Die Geisteskultivierung als Optimierungsansatz für die Interkulturelle Kommunikation. Wie mit der Vipassana-Meditation interkulturelle Missverständnisse verringert werden können


Masterarbeit, 2013

97 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Interkulturelle Kommunikation
2.1 Grundlagen Interkultureller Kommunikation
2.1.1 Bestimmung des Kulturbegriffs
2.1.2 Hofstedes Kulturdimensionen
2.1.3 Kommunikation
2.1.3.1 Axiome der Kommunikation nach Watzlawick
2.1.3.2 Kontextualisierungshinweise nach Gumperz
2.1.4 Begriffsbestimmung Interkulturelle Kommunikation
2.2 Die Herausforderungen Interkultureller Kommunikation in der Praxis
2.3 Das Potenzial Interkultureller Kommunikation für die Praxis

3 Geisteskultivierung
3.1 Vipassana -Meditation als Mittel der Geisteskultivierung
3.1.1 Die „Vier Edlen Wahrheiten“
3.1.2 Die „Lehre von den Grundlagen der Achtsamkeit“
3.1.3 Die Methoden
3.1.4 Der Atem

3.2 Die Herausforderungen der Geisteskultivierung in der Praxis
3.3 Das Potenzial der Geisteskultivierung für die Praxis
3.4 Überblick über den Forschungsstand
3.5 Der Weg in den Westen

4 Fazit
4.1 Ausblick
4.2 Resümee

Literaturverzeichnis

Danksagung

Mein Dank gilt Franz Johannes Litsch und Gisela Full, für ihre hilfreichen Anregungen.

Außerdem möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken. Sie haben mir im Zweifel immer weitergeholfen und mich mit konstruktiven Ratschlägen vorangebracht.

Vielen Dank an meinen Freund für die Unterstützung und Hilfe während der gesamten Studienzeit, besonders aber in der Masterphase.

Besonderer Dank gilt zudem meinen Eltern, die mir stets helfend zur Seite gestanden haben und ohne die dieses Studium niemals möglich gewesen wäre.

Abstract

Nowadays the contact of different cultures has grown because of the increased globalization and industrialization. Culture forms our thinking and behavior, it develops characteristics that differs us from others. As every person grows up in its own cultural environment, with its differing characteristics, the dialogue between people of different cultures is a very complex matter. Therefore, a straight communication without complication is unusual. The cultivation of the mind by Vipassana is ought to be a possibility to reduce categorizations and stereotypes, in order to organize interaction by means of flexible and objective consciousness.

The specific kind of meditation, the method of Vipassana, has been chosen after the examination of the relevant meta-analysis in the respective databases, where the kinds of Vipassana meditation have been examined most frequently. The scientific research of the past years is clear about the influence of the cultivation of the mind by mindfulness on the human qualities. As a result of the cultivation, interacting people can concentrate on the important aspects of their interaction without the distraction of their own thoughts.

This study gives a general overview of intercultural communication and the cultivation of the mind, a definition of essential terms and a reflection of the level of scientific research of both main topics. Furthermore, this work discusses both the misunderstandings and difficulties between people of different cultural backgrounds, possible triggers and reasons for these problems, the potential and chances of intercultural interaction. Moreover the significance of mindfulness, its cultivation and its relevance for people´s relationship in intercultural encounters will be an elementary part of this work as well as its difficulties and occurring obstacles.

Therefore it will be analyzed if Vipassana meditation reduces intercultural difficulties and, hence, influences the development and outcome of intercultural communication in a positive way. As mindfulness is an ability that can be cultivated by every human being, it is an element that can make progress with the complex intercultural communication by the development of individual characteristics and influence intercultural encounters in a positive way.

1 Einleitung

„Zuerst achte auf deine Sprache, entdecke sie als den Ausdruck deiner Gedanken, hinter ihnen finde deine Entschlusskraft und erkenne, dass ihr deine Willenskraft zugrunde liegt. […] Lerne […] Entscheidungen zu treffen, die dir helfen, ein freier Mensch zu werden. Lerne […], dich kraftvoll und hilfreich durch deine Sprache auszudrücken. Erkenne, dass dadurch […] dein Handeln in der Welt von Erfolg gekennzeichnet ist.“1

Hat die Reinigung noch geöffnet? Streikt heute nicht die Bahn? Habe ich schon den Geschäftstermin abgesagt? In der Arbeitswelt bewegen sich die Menschen von einer stressigen, angespannten oder risikobehafteten Situation zur nächsten. Jeden Tag, jede Stunde und bisweilen sogar jede Minute rasen zahlreiche Gedanken durch unseren Kopf. Sie erschweren es uns, einen Schritt nach dem anderen zu machen bzw. halbherzige Handlungen zu vermeiden. Denn sobald wir eine Aktivität ausüben, sind uns unsere Gedanken schon zwei Schritte voraus oder hängen vier Schritte zurück in der Vergangenheit. Nur selten können wir unsere gesamte Aufmerksamkeit einer Aufgabe zuwenden, sie mit vollem Bewusstsein zu Ende führen und erst danach mit einer neuen beginnen. Überforderte Angestellte sind auf der Suche nach einem Weg, ihren Kopf frei zu bekommen, um ruhiger, effektiver und verantwortungsvoller arbeiten zu können. Diesen permanenten Gedankenströmen zu entfliehen und den Geist zu beruhigen, nehmen einige Menschen zum Anlass, sich einem neuen Weg zuzuwenden – der Kultivierung ihres Geistes. Die Kultivierung eines speziellen Bewusstseinszustandes, genannt Achtsamkeit, ist eine reizvolle Möglichkeit für einen Großteil westlicher stressgeplagter Personen, diesem Ziel näher zu kommen. In der Achtsamkeit geht es darum, zu sein, anstatt etwas zu tun. Die zunehmende Ruhe im Kopf kann die persönliche Konzentration und bereits bestehende Fähigkeiten verbessern und sogar die Gesundheit und Ausgeglichenheit eines Menschen fördern. Ziel der Geisteskultivierung mit Hilfe der Vipassana -Meditation, auch Achtsamkeitsmeditation genannt, ist jedoch nicht, sich theoretisches Wissen anzueignen, sondern sie vermittelt eine mentale Einsicht. Diese Meditationstechnik hilft dabei, eine Kontrolle über die Flut der eigenen Gedanken zu behalten, kultiviert den Geist der Praktizierenden und schafft ein Bewusstsein für die klare Wahrnehmung des aktuellen Moments. Der tägliche Kreislauf aus automatischer Erfüllung von Pflichten und passivem Zeitvertreib kann auf diese Weise unterbrochen, ein waches Bewusstsein gefördert und eine mentale Balance gefunden werden. Die Kontrolle zu behalten, an nichts festzuhalten und sich nicht von den eigenen geistigen und emotionalen Impulsen lenken zu lassen, kann dabei als eine wesentliche Fähigkeit entwickelt werden. Veränderungen im Denken und Handeln der Meditierenden bilden sich mit der Zeit heraus. 25% der großen US-Unternehmen haben bereits Initiativen zur Stressreduktion ihrer Mitarbeiter eingeführt. 89% der Vorstandsvorsitzenden des Konzerns „General Mills“ stellten z.B. fest, dass aus diesen Initiativen die Verbesserung der Fähigkeit zuzuhören resultierte.2 Die Vipassana -Meditation bildet zudem die Fähigkeit aus, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Denn alle Aspekte werden von jeder Person unterschiedlich betrachtet. Daher gibt es mehr als nur eine Sichtweise und mehr als nur eine richtige Lösung.

Die Achtsamkeitstechnik ist ein Weg, der durch die Erfahrung kultiviert wird, nicht durch das Aufsaugen theoretischer Texte. Die Theorien dienen zwar dazu, Achtsamkeit und ihren Nutzen für zwischenmenschliche Beziehungen zu formulieren. Dennoch muss letztlich vor allem die Praxis angewendet werden, um der Theorie nachzuspüren. Mediziner und Therapeuten konnten positive Veränderungen als Folge von Achtsamkeit bei ihren Patienten erkennen. Und auch Wissenschaftler und Personalchefs oder Unternehmensvorstände entdecken das Thema für sich und ihre Mitarbeiter. Ein besonderes Interesse gilt dabei vorrangig dem Einfluss von Vipassana auf die Gesundheit von Menschen oder der Verbesserung persönlicher Merkmale. Darüber hinaus dienen Achtsamkeitsinterventionen pragmatisch gesehen vor allem den Unternehmen als vorbeugende Maßnahme, um z.B. das Burnout-Risiko ihrer Angestellten zu verringern.

Gedanken, Emotionen oder Bewusstseinsinhalte haben einen wesentlichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen. Mit Hilfe einer distanzierten und offenen Einstellung zum aktuellen Augenblick gelingt die Befreiung von leidschaffenden Bewusstseinsinhalten. Die heutige Gesellschaft verhilft dem Menschen allerdings vielmehr dazu, sich von seinem eigenen Verhalten abzulenken und automatisierte Prozesse abzuspulen, ohne das Geschehene zu reflektieren. Durch die Achtsamkeit können Automatismen unterbrochen werden. Die Meditationspraxis will die Unruhe unserer Bewusstseinsinhalte bändigen, um somit eine harmonische Interaktion zwischen Personen und ihrer sozialen Umwelt zu generieren.

Die fortschreitende Globalisierung, der technische Fortschritt, die Wettbewerbe internationaler Unternehmen in der ganzen Welt und die Tatsache, dass jede Distanz in kurzer Zeit überwunden werden kann, führen zu einem vermehrten Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen. Flugzeuge und Züge bringen die Menschen innerhalb kürzester Zeit von Land zu Land. Die Fähigkeiten der Medien, alle in der Welt geschehenden Ereignisse nahezu jeder technisch vernetzten Person unmittelbar näherzubringen, reduziert die Entfernungen zwischen Personen unterschiedlicher Kulturen und Gesellschaften drastisch. Auch die Migration erfordert die Interaktion zwischen unterschiedlichen Nationalitäten und Ethnien. Da jede Person in ihrem eigenen kulturellen Umfeld mit individuellen Merkmalen, Regeln und Gewohnheiten aufgewachsen ist, erschweren diese unterschiedlichen Hintergründe die Kommunikation einzelner Personen zusätzlich. Um diesen Differenzen und daraus resultierenden Schwierigkeiten entgegenzuwirken, kann eine interkulturelle Kompetenz entwickelt werden. Mit Hilfe dieser Fähigkeit ist ein tieferes Verständnis für kulturelle Verbindungen, fremde Kulturen und deren Bräuche möglich. Interkulturelle Kompetenz kann helfen, ein Bewusstsein für kulturelle Differenzen zu entwickeln, flexibel auf sie zu reagieren und eine andere Perspektive einzunehmen, um die größtmögliche Kooperation in interkulturellen Situationen zu ermöglichen. Doch selbst wenn die Menschen oder Gesellschaften durch ein gemeinsames Ziel miteinander verbunden sind, können Konflikte aufgrund der Vielfältigkeit unterschiedlicher Gruppen zu einer explosiven Angelegenheit werden. Die Kultivierung des Geistes kann einen Teil dazu beitragen, die Konflikte Interkultureller Kommunikationen zu reduzieren. Eine kompetente und friedliche Interaktion zwischen Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft kann die Entwicklung unserer Gesellschaft und unserer gemeinsamen Welt begünstigen.

Der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen ist sehr komplex und kann ohne ein positives Ergebnis verlaufen, Fehlinterpretationen beinhalten und Missverständnisse auslösen. Eine geradlinige Kommunikation ohne jegliche Komplikationen ist nicht die Regel. In der vorliegenden Arbeit werden mögliche Auslöser und Hintergründe dieser Schwierigkeiten aufgezeigt und verdeutlicht. Denn erst, wenn man sich dieser Faktoren bewusst wird, können sie verringert oder vermieden werden. Gerade in der heutigen Zeit treten interkulturelle Interaktionen unweigerlich auf. Die Akzeptanz kultureller Andersartigkeit ist daher ein wichtiger Aspekt für friedliche Interaktionen. Doch heutzutage existiert neben dieser Andersartigkeit auch das Wissen über die vorhandenen Unterschiede und somit die Möglichkeit, mit diesem Wissen erfolgreich zu kommunizieren. Es ist also möglich, sich die Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Interkulturelle Kommunikation benötigt werden, anzueignen. Die Interkulturelle Kommunikation bezieht sich hierbei nicht nur auf die Verständigung zwischen Völkern, Nationen oder temporäre Zusammentreffen von Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft, sondern auch auf das Bestreben nach friedlicher Kommunikation zwischen Menschen innerhalb einer Nation und im Allgemeinen. Ein wesentlicher Aspekt für den positiven Ausgang der Kommunikation ist ein Bewusstsein für die eigene kulturelle Prägung und die Fähigkeit, sich auf sein Gegenüber einzustellen.

Die Wahl der spezifischen Meditationsart, der Vipassana -Methode, erfolgte nach der Durchsicht relevanter Meta-Analysen3 zu den Begriffen „Achtsamkeitsmeditation“, „Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR)“, „mindfulness meditation“ und „ Vipassana -Meditation“ in den einschlägigen Datenbanken (z.B. PsychInfo und Psyndex). Die Meta-Analysen untersuchten unterschiedliche Meditationsarten auf deren psychischen oder physischen Einfluss auf den Menschen. Am häufigsten wurden die Vipassana -/Mindfulness-Meditation und MBSR betrachtet. Diese drei können unter der Methode der Vipassana -Meditation zusammengefasst werden und sollen daher in der vorliegenden Arbeit die grundlegende Meditationsart zur Geisteskultivierung sein. Im weiteren Verlauf werden nicht alle Studien, die zur Auswahl der Meditationsart betrachtet wurden, genutzt, da keine weitere Meta-Analyse produziert werden soll. Zusätzlich werden Buchpublikationen und Aufsätze verwendet, um die Vipassana -Meditation in ein neues, bisher im Zusammenhang mit Meditation unbeleuchtetes Feld einzuführen: die Interkulturelle Kommunikation.

Die Beschränkung auf die Methode der Achtsamkeit resultiert auch in ihrem buddhistischen Ansatz. Der Buddhismus erstreckt sich nicht nur auf die starre Wiedergabe von Lehrmeinungen oder Anschauungen, sondern hält die Meditierenden dazu an, die Theorien anhand der eigenen Erfahrungen zu überprüfen. Sowohl die Methodik als auch der buddhistische Hintergrund sind säkular und können daher für alle Menschen auf der ganzen Welt gelten. Durch die zunehmende Forschung wurde diese Achtsamkeitstechnik z.B. zu medizinischen Verfahren oder als Entspannungsmethode genutzt und verstärkte die Säkularisierung der Methode zusätzlich. Auch Personen, die religiösen Prinzipien kritisch gegenüberstehen, können so ein Interesse für diese Technik entwickeln. Die Meditation soll auch in der vorliegenden Arbeit explizit nicht aus einer religiösen Perspektive betrachtet werden. Niemand soll aufgrund seiner Einstellung ausgeschlossen werden, denn „Achtsamkeit [ist] eine allgemeinmenschliche Fähigkeit […], die nicht an einen spezifischen kulturellen oder religiösen Kontext gebunden ist.“4 Daher werden die historischen Bezeichnungen nicht zum Mittelpunkt der Ausführungen gemacht. Eine allgemein verständliche Sprache soll jegliche Mystifizierung vermeiden und das Wesentliche nachvollziehbar erläutern.

Die Neugier und das Interesse der Autorin am Thema der vorliegenden Arbeit wurde durch die persönliche Erfahrung mit der Vipassana -Meditation während eines Seminars an der Universität und die langjährige Beschäftigung mit der Interkulturellen Kommunikation im Zuge des Studiums geweckt. Daraus entstand das Bedürfnis, beide Aspekte sowohl einzeln aufzugreifen als auch miteinander zu verbinden. Die Meditationspraxis dient den Menschen schon seit hunderten von Jahren zur Kultivierung und Umformung ihres Selbst. Auch interkulturelle Interaktionen finden schon seit vielen Jahren zwischen den Menschen auf der ganzen Welt im politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Bereich statt. Und schon seit deren Anbeginn wurden bewusst oder unbewusst Verfahrensweisen angewandt, um in einer fremden Kultur erfolgreich ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Missverständnisse und Schwierigkeiten zwischen Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft sind nicht immer nur mit sprachlichem Handeln zu lösen. In der Interkulturellen Kommunikation bedarf es zudem einer scharfen Wahrnehmung, Flexibilität und der Lösung vorhandener Differenzen – Eigenschaften, die durch die Geisteskultivierung entwickelt werden können.

In der vorliegenden Arbeit soll daher untersucht werden, ob die Geisteskultivierung durch die Methode der Vipassana -Meditation interkulturelle Missverständnisse und Schwierigkeiten verringern und somit den Verlauf und Ausgang Interkultureller Kommunikation positiv beeinflussen kann.

Die Beispiele und der grobe Bezugsrahmen der vorliegenden Arbeit werden sich vor allem auf den wirtschaftlichen Unternehmerkontext beziehen. Das liegt zum einen daran, dass die Autorin bereits praktische Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt hat. Zum anderen ist der Autorin während dieser Praxiserfahrungen aufgefallen, dass einige Kollegen und Kommilitonen Schwierigkeiten hatten, dem Thema der Geisteskultivierung oder Meditation offen und ohne Abwertung oder Vorannahmen gegenüber zu treten. Innerhalb der sozialen Berufe ist die Förderung des Geistes oder der Soft Skills einer Person wesentlich gängiger und anerkannter. In anderen wichtigen Bereichen, wie z.B. wirtschaftlichen Unternehmen, die sich häufig auf harte Fakten und Zahlen stützen, ist wohl entweder kein Platz für „Weichheit“ oder es fehlt schlicht an grundlegendem Wissen über die Vorteile einer solchen Förderung. Dies scheint auch der Grund für die geringe Bereitschaft zu sein, sich auf die Geisteskultivierung einzulassen. Zum Teil ist die Bereitwilligkeit für die Kultivierung des Geistes in der Unternehmenskultur zwar schon angekommen, aber es herrscht noch immer ein großer Bedarf, diese Thematik fest zu verankern und umzusetzen. Denn bisweilen ist in wirtschaftlichen Berufen noch immer der Glaube daran vorhanden, dass ökonomische Prozesse frei von kulturellen Elementen beurteilt werden können.

Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, was Achtsamkeit bedeutet, wie sie entwickelt wird und welche Bedeutung sie für die Beziehung von Menschen in interkulturellen Begegnungen hat. Obgleich die Beispiele vorrangig der gewerblichen Wirtschaft zuzuordnen sind, ist es dabei irrelevant, ob es sich um Geschäftspartner, einen Arzt und seinen Patienten, Wissenschaftler oder Touristen aus unterschiedlichen Kulturen handelt. Diese Arbeit richtet sich an alle Privatpersonen oder Berufstätigen, an alle, die glauben, dass interkulturelle Kompetenzen stets verbessert werden können, an diejenigen, die ihre eigene Interkulturelle Kommunikation verbessern wollen oder an Personen, die ein Interesse am Zusammenhang zwischen interkulturellen Interaktionen und der Kultivierung des Geistes haben. Die Herangehensweise an diese Arbeit ist eine Kombination aus hermeneutischer Arbeit, Theorie und Literaturüberblick. Methodisch-reflektiert werden die Zusammenhänge der Schwerpunkte dieser Arbeit erschlossen, um eine tiefere Erkenntnis zu erreichen.

In den folgenden Kapiteln (Kapitel 2 und 3) werden zunächst grundlegende Begriffe erläutert und definiert, um eine Basis für die Beschäftigung mit den Herausforderungen und Potenzialen der Interkulturellen Kommunikation (Kapitel 2) und der Vipassana -Meditation (Kapitel 3) für die Praxis zu schaffen. Ausführungen zum aktuellen Forschungsstand der Vipassana -Meditation sowie ein kurzer Abriss zur Forschungsgeschichte5 Interkultureller Kommunikation vervollständigen die Erörterungen. Studien, die die Vipassana -Praxis und Interkulturelle Kommunikation verbinden, sind der Autorin allerdings gänzlich unbekannt. Eine Reflexion der Ergebnisse beider Kapitel und insbesondere die zusammenführende Betrachtung ihrer wesentlichen Merkmale, Herausforderungen, Potenziale und deren Verbindung schließen den wissenschaftlichen Diskurs ab (Kapitel 4). Auf die eingangs gestellte Frage, ob die Geisteskultivierung einen positiven Einfluss auf die Interkulturelle Kommunikation nehmen kann, soll in diesem Teil der Arbeit eine Antwort gefunden werden. Die Arbeitsschritte und Ergebnisse werden zusammengefasst und verdeutlicht. Abschließend wird ein Ausblick auf künftige Forschungsfragen und mögliche Praxisintegrationen gegeben.

2 Interkulturelle Kommunikation

Im Folgenden werden die wesentlichen Grundlagen für das Verständnis von Interkultureller Kommunikation herausgearbeitet, um dann vertiefend auf die Potenziale und Herausforderungen dieses Wissenschafts- und Praxisfeldes sozialer Interaktion einzugehen.

Der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“ hat zahlreiche Termini mit ähnlicher Bedeutung ersetzt, wie z.B. „Völkerverständigung“ oder „Internationale Kommunikation“, und ist daher allgegenwärtig. Kommunikation findet nicht ausschließlich zwischen unterschiedlichen Nationen statt, sondern betrifft auch Personen verschiedener Kulturen. Allerdings können auch innerhalb von Nationen Kommunikationsschwierigkeiten entstehen. Die verstärkte Begriffsverwendung in den letzten 50 Jahren verdeutlicht die zunehmende Relevanz interkultureller Beziehungen und daraus resultierender Herausforderungen und hat dadurch auch seine Berechtigung. Seit dem Beginn der Handelsbeziehungen treten Menschen aus unterschiedlichen Kulturen miteinander in Kontakt, jedoch hat die interkulturelle Interaktion mit zunehmender Globalisierung, steigender Migration und wirtschaftlicher Vernetzung, der verstärkten Technisierung und somit auch dem gestiegenen Informationsaustausch einen neuen Höhepunkt erreicht.6 Die Interkulturelle Kommunikation ist ein junges Forschungsgebiet, zu dessen Begründung das Werk „The Silent Language“ (1959) des Ethnologen Edward T. Hall wesentlich beigetragen haben soll.7 Dem Wissenschaftler für Interkulturelle Kommunikation, Christoph I. Barmeyer, zufolge wurde der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“ jedoch schon im Jahr 1954 zum ersten Mal erwähnt.8 Im Anschluss daran schlossen sich immer mehr Wissenschaftler dem neuen Forschungsgebiet an und entwickelten zahlreiche Arbeiten zu diesem Thema. Obwohl die Interkulturelle Kommunikation zunächst hauptsächlich für internationale Wirtschaftsinteressen von Bedeutung war, gewann auch die sprachliche Komponente durch die Arbeiten des Sprachsoziologen John J. Gumperz in den 60er Jahren zunehmend an Relevanz.9

2.1 Grundlagen Interkultureller Kommunikation

Die folgenden Begriffsbestimmungen, Definitionen und Unterscheidungen bilden die Basis für das Verständnis und deren Einfluss auf Interkulturelle Kommunikation.

2.1.1 Bestimmung des Kulturbegriffs

Bis heute ist der Kulturbegriff nicht einheitlich definiert. Die Anthropologen A.L. Kroeber und C. Kluckhohn erfassten schon im Jahr 1952 mehr als 160 unterschiedliche Kulturbegriffe. Diese Zahl ist Schätzungen zufolge auf inzwischen mehr als 300 verschiedene Definitionen angestiegen, so die Kulturwissenschaftlerin Edith Broszinsky-Schwabe. Die Schwierigkeit, einen einheitlichen Kulturbegriff zu bestimmen liegt vermutlich darin, dass die Kultur zahlreiche Aspekte des Daseins einschließt und der Fokus je nach wissenschaftlicher Disziplin anders gesetzt werden kann.10

Eine der ersten Begriffsbestimmungen zur Kultur wurde im 19. Jahrhundert von dem Anthropologen Edward Burnett Tylor vorgenommen. Er definierte Kultur als „that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom and other capabilities and habits acquired by man as a member of society.“11 Tylor setzt kulturelle und gesellschaftliche Inhalte gleich, obwohl die gesellschaftlichen Aspekte von der Kultur bestimmt werden.12 Diese Definition wird vom Kommunikationswissenschaftler James W. Neuliep durch eine ganz ähnliche Beschreibung von Kultur als „accumulated pattern of values, beliefs, and behaviors shared by an identifiable group of people with a common history and a verbal and nonverbal symbol system”13 ergänzt. Damit verdeutlicht Kultur die Art und Weise, sich mittels intuitiver Nutzung kultureller Eigenschaften innerhalb einer Gesellschaft zu verhalten. Entsprechende Regeln, Normen und Werte sind vertraut, bilden die Grundlage des Lebens und beeinflussen das Verhalten. Dennoch ist Kultur kein materielles Phänomen und es besteht auch nicht nur aus Personen, Verhalten oder Emotionen. Es ist vielmehr eine Vereinigung all dieser Dinge. Es ist die Art und Weise, wie etwas wahrgenommen oder interpretieret wird. Die Handlungen der Menschen oder das, was sie sagen, ihre sozialen Vereinbarungen und Ereignisse sind Produkte ihrer Kultur. Kultur ist ein erlerntes System von Bedeutungen, das eine gemeinsame Identität und Verbundenheit innerhalb ihrer Mitglieder hervorruft. Diese erworbenen Kommunikationsmuster können aber auch von Fremden erlernt werden.14

Kultur durchdringt alles und beeinflusst jeden. Allerdings ist man sich dieses Einflusses nicht immer bewusst, da Kultur unsichtbar ist. Daher sind viele Personen nicht in der Lage, ihre eigene Kultur zu reflektieren. Sie nehmen aber dann Elemente davon wahr, wenn sie mit Personen aus anderen kulturellen Umfeldern interagieren. Da Kultur, wie oben beschrieben, nicht nur aus einem Merkmal besteht, sondern sich aus vielen Charakteristika zusammensetzt, gibt es keine einzelne grundlegende Einheit oder ein elementares Teilchen, das jede Kultur gleichermaßen für sich beanspruchen kann. Die verschiedenen inhärenten Merkmale sind tief mit der biologischen Vergangenheit der unterschiedlichen Kulturen verwurzelt. Der Kulturbegriff hat sich über einen Zeitraum von Generationen stabilisiert und unterliegt dennoch steten Veränderungen – Kultur ist niemals vollendet.15 Die Gründe können externer (Akkulturation, kulturelle Verbreitung) oder interner (Innovation, Invention) Natur sein. Zudem verändern sich Kulturen kontinuierlich durch soziale Interaktion. Daher sind kulturelle Grenzen, Merkmale oder Zugehörigkeiten in ständigem Wandel. Innerhalb der Interkulturellen Kommunikation werden verbale (Sprache) und nonverbale (Gesten, Raumverhalten (Proxemik) usw.) Aspekte umso problematischer eingestuft, je mehr Ungleichheit zwischen den Kulturen besteht. Der Grad an Ähnlichkeit zwischen zwei Gruppen beeinflusst also deren Verhalten zueinander.16 Doch nicht nur Angehörige unterschiedlicher kultureller Gruppen sind zueinander inhomogen, selbst innerhalb einer ethnischen Einheit können unterschiedliche Verhaltens- und Denkweisen auftreten. Konformität und Gleichheit stellen folglich keine Wesensmerkmale des Kulturbegriffs dar.17 „Dies trifft natürlich auch zu auf Teilgruppen nationaler oder ethnischer Gesellschaften […] gilt aber auch und besonders für soziale Einheiten, die nationale oder ethnische Grenzen überlappen.“18

Es gibt zwei unterschiedliche Sichtweisen auf Kultur. Einerseits wird Kultur als eine öffentlich wahrnehmbare, konkrete und kollektive Einheit wahrgenommen, andererseits ist Kultur subjektiv, abstrakt und ein Merkmal von Individuen, die an sozialen Interaktionen beteiligt sind. Kultur ist also sowohl objektiv als auch subjektiv. Sie geht über das einzelne Individuum hinaus und ist gleichzeitig in ihm verwurzelt. Auch die Wissenschaftler für Interkulturelle Kommunikation Bennett/Bennett und Bennett/Castiglioni unterstreichen die Definition von Kultur als subjektiv oder objektiv. Die subjektive Bedeutung beinhaltet die Weltsichten, die von den Angehörigen einer bestimmten Gruppe geteilt werden; also die Glaubensmuster, das Verhalten und die Werte, die von dieser Gruppe aufrechterhalten werden. Die objektive Bedeutung hingegen beinhaltet die institutionellen Aspekte von Kultur sowie politische und ökonomische Systeme und deren Kulturprodukte, wie z.B. Kunst oder Musik, die von den Angehörigen einer bestimmten Gruppe erzeugt wurden,19 im Gegensatz z.B. zum Kulturbegriff des Anthropologen Edward T. Hall, für den diese (institutionellen) Aspekte nicht Teil des Kulturbegriffs sind.20 Zudem kann Kultur als explizit oder implizit beschrieben werden. Eine explizite Kultur ist beobachtbar und eindeutig, außerdem gibt es kaum Zweifel daran, welche Bedeutung die Menschen ihren kulturellen Phänomenen beimessen. Sie entspricht wohl der objektiven Kultur bei Bennett/Bennett. Eine implizite Kultur hingegen bedarf logischer Schlussfolgerungen des Beobachters, um die unterschwelligen Bedeutungen der kulturellen Besonderheiten und subjektiven Interpretationen der Angehörigen einer kulturellen Gruppe zu verstehen. Die größten interkulturellen Probleme ergeben sich daher aus impliziten Kulturaspekten, die mit der Beschreibung einer subjektiven Kultur verglichen werden kann.21

Einige Wissenschaftler behaupten, Kultur trete nur dann auf, wenn Fremde interagieren und unterschiedliche Tendenzen offenbar werden. Darauf aufbauend sei auch eine Definition von Kultur erst nötig, wenn unser gewöhnliches Verhalten in der Interaktion mit Fremden zu Verständnislosigkeit oder Fehldeutungen führt und Komplikationen auslöst. „Erst in der Erfahrung des Anderen relativiert sich das bisher Selbstverständliche, und erst in diesem Augenblick 'ist' Kultur.“22 Nur wenige Personen nehmen bewusst wahr, dass ihnen als Individuen bzw. der Gesellschaft in der sie leben, ganz bestimmte Charaktereigenschaften, also Kultur, innewohnen, ohne menschlichen Verhaltensweisen außerhalb dieses Kreises begegnet zu sein. Dennoch hat zumindest die Globalisierung ein Wissen über andere Lebensweisen, also Kulturen, mit sich gebracht, über das sich Einzelpersonen auch bewusst sind, ohne mit diesem Fremden interagiert zu haben. Die Behauptung, Kultur ist erst in der Interaktion mit Fremdem, scheint also überholt.

Die Definitionen von Kultur unterscheiden sich je nach Wissenschaftler und Fachgebiet, sie können allgemein oder detailliert sein, nur Teilaspekte einbeziehen oder eine ganze Gesellschaftsform beschreiben. Kultur erscheint als ein sehr abstrakter, komplexer und variabel anwendbarer Begriff, der durch unterschiedliche Bedeutungen klassifiziert wird und schwer zu definieren ist. Trotz zahlreicher Beschreibungen ist es nicht möglich, die eine Kultur einer Gesellschaft zu finden, denn selbst innerhalb einer Kultur gibt es viele Bedeutungsschattierungen und Abweichungen. Daher sind Begriffsbestimmungen von Kultur sehr vielfältig.

In dieser Arbeit soll folgender Kulturbegriff Verwendung finden: Kultur ist ein System gemeinschaftlicher Werte, Normen und gemeinsamen Verhaltens, das von Geburt an erlernt und als selbstverständlich betrachtet wird. Es ist die Art, wie sich die Leute verhalten und wie sie leben, es sind die Feste, die sie feiern oder die Produkte, die sie entwickeln. Kultur hat einen Effekt auf das Verhalten von Mitgliedern einer bestimmten Gruppe. Sie kann nicht nur einer Gruppe oder einer einzelnen Person zugeschrieben werden; jeder ist Teil der Zusammensetzung seiner Kultur. Damit werden die Grenzen zu anderen Gruppen definiert. Kultur bietet gleichzeitig Orientierung, stiftet Identität, öffnet Möglichkeiten und setzt Grenzen für die eigene Gruppe und ermöglicht eine funktionierende Interaktion innerhalb der Gemeinschaft.23

Die Bestimmung des Kulturbegriffes legt die Grundlage für alle weiteren Betrachtungen Interkultureller Kommunikation. Erst durch diese Beschreibung kann ein Verständnis für die Komplexität und das Ausmaß interkultureller Interaktionen entwickelt werden.

2.1.2 Hofstedes Kulturdimensionen

In einer komplexen Welt bieten Kategorien den Vorteil der Vereinfachung. Schemata und Muster können helfen, eine Vorauswahl zu treffen und ein grobes Wissen über vielschichtige Zusammenhänge zu geben. An diesem Punkt sollen Hofstedes Kulturdimensionen greifen und eine erste Einordnung fremder kultureller Merkmale ermöglichen.

Vieles, was man von Kindheit an erlernt, wird für selbstverständlich und natürlich gehalten. Tatsächlich sind viele dieser Denk- und Handlungsweisen nicht mehr als erlerntes Verhalten. Das bedeutet, dass das, was als kulturell erscheint, lediglich kulturell erlerntes Wissen ist, das als normal und alltäglich betrachtet wird und daher natürlich wirkt.24 Das, was tatsächlich natürlich entstanden ist, ist „allen Menschen gemeinsam in der Evolution entstanden und genetisch hinterlegt. Das Kulturelle wird [hingegen] erworben, es ist […] im gemeinsamen Handeln entstanden“.25 Das evolutionär Entstandene ist „dem Menschen unveränderlich angeboren [und kann nicht durch] Sozialisation verändert werden“.26

Auseinandersetzungen zwischen den Menschen sind alltäglich. Diese Konflikte können interethnisch oder innerethnisch aufgrund unterschiedlichen Denkens, Empfindens oder Agierens sein. Doch trotz der Konflikte werden die unterschiedlichen Gesellschaften mit militärischen, ökologischen oder ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert, die nur gemeinsam gelöst werden können. Eine weit gefächerte Zusammenarbeit ist nötig, um in der Zukunft gegen diese Schwierigkeiten anzugehen. Eine erfolgreiche Kooperation kann dann entstehen, wenn die Interaktanten das Denken, Fühlen und Handeln des Gegenübers verstehen bzw. Nachsicht und ein Gespür für unterschiedliches Verhalten entwickeln.27

Der gestiegene interkulturelle Kontakt zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die überall auf der Welt zusammentreffen können, fördert zwar das Interesse an anderen Kulturen, steigert aber auch den Bedarf nach einfachen Regeln, die das gegenseitige Verständnis erleichtern. Doch die Verschiedenheit der Menschen und ihrer Kulturen, die sich nicht auf die Grenzen ihrer Nationalstaaten beschränken, erschweren eine kulturelle Einteilung nach klaren Richtlinien. Der niederländische Sozialpsychologe Geert Hofstede merkt zudem an, dass Nationalstaaten und Gesellschaften nicht gleichgesetzt werden sollten. Die Gesellschaften sind historisch aus sozialen Organisationen entstanden, und das Kulturkonzept trifft eher auf sie als auf Nationalstaaten zu. Zwar haben sich auch Staaten historisch entwickelt und bilden eine Einheit, doch sie bestehen oft aus unterschiedlichen (kulturellen, religiösen usw.) Gruppen.28 Bezüglich kultureller Differenzen kann die Staatsangehörigkeit also nicht als eindeutiger Indikator dienen. Da diese aber oft das einzige Merkmal sowie ein einfacher Faktor für die Klassifizierung von Verhalten ist, werden den Angehörigen einer bestimmten Nation gemeinschaftliche Merkmale zugewiesen, die zu einer Kategorisierung in „typisch russisch“ oder „typisch chinesisch“ führen können.29

Wichtige Schemata für den Kulturvergleich stammen von Sozialwissenschaftlern wie Edward T. Hall, Geert Hofstede oder Alexander Thomas. Kulturelle Dimensionen eignen sich als Instrument zum besseren Verständnis differenter kultureller Formen. Der amerikanische Kulturanthropologe Edward T. Hall entwickelte vielseitig anwendbare Kategorien wie z.B. Raumkonzeption, Zeitkonzeption und Informationsfluss, die dazu dienen, Differenzen unterschiedlicher Gruppen und Gesellschaften zu klassifizieren, „und so durch eine Verringerung der Komplexität zu einem besseren Verständnis einer Gesellschaft zu gelangen.“30 Wohingegen die Kategorien des niederländischen Sozialpsychologen Geert Hofstede eine objektive und vergleichbare Grundlage bieten sollen, um verschiedene Gesellschaften zu beschreiben und zu analysieren.31 Hofstede konnte mit seiner Studie nachweisen, dass es weltweite kulturbedingte Differenzen im Management-Verhalten gibt.32 Das macht Geschäfte im Ausland so schwer. Wenn wir jemanden mit einem anderen kulturellen Hintergrund treffen, erscheint die Person oft unfreundlich oder seltsam. Auf dieser Grundlage können Missverständnisse oder Konflikte schnell entstehen. Hofstede erkannte, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturnationen einigen Dimensionen zugeschrieben werden können. Daher unterscheidet er – entsprechend den ethischen Konzepten der unterschiedlichen Kulturen – 5 Kulturdimensionen der menschlichen und sozialen Kooperation.33

„In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte man in der Sozialanthropologie die These, daß [sic!] alle Gesellschaften, gleich ob modern oder traditionell, mit den gleichen Grundproblemen konfrontiert sind; lediglich die [Lösungswege] sind unterschiedlich.“34 Um festzustellen, worin diese Gemeinsamkeiten liegen, wurden zahlreiche statistische Untersuchungen und empirische Forschungen durchgeführt. Etwas später, im Jahr 1967 und noch einmal im Jahr 1973, sammelte Hofstede eine umfangreiche Menge von Daten während einer empirischen Studie mit Mitarbeitern in Niederlassungen des Konzerns „IBM“. Auch er verfolgte das Ziel, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Nationen zu finden. Diese Datenerhebung ergab 116.000 Antworten von 88.000 Angestellten aus 64 Ländern. Doch wie können die Daten einzelner Mitarbeiter eines Konzerns dazu dienen, nationalstaatliche Merkmale zu erschließen? Hofstede ist der Ansicht, dass die untersuchten Mitarbeiter eine Stichprobe der jeweiligen Länder darstellten, in deren „IBM“-Niederlassung sie weltweit arbeiteten. Zudem seien sich die Probanden, bis auf die unterschiedliche Staatsangehörigkeit, sehr ähnlich gewesen. Dies veranlasste Hofstede zu der Vermutung, dass die Staatsangehörigkeit der Faktor war, der die Antworten eindeutig prägte. Hofstedes Ergebnisse stimmten zudem überraschend deutlich mit den Ergebnissen einer vorausgegangen Studie35 zweier amerikanischer Wissenschaftler, des Psychologen Daniel Levinson und des Soziologen Alex Inkeles, überein. Denn auch Hofstede konnte bestimmte Probleme ausmachen, die den „IBM“-Mitarbeitern unterschiedlicher Länder gemeinsam waren, sie reagierten lediglich mit unterschiedlichen Lösungen auf:36

„1.Soziale Ungleichheit, einschließlich des Verhältnisses zur Autorität
2. Die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gruppe
3. Vorstellungen von Maskulinität und Femininität […]
4. Die Art und Weise, mit Ungewißheit [sic!] umzugehen […].“37

Hofstede kam zu dem Schluss, dass nationalkulturellen38 Differenzen vier Kriterien zugrunde liegen. Die Daten veranlassten Hofstede dazu, interkulturelle Übersichten auszuarbeiten. Dieses Verzeichnis beinhaltet vier Dimensionen für jedes der untersuchten Länder.39 „Diese vier Dimensionen umfassen arbeitsbezogene Werte und menschliches Verhalten in Organisationen.“40 Dass die aufgedeckten Schwierigkeiten den Gesellschaften weltweit gleichermaßen zugrunde liegen, wurde durch die Ergebnisse mehrerer Studien – neben der Untersuchung von Inkeles und Levinson unterstützten noch weitere Studien dieses Ergebnis – belegt, unabhängig von der verwendeten Methode oder Theorie. Diese grundlegenden Problemgebiete entsprechen Hofstedes vier Kulturdimensionen: Machtdistanz, Kollektivismus gegenüber Individualismus, Femininität gegenüber Maskulinität und Unsicherheitsvermeidung. Nach Hofstede entspricht jede der Dimensionen „ein[em] Aspekt einer Kultur, der sich im Verhältnis zu anderen Kulturen messen läßt [sic!].“41 Mit Hilfe dieser Dimensionen, von denen jede eine Sammlung gesellschaftlicher Merkmale beinhaltet, lassen sich also Nationalkulturen kategorisieren.42 Die fünfte Dimension zur Differenzierung von Nationalkulturen, langfristige Orientierung gegenüber kurzfristiger Orientierung, stammt nicht aus Hofstedes ursprünglicher Arbeit, sondern wurde einige Jahre später durch den Kanadier Michael Harris Bond definiert.43

Noch 40 Jahre später werden Hofstedes Klassifikationen und Bestimmungen kultureller Unterschiede in zahlreichen Disziplinen angewandt.44 Hofstede schaffte einen haltbaren theoretischen Rahmen für interkulturelle Studien und entwickelte seine Dimensionen aus der bisher umfangreichsten und bis heute anerkanntesten Studie zum kulturvergleichenden Management und weltweiten interkulturellen Vergleichen. Einer der starken Punkte seiner Arbeit ist die große empirische Basis. Hofstedes grundlegende Annahme bestand darin, dass die zentralen Stellen der Sozialisation – wie Familie, Schule oder Arbeit – für die Prägung eines kulturellen Programms von Individuen verantwortlich sind. Allerdings, und das wurde auch schon von Hofstedes Kritikern angemerkt, sind Nationalstaaten und -kulturen viel zu umfassend, um jedes einzelne individuelle Verhalten beschreiben zu können.45

Im Folgenden werden Hofstedes fünf Kulturdimensionen einer näheren Betrachtung unterzogen: Machtdistanz beschreibt den Umgang mit Macht innerhalb einer Gesellschaft. Die Mitglieder von Kulturen mit großer Machtdistanz verstehen Macht als naturgegebenen Teil der Gesellschaft und akzeptieren, dass sich die Vorgesetzten von den Untergebenen unterscheiden.46 Je größer die Machtdistanz ist, desto mehr unterscheidet sich die Machtverteilung z.B. in der Schule, Arbeit, innerhalb der Familie oder Politik. Ungleiche Rechte, Respekt oder Gehorsam gegenüber Vorgesetzten kennzeichnet Gesellschaften mit großer Machtdistanz. Oft genießen die mächtigen Personen Privilegien, sodass die Machtdistanz auch einen Einfluss auf soziale und ökonomische Aspekte hat. Im Gegensatz dazu ergreifen Personen in Gesellschaften mit geringer Machtdistanz selbst die Initiative, und alle Individuen haben dieselben Rechte. Zwischen Angestellten und Vorgesetzten besteht eine emotionale Nähe, also eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen weniger mächtigen Personen und den Höhergestellten.47 Das ist vor allem für internationale Beziehungen entscheidend, da die Angehörigen von Gesellschaften mit großer Machtdistanz die Anordnungen ihrer Vorgesetzten automatisch akzeptieren, während Mitglieder in Kulturen mit geringer Machtdistanz Dezentralisation und die Zusammenarbeit zwischen Angestellten und Vorgesetzten bevorzugen. Die USA und Deutschland sind Beispiele für Gesellschaften mit geringer Machtdistanz, Saudi Arabien hingegen kann zu den Kulturen mit hoher Machtdistanz gezählt werden.48

Gesellschaften, die individuelle Ziele höher werten als Ziele, die einer Gruppe von Personen dienen, werden Individualistisch genannt. Das eigene Wohl wird gefördert, Fähigkeiten und Talente werden entwickelt. Zwar gehören Angehörige individualistischer Kulturen oft mehreren sozialen Gruppen an, doch eine emotionale Bindung ist kaum vorhanden und auch die Zugehörigkeit ist oft nur von kurzer Dauer.49 Im Gegensatz dazu bestehen kollektivistische Kulturen aus starken und engen Gemeinschaften, deren Mitglieder ihr ganzes Leben lang zu einer Gruppe gehören. Das Wohlergehen einer Gemeinschaft hat einen höheren Stellenwert als die Ziele und Wünsche eines einzelnen Individuums. In individualistischen Gesellschaften wird direkte und offene Kommunikation erwartet. Jeder trägt die gleiche Verantwortung und ist unabhängig.50 Der Kollektivismus hingegen präferiert das „Wir” an Stelle des „Ich” sowie indirekte Kommunikation, also das Zwischen-den-Zeilen-lesen, da vieles als selbstverständlich gilt und daher nicht direkt kommuniziert wird. Harmonie und Schutz der Beziehung hat Vorrang gegenüber Offenheit, die schnell als beleidigend interpretiert werden kann.51 Das ist wichtig für die internationale Zusammenarbeit, da kollektivistische Personen gelehrt wurden, zu kooperieren, während individualistische Personen eher konkurrieren und wetteifern.52 Die USA gilt als individualistische Kultur. Viele arabische Länder, wie z.B. Saudi Arabien, repräsentieren den Kollektivismus.53

Die Verteilung von Geschlechterrollen innerhalb der Gesellschaft gibt Hinweise auf eine weitere Dimension Hofstedes: Eine „typisch“ männliche Orientierung (Härte, Aggressivität, Materialität) überwiegt in maskulinen Gesellschaften, zudem sind die Geschlechterrollen klar definiert. Um einen Streit beizulegen, bevorzugen diese Kulturen im Allgemeinen eine faire Auseinandersetzung und Durchsetzungsvermögen. Arbeit wird zumeist mit Beförderungen und Anerkennung belohnt, Leistung und Konkurrenz werden hervorgehoben. Entschlossenheit, Bestimmtheit und aggressives Verhalten wird in femininen Kulturen (sozial, verständnisvoll, empathisch) als negativ angesehen; die Rollenverteilungen der Geschlechter überschneiden sich. Die Suche nach Kompromissen ist die feminine Methode, Konflikte zu lösen. Arbeit, Solidarität und die Beschaffenheit einer Beziehung sind von zentraler Bedeutung.54 Bezüglich interkultureller Vorhaben ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Männer in maskulinen Gesellschaften wenig Kontakt zu Frauen haben und „leben, um zu arbeiten“. Angehörige femininer Kulturen jedoch stehen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern offen gegenüber und „arbeiten, um zu leben“.55 In Kommunikationssituationen können sich feminine Kulturen Veränderungen besser anpassen, da sie nonverbalen Zeichen größere Aufmerksamkeit schenken, als Angehörige maskuliner Gesellschaften.56 Arabische Kulturen, die USA und Japan sind Beispiele für Maskulinität, Schweden entspricht eher einer femininen Kultur.57

Die vierte Kulturdimension bestimmt, wie stark ungewohnte Situationen als gefährlich oder bedrohlich wahrgenommen werden sowie den Bedarf an Sicherheit und Schutz. Gesellschaften mit hoher Unsicherheitsvermeidung versuchen, unsichere oder undefinierbare Situationen zu umgehen. Demnach wird deren Leben von Gesetzen und Sicherheitsmaßnahmen bestimmt. Am Arbeitsplatz beeinflussen klar formulierte Rechte und Pflichten sowie interne Regeln und Anweisungen den Alltag. Im Gegensatz dazu wird die Unsicherheit in Ländern mit geringer Unsicherheitsvermeidung als Teil der täglichen Routine akzeptiert. Eine Aversion gegenüber formellen Regeln ist charakteristisch für diese Gesellschaften. Mitglieder von Kulturen mit hoher Unsicherheitsvermeidung haben Schwierigkeiten, mit Personen anderer kultureller Herkunft zu interagieren.58 Personen, die in Ländern mit hoher Unsicherheitsvermeidung leben, gehen seltener ein Risiko ein und ängstigen sich vor Veränderungen, was die Kommunikation mit fremden Kulturen erschwert. Die USA sind ein Land, in dem niedrige Unsicherheitsvermeidung vorherrscht, während Japan und die arabischen Länder zu den Kulturen zählen, in denen hohe Unsicherheitsvermeidung dominiert.59

Viele Kulturen nutzen Zeit in unterschiedlicher Weise, was zu zahlreichen Problemen und Missverständnissen führen kann, da die Menschen Raum und Zeit große Bedeutung beimessen. Dies hat einen direkten Einfluss auf die Orientierung einer Kultur: In langzeitorientierten Gesellschaften hat die Zukunft eine besondere Bedeutung, deren Mitglieder sind sehr ausdauernd. Zudem sind Beharrlichkeit und traditionelle Werte bedeutsam, Resultate werden erst allmählich erreicht. Die Gegenwart ist für kurzzeitorientierte Kulturen von größerer Bedeutung, genau wie Effizienz und das Bedürfnis, das objektiv Richtige zu tun. Zusätzlich erwarten die Mitglieder dieser Kulturen, ihre Ergebnisse schnell zu erreichen.60 Die USA sind ein Land mit Kurzzeitorientierung, während viele asiatische Länder eher langzeitorientiert sind.61

Im begrenzten Rahmen dieser Arbeit soll nun eine knappe kritische Betrachtung des Modells der Kulturdimensionen von Geert Hofstede folgen. Zunächst fehlte dem Forschungsprojekt Hofstedes eine theoretische Grundlage. Seine Kulturdimensionen konnte er zwar nach Sichtung der Daten entwickeln, doch die Analyse beruht auf subjektiven Deutungen ohne theoretische Vorannahmen.62 Kulturgruppen überschreiten oftmals Staatsgrenzen, sodass Länder nicht das zentrale Studienobjekt für kulturelle Konzepte sein sollten – Kulturen entsprechen nicht Nationen.63 In vielen Ländern existieren mehrere Kulturen nebeneinander: Die Professorin für Wirtschaftsrecht, Rachel F. Baskerville, verweist auf die Enzyklopädie der Weltkulturen, die z.B. im Mittleren Osten 35 Kulturen in 14 Nationen identifiziert. 98 verschiedene Kulturen existieren danach in 48 Ländern Afrikas, und in Westeuropa gibt es 81 Kulturen in 32 Ländern, in Nordamerika identifiziert sie 147 native amerikanische Kulturen und 9 nordamerikanische Volkskulturen.64 Einige Länder schließen also mehrere Kulturen oder grenzüberschreitende Kulturgruppen ein. Der Wirtschaftswissenschaftlerin Reimer zufolge ist sich auch Hofstede dieser Problematik bewusst, begründet sein weiteres Vorgehen jedoch mit dem Hinweis auf die „Einfachheit der Datenzuordnung und -bearbeitung aufgrund von Staatsangehörigkeiten.“65 Kritisch zu betrachten ist weiterhin, dass ehemalige kommunistische Länder in Hofstedes Datenerhebung nicht vorhanden sind, da das Unternehmen „IBM“ zum Zeitpunkt der Befragung keine Tochterunternehmen in jenen Ländern hatte und daher die Möglichkeit der Datenerhebung in diesen Ländern nicht gegeben war.66 In diesem Zusammenhang spielt auch eine große Rolle, dass 90% der Befragten männliche Angestellte gewesen sind, da nicht ausreichend weibliche Mitarbeiter beschäftigt waren, so Reimer.67 Die Beschränkung der Analyse auf ein einziges Unternehmen ist kaum ausreichend, um aussagekräftige Angaben über Nationalkulturen zu treffen. Es kann nicht bewiesen werden, ob die Angestellten dieser Unternehmen die typischen Wesensmerkmale der Landesbevölkerung aufwiesen.

Die Datenerhebung fand in den Jahren 1967-1973 und 1981-1985 statt. Aufgrund von Veränderungen kultureller Charakteristika und Werte, die in jedem Land in bestimmter Stärke erfolgen, könnte anzunehmen sein, dass auch die Kulturdimensionen davon nicht unbeeinflusst geblieben sind und daher an Aktualität eingebüßt haben.68

Die Kulturdimensionen klassifizieren das Verhalten aller Menschen nach einem bestimmten Schema. Diesem Vorgehen mangelt es nicht nur an Aussagekraft, sondern es krankt auch an der irrealen pauschalisierten Einteilung weltweiten Verhaltens. Des Weiteren kann der Vergleich von Kulturen nichts über interkulturelle Begebenheiten offenbaren.69 Die Eigenschaften der einzelnen Dimensionen sind nicht hinreichend klar definiert, um Ungenauigkeiten vorzubeugen. Sollte es tatsächlich möglich sein, ganze Kulturen umfassend mit nur 4 oder 5 Dimensionen beschreiben zu können? Nicht nur der Gehalt der Dimensionen hätte je nach kultureller Prägung der Wissenschaftler bzw. Auslegung der Befragten anders ausfallen können, die Dimensionen ermöglichen zudem nur eine oberflächliche vergleichende Betrachtung für den komplexen Kulturgegenstand.70 Der Status eines Wissenschaftlers als Beobachter außerhalb der Kultur kann außerdem zu Verzerrungen der Ergebnisse führen.71 Die begrenzte Darstellung von Kultur in Hofstedes Arbeit, die Gebundenheit an die Staatsgrenzen und seine methodologischen Fehler erschweren es, das Modell der Kulturdimensionen vorbehaltlos anzunehmen.72

All diese Kritikpunkte stellen die Gültigkeit der Kulturdimensionen in Frage. Hofstede selbst warnt davor, zu viel von den Dimensionen zu erwarten bzw. sie falsch einzusetzen: Die Dimensionen können ein nützliches Konstrukt sein, das bedeutet aber nicht, dass eine Punktezahl auf dem jeweiligen Index eines Landes alles darüber aussagt, was es über dessen Hintergründe und Strukturen zu wissen gibt. Es ist vielmehr eine Abstraktion, die nicht über ihr begrenztes Feld der Anwendbarkeit hinaus genutzt werden sollte.73 Werden Hofstedes Kulturdimensionen für die alleinige Beschreibung von Kulturen genutzt, hat das zur Folge, dass eine komplexe Kultur auf eine knappe Umschreibung reduziert und diese generalisierend für alle Mitglieder dieser Kultur angewandt wird. Dieses Stereotypisieren basiert auf theoretischen Konzepten und beschränkt die Wahrnehmungen individuellen Verhaltens in fremden Kulturen.74 Die Kulturdimensionen dienen lediglich der Orientierung und unterstützen eine grobe Einordnung weltweit unterschiedlicher Kulturen, um ein besseres Verständnis zu fördern. Es gibt kein einheitliches Muster, das auf jeden Kulturtyp angewendet werden kann. Gleichermaßen kann ein normiertes Muster nicht individuelle Besonderheiten repräsentieren, sondern nur das normierte Verhalten einer Gruppe. Die Darstellungen der Dimensionen repräsentieren Polarisierungen. Doch tatsächlich sind die kulturellen Dimensionen in der Realität nicht voneinander getrennt oder unabhängig. Vielmehr werden sie nur zu unterschiedlichen Teilen offenbar, sind veränderbar, überlappen sich und sind nur indirekt sichtbar: in Richtlinien und Regelungen, Beziehungsmustern oder im sozialen Verhalten. Dennoch können einzelne Dimensionen tendenziell vorherrschen. Zum Beispiel können zwei Gesellschaften in gleichem Maße kollektivistisch sein, sich aber im Umgang mit ihren Geschlechterrollen komplett unterscheiden. Darüber hinaus liegen viele Kulturen zwischen den beschriebenen Extremen. Dennoch helfen die oben vorgestellten Muster, um kulturelle Unterschiede aufzuzeigen, zu klassifizieren und miteinander zu vergleichen, um ein besseres Gesamtverständnis zu erhalten und Missverständnisse zu verringern. Es sollte einmal mehr betont werden, dass Kulturdimensionen keine komplette Beschreibung einer Kultur abgeben können.75

„Ziel […] ist es, eine Hilfe im Umgang mit den Unterschieden im Denken, Fühlen und Handeln von Menschen auf der ganzen Welt zu bieten. Es soll zeigen, daß [sic!] trotz der enormen Vielfalt von Denkweisen eine Struktur in dieser Vielfalt existiert, die als eine Grundlage gegenseitigen Verstehens dienen kann.“76

Die Kategorien des Hofstede-Modells sind zu grob, um für jedes Individuum gültig zu sein. Tatsache ist, dass einige Menschen mehr Gemeinsamkeiten mit ähnlichen sozialen Gruppen aus anderen Ländern und kulturellen Hintergründen haben als mit Leuten aus ihrem eigenen Land.77 Die Definition nach Nationalkulturen ist zudem irreführend, da nicht alle Personen einer Gesellschaft die gleichen Erfahrungen gemacht bzw. vermittelt bekommen haben. Eine Person mit anderem kulturellen Hintergrund kann auch eine Person aus einer anderen Subkultur sein. So können sich z.B. ein Computerspezialist aus Indien und ein Computerspezialist aus Amerika (kulturell) viel ähnlicher sein, als sie sich jeweils mit einem Bergarbeiter aus ihrem Land wären. Die Unterschiede können sogar in einzelnen Bezirken auffallen: so hat eine deutsche Hausfrau aus einem wohlhabenden Stadtteil womöglich nur wenig mit einer Hausfrau aus einem sozial schwachen Viertel derselben Stadt gemeinsam. Vielmehr aber vielleicht mit einer schwedischen Hausfrau aus einem besser situierten Viertel ihrer Stadt. Dennoch handelt es sich bei Interkulturalität um das Zusammentreffen zweier Kulturen. Allerdings können diese nicht eindeutig mit dem Begriff „Nation“ erfasst werden.78 Diese Schwierigkeiten bei der Definition des Begriffes der Nationalkultur sind der Autorin sehr wohl bewusst, sollen aber nicht Grundlage dieser Arbeit sein. Die Begriffsdefinition, die dieser Arbeit zu Grunde liegt, beschreibt Interkulturalität als Aufeinandertreffen zwischen geographischen Kulturen.

Diese kulturellen Dimensionen wurden ausführlich behandelt, da die Unterschiede kultureller Gruppen innerhalb dieser Dimensionen einen großen Einfluss auf interkulturelle Beziehungen haben können. Kultur ist das Kennzeichen einer Gemeinschaft, Individuen sollten davon ausgenommen sein und nach ihrer Einzigartigkeit beurteilt werden. Im folgenden Abschnitt soll das Wesen der Kommunikation näher beleuchtet werden.

2.1.3 Kommunikation

Kommunikation ist allgegenwärtig und ereignet sich tagtäglich, weltweit. Jeden Tag sind wir zahlreichen Kommunikationssituationen ausgesetzt, müssen auf etwas reagieren oder initiieren diese Verständigung. Kommunikation hat einen Einfluss auf unser Leben, sie kann uns glücklich machen oder uns miserabel fühlen lassen. Dieser Gegensatz ist kennzeichnend für Kommunikation: sie hilft, Konflikte zu lösen und Beziehungen aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig kann die Art und Weise zu kommunizieren aber auch zu Schwierigkeiten führen.79 Die Merkmale menschlicher Kommunikation verdeutlichen die Komplexität der Interaktion. Die Informationen über menschliche Kommunikation dienen somit einem besseren Verständnis für die darauffolgenden Ausführungen zur Interkulturellen Kommunikation und die dazugehörigen Schwierigkeiten interkultureller Interaktionen.

Kommunikation ist der allgegenwärtige Prozess des Ver- und Entschlüsselns verbaler und nonverbaler Nachrichten.80 Die Nachrichten werden immer wieder neu gedeutet und weitergegeben, beeinflusst vom persönlichen Hintergrund (Kultur, Erziehung, Erfahrungen) jeder Person. Dieser Prozess kann nicht rückgängig gemacht werden – was einmal ausgesprochen wurde, kann nicht ungeschehen gemacht werden.81

Kommunikation zielt darauf ab, Handlungen nachvollziehbar zu vermitteln. Außerdem soll Kommunikation verstanden werden als „ein wechselseitiger Informationsaustausch, der verbale oder nonverbale Verständigung und Koordination des Verhaltens zum Ziel hat.“82 Um zu kommunizieren, bedarf es mindestens zwei Personen: die eine Person gibt aktiv etwas wieder, die andere nimmt es passiv auf. Diese Funktionen können alternieren. Innerhalb der Kommunikation nutzen wir Zeichen und Symbole, die uns so geläufig sind, dass wir diese kaum noch erkennen und nur die Wörter sehen. Diese haben Bedeutungen und stehen für etwas. Die Symbole sind nicht an Wörter gebunden, sie beinhalten auch nonverbale Mitteilungen.83 84 85 86 87

[...]


1 Bischoff, o.J.

2 Vgl. Gelles, 2012

3 U.a.: Eberth/Sedlmeier, 2012; Sedlmeier u.a., 2012; Chiesa/Serretti, 2009; Grossman u.a., 2004

4 Michalak/Heidenreich/Williams, 2012, S.8

5 Die Begriffsentstehung und Forschungsanfänge der Interkulturellen Kommunikation werden in einer kurzen Übersicht dargestellt. Natürlich gibt es in der Interkulturellen Kommunikation zahlreiche aktuelle Untersuchungen oder Aufsätze, zu Themen wie „Interkulturelle Kompetenz in Verwaltung und Wirtschaft“ (Aschenbrenner-Wellmann, 2003), „Kommunikationsprobleme von Ausländern und deutschen Behörden“ (Berth/Esser, 1997), „Verständigungsprobleme in der interkulturellen Kommunikation“ (Rost-Roth, 1994) oder „Cross-cultural differences in Central Europe“ (Kolman/Noorderhaven/Hofstede/Dienes, 2002). Diese Studien sind für den Zusammenhang von Vipassana-Meditation und Interkultureller Kommunikation jedoch weniger relevant. Detaillierte Ausführungen würden zudem den Umfang dieser Arbeit überschreiten, daher wird auf eine differenzierte Darstellung des aktuellen Forschungsstandes Interkultureller Kommunikation verzichtet und es erfolgt eine Konzentration auf die für diese Arbeit bedeutungsvolleren Studien zur Vipassana-Meditation (Kapitel 3).

6 Vgl. Broszinsky-Schwabe, 2011, S.11; Lüsebrink, 2008, S.1ff.; Rehbein, 1985, S.8

7 Vgl. Lüsebrink, 2008, S.3; Rehbein, 1985, S.8

8 Vgl. Barmeyer, 2000, S.103

9 Vgl. Rehbein, 1985, S.9

10 Vgl. Barmeyer, 2000, S.19; Broszinsky-Schwabe, 2011, S.68f.

11 Tylor, 1958, S.1 zitiert nach Nagels, 1996, S.6

12 Vgl. Nagels, 1996, S.6

13 Neuliep, 2000, S.15

14 Vgl. Heringer, 2004, S.106; Broszinsky-Schwabe, 2011, S.69

15 Vgl. Heringer, 2004, S.158

16 Vgl. Berry, 2004, S.171

17 Vgl. Heringer, 2004, S.158

18 Knapp, 2007, S. 412

19 Vgl. Bennett/Bennett, 2004, S.149f.; Bennett/Castiglioni, 2004, S.250f.

20 Vgl. Hall, 1959, S.186

21 Vgl. Berry, 2004, S.169

22 Geertz, 1999, S.198

23 Vgl. Herbrand, 2002, S.15

24 Vgl. Hofstede, 1993, S.235

25 Heringer, 2004, S.106

26 Ebd.

27 Vgl. Hofstede, 1993, S.17

28 Vgl. ebd., S.26

29 Vgl. ebd., S.27

30 Barmeyer, 2000, S.120f.

31 Vgl. ebd., S.121

32 Vgl. Herbrand, 2002, S.20

33 Vgl. AFS, 2008, S.5

34 Hofstede, 1993, S.27

35 Für weitere Informationen zu dieser Studie siehe Hofstede, 1993, S.28

36 Vgl. Baskerville, 2003, S.1; Herbrand, 2002, S.20; McSweeney, 2002, S.89f.

37 Hofstede, 1993, S.28

38 Je nach Sachverhalt sollte der Gebrauch des Begriffes Nationalkultur geprüft werden, da die Kulturen einer Nation nur selten eine Einheit bilden. Vgl. Barmeyer, 2000, S.50

39 Vgl. Baskerville, 2003, S.1

40 Herbrand, 2002, S.20

41 Hofstede, 1993, S.28

42 Vgl. ebd., S.29 oder Barmeyer, 2000, S.120

43 Vgl. Hofstede, 1993, S.29

44 Vgl. Baskerville, 2003, S.1

45 Vgl. Szkudlarek, 2004, S.982; Kolman u.a., 2003, S.1

46 Vgl. Gudykunst/Kim, 2003, S.75; Neuliep, 2000, S.58

47 Vgl. AFS, 2008, S.5; Herbrand, 2000, S.28f.

48 Vgl. Gudykunst/Kim, 2003, S.77f.; Neuliep, 2000, S.58f.

49 Vgl. Neuliep, 2000, S.31

50 Vgl. ebd., S.32

51 Vgl. AFS, 2008, S.6

52 Vgl. Herbrand, 2000, S.30

53 Vgl. Neuliep, 2000, S.35,37; Gudykunst/Kim, 2003, S.60, 62

54 Vgl. Herbrand, 2000, S.31; AFS, 2008, S.6

55 Vgl. Gudykunst/Kim, 2003, S.78f.

56 Vgl. Gudykunst, 2003, S.79

57 Vgl. Hofstede, 1993, S.103; Neuliep, 2000, S.193

58 Vgl. Herbrand, 2000, S.31f.; AFS, 2008, S.7

59 Vgl. Neuliep, 2000, S.66

60 Vgl. AFS, 2008, S.7

61 Vgl. Herbrand, 2000, S.33

62 Vgl. Reimer, 2005, S.45

63 Siehe S.12 der vorliegenden Arbeit

64 Vgl. Baskerville, 2003, S.1, 6

65 Reimer, 2005, S.65

66 Vgl. ebd., S.65f.

67 Vgl. ebd., S.14f.

68 Vgl. ebd., S.45; siehe auch Bolten, 2007, S.95

69 Vgl. Bolten, 2007, S.95

70 Vgl. Reimer, 2005, S.45

71 Vgl. Baskerville, 2003, S.1

72 Vgl. McSweeney, 2002, S.112

73 Vgl. Osland/Bird, 2000, S.68

74 Vgl. ebd., S.66

75 Vgl. Thomas, 2006, S.149

76 Hofstede, 1993, S.18

77 Vgl. Jacob, 2003, S.12

78 Vgl. Rehbein, 1985, S.61f.

79 Vgl. Neuliep, 2000, S.6

80 Vgl. ebd., S.14

81 Vgl. Broszinsky-Schwabe, 2011, S.32f.

82 Schuchardt, 1994, S.180 zitiert nach Nagels, 1996, S.7

83 Vgl. Gudykunst/Kim, 2003, S.5; Heringer, 2004, S.9

84 Vgl. Neuliep, 2000, S.265; siehe auch Heringer, 2007, S.89 oder Watzlawick/Beavin/Jackson, 2011, S.72

85 Vgl. Neuliep, 2000, S.232

86 Vgl. Heringer, 2004, S.82

87 Vgl. Neuliep, 2000, S.235; siehe auch Argyle, 1979, S.96f.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Die Geisteskultivierung als Optimierungsansatz für die Interkulturelle Kommunikation. Wie mit der Vipassana-Meditation interkulturelle Missverständnisse verringert werden können
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
97
Katalognummer
V962478
ISBN (eBook)
9783346323743
ISBN (Buch)
9783346323750
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vipassana, Meditation, Achtsamkeit, Interkulturelle Kommunikation, Kulturdimensionen
Arbeit zitieren
Susann Hajek (Autor), 2013, Die Geisteskultivierung als Optimierungsansatz für die Interkulturelle Kommunikation. Wie mit der Vipassana-Meditation interkulturelle Missverständnisse verringert werden können, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962478

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