In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern sich das Ziel von Bildung, ausgehend vom klassischen Bildungsideal der Aufklärung, im Hinblick auf jenes verändert hat, welches uns in der Gegenwart durch die Fokussierung auf PISA und die damit einhergehende Einführung von Bildungsstandards vermittelt wird.
Dazu wird die Zeit ab dem neunzehnten Jahrhundert im Hinblick auf bildungsbezogene Fragen näher charakterisiert und herausgearbeitet, wie sich gesellschaftliche Umstrukturierungsprozesse ereignet haben, die bis heute Einfluss auf unser gegenwärtiges Verständnis von Bildung nehmen. Ein Analyseschwerpunt liegt dabei auf der Professionalisierung und Institutionalisierung von Bildungssystemen im Kontext moderner Nationalstaatenbildung. Ich versuche diesen Vorgang als Prozess zu beschreiben, an dessen Ende die momentan aktuelle Debatte über die PISA Studie steht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der Weg zum modernen Bildungssystem – Systembildung und Institutionalisierung
Weltkriege, eine Zäsur
Die zweite Hälfte des 20. JH – Expansion und Ökonomisierung
Das Leistungsprinzip und das komplizierte Verhältnis von Bildung und Arbeitslosigkeit
Die PISA Studie
PISA und Auswirkungen
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Transformation des Bildungsbegriffs vom aufklärerischen Ideal Wilhelm von Humboldts bis zur heutigen, durch PISA geprägten, outputorientierten Steuerung des Bildungswesens. Dabei wird analysiert, inwiefern Bildungsprozesse zunehmend ökonomischen Interessen unterworfen wurden und wie sich der staatliche Zugriff auf Bildungssysteme über die Moderne hinweg gewandelt hat.
- Historische Entwicklung des modernen Bildungssystems und Institutionalisierung.
- Einfluss gesellschaftlicher Umbrüche und Kriege auf Bildungsstrukturen.
- Wandel von der inputorientierten zur outputorientierten Bildungssteuerung.
- Kritische Reflexion der PISA-Studie und der Ökonomisierung von Bildung.
- Gegenüberstellung des humanistischen Bildungsideals mit dem Humankapital-Konzept.
Auszug aus dem Buch
Die zweite Hälfte des 20. JH – Expansion und Ökonomisierung
Nach 1945 wurde im „Potsdamer Abkommen“ von den Alliierten die allgemeine Erziehungsaufgabe festgelegt: Die Bildung eines neuen, politisch- ideologischen Bewusstseins der deutschen Bevölkerung. Es hatte mitunter zum Ziel, dass das Erziehungswesen in Deutschland so überwacht werde, dass die nazistischen Lehren völlig entfernt werden und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich gemacht wird (Tenorth 2010, S. 270). Institutionen wie der „Deutsche Ausschuss für Erziehungs- und Bildungswesen“ widmeten sich der Neuorganisierung des deutschen Bildungswesens und trafen teilweise auf heftige Kritik. Theodor W. Adorno bezeichnete den Ton, der damals fast unangefochten herrschte, in dem Philosophen, Theologen und Pädagogen Bildungsfragen im traditionellen Geiste behandelten in seiner Ideologiekritik als „Jargon der Eigentlichkeit“ und stellte ihre Methoden in Frage.
Nach den Wirren, der ersten Nachkriegsjahre, lässt sich jedoch eines mit Bestimmtheit sagen: das Bildungswesen erlebte in der Zeit von 1965 – 1990 eine regelrechte Expansion. Das Bildungswesen in der BRD hat sich nach 1960 „radikal verändert“. Die Bildungsbeteiligung, Planung, Lehrpläne und Inhalte sind mit denen aus den 50er Jahren nicht mehr zu vergleichen (Tenorth 2010, S.290). Demografisch zeigt sich die Expansion durch eine zunehmende Bildungsbeteiligung der zuvor ausgeschlossenen Bevölkerung aus. Während 1950 nur 3% der Schüler pro Jahrgang eine Hochschulberechtigung erhielten, waren es 1980 schon 30%. Die zunehmende Bildungsmotivation der Bevölkerung kann dadurch erklärt werden, dass das Bildungswesen mehr als früher als Medium des sozialen Aufstiegs verstanden wird (vgl. ebd. S.292). Ein neuer Aspekt der dabei auftritt ist die zunehmende Ökonomisierung. Bisher hat sich der Zwang zur höher Bildung politisch nicht durchsetzen lassen, jedoch mit der „Logik der ökonomischen Entwicklung betrachtet“ (ebd.) scheint er zur Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit fast alternativlos.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Bildungsziele, ausgehend von Kants Definition bis hin zu den aktuellen Debatten um PISA und Bildungsstandards.
Der Weg zum modernen Bildungssystem – Systembildung und Institutionalisierung: Darstellung des historischen Prozesses der Entstehung staatlicher Bildungssysteme im Zuge der Aufklärung.
Weltkriege, eine Zäsur: Analyse der massiven Auswirkungen der Weltkriege und totalitärer Systeme auf die Erziehungslandschaft und die Disziplinierung des Volkes.
Die zweite Hälfte des 20. JH – Expansion und Ökonomisierung: Untersuchung der massiven Bildungsexpansion in der Nachkriegszeit und dem beginnenden Wandel hin zur Ökonomisierung.
Das Leistungsprinzip und das komplizierte Verhältnis von Bildung und Arbeitslosigkeit: Kritische Betrachtung der Annahme, dass Bildung allein durch Qualifizierung das Problem der Arbeitslosigkeit lösen kann.
Die PISA Studie: Analyse der Zielsetzungen, Modelle und Methoden des internationalen PISA-Programms.
PISA und Auswirkungen: Untersuchung der Folgen von PISA, insbesondere des Paradigmenwechsels in der Bildungspolitik durch Bildungsstandards.
Resümee: Synthese der Ergebnisse, die den Wandel von der Bildung als Persönlichkeitsentwicklung hin zur Bildung als ökonomisches Optimierungsinstrument unterstreicht.
Schlüsselwörter
Bildungsbegriff, PISA, Aufklärung, Institutionalisierung, Bildungssystem, Ökonomisierung, Bildungsstandards, Humankapitaltheorie, Schulentwicklung, Staatliche Steuerung, Qualifizierung, Leistungsprinzip, Bildungsexpansion, Allgemeinbildung, Kompetenzorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel des Bildungsverständnisses in Deutschland, insbesondere den Übergang von einem klassischen, humanistischen Bildungsideal zu einem funktionalen, an ökonomischen Marktlogiken ausgerichteten Bildungssystem.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die historische Institutionalisierung von Schule, der staatliche Zugriff auf Bildung, die Auswirkungen der PISA-Studie sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Ökonomisierung von Bildungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erörtern, inwieweit das heutige, durch PISA und Bildungsstandards geprägte Bildungsziel das klassische Bildungsideal der Aufklärung verändert hat und wie staatliche Interessen dabei wirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und einen historischen Abriss unter Rückgriff auf bildungshistorische Fachliteratur und Primärquellen zur Aufklärung und zur PISA-Studie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Teil zur Entwicklung staatlicher Bildungssysteme, eine Analyse der Nachkriegszeit, eine Kritik am Leistungsprinzip im Verhältnis zur Arbeitslosigkeit sowie eine Untersuchung des PISA-Programms.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bildungsbegriff, Ökonomisierung, PISA, Institutionalisierung und Humankapitaltheorie definiert.
Wie unterscheidet sich das Humboldt'sche Bildungsziel von dem PISA-Ansatz?
Das Humboldt'sche Ideal zielt auf die allgemeine Entfaltung der menschlichen Kräfte ab, während PISA primär funktionale Basiskompetenzen definiert, die operationalisierbar und für den Arbeitsmarkt verwertbar sind.
Welche Rolle spielt die "Output-Steuerung" in der heutigen Bildungspolitik?
Die Output-Steuerung markiert einen Wandel, bei dem der Staat Qualität nicht mehr durch detaillierte Lehrvorgaben, sondern durch die Überprüfung von Zielerreichungen und standardisierten Ergebnissen sichert.
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- Moritz Ebenführer (Autor:in), 2016, Der Bildungsbegriff im Laufe der Zeit. Von Humboldt zu PISA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962449