Formen der Peer-Education. Stärkung sozialer Ressourcen bei Kindern mit psychisch erkrankten Eltern


Ausarbeitung, 2011

6 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Soziale Ressourcen bei Kindern psychisch kranker Eltern stärken

Unter dem Begriff Ressourcen versteht man alles, was eine bestimmte Person in einer schwierigen Situation als hilfreich empfindet (vgl. Lenz 2005, S. 160). Als soziale Ressourcen bezeichnet man das Vorhandensein eines sozialen Netzwerks. Zum sozialen Netzwerk zählen Verwandte, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen (vgl. ebd. S. 161). Soziale Ressourcen spielen vor allem in Belastungs- und Krisensituationen eine entscheidende Rolle, da sie als eine Art Puffer für die Betroffenen fungieren (vgl. ebd. S. 163). Die psychische Erkrankung der Eltern führt oft dazu, dass die Kinder kaum über soziale Ressourcen verfügen. Aus Scham vertrauen sich die Kinder nur wenigen Leuten oder niemandem an und ziehen sich zurück (vgl. ebd. S. 163). Um soziale Ressourcen zu stärken, führt man sogenannte Netzwerkinterventionen durch. Röhrle und Sommer unterscheiden zwei Arten von Netzwerkinterventionen. Ein Bereich der Netzwerkinterventionen umfasst Strategien, die auf personaler Ebene ansetzen und soziale Kompetenzen stärken sollen. Beziehungsdefizite sollen wahrgenommen, bestehende Kontakte intensiviert und frühere Kontakte reaktiviert werden (vgl. ebd. S. 164).

Den zweiten Bereich bilden nach Röhrle und Sommer Strategien zur unmittelbaren Netzwerkförderung. Dazu zählen die Herstellung von Kontakten zu Selbsthilfegruppen, zu Organisationen oder anderen Unterstützungsgruppen (vgl. ebd. S. 164). Ziel hierbei ist es, neue soziale Netzwerke zu initiieren (vgl. ebd. S. 172). Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern sind eine Form der unmittelbaren Netzwerkförderung. Damit Kinder während der Klinikaufenthalte ihrer Eltern nicht alleine sind, werden sie in Familien untergebracht, die über ausreichend soziale Ressourcen verfügen und sich für eine Patenschaft bereit erklärt haben. Die Patenfamilie stellt für die Kinder eine verwandtenähnliche Unterstützung dar, die auch kurzfristig in Anspruch genommen werden kann (vgl. ebd. S. 173). Ein weiteres Beispiel für die unmittelbare Netzwerkförderung sind Angehörigengruppen, die inzwischen in vielen Psychiatrien angeboten werden. Die professionell angeleiteten Angehörigengruppen verstehen sich als Selbsthilfegruppen, in denen sich Angehörige untereinander austauschen und dadurch eine realistischere Sichtweise über die psychische Krankheit erhalten. Desweiteren tragen die Angehörigengruppen zur Entlastung von Schuldgefühlen bei und vermitteln den Betroffenen Hoffnung und konkrete Handlungsmöglichkeiten (vgl. ebd. S. 177).

Auch für Kinder gibt es Selbsthilfegruppen. Ziele der Kindergruppen sind die altersgerechte Aufklärung über die Krankheit und die Kontaktaufnahme mit anderen Kindern, die sich in einer ähnlichen Lebenslage befinden. Die Kinder können sich in einem geschützten Rahmen auf Gruppenprozesse einlassen und Beziehungen aufbauen (vgl. ebd. S. 178). Zur unmittelbaren Netzwerkförderung gehört auch die Peer- Education, auf die ich im Folgenden ausführlicher eingehen werde (vgl. ebd. 175).

Peer-Education

Das Wort „peer“ kommt aus dem Altfranzösischen und bedeutet „Gleichsein, von gleichem Rang oder Status sein“ (Naudascher in: Nörber 2003, S. 119). Genaugenommen meint „peer“ eigentlich nur das gleiche Alter zwischen zwei Personen. Peer-Education wird als Überbegriff für verschiedene Peer-Ansätze benutzt. Genaugenommen müsste der Sammelbegriff für die Einbeziehung Gleichaltriger in der Sozialen Arbeit Peer- Involvement heißen. Die Erziehung Gleichaltriger, also die Peer- Education, ist nur ein kleiner Teil der vielen Arbeitseinsätze, in denen Jugendliche mit einbezogen werden (vgl. Kaestner in: Nörber 2003, S. 50). Ich verwende den Begriff Peer- Education im Folgendenjedoch als Sammelbegriff für alle Peer- Ansätze.

Peer-Education wird durch Theorien der Entwicklungspsychologie und der Lerntheorie bestätigt und untermauert. Aber auch aus „gemeindepsychologischer und lebensweltorientierter Sicht“ (Kaestner in: Nörber 2003, S. 50) ist die Peer-Education ein sinnvoller Aspekt der Sozialen Arbeit. Für Jugendliche stellt die Peer-Gruppe, neben der Familie, einen wichtigen Bezugspunkt dar. Viele Verhaltensweisen, Normen und Werte übernehmen die Jugendlichen von ihrer Peer- Group (vgl. Nörber in: Nörber 2003, S. 10). Peer- Education kann als eine Art „Setting“ verstanden werden, in dem sich Jugendliche untereinander „auf gleicher Augenhöhe“ austauschen können (vgl. Nörber in: Nörber 2003, S. 11). Die Aufklärungsarbeit durch die Peer- Ansätze erfolgt meist primärpräventiv, was bedeutet, dass Peer­Education sich auf eine mögliche Risikogruppe bezieht (vgl. Kaestner in: Nörber 2003, S. 53). In unserem Fall besteht die Risikogruppe aus den Kindern von psychisch kranken Eltern.

Gründe für die Peer- Education

Achim Schröder ist der Meinung, dass folgende fünf Gründe für eine Peer-Education sprechen:

- Da Jugendliche über ähnliche Erfahrungen, Probleme und Ängste verfügen, können sie sich besser in die Lage anderer Jugendlicher versetzen als professionelle Erwachsene. In manchen Bereichen, wie beispielsweise Liebe, Anerkennung und Ablehnung in der Peer Group, sind Jugendliche manchmal eher die Experten, denn sie verstehen sofort, was gemeint ist.
- Im Gegensatz zu Pädagogen und anderen Professionellen müssen die Jugendlichen nicht erst eine Vertrauensbasis schaffen, da sie von vorneherein dazugehören und anerkannt sind.
- Manche Probleme rufen Schamgefühle hervor. Wenn Jugendliche untereiander über schambehaftete Themen sprechen, finden sie eine eigene Sprache, sodass eine Verständigung zwischen den Jugendlichen möglich wird.
- Jugendliche halten in einer bestimmten Phase mehr von den Meinungen Gleichaltriger als von den Meinungen der Erwachsenen. Der erzieherische Einfluss der Gleichaltrigen ist in dieser Phase nicht zu unterschätzen.
- Die Peer- Education hat außerdem eine wichtige Bedeutung für die Peer- Educatoren selbst. Denn sie lernen viel für ihre eigene Entwicklung und das eigene Selbstbewusstsein steigt meist auch. Außerdem übernehmen sie Verantwortung und damit eine wichtige soziale Rolle, was sich positiv auf ihr eigenes soziales Umfeld auswirken kann (vgl. Schröder in: Nörber 2003, S. llOf.).

Verschiedene Formen der Peer- Education

Kaestner unterscheidet vier verschiedene Formen der Peer- Education:

Peer- Mediation

Unter der Peer- Mediation versteht man die Vermittlung durch Gleichaltrige. Ein Team von jugendlichen Mediatoren bearbeitet gemeinsam mit den Streitenden einen Konflikt. Das Ziel besteht darin, mit Hilfe der neutralen Partei konstruktiv mit den Streitigkeiten umzugehen. Außerdem sollen die Beteiligten die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Konflikte bieten damit auch die Möglichkeit zum sozialen Lernen. Die Peer- Mediation wird vorwiegend in Schulen eingesetzt. Da zwischen den Mediatoren und den Streitenden kein Machtgefälle besteht, ist es für die Streitenden einfacher, Lösungen zu erarbeiten und dann auch anzunehmen. Die Voraussetzung für eine Peer- Mediation ist die freiwillige Teilnahme aller Parteien an der Vermittlung. Außerdem ist es für den Erfolg ausschlaggebend, dass diejungen Mediatoren von der Schule und der Lehrerschaft unterstützt und anerkannt werden (vgl. Kaestner in: Nörber 2003, S. 54 f.).

Peer- Counceling

Peer- Counceling meint die Beratung von Jugendlichen durch Jugendliche. Seit den 70er Jahren wird diese Methode überwiegend in England und in den USA eingesetzt. Jugendliche, die über Vorerfahrungen in einem bestimmten Bereich verfügen oder sich für die Probleme anderer interessieren, können als Beratungspersonen für andere Jugendliche eingesetzt werden. Die jugendlichen Beraten sollen den hilfesuchenden Jugendlichen Wissen vermitteln, alternative Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und bei Entscheidungsprozessen Unterstützung anbieten. Durch das ähnliche Alter von Berater und Hilfesuchendem, ist die Hemmschwelle bei der Kontaktaufnahme niedriger. Außerdem fühlen sich die Jugendlichen besser verstanden, da der geringe Altersunterschied eine bestimmte Vertrauensbasis schafft. Es ist hilfreich, wenn die jugendlichen Berater über gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen, sich aber trotzdem zurücknehmen können. Wenn sich die Berater als „etwas Besseres“ wahrnehmen und dadurch ein Machtgefälle entsteht, funktioniert die Methode des Peer- Counceling nicht mehr (vgl. Kaestner in: Nörber 2003, S. 55 ff.).

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Formen der Peer-Education. Stärkung sozialer Ressourcen bei Kindern mit psychisch erkrankten Eltern
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,3
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V960860
ISBN (eBook)
9783346305763
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peer-Education, Psychische Krankheit, Soziale Ressourcen
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Formen der Peer-Education. Stärkung sozialer Ressourcen bei Kindern mit psychisch erkrankten Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960860

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