonne, von der dieses abhängt,.., im Erkennbaren aber sie allein als Herrscherin Wahrheit und Vernunft“ hervorbringt, „ und das also diese sehen muß, wer vernünftig handeln will“ (Pol.517b-c).

Das Wissen um die Dinge, der göttliche Funke, die Ahnung von der Idee des Guten, hat der Mensch bereits in sich. Das Gute ist für den Menschen nicht konkret erfaßbar, beschreibbar, unmittelbar einsehbar; es bedarf eines schwierigen Erkenntnisprozesses (Aufstiegs), um in seine Nähe zu kommen und verschwommen, schattenhaft die Umrisse erkennen zu können. Aber es ist ein dem Menschen grundsätzlich innewohnendes Vermögen, mit seiner gesamten Seele das Gute, Richtige, Wahre, Vernünftige und Schöne zu erkennen und aushalten zu können. Und wer dies so erkannt hat, handelt auch gut.

„Dieses also, was dem Erkennbaren die Wahrheit mitteilt und dem Erkennenden das Vermögen hergibt,...sei die Idee des Guten Ebenso sage auch, daß dem Erkennbaren nicht nur das Erkanntwerden von dem Guten komme, sondern auch das Sein und Wesen habe es von ihm, obwohl das Gute selbst nicht das Sein ist, sondern noch über das Sein hinausragt“ (Pol.508d- 509b).

Die Idee des Guten begründet damit „sowohl den Sinn alles Seienden als auch der menschlichen Erkenntnis, indem sie vermittels der Ideen alles, was ist, einschließlich der menschlichen Vernunft, seinem Wesen nach so bestimmt, wie es sein soll, und das bedeutet, daß sie es in seinem Gutsein bestimmt.“(PIEPER, 1994,S.273).

Allerdings, das Gute liegt außerhalb des Menschen und hat „als das Gesollte ein absolutes, ideales Sein“ (DICKOPP, 1994, S.135); der Mensch kann sich diesem nur nähern, es jedoch nicht erreichen.

Erziehung ist für Platon hierbei die Umlenkung der Seele, hin zur Idee des Guten, hin zur Verwirklichung des schon im Menschen vorhandenen Vermögens.

Aber, da der Mensch wegen seiner Fesselung in der „Höhle seiner Vorurteile“ nicht so recht wissen kann, wohin das Vermögen seiner Seele solle, komme es darauf an, dieses Sollen zu erleichtern, die Richtung zu zeigen, den Weg zu ermöglichen, Hebammendienste zu leisten.

Die Leistung des Aufstiegs vollbringen muß und kann nur der einzelne Mensch. Er muß und kann dazu die richtige Wahl treffen.

Dies erfordert ein Wollen, ein Wollen für den Aufstieg zum Licht. „Der Mensch ist nach Platon nur ganz Mensch, wenn er über seine Menschlichkeit hinauswill“ (KUHN, 1966, S.295), wenn er also seine menschlichen Fesseln abstreift, zur Idee des Guten strebt und seiner eigentlichen Bestimmung entspricht.

3. Personal-transzendentale Pädagogik

Die von Karl-Heinz Dickopp vertretende personal-transzendentale Pädagogik ist eine von vielen Ansätzen, in denen versucht wird, die Fragen, Probleme , Grundlagen und Normen von Bildung und Erziehung des Menschen und die Erziehungswirklichkeit zu erfassen, zu durchdringen, zu klären , zu entwickeln und zu begründen.

Wenn man sich die sicherlich nicht vollständige „Wissenschaftstheoretische Landkarte“ (MEYER, 1987) vor Augen hält und nachvollzieht, wer, wo, wann, bei wem studiert hat, von wem beeinflußt wurde, welcher „Denkschule“ sich verpflichtet sah (W. DILTHEY - H. NOHL - E. WENIGER - W. KLAFKI) oder begründete ( HERBARTIANER / NEUKANTIANER u.a. ), dann wird die Vielschichtigkeit der Frage nach Erziehung, Bildung und deren theoretischer Grundlegung deutlich. Mit dieser Übersicht wird die Vielzahl von Gedankenansätze sichtbar. Selbst innerhalb der von W. Dilthey geprägten geisteswissenschaftlichen Pädagogik sind so viele Unterschiede zwischen den Vertretern vorhanden, daß nicht von einer „in sich geschlossenen geisteswissenschaftlichen Pädagogik“ ( LASSAHN, 1991, S. 24) gesprochen werden kann. Wenn man weiterhin die sich aus den Theorien ergebenen, sehr unterschiedlichen Lehrmeinungen über Erziehungswissenschaften im Allgemeinen oder der Kommunikativen-, Bildungstheoretischen-, Lerntheoretischen-, Lernzielorientierten- oder Kritisch-konstruktiven Didaktik sowie gemischten Theorien, Positionen, Methoden und Modelle (vgl. KÖNIG/ RAMSENTHALER, Hrsg., 1980, SCHALLER, Hrsg. 1979, GUDJONS/ TESKE/ WINKEL, Hrsg. 1991 und BORELLI/ RUHLOFF,Hrsg. 1993/1996) im Besonderen betrachtet, dann kann leicht erkannt werden, daß eine grundlegende Darstellung und Diskussion der personal- transzendentalen Pädagogik und deren Abgrenzung zu anderen Theorien im Rahmen dieser Arbeit nicht erfolgen wird.

In den folgenden Abschnitten beschränke ich mich deshalb auf die kennzeichnenden Aspekte der personal - transzendentale Pädagogik; der Person und des Transzendentalen.

Ausgangspunkt ist eine personal-transzendentale Pädagogik, die das Ziel verfolgt „Erziehung und Bildung an der Wirklichkeit des Menschen zu orientieren. Die Erörterung des Personalen differenziert die Wirklichkeit als ein Zugleich von absolut-unendlichem und relational-endlichem Sein. Die Erörterung des Transzendentalen erläutert diese Wirklichkeit speziell unter dem Gesichtspunkt der Autonomie bzw. Autarkie, der Freiheit und der Unendlichkeit des Menschen. Diese menschlichen Grundideen sind unerläßliche Voraussetzungen für die Erziehung und Bildung des Menschen, “ (DICKOPP, 1993, S.85).

Die Grundlegung dieser normativen (im Sinne R. LASSAHN 1991, S.21), prinzipienwissen- schaftlichen Pädagogik ist im Apriorischen, dem aller Erfahrung und Beobachtung Vorausliegenden. Grundsätzlich kommt dem Menschen eine allgemeine menschliche Grundverfaßtheit zu, die über die zu beobachteten, zeitlich und räumlich bestimmbaren Wirklichkeit, über dem Aposteriorischen, hinausgeht und ihn in seiner Subjektivität, als Individuum und als Person konstituiert. Für jede einzelnen Menschen wird vorausgesetzt, daß ein Zugleich von eigenem, gegenwärtigem, konkretem, einmaligem Sein und einem generellen, allen „Menschen als Person verbindenden und bestimmenden Sinn- und Sollensanspruch“ (DICKOPP, 1994, S.88) gegeben ist. Der dem menschlichen Sein innewohnenden Sinn und das Sollen ist in dem Begriff der Person zugrundegelegt.

In diesem Sinne ist Personalität die Bedingung der Möglichkeit erzieherischen Denkens und Handelns; sie ist der begründende Grund, nur der Reflexion zugänglich und als Vorgegeben anzunehmen.

Damit hat das Personale als anthropologische Leitlinie einen transzendentale Qualität, mit der Folge, daß „jede personale Pädagogik zugleich auch eine transzendentale Pädagogik“ ist (DICKOPP, 1994, S.88).

Mit dieser anthropologischen und transzendentalphilosophischer Sichtweise sind für die konkrete Eziehungswirklichkeit Vorentscheidungen getroffen:

„- Erziehung konzentriert sich auf das Hervorkommen des einzelnen als Person.
- Der einzelne ist aufgrund seiner Personalität Ort der Begründung seines eigenen Denken und Handelns“ (DICKOPP, 1994, S. 87).

3.1. Begriff der Person

Der Begriff stammt aus dem Bereich des Theaters und bezeichnete als lat. Wort persona ursprünglich die Maske des Schauspielers, den maskentragenden Schauspieler, aber auch den dargestellten Charakter oder die zu spielende Rolle ( vgl. THEUNISSEN, 1966, 480ff). Heute, etwas differenzierter:

Die Person als Bezeichnung für: (vgl. HÜGLI/LÜBCKE, 1997)

⇒ das Ich

⇒ das Selbst

⇒ das Subjekt mit

- Bewußtsein und Selbstbewußtsein,
- einem Körper,
- einer erkennenden und handelnden Beziehung zu seiner Umwelt, auch zu andere Personen
- einer individuellen Geschichte, und daraus resultierend, mit ihm eigenen Anlagen, Haltungen, Wissen, Können, Charakterzügen, Meinungen und Erkenntnissen über sich und die Welt

⇒ versehen mit

- Vernunft,

- ethischer Verantwortung für seine Handlungen,

- freiem Willen (die Freiheit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden),

- einem Verhältnis zu Gott oder zum Göttlichen,

- persönlichen Menschenrechten.

Dies sind einige Inhalte, die den Begriff „Person“ in seiner Vielschichtigkeit beschreiben.

Theunissen stellt fest, die „Mannigfaltigkeit der Bedeutung des Personenbegriffs ist so verwirrend, daß man von der personalen Anthropologie, .., gar nicht sprechen kann.“ (1966,S.461) und „ worin ...die Personalität des einzelnen Menschen liege, vermag keine von ihnen ( die mit dem Personenbegriff operierenden Anthropologien) eine für alle verbindliche Auskunft zu geben (1966, S. 462). Bei seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem anthropologischen Personenbegriff in der Philosophie ermittelt Theunissen im wesentlichen drei unterschiedliche Positionen.

Das Personale als radikales relationales Sein; „das Sein der Person ist ein Sein in und aus der Beziehung“ (1966, S. 463). Die Person ist hierbei auf das Vorhandensein anderer, auf den Dialog, der Interaktion mit anderen Personen in der menschlichen Gesellschaft angewiesen und wird ausschließlich dadurch bestimmt. Die Person ist aus dieser Sicht ohne die Erfüllung diese Bedingungen nicht denkbar, nicht existent.

Die beiden anderen Positionen beinhalten die Absolutheit der Person in ihrem Sein, wobei unterschieden wird in etwas „Autonomes“ und etwas „Autarkes“. Das Autonome, das „für - sich - Sein“ sowie das qualitativ anders zu bewertende autarke „Durch-und-aus-sich Sein“. Beide Formen bedürfen grundsätzlich nicht eines anderen Seins, um den Menschen als Person zu bestimmen; eine wie auch immer geartete Abhängigkeit ist nicht vorhanden.

Trotz der hier angeführten strengen Trennung zwischen dem relationalem Sein und der Absolutheit der Person stellt Theunissen bei seiner Betrachtung der Personentheorien fest, daß man bei dem Letzteren sehr wohl „ das personale In-Beziehung -Sein thematisieren kann, solange man der Relationalität keine konstitutive Bedeutung einräumt.“ (1966, S. 463)

In der Philosophiegeschichte wurde (vor nun schon 30 Jahren) nach Theunissen (vgl. 1966, S. 472f) bezüglich des Personenbegriffes im Grundsatz über drei Aspekte nicht mehr gestritten:

Die Person zeichnet sich aus durch

- Freiheit,
- Einheit,
- wesentliche Verbindung zur Welt.

Eindeutige und allgemein anerkannte Aussagen über Inhalte dieser Aspekte und deren Begrifflichkeit gibt es nicht; dies ist auch nicht zu erwarten.

Mit der Beschreibung des personalen Seins als ein absolutes und relationales Sein hat sich u.a. Romano Guardini auseinandergesetzt ( Welt und Person, 5. Aufl. Würzburg, 1962). Er unterscheidet hierbei vier Schichten in dem Aufbau der Person.

1) Person bedeutet bei ihm zunächst „soviel wie Gestalt“(1962, S. 110).

Dies beinhaltet, daß nicht nur die Formen, sondern auch, daß die Zusammenhänge und Funktionen darunter verstanden werden müssen. „In diesem Sinne sind alle benennbaren Gegebenheiten Gestalten“ (1962, S. 110) und „indem der Mensch Gestalt ist, steht er ; als Ding unter Dingen.“ (1962, S. 111)

2) Die Individualität als zweite Schicht des Personenbegriffs wird durch die Lebendigkeit bestimmt. Der Mensch schafft sich aufgrund seiner Wahrnehmung eine, seine eigene Umwelt, grenzt sich zwar auch gegenüber anderen Individuen ab, bedarf jedoch andererseits der dynamischen Beziehung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen.

3) Die dritte Schicht des Personalen Seins wird von Guardini als „Persönlichkeit“ bezeichnet. Sie beinhaltet Gestalt und Individualität, aber nur dann, wenn „sie vom Geiste her bestimmt ist“ (1962, S. 115). Die Persönlichkeit ist sich seiner selbst bewußt, hat einen Willen und schafft sich aus seiner geistigen Innerlichkeit heraus durch bewußtes Handeln „aus der Naturwelt eine Werkund Tatwelt“ (1962, S. 117).

4) Von einer Person im eigentlichen Sinne spricht Guardini erst dann, wenn sie Gestalt, innerlich bestimmte Individualität und geistig-schöpferische Persönlichkeit besitzt und auch noch „ ...in sich selbst steht und über sich selbst verfügt.

>>Person<< bedeutet, daß ich in meinem Selbstsein von keiner Instanz besessen werden kann, sondern mir gehöre

Person bedeutet, daß ich von keinem anderen gebraucht werden kann, sondern Selbstzweck bin

Person bedeutet, daß ich von keinem Anderen durchwohnt werden kann, sondern im Verhältnis zu mir selbst mit mir allein bin;

von keinem Anderen vertreten werden kann, sondern für mich stehe;

von keinem Anderen ersetzt werden kann, sondern einzig bin.“(1962, S. 121ff)

In dieser Schicht des Aufbaus des personalen Seins hat die Person durch seinen Geist ( in der augustinischen Definition des Geistes. vgl. 1962. S. 124f) auch Zugang zu dem Wahren und Guten.

Dem Geist innewohnend und untrennbar verbunden sind Werte, die GuardinI als „ die Wirklichkeiten und Normen , welche die Person gewährleisten.“ (1962, S. 126) bezeichnet: Gerechtigkeit und Liebe.

Der Mensch als Person hat Zugang zu einem Ordnungssystem, das die Anerkenntnis der Normen und die Bereitschaft zur Wahrung dieser Ordnung beinhaltet, und ohne diesen er als Person nicht gedacht werden kann. In „Eigenständigkeit des Seins und Anfangsmächtigkeit des Handelns“ ( 1962, S. 126) hat die Person die Macht, sich auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe einzulassen.

Mit dem so erkannten personellem Sein ist immer auch „ein Sollen als sittliche Grundhaltung verbunden Das Personale ist jenes Sein, in dem Seinsprinzipien zugleich auch sittliche Prinzipien sind.“ (DICKOPP, 1994, S. 110). Aus diesem Verständnis heraus besitzt jeder einzelne Mensch grundsätzlich die in ihm vorhandene Fähigkeit, sittlich zu handeln. Er kann Gut und Böse nicht nur unterscheiden, sondern hat auch das Vermögen sich für das Bessere, das Gute zu entscheiden.

Die personal-transzendentale Pädagogik hat die Person in dem Zugleich von absoluten Sein und relationalem Sein , in dem Zugleich des Absolutem in dem Individuum und dem Relationalem im Zwischenmenschlichen, zur Grundlage ihrer Konzeption gemacht.

Jedem einzelnen wird ein eigenständiges, absolutes Sein zuerkannt; als Person ist der Mensch andererseits aber auch nicht denkbar, ohne die Beziehung zu der Mitwelt.

Aus dieser Grundbestimmung des Personalen folgt für die personal-transzendentale Pädagogik: · Der Mensch ist autonom, kann Gut und Böse unterscheiden und hat die Freiheit und sittlich begründete Fähigkeit, sich dem Guten als dem Besseren zuzuwenden.

- Der Mensch ist wegen der ihm innewohnenden Selbstermächtigung des einzelnen für sein Denken und Handeln selbst verantwortlich.
- Das Wissen um das Gesollte ist bereits in Menschen vorhanden. Das Gesollte ist im Personbegriff enthalten: in normativen Selbstermächtigung Selbstbestimmung, Mündigkeit, Freiheit, Verantwortung, Mitmenschlichkeit, also Humanität, oder mit den Begriffen von Guardini: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu realisieren.
- Für die Verwirklichung dieses Gesollten wird unterstellt, das „alle Wirklichkeit eine geordnete, sinnhafte, auf Verwirklichung des Guten und Wahren hin ausgerichtete“ sei (DICKOPP, 1994, S. 110).
- In der Absolutheit der Person ist auch manifestiert, daß der Mensch durch bestimmende Einwirkung von Außen, durch Erziehung nicht entwickelt werden kann. In ihm ist apriorisch immer schon das Wissen um Menschlichkeit und auch immer das Streben, mit seinen Möglichkeiten, diese Humanität zu verwirklichen, vorhanden.
- Damit muß Erziehung des Menschen ein Hinführen zu seiner eigenen Menschlichkeit sein, eine Hilfestellung, eine Unterstützung zur in ihm schon angelegten Selbstverwirklichung als sittlich denkender und auch so handelnder Mensch.

3.2. Das Transzendentale

Das lateinische Wort „transcedere“ bedeutet auf deutsch: übersteigen. (vgl. HOLZHEY, 1979, S. 7ff). In dem hier betrachteten Zusammenhang ist transzendieren ein Begriff aus der Philosophie und beinhaltet die aktive Tätigkeit der Grenzüberschreitung, das Verlassen des Beobachtbaren, des Gegenständlichen, auf etwas jenseits dieser Grenze Liegenden hin; dem Transzendenten. In der mittelalterlichen Philosophie war das Transzendente, jenseits des Weltlichen: Gott. Alles Sichtbare, Erfahrbare, alle Erkenntnis in dieser Welt hat einen göttlichen Ursprung. Dieser bestimmt das Denken und Handeln des Menschen in dieser Welt, ist aber nicht von dieser Welt. Damit ist das Transzendente nicht sichtbar, nicht analyiserbar, nicht beweisbar, etwas, was aller Erfahrung vorausgeht, diese jedoch eindeutig bestimmt.

Die neuzeitlichen Philosophie nach Descartes und Kant verweist nicht mehr auf etwas Göttlichem als nicht mehr hinterfragbaren Erkenntnisgrund hin, sondern erkennt das Bewußtsein, die Vernunft, die geistige Verfaßtheit des Menschen selbst als das Transzendente. Descartes Anfangsfrage „Was kann ich wissen?“ und die von ihm erkannte einzig sichere Antwort „cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) weist auf das Bewußtsein des Menschen hin (vgl. SCHNÄDELBACH, 1994, S.59 ff, auch HÜGLI/ LÜBCKE, 1997, S.140ff) .

Kant (vgl. HÜGLI/ LÜBCKE, 1997, S. 333ff) unterscheidet zwei Arten von Erkenntnis, die aposteriorischen und der apriorischen. Aposteriorische Erkenntnis wird in der Empirie auf der Grundlage des menschlichen Wahrnehmungsvermögens in räumlich - zeitlichen Dimensionen gewonnen. Die sinnliche Wahrnehmung wird jedoch a priori, vor aller Erfahrung, (vgl. EISLER, 1994, S. 38ff) bestimmt durch die Erkenntnisart. Raum und Zeit z.B. sind Formen der Anschauung menschlicher Erkenntnis, sie bestimmen das Gegenständliche, Sichtbare, sind jedoch nicht Teil der durch den Menschen erfaßbaren Welt. Das bedeutet, daß für das Wahrnemen des Sichtbaren Bestimmungsfaktoren vorgegeben sind, die vor aller Erfahrung, das, was wir wahrnehmen, grundlegend bestimmen.

Mit diesem, die Grenzen der sinnlichen erfaßbaren, gegenständlichen Welt überschreitenden Bereichs, befaßt sich die Transzendentalphilosophie.

Die Nutzung der transzendentalen Methode, als ein Teilbereich dieser Philosophie und als reflektierendes Denken über die Grundlagen des Denkens und Erkennens durch den Menschen verstanden, ist für die personal-transzendentale Pädagogik Voraussetzung. Sie stellt die konkrete Erziehungswirklichkeit unter einem diese Wirklichkeit selbst begründenden Anspruch, „ der in einer generellen Sicht des Menschlichen und seiner konstutiv-ontologischen Gerundverfaßtheit beruht.“ (DICKOPP, 1994, S. 91).

„Etwas transzendental angehen heißt, nach den apriorischen Bedingungen der Möglichkeiten zu fragen, und zwar der Möglichkeit von etwas, das uns als Anspruch und Aufgabe entgegentritt“ (DICKOPP, 1993, S. 87).

Die apriorische Bedingung: Die in dem Personbegriff beinhalteten Bestimmungsgrößen für das menschliche absolute Sein.

Der Anspruch: In Freiheit und normativer Selbstermächtigung das Gute als das Bessere zu wählen sowie im Denken und Handeln zu verwirklichen.

Die Aufgabe (des Erziehers): Für sich selbst dem Anspruch gerecht werden und dem zu Erziehenden Hilfestellung und Unterstützung für seine Hinwendung zu seinem menschlichen Sein zu geben.

Das Zugleich des absoluten und des relationalen Seins der Person in der personaltranszendentalen Pädagogik beinhaltet aber, daß für die Erklärung des Relationalen eine transzendentale Methode ungeeignet ist. Zu Erkenntnisse über das endliche, zeitlich-räumlich sichtbare, bestimmbare Sein, den zwischenmenschlichen Bereich, zu den die konkrete Erziehungswirklichkeit bestimmenden Regeln, Formeln und Prinzipien, gelangt man unter Verwendung der induktiv vorgehenden hermeneutischen Methode.

4. Verbindungslinien

Zwischen den philosophischen Gedanken des Platon im Höhlengleichnis und der Bestimmungsgrößen der personal-transzendentalen Pädagogik sind eine Vielzahl von Ähnlichkeiten vorhanden.

Zum Beispiel:

⇒ Bei Platon:

Erziehung als Kunst der Umlenkung der Seele

Dem Menschen ist bei seinem Aufstieg zur Erkenntnis auch bei Platon nur Hilfestellung und Unterstützung zu geben, denn alles was er zum „Philosophen“ benötigt, ist in ihm bereits angelegt. Der Erzieher kann nur „Hebammendienste“ leisten

- In der personal-transzendentale Pädagogik:

Das Wissen um das Gesollte, der Humanität und das Bestreben, diese für sich selbst und seine Mitwelt zu erreichen, ist mit dem bestimmenden absoluten Sein im Menschen gegeben. Damit kann der Erzieher auch nur unterstützen, stimulieren; den zu Erziehenden helfen hin zu der im innewohnenden Menschlichkeit.

⇒ Bei Platon:

Das Wollen des einzelnen zur Erkenntnis

Der einzelne Mensch muß seine Fesseln der Nichterkenntnis abstreifen wollen, er muß das Überschreiten der Grenzen, den mühevollen Aufstieg selbst anstreben und aktiv durchführen. Er hat das Vermögen dazu, sich dem Licht, dem Guten zuzuwenden, er kann die richtige Wahl treffen.

- In der personal-transzendentale Pädagogik:

In der Absolutheit der Person ist die Selbstermächtigung des einzelnen die Grundlegung für die Freiheit der Entscheidung des Menschen für das Gute als das Bessere. Der Mensch hat die Macht dies zu tut, und er hat auch die Verantwortung dafür.

⇒ Bei Platon:

Die Idee des Guten

Das Erblicken der Sonne nach mühevollem Aufstieg, das Erkennen, daß sie Ursache von Wahrheit und Vernunft ist, die Idee des Guten. Eine Idee, die zwar den Menschen in seiner Erkenntnis und alles Seiende in der gegenständlichen Welt bestimmt, aber selbst nicht zu ihr gehört und deshalb nur in der Reflexion gedacht werden kann. Eine Idee, die alles Seiende dem Wesen nach als Gutsein bestimmt und die dem erkennenden Menschen a priori innewohnt.

- In der personal-transzendentale Pädagogik:

Das autonome Sein der Person mit dem inneliegenden Begriffen wie, Humanität, Mündigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung, sittliche Selbstbestimmung entspricht dem. Die Begriffe sind, in der christlich-abendländischen Tradition stehend, andere. Der ontologische Begründungszusammenhang, die Bedingung der Möglichkeit aus dem Transzendenten heraus, ist jedoch sehr wohl gegeben. Die Hinwendung zur Menschlichkeit ist eine Hinwendung zum Guten, dies besitzt eine eigene Qualität. Der Gegensatz, das Böse hat diese Qualität nicht; es ist nur die Abwesenheit des Guten. Darüber hinaus ist auch hier, wie bei Platon, das Wissen um das sittlich Gesollte im Menschen schon vorhanden.

Diese drei Beispiele mögen ausreichen.

Die Verbindungslinien von der modernen personal-transzendenten Pädagogik 1997, über die Erkenntnisse Guardinis, Kants, Descartes, Augustinus bis hin zu den philosophischen Gedanken Platons vor mehr als 2000 Jahren sind eindeutig nachweisbar.

Die transzendentalphilosophische Sichtweise scheint für die Erkenntnis des Menschen über die Grundlage des eigenen Denkens unverzichtbar.

5. Eine Art Zusammenfassung

Bei der Beschäftigung mit diesem Themenkreis habe ich immer auf Erkenntnisgewinn, im Sinne von etwas mehr „Wahrheitsgewinn“ gehofft. Ich habe etwas gelernt; ja, aber die „Wahrheit“ habe ich nicht gefunden. Um mit Goethe zu sprechen bin ich in dieser Hinsicht „so klug als wie zuvor“.

Trotzdem habe ich für meine Erziehungswirklichkeit Begründungen für Ansichten, Einstellungen und Haltungen erkannt und in vielerlei Hinsicht für konkrete Handlungen Bestätigung gefunden.

Ich empfinde die Sprache und die Art und Weise, wie einige „Pädagogen und Philosophen“ über die nicht zustimmenden Erkenntnisse anderer Wissenschaftler „herziehen“, wie sie sich und ihre „grundsätzlichen, umfassenden, richtungsweisenden, in die Tiefe gehenden, eindeutigen“ Erkenntnisse zitieren, irritierend und abstoßend.

Die nur der Reflexion zugängliche Denkweise (Die Bedingung der Möglichkeit, des sich selbst begründenden Grundes ) ist mir darüber hinaus einigermaßen fremd. Es erscheint mir immer um die Ecke und im Kreise gedacht und die zweifelsohne vorhandenen Nutzwerte für den Menschen und der menschlichen Gesellschaft sind mir nicht unmittelbar eingängig. Es erscheint mir auch oft so, daß ontologische Beweise und transzendentalphilosophische begründete Positionen in diktatorisch-absoluter Diktion „verkündet“ werden, um deutlich zu machen, daß man sich im sicheren Besitz der unangreifbaren „Wahrheit“ befindet. Eine Anerkenntnis auch der abweichende Ansichten und Standpunkte wie sie Theunissen (1965, S. 483f) für seine Kritik unterstellt, wäre wünschenswert.

Trotzdem wollte ich über diese mir etwas fremden Materie lernen, denn ich habe mich an einen Bericht im Fernsehen über Hans - Georg GADAMER und seinem Wort von einer Tugend der Hermeneutik erinnert:

„ Der Andere könnte vielleicht recht haben“ !

Elmshorn, 6.5.1997

6. Literaturangaben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Das Höhlengleichnis Platons und die personal-transzendentale Pädagogik
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Personale Grundlegung pädagogischer Theoriebildung, Dozent: Detlev Piecha
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V96078
ISBN (eBook)
9783638087551
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Höhlengleichnis, Platons, Pädagogik, Personale, Grundlegung, Theoriebildung, Dozent, Detlev, Piecha
Arbeit zitieren
Dirk Christoph Schulze (Autor:in), 1997, Das Höhlengleichnis Platons und die personal-transzendentale Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96078

Kommentare

  • Gast am 20.11.2003

    ---.

    Meiner Meinung nach , wurde nicht gut genug bzw. genau genug auf das eigentlich Thema hin gearbeitet. Es wurden jede menge Stellungnahmen dazu genommen... doch der eigentlich Sinn, was Platon bzw. Sokrates damit ausdrücken wollte kam nicht zur geltung, immer nur ansatzweise.

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Titel: Das Höhlengleichnis Platons und die personal-transzendentale Pädagogik



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