Eine Kulturgeschichte der Satellitentechnologie. Der Zusammenhang zwischen technischer Entwicklung und Weltvorstellungen

Eine kurze Darstellung


Bachelorarbeit, 2020

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen:
2.1. Verbundenheit technischer und sozialer Systeme
2.2. Sozio-technische Systeme als Problemlöser
2.3. Kulturgeschichte aus der Perspektive einer technischen Kultur
2.4. Die zweite Kopernikanische Wende

3. Erdbeobachtung
3.1. Grundlagen der Erdbeobachtung
3.2. Einsatzgebiete
3.3. Geschichtliche Meilensteine
3.4. Laufende Programme und laufende Bedenken

4. Kommunikation
4.1. Rechtlicher Rahmen
4.2. Dynamischer Fortschritt durch Liberalisierung und Privatisierung

5. Navigation
5.1. Meilensteine
5.2. Funktionsweise
5.3. Vorteile

6. Der Satellit als Medium der räumlichen und zeitlichen Distanz Überwindung
6.1. Die Botschaft der Satelliten
6.2. Soziale Beschleunigung

7. Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Resultat der Weltraumforschung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieben wurde, ist die zweite kopernikanische Wende. Aus dieser bereits viel zitierten und ausgeschilderten Metapher (Sachs 1994, Schellnhuber 1999, Sloterdijk 1990), soll auch die vorliegende Arbeit ihre Begründung ableiten. Es geht dabei darum, Auswirkungen und Implikationen zu beschreiben, die der durch Satelliten vermittelte Blick auf die Erde von außen, für das Leben der Menschen auf der Erde mit sich bringt. Das Resultat dieses „Blicks von außen“ stellt einen „Bruch in der Geschichte der Wahrnehmung der Erde dar“ (Sachs 1994, 318). Dadurch, dass wir in einer „technischen Kultur“ leben (Heßler 2012) besteht ein enger Konnex zwischen technischem Fortschritt und der Art und Weise, wie Menschen auf dieser Erde sich Selbst und die Welt wahrnehmen und verstehen. Diese, auf einer hermeneutischen Literaturrecherche basierende Arbeit, stellt einen Versuch dar, Spuren zu finden, die auf eine grundlegende Einflussnahme von Satellitentechnologie auf menschliches Denken und Handeln hindeuten und eventuelle, dadurch hervorgerufene Veränderungen (Paradigmen) aufzuzeigen.

Um diese Frage(n) sinnvoll einzugrenzen wird sich diese Arbeit auf die drei „dominanten Marktsegmente“ (Frischauf, Karner 2007, 156) der zivilen Satellitentechnologie: Erdbeobachtung, Telekommunikation und Navigation beschränken. Diese drei Bereiche werden jeweils in ihrer historischen Entwicklung überblicksmäßig beschrieben und auf die Frage untersucht: Was ermöglicht diese Technologie, was bisherige, erdgebundene Technologie nicht ermöglichte und welchen Einfluss hat diese Technologie auf das menschliche Leben?

Bevor im Hauptteil der Arbeit die einzelnen Einsatzgebiete von Satellitentechnologie abgehandelt werden soll zuerst der theoretische Rahmen, in dem Fragen gestellt und beantwortet werden, dargelegt werden. Ziel ist es, die enge Verbundenheit der technischen- mit der sozialen Umwelt des Menschen aufzuzeigen. Dies soll mit einer systematischen, problembasierten und kulturgeschichtlichen Erklärung gelingen.

Der Untersuchungsbereich Erdbeobachtung ist der vielseitigste und inhomogenste Einsatzbereich, deswegen steht eine Beschreibung der Einsatzmöglichkeiten im Vordergrund. Es soll gezeigt werden, wie die Ausweitung der Einsatzgebiete und die enorme technische Entwicklung in diesem Bereich Weltvorstellungen forcieren, die vom Glauben an technische Machbarkeit, Prozessoptimierung und Objektivitätsansprüchen getragen werden. Die Vorstellungen von menschlicher Omnipotenz und Selbstvergrößerung (Sachs 1994, 321) auf der einen Seite werden jedoch dadurch kontrastiert, dass durch den Perspektivenwechsel, die Erde als verwundbares System mit vielschichtigen Interdependenzen gesehen wird, was wiederum der Ökologiebewegung Aufschub gab.

Der Untersuchungsbereich Navigation soll vor allem die Entstehung von globalen Satellitennavigationssystemen und deren zivile Nutzbarmachung thematisieren. Gemeinsam mit dem Untersuchungsbereich Telekommunikation, soll ein Blick darauf gerichtet werden, wie diese Technologien zentrale menschliche Kulturtechniken, nämlich das Navigieren (Orientieren) und das Kommunizieren, weiterentwickeln und verändern. Es sollen Rückschlüsse darüber gezogen werden, wie sich diese Technologien auf das Wahrnehmen räumlicher Distanz und Zeit (Virilio 1989, Schivelbusch 1977), der alltäglichen Orientierung im Raum und dem Erleben sozialer Beschleunigung (Rosa 2005) auswirken.

Im Bereich Telekommunikation soll zudem die mögliche, zukünftige Entwicklung thematisiert werden. Diese ist besonders von Bedeutung, weil private Unternehmen (Tesla, Amazon) bereits damit begonnen haben, die Infrastruktur dafür zu schaffen, Satelliteninternet auf dem globalen Markt anzubieten (Starlink.com). Dieses Vorhaben könnte den herkömmlichen Telekommunikationsmarkt umwälzen. Eine umfassende Erörterung dieses Themas kann jedoch aus Ressourcengründen nicht in dieser Arbeit stattfinden.

Abschließend wird ein Überblick über die wichtigsten Aussagen der Arbeit gegeben. Darauf gestützt soll die kulturelle Bedeutung von Satellitentechnik nochmals prägnant dargelegt werden.

2. Theoretischer Rahmen:

In diesem Kapitel soll die enge Verbundenheit der technischen- mit der sozialen Umwelt von Menschen thematisiert werden. Die Leitfrage soll dabei sein: wie wirkt sich die durch Raumfahrt bereitgestellte, technische Infrastruktur auf soziale Belange bzw. die Lebensweise von Menschen aus?

2.1. Verbundenheit technischer und sozialer Systeme

Um diese Frage auf einer fundamentalen Ebene zu bearbeiten, werden im Folgenden u.a. Begriffe und Konzepte aus der Systemtheorie verwendet, denen naturgemäß ein hoher Abstraktionsgrad innewohnt.

Bei seinem Versuch die zwei getrennt voneinander entstandenen Theorien: die Theorie sozialer Systeme (Luhmann) und den Theorieansatz großer technischer Systeme (Hoernig 1998, Lawrence/Low 1990) miteinander zu verbinden bzw. für einander fruchtbar zu machen, geht Grundmann (1994, 502f.) von der Annahme aus, „daß es große Technische Systeme gibt und daß es soziale Systeme gibt, die am Funktionieren der großen technischen Systeme maßgeblich beteiligt sind“. In diesem Kapitel soll Grundmanns Aussage dahingehend erweitert werden, dass eine wechselseitige Beeinflussung beider Systeme besteht.

Ein Ansatzpunkt, um den wechselseitigen Einfluss technischer und sozialer Systeme zu beschreiben, ist es, beide Begriffe zuerst voneinander zu trennen und nach den konstitutiven Elementen beider Systeme zu fragen. So haben technische Systeme nach Grundmann (1994, 503) notwendigerweise dinglichen Charakter, wohingegen das konstitutive Element sozialer Systeme ausschließlich Kommunikation ist (ebd., zit. nach Luhmann).

Betont man den dinglichen Charakter großer technischer Systeme, so sind diese physisch vernetzte Strukturen, die sich über große räumliche Distanzen erstrecken und einen weiten Zeithorizont besitzen (Grundmann 1994, 504). Große Technische Systeme sind z.B. Stromverbunde, Telefonnetze, Kanalisationssysteme oder eben die für diese Arbeit besonders relevante Raumfahrt. Soziale Systeme hingegen sind, nach Luhmann, sinnverarbeitende Systeme, die Ereignisse (Kommunikationen) prozessieren, dabei Strukturen, Codes und Programme bilden und sich entsprechend ausdifferenzieren. Wissenschaft, Recht, Politik und Ökonomie sind die prominentesten Beispiele, die sich herausgebildet haben (Grundmann 1994, 504).

Auf die Frage, was die beiden Systeme miteinander verbindet, wird man Grundmann (1994) an verschiedenen Stellen fündig. Große technische Systeme stehen zu sozialen Systemen in Dauerkontakt (Grundmann 1994, 503). Unser Bewusstsein und unsere Kommunikation befinden sich in ständiger Verbundenheit mit der technischen Umwelt (Grundmann 1994, 515).

„Technik konstituiert deshalb ein gemeinsames Universum für soziale Systeme, weil keine Technik auf einem Sozialsystem allein basiert. Typischerweise sind ökonomische, politische, rechtliche, wissenschaftliche, ästhetische, militärische und andere Aspekte bei der Entwicklung, Konstruktion, Nutzung und Bewertung von Technik bedeutsam“ (Grundmann 1994, 509).

Gerade diese Feststellung kann bei der Analyse der historischen Genese von großen technischen Systemen von Bedeutung sein und wird sich in dieser Arbeit bei der multiperspektivischen Bewertung der Auswirkungen der modernen Raumfahrt (Satellitentechnik) auf die Lebensweise von Menschen niederschlagen.

Um die abstrakte Definition eines großen technischen Systems für die Raumfahrt geltend zu machen, soll zuerst die vielfältige Nutzbarkeit der Raumfahrt verdeutlicht werden. Ein weiterer Grund, neben der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung, der dafürspricht, dass es sich bei der Raumfahrt um ein großes technisches System handelt, ist, dass es im Prinzip von jedermann, für vergleichsweise beliebige Zwecke genutzt werden kann (Braun, Joerges 1994). Es ist klar, dass nicht jedermann als Astronaut die Erde verlassen kann, wohingegen für jedermann die drei für diese Arbeit relevanten Einsatzbereiche der Raumfahrt: Erdbeobachtung, Navigation und Kommunikation zur Benutzung offenstehen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll vor allem klarwerden, warum diese, durch Satelliten ermöglichten Einsatzbereiche, für verschiedene soziale Systeme von großer Bedeutung sind. Es soll ersichtlich werden, wie das große technische System Raumfahrt wichtige Bestandteile, die zum Erhalt sozialer Systeme konstitutiv sind, liefert.

2.2. Sozio-technische Systeme als Problemlöser

Nun soll ein weiterer Versuch unternommen werden, technische und soziale Systeme aufeinander zu beziehen. Hierfür wird der von Weyer (1994) benutzte, und von Hughes (1979) eingeführte Begriff des sozio-technischen Systems aufgegriffen und für Satellitentechnik angewandt. Dieser Systembegriff operiert in seiner sozialen Dimension nicht mit den von Luhmann geprägten Konzepten rundum Kommunikation, sondern beruft sich auf die grundlegende Eigenschaft von Technik, Probleme zu lösen. Es soll deutlich werden, dass Satellitentechnik, als sozio-technisches System zu verstehen ist, das Probleme zu lösen vermag, die in der Lebenswelt von Menschen verankert sind. Die Problemfelder, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit hauptsächlich angesprochen werden sind Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation. „…ein sozio-technisches System [soll] definiert werden als Kopplung unterschiedlicher apparativ-instrumenteller und sozialer Komponenten, deren Funktion es ist, eine Lösung für Probleme zu offerieren (Weyer 1994, 359)“.

Somit kann festgehalten werden, dass sich die Größe und Wachstumsfähigkeit eines sozio-technischen Systems über seine Fähigkeit, neue Probleme zu lösen bestimmt. Weyer (1994, 359) beschreibt anhand des Fallbeispiels, der Geschichte der westdeutschen Raumfahrt ab 1950, das sozio-technische System Satellit als das Produkt einer „Aufwärtstransformation“. Darin markiert er den Anfangspunkt dieses Systems in den Bemühungen der westdeutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, Raketentechnologie und bemannte Raumfahrt im Rahmen eines nationalen Raumfahrtprogramms zu fördern (Weyer 1994, 354). Weyer (1994, 355) beschreibt dieses Konzept und die damit erfolgte Fokussierung auf Raumtransporter jedoch als „unpraktikabel“, weil es sich in systematischer, diskursiver und technischer Hinsicht als Fehlkonstruktion erwies. Einen Wendepunkt der westdeutschen Raumfahrt sieht Weyer (1994, 356) in der 1962 von Ludwig Bölkows veröffentlichten „Denkschrift: Satelliten für die Deutsche Weltraumforschung“. Darin wurde der Satellit als „Mehrzweckgerät“ ausgelegt und den Interessen aller beteiligten Gruppen entgegengekommen (ebd.).

„Das Satellitenprojekt enthielt eine systemische Vision, die sowohl in diskursiver als auch in apparativ-instrumenteller Hinsicht umfassender war als die zuvor von der Kommission für Raumfahrttechnik vorgelegten Vorschläge (ebd.)“.

Das sozio-technische System Satellit war erfolgreich, der Bau von Satelliten bildete neben der Beteiligung an der Europa-Rakete den wichtigsten Schwerpunkt der deutschen Raumfahrt in den sechziger Jahren (Weyer 1994, 357). Weyer (ebd.) führt diesen Erfolg vor allem auf die Fähigkeit von Satellitentechnik zurück, bestimmte Probleme zu lösen und sich gegen andere Technologien durchzusetzen sowie sich durch diskursive Anschlüsse sozial zu vernetzen. So entstand eine „Dynamik, die kaum noch aufzuhalten war“ (ebd.). Der erste deutsche Satellit, mit dem Namen Azur startete 1969 und wog nur 72 Kg (Weyer 1994, 349). Die neuesten, mit deutscher Beteiligung entwickelten Satelliten, der Sentinel- Reihe aus dem Kopernikus- Programm der ESA, wiegen hingegen mehrere Tonnen und sind mit modernsten Messapperaturen bestückt (ESA 2020). Weyer (1994, 364) sieht in der Flexibilität und der Vielzahl ziviler Anwendungsmöglichkeiten die größte Stärke des sozio-technischen Systems Satellit und bescheinigt diesem eine große, mehrdimensionale Problemlösefähigkeit.

Auch Sachs (1994, 305) hält Satelliten für ein bedeutendes, großes technisches System, für dessen Dynamik er vor allem das „Zusammenspiel von technischer Leistung und kulturellem Entwurf, zwischen Sachaspekt und Sinnaspekt“ verantwortlich macht. Gemeint ist damit, dass durch die Leistungen des technischen Systems (im Bezug zu dieser Arbeit: Erdbeobachtung, Kommunikation, Navigation) bei den Nutzern eine neue Klasse von Erfahrungen, Erlebnissen, Vorstellungen und Einsichten hervorgerufen werden (ebd.). Sachs (ebd.) sieht damit eine Erwartungshaltung verbunden, welche die Nachfrage nach den Leistungen des technischen Systems auf Dauer stellt und dieses vorantreibt.

2.3. Kulturgeschichte aus der Perspektive einer technischen Kultur

Die wechselseitige Beeinflussung von Technik und Gesellschaft wurde bereits auf systematischer Ebene und im Hinblick auf Problemlösefähigkeit untersucht. Als letzten und für diese Arbeit grundlegenden Punkt, dieses Verhältnis aufzuklären, soll ein Blick auf kulturgeschichtliche Fragestellungen geworfen werden. Diese haben zum Ziel, die stete Verwobenheit der menschlichen Existenz mit Technik sichtbar zu machen (Heßer 2012, 9). Mit der Fokussierung auf kulturgeschichtliche Aspekte soll aufgezeigt werden, dass unser Leben fundamental mit Technik verknüpft ist. Heßler (2012, 7) bezeichnet unsere Kultur als technische Kultur und attestiert der Technikgeschichtsschreibung „einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der menschlichen Kultur“. Aus dieser Sichtweise gestellte Fragen befassen sich mit der „Entstehung, Verbreitung und Nutzung von Technik, kurz technischen Wandel und dessen Wechselwirkung mit der Gesellschaft“ (Heßler 2012, 8).

„Damit gerät die technische Konstituiertheit von Handlungen, Praktiken, Erfahrungen, Wahrnehmungen, des menschlichen Selbstverständnisses, menschlicher Beziehungen und Interaktionen sowie von Raum und Zeit in ihrer jeweiligen historischen Verfasstheit in den Blick, kurz gefasst, die Frage, auf welche Weise unser Verhältnis zur Welt über Technik organisiert ist und historisch jeweils war“ (Heßler, 2012, 9, zit. nach. Nordmann 2009, 13).

Um diesen weiten Themenbereich einzugrenzen und dem Forschungsschwerpunkt dieser Arbeit, den Satelliten, gerecht zu werden, soll nun eine bekannte Metapher kulturgeschichtlich analysiert werden. Die bereits in der Einleitung erwähnte Metapher lautet, dass sich mit dem Beginn der Raumfahrt, insbesondere der Mondlandung 1969 und dem Einsatz von Satelliten, eine zweite kopernikanische Wende vollzogen habe.

2.4. Die zweite Kopernikanische Wende

„Auf der Fahrt zum Mond […] haben die Menschen vor allem die Erde entdeckt. […] Seit Lunar 1 von ihrer Mondumlaufbahn zum ersten Mal das Bild von der am Mondhimmel aufgehenden Erde zurückgefunkt hatte, wurde die Neuentdeckung des Heimatplaneten zur eigentlichen Offenbarung der amerikanischen Raumfahrt. (Sachs 1994, 306)“

Das Bild von der Erde, aufgenommen aus der Außenperspektive des Weltalls, hat sich seit seinem erstmaligen Erscheinen 1966, einen Spitzenplatz in der zeitgenössischen Bilderwelt erobert. Man sieht es ikonenhaft auf Buchumschlägen, T-Shirts, Fernsehnachrichten und Werbespots. Für Sachs (1994, 307) bedeutet das Novum der erstmaligen Ansicht der Erde in ihrer Ganzheit einen „Sprung in der Geschichte der menschlichen Selbstwahrnehmung“. Das fundamental Neue ist, dass die Erde damit in den Kreis der sichtbaren Dinge einrückt. Wie jeder beliebige Gegenstand kann sie nun durch Photographie in ihrer Ganzheit objektiviert werden. Die Existenz der Erde wandelte sich von einer empirischen Gewissheit zu einer empirischen Größe (ebd.). Durch das Satellitenbild wurde die Erde wahrhaftig zu einem Gegenstand und als greifbares Objekt konstituiert (ebd.). Sachs (1994, 308) stellt die Frage nach Mentalitätsverschiebungen, die durch diese neue Auffassung der Erde hervorgerufen wurden und deutet an, dass eine sozio- technische Dynamik entstand, die zur Inspektion, Behandlung und Mediation mit der Erde führten. Damit ist gemeint, dass einerseits durch die Objektivierung der Erde ein Bild von technischer Machbarkeit entstand, welches die Erde als handhabbar und zum Ziel von Prozessoptimierung erklärte. Andererseits entstand durch neu gewonnene Einsichten ein Bild der Erde als physikalische Einheit, deren Komponenten und Prozesse systemisch verbunden und durch Eingriffe verwundbar sind (Schellenhuber 1999). Sachs (1994, 321) spricht von einem Spannungsfeld aus „Kontrolle“, welche die Gefahr der menschlichen Selbstvergrößerung birgt und „Sorge“, welche das Risiko der sentimentalen Trivialisierung in sich trägt. Aus diesen Motiven, Kontrolle und Sorge, nähren sich gesellschaftspolitische Trends wie etwa die Ökologiebewegung oder der uneingeschränkte Glaube an Fortschritt durch Technik.

Es kann Zusammengefasst werden, dass sich historische Entwicklung unter technischen Bedingungen vollzieht (Heßler 2012, 10). Die technische Bedingung, die seit den frühen sechziger Jahren herrscht, ist, dass durch die Raumfahrt im Allgemeinen und Satelliten im Besonderen, die Erde von außen gesehen werden kann. Der Blick von außen entwickelte sich weiter zu einer Vermessung, Steuerung und Prozessoptimierung in vielen Bereichen und ermöglichte Fortschritt in den Bereichen Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation. Die folgenden Kapitel dieser Arbeit sollen die Entstehung, Anwendungsmöglichkeiten und weitreichende Implikationen dieser fortschreitenden Entwicklung genauer beleuchtet werden.

3. Erdbeobachtung

„Die Beobachtung der Erde und ihrer Ökosysteme aus dem All ist die wohl wichtigste Aufgabe der Raumfahrt. Denn sie ermöglicht es, Veränderungen von Landoberflächen, Meeren und Atmosphäre zu erkennen und Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Klima zu entwickeln (DLR - Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt).“

In diesem Kapitel soll ein Blick auf eine wesentliche Aufgabe von Satelliten, die Erdbeobachtung, geworfen werden. Einerseits soll der Themenbereich eingegrenzt, andererseits sollen die vielseitigen Einsatzgebiete und dahinterliegende Motive ersichtlich werden. Des Weiteren wird auf einer grundlegenden Ebene der Aufbau bzw. die technischen Voraussetzungen solcher Satelliten thematisiert und auf historische Meilensteine verwiesen. Anhand von zwei aktuellen, europäischen Projekten soll die momentane Leistungsfähigkeit von Erdbeobachtungssatelliten beschrieben werden. Abschließend soll in einem Ausblick auf zukünftige Trends verwiesen, sowie eine kulturgeschichtliche Interpretation der Thematik versucht werden. Die Fragestellung dabei lautet: Inwiefern wirkt sich die fortschreitende technische Entwicklung der Erdbeobachtung auf die Lebensrealität von Menschen, auf ihre alltäglichen Praktiken, ihr Welt- und Selbstbild aus? Die Lösung dieser Frage kann in dem beschränkten Umfang dieser Arbeit jedoch nur anhand weniger Beispiele und Literaturverweise angedeutet werden. Die Frage dennoch zu stellen ist jedoch wichtig, um sich der weitreichenden Bedeutung technischer Entwicklung, in diesem Fall von Satelliten, klar zu werden.

3.1. Grundlagen der Erdbeobachtung

Erdbeobachtung ist jede Tätigkeit, die sich mit der instrumentengestützten Sammlung von Daten über die Erdoberfläche oder die Erdatmosphäre befasst (Lexikon der Fernerkundung). Erdbeobachtungssatelliten tragen Messeinrichtungen zur laufenden und systematischen Aufzeichnung von Sachverhalten an der Erdoberfläche. Messeinrichtungen sind multispektrale Scanner oder photographische Systeme. Multispektrale Scanner messen die von allen Körpern und Strukturen auf der Erde emittierte elektromagnetische Strahlung, die durch die geometrische Struktur der Oberfläche sowie durch die Zusammensetzung des jeweiligen Körpers bestimmt ist. Erdbeobachtungssatelliten umkreisen die Erde auf unterschiedlich hohen Bahnen von etwa 250 km bis 35.786 km Höhe. Die Höhe der Umlaufbahn wird durch das Missionsziel bestimmt (ebd.). Jeder Satellit benötigt ein Transportsystem (Rakete) um in seiner Umlaufbahn installiert zu werden.

Vereinfacht gesagt, ist es die Aufgabe der Erdbeobachtungssatelliten, die Erdoberfläche mittels Strahlung abzutasten (Spektroskopie) oder mit Camaras zu Fotografieren. Diese beiden grundlegenden Mess- Technologien erlebten durch die Entwicklung der Computertechnologie und der damit verbundenen Digitalisierung und Verbesserung bildgebender Verfahren eine Umwälzung und Leistungssteigerung. Der Erdbeobachtungssatellit, als technisches System betrachtet, stellt ein Konglomerat aus verschiedenen, ineinandergreifenden Technologien dar, die allesamt einem Entwicklungsprozess unterliegen.

3.2. Einsatzgebiete

Heute nutzen viele Länder, aber auch private Akteure, Erdbeobachtungssatelliten und verlassen sich auf die dadurch mögliche kontinuierliche Sicht auf die Erde. Der Grund dafür reicht von rein kommerziellen und zivilen Zwecken bis hin zu rein militärisch orientierten Zielen mit einem schwimmenden Dual-Use-Bereich dazwischen (Lexikon der Fernbeobachtung).

„Mit großen Brennweiten und hochwertigen Objektiven können Spionagesatelliten aus ihrem Orbit Aufnahmen mit einer Auflösung von weniger als 10 Zentimetern aus einer Entfernung von 250 Kilometern machen“ (Lexikon der Fernerkundung).

„Die derzeitige Satellitentechnik erlaubt es, Gegenstände von unter einem Meter Größe aus 800 Kilometer Entfernung zu erkennen. Verschiedenste Parameter wie etwa die Wasser- und Luftzusammensetzung, der Zustand von Feldfrüchten und Wäldern oder Bodenbewegungen im Millimeterbereich werden genau erfasst“ (DLR).

Erdbeobachtungssatelliten ermöglichen es, aktuelle und präzise Informationen über die Erdoberfläche sowie den Zustand der Meere und der Atmosphäre zu gewinnen. Die Anwendungen reichen von der Erstellung und Aktualisierung von Landkarten, über Umwelt-, Wetter- und Klimabeobachtung bis hin zur Unterstützung humanitärer Hilfsaktionen. Ein weiteres Einsatzgebiet ist das Aufspüren von Bodenschätzen und hochauflösende Abbildung der Erdoberfläche für spionage- Zwecke.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Eine Kulturgeschichte der Satellitentechnologie. Der Zusammenhang zwischen technischer Entwicklung und Weltvorstellungen
Untertitel
Eine kurze Darstellung
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V962226
ISBN (eBook)
9783346311986
ISBN (Buch)
9783346311993
Sprache
Deutsch
Schlagworte
satelliten, technikgeschichte, kulturgeschichte, kommunikation, medien, technische entwicklung, anthropologie
Arbeit zitieren
Moritz Ebenführer (Autor), 2020, Eine Kulturgeschichte der Satellitentechnologie. Der Zusammenhang zwischen technischer Entwicklung und Weltvorstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962226

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