Was ist Geographie?


Hausarbeit, 1998

6 Seiten, Note: positiv


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Was ist Geographie?

Eine einheitlich und genau abgrenzende Definition der Geographie gibt es bis heute nicht.

Vielmehr sind die Definitionen über den Wissenschaftszweig Geographie im Laufe der Zeit, also vom aufkommen der Geographie, bis heute ständig verändert worden und neue Definitionen haben die alten abgelöst. Die Geographie steht allerdings nicht alleine bei der Qual der Definition ihrer selbst, sondern findet sich in einem Kreis sehr vieler Wissenschaften wieder die vor dem gleichen Problem stehen. Eine eindeutige Definition für die Chemie gibt es ebensowenig, wie für die Germanistik oder Zoologie, aber zu behaupten, daß diese Wissenschaften nicht eigenständig oder abgrenzbar seien wäre auch nicht korrekt.

„Es gibt wissenschaftliche Disziplinen; aber es gibt sie nur als wesentlich historische, also soziale Phänomene. Welcher Umkreis von Problemen der Zuständigkeit einer bestimmten Disziplin zugeordnet wird, wird allein durch den Consens derer, die sich dieser Disziplin zugehörig fühlen, und derer, die außerhalb von ihr stehen, entschieden. Sind alle Beteiligten sich über die Zuordnung einig, dann erscheint eine Disziplin als wohlgefügtes, etabliertes Gebilde; sind sie sich sehr uneinig, dann beginnen manche an der Berechtigung einer Disziplin zu zweifeln“1

Die Geographie -bzw. die Definition dieser Wissenschaft- ist also im laufe der Zeit historisch gewachsen und hatte stets unterschiedliche Aufgaben. Bei einer geschichtlichen Betrachtung dieser Fragestellung zeigt sich, daß bereits in der Antike, sicherlich verbunden durch die Ausweitung des griechischen Siedlungsraumes in der damaligen Zeit, zahlreiche Beschreibungen über Häfen, Länder und vor allem Küsten eine neue Erkenntnis der Erde lieferte. Auch die mythische Vorstellung der Erde wurde aufgrund von Fragestellung über den praktischen Nutzen dieser Beschreibungen und Erkenntnisse überwunden und es wurden erste Versuche unternommen die Erde selbst zu messen und ihre Stellung im Weltall zu definieren.2

Geht man vom heutigen Erkenntnisstand aus so teilt sich die Geographie im wesentlichen in drei große Gruppen:

1. Länderkunde
2. Allgemeine Geographie und
3. Landschaftskunde

Was ist Geographie?

Diese Begrifflichkeiten sind von der Antike bis ins 20 Jahrhundert stetig gewachsen, wobei die großen Impulse einer Neuorientierung erst im 17. Jh. und maßgeblich dann im 19. Jh. vollzogen wurden.

Die Länderkunde selbst, wird auch heute noch von vielen Geographen, bzw. sehr vielen Menschen als Kern der Geographie angesehen und verdrängt vielfach noch immer die restlichen Forschungsansätze und so wird der Geograph -leider auch noch in der jetzigen Gegenwart- von sehr vielen Personen als „Länderkundler“ gesehen.

Erst im 17. Jh. begann sich auch der Begriff der Allgemeinen Geographie zunehmend durchzusetzen. Dieser Zweig, der sich vor allem dem Erdganzen und der Erdoberfläche in ihrer Gesamtheit beschäftigt, war eine folge einer zunehmenden Verwissenschaftlichung und dem Versuch oder Anliegen die Geographie mit einer Ordnung, Klassifikation, Begriffsbildung und Aufstellung von Regelhaftigkeiten zu versehen, die die Länderkunde alleien nicht mehr selbst zu erfüllen vermochte. Im 19. Jh. verlagerte sich die Forschungstätigkeit sehr stark in diesen Bereich, mit dem vordergründigen Ziel der Naturwissenschaften.

Als letzte und jüngste Forschungsrichtung kam dann noch die Landschaftskunde hinzu, die ihre Entstehung in der „Behandlung des menschlichen Elements“ findet und auf den Versuch von O. Schüter zurückgeht, mit der Grundlage der Beobachtung in der Landschaft. Die zweite große Antriebskraft für diese Richtung war ein immer stärker werdendes Dilemma, welches sich aus aus dem Theorienmangel der Länderkunde (sie bildet von sich aus ja keine eigenen Theorien) und der Allgemeinen Geographie, die zwar über zahlreiche eigenständige Theorien verfügte, aber nicht in der Lage war alles abzudecken. Sie ist daher die Vereinigung der Länderkunde (mit integrierenden und synthischen Charakter) auf der einen Seite und der Allgemeinen Geographie (mit dem Streben nach Generalisierung und Theorienbildung) auf der anderen Seite vereinigen.

Dies sind nach heutigem Stand die drei großen Forschungsrichtungen innerhalb der Geographie aus denen man die Frage „Was ist Geographie“ im wesentlichen ableiten sollte. Im Laufe der Zeit haben sich sehr viel mit dieser Problematik beschäftigt und es kam zu zahlreichen Ansätzen die Wissenschaft Geographie zu definieren. Abhängig war die Antwort oder Definition auf die Frage sicherlich immer vom Blickpunkt des Definierenden und der Zeit.

Speziell im 20igsten Jahrhundert kommt es zu einer Flut an Definitionsbildungen innerhalb der Geographie die sich dann in späterer Folge sehr stark differenzieren, auf der einen Seite jene Definitionen die im angelsächsichen Bereich verfeinert werden, und auf der anderen Seite jene die im deutschsprachigen Raum ausgearbeitet werden. Schließlich decken sie sich wieder und es kommt im großen und ganzen zu einem einheitlichen Konsens zwischen dem englischen- und deutschem Sprachraum.

Vorreiter bei der Definitionsbildung war bereits 1852 Carl Ritter mit einem ziemlich modernen Ansatz für die damalige Zeit: „Geographie sei ungeachtet ihres Charakters als einer empirischen Wissenschaft auf Theorie und philosophische Reflexion angewiesen. Ihre Aufgabe wäre nicht eine kompendienhafte Aufzählung der Sachverhalte auf der Erdoberfläche, sondern die Lehre von der Raumerfüllung in ihren wesentlichen Verhältnissen und in ihrer inneren und äußeren Gesetzmäßigkeit. Sie sollte sich erheben nicht zur bloßen Aufzählung, sondern zur

Verhältnislehre der irdisch erfüllten Räume und zum Causalzusammenhang ihrer lokalen und allgemeinen tellurischen Räume, nicht nach den Stoffen, Formen..., und nach ihren Naturgesetzen...; sondern nach ihren Verbreitungsverhältnissen, Verbreitungssphären und Verbreitungsgesetzen über die Erde,... und nach den Erscheinungen, die aus... den Stellungen, Gestalten und Formen,... den Summen, Größen und Distanzen hervorgehen, oder kürzer >die Raumerfüllung in ihren Constructionen und Organisationen.<“3

Alfred Hettner lieferte eigentlich die erste moderne Definition von Geographie, die auch in weiterer Folge maßgeblich an der Defnitionsbildung beteiligt war: „Geographie als chorologische oder Raumwissenschaft >ist die Wissenschaft von räumlichen Anordnungen auf der Erde. Die Geographie ist nicht die allgemeine Wissenschaft von der Erde; aber auch ihre von Richthofen gewählte Bezeichnung als Wissenschaft von der Erdoberfläche ist nicht glücklich und hat zu vielen falschen Auffassungen Anlaß gegeben. Betrachtungen der Erdoberfläche im ganzen, d.h. ohne Rücksicht auf die örtlichen Unterschiede, sind noch nicht geographisch. Ziel der Geographie ist „die Auffassung der irdischen Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der räumlichen Anordnung<“4

Hettner prägte mit seinen Thesen die Geographie, wurde dann aber doch durch andere Theorien, die mehr Hinwendung zum Gegeständlichen lieferten weitgehend abgelöst. Diese neue Generation verstand unter Geographie die „Wissenschaft von der räumlichen Erdoberfläche“ und befaßte sich fast ausschließlich mit den Geofaktoren. Um nicht dem Risiko als Hilfswissenschaft abgetan zu werden, wurde Hettners „räumliche Anordnung“ als Landschaft, länderkundliche Einheit, länderkundliche Individualität interpretiert. Im Gegensatz von der „räumlich differenzierten Erdoberfläche“ hatte die „Landschaft“ als Objekt der Geographischen Wissenschaft den Vorzug, von keiner anderen Wissenschaft bearbeitet zu werden. Dies sollte als Nachweis für die Eigenständigkeit der Geographie akzeptiert werden und auch auf dieser Basis alles verteidigen.

Dieser Landschaftsbegriff war es dann, der viele Kritiker laut werden ließ. So waren (H. Schmitthenner, 1954; O. Wernli, 1958; W. Gerling, 1965) mit der Definition nicht einverstanden und arbeiteten die Problematik weiter auf: „Begriffe wie Landschaftsganzheit, Gestaltenheit, Landschaftsorganismus, usw. sind als theoretische Instrumente geographischer Forschung unbrauchbar und daher abzulehnen Nicht Ganzheitsforschung ist die Auufgabe der Geographie, sondern Problemforschung.“5

In dieser zeit entwickelten sich auch zahlreiche Verfeinerungen dieser Thesen und Defintionsversuche im angelsächsischen Raum. Hier galten vor allem F.K. Schaefer, R. Hartshorne. Dies führte dazu, daß im nordamerikanischen Raum zahlreiche Inovationszentren an den Universitäten entstanden und die „Neue Geographie“ bildeten.

In deutschsprachigen Raum blieb man allerdings bis in die 70iger Jahre von den Thesen der Amerikaner, Schmitthenners und Gerlings sehr distanziert und betrachtete die Geographie weiterhin als Gegenstandswissenschaft, die sich mit den Geofaktoren und der Erdoberfläche zu befaßen hat. Beispiele aus dem Jahre 1968 unterstreichen dies. W. Weigt definiert Geographie als „Bemühen, das uns entgegentretende vielfältige Bild der erdoberfläche als soches zu erfassen sowie es kausal und genetisch in Wechselwirkung aller auftretenden Faktoren in seiner Ganzheit zu verstehen und zu erklären... Doch ist sie deswegen keine chorologische Raum- oder Beziehungswissenschaft, sondern durchaus eine auf Erscheinungen selbst gerichtete Objektwissenschaft.“6

Auch der Brockhaus definierte noch 1969 in seiner Enzyklopädie Geographie als „die Wissenschaft von den Erscheinungen der Erdoberfläche“ Ähnliche Definitionen ziehen sich quer durch alle deutschsprachigen Stichwortverzeichnisse der damaligen Zeit. 1975 erst vollzieht sich dann ein sichtbarer Wandel beim Brockhaus der Geographie dann schon las Lehre von Geofaktoren sieht.7

Auch Dieter Bartels definiert als deutschsprachiger Geograph nun die Geographie in „Meyers Enzyklopädischen Lexikon“ anders, als die vorherrschende Auffassung vergangener Jahre:

„Geographie wird verstanden als Beschreibung und Erklärung der erdoberflächigen Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster von Sachverhalten.“8

Damit schließt sich die Auffassung mit dem angelsächsischen Sprachraum, die Geographie weniger als Gegestandswissenschaft auffassen, sondern vielmehr als eine abstrahierende Raumund Beziehungswissenschaft.

Geht man nach den heutigen Forschungsansätzen aus, so ergeben sich mehrere Ansätze die die Geographie zu beschreiben versuchen. Jeder einzelne Ansatz wäre wohl alleine zu schwach um die Geographie zu beschreiben, allerdings die Summe aus allen stellt einen Erklärungsversuch dar, wenn auch nicht eine eindeutige Definition. So kann man die Geographie als Gegenstandswissenschaft sehen, die weiterhin von der Wissenschaft von der Erdoberfläche ausgeht und versucht zu erkennen und zu beschreiben. Ein anderer Ansatz wäre wohl die Geographie als Wissenschaft von den Mensch- Umwelt Beziehungen. Diese schon zwischen den Weltkriegen begonnene These „Naturlandschaft- Kulturlandschaft“ gewinnt immer mehr, auch durch eine andere Einstellung zur Umwelt, verbunden mit der permanenten Zerstörung dieser durch den Menschen, an Bedeutung. Aber auch die Geographie als abstrahierende Raum- und Standortwissenschaft gehört zweifellos zur Geographie und beschäftigt sich mit der Theoretischen Geographie, sieht „chorologische Betrachtungsweisen“ vor und im Mittelpunkt dieses Ansatzes stehen „location theory“, also Distanzen, Richtungen, Standortvergesellschaftungen, die Regeln und Gesetzmäsigkeiten räumlicher Differenzierung und räumlicher Anordnung. Bei der Geographie als Wissenschaft von räumlichen Systemen handelt es sich um einen Ansatz der sehr gut gemeinsame Fragestellungen und Forschungsaspekte umschließt und für viele andere Richtungen innerhalb der Geographie gute Interpretationsmöglichkeiten bietet. Die Geographie als integrative „Beziehungswissenschaft“ ist als Antithese zu Geographie als Gegenstandswissenschaft entstanden. Heute hat sich das Bild ein wenig gewandelt und muß unter einem anderen Aspekt gesehen werden. Dieser Wissenschaftszweig umfaßt erstens die Mensch- Umwelt Beziehungen, zweitens die Relationen zwischen den Elementen räumlicher Systeme und drittens die Beziehungsgefüge einer abstrahierenden Raum- und Standortwissenschaft. Der traditionelle Ansatz versteht die Wechselwirkungen und Verknüpfungszusammenhänge zu untersuchen, die zwischen den am gleichen Ort befindlichen Sachverhalten bestehen.

Gerhard Hard geht in seinem Bericht, der in der „Geographischen Zeitschrift“ Jahrgang 1978 erschienen ist, „Was ist Geographie“ dahin, daß er sagt Geographie ist im wesentlichen eine Frage der Auffassung was dazugehört und was nicht mehr dazugehört. Jeder definiert sie anders und interpretiert sie anders, da jeder auch was anderes in Geographie sieht. Dieses Problem zeigt sich eigentlich im gesamten Verlauf der Geschichte der Geographie, wo immer wieder von der Krise in der Geographie gesprochen wurde.

Eine eindeutige Definition über Geographie gibt es bis heute nicht, viel zu umfassend sind die Forschungs- und Arbeitsbereiche der Geographie, so daß sich wohl auch weiterhin jeder selbst sein eigenes Bild und seine eigenen Gedanken zu diesem Thema machen muß. Die Geographie erscheint hiermit wie ein mächtiger Kaiser, dem allerdings Land und Mittel fehlen.

[...]


1 R. Dahrendorf 1974, S 44; speziell für die Geographie A.G. Wilson 1972, S 33

2 In den Werken von Eratosthenes erscheint zum ersten mal das Wort Geographie

3 Carl Ritter, 1852, Seite 153, 156, 157 und 159

4 Alfred Hettner, 1927, Seite 117, 122, 123

5 W. Gerling, 1965, Seite 9,15f.

6 Ernst Weigt, 1968, Seite 6,13

7 Brockhaus Enzyklopädie, Band 22, Seite 549

8 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 10, 1974b, Seite 83

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Was ist Geographie?
Hochschule
Universität Wien
Note
positiv
Autor
Jahr
1998
Seiten
6
Katalognummer
V96211
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geographie
Arbeit zitieren
Bernhard Hofer (Autor), 1998, Was ist Geographie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96211

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