Sowchos und Kolchos - und mit ihnen verbundene Siedlungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
9 Seiten

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Gliederung:

1. Agrar-Geschichte der SU:

2.1. Sowchose
2.2. Kolchose
2.3. Sowchos und Kolchos im Vergleich

3. Zur Situation der Landwirtschaft

4. Situation in Sibirien:

5. Siedlungsstruktur einer Kolchose

6. Situation nach Zerfall der SU:

7. Literatur

1. Agrar-Geschichte der SU:

- (im islamischen Bereich Rußlands gab es andere und viele unterschiedliche Systeme)
- 1649 Leibeigenschaft; aber nicht überall; ca. 50% der russ. Bauern waren bis zur Bauernbefreiung (Mitte des 19 Jh.) ,,unfrei"
- Zwei Systeme: Geldrente (,,obrok") im Norden und Frondienst (,,barschtschina") im Süden
- Aufhebung der Leibeigenschaft: 1816-19 in den baltischen Provinzen; 1861 im europäischen Teil Rußlands generell verfügt; in Transkaukasien erst in den 70er Jahren des 19 Jh.
- Bauernbefreiung orientierte sich nicht an einer Verbesserung der sozialökonomischen Verhältnisse der Bauern, sondern an den wirtschaftlichen Vorstellungen der Grundherren
- Landzuweisungen für leistungsfähige Betriebe zu gering
- Bauern erhielten oft schlechtere Böden und mußten hohe Ablösesummen zahlen (Staat half hier mit Krediten aus )

Folgen:

Verlagerung der Abhängigkeit vom Grundherren auf den Staat Bis ins 19. Jh. Großteil des Kapitals in der bäuerlichen Oberschicht und nicht im städtischen Unternehmertum

-->Industrialisierung verzögerte sich in Rußland

-->Kapitalaufnahmen im Ausland waren zur Industrialisierung Rußlands notwendig

Mit der Zeit entstand eine leistungsfähige Mittelschicht (Kulaken)

-->soziale Differenzierung der Bevölkerung

-->Abwanderung der uninteressierten/-fähigen Landbevölkerung

1905/6 Stolypin-Reformen:

- Beseitigung des traditionellen mir-Systems
- Förderung der mittelgroßen Betriebe
- erste Ansätze einer Flurbereinigung
- Förderung der Übersiedlung nach Sibirien
- Reformen blieben unvollendet (1911 wurde Stolypin ermordet)

Agrarfrage war eine der Hauptaufgaben der Oktoberrevolution

8.11.1917 ,,Dekret über den Boden" wird verkündigt

-->generelle Verstaatlichung von Grund- und Bodenbesitz

- 19.2.1918 ,,ergänzende Bodengesetz": Bestätigung der Verstaatlichung und Nutzungsrecht an die Bearbeiter des Bodens
- 1919 Gesetz zur sozialistischen Neuorganisation der Betriebe

-->viele Kleinstbetriebe

- 1921/22 anhaltende Agrardebatte: Kollektivierung oder Liberalisierung zur Lösung der Versorgungskrise ?
- Entscheidung zu Gunsten der Kollektivierung
- 1929-33 Vorantreibung der Kollektivierung durch Stalin

um die Industrialisierung zu finanzieren sollte das Land Versorgungsgüter bereitstellen politische Hauptaktionen (Terror) gegen Kulaken

-->Zerstörung der leistungsfähigen Bauernschicht

-->statt dessen Förderung der ,,Dorfarmut"

Entstehung vieler armseliger Kleinkolchosen (ohne Maschinen)

Folge: Hungersnot (durch mangelnde Motivation/ Selbstversorgungsbetriebe/ Abschlachtung

großer Tierherden, usw )

Insgesamt Todesopfer in Millionenhöhe

- 1935 Kolchoz-Statut (galt bis 1969): Regelung der Pflichten des einzelnen sowie Stellung des Kolchosbetriebes im Staat
- Mit der Zeit Zusammenlegung der Kolchosen zu Großkolchosen
- 1957-61 ,,Sowchosierung" unter Chruschtschow
- 1958 Abschaffung der durch Stalin errichteten Maschinen und Traktorstationen; Maschinen gingen an Kolchosen
- 1981 Pässe für Kolchosbauern
- Mit Zerfall der SU beginnende Privatisierung

2.1. Sowchos(e):

(Kw. für russ. ,,Sowjetskoje chosjaistwo" = Sowjetwirtschaft); staatl. Landwirtschaftsbetrieb in der Sowjetunion. Sowchosen entstanden nach der Oktoberrevolution (1917) durch entschädigungslos enteignetes privates, kirchliches und zaristisches Bodeneigentum. Nach 1928 wurden Sowchosen besonders in den wenig erschlossenen Steppen und Waldsteppen im S, SO und O der Sowjetunion, v.a. im Zusammenhang mit Neulandgewinnungsaktionen (in den 30er- und 50er-Jahren) gebildet.

Im Gegensatz zum genossenschaftlichen Kolchos waren beim Sowchos Boden und Produktionsmittel Staatseigentum, die Beschäftigten Arbeitnehmer. Die gesamte zur Vermarktung bestimmte Produktion wurde vom Staat aufgekauft, der Leiter der Sowchose vom Staat eingesetzt. Die Arbeitnehmer hatten Anspruch auf die Bewirtschaftung von Hofland. Diese private Landwirtschaft diente der Selbstversorgung, v.a. aber der Belieferung freier Märkte mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion (1991) sah man in Rußland und den anderen Nachfolgestaaten eine Weiterführung von Sowchosen nur in dem Maße vor, wie sie besondere Aufgaben in der Tier- und Pflanzenzucht oder der Saatgutvermehrung erfüllen. Reformen mit Ziel der Privatisierung kamen nur schleppend in Gang (in der Praxis vorwiegend Verpachtung von Land u.a. an ehem. S.- Mitglieder). In Rußland blieben bislang die meisten Sowchosen, oft unter Beibehaltung ihrer Organisationsstruktur bestehen, erhielten formal wirtschaftl. Eigenständigkeit und änderten ihre Rechtsform (z.B. in Aktiengesellschaften oder Genossenschaften neuen Rechts)"

aus: Brockhaus Enzyklopädie; Leipzig/Mannheim 1996

2.2. Kolchos(e):

(Kw. für russ. ,,Kollektiwnoje chosjajstwo" = Kollektivwirtschaft); genossenschaftlich organisierter landwirtschaftlicher Großbetrieb (im Gegensatz zum Sowchos) in der ehem. UdSSR. Kolchosen entstanden nach 1917 auf der Grundlage der Freiwilligkeit, seit 1929 durch (Zwangs-)Kollektivierung bäuerl. Einzelwirtschaften, in deren Folge Millionen Bauern vertrieben wurden und umkamen. Der staatseigene Boden wurde den Kolchosen zur Nutzung gegen Pflichtablieferungen zu staatlich fixierten Preisen überlassen. Überschüsse wurden zu freien Preisen auf dem Markt verkauft. Das im Rahmen der Reformpolitik M. S. Gorbatschows 1988 verabschiedete Genossenschaftsgesetz schrieb erste Veränderungen fest.

Z. B. Voraussetzungen für die Bildung freier landwirtschaftlicher Genossenschaften, vertragliche Beziehungen der Kolchose zur Industrie u.a. Abnehmern, private Hofwirtschaften, Pacht von Land, Maschinen und Gebäuden innerhalb und außerhalb der Kolchose. Die russ. Regierung faßte 1992 auf der Grundlage eines Präsidentenerlasses einen Beschluß über die Reorganisation von Kolchosen und Sowchosen (u.a. Schritte zur Privatisierung von Boden und Gebäuden, private, kollektive u.a. Formen der Bodennutzung, aber auch Pflichtablieferungen zur Sicherung der Lebensmittelversorgung) aus: Brockhaus Enzyklopädie; Leipzig/Mannheim 1996

2.3. Sowchos und Kolchos im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Zur Situation der Landwirtschaft in der SU/GUS

- Landwirtschaft ist heute wie damals eine Schwachstelle der Staatengemeinschaft (trotz Ertragssteigerungen in der Vergangenheit)
- häufige Versorgungskrisen
- durchschnittliche Erträge je ha liegen weit unter westeuropäischen Ackerbau-Werten
- Stützpfeiler des staatlichen Agrarsystems sind Sowchosen und Kolchosen
- Reformansätze in der Landwirtschaft zielen darauf, die Eigentumsverhältnisse neu zu gestalten Dabei sind mehrere Wege möglich, von der Beibehaltung der alten Verhältnisse, über die Verpachtung des Landes an die bisherigen Kolchoz- u. Sowchozbauern bis hin zur Privatisierung u. Errichtung von bäuerl. Familienbetrieben.
- 1991 wurden die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen.

4. Situation in Sibirien:

- Erste Bauernkolonisation bereits nach Eroberung Sibiriens. Jeder Siedler nahm sich soviel Land wie er benötigte.
- Ende des 17 Jh.: 44% der russ. Bevölkerung Sibiriens Bauern
- da es keinen Adel gab, gab es auch keine Leibeigenschaft
- Ab 1843 bekam jeder Neusiedler 38 ha Land, finanzielle Hilfen und Befreiung von allen staatl. Pflichten (z.B. Wehrdienst)

-->starker Einwandererstrom

- Ende des 19. Jh.: starke, engagierte und leistungsfähige Bauernschaft/ Butter als weltweites Exportgut (85% der Weltproduktion)
- Bolschewiken verstaatlichten später die Butterproduktion
- Folge: Bauern produzierten nur für Eigenbedarf
- überwiegend Sowchosen, kaum Kolchosen
- ,,Wer in den 1960er, 70er oder 80er Jahren durch Sibirien reiste, erlebte ein Landwirtschaft, die einen völlig heruntergekommenen Eindruck machte: schlecht bestellte Felder, verrottete Maschinen, ungepflegte Siedlungen, Apathie und Schlendrian unter den Landarbeitern. Mit den Ernten konnte nicht einmal die lokale Bevölkerung ernährt werden" (N. WEIN, 1999)
- Betriebswirtschaftliche Daten aus der Zeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

-->Viel zu groß und schwerfällig

- Rentiersowchosen:

Tierbestände von 10000-25000 Tiere

Bsp.: Rentiersowchos Nishnekolymski (1992 aufgelöst)

22300 Rene; 110 Arbeitskräfte insgesamt; aufgeteilt in 10 Brigaden (i. a. Familienverbände) jede Brigade bewirtschaftete 20 km breite und etwa 300 km lange (N-S-Richtung) Tundrenstreifen; wanderten etwa 600 km/Jahr

Nach Zusammenbruch der SU bildeten sich wieder die traditionellen Familienwirtschaften heraus (10-60 Mitglieder).

5. Siedlungsstruktur einer Kolchose:

- große (Block-)Fluren
- Meist 5 bis 10 Dörfer mit einer Zentralsiedlung
- Zentralsiedlungen haben meist ,,revolutionäre" Namen wie z.B. Strahl der Revolution, die einzelnen Dörfer behalten aber meist ihren alten Namen bei
- Ausbau der Zentralsiedlung zu einer Siedlung mit ,,städtischem Gepräge"

-->Ziel: Jugend auf dem Land halten und ideologische Forderung nach Verwischung der Unterschiede zwischen Stadt und Land

- Tendenz zur Trennung von Wohnbereich (private Häuser mit angeschlossenem Hofland) und Arbeitsbereich (Maschinenparks, Ställe, Silos, Benzinstation, Geräteschuppen, u.a.)

6. Situation nach Zerfall der SU:

- Privatisierung der Kolchosen und Sowchosen
- Teilweise Beibehaltung der Kolchos-/Sowchos-Struktur (vor allem in ,,schwachen Gebieten")
- Teilweise Gründung von ,,fermer"-Betrieben nach amerikanischem Vorbild
- Teilweise Übergang zu traditionellen Wirtschaftsformen (z.B. Rentiernomadismus)

7. Literatur:

-Bundeszentrale für politische Bildung: ,,Informationen zur politischen Bildung/ Nr. 235: Die Sowjetunion 1917-1953"; Bonn 1992
-Bundeszentrale für politische Bildung: ,,Informationen zur politischen Bildung/ Nr. 236: Die Sowjetunion 1953-1953"; Bonn 1991
-,,Räume und Strukturen" 1. Auflage ; Ernst Klett Schulbuchverlag; Stuttgart 1984; Seite 179-191
-,,Lehrerband zum Unterrichtswerk Dreimal um die Erde - Band 2: Erdteile und Länder"; Schroedel-Cornelsen; Berlin 1970
-Menschen in ihrer Umwelt Band 29: ,,Die Kolchose ,Unser Mutterland´ in der UdSSR"; Klett; Stuttgart 1973
-Brockhaus Enzyklopädie; Leipzig/Mannheim 1996
-Westermann Lexikon der Geographie; Braunschweig 1970
-MATTES,H. -LIENAU,C.: ,, Natur und Mensch am Jenissei"; Berichte aus dem Arbeitsgebiet Entwicklungsforschung; Heft 23; Münster 1994
-LIENAU,C.: ,,Die Siedlungen des ländlichen Raumes" in: Das geographische Seminar; Westermann; Braunschweig 1995
-WEIN, Norbert: ,,Sibirien" in: Perthes Regionalprofile; Klett; Stuttgart 1999
-WEIN, Norbert: ,,Die Sowjetunion"; Schöningh; Paderborn 1983
-BÜROW, H.G. (Hrsg.): ,,Länderbericht Sowjetunion"; Hanser-Verlag; München/ Wien 1986
-SUNIZA, Leo: ,, Die Landwirtschaft der Sowjetunion"; Europa-Verlag; Wien/ Zürich/ München 1981
-STADELBAUER,Jörg: ,,Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion"; Wiss. Buchgesellschaft; Darmstadt 1996
-STADELBAUER, POLIAN -GLEZER: ,,Die demographische, wirtschaftliche und soziale Situation in der Rußländischen Föderation" in: Geographische Rundschau 46 (1994/Heft 4); Seite 230-239

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Details

Titel
Sowchos und Kolchos - und mit ihnen verbundene Siedlungen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
HS: Siedlung und Wirtschaft in Sibirien, Dozent: Prof. Dr. Lienau
Autor
Jahr
1999
Seiten
9
Katalognummer
V96250
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sowchos, Kolchos, Siedlungen, Siedlung, Wirtschaft, Sibirien, Dozent, Prof, Lienau
Arbeit zitieren
Heike; Arning Becker (Autor), 1999, Sowchos und Kolchos - und mit ihnen verbundene Siedlungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96250

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