Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" und Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und das jeweils dargestellte Frauenbild. Ein Vergleich des Stellenwerts in der Poesie


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Die romantische Universalpoesie

2. Heinrich von Ofterdingen als Gegenentwurf einer weitergedachten Idealvorstellung von Wilhelm Meister

3. Die Frau als romantische Begleiterscheinung
3.1 Mariane und Mathilde – eine knappe Gegenüberstellung
3.2 Mignon-das androgyne Wesen

Gedankenschluss

Bibliographie

Vorwort

Anknüpfend an den Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang von Goethe und dessen darauffolgenden fragmentarischen Roman Heinrich von Ofterdingen von Novalis soll eine Hausarbeit angefertigt werden. Im ersten Teil wird auf die progressive Universalpoesie eingegangen, die von Schlegel und Novalis erstmals geprägt und entwickelt wurde. Anschließend werde ich mich mit der Figur Heinrichs, welche als kritische Erwiderung Wilhelms gegenübergestellt werden kann, näher beschäftigen (Folkmann 138).

Im weiteren Verlauf soll genauer auf die Darstellung und das Verhalten einzelner weiblicher Charaktere beider obigen genannten Werke eingegangen werden, insbesondere diese, welche den Verlauf beider Romane besonders beeinflussen und prägnant herausstechen. Die Reihe der Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahre ist zu umfangreich, um im Rahmen einer Hausarbeit umfassend und ihrer Ausmaße gerecht analysiert zu werden, infolgedessen werde ich mich auf die Analyse Mignons spezialisieren, aber auch Mariane und Mathilde in ihrem dargestellten Ausdruck betrachten, da diese den literarischen Werken ihre besondere Dynamik verleihen.

Nach einer Bemerkung dazu, werde ich zum Hauptteil vorliegender Hausarbeit übergehen, um mich mit den wichtigsten Frauenfiguren beider Romane zu befassen, um anschließend ein Résumé schlussfolgern zu können. Der dritte Teil beleuchtet somit das eigentliche Frauenbild und seine Wirkung auf die progressive Universalpoesie, anschließend soll geklärt werden, ob man das Frauenbild, welches Goethe in seinem Roman versuchte darzustellen, als positiv oder negativ einordnen kann und was hinter der Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau steckt. Die folgenden Ausführungen sollen den Stellenwert der Frau in genannten Romanen besser verstehen lassen und ob, und inwiefern von einer Neuerfindung des Weiblichen die Rede sein kann.

1. Die romantische Universalpoesie

Die progressive Universaltheorie geht hauptsächlich auf theoretische Schriften Friedrich Schlegels zurück, die dieser gemeinsam mit seinem Bruder August Wilhelm Schlegel und Novalis veröffentlichte. Friedrich Schlegel verfasste seine literaturtheoretischen Anmerkungen ausschließlich in Fragmenten. Allein diese fragmentarische Gestaltung setzt bereits Teile seiner Forderungen an eine absolute Poesie voraus, die mit der „künstlerischen Reflexion und schönen Selbstbespiegelung“ (Schlegel 81) einhergeht. Eine Art „Spiegelung der Spiegelung“, eine „Reflexion der Reflexion“ entsteht, vergleichbar mit zwei Spiegeln, die sich gegenüberstehen. Sofern das Bewusstsein alle Gegenstände wie einen Spiegel reflektiert, so lässt sich diese Verzerrung der Wirklichkeit laut Novalis „durch eine erneute Spiegelung im ersten Spiegel sichtbaren Abbildes der Wirklichkeit wieder aufheben und so die wahre Beschaffenheit des […] Gegenstandes […] erkennen“ (Loogen 112 ). Viele Abschnitte in Ofterdingen verweisen auf eine vorherige Situation oder Figur im Roman, die nur schemenhaft in Erscheinung tritt; als „geheimnisvoller Prätext“ (Folkmann 199).

Die Forderung der sogenannte progressive Universalpoesie ist die Vermischung aller Gattungen; dies besteht im romantischen Roman aus einem stetigen Wechsel der Formen. Besonders bei der näheren Betrachtung Heinrich von Ofterdingens lässt sich gut erkennen, wie Gedichte und Lieder den Erzählfluss bewusst durchbrechen, explizit werden die Ereignisse durch immer wiederkehrende kleinere Subtexte wie Märchen, Träume und Erinnerungen unterbrochen. Ebenso lässt sich eine zyklische Progressivität in Ofterdingen erkennen, zentrales Motiv des Werkes ist, „dass alles scheinbar Neue in Wahrheit die potenzierte Wiederkehr des Vergangenen repräsentiert“ (Zanucchi 116). Sämtliche Charaktere in Ofterdingen verwandeln sich in Sinnbilder ihrer selbst, so zum Beispiel Mathilde, die zugleich Blaue Blume und die Morgenländerin Cyane verkörpert und Heinrich, der eine Art Metamorphose durchlebt, indem er erst zu einem Stein, dann ein klingender Baum wird und anschließend in der Form eines goldenen Widder aufgeht, bevor er wieder zur Gestalt eines Menschen zurückkehren kann (Novalis 187).

Alle Arten und Gattungen von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften sollen in der Poesie vereint werden, so zum Beispiel Natur, Epik, Religion, Wissenschaft und Kunst. Das Ziel und ihre Aufgabe ist der Vorsatz einer progressiven Veränderung. Einzelteile sollten zwar noch erkennbar sein, dafür aber ineinander verschmelzen und etwas ganz Neues kreieren.. Aufgrund dieses unendlich fortschreitenden Prozesses der Entwicklung entsteht eine grenzenlos wachsende Klassizität. Schlegel1 hatte dazu folgende Gedanken:

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang (Schlegel 79).

Jedoch solle das Leben, die Menschen und die Natur keineswegs nachgeahmt werden, Novalis entfernte sich weitestgehend von dem Grundsatz der Nachahmung, der sogenannten „Mimesis“ (Kubik 236). Diese neue Poetik beruht somit auf der radikalen Abwehr von jeglicher Regelpoetik. Die absolute Freiheit des Dichters ist Voraussetzung für die progressive Weiterentwicklung der Poesie. Endliches und Unendliches sollten sich in Novalis Werk vereinen und behandelt werden (Folkmann 141).

Auffällig bei Novalis ist, dass er sich vom Begriff Schönheit distanzierte, vielmehr war es ein Streben nach Ästhetik. Nicht etwa durch den Verstand wird das Schöne erkannt, man muss es in sich selbst suchen und finden, somit steht der ästhetischen Reflexion freie Interpretation und Assoziation zu. (Kubik 246, 247). Aufbauend auf den Theorien Schlegels und Novalis' kann sich der Dichter in jedem Falle zu einem Befürworter von Freiheit und Kreativität entwickeln, kann er aber, im Rahmen der progressiven Universalpoesie, auch zu einem Befürworter für Gleichberechtigung werden und wie fortschrittlich, allgemeingültig und weltumfassend ist der Entwurf einer Universalpoesie wirklich?

Einzig und allein der Verfasser selbst ist für die Gestalt seines Werkes verantwortlich, damit einher geht die Abkehr von Idealvorstellungen in der Literatur und Gesellschaft, hin, zu einer gesellschaftlichen und philosophischen Totalität. Die Wirklichkeit in den jeweiligen Romanen erlebt der Rezipient nur als Ausschnitt, die Realität ist begrenzt auf eine Sichtweise, welche auf Individualität und Subjektivität beruhen. Benanntes Individuum bezieht sich in beiden Fällen auf ein Geschlecht, da sowohl der Protagonist Wilhelm wie auch Heinrich maskulin sind. Dies soll hier nicht weiter ausgeführt werden, sondern im dritten Teil detaillierter betrachtet werden.

Programm der transzendentalen Universalpoesie Vor allem Friedrich Schlegel und Novalis prägten den Gedanken einer Transzendentalpoesie mit ihren Fragmenten. Schlegels Definition einer Transzendentalpoesie beruht auf ästhetischer Begriffsbestimmung, Novalis' Ansatz beschäftigte sich mehr mit Politik, Ehtik und Ontologie (Poesie und Poetik 201). Jedoch waren beide der Auffassung, dass „nicht nur den Wissenschaften, sondern auch der Poesie Perfektibilität zukomme“ (Zanucchi 158). Somit wird die „Poesie unter das Gesetz der Progressivität“ gestellt (Zanucchi 185). Erst die Verschmelzung aller Gattungen kann die Voraussetzung dafür liefern, dass romantische Poesie progressiv agieren kann. Entscheidend bei der Bestimmung der Transzendentalpoesie ist nicht die Wissenschaft, sondern die Kunst (Zanucchi 159).

Der Neologismus Transzendentalpoesie trägt zur Verdeutlichung bei, dass die Poetik dazu in der Lage ist, das Ideale mit dem Realen zu kombinieren (Schlegel 81). Schlegel orientierte sich an der Philosophie Kants, daraus lässt sich folgern, dass als Bedingung reine Selbstreflexion impliziert wird, damit Poesie überhaupt funktionieren kann. Dabei kann gesagt werden, dass sowohl Wilhelm wie auch Heinrich von männlicher Natur sind, folgernd kann genannte Selbstreflexion nur durch einen einseitigen Beigeschmack und den Hauch von Befangenheit vonstattengehen, denn die Frau ist somit indirekt gezwungen zu einer Art „blindem Fleck“ zu werden.

Anhand dieser Selbstreflexion stellt Schlegel, so könnte man sagen, eine Art „Gleichung“ auf; Transzendentalpoesie sei „zugleich Poesie und Poesie der Poesie“ (Schlegel 81), also die Vergegenständlichung der Dichtkunst. Ziel dieser Selbstreflexion ist ein Paradigma, das den Weg hin zur Ästhetik weisen soll. Seine Forderung an die universelle Poesie ist folglich zugleich eine ästhetische und rationale Spiegelung seines Selbst und ein Wegweiser zur theoretischen Selbsterkenntnis. Faszinierend hierbei ist, dass „die poetische Reflexion [...] in der Tat das Medium [ist], durch welches sich das Kunstwerk beschränkt und die Beschränkung zugleich überwindet“ (Zanucchi 161).

Das Konzept einer transzendentalen Poesie, also eine sich selbst reflektierende Erkenntnis, schlussfolgerte Friedrich Schlegel von der Philosophie hin zur Poesie. Vor allem eine Art „Vorbild“ ist es, welches Grund und Inspiration für die Dichtkunst bieten kann. Erst durch die Betrachtung einer kritischen Haltung gegenüber der Selbstreflexion und ihren Resultaten ist eine Richtung erkennbar, die den Weg weist zu einer vollkommenen Harmonie. Ideal und Real bedingen sich gegenseitig und gehen gleichzeitig in einer allumfassenden Symbiose auf. Die Idee von Bildung in Romanform verschmilzt mit dem Konzept von transzendentalem Denken, „es entsteht nun das Paradox einer weltimmanenten Transzendenz“ (Pikulik 18).

2. Heinrich von Ofterdingen als Gegenentwurf einer weitergedachten Idealvorstellung von Wilhelm Meister

Heinrich von Ofterdingen ist und bleibt ein Romanfragment, welches ganz bewusst von Friedrich von Hardenberg alias Novalis als Gegenentwurf zu Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre angelegt wurde. Anknüpfend an die progressive Universalpoesie betrachten Schlegel und Novalis das Fragmenthafte als wichtiges Kriterium für die Poesie. Aus einzelnen Fragmentstückchen soll das große Vollkommene zusammengefügt werden. Die Vorstellung, dass ein Roman formal zu Ende gebracht wird und keinerlei Raum für Fantasie offen lässt, widerspricht den Idealen der beseelten Freidenker. Unter Berücksichtigung dieses Aspektes wird deutlich, dass es für Novalis nicht von Bedeutung war, das Reale beziehungsweise die Natur sinngemäß nachzubilden, er verteidigt bewusst das Unvollkommene und stellt Freiheit, anstelle von Grenzen als anzustrebende Priorität. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem Vergleich beider Werke und soll Unterschiede und Ähnlichkeiten aufarbeiten, sowie Anlass zum Nachdenken geben bezüglich Verhalten und Denkweise der Hauptprotagonisten.

Heinrich von Ofterdingen als Reaktion auf den bürgerlichen Partikularismus von Wilhelm Meisters Lehrjahre – eine kritische Gegenüberstellung Die Beschreibungen der Natur in Ofterdingen ist nur unterschwellig sichtbar und fungiert als zentraler Schlüssel zum Bewusstsein des Helden. In Kapitel Fünf lernt Heinrich den alten Bergmann kennen, er hinterlässt bei Wilhelm einen bleibenden Eindruck. Der Bergmann beschreibt sein Dasein folgendermaßen: „Jene Mühseligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker; er genießt seinen kärglichen Lohn mit inniglichem Danke, und steigt jeden Tag mit verjüngter Lebensfreude aus den dunklen Grüften seines Berufs“ (Novalis 68).

Im Gegensatz zu Goethe entsteht keine Bindung zwischen Kunst und Realität, das poetische Ziel Novalis' ist es, die Wirklichkeit in Form von Kunst widerzuspiegeln zu können. Die innere Bestandsprobe, die beide Protagonisten durchlaufen müssen, wird bei Wilhelm Meister durch seine Außenwelt bedingt, Heinrich hingegen konzentriert sich auf seine Innenwelt. Die Erlebnisse, die Heinrich durchläuft, lösen bei ihm eine Wahrnehmung seiner Umgebung und bewusste Reflexion seines Wissensstandes aus.

Bei noch näherer Betrachtung der Hauptprotagonisten beider Werke fällt auf dass, trotz gewisser Verwandtschaft der Bildungsromane, in einer Gegenüberstellung beide Charaktere verschiedene Richtungen anstreben, die sich sowohl örtlich als auch spirituell deutlich unterscheiden. Heinrich von Ofterdingen ist zum Dichter geboren, seine Reise ist das Ziel, hin, zur Inspiration und Entfaltung seines eigenen Bewusstseins und innerem Geiste (Pikulik 18). Dieser Ausflug in sein Inneres, der Weg des Ich zu sich selbst beinhaltet für Heinrich einen Weg ins Ungewisse und eine Konfrontation mit der potentiellen Fremdheit in sich selbst. Die Märchen, Lieder und Geschichten, welchen Heinrich aufmerksam lauschen durfte, erlauben eine freie Interpretation der sich unendlich widerspiegelnden Geschehnisse und Figuren. Sie sind aber indirekt gleichzeitig eine Antizipation der Erlebnisse, die noch auf ihn warten. Die Abfolge von Erzählungen sind zugleich Progression und Regression – Heinrichs Zukunft wird vorweggenommen, erzählt aber auch von einer fernen Zeit der Menschheit, in der „der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt [findet]“ (Novalis 13). Dies bedeutet für Heinrich auch, „daß Selbst- und Welterkenntnis aus einem Konstruktionsprozeß hevorgehen“ (Loogen 150) und er sich selbst und seiner Umwelt bewusst werden muss.

Die durch getaktete und strukturierte Geschichte des Wilhelm Meister unterscheidet sich prägnant von den Tagträumen Heinrichs. Die offene Struktur,, die äußere Unvollendung und die verschiedenen Handlungsebenen ergeben vielmehr schlichtweg eine Geschichte in einer Geschichte (Folkmann 137).

Am Anfang des Romans orientierte sich Novalis mit seinen Erzählungen über den adoleszenten Heinrich von Ofterdingen an Goethes Werk. Heinrich wie auch Wilhelm begeben sich beide in jungen Jahren auf eine Reise, die ihnen als eine Art Brücke hinein in das reife Leben dienen soll. Heinrichs Mutter nimmt ihn behutsam an die Hand und begleitet ihn auf seiner Wanderschaft. Sein Streben dient nicht dazu, einem Plan nachzueifern, vielmehr nimmt er die verschiedensten Umwelteinflüsse wahr, die verändernde Auswirkungen auf ihn haben. Heinrichs Wesen ist von Neugierde und Beobachtung geprägt, er zieht in die Welt hinaus mit dem Vorhaben, etwas zu erleben und zu empfinden, statt Plänen oder Zielen nachzueifern.

In Korrelation hierzu steht Wilhelm Meister scheinbar unter der Fittiche seines Vaters, er muss erst an Reife gewinnen, um sich überhaupt gegen die einengenden Strukturen wehren zu können. Reine Vernunft war in den Augen von Novalis nie Bestandteil von Erkenntnis. Wilhelm distanziert sich mit jeder Etappe, die er auf seiner Reise durchlebt, von seinen fantasievollen und jugendlichen Träumereien. Das sittliche und disziplinierte Leben scheint das höchste Streben eines gebildeten Mannes zu sein. In Wilhelm Meisters Lehrjahre hat es fast den Eindruck, als wolle Goethe die Dichtkunst euphemistisch als Medium missbrauchen, um Vernunft und ein sittliches Leben in positivem Glanz erstrahlen zu lassen. Dieser Ansatz würde aber den Umfang dieser Hausarbeit überschreiten.

Heinrich von Ofterdingen ist durchaus als Bildungsroman zu bewerten, jedoch zieht der Held für gewöhnlich mit eigenen Idealen und Erwartungen durch die Welt, sodass er am Ende zu einem vernunftorientierten und gebildeten Mann werden kann. Heinrich lebt in einer Idealwelt, in dieser wendet sich am Ende alles zum Besten, es stellen sich ihm keinerlei Hindernisse in den Weg und er muss keine Schicksalsschläge erleiden. Für die Menschen sollte ein Bewusstsein geschaffen werden, dass ein unendliches Reich der Liebe und des Friedens zu erreichen ist, das „Goldene Zeitalter“ (Novalis 186, 187). Die Figur Heinrichs ist solange auf Wanderschaft bis er den Zustand einer vollkommenen Eschatologie erreicht hat. Hierzu sei anzumerken, dass Novalis vor der Fertigstellung seines Fragments verstarb und letztendlich nie gänzlich klargestellt werden kann, welchen Gemütszustand Novalis für Heinrich vorhergesehen hatte. Die Reise Heinrichs verläuft planmäßig und er verliert sein Ziel niemals aus den Augen, auch die Liebe und Zuneigung zu Mathilde gewinnt er ohne um ihre Gunst kämpfen zu müssen. Der Tod Mathildes wird kaum bis gar nicht thematisiert. Die Bildung erfolgt somit nicht wie in Wilhelm Meister durch Erlebnisse und gesammelte Erfahrungen, sondern beruht auf erlebten Gesprächen und Geschichten, Heinrich lernt von den Erfahrungen anderer.

3. Die Frau als romantische Begleiterscheinung

Der Schlusspunkt meiner Hausarbeit umfasst unter anderem die nähere Betrachtung des Stellenwertes der Frau in Goethes, sowie auch Novalis' Werk und wie viel und vor allem welche Bedeutung dem weiblichen Geschlechte anhand vorliegender Romane zugesprochen werden kann. Die meisten Frauen, die Wilhelm auf seiner Wanderung antrifft, sollen ihn auf der Suche nach Vernunft, Weltbürgerlichkeit und Vollkommenheit auf seinem Weg begleiten.

Im zeitgenössischem Kontext ist darauf hinzuweisen, dass Anfang des 18. Jahrhunderts im Theater die besonderen Qualifikationen der Frauen wie souveräner Umgang mit dem Publikum, erotische Anziehungskraft und Selbstbewusstsein als unweiblich und sogar gefährlich eingestuft wurden (Emde X). Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Schauspielerinnen als die niedrigste Schicht der damaligen Ständegesellschaft angesehen. Die weibliche Idealvorstellung beruhte auf Zurückhaltung, Bescheidenheit, Häuslichkeit und Mütterlichkeit, diese Werte wurden von der Gesellschaft erwartet. Darauf aufbauend wundert es kaum, dass Akteurinnen oftmals als heruntergekommene, beinahe wie „wilde Tiere“ oder als Außenstehende der Gesellschaft wahrgenommen wurden.

[...]


1 Anmk.: Wenn von Schlegel die Rede ist, ist damit Friedrich Schlegel gemeint.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" und Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und das jeweils dargestellte Frauenbild. Ein Vergleich des Stellenwerts in der Poesie
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Romantische Poetologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V962248
ISBN (eBook)
9783346311696
ISBN (Buch)
9783346311702
Sprache
Deutsch
Schlagworte
novalis, heinrich, ofterdingen, goethes, wilhelm, meisters, lehrjahre, frauenbild, vergleich, stellenwerts, poesie
Arbeit zitieren
Janis Alina Hindelang (Autor), 2018, Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" und Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und das jeweils dargestellte Frauenbild. Ein Vergleich des Stellenwerts in der Poesie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962248

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