Industrieller Standortstrukturwandel - Fallbeispiel Chemische Industrie


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
17 Seiten

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Gliederung

1. Einleitung

2. Die Chemischen Industrie
2.1 Branchenstruktur
2.2 Bedeutung

3. Historische Entstehung und Standortstruktur

4. Wirtschaftlicher Strukturwandel
4.1 Branchen und Produktstruktur
4.2 Prozeßstruktur
4.3. Betriebsstruktur

5. Räumlicher Strukturwandel
5.1 Nationaler Maßstab
5.2. Globaler Maßstab

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Unterteilung der Chemischen Industrie und ihre Produktionswerte 1989 in Milliarden DM

Abbildung 2: Wirtschaftsindikatoren von ausgewählten Industriezweigen (in Milliarden DM)

Abbildung 3: Abnehmer der Chemischen Industrie 1989 in Prozentwerten

Abbildung 4: Veränderung der Produktionswerte der chemischen Branchen

Abbildung 5: Veränderung von Umsatz und Beschäftigten der Chemischen Industrie

Abbildung 6: Anzahl der Betriebe der Chemischen Industrie nach Größenklassen

Abbildung 7: Räumliche Verteilung der Beschäftigten der Chemischen Industrie nach Stadtund Landkreisen 1994

Abbildung 8: Direktinvestitionen der Chemischen Industrie Deutschlands in Mrd. DM

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich damit, die wechselnden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Chemischen Industrie zu beschreiben, und den daraus resultierenden Strukturwandel zu beschreiben, zu analysieren und zu bewerten.

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Oberseminars "Industrieller Standortstrukturwandel" im SS 1999, geleitet von Prof. Dr. E. Kulke, erarbeitet. Sie stellt keine empirische Arbeit im Sinne einer empirischen Datenerhebung dar, sondern baut sich, vor allem im Hauptteil der Arbeit (Wirtschaftlicher und Räumlicher Strukturwandel, Punkt 4 und 5), größtenteils auf veröffentlichte Studien und Daten auf.

Unter Punkt 2 werden allgemeine Angaben zur Branche gemacht, sowie Abgrenzungen zu anderen Branchen behandelt. Im Schlußteil der Arbeit soll schließlich der Versuch eines Fazits, beinhaltend einen Ausblick in die Zukunft der Standortstrukturen, unternommen werden.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß exemplarisch in dieser Arbeit auf die Chemische Industrie Deutschlands Bezug genommen wird. Aussagekräftige Daten waren jedoch meist nur für die alten Bundesländer vorhanden, so daß es sinnvoll erschien, die Gebiete der ehemaligen DDR nur in einem kurzen, zusammenfassenden Absatz zu behandeln.

2. Die Chemische Industrie

Im nun folgenden Teil der Arbeit soll der Industriezweig Chemische Industrie kurz dargestellt werden.. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung derjeniger Bereiche, welche aus wirtschaftsgeographischer Sicht im weiteren Verlauf der Arbeit relevant erscheinen.

2.1. Branchenstruktur

In der chemischen Industrie werden Stoffe umgewandelt. Ziel dieser Umwandlungsprozesse ist es, Naturstoffe zu ersetzen. Dazu dienen sowohl Umwandlungen von Naturstoffen (z. B. modifizierte Stärke), als auch die Synthese neuer Stoffe aus organischen oder anorganischen Grundstoffen (z. B. chlorierte Wasserstoffe). Branchenspezifische Besonderheiten sind die verbundwirtschaftliche Verflechtung der einzelnen Produktionsstufen, als auch der Vielstufigkeit der Produktion. So wird beispielsweise aus Kochsalz über einen vielstufigen Prozeß (Chlor, Dichlorethan, Vnylchlorid) der Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) erzeugt. Bei Großbetrieben sind zusätzlich die einzelnen Produktionsstraßen energetisch miteinander verknüpft und optimiert.

Die Chemische Industrie gehört zum verarbeitendem Gewerbe. Abbildung 1 zeigt die Unterteilung nach der Produktgruppensystematik des Statistischen Bundesamtes und deren Produktionswerte von 1989.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Unterteilung der Chemischen Industrie und ihre Produktionswerte 1989 in Milliarden DM

2.2. Bedeutung der Branche

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Die chemische Industrie ist eine der Schlüsselindustrien der Wirtschaft; ihre Entwicklung ist von zentraler Bedeutung für Deutschland. Sie ist, gemessen an den Indikatoren Umsatz, Ausfuhr und Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen, nach dem Fahrzeugbau, der Elektrotechnik und dem Maschinenbau der viertgrößte deutsche Industriezweig (Abb. 2). Abb. 2: Wirtschaftsindikatoren von ausgewählten Industriezweigen ( in Milliarden DM) Die chemische Industrie ist heute nicht nur einer der größten Zulieferanten der Industrie, sondern gleichzeitig auch einer ihrer wichtigsten Abnehmer. Aus diesem Grunde gehen auf der einen Seite wichtige Impulse auf andere Branchen aus, auf der anderen Seite ist die chemische Industrie aber auch von der Entwicklung dieser Branchen stark abhängig. Keine wichtige Industrie kommt ohne chemische Produkte aus. Die wichtigsten Endverbraucher sind in Abb. 3 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Abnehmer der Chemischen Industrie 1989in Prozentwerten

3. Historische Entstehung und Standortfaktoren

Die Entstehung der Chemischen Industrie ist gebunden an die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Die Schwefelsäureproduktion war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der dominierende Bereich der noch jungen Branche, da Schwefelsäure als Basisprodukt zur Herstellung von Textilbleichen und Teerfarben diente. Speziell die stark expandierende Textilindustrie benötigte die von der Chemischen Industrie hergestellten Färbe- und Bleichmittel.

Weitere wichtige Produktionsfaktoren waren das Vorhandensein von:

- Wasser für die Herstellungsprozesse, zur Energieerzeugung, der Entsorgung von Abfallprodukten sowie dem Transport von Rohstoffen und Fertigprodukten,
- Stein- und Braunkohle zur Energieerzeugung.

Analog dazu läßt sich feststellen, daß die historischen Standorte von Betrieben der Chemischen Industrie eindeutig rohstoff-, -abnahme- und transportorientiert waren. Diese unterschiedlichen Standortfaktoren zwangen die Unternehmer jedoch keineswegs in klar vorgegebene räumliche Bereiche. Eine Betriebsgründung hätte an einer Vielzahl von Stellen im Raum stattfinden können. Tatsächlich spricht man von einer relativen Wahlfreiheit:

,,Die benötigten Materialressourcen und Qualifikationsniveaus waren praktisch in keiner Region in ausreichendem Umfang und der notwendigen Spezialisierung vorhanden, so daß die Unternehmen ihre betrieblichen Standorte abgesehen von bestimmten Mindestanforderungen (wie etwa dem Zugang zu Flußläufen) relativ frei wählen konnten. Ein Indiz dafür ist beispielsweise, daß die meisten Unternehmen der Chemischen Industrie am Wohnort des Unternehmensgründers ohne aktive Suche nach Standortalternativen errichtet wurden" (BATHELT, 1997, S.104).

Die bedeutendsten Betriebsgründungen des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich in Deutschland im Rhein-Main Gebiet und an der Elbe. Erst im 20. Jahrhundert ließen sich auch in anderen Bundesländer bedeutsame Betriebsgründungen verzeichnen. Vor allem aufgrund des stetig wachsenden Energiebedarfs wurden Betriebsstätten z. B. im Voralpenraum, speziell im Inn/Salzach-Dreieck (Burghausen) wegen des billigen Stroms aus Wasserkraftwerken gegründet.

4. Wirtschaftlicher Strukturwandel

Im Folgenden soll der wirtschaftliche Strukturwandel der Chemischen Industrie Deutschlands beschrieben und erläutert werden. Dabei werden die Teilbereiche Branchen-, Produktions- und Betriebsstruktur unterschieden. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den mannigfaltigen Auswirkungen der Konzentrationsprozesse, der Rationalisierung, dem Wandel in den Produktionsprozessen, als auch mit dem veränderten Profil des Angebotes und der Nachfrage.

4.1 Branchen- und Produktstruktur

Abbildung 4 bezieht sich auf die Veränderungen der Produktionswerte der einzelnen Sparten der Chemischen Industrie. Dargestellt sind Daten aus dem Jahre 1980, 1989 und 1994. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die Branchenunterteilung des Verbandes der Chemischen Industrie geringfügig von der Einteilung nach der Produktgruppensystematik

(Abb. 1) des Statistischen Bundesamtes abweicht. Sie unterteilt in 16 Sparten gegenüber den 12 Sparten des Statistischen Bundesamtes, liefert also ein etwas detaillierteres Bild der Chemischen Industrie Vergleicht man die Zahlen von 1980 und 1989, stellt man fest, daß alle Sparten in ihren Produktionswerten höher liegen, die Anteile untereinander jedoch fast gleich geblieben sind. Nimmt man jedoch die Zahlen für 1994 dazu wird deutlich, daß sich vor allem die Produktionswerte der Grundstoffchemie, also anorganische und organische Chemie, deutlich verringert haben. Analog dazu verhalten sich die Werte für Düngemittel, Chemiefasern und Pflanzenschutzmittel. Ebenfalls eine Trendumkehr, allerdings auf geringerem Niveau zeigen die Branchen Kunststoffe, TEGEWA, und Klebstoffe.

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Abb. 4: Veränderung der Produktionswerte der chemischen Branchen

Betrachtet man die ,,Gewinnerbranche" Pharmazeutik, die ihren Produktionswert in 14 Jahren verdoppeln konnte, fällt sofort der Unterschied zu den ,,Verlierern" auf. Die Pharmazeutik beinhaltet solche zukunftsträchtigen Branchen wie etwa die Gentechnologie. Es handelt sich also um hochwertige Endprodukte, die sich in ihrem Produktzyklus in der Phase der Entwicklung oder des Wachstums befinden. Eine Phase, die sich als sehr forschungs- und entwicklungsintensiv darstellt und hochqualifizierte Arbeitskräfte erfordert. Die Branchen allerdings, die wie die Grundstoffchemie Vor- und Zwischenprodukte herstellen, deren Einführung meist Jahrzehnte zurückliegt, befinden sich in einer späteren Phase des Produktlebenszyklus. Diese Phasen sind gekennzeichnet durch Marktsättigung und möglichst niedrige Herstellungskosten, was oft eine Verlagerung des Standortes in die Peripherie bzw. Niedriglohnländer nach sich zieht (siehe Kapitel 5.2).

Trotzdem findet in der Chemischen Industrie kein genereller Übergang von standardisierter Massenproduktion von Grundchemikalien zu spezialisierten, hochwertigen Endprodukten statt. Standardisierte Produkte spielen nach wie vor in allen Bereichen der Chemischen Industrie eine wichtige Rolle.

4.2 Prozeßstruktur

Spätestens seit dem II.Weltkrieg, waren die Produktionsprozesse der chemischen Industrie geprägt durch Goßserienfertigung und Massenproduktion standardisierter Güter. Automatisationsbestrebungen beherrschten den Bereich der Prozeßinnovationen.

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Abb. 5: Veränderung von Umsatz und Beschäftigten der Chemischen Industrie

Vergleicht man die Zahlen von Beschäftigten und Umsätzen der Chemischen Industrie der Jahre 1970, 1982 und 1994 (Abb. 5), fällt bei der relativen Stabilität der Beschäftigtenzahlen (530 000 - 580 000) die Verdreifachung des Umsatzes auf (von 51 Mrd. DM auf 167,7 Mrd. DM). Dies legt den Schluß nahe, daß ein Prozeßstrukturenwandel in Richtung auf kostengünstigere Herstellung stattgefunden haben muß, da ja die Chemieendpreise der letzten Jahre stagnierten. Prozeßinnovationen, die auf Reduzierung von Material und Energie und auf flexible Herstellung zielten, gewannen seit den 70er Jahren an Bedeutung gegenüber den Produktinnovationen, analog dazu den Übergang von standardisierten Massenprodukten zu Spezialchemikalien (siehe Kapitel 4.1).

Entgegen der Entwicklung zur flexiblen Prozeßstruktur entwickelte sich die Arbeitsorganisation der Chemischen Industrie nicht dementsprechend. Tatsächlich sprechen die meisten Autoren davon, daß entgegen der wirtschaftstheoretischen Annahme eines Überganges der Produktionsprozesse zu Zeiten der Fordismuskrise in hoch integrierte, flexible Arbeitsorganisationen, in der Chemischen Industrie eine differenziertere Herangehensweise erforderlich ist. ,,Flexible Formen der Arbeitsorganisation haben sich nur zum Teil und unvollständig durchgesetzt" BATHELT (1997). Flexible Technologien, die bereits in den 70er Jahren in der Chemischen Industrie entstanden, erfordern also in der Realität nicht zwingend flexible Arbeit.

4.3. Betriebsstruktur

Die Entwicklung der Betriebsstruktur der Unternehmen ist geprägt durch die jahrzehntelangen Konzentrationsprozesse in der Chemischen Industrie. Die führenden sechs Großchemie- Unternehmen Deutschlands (BASF, Bayer, Hoechst, Henkel, Hüls und Schering) beschäftigten 1994 immerhin 33% aller Arbeitnehmer der Chemischen Industrie. Wie kam es dazu?

Wie bereits unter Punkt 2.1 erwähnt herrscht in der Chemischen Industrie eine verbundwirtschaftliche Verflechtung der einzelnen Produktionsstufen, als auch eine Vielstufigkeit der Produktion. D. h., aus verschiedenen Ausgangsstoffen werden Zwischenprodukte und letztendlich Endprodukte hergestellt. Komplexe Verbundstandorte ermöglichen also die direkte Weiterverarbeitung der entstehenden Stoffe, inklusive der anfallenden Nebenprodukte und besitzen somit Vorteile in den Transport- und Lagerhaltungskosten, sowie Koordinationsvorteile. Vergrößerte Produktionskapazitäten ermöglichen die Abschöpfung von economies of scale. Mit dieser zunehmenden vertikalen und horizontalen Integration war ein wirtschaftlicher Konzentrationsprozeß verbunden.

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Abb. 6: Anzahl der Betriebe der Chemischen Industrie nach Größenklassen

Abbildung 6 verdeutlicht diesen Konzentrationsprozeß in grafischer Form. Die Anzahl der Klein- und Mittelbetriebe verringert sich im Laufe von 25 Jahren kontinuierlich, während die Zahl der Großbetriebe mit mehr als Tausend Beschäftigten als einzige Gruppe nahezu konstant bleibt. Oligolistische Strukturen beherrschen also das Wirtschaftsgeschehen der Chemischen Industrie.

Nur am Rande soll allerdings angemerkt werden, daß die Betriebskonzentration in der Chemischen Industrie von mehreren anderen Industriezweigen wie beispielsweise dem Straßenfahrzeug- oder dem Maschinenbau übertroffen wird.

5. Räumlicher Strukturwandel

5.1. Nationaler Maßstab

Die unter Punkt 3 genannten historischen Entstehungsstandorte der Chemischen Industrie erscheinen auch heute noch als die wichtigsten räumlichen Konzentrationen. Die Grundstoffchemie, auf die etwa die Hälfte aller Beschäftigten fällt, setzt auch heute noch die Schwerpunkte. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist, gemessen an den Beschäftigtenzahlen, das Chemiezentrum der Nation. Weitere Schwerpunkte sind Hessen und Rheinland-Pfalz. Zusammenfassend läßt sich aus Abbildung 5, eine Karte über die räumlichen Verteilung der Beschäftigten der Chemischen Industrie, unter anderem Folgendes schließen:

-Vier Kreise besitzen über 20 000 Beschäftigte in der untersuchten Branche. Es sind dies die drei Kreise der Hauptsitze der führenden Großunternehmen, nämlich Ludwigshafen (BASF), Frankfurt (Hoechst), Leverkusen (Bayer), und Hamburg.
-Mit Ausnahme der bereits erwähnten Standorte in Bayern, liegen alle wirtschaftlich bedeutsamen Standorte der Chemischen Industrie an den bereits unter Punkt 3 erwähnten Regionen bzw. Flüssen.

Die Schlußfolgerungen aus diesen Tatsachen liegen auf der Hand: Zumindest im nationalen Maßstab erweist sich die räumliche Dimension als erstaunlich stabil. Ein räumlicher Strukturwandel kann in diesem Maßstabsbereich nicht nachgewiesen werden. Von einer relativen Wahlfreiheit kann jedoch aufgrund der wirtschaftlichen und räumlichen Konzentration nicht mehr gesprochen werden. Neu entstehende Unternehmen der Chemischen Industrie, als auch der Zulieferbetriebe werden sich in erster Linie auf Erweiterungen der bestehenden Standorte beziehen.

Die Entwicklung der ostdeutschen Standorte muß jedoch differenzierter betrachtet werden. Dort hat die staatliche Planwirtschaft gegen die kapitalistischen Marktmechanismen und den

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Abb. 7: Räumliche Verteilung der Beschäftigten der Chemischen Industrie nach Stadtund Landkreisen 1994

freien Wettbewerb abgeschottete Chemiezentren entstehen lassen. Diese Standorte waren gekennzeichnet durch veraltete Produktionstechnologien, ineffiziente Herstellungsverfahren, geringe Arbeitsproduktivität bei gleichzeitiger Überbeschäftigung, einen überdurchschnittlichen Anteil von Grundstoffen und Massenprodukten sowie einer geringe Produkt- und Variantenvielfalt und einer mangelhaften Qualität der Endprodukte (vgl. BATHELT,1997, S.126). Mit dem Zusammenbruch der DDR waren die meisten Betriebe den Anforderungen des marktwirtschaftlichen Systems der westlichen Hemisphäre nicht gewachsen. Viele Betriebe wurden geschlossen, die Beschäftigtenzahl der Chemischen Industrie der Neuen Bundesländer sank von 300 000 auf 39 000. Nur ein kleiner Rumpfbestand der ehemaligen chemischen Betriebe blieb erhalten. Die meisten davon wurden von führenden westdeutschen, aber auch von ausländischen Unternehmen aufgekauft und umstrukturiert. So übernahm beispielsweise BASF das ehemalige Kombinat Synthesewerk in Schwarzheide, tätigte 1,3 Mrd. DM an Investitionen und baute das Werk zu einem kleinen Verbundstandort für Kunststoffe, Wasserlacke, Pflanzenschutzmittel etc. auf. Dow Chemical übernahm im Jahre 1995 erst aufgrund der Zusage zur Übernahme großer Anteile der Investitions- und Folgekosten seitens des Staates die Beunawerke in Schkopau und Böhlen.

Die Standorte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR blieben also entweder in sehr viel kleinerem Rahmen erhalten oder aber wurden ganz aufgegeben. Die übernommenen Unternehmen wurden auf ein sehr hohes technisches Niveau gebracht und die Produktstruktur geändert. Oft profitierten jedoch die neuentstandenen Unternehmen von alten Handelsverflechtungen und vorhandenen Transportwegen (z. B. Pipelines) zu östlichen Staaten.

5.2 Globaler Maßstab

Wenngleich sich, zumindest auf den nationalen Maßstab bezogen, durchaus von einer Persistenz der räumlichen Struktur der Chemischen Industrie gesprochen werden kann, muß jedoch gleichzeitig erkannt werden, daß auf globaler Ebene ein Standortstrukturwandel im Gange ist, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Zwar waren deutsche Chemieunternehmen aufgrund ihrer Innovationen führend auf dem Weltmarkt, und deshalb schon sehr früh auch im Ausland aktiv, was zahlreiche Niederlassungen bereits vor 1900 beweisen, jedoch konzentrierten sich diese Auslandsaktivitäten auf wenige Staaten mit wichtigen Absatzmärkten (Nordamerika, England). Die Globalisierungseffekte der beiden letzten Jahrzehnte, verursacht durch eine Öffnung vieler Staaten in Richtung eines Freien Welthandels im Sinne der WTO, führten jedoch zu einem räumlichen Strukturwandel anderen Ausmaßes. Abbildung 8 zeigt die Zunahme der Direktinvestitionen deutscher chemischer Unternehmen im Ausland. Unschwer ist die drastische Zunahme der Investitionen des letzten Jahrzehntes zu erkennen. Mithilfe dieser Direktinvestitionen wird versucht, neue Märkte zu erschließen, ausländische Mitbewerber zu verdrängen, als auch in den Genuß der jeweiligen Standortvorteile zu gelangen.

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Abb. 8: Direktinvestitionen der Chemischen Industrie Deutschlands in Mrd. DM

Zum Wettbewerb der Unternehmen tritt also zunehmend ein Wettbewerb der Standorte (und damit auch der Politik). Produktionen, aber auch Forschung und Entwicklung finden in Regionen mit den jeweils günstigsten Standortbedingungen statt. Bisherige Ausfuhren der chemischen Industrie werden zunehmend durch lokale Produktionen ersetzt. Wettbewerber aus Asien, dem Mittleren Osten und Osteuropa sind heute in der Lage, zahlreiche Produkte, wie z.B. einige Pigmente und Farbstoffvorprodukte, Fasern und Faservorprodukte, Glykole oder Polyethylen zu wesentlich niedrigeren Preisen anzubieten als europäische Unternehmen, trotz vergleichbarer Produktqualität und Lieferzuverlässigkeit. Erdölfördernde Länder wie Saudi-Arabien und Mexiko erzeugen zunehmend petrochemische Grundstoffe und Folgeprodukte, wie z.B. Kunststoffe. Bereits heute bestehen weltweit Überkapazitäten z.B. im Ethylenbereich. Die weitere massive Erhöhung der weltweiten Petrochemiekapazitäten durch neue Produktionsanlagen im Mittleren und Fernen Osten führt zu einer tendenziell abnehmenden Produktion in Europa.

Daraus resultiert insbesondere für solche Produkte ein Anpassungszwang, die kostensensibel sind und aufgrund ihrer weltweit standardisierten Qualität nur über den Preis verkauft werden können. Die europäische chemische Industrie hat zwar gegenüber überseeischen Wettbewerbern im Geschäft mit europäischen Abnehmerindustrien aufgrund ihrer Kundennähe einen Wettbewerbsvorteil. Dieser geht jedoch in dem Maße zurück, in dem diese Abnehmerindustrien ihre weltweite Marktposition verlieren und auch in ihren Heimatmärkten gegenüber Importen Marktanteile einbüßen.

6. Fazit und Ausblick

Die chemische Industrie in Europa steht vor zahlreichen neuen Herausforderungen, die nahezu gleichzeitig zu bewältigen sind. Diese werden zu einer dauerhaften regionalen Verschiebung von Märkten und Produktionsstandorten führen. Zu nennen sind insbesondere:

- das Erstarken neuer Wettbewerber, vor allem im asiatisch-pazifischen Raum,
- die Öffnung Osteuropas und dessen Integration in die Weltwirtschaft;
- die zunehmende Wettbewerbsintensität im europäischen Binnenmarkt;
- die demographische Entwicklung in Europa, der Wertewandel und ein ver- ändertes Konsumentenverhalten.
- Trend zu umweltverträglichen Produkten

Diese grundlegenden Veränderungen geben dem Strukturwandel in den 90er Jahren aufgrund ihres Ausmaßes und vor allem ihrer Geschwindigkeit eine neue Qualität. Der chemischen Industrie bleibt wenig Zeit zum Wandel, um den strukturellen Herausforderungen begegnen zu können.

Die europäische chemische Industrie hat bisher über erhebliche Vorteile im Technologiebereich verfügt. Dieser Wettbewerbsvorsprung ist heute ernsthaft gefährdet. Zahlreiche Technologien sind heute weltweit verfügbar und bieten in Europa keine spezifischen Wettbewerbsvorteile mehr.

Erschwerend kommt hinzu, daß die Umsetzung neuer Technologien in einigen europäischen Ländern aufgrund zahlreicher institutioneller Hemmnisse zuviel Zeit erfordert. Im Hochtechnologiebereich hat sich der Innnovationswettbewerb beschleunigt. Insbesondere gegenüber den USA bzw. Japan gerät die europäische Industrie in einigen Sektoren ins Hintertreffen. Das gilt sowohl für einige Arbeitsgebiete innerhalb der Chemie als auch für wichtige Abnehmerbranchen. Die Unternehmen der europäischen chemischen Industrie wenden zwar unverändert hohe Mittel für Forschung und Entwicklung auf, doch hat die Innovationsdichte abgenommen. Technologiesprünge und Innovationsdurchbrüche sind seltener geworden, Produkt- und Verfahrensoptimierungen spielen eine große Rolle. Neben der bisher dominierenden Technologie sind Kriterien wie Rohstoffposition, Anlagenauslastung und Marketing-Fähigkeiten zu wichtigen Wettbewerbsfaktoren geworden. Die Chemiemärkte werden auch in Zukunft weiter wachsen, doch wird sich dieses Wachstum regional in sehr unterschiedlichem Ausmaß vollziehen. Die Struktur des Weltchemiemarktes (heutige Anteile: Europa 45%, Nordamerika 25%, Japan und Südostasien 20%) wird sich deshalb grundlegend verändern:

Die größten Zuwachsraten werden für Länder wie China und die Staaten im asiatisch- pazifischen Raum erwartet. In diesen Volkswirtschaften werden einem schnellen wirtschaftlichen Wachstum und dem Export oberste politische Priorität durch die Regierungen eingeräumt. Entsprechende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen wurden in den letzten Jahren geschaffen. Demgegenüber begrenzen in fortgeschrittenen Industrieländern Sättigungstendenzen auf einigen Teilmärkten die weitere Expansion. Gleichzeitig verringern strukturelle Umbrüche die Nachfrage z.B. nach pharmazeutischen Präparaten und Produkten für die Landwirtschaft. Hinzu kommen Standortbedingungen, die zu großen Belastungsunterschieden führen. So liegt z.B. der Produktionsstandort Deutschland mit den 3 weltgrößten Chemieunternehmen hinsichtlich Arbeitskosten, insbesondere der gesetzlichen Lohnnebenkosten, Energiekosten, steuerlicher Belastungen, Aufwendungen für den Umweltschutz und bürokratischer Regelungsdichte nicht nur in Westeuropa, sondern weltweit in der Spitzengruppe.

Literaturverzeichnis:

BATHELT, H., 1997: Chemiestandort Deutschland, Berlin

GREIF, S., Patentatlas Deutschland, 1998: Die räumliche Struktur der Erfindertätigkeit, S. 86 - 89, in: Patentatlas Deutschland, 1. Auflage, München.

HENNEKING, R., 1994: Chemische Industrie und Umwelt, Stuttgart.

KULKE, E. (Hrsg.), 1998: Wirtschaftsgeographie Deutschlands, Gotha.

POHLE, H., 1991: Chemische Industrie, Weinheim.

ROMANOWSKI, G., 1994: Strukturelle Veränderungen und Standortschwächen der deutschen chemischen Industrie. In: Wirtschaftsstandort Deutschland, Hrsg.: Simons, R., Köln, S. 206-215.

ROTH, C., 1998: Standortoptimierung von Distributionszentren im Europäischen Absatzmarkt eines Chemiekonzerns, Frankfurt a. M.

SEDLACEK, P., 1988: Wirtschaftsgeographie, Darmstadt.

SIMONS, R u. WESTERMANN, K., 1994: Industriestandort Deutschland, Marburg.

SCHÄTZL, L., 1996: Wirtschaftsgeographie - Theorie. 6. Aufl., Paderborn.

UNITED NATIONS (Hrsg.), 1995: The Chemical Industry in 1994, New York / Genf.

VERBAND DER CHEMISCHEN

INDUSTRIE e.V. (Hrsg.), 1995: Jahresbericht 1994/1995.

VERBAND DER CHEMISCHEN

INDUSTRIE e. V. (Hrsg.), 1998: Jahresbericht - Chemie 1998.

WAGNER, H.-G., 1994: Wirtschaftsgeographie, Braunschweig.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Industrieller Standortstrukturwandel - Fallbeispiel Chemische Industrie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Industriegeographie, Oberseminar Industrieller Standortstrukturenwandel, Leitung: Prof. Dr. E. Kulke
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V96242
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrieller, Standortstrukturwandel, Fallbeispiel, Chemische, Industrie, Industriegeographie, Oberseminar, Standortstrukturenwandel, Leitung, Prof, Kulke
Arbeit zitieren
Peter Brack (Autor), 1999, Industrieller Standortstrukturwandel - Fallbeispiel Chemische Industrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96242

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