Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?


Seminararbeit, 1993

13 Seiten, Note: 2


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Einleitung

Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?

Es handelt sich um einen Themenkomplex, der seit einigen Jahrzehnten die Landwirtschaft in Europa beschäftigt. Bereits 1971 hat die Agrarsoziale Gesellschaft (ASG) auf ihrer Frühjahrstagung in Lindau/Bodensee dieses Thema erörtert. Damals schon wurde auf das Problem der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse in der Europäischen Gemeinschaft und den darausfolgenden Konsequenzen, neue Nutzungsmöglichkeiten für die zwangsläufig aus der landwirtschaftlichen Produktion herausgenommenen Flächen zu finden, hingewiesen.

Heute, zweiundzwanzig Jahre später, ist die Überproduktion und die dadurch bedingten schlechten Absatzchancen, nach dem Agrarbericht der Bundesregierung 1992 zu urteilen, immer noch das Hauptproblem in der deutschen bzw. europäischen Landwirtschaft. Somit sind die Überlegungen von damals heute noch aktuell und das erklärt, warum in dem vorliegenden Referat sehr oft auf die Frühjahrstagung von 1971 Bezug genommen wird.

Ein heute wie damals wichtiger Gesichtspunkt bei der Überlegung anderer Nutzungs- möglichkeiten ist der Umweltschutz (Landschaftspflege). Erschreckend ist dabei die Tatsache, daß, obwohl schon vor über zwanzig Jahren die Ursachen der Umweltzerstörung bekannt waren, es aber erst einer Umweltbewegung Anfang der achtziger Jahre bedurfte, um nicht nur von Umweltschutz zu sprechen, sondern ihn auch zu praktizieren.

Das Referat ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten wird der Ursache des Referatsthemas "Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?" nachgegangen und verschiedene Möglichkeiten des Abbaus der landwirtschaftlichen Überproduktion diskutiert. Im darauffolgenden Teil werden die fünf Nutzungsmöglichkeiten (Aufforstung, extensive Landwirtschaft, natürliche Vegetationsentwicklung, Freizeit und Siedlungsbau) für stillgelegte Flächen in der Landwirtschaft angesprochen, die zwar schon im Tagungsbericht der ASG von 1971 beschrieben wurden, heute aber immernoch ihre Gültigkeit bei der Beantwortung der Frage "Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?" besitzen.

Landwirtschaftspolitik in der Europäischen Gemeinschaft

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den sechs Gründerstaaten der EG zu Versorgungsengpässen. Die Nahrungsmittelproduktion konnte den vorhandenen Bedarf nicht mehr decken und aufgrund jener besorgniserregenden Entwicklung wurde die Agrarpolitik als Hauptaufgabe in den Römischen Verträgen von 1957 festgeschrieben. Ab 1962 trat die gemeinsame EG-Agrarpolitik merklich in Erscheinung. Hauptziel war dabei die Produktionssteigerung. Hierzu wurden Abnahme- und Preisgarantien, Zuschüsse zur Produktionsverbesserung usw. ausgearbeitet. Parallel dazu führten der enorme Fortschritt in der Produktionstechnik und ihre schnelle Anwendung, sowie der biologische Fortschritt, zu unerwarteten Ertragssteigerungen. Durch neue Anbaumethoden (Fruchtfolge, Wasserhaushalt), den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, höheren Düngeabgaben und höherwertigerem Saatgut, den tiermedizinischen Erneuerungen und den tierzüchterischen Erfolgen u.v.m. ist es gelungen, das angestrebte Ziel der Marktdeckung Anfang der 70er Jahre zu erreichen. Ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde aufgrund der anhaltenden Wachstumssteigerung die Überproduktion in Bezug auf die Lagerhaltung und Finanzierung zu einem Problem.

So stellte sich die Frage nach neuen Absatzmöglichkeiten. THIEDE (1971) erörterte drei Arten der Verwendung derartiger Steigerungssätze, die heute auch immer wieder diskutiert werden: Vermehrung der Bevölkerung, Verbesserung des Speisezettels und Steigerung der Exporte.

Dabei haben die beiden ersten Überlegungen eine eher geringere Bedeutung, da zum einen durch die Benutzung von Verhütungsmitteln das Bevölkerungswachstum gerade in europäischen Industrienationen entscheidend verlangsamt wird und zum anderen mit dem Einzug der Ernährungswissenschaften mehr Wert auf eine ausgewogenere, kalorienarme Mahlzeit gelegt wird. Zudem treten die rein synthetischen bzw. künstlichen Ersatz- Nahrungsmittel aus pflanzlichen und organischen Rohstoffen (Süßstoff, Magarine etc.) gegen die von landwirtschaftlichen Flächen produzierten Erzeugnisse in Konkurrenz und beeinflussen somit den Absatz der Agrarprodukte.

Die dritte Möglichkeit, Steigerung der Exporte, erweist sich als außerordentlich schwierig, da die Industrienationen mit ihren erzeugten Überschüssen in den Wettbewerb zu anderen Ländern treten, in denen die produzierten landwirtschaftlichen Güter ebenfalls den inländischen Bedarf bei weitem übersteigen. Durch diese Entwicklung kommt es zu überfüllten Weltmärkten, die die Exportgewinne verringern.

Auch die heutzutage oft genannte Lösung, die Überschüsse in die Dritte Welt zu verschenken, ist keine, die die Probleme der Überproduktion löst. Mit Sicherheit ist die mangelhafte Verteilung von Nahrungsmitteln auf der Erde das Hauptproblem des Hungers in den Entwicklungsländern, aber das Verschenken von Lebensmitteln durch die Industrienationen löst nicht die strukturellen Probleme in der Dritten Welt. Bei einer Agrarbevölkerung von 60 bis 80 % würden Lebensmittelgeschenke keine Verbesserung der Landwirtschaft mit gleichzeitigem Industrieaufbau bewirken. Eigene Agrarprodukte würden nicht weiterverarbeitet bzw. könnten nicht speziell für den Export produziert werden. Vielmehr würde beim Verschenken von Nahrungsmitteln sich die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrieländern weiter vergrößern.

Um der Überproduktion Einhalt zu gebieten, setzte die EG Anfang der 80er Jahre eine Mengenbegrenzung (z.B. Milchquotenregelung) mit garantierten Abnahmepreisen ein. Diese Vorgehensweise brachte allerdings nicht den gewünschten Erfolg. Nach GALLUS (1989) werden in der EG jährlich 2,5 % bis 3 % mehr Nahrungsmittel produziert im Vergleich zum Vorjahr, bei einer gleichzeitigen Verbrauchssteigerung von nur 0,5 %. Dadurch ist das Stadium der Selbstversorgung (Rate liegt bei 104 %) längst überschritten.

Die Konsequenz war das Auflegen von Flächenstillegungsprogrammen. Diese belohnen freiwillige Flächenstillegungen mit Prämien. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es fünf- und einjährige Stillegungsprogramme von Ackerflächen und Extensivierung bei Über- schußerzeugnissen, die zur Marktentlastung beitragen sollen. Nach dem Agrarbericht der Bundesregierung 1992 wurden durch diese Maßnahmen 479 270 ha für einen Fünf-Jahres- Zeitraum (EG 1 493 003 ha) stillgelegt und 314 897 ha (EG rd. 800 000 ha) für einen Ein- Jahres-Zeitraum aus der Produktion genommen. Das ergibt zusammen für die BRD eine Flächenstillegung von 794 167 ha, das sind 7,0 % der Ackerfläche bzw. 12,2 % der Getreidefläche in der BRD.

Ein weiteres Mittel des Überschußabbaus ist die Senkung der Produktionskapazitäten z.B. durch Schlachtung von Milchkühen, Rodung von Obstbäumen etc.

Hauptsächlich sind von Flächenstillegungen ertrags- und strukturschwache Gebiete als erstes betroffen. Desweiteren sind nach NEANDER (1971) folgende Standorte von der Flächenstillegung am ehesten gefährdet:

- landwirtschaftliche Kleinbetriebe,
- Betriebe mit einem reichlichen Angebot an außerlandwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten,
- Vollerwerbsbetriebe, denen es an Aufstockungswilligkeit und -fähigkeit fehlt,
- bei ungüstigen natürlichen und agrarstrukturellen Produktionsbedingungen mit mangelnden Erwerbsalternativen und
- bei Sozialbrache.

Die vorhandenen, ertragsreichen Flächen werden jetzt noch intensiver bewirtschaftet, so daß es zu einer Effektivitätssteigerung kommt, die die Flächenstillegung im ländlichen Bereich wieder auffängt und dem Abbau der Überproduktion entgegenwirkt.

Umweltschutz (Landschaftspflege)

In diesem Zusammenhang stellt VON NELL-BREUNING (1971) fest, daß die Hauptaufgabe die Pflege von agrarproduktiv nicht mehr genutzten Flächen sein muß. Denn die alternativen Nutzungsmöglichkeiten für die, aus der Agrarproduktion herausgenommenen, landwirt- schaftlichen Flächen beinhalten die Gefahr der Umweltzerstörung. Auf die einzelnen alternativen Nutzungsmöglichkeiten wird später noch ausführlich eingegangen, an dieser Stelle sei jedoch kurz auf das Problem von Umweltschutz und Landschaftspflege hingewiesen.

Dabei richtet sich das Hauptaugenmerk auf den Boden, dem sowohl als Produktionsfaktor für die Landwirtschaft, als Standort für Wohnsiedlungen und Industrie, sowie, ganz allgemein gesprochen, als Raum für das Allgemeinwohl, drei Nutzbarkeiten zugeschrieben werden müssen.

Das privatwirtschaftliche Kalkül der Landwirte von ertragsreichen Flächen vernachlässigt "social costs" (zugefügte Umweltschäden) und "social benefits" (zugute kommende Annehmlichkeiten), beide existieren für sie nicht. Das einzelne Wirtschaftssubjekt ist vornehmlich am Verhältnis zwischen Ertrag und Aufwand interessiert, was makroökonomisch verheerende Folgen für die Umwelt hat.

Unter "social costs" wird die Umweltzerstörung von Boden, Wasser und Luft verstanden. Als "social benefits" wird der Umweltschutz verstanden, der in Form der Landschaftspflege oder - gestaltung vollzogen wird. Landschaftspflege oder -gestaltung ist das Ergebnis einer sinnvollen Anordnung vieler Elemente und Komponenten, die im Raume wirken. Sie dient der Realisierung eines planmäßigen biologisch-ökologischen Naturschutzes in der Landschaft. Dabei befaßt sie sich durchweg mit praktischen Methoden zur Erhaltung und Entwicklung bestimmter Zustandsituationen. Die Landschaftspflege versucht die Wiederherstellung der floristischen und faunistischen Vielfalt und betreibt Biotopschutz. Bei der Bestimmung, welche Nutzungsmöglichkeit für eine stillgelegte Fläche genommen werden soll, ist es daher unablässig, daß diese Fläche auch unter dem Gesichtspunkt der Landschaftspflege betrachtet werden muß. Um dieses Ziel zu verwirklichen bedarf es Infrastrukturinvestitionen durch den Staat, sowie gesetzlicher Regelungen, die das Umsetzen von Umweltschutz auch garantieren.

Alternative Nutzungsmöglichkeiten

GANSERs (1971) These zufolge, wird der Wettbewerb um die Nachfolgenutzungen für stillgelegte landwirtschaftliche Flächen künftig noch schärfere Formen annehmen als die heute schon harte Konkurrenz um Einwohner und Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Er weist darauf hin, daß es keine gleichmäßige Verteilung der Zuwachsraten von Einwohnern und Arbeitsplätzen gibt. Das hat zur Konsequenz, daß es zu einer Abwanderung aus den ländlichen Räumen, mit einem parallel verlaufenden Rückgang von Klein- und Mittelbetrieben in der Lanwirtschaft, in die Verdichtungsräume der Großstädte kommt. Da zudem hauptsächlich ertragsschwache Landflächen vor der Frage stehen, welche Ersatznutzung sie betreiben sollen, ist hier nun der Staat abermals gefordert, Ausgleichs- zulagen für Betriebe in benachteiligten Gebieten zu zahlen, um einigermaßen gleiche Lebenschancen in allen Landesteilen zu gewährleisten.

Als Ersatznutzungen stehen der Landwirtschaft zu Verfügung:

- Aufforstung,
- extensive Landwirtschaft,
- Sichselbstüberlassen der Brachflächen mit dem Ziel der natürlichen Vegetationsentwicklung,
- intensive oder extensive Freizeitaktivitäten und
- Bebauung von Siedlungen.

Aufforstung

Bis etwa 1880 hat es gewaltige Rodungen in Deutschland gegeben. Danach überwog die Aufforstung, sodaß die Waldfläche zwischen 1920 und 1970 um 2,5 % zunahm. Tatsächlich hätte unsere Waldfläche allerdings erheblich größer sein können, wenn den Aufforstungen nicht umfangreiche Rodungen gegenüber gestanden hätten.

So ergibt sich nach ZUNDEL (1971) auf die Walddichte (Verhältnis Aufforstungen- Rodungen) bezogen, ein herdringartiges Bild um die Großstädte. In den Nahbereichen der Ballungsräume überwiegen die Waldverluste, in mittlerer Entfernung ist die Bilanz ausgeglichen und in entfernten ländlichen Gebieten ist ein Übergwicht auf seiten der Aufforstung zu verzeichnen.

Die Bundesrepublik Deutschland kann sich zu über zwei Dritteln selbst mit Holz versorgen. Die Bedarfsdeckung wird erzielt durch das eigene Aufkommen und Altpapierrecycling sowie über Importe. Die weiteren Prognosen über den anstehenden Holzbedarf hängen von der Entwicklung der Weltbevölkerung, der Holzpreise und der Größe vorhandener produktiver Waldflächen ab. Holz wird eben als Rohstoff für die Energiegewinnung, dem Wohnen oder als Chemiegrundstoff verwand, wobei hier die Probleme von Holzimporten aus der Dritten Welt (z.B. Zerstörung des Regenwaldes) zu beachten sind!

Der ökologische und ökonomische Vorteil der Aufforstung ist ungeahnt. Nicht daß durch Aufforstung stillgelegter Flächen sich die Rohstoffbasis verbreitert, auch dient diese Maßnahme der Humusneubildung und der Durchwurzelung von Verdichtungshorizonten und einer sich daraus ergebenden Aktivierung der Bodenfauna. Wälder schützen nicht nur den Boden vor Erosion, sondern sie haben auch die Funktion des Windschutzes, der Luftreinhaltung und der Verbesserung des Kleinklimas. Gerade auf die Wasserqualität (Eindringen des Niederschlags) und den Artenreichtum der Flora wirkt sich die Aufforstung positiv aus und erzielt dadurch einen unschätzbaren ökologischen Wert.

Dennoch sollten nicht alle stillgelegten Flächen bedingungslos auffgeforstet weren. Für Äcker und Grünland, welche bei extrem nassen bzw. trockenen Bedingungen Sonderbiotope ausbilden, würde eine Aufforstung in Hinblick auf die Landschaftspflege (Umweltschutz) genau das Gegenteil erreichen.

Langfristig wird durch Aufforstungen kein erhöhter Arbeitsplatzbedarf in der Forstwirtschaft erzielt, aber überdurchschnittlich stark belastete Familienbetriebe erleben durch die Aufforstung eine Arbeitsentlastung. Trotzdem kommt es zu immensen Kosten und steigender Arbeitsintensität bei der Pflege der Wälder.

Daneben darf nicht vergessen werden, daß der Erholungswert von Waldflächen nicht unbedeutend ist. Hierbei spielt die optische Vielgestaltigkeit, die ganzjährige Benutzbarkeit, die Beobachtung von Pflanzen und Tieren und die saubere Luft in ruhigen Waldgebieten eine entscheidende Rolle. Monotone Flächen wirken subjektiv langweiliger.

Laubwäldern sollte der Vorrang gegenüber Nadelhölzern gegeben werden. Nicht nur weil es sich dabei um das wertvollere Holz handelt, sondern weil sie sich besser in den Biotopverbund einbinden lassen. Die Aufforstung sollte dann vornehmlich in stadtnahen, waldarmen Gebieten stattfinden. In Flußniederungen sind Auenwälder anzulegen (z.B. Stieleiche/Esche). Bei begradigten Flußläufen ist es wichtig, die Natur weitestgehend so zu belassen wie sie ist. Auf den Höhenrücken von 100 bis 200 m ist es sinnvoll breite Bänder von Laubmischwald mit Traubeneichen, Ahorn, Kirsche, Linde u.ä. anzulegen. Bei allen diesen Maßnahmen ist darauf zu achten, daß Sonderbiotope nicht zerstört werden.

Das Bundeswaldgesetz spricht vom "Wille der Vermehrung des Waldes". Dies ist insofern sinnvoll, da es schließlich Jahrzehnte dauert bis der Wald seine Wohlfahrtsfunktion erfüllen kann. Das heißt aber auch, daß Rodungen zum Abbau der Überschußproduktion in keinem Fall vertretbar sind. Um dieses Ziel zu verwirklichen sei noch einmal gesagt, dem Landwirt/der Landwirtin müssen langfristige finanzielle Unterstützungen zugesichert werden, eventuell sogar Tauschflächen angeboten werden, damit die Waldflächenzunahme erfolgreich sein kann.

Extensive Landwirtschaft

Durch die oben beschriebene Strukturentwicklung (Überproduktion...) und den daraus resultierenden Preis- und Absatzproblemen von Agrarprodukten war nach den Jahrzehnten der "speziellen Intensität" der Zwang zur Extensivierung gegeben. NEANDER (1990) erläutert die Schwierigkeiten der intensiven Landwirtschaft als Ergebnis des schnell fortschreitenden technischen Fortschritts. Wirksamere Pflanzenschutzmittel, Düngever-fahren und Fütterungstechniken, sowie neue Kulturpflanzensorten, Eingriffe in die Wasserregelung und die Steigerung der Nutzungshäufigkeit sollten eine Ertragssteigerung herbeiführen und dadurch eine Erhöhung des Gewinns. Es entstand aber nicht nur die Überproduktion an Agrargütern, sondern auch eine Mehrbelastung der Umwelt durch einen höheren Phosphat- und Nitrateintrag aufgrund der intensiven Benutzung von Düngemitteln und eine

Artenverarmung.

Die Folge war die Extensivierung der Landwirtschaft. Darunter wird, so RUSTEMEYER (1990), die extensive Grünlandbewirtschaftung verstanden (= Erzeugung und Verwertung von Futter auf einer möglichst großen Fläche durch eine gegebene Zahl von Arbeitskräften). Dabei wird bewußt ein geringerer Ertrag pro Flächeneinheit inkaufgenommen. Das ergibt weiter einen geringeren Massenertrag und unter Umständen eine geringere Qualität durch den reduzierten Einsatz von Produktionsmitteln (insb. Düngemittel) und der herabgesetzten Nutzungshäufigkeit bzw. späteren Nutzungstermine. Hierbei muß der Bauer/die Bäuerin darauf achten, daß der Gesamterlös, nach der Umstellung von intensive auf extensive Landwitschaft, den er/sie erwirtschaftet, die anfallenden Betriebskosten und die Pacht übersteigt, damit ihm/ihr noch ein angemessenes Einkommen übrigbleibt. Fehlende Einkünfte müssen auch in der extensiven Landwirtschaft vom Staat ausgeglichen werden.

Für ZIMMER (1990) ist das wesentliche Element künftiger Grünlandbewirtschaftung die Nutzung und Verwertung anfallender Biomasse über eine Tierhaltung. Daraus folgt eine Zunahme des Ackerfutterbaus als Ausgleichs- und Ergänzungsfunktion, die die Nährstoff- verarmung und weiterhin eine Regelmäßigkeit der Bewirtschatfung sicher stellt. Es gelingt standorttypische Pflanzengesellschaften langfristig wieder zu beleben und so eine Vegetationsbereicherung und -differenzierung bzw. eine Artenvielfalt von Fauna und Flora wiederherzustellen.

Zudem stellen sich für RUSTEMEYER (1990) weitere ökologische Vorteile ein, so zum Beispiel Bodenschutz (Erosionsschutz, Filter- und Pufferfähigkeit), Wasserschutz (Grundwasserneubildung, wenig Auswaschung) oder Arten- und Biotopschutz.

Auch der Erholungseffekt ist nicht zu unterschätzen aufgrund der Vielfalt des Landschaftsbildes.

Bei der extensiven Grünlandnutzung besteht leicht die Gefahr, daß nach Aufrechnung aller Kosten sie sich als unrentabel erweist und das Grünland wieder als Ackerland genutzt wird. Dies muß verhindert werden, damit die oben genannten Vorteile Wirkung zeigen können.

Sichselbstüberlassen der Brachflächen mit dem Ziel der natürlichen Vegetationsentwicklung

Nach der landwirtschaftlichen Nutzung geht BUCHWALD (1971) davon aus, die Acker- und Grünlandflächen "verwildern" zu lassen. Dem natürlichen Vegetationsprozeß folgend würde sich über Ackerunkrautgesellschaften und Pionierwälder im natürlichen Endstadium der Wald bilden, vorausgesetzt der Mensch greift in den natürlichen Prozeß nicht ein.

Ökologisch ist die Zielsetzung einer geschlossenen Vegetationsdecke außerordentlich wichtig. Sie schützt den Boden vor Erosion. Abgesehen von den hochmontanen und subalpinen Stufen, dort kann es aufgrund der Hanglage durch die Schneelast zu Erosionsrissen kommen. Desweiteren bewirkt sie, daß mehr Niederschläge gespeichert werden und versickern können, was zur Grundwasserbildung und einem geringeren Oberflächenabfluß führt. Dadurch werden die Gewässer (Trink- und Badewasser) infolge der langsameren Phosphat- und Nitratverfrachtung weniger belastet und die Eutrophierung nimmt ab. Die Luftqualität wird durch begraste Freiflächen verbessert, da die Staubpartikel absorbiert werden und bio-aktive Böden die Entgiftung von Kohlenmonoxid vornehmen. Freiflächen wirken zusätzlich als Frischluftschneise für kühlere Stadtluft und bewirken somit eine Milderung der Temperaturextreme. Im Gegensatz zu Freiflächen sind Hochwaldbestände oder offene Waldflächen Kaltluftvernichter.

Über die "Verwilderung" von Brachflächen bei gleichzeitiger Null-Nutzung wird die bio- ökologische Vielfalt wiederhergestellt und es entsteht ein einigermaßen natürliches Landschaftsbild.

Intensive und extensive Freizeitaktivitäten

Im Zuge der Arbeitszeitverkürzung ist mehr Zeit für Erholung von der Alltagswelt zur

Verfügung. Es vollzog sich eine Trennung in eine Arbeitswelt und in eine Freizeitwelt. Allein schon für kurze Zeitspannen (z.B. am Wochenende) verlassen ca. ein Drittel der Wohnbevölkerung den Siedlungsraum, um Ruhe, Abgeschiedenheit und Alleinsein zu suchen.

Um den wachsenden Freizeitansprüchen gerecht zu werden, benötigt der Mensch Flächen außerhalb der Ballungsgebiete. GANSER (1971) beschreibt verschiedene Kategorien der von Freizeitaktivitäten belegten Fläche. Zum einen müssen die Naherholungsgebiete verkehrstechnisch gut zu erreichen sein. Es muß eine Mindestfläche zur Ausübung der Freizeitaktivität garantiert werden (1992 wird von 2000 m² Naherholungsfläche pro Kopf für mindestens 70 % der Einwohner ausgegangen). Der Raum muß sowohl eine psychische Distanz (Distanz zu anderen Menschen - Alleinsein) als auch eine optische Distanz (Abgeschiedenheit) besitzen.

Bei der gesamten Landschaftsgestaltung ist im Zusammenhang mit dem Erholungswert bei der Planung darauf zu achten, daß eine vielfältige Natur einen größeren Erholungswert besitzt als ein monotones Landschaftsbild.

Der Wunsch nach einem Wochenendwohnsitz im Grünen nimmt in unserer Industriege- sellschaft zu, wobei die Nachfrage mit zunehmender Entfernung vom Ballungsraum abnimmt. Aus diesem Freizeitwohnsitz (dazu gehört auch Camping) wollen sich die Menschen eine "Oase der Erholung" schaffen. Aber nicht nur für diesen Zweck wird ein Mehrbedarf an Fläche benötigt. Gerade die extensiven Freizeitsportarten wie Skifahren, Reiten, Golf oder Segeln sind sehr flächenintensiv. Die genannten Sportarten sind desweiteren Ausdruck zunehmenden Wohlstandes in unserer Gesellschaft. Zuguterletzt nehmen die Freiraumaktivitäten enorm viel Platz in Anspruch, so zum Beispiel Wandern, Bergsteigen, Radfahren, Angeln, aber auch Grillen und Picknick.

Bebauung von Siedlungen

Zur Siedlungsfläche gehört die eben diskutierte Freitzeit- bzw. Erholungsfläche sowie das Bruttobaugebiet (für Wohnungen z.B.), die Verkehrsflächen und Flächen für Versorgungsanlagen. Die Steigerung des Flächenanspruches ist zurückzuführen auf die zunehmende Motorisierung und den Wohnflächenbedarf infolge des Bevölkerungswachstums, wobei die Bevölkerungszuwachsraten im Ballungsraum mehr durch Zuwanderungen als durch die Steigerung der Geburtenzahlen zustandegekommen sind.

Immenses Problem der Bedarfsdeckung von Siedlungsflächen ist für GANSER (1971) die regionale Diskrepanz zwischen dem Angebot an freiwerdenden Flächen und der ungleichen Verteilung der Nachfrage auf Verdichtungsräume und ländliche Räume. Ursache ist die geringe und zudem abnehmende Bevölkerungsdichte auf dem Land und die Tatsache, daß 80 % der stillgelegten Flächen in den ländlichen Raum fallen. Der ländliche Raum muß allerdings differenzierter betrachtet werden. Zunehmende Siedlungskonzentration, aufgrund der Expansion der Ballungsräume, innerhalb der ländlichen Räume, verteilt sich zu jeweils einem Drittel auf die zentralen Orte (Oberzentren) und die infrastrukturellen Vorzugsachse (Verdichtungsachse). Das letzte Drittel lebt schließlich im eigentlichen ländlichen Raum, in dem nun die zuvor angesprochenen 80 % Brachflächen anfallen.

Nachbetrachtung:

Das Hauptproblem, die Überproduktion von landwirtschaftlich erzeugten Gütern, bleibt weiter bestehen. Es können gar nicht so viele Flächen stillgelegt werden und gleichzeitig auf den restlichen agrarisch genutzten Flächen unterhalb einer bestimmten Effektivität produziert werden, sodaß keine Überschüsse entstehen. Da meines Erachtens die Überproduktion als Hauptgrund für die Probleme innerhalb der Landwirtschaft anzusehen ist und die Frage nach "Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?" auf diesem Problem basiert, können den beschriebenen alternativen Nutzungsmöglichkeiten zur intensiven Landwirtschaft kein ausreichender Erfolg bei der Lösung des Problems bescheinigt werden.

Andererseits haben die marktsteuernden Faktoren, wie Mengenbegrenzung oder Abnah- megarantien, ebensowenig Erfolg gezeigt. Aus diesem Grund bleibt der Landwirtschaft auch keine andere Möglichkeit, als sich über andere Flächennutzungsmöglichkeiten Gedanken zu machen. Dabei sind sämtliche Nutzungsmöglichkeiten für aus der landwirtschaftlichen Produktion herausgenommenen Flächen auf ihre Umweltverträglichkeit hin zu überprüfen.

Die größten Umweltschäden werden durch den Siedlungsbau verursacht. Zum einen durch Flächenversiegelung aufgrund von Straßenbau und Industrieansiedlung und zum anderen durch die Schadstoffbelastungen, die Folgen der Industrialisierung sind.

Auch beim Freizeitverhalten wird selten Rücksicht auf die Natur genommen. Flächen, die für den Tourismus erschlossen werden, sind meist nach kurzer Zeit dermaßen überlastet, daß die Schäden irreparabel sind (z.B. Skisport, Wandern fernab der vorgeschriebenen Wege...). Zudem ist noch die erhöhte Abfallbelastung bei den Alternativurlaubern (z.B. Campern) zu beachten.

Es spricht eigentlich vieles dafür, daß hauptsächlich auf brachliegenden Flächen Aufforstung betrieben wird oder die Flächen sich selbst überlassen werden. Beide Nutzungsmöglichkeiten sind die Natürlichsten, wenn davon auszugehen ist, daß es dem Menschen gelingt, in seiner natürlichen Umwelt zu leben und das ökologische Potential zu schätzen.

Desweiteren müssen den deutschen Landwirten/Landwirtinnen alternative Erwerbs- möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Diese liegen meist im außerlandwirtschaftlichen Bereich. Sollten dennoch einige Landwirte alternative Flächennutzungen betreiben, muß der Staat mögliche Einkommensverluste ausgleichen (Ausgleichszulage). Generell ist die Landwirtschaft so umzustrukturieren, daß sie nicht mehr produziert als benötigt wird.

Auch sollte klar geworden sein, daß die Überproduktion ein europaweites, wenn nicht sogar ein global zu lösendes Problem ist. Es ist unverständlich, daß in Industrieländern auf der einen Seite Agrargüter (Lebensmittel) im Überschuß produziert werden und ganze Kontinente auf der anderen Seite hungern müssen.

Literaturverzeichnis:

ABEL, W.(Hrsg.) (1971): Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?.= Schriftenreihe für ländliche Sozialfragen der Agrarsozialen Gesellschaft e.v. 61. Hannover.

Bundesminister für Ernährung, Land- und Forstwirtschaft (Hrsg.) (1992): Agrarbericht der Bundesregierung 1992. Bonn

Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (Hrsg.) (1986): Flächenstillegung und Aufforstung in der Sicht praktischer Landwirte.= Arbeitsbericht aus dem Institut für Strukturforschung 3/86. Braunschweig.

HEIDRICH, Ernst und VON URFF, Winfried (1983): Landwirtschaft in Ballungsgebieten.= Gesellschaft für regionale Strukturentwicklung 12. Bonn.

Wilhelm-Münkler-Stiftung (Hrsg.) (1989): Wege zur Aufforstung landwirtschaftlicher Flächen. Heft 22. Siegen.

Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (Hrsg.) (1990): Extensive Grünlandbewirtschaftung durch Tierhaltung. KTBL-ALB-Vortragtagung anläßlich der KTBL-Tage am 25.4.1990 in Würzburg. Bd.140. Darmstadt.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
1993
Seiten
13
Katalognummer
V96230
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Landbewirtschaftung, Agrarproduktion
Arbeit zitieren
Michael Pachmajer (Autor), 1993, Landbewirtschaftung ohne Agrarproduktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96230

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