Mensch oder Steppenwolf? Der Individuationsprozess des Harry Haller aus „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse


Bachelorarbeit, 2020

55 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie Hermann Hesse
2.1 Das Leben von Hermann Hesse
2.2 Der Steppenwolf als biografisches Werk

3. Der Individuationsprozess als psychologische Grundlage
3.1 Die Individuation nach Carl Gustav Jung
3.1.1 Das Bewusste und Unbewusste als das Selbst
3.1.2 Der Schatten
3.1.3 Die Archetypen
3.1.4 Die Seelenbilder: Anima und Animus
3.1.5 Der Mutterarchetypus
3.1.6 Der Alte Weise und die große Mutter
3.1.7 Der Heilige
3.2 Harry Hallers Person und seine Krise

4. Die Krise des Harry Haller aus der Sicht der verschiedenen Erzählperspektiven
4.1.1 Vorwort des Herausgebers
4.1.2 Harry Hallers Aufzeichnungen Teil 1
4.1.3 Traktat vom Steppenwolf
4.1.4 Harry Hallers Aufzeichnung Teil 2
4.2 Die Erzählweise

5. Lösungsmöglichkeiten der Krise – Harry Hallers Heilsweg

6. Harrys Seelenbilder oder die Begegnung mit dem eigenen Ich
6.1 Hermine – oder Harrys Seelenführerin
6.1.1 Hermines Tod – Befreiung oder Selbstverstümmelung?
6.2 Maria – Harrys Lehrerin der Liebe
6.3 Pablo und die Unsterblichen
6.3.1 Harry und Goethe

7. Symbolik und Leitmotive
7.1 Steppenwölfe, Bürger und Unsterbliche
7.2 Das Motiv des Spiegels
7.3 Symbol der Musik
7.4 Der Humor und das Lachen

8. „Identitätsspiele“ oder die Begegnung mit der Seele durch den Rausch
8.1 Der Maskenball
8.2 Das Magische Theater

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Hesse ist in seinem Leben den Weg der Suche seines eigenen Ichs gegangen. Schicksalsschläge, aber auch sein Elternhaus und eine streng religiöse Erziehung haben ihn in seinem Werden geprägt. Hesse ist davon überzeugt, dass der Mensch eine Krise benötigt, eine Möglichkeit des Scheiterns, um sich weiterzuentwickeln, seelisch zu reifen und Mensch zu werden.1 Durch die Möglichkeit der Weiterentwicklung existiert auch immer ein Risiko des Scheiterns, doch auch die Bereitschaft, eine Krise mitsamt Leiden anzunehmen, hat für Hesse eine große Bedeutung. Durch das Wehren gegen das Schicksal wird nur noch mehr Leid entstehen; der Mensch muss es akzeptieren. Die eigene Person zu akzeptieren und das wahre Selbst zu sein wird für Hesse zu einer Lebensaufgabe, denn nur so kann der Mensch seinen eigenen Weg gehen und sich entwickeln. Die Menschwerdung kann somit durch die Aufarbeitung des Inneren der eigenen Seele, mitsamt aller dunklen und unheimlichen Seiten erfolgen.2

Mit ihm sind die Gestalten seiner Werke diesen Weg gegangen, Stufe um Stufe, von Hermann Lauscher über Peter Camenzind, über Emil Sinclair, Klingsor, Siddhartha, Harry Haller, Narziß und Goldmund, H.H. in der Morgenlandfahrt, um schließlich in der Gestalt Josef Knechts einzumünden, die am Ende ihres Weges ihr ganzes Wesen und ihr Leben eingesetzt hingibt im Dienst für den zukünftigen Menschen.3

Hesses „ Der Steppenwolf “ wird in einer seiner größten Krisenzeiten verfasst und beschreibt Harry Hallers Konflikt der Spaltung in zwei Wesen, sowie seine Entwicklung und seinen Werdegang. Er trifft auf verschiedene Charaktere, welche ihn auf seinem Weg begleiten. In der vorliegenden Arbeit wird Harry Hallers Individuationsprozess im Hinblick auf die Theorien der Psychoanalyse nach Carl Gustav Jung untersucht und inwiefern diese Theorien Hesse für seine Arbeit und seine Figuren beeinflusst haben.

Zunächst werden Hermann Hesses Leben und der autobiografische Hintergrund des Werkes vorgestellt, anschließend folgt eine Verständnisgrundlage des Individuationsprozesses und der dazugehörigen Begrifflichkeiten nach Jung. Die Krise Hallers wird unter der Betrachtung der verschiedenen Erzählperspektiven beleuchtet. Auch die von Hesse verwendete Erzählweise und ihre Hinwendung zur Innerlichkeit der Charaktere wird kurz erläutert. Anschließend gilt es die weiteren Charaktere in den Blick zu nehmen und ebenfalls in die Theorie Jungs einzuordnen. Jede dieser Figuren hat Einfluss auf Harrys Entwicklung und Veränderung. Im weiteren Verlauf werden verschiedene Heilmethoden für die Überwindung von Hallers Krise vorgestellt. Neben den Figuren des Romans werden auch wichtige Motive und Symbole in die Arbeit einbezogen. Außerdem werden die Identitätsspiele, welche Haller im Laufe der Geschichte helfen, seinen Konflikt zu bewältigen, betrachtet.

2. Biografie Hermann Hesse

2.1 Das Leben von Hermann Hesse

Hermann Hesse wird am 02. Juli 1877 in Calw geboren als zweites Kind des Missionars Johannes Hesse und seiner Frau Marie, geborene Gundert, Tochter des Indologen und Missionars Hermann Gundert. Der willensstarke Hermann, voller Fantasie und Temperament, besucht zunächst die Lateinschule in Calw und anschließend ein Kloster-Seminar in Maulbronn zur Vorbereitung eines Theologie Studiums. Er flieht nach sieben Monaten und zieht seine früherkannte Neigung zum Dichtertum einer theologischen Laufbahn vor.4 1892-1894 macht er eine Kur in einem religiösen Heil- und Erweckungszentrum und versucht sich das Leben zu nehmen. Daraufhin wird er in die Nervenheilanstalt Stetten eingewiesen. Nach der Entlassung aus der Anstalt besucht er das Gymnasium von Cannstatt und macht ein Praktikum in der Turmuhrenfabrik Perrot. Zusätzlich studiert er die häusliche Bibliothek und wird psychisch stabil. Mit 18 Jahren beginnt er eine Buchhändlerlehre in der Buchhandlung Heckenhauer und wird anschließend als Buchhandlungsgehilfe übernommen.5

Im Jahre 1899 erscheint sein erstes Buch: „ Romantische Lieder “, eine Gedichtsammlung in einer Auflage von 600 Stück und im selben Jahr wird ein weiterer Gedichtband veröffentlicht: „ Eine Stunde hinter Mitternacht “, welcher von Rilke Anerkennung erhält. Der erste Roman, „ Peter Camenzind6, erscheint 1904 im S. Fischer Verlag und kennzeichnet den Durchbruch Hesses, durch welchen er in der Lage ist als freier Schriftsteller zu leben. Er heiratet und kauft ein Haus am Bodensee. Zu seinem Frühwerk kommen Bücher wie „ Unterm Rad7 und „ Gertrud “ hinzu.

Auch diese erzielen große Erfolge für Hesse. Mit nur 30 Jahren ist er ein anerkannter Schriftsteller, verheiratet mit Maria Bernoulli und Vater von drei Söhnen. Trotzdem ist er nicht zufrieden und seine Ehe zerbricht kurze Zeit später, als seine Frau psychisch krank wird.8 1916 erleidet Hesse einen Nervenzusammenbruch, bedingt durch den Tod seines Vaters und die Schizophrenie seiner Frau. Er erhält eine psychotherapeutische Behandlung bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler von Carl Gustav Jung.9

Mit Beginn des ersten Weltkrieges meldet sich auch Hesse freiwillig als Soldat, wird wegen seiner Kurzsichtigkeit jedoch abgelehnt. Seine voreilige Begeisterung des Krieges verändert sich, als der Krieg in vollen Gängen ist. Er veröffentlicht seine ersten humanistischen und pazifistischen Schriften. Seine gespaltene Meinung verarbeitet Hesse im Jahre 1919 im „ Demian “.10 Auch die Beschäftigung mit der Psychoanalyse und der Austausch mit Jung beeinflussen das Werk. 1922 veröffentlicht er das bekannte Werk „ Siddhartha - Eine indische Dichtung11, welches Hesses Auseinandersetzung mit indischer Philosophie und fernöstlichen Religionen widerspiegelt.12

Nach dem Krieg zieht Hesse in die Schweiz für einen Neuanfang. Die Ehe zu Maria Bernoulli ist bereits geschieden und er verlässt seine Familie. 1924 heiratet er Ruth Wagner, von welcher er sich bereits zwei Jahre später scheiden lässt.13Der Steppenwolf “ entsteht und wird 1927 veröffentlicht. Das Werk bereitet vielen Hesse-Lesern einen Schock, denn Hesse ist nicht mehr der romantische Dichter, er wendet sich neuen Themen zu: Suizid, Sexualität und Drogen. Später erscheint „ Narziß und Goldmund “ und die Steppenwolf-Phase scheint überwunden zu sein.14

Das Spätwerk ist gezeichnet vom Spirituellen und Hesse positioniert sich gegen das herrschende Nazi-Regime. Seine Werke gelten als unerwünscht.

Die Morgenlandfahrt “ ist ein kleineres Werk, das eine Reise beschreibt, auf der der Erzähler H.H. auf Menschen wie Brentano oder Novalis trifft und zu sich selbst findet. Es dient als Vorstufe für „ Das Glasperlenspiel“, welches sich mit der erlebten Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt.15 1946 veröffentlicht Hesse das Werk „ Krieg und Frieden (Betrachtungen zu Krieg und Politik seit dem Jahr 1914) “, in dem sich Hesse zu seiner politischen Meinung bekennt.16 Im gleichen Jahr erhält Hesse den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main und den Nobelpreis für Literatur. 1955 wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. 1962 stirbt Hermann Hesse im Alter von 85 Jahren in Montagnola, einer Ortschaft in der Schweiz.17

2.2 Der Steppenwolf als biografisches Werk

Hermann Hesse schreibt den Roman „ Der Steppenwolf “ unter dem Einfluss der Zeit und seiner persönlichen Lebenskrise. Die Zeit der Entstehung ist eine Zeit voller Umbrüche und Modernisierungen. Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren und die Abschaffung der Monarchie zur Folge. Die Kriegsschulden und Reparationszahlungen belasten die ökonomische Situation und führt für viele Menschen zur Arbeitslosigkeit. Diese Belastungen wirken sich auch psychologisch auf die Bevölkerung aus und bieten der NSDAP eine Chance für ihren Aufstieg. Hesse kritisiert die Nationalsozialistische Partei und die Position der Rechten. Er ist der Überzeugung, dass ein weiterer Krieg bevorsteht, veröffentlicht Artikel in Zeitungen mit humanistischen und pazifistischen Inhalten und wird als „vaterlandsloser Geselle“18 beschimpft.19

Aber nicht nur die politische Situation verarbeitet Hesse in seinem Werk, auch die erlebte Zeit der „Goldenen Zwanziger“ Jahre wird ein zentrales Thema des Buches. Die Kunst entwickelt sich weiter und Expressionismus und Kubismus prägen die Zeit. Die Musik verändert sich, der amerikanische Jazz überrollt Europa und auch die Technikentwicklung läuft auf Hochtouren. Kinos und Radios werden zu Massenphänomenen. Die materielle Situation und die Inflation Deutschlands schwächen auch Hesse. Er verurteilt die Entwicklung dieser Zeit und den dazugehörigen geistigen und kulturellen Zerfall der Menschen.20

Herman Hesse steckt in einer persönlichen Lebenskrise, welche ebenfalls im Steppenwolf verarbeitet wird. Sein psychischer Zustand ist labil und körperliche Leiden, wie Gicht, Ischias- und Augenleiden machen ihm zu schaffen.21 Harry Haller, die Hauptfigur des Romans, ist ein Alter Ego Hermann Hesses. Man betrachte den Namen des Protagonisten und den Namen des Autors und schon zeigen sich Parallelen: Die Initialen sind, genau wie die Silbenzahl, identisch. Sein Alter, die Scheidung von der kranken Frau, die Erziehung im strengen Glauben, das Leben als Untermieter in einer Mansardenwohnung, die Gichtanfälle und seine literarischen Interessen stimmen mit dem Autor überein.22 Seine pazifistische Einstellung und die dafür erhaltene Kritik der Umwelt zeigen sich ebenfalls im Werk, als Haller beim Professor zu Besuch ist und dieser den gleichnamigen Publizisten beleidigt.23 Auch die Vereinsamung und Schicksalsschläge sind identisch.24 Hesses Grundkonflikt, die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, zeigt sich ebenfalls in dem Leiden des Harry Hallers.25

Nach einem Nervenzusammenbruch 1916 erhält Hesse seine erste Psychoanalyse bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler von Carl Gustav Jung. Er wird zunächst stationär behandelt und begibt sich später zu einer 72 stündigen Therapiesitzung zu ihm. 1917 begegnet Hesse auch Jung und tauscht sich mit ihm aus, vier Jahre später lässt er sich von ihm therapieren und liest seine Werke. Die psychologische Begleitung hilft Hesse über seine Krisen hinweg zu kommen.26

In den weiteren Jahren denkt Hesse oft über einen Selbstmord nach und im Alter von 47 Jahren versucht er sich das Leben zu nehmen. Ein Jahr später zerbricht seine zweite Ehe und seine körperliche Gesundheit verschlechtert sich. Er wird erneut therapiert und schreibt „ Der Steppenwolf“.27 Während der Steppenwolf-Krise neigt Hesse dazu, suizidale Gedanken zu haben und sucht häufig freundschaftliche Hilfe bei J.B. Lang, welcher zur wichtigsten Bezugsperson der Krise wird.28

Nicht nur Harry Haller schafft es seinen überirdischen Idealismus und seine unmenschlichen Anforderungen an die Welt und sich selbst zu überwinden, auch Hesse selbst ist in der Lage seine Weltsicht und die Ansicht der eigenen Person seiner Krisenjahre zu verändern. „Die Akzeptanz der Eigenrechte des Ich nach erreichtem Durchbruch zum Selbst und die Entwicklung von Humor gegenüber der unauflöslichen Insuffizienz von Ich und Welt“29 sind die Endperspektiven des Individuationsprozesses nach Jung, welche sowohl im Roman, eher als Ausblick, als auch in Hesses Leben erreicht werden können. Sein Mythos der Unsterblichen, welcher in früheren Jahren und Werken von lebensuntüchtigen Naturen wie Hölderlin repräsentiert wurde, verändert sich und wird von Menschen wie Goethe und Mozart bestimmt, welche in Harmonie und Humor mit der Welt leben.30

3. Der Individuationsprozess als psychologische Grundlage

Die psychoanalytische Literaturbetrachtung basiert in der Regel auf den Theorien von Sigmund Freud, welcher 1907 schreibt: „Der Dichter tut (…) dasselbe wie das spielende Kind; er erschafft eine Phantasiewelt (…)“31.

Er vergleicht die dichterische Arbeit mit der Traumarbeit und geht davon aus, dass ein Dichter seine unbefriedigten Wünsche und Fantasien in seine Werke einbaut. Die Aufgabe besteht also darin, zu erkennen, was der Dichter in der Tiefe seiner Werke verbirgt und verarbeitet.32

Für die Betrachtung von Hermann Hesses „ Der Steppenwolf “ bieten sich jedoch die Theorien von Carl Gustav Jung an. Hesse war bekannt mit dem Psychologen Jung und wurde von einem seiner Schüler, J.B. Lang, therapiert. Auch die Biografie von Hesse und Jung sind sich äußerst ähnlich: beide wuchsen in einem sehr gläubigen Haushalt auf und wurden von ihren Eltern religiös-moralisch erzogen und traumatisiert. Gefühle von Minderwertigkeit und dauerhafte Schuldgefühle prägen beide Männer. Die Therapiestunden bei Lang beeinflussen Hesse nicht nur in seinem Privatleben, sondern begleiten ihn auch in seiner literarischen Arbeit und er verarbeitet Jungs Psychologie in seinen Figuren und Handlungen.33

3.1 Die Individuation nach Carl Gustav Jung

Die Individuation nach C.G. Jung ist allgemein ein Vorgang zur Bildung des Einzelwesens und genauer die Entwicklung eines psychologischen Individuums, unterschieden vom Kollektiv. Somit ist die Individuation ein psychischer Prozess der Wandlung und der Reifung und ein Vorgang der Natur. Jung beschreibt den Begriff häufig auch als Selbstverwirklichung und Ganzwerdung des Individuums. Der Mensch durchläuft einen Differenzierungsprozess mit dem Ziel der Persönlichkeitsentwicklung und seine Identität wächst aus den sogenannten Kollektivnormen und den kollektiven psychischen Strukturen heraus und entwickelt sich. Der Prozess der Individuation beinhaltet außerdem die Auseinandersetzung mit dem Schatten, sowie der Beziehung zu den Seelenbildern beziehungsweise den Archetypen und schließlich der Begegnung mit dem Selbst.34

Der Individuationsprozess besteht grundsätzlich aus zwei Abschnitten, die sich bedingen und ergänzen. Die erste Lebenshälfte hat die Aufgabe der festen Ausformung des Ichs und der Entwicklung der Persona, was bedeutet, dass der Mensch sich in seine Umwelt einordnet und anpasst. In der zweiten Hälfte des Lebens geht es darum, die innere Wirklichkeit zu verarbeiten und zu einer tiefen Selbsteinsicht zu gelangen unter Einbezug der bisher unbewussten Wesenszüge. Der Mensch ist in der Lage, seine Persönlichkeit zu erweitern. Für Jung ist die zweite Hälfte des Prozesses der eigentliche Individuationsprozess.35

3.1.1 Das Bewusste und Unbewusste als das Selbst

Nach C.G. Jung ist die Psyche nicht nur das, was allgemein als Seele bezeichnet wird, sondern sie umfasst jeden psychischen Vorgang, also auch das Unbewusstsein und das Bewusstsein an denen das Ich oder das Selbst seinen Anteil hat. Das Unbewusste und Bewusste stehen nicht unbedingt in einem Gegensatz zueinander, sie vermischen und ergänzen sich zu einem Ganzen.36

Das Bewusstsein definiert Jung als „die Funktion oder Tätigkeit, welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält“. Jedes Individuum besitzt die vier Grundfähigkeiten, welche Funktionen des Bewusstseins sind: Denken, Intuieren, Fühlen und Empfinden. Das Unbewusste ist gespalten in das persönliche und das kollektive Unbewusste. Das persönliche Unbewusste beinhaltet von uns vergessene oder verdrängte Inhalte, Wahrgenommenes oder auch Gefühltes und Gedachtes aller Art, während der kollektive Teil aus ererbten Strukturen besteht, welche allgemein menschlicher oder sogar tierischer Natur entstammen.37 Das bedeutet, dass das kollektive Unbewusstsein in jedem Menschen als Fundament der Seele fungiert und nicht erworben, sondern aus der Natur gegeben ist. Dies können beispielsweise Verhaltensweisen sein oder Denken und Fühlen, welche sich im Laufe der Menschheit und unabhängig von Kulturen nicht geändert haben.38

Außerdem besitzt der Mensch Teilseelen. Das bedeutet er kann sich zwar als einen kleinen Teil dieser Seelen identifizieren, beispielsweise als Persona, welche eine Art Maske oder Schutzmauer ist, hinter der er sich versteckt, um im Kollektiv korrekt zu agieren. Der Mensch kann jedoch nicht sein vollständiges Selbst begreifen, also alle Seelenteile verstehen.39

3.1.2 Der Schatten

Der Schatten ist die erste Station des Individuationsprozesses. Er beschreibt dunkle Charakterzüge und Aspekte der Persönlichkeit, die jeder Mensch besitzt. Damit meint Jung keine Kleinigkeiten im Sinne von Schwächen, sondern Anteile der Persönlichkeit, welche einem animalischen Trieb gleichen. Zudem „gehören alle verdrängten, minderwertigen und schuldhaften Anteile der Person, die bisher unbewußt herrschten und Integration ins Bewußtsein harrten“40 zum Schatten. Oftmals werden Anteile des Schattens irrtümlich auf andere Menschen projiziert, weshalb die Bewusstwerdung des eigenen Schattens eine wichtige und ernstzunehmende Aufgabe der Individuation darstellt.

Mit diesem Schatten sich zu vereinigen, heißt Ja zu sagen zum Trieb und damit auch Ja sagen zu jener ungeheuerlichen Dynamik, welche im Hintergrunde droht.41

Durch die Vereinigung des Schattens, die Feststellung dessen mit dem Herzen und „durch das Bekenntnis (…) werfe ich mich der Menschheit wieder in die Arme“42. Man schließt demnach nicht nur Frieden mit sich selbst, sondern wird daran erinnert, dass jeder Mensch eine dunkle Seite besitzt und einen Schatten in sich trägt. Der Mensch steht vor einem moralischen Problem, kann sich aber andererseits der Selbsterkenntnis nähern. Die Auseinandersetzung mit dem Schatten wird zu einer Lebensaufgabe.43

3.1.3 Die Archetypen

Ein wichtiger Schritt der Individuation ist die Begegnung mit den Archetypen und den Seelenbildern.

Nach Jung ist das Unbewusste eines Menschen nicht nur gefüllt mit persönlichen verdrängten und vergessenen Inhalten, wie man es in der Theorie von Sigmund Freud versteht. Es existiert eine oberflächliche Schicht des Persönlichen auch bei Jung, das persönliche Unbewusste, jedoch erweitert er das Unbewusste um eine weitere und tiefere Schicht: Das kollektive Unbewusste. Dieser Teil entwickelt sich nicht individuell, er ist allgemein und in jedem Menschen existent und bildet sozusagen eine „allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Natur“44. Das persönliche Unbewusste besteht aus gefühlsbetonten Komplexen, das kollektive Unbewusste umfasst mythische Vorstellungen und Bilder und die sogenannten Archetypen.45

Der Archetypus stellt wesentlich einen unbewußten Inhalt dar, welcher durch seine Bewußtwerdung und das Wahrgenommensein verändert wird, und zwar im Sinne des jeweiligen individuellen Bewußtseins, in welchem er auftaucht.46

Die Archetypen umschreiben allgemeine Bilder und Motive, welche schon immer existieren. Sie stammen aus Erfahrungen der Menschen, welche immer wieder zum Vorschein kommen und die Menschen reproduzieren mythische Vorstellungen in diese hinein. Sie verhalten sich wie Kräfte zur Wiederholung derselben Erfahrungen und das Erscheinen eines solchen Archetypus, ob nun im Traum oder im Leben, bringt eine solche Kraft mit sich, die den Menschen zum Handeln antreiben kann.47

In der Jungschen Theorie wird noch einmal in Archetypus und archetypische Vorstellungen unterschieden.48 Der Archetypus ist die in der menschlichen Psyche innewohnende Struktur, welche unbewusst im Menschen vorhanden ist. Dieser hat keine feste Struktur, sondern erscheint als archetypisches Bild, welches im Traum oder als Gefühl auftaucht.49 Das archetypische Bild beziehungsweise die Vorstellung erscheint in verschiedenen archetypischen Erscheinungsbildern: Vaterbilder, Mutterbilder, Kinderbilder, Gottesbilder und auch als Animus und Anima, was im folgenden Kapitel erläutert wird.50

Die Archetypen übernehmen während des Höhepunktes einer seelischen Krise die Führung der Persönlichkeit.51 Inhalte des kollektiven Unbewussten können im Bewusstsein auftauchen und zur Verwirrung dessen führen. Im schlimmsten Fall besteht sogar die Gefahr des Ausbruchs einer Hysterie oder einer Psychose. Jedoch können auch positive Wirkungen durch das kollektive Unbewusste hervorgerufen werden, beispielsweise neue Ideen oder soziale, politische und religiöse Änderungen.52 (…) für die Ganzwerdung, Individuation und Selbstverwirklichung eines jeden Menschen sind die archetypischen Bilder von großer Bedeutung, weil sie das seelische Erleben ordnen und den psychischen Prozessen eine Zentrierung und Zielrichtung verleihen.53

3.1.4 Die Seelenbilder: Anima und Animus

Die archetypische Figur des Seelenbildes steht für den gegengeschlechtlichen Anteil der Psyche des Menschen. Die Anima ist ein Archetypus verankert im Unbewussten des Mannes. Das Bild der Anima entwickelt sich durch den Einfluss der Mutter auf den Sohn. Männer erleben diese verborgene und unbewusste Weiblichkeit durch verschiedene Frauen, welche positiv, aber auch negativ ihr Leben beeinflussen. Die Ablösung von der Mutter ist ein wichtiger Schritt im Leben des Mannes im Prozess der Persönlichkeitswerdung, welcher sich jedoch oft als schwierig erweist.54

Es entsteht ein vererbtes kollektives Bild der Frau im Unbewußten des Mannes, mit dessen Hilfe er das Wesen der Frau erfaßt. Dieses ererbte Bild ist die dritte wichtige Quelle der Weiblichkeit der Seele.55

Das Erscheinungsbild der Anima findet man in vielen Märchen, Mythen, Religionen und wird auch in der Literatur dargestellt durch verschiedene Figuren. Männer haben also eine feste Vorstellung von einer Frau, ein festes Bild, welches weitergegeben wird.56

Ein weiterer Archetypus ist das Pendant zur Anima: Der Animus. Er ist das männliche Seelenbild der Frau und entwickelt sich durch die Beziehung zum Vater oder anderen Männern beziehungsweise männlichen Vorbildern. Der Animus ist jedoch nicht nur das Männliche in der Frau, er ist das sogenannte Logosprinzip des Unbewussten. Dieses meint Erkenntnis, Urteil, Unterscheidungsvermögen und Vernunft. Jung bezeichnet ihn ebenfalls als Seelenführer, welcher zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten vermittelt.57 Die Frau kann durch den Animus neue Ideen erfahren und ihn positiv nutzen, jedoch kann dieser sich ebenfalls negativ auswirken.58

Jung betont die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit den Seelenbildern der Anima und des Animus. Der Mensch muss sich jener bewusst werden damit das Negative dieser Archetypen abgelegt und das Positive genutzt werden kann.59

Diese Ansichten über Anima und Animus wurden bereits von Jungschen Therapeutinnen 1987 kritisiert, besonders durch Ursula Baumgardt, und ist heutzutage nicht mehr aktuell. Jedoch wird sich die Betrachtung der Animafiguren des Romans in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit auf das veraltete Bild beziehen, da dieses sich mit Hesses Lebzeiten überschneidet und zu seiner Zeit aktuell war.

Ursula Baumgardt beschreibt die Rolle der Anima beziehungsweise, die der Frau bei Jung als zweitrangig und bestimmt durch den Mann. Der Animus wird ebenfalls als Archetyp angezweifelt und als „ein ihr vom Patriarchat auferlegter Komplex“60 bezeichnet.

3.1.5 Der Mutterarchetypus

Neben Anima und Animus existiert der Mutterarchetypus. Dieser bezieht sich auf die geschlechtsspezifischen Merkmale und Eigenschaften einer Mutter. Er wird nicht nur durch die biologische Mutter widergespiegelt, sondern auch durch die Schwiegermutter, Stiefmutter, Großmutter oder durch eine Frau, zu der eine tiefe Beziehung besteht. Zudem kann der Mutterarchetypus auch im weiteren Sinne durch die Symbolik der Kirche, der Universität, des Gartens und vielen weiteren Urbildern mit mütterlichen Eigenschaften erfahren werden.61

[...]


1 Vgl. Spaleck 1997, S.105 f.

2 Vgl. ebd.

3 Spaleck, S.205f.

4 Vgl. Herforth 2001, S. 8 ff.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Below 2012, S.48 f.; vgl. https://wasliestdu.de/rezension/hesses-erster-roman, Stand: 20.07.2020: Peter Camenzind erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem Tod seiner Mutter die Welt bereisen kann und aus dem spießigen Dorfleben ausbricht. Der Protagonist enthält viele Parallelen zum Autor: Die Liebe zur Natur, das Verhältnis zum Vater, der frühe Tod der Mutter, die Reiselust, Gedanken des Freitodes, der Wunsch Dichter zu werden. Außerdem ist der Roman ein Entwicklungsroman, in welchem die Reifung und Veränderung der Hauptfigur im Kern der Handlung steht.

7 Vgl. Below 2012, S.53 f.; Vgl. https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/unterm-rad/14000 Stand: 20.07.2020: Unterm Rad erscheint im Jahr 1906 und wurde zu Hesses Lebzeiten stark umstritten, da er die Probleme der Pädagogik und den Druck, welche Erwachsene und die Gesellschaft auf Kinder und Jugendliche ausüben, schonungslos behandelt. Die Hauptfigur Hans Giebenrath ist sehr begabt und es soll etwas Besonderes aus ihm werden. Er besteht die Aufnahmeprüfung für das theologische Seminar, bricht jedoch unter all dem Druck zusammen und verlässt jenes. Er beginnt eine Mechanikerlehre und leidet an seinem Versagen, bis er eines Tages tot im Fluss gefunden wird. Auch hier kann man Parallelen zu Hesses Biografie ziehen, da er ebenfalls an einem theologischen Seminar gescheitert ist. Seine Individualität und die Sehnsucht zur Dichtung wurden nicht akzeptiert, stattdessen wird ihm Druck gemacht und der Ehrgeiz seiner Eltern ist wichtiger als sein eigener Wunsch.

8 Vgl. Patzer 2017, S.104.

9 Vgl. Herforth 2001, S.10.

10 Vgl. Patzer 2017, S.105.

11 Vgl. Herforth 2001, S.44-48; vgl. https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/siddhartha/4386, Stand: 20.07.2020: Siddhartha, Sohn eines Brahmanen, zweifelt an seiner Religion und sucht nach seinem Ich und der Erkenntnis jenseits der Lehren von Religionen und der äußeren Welt. Das Werk beschreibt den Werdegang des Protagonisten, bei dem das Leben als Kaufmann genauso wichtig ist, wie die Begegnung mit Buddha oder seiner Geliebten Kamala für seinen lebenslangen Weg auf der Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz.

12 Vgl. Herforth 2001, S.10.

13 Vgl. ebd. S.10f.

14 Vgl. Patzer 2017, S.107 f.

15 Vgl. ebd., S.108 f.

16 Vgl. Below 2012, S.190.

17 Vgl. Patzer 2017, S.110.

18 Vgl. Hesse 2017, S.105: Auch Haller wird von einem bekannten Professor verurteilt wegen seiner politischen Einstellung.

19 Vgl. ebd., S.66 ff.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. Herforth 2001, S.69.

22 Vgl. Patzer 2017, S.68 f.

23 Vgl. Hesse 2017, S.105.

24 Vgl. Patzer 2017, S.66-70.

25 Vgl. Baumann 2003, S.9.

26 Vgl. Baumann 1997, S.1ff.

27 Vgl. Baumann 2003, S.9

28 Vgl. Baumann 1997, S. 43 f.

29 Baumann 2003, S.13.

30 Vgl. ebd., S.13.

31 Allkemper/ Eke 2014, S.179.

32 Vgl. ebd. S.179f.

33 Vgl. Baumann 2003, S.13-15.

34 Vgl. Hark 1988, S.80 f.

35 Vgl. Jacobi 2003, S.109 ff.

36 Vgl. ebd., S.17 ff.

37 Vgl. ebd. S.20.

38 vgl. Spies 1984, 27 ff.

39 Vgl. Jung 1971, S.66-70.

40 Hark 1988, S.145.

41 Ebd., S.147.

42 Ebd., S.148.

43 Vgl. Hark 1988, S.145-148.

44 Jung 1997, S.7.

45 Vgl. Hark 1988, S.26 ff.

46 Jung 1997, S.9.

47 Vgl. Hark 1988, S.28 f.

48 Vgl. Jung 1997, S.7-9.

49 Vgl. Hark 1988, S.25 f.

50 Vgl. ebd., S. 25 f.

51 Vgl. ebd., S.21.

52 Vgl. Hark 1988, S.187 ff.

53 Hark 1988, S.27.

54 Vgl. Jacobi 2003, S.117 f.

55 Jung 1971, S.83.

56 Vgl. Jacobi 2003, S.117 f.

57 Vgl. Hark 1988, S.23.

58 Vgl. ebd., S.23 ff.

59 Vgl. Hark 1988, S.23 ff.

60 Baumgardt 1987, S.138.

61 Vgl. Hark 1988, S.107-113.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Mensch oder Steppenwolf? Der Individuationsprozess des Harry Haller aus „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
55
Katalognummer
V961345
ISBN (eBook)
9783346309105
ISBN (Buch)
9783346309112
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, steppenwolf, individuationsprozess, harry, haller, hermann, hesse
Arbeit zitieren
Charlotte Brock (Autor), 2020, Mensch oder Steppenwolf? Der Individuationsprozess des Harry Haller aus „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961345

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mensch oder Steppenwolf? Der Individuationsprozess des Harry Haller aus „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden