Das Arbeitslagersystem im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte der NS-Zeit


Ausarbeitung, 1997
6 Seiten

Leseprobe

Das Arbeitslagersystem im Westharzgebiet - ein verdrangtes Stuck Industrie- und Heimatgeschichte der NS-Zeit

Kriegswirtschaft und Arbeitslager im Harz

Im Harz gab es wahrend des Dritten Reiches eine Vielzahl von Rustungsbetrieben und kriegswichtigen Zulieferbetrieben. Pradestiniert durch seine strategisch-geographisch gunstige Lage in der Mitte des Deutschen Reiches ("Mittelraum"), das vor Kriegsbeginn brachliegende industrieerfahrene Arbeitskraftepotential dieser Region und nicht zuletzt die guten Tarnungsmoglichkeiten fur die neuen Rustungsbetriebe entwickelte sich im Harzgebiet und Harzvorland ein Schwerpunkt der nationalsozialistischen Rustungsproduktion.

Allein im Bereich der heutigen Landkreise Gottingen, Holzminden, Osterode, Goslar und Northeim arbeiteten wahrend des 2. Weltkrieges uber 140 Betriebe an knapp 40 Standorten fur die Rustungsindustrie. Etwa ein Viertel dieser Firmen stellten chemische Vorprodukte oder Sprengstoffe her. Im Harz befanden sich aber nicht nur kriegswichtige Betriebe der Chemie- und der Metallverarbeitungsbranche. Hinzu kamen strategisch wichtige Anlagen wie die Harzer Erzbergwerke oder der Fliegerhorst Goslar. Herausragend kriegswichtige Betriebe waren z.B.:

- Schickert-Werke in Bad Lauterberg (streng geheim gehaltene Produktionsstatte von Wasserstoffsuperoxid als V2-Treibstoff)
- Werk Tanne ("Verwertchemie") in Clausthal-Zellerfeld (Sprengstoffproduktion; BRAEDT, HORSELJAU, JACOBS & KNOLLE 1993)
- Wifo Langelsheim (Salpetersaureproduktion fur das Werk Tanne)
- Chemische Werke Harz-Weser GmbH in Langelsheim (Aktivkohleproduktion)
- Unterharzer Berg- und Huttenwerke GmbH in Oker und Harlingerode (Metall- und Schwefelsaureproduktion).

Hinzu kamen zahlreiche kleinere, weniger bekannte Produktionsstatten.

Den meisten dieser Werke wurden im Krieg Arbeitslager fur Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene zugeordnet. Denn in der Kriegswirtschaft des sog. 3. Reiches, insbesondere im Metall- und Bergbausektor, herrschte kriegsbedingt ein eklatanter Arbeitskraftemangel.

Die vielen Millionen Fremdarbeiter, die ab Herbst 1941 nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern mit der Umstellung auf einen langen Abnutzungskrieg auch in der Industrie zum "Arbeitseinsatz" kamen, lebten in einem System von Lagern und Barackenbehausungen, die zum Bild aller Stadte und fast jedes Dorfes in Deutschland gehorten. Nach Schatzungen existierten auf Reichsgebiet insgesamt etwa 20.000 Lager dieser Art, nur ein Bruchteil von ihnen ist bis heute namhaft gemacht (WEINMANN 1990).

Die beste Originalquelle fur die Lokalisierung dieser Lager sind immer noch die von WEINMANN (1990) kommentiert neu herausgegebenen beiden Lagerkataloge des International Tracing Service (Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German- Occupied Territories; CCP); hier sind etwa 7000 Lager und Gefangnisse lokalisiert. GroBe und Art der Zivilarbeiterlager fur auslandische Zwangsarbeiter, oft in verharmlosender Pauschalierung "Arbeitslager" genannt, wichen nach WEINMANN stark voneinander ab. Viele Lager hatten den Charakter streng bewachter Haftstatten; in anderen Fallen waren es umzaunte oder nicht umzaunte Unterkunfte, die auf diese Weise leichter von der Polizei zu kontrollieren waren. Bei Detailforschungen stellte sich jedoch immer wieder heraus, daB der Anteil bewachter, rigide kontrollierter Lager sehr hoch liegt.

Anders als die KZ lagen die Zivilarbeiterlager im Wahrnehmungsfeld der Bevolkerung - auch im Harz. Trotzdem wollen sich nur wenige Zeitzeugen freimutig an diese Lager erinnern, obwohl es auch immer wieder Falle gab, in denen Deutsche den teilweise unterernahrten Auslandern in den Lagern aus Mitleid Nahrungsmittel zukommen lieBen. Zur Normalitat des Lageralltags konnte gehoren, daB die "Fremdvolkischen" am Arbeitsplatz - immerhin zumeist mitten in deutschen Betrieben ! - zusammenbrachen, weil ihre Nahrungsmittelrationen unter das Existenzminimum gesenkt worden waren. Zu den normalen Selbstverstandlichkeiten gehorte es auch, daB bei Luftangriffen "den Auslandischen" der Zugang zu den Luftschutzkellern verwehrt war - sie waren fur die Deutschen reserviert (weitgehend nach WEINMANN 1990).

Wir haben uns bei der Zusammenstellung der nachfolgenden Liste auf den niedersachsischen Teil des Harzes mit den heutigen Landkreisen Goslar und Osterode beschrankt; die Hinzunahme des im ubrigen wegen der bekannten KZ-Anlagen Mittelbau-Dora bei Nordhausen (Thuringen) und Langenstein bei Halberstadt (Sachsen-Anhalt) in der Literatur bereits sehr viel besser untersuchten Ostharzgebietes hatte den Rahmen dieser kurzen Ubersichtsdarstellung gesprengt. Die Daten stutzen sich im wesentlichen auf die beiden zitierten Bande des Catalogue of Camps and Prisons. Nicht berucksichtigt wurden die Harzer Arbeitskommandos der Kriegsgefangenen-Stammlager der Wehrmacht, in denen ebenfalls Zwangsarbeit geleistet wurde.

Herausragende Belegungszahlen von uber 2000 Arbeitern hat der Lagerkomplex des Werkes Tanne in Clausthal-Zellerfeld, was aufgrund der Kriegsrelevanz des dortigen Sprengstoffwerkes der Verwertchemie, eines der groBten des Reiches, nicht verwundert. An zweiter Stelle folgen die Lager der Metallwerke in Silberhutte/St. Andreasberg.

Auf die allermeisten dieser Lager im Harz, in denen sich teilweise grausame Schicksale abgespielt haben, verweisen keine Tafeln oder Gedenksteine; ihre Geschichte ist bisher nur ansatzweise erforscht und dargestellt und muB zumeist erst noch geschrieben werden.

Ubersicht der Zivilarbeiterlager (ZiAL), KZ-Arbeitskommandos und Gefangnisse im Westharz

Altenau

ZiAL Baugebiet Eckertalsperre: 90 Arbeiter

ZiAL Baugebiet Okertalsperre: 100 Arbeiter

Bad Grund

ZiAL Erzbergwerk: 150 Arbeiter

ZiAL Fa. Steine und Erden: 180 Manner und 170 Frauen

Bad Harzburg

ZiAL Kruppsche Bergverwaltung Bad Harzburg: 120 Arbeiter

ZiAL Eckertal-Baracken: 50 Arbeiter

Gerichtsgefangnis: 26 Insassen bekannt

"Bad Lautenthal" (wahrscheinlich Lautenthal)

"Beobachtungslager Bad Lautenthal" der Kinderheilanstalt Braunschweig (der Tod von 8 Kindern ist beurkundet): ? Kinder

Bad Lauterberg

ZiAL Schickert & Co.: 400 Arbeiter

ZiAL Metallwerk Odertal: 500 Arbeiter

Braunlage

6 ZiAL bei verschiedenen Betrieben: 260 Arbeiter

Bundheim

ZiAL Sieg-Lahn-Bergbau GmbH, Ledigenheim: 50 Arbeiter

Clausthal-Zellerfeld

mehrere ZiAL der Fabrik zur Verwertung chemischer Erzeugnisse Clausthal-Zellerfeld

GmbH: 1200 Arbeiter

ZiAL Dynamit AG, Bauleitung: 300 Arbeiter

ZiAL Bereitschaftslager: 650 Arbeiter

ZiAL Bauhof: 400 Arbeiter

ZiAL Burgergarten: 100 Arbeiter

ZiAL Gemeindehaus: 50 Frauen

Gerichtsgefangnis: 260 Insassen bekannt

Dornten

ZiAL J.F. Eisfeld Pulverfabrik Kunigunde: 100 Arbeiter

Goslar

KZ-AuBenkommando des KZ Buchenwald: 40 KZ-Haflinge

KZ-AuBenkommando des KZ Neuengamme: ? KZ-Haflinge

ZiAL Fliegerhorst: 80 Arbeiter

ZiAL im Schleeke der Chemischen Fabrik Gebr. Borchers AG: 550 Arbeiter

ZiAL Erzbergwerk Rammelsberg: 350 Arbeiter

ZiAL Goslarer Kleinbetriebe am Petersberg: 200 Arbeiter

ZiAL Reichsbahnlager Astfelder Str.: 100 Arbeiter

ZiAL Grauhof (2 Lager): 100 Arbeiter

ZiAL Lager Weinbrunnen, Clausthaler Str.: 50 Arbeiter

GroB-Dohren

ZiAL Bergverwaltung Mitteldeutschland: 130 Arbeiter Harlingerode

ZiAL Lager Zinkhutte: 200 Arbeiter Hattorf

ZiAL Flachsspinnerei C. Weber & Co.: 140 Frauen

[...]

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Details

Titel
Das Arbeitslagersystem im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte der NS-Zeit
Autor
Jahr
1997
Seiten
6
Katalognummer
V96111
ISBN (eBook)
9783638087889
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwangsarbeit, Harz, Niedersachsen, Spurensuche, Arbeitslager, NS-Zeit
Arbeit zitieren
Friedhart Knolle (Autor), 1997, Das Arbeitslagersystem im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte der NS-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96111

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