Kognition und Persönlichkeit in den Theorien von Witkin und Lewin. Annahmen und Ziele der Theorien


Hausarbeit, 2008

32 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Kognition und Differentielle Psychologie
2.1 Kognition
2.2 Einfluss der Gestaltpsychologie
2.3 Kognitiver Stil und Kognitive Persönlichkeitstheorie

3. Kurt Lewin: Feldtheorie
3.1 Biografischer Hintergrund und Werk
3.2 Theoretische Grundlagen der Feldtheorie
3.3 Die Feldtheorie
3.3.1 Lebensraum
3.3.2 Spannungssysteme und Verhalten
3.3.3 Experimentelle Belege der Feldtheorie
3.4 Kritik

4. Witkin: Feldabhängigkeit – Feldunabhängigkeit
4.1 Theoretische Grundlagen des Konzeptes der Feldabhängigkeit/ -unabhängigkeit
4.2 Raumorientierung: Dominanz von visuellen Informationen o. Körperempfindungen
4.2.1 Experimente zur Raumorientierung
4.2.2 Wahrnehmungsstile
4.3 Das Konzept der Feldabhängigkeit
4.3.1 Wahrnehmungstests
4.3.2 Neufassung der Wahrnehmungsstile
4.4 Analytischer vs. globaler kognitiver Stil
4.4.1 Ausweitung auf weitere Bereiche
4.4.2 Weitere Aspekte
4.5 Kritik

5. Diskussion

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

Der Zusammenhang zwischen Kognition und Persönlichkeit wird in den beiden Theorien von Hermann A. Witikin und Kurt Lewin auf unterschiedliche Weise hergestellt:

In Witkins Konzept der Feldabhängigkeit geschieht dies über einen für jede Person stabilen Stil, der interindividuelle Unterschiede im Wahrnehmen und Denken erklärt und darüber hinaus mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängt. In Lewins Feldtheorie ist es eine komplexe Theorie, die die Interdependenz von Person und Umwelt beim Erkenntnisprozess beschreibt und über die subjektiv erlebte, psychologische Situation das konkrete Verhalten einer Person erklärt.

Während der stark nomothetische Ansatz Witkins einerseits durch seine generalisierende Tendenz, große theoretische Ungenauigkeit und mangelhafte Fundierung, andererseits durch seine Kreativität und ganzheitlichen Denkweise gekennzeichnet ist, so ist für den Ansatz Lewins einerseits eine höchst komplexe mathematische Darstellungsweise, andererseits die Verbindung nomothetischen und idiografischen Vorgehens sowie eine ebenfalls ganzheitliche Betrachtungsweise charakteristisch.

1. Einleitung

Die differentielle Psychologie umfasst die unterschiedlichsten Blickwinkel, von denen aus Persönlichkeit und interpersonelle Unterschiede beschrieben und erklärt werden können. Dabei konkurrieren tiefenpsychologische, faktorenanalytische, humanistische Ansätze und Schichten-Modelle, um nur einige zu nennen, miteinander oder ergänzen sich gegenseitig. Einen weiteren „Blickwinkel“ stellen die Konzepte der kognitiven Stile und die kognitiven Theorien dar, die zu einem Verständnis der Persönlichkeit und der Unterschiedlichkeit von Personen gelangen, indem sie am Erkenntnisprozess dieser Personen ansetzen.

Bevor die Beschreibung einzelner kognitiver Ansätze erfolgen kann, soll zunächst dieser Weg nachvollzogen werden, indem der Frage nachgegangen wird: Was hat Kognition mit Persönlichkeit und interindividuellen Unterschieden zu tun?

Aus der großen Zahl kognitiver Ansätze in der differentiellen Psychologie greift diese Hausarbeit als eine kognitive Theorie die Feldtheorie von Kurt Lewin und als einen kognitiven Stil das Konzept der Feldabhängigkeit von Hermann A. Witkin heraus. Die Darstellung der Feldtheorie konzentriert sich auf zentrale Begriffe wie „Lebensraum“, „psychologisches Feld“, „Kraft“, „Valenz“ und „Bedürfnisse“, deren Beziehung zueinander erläutert wird, um so die wichtigsten Annahmen nachzuvollziehen, mit denen Lewin das konkrete Verhalten von Menschen zu erklären suchte. Die Beschreibung des Konzeptes der Feldabhängigkeit dagegen erfolgt über eine Auswahl aus den zahlreichen Versuchen Witkins, an denen der Weg seiner Theoriebildung nachgezeichnet wird.

Hauptanliegen dieser Hausarbeit ist es, die zentralen Annahmen und Ziele der beiden Ansätze jeweils darzustellen, kritisch zu beleuchten und sie schließlich zusammenfassend gegenüberzustellen. Es soll dabei herausgearbeitet werden, inwieweit die Ansätze persönlichkeitspsychologische bzw. differentialpsychologische Theorien darstellen, und wie sie als solche zu bewerten sind. Um den Bezug zu anderen Persönlichkeitstheorien herstellen zu können, erfolgt darüber hinaus jeweils eine theoretische Einordnung.

2. Kognition und Differentielle Psychologie

2.1 Kognition

Der Begriff Kognition wird oft gleichgesetzt mit Wahrnehmung. Dies kann jedoch leicht zu Missverständnissen führen. Wer von Wahrnehmung spricht meint möglicherweise einen Prozess, in dem visuelle, taktile und auditive Reize über entsprechende Sinnesorgane empfangen, und im Zentralen Nervensystem weiterverarbeitet und abgebildet werden. Kognition dagegen ist mehr: Sie umfasst all jene Prozesse die in einem komplexen Zusammenspiel dem Menschen zu Erkenntnis, dem Erkennen seiner subjektiven Wirklichkeit, verhelfen. Hier wird bereits deutlich, dass Wahrnehmung (in dem oben beschriebenen Sinne) nur einen Teil dieses Erkenntnisprozesses ausmachen kann. Darüber hinaus bestimmen beispielsweise Erwartungen, Erinnerungen und Problemlösestrategien einer Person, wie sie ihre Umwelt sinnvoll erfasst. Denkprozesse spielen dabei genauso eine Rolle wie Motivationen und Emotionen (Fisseni, 2003).

Wenn also im Folgenden von Wahrnehmung die Rede ist, dann ist unter diesem Begriff ein Prozess zu verstehen, an dem die ganze Person aktiv beteiligt ist.

2.2 Einfluss der Gestaltpsychologie

Was der Mensch bewusst wahrnimmt, was er erkennt, wiedererkennt, bewertet, mit Sinn besetzt, muss unterschieden werden von einer objektiv gegebenen physikalischen Umwelt. Dieser Gedanke findet sich auch in der 'Schule' der Gestaltpsychologie, deren Theorie sich an der These orientiert, dass das Ganze mehr (bzw. etwas anderes) ist als die Summe seiner Teile, und deren Vertreter Wahrnehmung als einen konstruktiven Prozess ansehen, an dem die Person aktiv beteiligt ist (Marrow, 1977). Die so genannte 'Berliner Schule' mit ihren bekanntesten Vertretern Wertheimer, Koffka und Köhler verfolgte die Annahme, dass Menschen mehr wahrnehmen als das objektiv Gegebene, sondern vielmehr Teile dieser objektiven Umwelt zu Ganzheiten mit neuem Aspekt (Gestalten also) zusammenfügen. Der Prozess der Wahrnehmung folgt dem Ziel der 'guten Gestalt' (Lück, 1996), strukturiert wo keine Struktur gegeben ist, schützt den Menschen vor einer Flut aus Einzelreizen und hilft so bei seiner Orientierung in der Welt. Die Gestalttheorie geht davon aus, dass jegliches geistiges Erleben auf diese Weise, d.h. nach Gestaltprinzipien, von der Person strukturiert wird. Jede Einzelerfahrung würde demnach Teil zum Teil eines Ganzen, das gegenüber der Summe seiner Teile einen neuen Aspekt gewinnt. Erfahrungen sammeln sich daher nicht bloß an und addieren sich, sondern werden integriert zu sinnhaften psychologischen Strukturen. Die Gestaltpsychologen der Berliner Schule beschränkten sich jedoch in ihrer Forschung auf den Bereich der Wahrnehmung, die sie über Gestaltgesetze erklären wollten. Sie konzentrierten sich dabei auf die Suche nach den zugrunde liegenden physikalischen Prozessen. Die Beziehung von Persönlichkeit und Gestalt-Wahrnehmung wurde von Wertheimer, Köhler und Koffka in deren Forschung nicht weiterverfolgt (Marrow, 1977).

2.3 Kognitiver Stil und Kognitive Persönlichkeitstheorie

Die kognitiven Ansätze gehen von dem oben beschriebenen Grundgedanken aus, nach dem die Person ihre Wahrnehmungen, ihre Kognitionen mitkonstituiert. In der Art der Erklärung dieses Zusammenhangs zwischen Person und Kognition unterscheiden sich die kognitiven Stile und die kognitiven Persönlichkeitstheorien allerdings:

Witkin mit seinem Konzept der Feldabhängigkeit geht davon aus, dass es einen für jede Person stabilen Stil gibt, eine besondere Art und Weise, in der die Person ihre Wahrnehmung und Erinnerung strukturiert, denkt und Probleme löst. Dieses von einer Person bevorzugt verfolgte Wahrnehmungsmuster steht nach Witkin in engem Zusammenhang mit ihren Persönlichkeitsmerkmalen. Mit dem Stil der Feldabhängigkeit greift er eine Dimension der Kognition heraus, auf der sich Personen unterscheiden und setzt diesen Stil in Beziehung zu einzelnen Persönlichkeitsdimensionen. Resultat der Arbeiten zum kognitiven Stil der Feldabhängigkeit ist ein, wenn auch recht umfangreiches, Raster, an dem man von der Art der Kognition auf die Art der Person schließen kann. Es werden so im Sinne einer allgemeinen Typisierung Ausprägungen auf kognitiven und auf Persönlichkeitsdimensionen miteinander verbunden (Fisseni, 2003).

Wie der Begriff 'Theorie' bereits verdeutlicht, ist der Erklärungsweg der kognitiven Persönlichkeitstheorie weitaus umfangreicher und komplexer. Lewin verfolgt mit seiner Feldtheorie das Ziel, die Ursachen menschlichen Verhaltens grundlegend zu erklären. Zunächst beschreibt er zu diesem Zweck detailliert die generelle Dynamik der Person-Umwelt-Interdependenz, bei der Außenreize und personelle Prozesse (Kognition, Motivation und Emotion) auf komplexe Weise ineinandergreifen. (Fisseni, 2003) In einem weiteren Schritt wird dann mithilfe der Theorie eine konkrete Situation, so wie sie von einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrgenommen und erlebt wird, erfasst und auf dieser Grundlage das Verhalten dieser Person erklärt. Durch den ständigen Wechsel zwischen dem nomothetischen und dem idiografischen Erklärungsweg entsteht so eine Theorie, die erklärt, wie die subjektive Wirklichkeit von Personen entsteht, wie sie strukturiert ist, und wie sie ihrem Verhalten zugrunde liegt (Marrow, 1977).

3. Kurt Lewin: Feldtheorie

3.1 Biografischer Hintergrund und Werk

Kurt Lewin wird meist als Sozialpsychologe erwähnt, kann aber ebenso gut als Wissenschaftstheoretiker und Phänomenologe bezeichnet werden, ist mit seinem ganzheitlichen Ansatz der humanistischen Psychologie sehr nahe, und auch der Systemtheorie nicht fern (Lück, 1996). 1890 geboren und am humanistischen Gymnasium in Berlin zur Schule gegangen, beginnt Lewin in Berlin das noch in den Kinderschuhen steckende Fach Psychologie (damals ein Teilgebiet der Philosophie) zu studieren. Sein Doktorvater Stumpf versammelt zu der Zeit Mitarbeiter wie Wertheimer, Koffka und Köhler um sich, die bald darauf die Schule der Gestaltpsychologie gründen. Lewin schließt sich der neuen Strömung in seinem Umfeld an indem er mit methodologischen Tabus bricht und sich daran macht, psychologische Phänomene wie Wille oder Emotion, die bis dahin als physikalisch nicht-messbar und daher unwissenschaftlich angesehen wurden, experimentell messbar zu machen (Murray, 1977).

Nachdem er seine Promotion vorbereitet hat, sammelt er ab 1914 vier Jahre lang als Soldat an der Front Erfahrungen mit dem Ersten Weltkrieg. Aus diesen Erlebnissen heraus entwickelt er erste Ideen für die Feldtheorie und das Konzept des Lebensraums. In einem 1917 erschienenen Artikel beschreibt er am Beispiel der Kriegs- und der Friedenslandschaft wie Wahrnehmungsbedürfnisse (z.B. Nahrung, Sicherheit des Lebens) das Aussehen der Umwelt verändern können. Er bemerkt, dass mit dem Näherrücken zur Front die Wesenszüge der Landschaft wechseln: von der grenzenlosen Landschaft ohne Richtung zu einer begrenzten Landschaft, in der es ein Vorne und Hinten gibt. Dieser Artikel zeigt bereits einen Grundgedanken in Lewins Werk: Der Kontext und die Bedürfnisse nehmen entscheidend Einfluss auf Wahrnehmung und Sinn-Erleben (Murray, 1977). 1916 erhält Kurt Lewin seine Promotion und arbeitet von 1918 bis 1933 am Institut in Berlin im Kreis der Gestaltpsychologen. Deren Ansatz hält er für anregend, doch grenzt er sich deutlich von ihren Forschungsanliegen ab: Ihn interessiert die Anwendung der Psychologie auf konkrete psychologische Probleme, die sich im Handeln von Menschen manifestieren (z.B. psychologische Bedingungen der Arbeit, Rassendiskriminierung). (Murray, 1977) Über die Wahrnehmung hinaus begreift Lewin auch Handlungen als Gestalten, die nicht in ihre Einzelteile zerlegbar sind, sondern nur über die Gesamtsituation zu verstehen sind. Gegenüber den Gestaltpsychologen, die sich auf die Suche nach Gesetzen der Wahrnehmung konzentrieren, verlegt Lewin komplizierte sozialpsychologische Phänomene zur Untersuchung ins Labor, immer bestrebt, die Ganzheit der Situation zu erfassen (Lück, 1996).

Lewins Theorie gewinnt bald an Einfluss und Anerkennung und einige seiner Schüler beginnen, seine Feldtheorie mit Experimenten zu untermauern. Im Zeigarnik-Experiment von Bluma Zeigarnik (1924, 1926; zitiert nach Marrow, 1977) wird deutlich, dass begonnene Handlungen aufgrund des Bedürfnisses der Erledigung zum Abschluss streben, und solange sie unerledigt sind (als Spannung im System) auf Denken und Handeln wirken, bis die Spannung gelöst ist. Der Effekt, dass unerledigte Aufgaben besser im Gedächtnis behalten werden als erledigte, ist nach diesem Experiment benannt (Marrow, 1977). 1933 emigriert Kurt Lewin, in die USA. Dort ist er in Lehre und Forschung aktiv: Seine 'Topologische Psychologie' (heute meist als Feldtheorie bezeichnet) nimmt klarere Formen an. Diese hat zum Ziel, der Psychologie über eine mathematisch-logische Sprache ein eigenes neues Begriffssystem zu verschaffen, mit dem psychologische Kräfte adäquat repräsentiert werden können (Marrow, 1977). Dabei werden die Person und ihre psychologische Umwelt als ein Spannungsfeld begriffen, in dem manche Dinge abstoßend, andere anziehend wirken – ähnlich einem Magnetfeld (Lück, 1996). Außerdem arbeitet Lewin weiter an seinen Ideen zur Aktionsforschung, zur Gruppendynamik und zur Sozialen Theorie. Dabei bleibt sein Ziel: konkrete Probleme des Lebens angehen und so einen Beitrag z.B. zur Prävention von Vorurteilsbildung, Rassendiskriminierung und zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen leisten (Marrow, 1977). 1946 stirbt Kurt Lewin und hinterlässt einen bleibenden Einfluss auf weite Bereiche seines Faches: Sowohl die Wissenschaftstheorie und die Sozialpsychologie als auch die Pädagogische und die Entwicklungspsychologie sind nachhaltig durch sein Werk verändert worden (Marrow, 1977).

3.2 Theoretische Grundlagen der Feldtheorie

Die Feldtheorie kann als allgemeine Herangehensweise oder Methode angesehen werden, mit der die psychologische Welt erschlossen werden soll. Ihre Entwicklung zieht sich durch das gesamte Leben Kurt Lewins. Einige zentrale Merkmale der Feldtheorie sollen hier als Einleitung dienen:

1. Die Gesamte Situation: An der Psychologie seiner Zeit bemängelt Lewin, sie sei der aristotelischen Denkweise verhaftet, die das Verhalten eines Gegenstandes einzig aus seinen Eigenschaften heraus erklärte. Um sich bei Erklärungen nicht nur mit Häufigkeiten und Klassifizierungen zufrieden zu geben ist nach Lewin die galileische Denkweise anzustreben, nach der zur Erklärung jeden Geschehens die Gesamtsituation einbezogen wird, wie dies beim Energieerhaltungssatz in der Physik geschieht. So werden in der Psychologie nicht nur häufig auftretende, sondern auch individuelle, einzigartige Phänomene erklärbar (Fisseni, 2003; Lewin, 1982).
2. Die konstruktive Methode: Über formal-mathematische Darstellungsmittel wie Vektoren, Regionen und Valenzen kann jede konkrete, individuelle Situation erfasst und als Feld mit darin wirkenden Kräften dargestellt werden (Marrow,1977).
3. Der streng psychologische Ansatz: Das Feld, das die Person bestimmt, ist ein rein psychologisches. Es besteht aus allem, was für die Person psychologisch relevant ist und wird so beschrieben, wie es sich für diese Person zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellt. Der konstruktive Charakter der Kognition kommt hier zum Tragen (Marrow, 1977).
4. Der dynamische Ansatz: Mit der Feldtheorie sollen die dem Verhalten zugrundeliegenden Motive / Kräfte aufgedeckt werden (Marrow, 1977).
5. Die Gegenwart: Verhalten wird als Funktion des je gegenwärtigen Feldes gesehen. In der gegenwärtigen Situation spielen auch Vergangenheit und Zukunft eine Rolle, doch nur insoweit, wie sie im Jetzt für die Person relevant sind (Marrow, 1977).

Die Feldtheorie Kurt Lewins begreift den Menschen also als dynamische Person-Umwelt-Einheit, die allgemein als Kräfte-Feld dargestellt und in ihrer einzigartigen Situation nur über eine Innensicht, die die Bedürfnisse der Person mit einbezieht, verstanden werden kann.

3.3 Die Feldtheorie

Kurt Lewin hat das menschliche Verhalten als einen Komplex von vielen unterschiedlichen Tatsachen, die zur gleichen Zeit existieren, angesehen. Um Verhaltensweisen erklären zu können, suchte er nach dem Ursprung derer Energien, was er durch die Entwicklung der Feldtheorie schließlich vollbracht hat. Er war der Meinung, „nur eine Feldtheorie könne das Verhalten auf dem Gebiet des Handelns, der Emotion und der Persönlichkeit angemessen erklären“ (Marrow, 1977, S.45).

Dabei war es Lewins Anliegen seine Erkenntnisse und die Theorie mathematisch darzustellen, um komplexe Sachverhalte einfach und eindeutig festhalten zu können und somit Missverständnisse zwischen Wissenschaftlern sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft aus dem Weg zu räumen. In Anlehnung an die schematische und formelhafte Darstellung von Theorien in der Physik und Mathematik versuchte Lewin die Topologie und Vektorenverwendung in die Psychologie zu integrieren, mit Hilfe derer eine graphische Darstellung von beispielsweise strukturellen Beziehungen einer menschlichen Psyche und deren Analyse ermöglicht bzw. erleichtert werden sollte. Deshalb wird auch im Zusammenhang mit Lewin oft von der topologischen und der Vektorpsychologie gesprochen (Marrow, 1977).

Im Folgenden werde ich versuchen, Kurt Lewins Feldtheorie des Verhaltens darzustellen, indem ich die einzelnen Begriffe zunächst erläutere. Anschließend soll deren Zusammenhang dadurch deutlich werden, dass ich zwei Experimente beschreibe, die von zwei seiner Schülerinnen durchgeführt wurden.

3.3.1 Lebensraum

Der Lebensraum eines Menschen besteht zum einen aus der Person selbst und zum anderen aus ihrer psychologischen Umwelt. Die Person beinhaltet einen sensomotorischen Bereich, der alle Wahrnehmungsvorgänge und die folglich zu ihnen gehörenden Bewegungsabläufe darstellt. Hinzu kommt noch ein innerpersönlicher Bereich, der aus zentralen und peripheren Zellen besteht (Fisseni, 2003). Lewin war auch schon zu seiner Zeit bewusst, dass jener Teil eine Rolle beim Verhalten spielen muss, jedoch musste er ihn vernachlässigen, da der damalige Wissensstand noch nicht so weit war, dass man dies brauchbar in die Feldtheorie einbauen konnte.

Die psychologische Umwelt hingegen umfasst alles, was die Person wahrnimmt. Folglich basiert sie auch auf dem im Gedächtnis gespeicherten Wissen. Sie wird also von der Peson kognitiv konstruiert (Fisseni, 2003) und stellt eine Abbildung der kognitiven Struktur eines Individuums dar (Lang, 2007), welche somit von Individuum zu Individuum verschieden ist. Weiterhin ist die psychologische Umwelt abhängig von den momentanen Bedürfnissen, Wünschen, Befürchtungen, Zielen, Erinnerungen, unbewussten Einflüssen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ereignissen (Marrow, 1977). Sie ist in verschiedene Regionen unterteilt, die in einer interdependenten Beziehung zu einander stehen. Diese Regionen sind voneinander abgegrenzt, können aber kommunizieren, was von bestimmten Faktoren abhängt. Diese sind zum einen die Nähe bzw. Ferne, wobei der gegenseitige Einfluss der Regionen mit kleinerer Entfernung stärker wird. Zum anderen ist es die Stärke bzw. Schwäche, welche sich auf die Beschaffenheit der Grenzen zwischen den Regionen bezieht, denn je stärker eine Grenze ist, desto schwieriger ist der Einfluss einer Region auf eine andere. Und schließlich sei noch die Festigkeit bzw. Flüssigkeit erwähnt, welche das Innenmedium einer Region betrifft. Denn mit steigender Festigkeit reagiert eine Region weniger stark auf äußere Einflüsse (Fisseni, 2003).

Der Lebensraum besitzt auch eine gewisse zeitliche Tiefe: die Vergangenheit wird in Form von Erinnerungen, die Zukunft in Form von Hoffnungen, Wünschen, Träumen oder Erwartungen repräsentiert. Jedoch spielt die Gegenwart in der Feldtheorie eine zentrale Rolle, denn das Verhalten eines Individuums beruht auf der Konstellation einer Situation, die nur zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert (Marrow, 1977). Lewin zufolge ist der Lebensraum „…die totale psychologische Umwelt, die die Person subjektiv erlebt.“ (Lewin, zitiert nach Marrow, 1977, S.46). An dieser Stelle wird auch deutlich, worin sich die psychologische Umwelt vom physikalischen Umfeld unterscheidet, das von dem Lebensraum eines Individuums getrennt ist. Es enthält all das, was der Person nicht bewusst ist, was sie nicht wahrnimmt und somit auch nicht kognitiv repräsentieren kann. Die Grenze zwischen den beiden ist allerdings nicht vollkommen starr, denn es besteht eine gegenseitige Beeinflussung. Lewin und seine Schüler haben den Lebensraum und das physikalische Umfeld eines Individuums mit Hilfe von so genannten Jordankurven dargestellt, welche aus der Mathematik stammen und eine Ellipsen-Form besitzen, innerhalb derer sich der Lebensraum befindet. Das physikalische Umfeld liegt hingegen außerhalb einer solchen Jordankurve.

Lewin zufolge ist der Lebensraum das Objekt, auf das der Psychologe seine Untersuchungen konzentrieren solle, da mit Hilfe der wechselseitigen Beziehung zwischen der Person und deren Umwelt das individuelle Verhalten erklärt werden kann, was Lewin schließlich in einer Funktion des Lebensraumes zusammengefasst hat: das Verhalten ist eine Funktion der Person und der Umwelt: V= f (P,U) . Um dies weiter verstehen zu können muss zunächst einmal auf weitere Begriffe der Feldtheorie eingegangen werden.

3.3.2 Spannungssysteme und Verhalten

Bedürfnisse

Wie bereits erwähnt finden sich in der psychologischen Umwelt Bedürfnisse wieder, welche in der Feldtheorie eine besondere Stellung einnehmen. Sie bilden den Ursprung der Spannungsenergien. Lewin unterschied dabei zwischen echten und Quasi-Bedürfnissen. Echte Bedürfnisse entspringen einem inneren gewöhnlichen und physiologischen Zustand, die sich beispielsweise in Form von Hunger bemerkbar machen. Wohingegen Quasi-Bedürfnisse sich von den echten ableiten und eher auf einer Absicht bzw. Intention basieren. Dies kann der Wunsch sein, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen wie z.B. eine Anstellung zu bekommen. Weiterhin treten Quasi-Bedürfnisse häufiger auf und sind nicht so stabil wie die echten Bedürfnisse. Insgesamt lässt sich sagen, dass für Lewin nur dann Bedürfnisse existieren, wenn sie einen Gleichgewichtszustand stören (Marrow, 1977).

Spannungen

Wenn ein Bedürfnis entstanden ist, so bewirkt dies ein Ungleichgewicht, welches in Form von Spannungen auftritt. Analog zu den Regionen im Lebensraum kann man diesen in Spannungssysteme unterteilen, die von einander durch feste Grenzen isoliert sind (Marrow, 1977). Die Spannung dabei ist das Verhältnis zwischen dem Zustand eines Systems zum Zustand der umgebenden Systeme (Lewin, 1982). Jedes Spannungssystem strebt als ein Ganzes für sich nach einem Gleichgewicht, d.h. also, wenn sich eine Spannung aufgebaut hat, dann soll das Bedürfnis befriedigt werden, damit die Spannung abgebaut wird. Daraus lässt sich schließen, dass Spannungssysteme das Energiereservoir eines Individuums bilden, das dann zum Handeln verwendet wird. Jene angestrebte Homöostase befindet sich sowohl auf der Denk- als auch auf der Handlungsebene. Eine sehr anschauliche Beschreibung der Spannung brachte Marrow an: „…höchst wünschenswerter Zustand, der seinen Wert darin erweist, daß er die Anstrengungen einer Person erhöht, die sie unternimmt, um ihr Ziel zu erreichen.“ (Marrow, 1977, S.42). Hier wird deutlich, dass Handlungen eines Individuums von aufgebauten Spannungen verursacht werden.

Weiterhin sollte erwähnt werden, dass ein System aufgrund seiner festen Grenzen für längere Zeit auch in gerichteter Spannung verleiben kann, ohne dabei andere Systeme zu beeinflussen bzw. von ihnen beeinflusst zu werden. Auch bei nur teilweise abgeschlossenen Handlungen kann das Spannungssystem gerichtet verbleiben, bis eine entsprechende Situation eintritt und die Spannung gelöst werden kann. Das Ganze findet seinen Ursprung in einem Reiz wieder. Dieser verursacht ein Bedürfnis und somit auch gleichzeitig eine Spannung. Ein Reiz kann aber auch eine bereits vorhandene Spannung an ein bestimmtes Objekt binden (Marrow, 1977), was mich zum nächsten Punkt der Feldtheorie führt.

Valenz und Distanz

Jenes bestimmte Objekt besitzt einen speziellen Aufforderungscharakter, eine Art Anziehungskraft, die auf ein Individuum einwirkt, sobald eine Spannung aufgebaut ist. Dies wird in der Feldtheorie unter der Valenz zusammengefasst. Hierbei wird zwischen positiver und negativer Valenz unterschieden, wobei die erste mit einer Anziehung, die zweite mit einer Abstoßung gleichzusetzen wäre.

Ein weiterer bedeutender Bestandteil der Feldtheorie lässt sich am folgenden Beispiel zweier unterschiedlicher magnetischer Pole anschaulich darstellen: wenn sich die beiden nämlich näherkommen, so wird die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrscht, immer stärker. Dies wird in der Feldtheorie als die psychologische Distanz bezeichnet. Sie entspricht der Entfernung zwischen der Person und der für sie momentan bedeutenden Valenzregion. Hier gilt, wie schon beschrieben: je näher sich diese beiden sind, desto stärker ist auch die antreibende Kraft, die Zielregion zu erreichen, von der die Valenz ausgeht (Fisseni, 2003).

Kraft

Wie bereits oben erwähnt, existiert eine Kraft, die auf die Person einwirkt und somit eine Handlung verursacht. Sie wirkt zum einen auf der Ebene des Tuns, der Realität, sodass schließlich eine beobachtbare Handlung entsteht. Zum anderen wirkt sie auf der Ebene des Denkens, der Irrealität, wobei diese beispielsweise in Form von Erinnerungen an eine bestehende Spannung auftreten kann. Die Kraft in der Feldtheorie ist eine dynamische Größe und wird als Vektor dargestellt: der Verlauf des Vektorpfeils bedeutet die Richtung, die Länge des Pfeils die Stärke der einwirkenden Kraft und die Spitze bildet den Angriffspunkt der Kraft innerhalb der Person. Zusammen mit den Spannungssystemen entsteht ein Kraftfeld, in dem sich die Person befindet. Daraus resultiert eine Art Netz aus verschiedenen Wegen, entlang derer sich die Person bewegen kann, um eine Zielregion zu erreichen. Denn wenn eine Kraft auf die Person einwirkt, so entsteht eine Lokomotion von einer Region zu einer anderen (Fisseni, 2003).

Lokomotion und Verhalten

Die Lokomotion ist der Verhaltesablauf, der die Bewegung der Person innerhalb ihres Lebensraumes angibt. Durch die jeweiligen Richtungen der Bewegung wird schließlich das Verhalten eines Individuums dargestellt. Wobei die Lokomotion von den oben beschriebenen Faktoren Spannungssysteme, Valenz, Distanz und Kraft bestimmt wird. Das Verhalten resultiert also aus der Gesamtheit von Sachverhalten und Tatsachen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeinsam existieren. Die Person und die psychologische Umwelt stehen dabei in ständiger Interdependenz zu einander. Um das Verhalten vollständig beschreiben zu können, hat Lewin dafür bestimmte Richtungsmöglichkeiten mit jeweils einer formelhaften Darstellung eingeführt. Dazu gehören folgende Vorgaben: „Von der gegenwärtigen Region zu einer anderen Region hin!“, „ Weg von einer anderen Region!“, „Weg von der aktuellen Region!“ und „Zur augenblicklichen Region hin!“ (Fisseni, 2003, S.269).

3.3.3 Experimentelle Belege der Feldtheorie

Der Zeigarnik-Effekt

Bluma Zeigarnik war eine Schülerin Lewins und hatte 1924 - 1926 mit einem Versuch zum Wiedererinnern von erledigten und unerledigten Handlungen einen Beleg für die Feldtheorie erbracht. Die dahinterstehende Theorie befasste sich damit, dass ein Vorsatz genauso auf ein Individuum wirkt wie die Erzeugung einer Spannung. Hierzu wurden mehrere Annahmen gemacht, die sich folgendermaßen gestalten:

1. Der Vorsatz, ein Ziel Z zu erreichen, d.h. also eine bestimmte Handlung würde zum Ziel Z führen, entspricht einer Spannung s. Dies alles befindet sich innerhalb eines Systems Sz in einer Person P, sodass schließlich einem Vorsatz ein System in Spannung zugeordnet wird.
2. Die Spannung s löst sich, wenn die Person P das Ziel Z erreicht hat.
3. Es wird eine Kraft kp,z dem Bedürfnis nach dem Ziel Z zugeordnet, die auf die Person P einwirkt und somit eine Tendenz zur Lokomotion in Richtung Z verursacht.

An dieser Stelle machte Zeigarnik eine Erweiterung: und zwar führt das Bedürfnis nach Z auch zu Gedanken über die fragliche Handlung, d.h. also die Kraft kp,z wirkt nicht nur auf der Ebene des Tuns, sondern auch auf der des Denkens.

Hier wird deutlich, dass das Bestehen einer Spannung darin erkannt werden soll, dass eine Tendenz zur Reproduktion von Handlungen entsprechend dem Spannungssystem vorhanden ist (Lewin, 1982).

Frau Zeigarnik führte ihr Experiment folgendermaßen durch: Die Versuchspersonen bekamen verschiedene Aufgaben zum Lösen wie z.B. Puzzles oder schwierige Fragen. Einige Aufgaben konnten bis zum Ende bearbeitet werden. Bei den anderen Aufgaben hatte Frau Zeigarnik die Probanden möglichst zwanglos unterbrochen und sie gebeten, sich einer anderen Aufgabe zu widmen. Anschließend wurden die bearbeiteten Aufgaben eingesammelt und die Probanden konnten nicht mehr darin einsehen. Darauffolgend wurden die Probanden gefragt, ob sie sich an die Aufgaben erinnern könnten.

Es wurde festgestellt, dass die Anzahl der unerledigten Aufgaben, an die sich die Versuchpersonen erinnern konnten, fast doppelt so hoch war wie die Anzahl der erledigten Aufgaben, die erinnert wurden. Es wurde dabei ein Verhältnis von 1: 1,9 erreicht. Damit wurde Zeiganiks Annahme bestätigt, dass das Quasi-Bedürfnis in Form einer Spannung noch besteht, wenn die Person die Zielregion, also die Lösung einer Aufgabe, nicht erreicht hat. Dies führt dazu, dass die Restspannung auf der Ebene der Irrealität wirkt und eine Erinnerung an jene Aufgabe erzeugt. Dieses Phänomen wurde als der Zeigarnik-Effekt bezeichnet (Fisseni, 2003).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Kognition und Persönlichkeit in den Theorien von Witkin und Lewin. Annahmen und Ziele der Theorien
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V961480
ISBN (eBook)
9783346312846
ISBN (Buch)
9783346312853
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kognitive Stile, Feldtheorie, Lewin, Feldabhängigkeit, Witkin, Differentielle Psychologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Kognition und Persönlichkeit in den Theorien von Witkin und Lewin. Annahmen und Ziele der Theorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961480

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