Thematische Karten und ihre Interpretation


Ausarbeitung, 1999
20 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

DIE THEMATISCHE KARTE
Definition, Charakterisierung, Abgrenzung
Typen thematischer Karten
Kartographische Grundlage
Möglichkeiten und Grenzen
Bewertung thematischer Karten

INTERPRETATION
Wahrnehmen (Identifizieren)
Lokale Diskreta
Lineare Diskreta
Flächenhafte Diskreta
Kontinua
Räumliche Veränderungen
Schrift
Auszählen
Koordinatenmessung
Längenmessung
Winkelmessung
Flächenmessung auf Karten
Höhenermittlung aus Karten
Schätzen
Vergleichen
Deuten

THEMATISCHE KARTEN ZWISCHEN PROBLEMEN UND NÜTZLICHKEIT - EINE SCHLUßBETRACHTUNG

BIBLIOGRAPHIE

Hauptquellen:
Nebenquellen:

Einleitung

Aus unserem Alltagsleben sind thematische Karten kaum wegzudenken. Jeden Tag begegnen sie uns in unterschiedlichsten Formen, als politische Übersichtskarten in den Nachrichtensendungen, als Straßen- oder Wanderkarten zur Orientierung und vieles mehr. Auch die raumbezogene Forschung wäre ohne thematische Karten aufgeschmissen - sie vermitteln Standorteigenschaften, die zur Bewertung eines Ortes oder einer Region wichtig sind. Immerhin rund 85% aller heute herausgegebenen Karten haben einen thematischen Inhalt.

Eine Karte besitzt aber nur dann Wert, wenn der Benutzer sie auch verstehen und sich ihre Informationen erschließen kann. Er muß also die meist vielfältigen Zeichen, die auf einer Karte zu finden sind, erkennen und verstehen. Er muß meist auch in der Lage sein, diese Zeichen anhand der Karte mit der Umgebung vergleichen oder zueinander in Beziehung setzen zu können. Diesem Zwecke dient die Karteninterpretation, das Verstehen und das Deuten der Karteninhalte.

Diese Arbeit ist der theoretische Teil eines Referates im Rahmen des Seminars ,,Einführung in geomorphologische Arbeitsformen und -methoden", welches von Herrn Prof. Dr. Dikau im SS 1999 an der Uni Bonn gehalten wird. Der praktische Teil findet in der Seminarstunde am 6. April 1999 statt.

Karteninterpretation ist hier nicht im engeren Sinne der Deutung der Karteninformationen, sondern im weiteren Sinne der Entnahme von Informationen aus einer Karte, als den Vorgang der Entschlüsselung der Karteninformationen verstanden. Die Deutung ist einer der Schritte in der Kette der Interpretation, sicherlich ein sehr wichtiger, doch lassen sich hierzu keine umfassenden generellen Aussagen machen. Die Deutung ist wesentlich abhängig vom Fachgebiet, von der Fragestellung und von der Fachkenntnis des Benutzers und ist in Abhängigkeit davon in so vielfältiger Form möglich, daß eine allgemeine Deutungsanleitung, so umfangreich sie auch sein mag, niemals vollständig und allgemeingültig sein kann. Nur der Weg von der Auswertung der Informationen zur Deutung läßt sich methodisch generalisieren. Bei der Erörterung des Themas empfiehlt es sich, zunächst das Themengebiet einzugrenzen. Insbesondere muß hierbei die thematische Karte als solche charakterisiert und von anderen Kartentypen abgegrenzt sowie die Verwendungsbereiche und -bedingungen erläutert werden. Im nächsten Schritt wird dann die Interpretation von Karten generell mit besonderer Berücksichtigung der Interpretation von Eigenheiten thematischer Karten erläutert. Das Hauptwerk, an dessen System diese Arbeit sich orientiert, ist das Buch ,,Kartographie" von G. Hake und D. Grünreich, 1994 in der 7. Auflage im Verlag de Gruyter erschienen.

Informationen, die nicht einzeln belegt sind, stammen in der Regel aus diesem Werk.

Die thematische Karte

Definition, Charakterisierung, Abgrenzung Generell unterscheidet die Kartographie zwei Kartentypen: die topographische Karte und die thematische Karte. Topographische Karte ist nach IfAG jede Karte, ,,in der Situation, Gewässer, Geländeformen, Bodenbewachsung und eine Reihe sonstiger zur allgemeinen Orientierung notwendiger oder ausgezeichneter Erscheinungen den Hauptgegenstand bilden und durch Kartenbeschriftung eingehend erläutert sind"1. Dasselbe Institut definierte zwei Jahre vorher noch: ,,Karten aller Maßstäbe, in denen die Landschaft charakteristisch vereinfacht dargestellt ist"2. Topographische Karten stellen also die Landschaft mit allgemeinen, wichtigen Charakteristika dar. Sie wird oftmals als Ausgangskarte für thematische Karten benutzt.

Als thematische Karte hingegen bezeichnen wir jede Karte, ,,in der Erscheinungen und Sachverhalte zur Erkenntnis ihrer selbst dargestellt sind. Der Kartengrund dient zur allgemeinen Orientierung und/oder zur Einbettung des Themas"3. In der thematischen Karte werden in der Regel inhaltliche Einzelaspekte zusätzlich eingezeichnet (z. B. Bodentypen in geologischen Karten) oder besonders hervorgehoben (z. B. Wegenetz in der Straßenkarte). Der topographische Anteil ist in der Regel, wenn überhaupt, nur zur Orientierung oder als Nebenaspekt enthalten.

Die Übergänge zwischen beiden Kartentypen sind oftmals fließend. Streng genommen ist auch die Topographie ein Thema, welches zur Erfüllung der Kriterien einer thematischen Karte nach obiger Definition genügt. Dennoch wird die topographische Karte in der Regel von der thematischen Karte getrennt betrachtet, da sie organisatorisch andere Arbeitsweisen erfordert und auch ihre Verwendung von der der thematischen Karte differiert. Thematische Karten wurden in der Vergangenheit teilweise auch ,,angewandte Karten", ,,Sonderkarten", ,,Spezialkarten" oder ,,wissenschaftliche Karten" genannt. Der Begriff ,,Thematische Karte" hat sich in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts herauskristallisiert und wird heute fast ausschließlich verwendet.

Die Verwendung thematischer Karten geht bereits sehr lange zurück. Eine der ältesten bislang bekannten Karten ist die nubische Goldminenkarte, ein Werk, welches Ägypter bereits etwa 1300 v. Chr. auf Papyrus zeichneten. Hervorgegangen sind solche Karten vermutlich generell aus Naturzeichnungen, wie sie auch heute noch von einigen Naturvölkern angefertigt werden.

Die meisten alten Karten sind thematische Karten, oft Navigations- und Wegekarten.

Topographische, landschaftsbeschreibende Karten wurden zwar bereits gelegentlich angefertigt, gewannen aber erst mit dem Wachstum der Wissenschaften als Basiskarten an Bedeutung.

Dennoch gab es noch Mitte dieses Jahrhunderts nur eine sehr geringe Auswahl thematischer Karten. Heute besteht in den meisten thematischen Bereichen immer noch keine Struktur der Flächenabdeckung mit Karten, aber durch die Vielzahl der erschienenen Kartenwerke, ermöglicht durch Fortschritte in der Kartentechnik, sind die meisten Themen heute an allen relevanten Stellen zumindest in den industrialisierten Ländern in Karten aufgenommen. Ende der 40er Jahre war dem noch nicht so, wie Erwin Raisz 1948 beschrieb: ,,In the future we hope for maps from which it will be possible to tell whether the land is used and if so for what. At present we can only speculate."4 Raisz mußte noch mit Hilfe topographischer Karten unter Zuhilfenahme von Faktoren wie Relief, Klima, Boden, Rohstoffvorkommen, sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren darauf schließen, ob Land möglicherweise genutzt sein könnte oder nicht - ein Akt, der seit Vorliegen von administrativen Planungskarten, Bodennutzungskarten und ähnlichem heute weitestgehend unnötig wäre.

Typen thematischer Karten

Thematische Karten haben eine Vielzahl von Erscheinungsformen analog zur Vielzahl von Herstellern und Nutzungsarten. Entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten, sie zu untergliedern. Die gängigsten Untergliederungsformen seien hier genannt:

- Gruppierung nach dem Karteninhalt: ist die gängigste Unterteilung. Hierbei wird die Gruppe der thematischen Karten in die einzelnen Fachgebiete aufgeteilt. Diese Aufteilung ist sehr anwendungsbezogen; als Systematik der Kartenherstellung ist sie nicht geeignet, in der Praxis jedoch eine beliebte Aufteilungsmethode. Konkret wird hier unterteilt in den Naturbereich, umfassend Geophysik, Geologie, Pedologie, Geomorphologie, Hydrographie, Pflanzen- und Tiergeographie, Ökologie und Astronomie sowie in den Bereich menschlichen Wirkens, umfassend Bevölkerung/Kultur, Staat/Verwaltung, Geschichte, Siedlungen, Wirtschaft, Verkehr, Raumgliederung, Verteidigung und Planungen.

- Gruppierung nach der Entstehung: hier wird eingeteilt zwischen Grund- und Folgekarten. Grundkarten sind solche, die in der Praxis vor Ort erhobene Daten direkt an ihrem jeweiligen Platz anzeigen. Folgekarten hingegen geben Daten wieder, die aus anderen Quellen, also nicht aus der direkten Informationserhebung vor Ort, stammen. · Gruppierung nach der Struktur der Kartengraphik: mehr methodenorientierte Gliederung. Sie teilt Karten ein nach der Verwendung von Darstellungsformen, z. B. Punktkarten, Isolinienkarten, Arealkarten, Signaturenkarten, Diagrammkarten etc. · Objektbezogene Gruppierung: unterscheidet danach, ob die dargestellten Objekte qualitativ erfaßt sind (ob sie vorhanden sind oder nicht), oder ob sie auch quantitativ erfaßt sind (Straßenbreite, unterschiedliche Symbole für unterschiedliche Größenklassen von Siedlungen etc.).

- Gruppieeinem Zrung nach Themenart und -menge: hier gibt es drei mögliche Fälle: analytische Karten sind monothematisch, haben also nur ein einziges Thema, komplexe Karten sind polythematisch, zeigen also Faktoren mehrerer Themen, die zwar in usammenhang zueinander stehen, aber einzeln nebeneinander gezeigt werden, und synthetische Karten behandeln ebenfalls mehrere Themen, beziehen diese aber aufeinander.

Kartographische Grundlage

Neben den fachbezogenen Daten enthalten thematische Karten in der Regel auch andere

Inhalte, die oftmals der topographischen Karte entstammen und vor allem zur Orientierung und zur Berücksichtigung topographischer Faktoren dienen. So enthalten einige Straßenkarten auch Höhenlinien oder Gewässerkarten markante Landschaftspunkte auf Land. In der Regel existiert bei der Anfertigung thematischer Karten zunächst ein Kartengrund, auf den dann die thematischen Aspekte eingetragen werden. Dieser Kartengrund basiert nur selten auf eigens erarbeiteten Entwürfen. Meist wird eine normale amtliche topographische Karte zugrunde gelegt. Entweder werden die thematischen Elemente dann direkt in die topographische Grundlage eingetragen, oder diese Grundlage wird zunächst durch Farbänderungen oder Entfernen von Elementen umgewandelt.

Das direkte Eintragen von thematischen Elementen in eine topographische Karte bietet sich allerdings nur dann an, wenn dies nicht zu erhöhter Unübersichtlichkeit führt. Farb- und Breitenänderungen einzelner bereits vorhandener Elemente sind dabei vertretbar, ebenso wie das Einzeichnen vereinzelter Objekte (z. B. Jugendherbergen auf Wanderkarten). In manchen Fällen, z. B. der Wanderkarte, ist es durchaus sinnvoll, die topographische Karte als Grundlage zu übernehmen, da für den Wanderer u. U. die ganze Topographie (Höhenlinien etc.) von Bedeutung sein kann; hier müssen auch nur vereinzelte Objekte wie Schutzhütten und Jugendherbergen zusätzlich eingetragen und einige Wege hervorgehoben und als Wanderwege gekennzeichnet und beziffert werden. Hier ist die Übersichtlichkeit noch gewährleistet.

Etwas mühsamer ist die Umwandlung einer topographischen Karte in eine gute thematische Kartengrundlage, wenn die topographische Karte nicht vollständig übernommen werden soll. Eine relativ einfache Prozedur ist das Abmatten oder Weglassen der Farbgebung, wodurch das Thema selbst in kräftigen Farben hervorgehoben werden kann. Wird mit Folien oder EDV gearbeitet, ist es auch möglich, einzelne Komponenten (z. B. die Höhenlinien) wegzulassen; bei Vorliegen einer fertigen topographischen Karte als Grundlage ist das kaum zu leisten.

Möglichkeiten und Grenzen

Gerade auch im Blick auf die Interpretation stellt sich für thematische Karten die Frage nach ihrer Verwendbarkeit, nach ihren Möglichkeiten, Grenzen, Inhalten und den von ihnen zu leistenden Aufgaben.

Generell dienen thematische Karten zunächst vielen der Aufgaben, die auch auf topographische Karten zutreffen, konkret der Bildung und Information, der Orientierung, der Verwaltung und Planung und der wissenschaftlichen Interpretation. Außerdem können auch sie Grundlagen für neue thematische Karten sein.

In vielen Anwendungen erfüllt die thematische Karte diese Aufgaben gar besser als die topographische Karte. Sie bietet die Möglichkeit, die Informationen zu selektieren und damit die Übersichtlichkeit zu erhöhen, indem sie unnötige Angaben herausläßt, und so Platz zu schaffen, um ein Thema oder eine Themengruppe besser hervorheben zu können. Oft sind nur thematische Karten in der Lage, Fachgebiete raumbezogen zu vermitteln. Einzelne Objekte lassen sich teilweise besser mit Bildern veranschaulichen, Raumbezüge wie bestimmte Verteilungsmuster, Großformen und regionale Kontexte erschließen sich aber erst anhand der thematischen Karte als Übersichtsmedium. Diese Übersichtsfunktion leistet in der Regel die thematische Karte besser als die topographische, da relevante Informationen besser hervorgehoben und optisch miteinander in Bezug gesetzt werden können. Ein wesentliches Problem thematischer Karten ist heute, daß das Gelingen ihrer Darstellung vom Geschick des zuständigen Kartographen abhängt. Es gelten bis heute nur wenige anerkannte und allgemein verwendete Normierungen der Inhalte und Darstellungsformen. Eine generelle Normierung kann aber kaum umgesetzt werden; will sie wirklich weitreichende Vorgaben machen, so schränkt sie die Gestaltungsfreiheit der thematischen Karte enorm ein, welche eigentlich gerade die Stärke dieser Kartenform ist. Auf der anderen

Seite ist es gerade diese Gestaltungsfreiheit, die zwar eine sehr differenzierte Betrachtung eines fast beliebigen Themas gestattet, bei ungeschickter Anwendung jedoch einen hohen Grad an Unübersichtlichkeit produziert und die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Karten enorm einschränkt. Nur in einigen Themenbereichen gibt es gesetzliche Normung (z. B. Planungskarten) oder fachliche nationale oder internationale Vereinbarungen (z. B. Symbole in Wetterkarten).

Bewertung thematischer Karten 5

Wie generell in der Kartographie üblich sollten auch thematische Karten vor ihrer Verwendung geprüft werden, zum einen auf ihre Qualität, zum anderen auf ihre Eignung für bestimmte Zwecke. Gerade thematische Karten weisen enorme Unterschiede in ihrer Ausarbeitung auf, in Abhängigkeit von den Fähigkeiten und Absichten des zuständigen Kartographen. Auch kann eine Karte sich für einige Aufgaben besser eignen als für andere, was beispielsweise von der Projektionsmethode abhängt.

Soll eine Fragestellung anhand von thematischen Karten untersucht werden, so muß zunächst geklärt werden, ob Karten zur Verfügung stehen, die thematisch geeignet sind zur Untersuchung der Fragestellung. Hierbei empfiehlt es sich, kartographische Bibliographien zu Rate zu ziehen. Ist eine Karte nach inhaltlichen oder Verfügbarkeitskriterien ausgewählt, muß ihre Eignung für die jeweils geplante Arbeit geprüft werden.

Nach Salistschew kommen folgende Kriterien für diese Prüfung in Frage:

- die mathematische Grundlage: welche Projektionsform wurde verwendet, für welche Art von benötigten Messungen (Längen, Winkel, Flächen etc.) ist die Karte einsetzbar?
- die Vollständigkeit des Inhalts: sind wirklich alle benötigten Informationen enthalten oder müssen weitere Karten zum Vergleich herangezogen werden? Welche Faktoren wurden berücksichtigt? Hier bietet sich eine Untersuchung der Legende an. · die geographische Richtigkeit der Karte: gibt die Karte die Realität und ihre wichtigsten Elemente wieder? Zur Prüfung ggf. mit anderen Karten und Literatur vergleichen.
- ihre geometrische Genauigkeit: wie stark fallen Abweichungen ins Gewicht, die sich aus Maßstab und Generalisierung ergeben? Ggf. Vergleich mit anderen Karten! · die Aktualität: wie lange liegen die der Karte zugrunde gelegten kartographischen Arbeiten zurück? Sind bedeutende jüngere Veränderungen (ggf. Vergleich mit anderen Karten) bereits enthalten? Ist zu erwarten, daß sich seit Produktion der Karte für die Fragestellung wesentliche Faktoren verändert haben?
- die Qualität der Gestaltung: ist das zu bearbeitende Thema vollständig und übersichtlich dargestellt? Ist die Karte überfrachtet mit unnötigen Informationen? Bietet die Karte einen Vergleich mit Randthemen der Aufgabenstellung? und · die ideologische und politische Ausrichtung der Karte: können sich subjektive Wertungen des Kartographen z. B. bei thematischer Selektion eingeschlichen haben, die das Ergebnis verfälschen können? Welchen Grundansichten und Klassifikationen folgt die Karte? (Z. B. bei Klimakarten wichtig) Nach wessen Definition sind z. B. Grenzverläufe und andere imaginäre Faktoren eingetragen?

Sind all diese Faktoren durchdacht worden, kann eine Abwägung stattfinden, ob und mit welchen Einschränkungen die Karte für die jeweilige Fragestellung nutzbar ist. Die einzelnen Faktoren haben hier unterschiedliches Gewicht. Sollen beispielsweise zur Untersuchung der Fragestellung mehrere Wegstrecken exakt vermessen werden, so ist schon allein deshalb eine nicht längentreue Karte unbrauchbar. Andere Faktoren wie z. B. fehlende Aktualität sind dagegen oft zu vernachlässigen, wenn nur auf generelle Aspekte untersucht wird. Eine sehr wichtige Rolle spielt hierbei der Maßstab der Karte. Er ist bestimmend für die geometrische Exaktheit, das Maß der Generalisierung, Ausmaß möglicher Meßfehler usw. Besonders für Fragestellungen, bei denen ein differenziertes Bild der kartierten Fläche oder genaue Messungen erforderlich sind, empfiehlt sich daher der Einsatz von Karten größeren Maßstabes.

Interpretation

Die Interpretation ist eng gekoppelt mit den Darstellungsformen thematischer Karten. Sie ist zunächst nichts anderes als die Entschlüsselung der Kartensymbole und ihr Verstehen und logisches Kombinieren. Anhand der Karte, welche ein Sekundärmodell der Realität ist, erstellt der Benutzer in seinem Gehirn ein Tertiärmodell der Wirklichkeit, welches rein imaginärer Natur ist. Ziel der Karteninterpretation sollte es sein, sich ein möglichst zutreffendes Tertiärmodell der Wirklichkeit oder eines ihrer Teilgebiete zu erstellen. Dies geschieht in der Regel anhand von fünf Schritten: Wahrnehmen, Auszählen, Schätzen, Vergleichen und Deuten.

Wahrnehmen (Identifizieren)

Das Wahrnehmen von Objekten ist bei Karten in der Regel visueller Art. Anhand eines Vergleiches mit den Erläuterungen in der Legende werden die einzelnen relevanten Symbole der Karte (Sekundärmodell der Realität) wieder in ein imaginäres Bild von der Realität (Tertiärmodell) umgewandelt. Das einzelne Objekt wird hierbei zunächst nach seiner Lage und nach seiner Qualität, seiner Art also, erfaßt.

Für die Interpretation ist es eminent wichtig, daß der Benutzer die einzelnen Elemente der Karte und ihre Struktur und den Aufbau kompetent entschlüsseln kann. Im Folgenden werden daher die einzelnen Elemente betrachtet, die eine Karte ausmachen, und deren jeweilige Entschlüsselung erläutert. Zwei Hauptformen von Symbolen sind die sogenannten Diskreta und Kontinua:

Diskreta sind generell klar begrenzte Einzelobjekte innerhalb einer Karte. Sie können lokal, linear oder flächenhaft sein und qualitative oder quantitative Aussagen treffen. Kontinua hingegen sind Angaben, die sich auf eine im Prinzip unbegrenzte Fläche beziehen. Hierzu zählen vor allem die Isolinien, z. B. die Isohypsen (Höhenlinien). Vor allem die Diskreta, aber auch die Kontinua besitzen eine Vielzahl von Erscheinungsformen:

Lokale Diskreta

Lokale Diskreta stellen einzelne Objekte dar, die zu klein sind, um in ihrer Grundfläche noch vom jeweiligen Maßstab erfaßt zu werden. Sie werden unterteilt in qualitative und in quantitative lokale Diskreta. Qualitative lokale Diskreta geben nur Auskunft darüber, was sie vertreten (z. B. Stadt, Schule, Denkmal), quantitative lokale Diskreta enthalten zusätzlich dazu auch quantitative Angaben (z. B. Einwohnerzahl einer Stadt durch Symbolgröße veranschaulicht). Quantität kann auch durch direkte Bezifferung oder durch andere Visualisierungen (Punktansammlungen, Blockdiagramme etc.) zum Ausdruck gebracht werden. Gestaltungsmittel sind Unterschiede in Form, Füllung und Farbe.

Lineare Diskreta

Bekanntestes Beispiel linearer Diskreta sind Straßen, aber auch Flüsse, Bahnlinien, Hochspannungsleitungen, Begrenzungslinien und vieles mehr werden zu diesem Bereich gezählt. Gerade lineare Diskreta geben oft den reellen Verlauf stark vereinfacht wieder, besonders in Karten kleinen Maßstabes. Zur qualitativen Differenzierung sind lineare Diskreta entsprechend graphisch gestaltet, unter Einbeziehung der Faktoren Muster, Farbe und Breite.

Oft werden auch lineare Signaturen eingefügt, z. B. bei Hochspannungsleitungen in regelmäßigen Abständen Pfeile in Stromtransportrichtung. Als quantitatives Gestaltungsmittel kommt neben Ziffernsignaturen und Schrift auch die Breite in Frage (z. B. bei Straßen die Straßenbelastung in Fahrzeuge / min: je höher die Belastung, desto breiter die Darstellung der Straße in der Karte), was aber dazu führt, daß die Grundrißtreue auch bei Karten großen Maßstabs vernachlässigt wird.

Flächenhafte Diskreta

Flächen, die groß genug sind, um vom jeweiligen Maßstab berücksichtigt zu werden, werden in der Regel auch als Flächen dargestellt. Hier können sowohl einzelne Objekte (z. B. Gewässer) als auch Sachverhalte (z. B. Verwaltungsgebiete) dargestellt werden, und beides wiederum qualitativ oder quantitativ. Außerdem wird unterschieden, ob ein Objekt selbst oder die Verbreitung vieler Einzelobjekte dargestellt wird.

Die Darstellung beinhaltet meist Linien bzw. lineare Signaturen zur Abgrenzung, eine komplett ausgefüllte oder gemusterte Fläche, wobei auch farbliche Variationen möglich sind, und teilweise noch Bezifferungen und quantitative Zusatzangaben.

Bei den quantitativen flächenhaften Diskreta gibt es den Sonderfall, daß die Flächengröße dem quantitativen Wert angepaßt wird. Das Ergebnis stimmt in Lage und Größe der dargestellten Objekte räumlich absolut nicht mit der Realität überein, ergibt aber sehr anschauliche Darstellungen. So läßt sich zum Beispiel das anteilige Übergewicht einiger Staaten am Weltexport mit solchen Darstellungen sehr anschaulich demonstrieren. Auf einer entsprechenden Darstellung des BMZ fällt hierbei Deutschland als sehr große Darstellung auf, deren Größe diejenige von Gesamtafrika um ein vielfaches überragt6.

Kontinua

In vielen Karten sind Signaturen zu Objekten enthalten, die sich praktisch nicht abgrenzen lassen und in der Regel überall vorhanden sind. Der häufigste Fall hierbei sind die Isolinien, Linien gleicher quantitativer Werte, vor allem die Höhenlinien (Isohypsen). Sie sind im Prinzip überall vorhanden (jeder Punkt hat eine Höhe) und werden in den meisten Karten in regelmäßigen Abständen (z. B. alle 10 Höhenmeter) eingezeichnet. Die Flächen zwischen ihnen können zusätzlich zur besseren Übersicht unterschiedlich farblich und gemustert gefüllt werden.

Auch einige punktuelle Karteneintragungen können als Kontinua bzw. deren Ausprägungen angesehen werden. Dies ist beispielsweise bei Grundwassermeßstationen der Fall, wenn Grundwasserstände nur lokal an einzelnen Meßstationen angegeben werden.

Kontinua können auch rein imaginäre Faktoren angeben, die in der Natur in dieser Form nicht zu finden sind, beispielsweise Isolinien gleicher Entfernung, gleicher Reisezeit oder gleicher Transportkosten von einem Punkt aus. Solche Isolinien haben meist rein geometrischen Charakter.

Räumliche Veränderungen

Besonders in historischen Karten kann es sinnvoll sein, bestimmte Entwicklungsstände einer Region o. ä. anhand der Zustände zu unterschiedlichen Zeitpunkten vergleichen zu können. Dies ist möglich anhand des Vergleiches von mehreren Karten, die Zustände jeweils eines anderen Zeitpunktes wiedergeben. Dieses Verfahren stößt aber auf Probleme, da im Laufe größerer Zeiträume sich oft auch die kartographischen Verfahren, die Signaturgestaltung, Projektionsmethode und vieles mehr ändern. Oft ändern sich auch Abgrenzungs- und Bewertungskriterien, so daß Karten unterschiedlicher Zeiten, selbst wenn sie von einem und demselben Verlag herausgegeben sind, schwer miteinander vergleichbar sind. Es gibt daher auch die Möglichkeit, in eine einzige Karte eine zeitliche Dimension einzufügen. Besonders einfach ist dies, soll verdeutlicht werden, wie stark eine Stadt beispielsweise in den letzten 100 Jahren expandiert ist. Hierzu werden einfach die Stadtgrenzen in bestimmten zeitlichen Intervallen (z. B. alle 10 Jahre) eingezeichnet und mit einer Jahreszahl gekennzeichnet. Um die Übersichtlichkeit zu erhöhen, können für jedes Intervall die in ihm hinzugewonnenen Flächen mit einer jeweiligen charakteristischen Färbung und Musterung versehen werden. Bei linearen Diskreta kommt vor allem die bereits bekannte Breitenanpassung als Visualisierung zeitlicher Änderung in Frage (z. B. Breite der Darstellung einer Straße in Abhängigkeit von der Menge der Zunahme der Fahrzeuge pro Tag in den letzten 10 Jahren). Dies schränkt allerdings die Möglichkeit weiter ein, über diese Breitendarstellung andere Angaben zu machen.

Ebenfalls eine häufig anzutreffende Form der Darstellung räumlicher Veränderungen ist die Arbeit mit Pfeilen. Dies bezieht sich vor allem auf Wanderbewegungen von Staat zu Staat. Hierbei wird ein Pfeil vom Ursprungsland zum Einwanderungsland gezeichnet und anhand der Pfeildicke für einen definierten Zeitraum die absolute Menge der Migranten oder der relative Anteil der Emigrantenzahl an der des Auswanderungslandes für eben jenen Zeitraum dargestellt.

Schrift

Immer wieder finden wir in thematischen Karten Bezifferungen und Beschriftungen. Diese gibt es zwar auch in topographischen Karten, in thematischen Karten sind sie aber fachbezogener und oft weitaus umfangreicher (z. B. Straßennamenbeschriftung bei Straßenkarten). Es handelt sich um Erläuterungen, Namen, Abkürzungen und Zahlen. In welchem Umfang sie auftauchen, ist von Fachgebiet, Maßstab und Darstellungsart abhängig.

Auszählen

Auszählen kann hier zunächst zweierlei bedeuten: auszählen von Objekten nach ihrer Anzahl oder auszählen eines Objektes nach Größenordnung. Beim Auszählen nach Anzahl wird zunächst ein Raum definiert, in welchem ein Objekt ausgezählt werden soll. Danach wird gezählt, wie viele Objekte einer Qualität (einer Art) sich in dem definierten Bereich befinden. Beispiel: Auszählung der Anzahl der Staaten eines Kontinentes. Ein Spezialfall, der als Unikum thematischer Karten anzusehen ist, ist die Auszählung quantitativer Angaben zu einer sehr großen Zahl von Objekten in einem Raum, z. B. von Menschen in einem Staat. Menschen sind prinzipiell nicht direkt in Karten eingezeichnet. Ihre Anzahl kann nur in Menge pro Fläche, z. B. pro Staat, angegeben werden. Oftmals wird aber in solchen Fällen nicht einfach die Anzahl pro Staat in Ziffern angegeben, sondern in den graphischen Bereich des Staates ein Blockdiagramm eingetragen, in welchem jeweils eine graphische Einheit (z. B. Kästchen) eine definierte Anzahl von Menschen repräsentiert. Dies ermöglicht einen direkten optischen Vergleich z. B. zwischen den Einwohnerzahlen benachbarter Staaten. Nachteil ist: da keine Quantität in Ziffern angegeben ist, muß hier zunächst eine Auszählung erfolgen, um absolute Zahlen zu ermitteln.

Die Auszählung eines Objektes nach Größenordnung erfolgt anhand der Darstellung des Objektes, wobei in der Regel ein quantitativer Aspekt eines Objektes (z. B. Bedeutung von Straßen) seinen Niederschlag in der Zeichnungsgröße des Objektes findet. Teilweise überschneidet sich dieser Punkt aber bereits mit Schritt 1 (Erkennen / Interpretieren), nämlich dann, wenn für die unterschiedliche Bedeutung nicht nur unterschiedliche visuelle Ausdehnungen, sondern auch unterschiedliche Symbole verwendet wurden (z. B. haben Autobahnen auf den meisten Straßenkarten andere Signaturen als die anderen Straßentypen). Oftmals kann es aber auch geboten erscheinen, aus einer Karte in Stadium des Auszählens sehr genaue Informationen zu erschließen, etwa die Länge eines Wegstückes, die Größe einer Fläche oder die genauen Koordinaten eines Punktes. Oft reicht hierbei der schätzende Vergleich mit dem Kartenmaßstab nicht. In solchen Fällen bietet die Kartometrie eine Reihe von Verfahren, um benötigte Informationen zu ermitteln.

Bei der kartometrischen Ermittlung von Werten können sich unterschiedliche Fehler einschleichen, die nichts mit Meß- oder Rechenfehlern zu tun haben. Diese Fehler sind in der Regel gering und zu vernachlässigen. Bei Messungen, die sehr genau sein müssen, empfiehlt es sich aber, folgende Faktoren mit in die Berechnungen einzubeziehen:

- Die Verzerrung einer jeden Karte. Da die Karte als Ebene die Oberfläche eines fast kugelförmigen Geoids (der Erde) darstellt, ist keine Darstellung vollständig längen-, winkel- und flächentreu. Rechnerische Korrekturen sind aber in der Regel erst bei Maßstäben von 1:1 Mio. oder kleiner nötig; bei Karten größeren Maßstabes fällt das kaum ins Gewicht. Das genaue rechnerische Verfahren ist abhängig vom Projektionstyp; eine exakte Auflistung hierzu würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Ausführlich behandelt wird dieser Sachverhalt u. a. bei Hake / Grünreich, Kartographie, 1994, Kap. 2.2.
- Oftmals ergeben sich Irritationen durch Abweichungen der eingezeichneten Lage eines Objektes von der Realität. Je kleiner beispielsweise eine Fläche ist und je größer der Maßstab der Karte, desto größer ist der sogenannte ,,mittlere quadratische Fehler", die Abweichung von Kartenangabe und Realität, selbst bei flächentreuen Karten. Auch bei einzelnen Objekten steigt die absolute Ungenauigkeit mit sinkendem Maßstab: in Rußland beispielsweise gilt, daß Objekte mit einem mittleren quadratischen Fehler von 0,5 mm, im Hochgebirge bis zu 0,75 mm eingezeichnet werden dürfen; als maximale Abweichung gelten die doppelten Werte. Da 0,5 bzw. 0,75 mm auf der Karte bei Karten mit großem Maßstab weniger Abweichung ergeben als bei kleinmaßstäbigen Karten, steigt also die Abweichung mit dem Maßstab. Ist eine gewisse Meßgenauigkeit erforderlich, so ist der Maßstab der verwendeten Karte so zu wählen, daß die mögliche Abweichung den Anforderungen der Meßgenauigkeit entspricht.7
- Auch der Papierverzug kann zu leichten Ungenauigkeiten führen. Externe Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit können dazu führen, daß sich das Kartenblatt ein wenig ausdehnt. Auch diese Schwankung ist minimal, braucht also nur dann beachtet zu werden, wenn hohe Anforderungen an die Meßgenauigkeit gestellt werden. Ob und in welchem Maße sich das Papier verzogen hat, kann an Referenzstrecken (z. B. Gradnetz) festgestellt werden. Alternativ ist auch die Prüfung des Maßstabsbalkens möglich, der in der Regel mit auf die Karte aufgedruckt ist und daher diese Schwankungen mitmacht.

Koordinatenmessung

Es gibt zwei gängige Typen von Koordinaten, die zur Koordinatenbestimmung in der Karte mit angegeben sein können: die geographischen Koordinaten und das Gauß-Krüger-Netz (Geodätische Koordinaten).

Gauß-Krüger-Koordinaten werden vor allem bei Karten mit sehr großem Maßstab (z. B. 1:25000, 1:50000 etc.) angewendet. Das Gradnetz verläuft rechtwinklig und basiert auf dem metrischen System, jede Netzmasche hat eine Maschenbreite von 1x1 km. Der Hochwert ergibt sich direkt aus der Entfernung zum Äquator in km, der Rechtswert, indem der nächste in seiner Gradzahl durch drei teilbare geographische Meridian als Grundlage genommen, seine Gradzahl durch 3 geteilt und eine 500 angehängt wird. Weicht die horizontale Koordinate von diesem Grundmedian nach Westen ab, wird die Entfernung in km von diesem Grundwert abgezogen, bei einem Abweichen nach Osten wird sie hinzuaddiert. Da das Kartenblatt in der Regel bezifferte Koordinatenlinien im km-Abstand enthält, braucht nur noch von der nächsten Koordinatenlinie aus gemessen zu werden. Hierbei ist die Verwendung eines Planzeigers sinnvoll.

Geographische Koordinaten bestehen aus Breitengraden und Längengraden (Meridiane). Beide stehen prinzipiell senkrecht aufeinander und bilden gemeinsam Maschen, die aber keine allseitig gleiche Seitenlänge aufweisen.

Breitenkreise verlaufen generell in Ost - West - Richtung. Die Ebenen, in denen sie liegen, sind parallel zur Äquatorialebene. Ihre Gradzahl ergibt sich aus dem Winkel, den eine imaginäre Gerade mit der Äquatorialebene bildet, die durch den Erdmittelpunkt und einen beliebigen Punkt des Breitenkreises läuft. Der Umfang der Breitenkreise nimmt polwärts ab, von rund 40071 km am Äquator8 (= 0°) bis zu punktförmig (0 km) an den Polen (= 90°). Längenkreise (Meridiane) verlaufen generell in Nord-Süd-Richtung und verbinden jeweils die beiden Pole miteinander. Sie sind in 360 Grade unterteilt. Der Grundmeridian ist willkürlich festgelegt; er verläuft durch Greenwich / GB. Die Gradzahl aller anderen Meridiane ergibt sich aus dem Winkel, den die Meridianebene des jeweiligen Längengrades mit derjenigen des Grundmeridians bildet. Hierbei wird in beide Richtungen gezählt, so daß der Gradzahl der Name der Himmelsrichtung beigefügt werden muß, in die gezählt wird (z. B. 60° West für Buenos Aires). Die Meridiane haben eine recht konstante Länge von rund 19971 km (von Pol zu Pol). Sie konvergieren zu den Polen hin, laufen also in den Polen zusammen.9 Die konkrete Messung wird in Grad, Minuten und ggf. Sekunden angegeben, wobei jeder Grad 60 Minuten und jede Minute 60 Sekunden hat.

Längenmessung

Denkbar ist die Messung zweier Streckentypen: gerade Strecke (Luftlinie) und nicht gerade Strecke (z. B. Wege). Während die Luftlinie noch mit einem Anlegemaßstab oder durch Errechnung anhand der geodätischen Koordinaten (Verfahren siehe Hake / Grünreich (1994): Kartographie) direkt ermittelt werden kann, empfiehlt sich bei nicht geraden Strecken die Verwendung eines Kurvenmessers. Dieser besitzt ein Rad, welches seine Bewegung auf der Karte auf einen Zeiger überträgt, welcher dann für unterschiedliche Maßstäbe die Entfernungen anzeigt. Durch Generalisierung können allerdings Strecken auf Karten verkürzt dargestellt sein. Dieser Effekt kommt um so mehr zum Tragen, je kleiner der Maßstab einer Karte ist. Penck ermittelte für einen Küstenabschnitt in Istrien auf einer Karte mit Maßstab 1:75000 eine Länge von 223,81 km, auf einer Karte des Maßstabs 1:15 Mio. für den selben Abschnitt eine Länge von 105 km, weniger als 50% des Ausgangswertes.

Winkelmessung

Wir unterscheiden zunächst zwei unterschiedliche Winkelskalen: die konventionelle Skala, deren Vollkreis in 360 Grad eingeteilt ist, und die geodätische Skala, deren Vollkreis 400 Grade zählt, was das Rechnen im Dezimalsystem erleichtert. Winkel werden in Karten meist direkt mit Winkelmessern gemessen. Hierzu gibt es auch Rechenmethoden, die aber in der Praxis nur selten angewendet werden.

Vertikalwinkel dagegen stellen die durchschnittliche Neigung einer Strecke dar. Sie lassen sich aus der Höhendifferenz zweier Punkte und der Länge der zwischen ihnen liegenden Entfernung errechnen.

Flächenmessung auf Karten

In der heutigen Zeit ist die Bestimmung einzelner Flächengebilde auf Karten nicht mehr sonderlich schwer. Hierzu gibt es sogenannte Planimeter, mechanische oder elektronische Geräte, mit denen die Ränder der zu bestimmenden Fläche abgefahren werden. Sie zeigen dann den Flächeninhalt der umfahrenen Fläche an.

Stehen keine Planimeter zur Verfügung, gibt es zwei Möglichkeiten: die Zerlegung der Fläche in Dreiecke, deren jeweiliger Flächeninhalt sich geometrisch errechnen läßt, und die Verwendung einer Quadratglastafel, einer durchsichtigen Scheibe mit aufgedrucktem Millimeterkastenschema. Diese Scheibe wird über die zu bestimmende Fläche gelegt und die Zahl der in die Fläche passenden Kästchen ermittelt.

Bei der Flächenbestimmung sollte verstärkt darauf geachtet werden, daß ein geeigneter, ausreichend großer Maßstab verwendet wird, um zu starke Abweichungen durch kartographische Fehler zu vermeiden.

Höhenermittlung aus Karten

Die absolute Höhe eines Punktes über einem definierten NN (Normalnull) läßt sich in der Regel anhand der Höhenlinien (Isohypsen) aus der Karte ablesen. Liegt der zu bestimmende Punkt zwischen zwei Höhenlinien, so ist es üblich, zwischen ihnen linear zu interpolieren, also wenn ein Punkt beispielsweise von der 30-m-Höhenlinie ein Viertel der Entfernung bis zur 40-m-Höhenlinie entfernt ist, darf angenommen werden, daß er eine Höhe von 32,5 m hat. Die relative Höhe eines Punktes gegenüber einem anderen Punkt ergibt sich hingegen aus der Höhendifferenz beider Punkte.

Schätzen

Das Schätzen hat im wesentlichen die gleiche Funktion wie das Auszählen. Es ist zwar deutlich unpräziser, dafür aber auch weniger aufwendig. Für viele Anwendungen genügt es bereits, Relationen (größer - kleiner - etwa gleich) zwischen zwei Objekten zu kennen, wofür Schätzungen in der Regel ausreichen.

Vergleichen

Oftmals wird es nötig, Karteninformationen zu vergleichen. Als Vergleichsobjekte kommen mehrere Faktoren in Frage: das Gelände, andere Objekte innerhalb der selben Karte, Informationen anderer Karten und andere Informationsträger.

Beim Vergleich einer Karte mit dem Gelände steht meistens die Orientierung im Vordergrund; dementsprechend handelt es sich oft um Wege- und Navigationskarten. Hierbei kommt es darauf an, die kartographischen Informationen in der Realität wiederzufinden, also z. B. den richtigen Weg zu finden.

Der Vergleich von Objekten innerhalb einer Karte ist bereits eine Vorstufe des Deutens (s. u.). Er ist in der Regel mit einer Wertung aufgrund der Unterschiede in Lage, Qualität und Quantität verbunden.

Der Vergleich mit Informationen anderer Karten kann interdisziplinäre Zusammenhänge aufzeigen. So kann der Vergleich einer naturräumlichen Karte mit einer Karte von Migrationsbewegungen Anhaltspunkte geben, ob und ggf. in welcher Form Zusammenhänge bestehen können zwischen Migration und naturräumlichen Bedingungen.

Andere Informationsträger können beispielsweise Texte sein, deren Inhalt, besonders wenn es sich um raumbezogene Texte handelt, oft deutlich besser mit der Hilfe von Kartenmaterial nachvollzogen werden können. Anders herum können Texte und andere Informationsträger die Interpretation der Karte fördern.

Deuten

Das Deuten ist das Interpretieren der Karteninformationen im engeren Sinne. Vielfach dient es zur Modellbildung. Generell ist es das Ziel des Deutens, sich aus den unmittelbaren Karteninformationen, die man sich in den vorherigen Schritten erschlossen hat, auf übergeordnete raumwirksame Strukturen, Prozesse und Funktionen zu schließen. Wie dies zu machen ist, dafür gibt es kein universelles Patentrezept. Die Deutung verläuft von Fachgebiet zu Fachgebiet, von Thema zu Thema, von Karte zu Karte, von Fall zu Fall unterschiedlich. Besonders wichtig sind hierbei die Erfahrung und die Sachkenntnis des Kartenbenutzers. So können Geographen und Historiker aus dem Grundriß einer Stadt und ihres Verkehrsnetzes oftmals Rückschlüsse auf die Geschichte des Ortes ziehen, Geologen ersehen aus der Lage von Quellen Lage und Eigenschaften von Gesteinsschichten, Botaniker und Landwirte können aus Boden- und Klimakarten wesentliche Aussagen über die Bodenfruchtbarkeit ableiten.

Voraussetzung für das Deuten ist allerdings, daß die richtige Karte gewählt wurde. Sie sollte das Thema anschaulich behandeln, einen geeigneten Maßstab aufweisen, ausreichend exakt sein und eine Verteilung der projektionsbedingten Verzerrung aufweisen, die die nötigen kartometrischen Arbeiten noch zuläßt.

Deutung mit Hilfe von Karten ist sowohl zum Kartenthema selber, als auch zu anderen Themen möglich. So deutete Erwin Raisz Ende der 40er Jahre topographische Karten, um Kenntnis über Bodennutzungen zu erhalten, die aus jener Karte jedoch nicht hervorgingen. Er konnte nicht erkennen, wo Landnutzung bestand, konnte aber allein anhand der topographischen Karte, teilweise durch eigenes Wissen ergänzt, folgern, wo Landnutzungen möglich waren und wo nicht. Er bediente sich dabei den begrenzenden Faktoren Relief (zu folgern aus der Verteilung der Höhenlinien), Niederschlag und Trockenheitsgrad (analog zu Dichte und Tiefe von Gewässern und Quellen), Straßendichte, Bevölkerungsdichte (gemäß Bebauungsdichte), Bodenqualität, Ressourcenvorkommen und den Funktionen nahegelegener Orte und Städte.10

Eine solche Interpretation auf Nachbarthemen ist auch ausgehend von vielen thematischen Karten möglich. So läßt sich beispielsweise von Bodenkarten auf die potentielle natürliche Vegetation schließen, auf Nutzungsformen, Relief, Eiszeitengeschehen und vieles mehr. Siedlungskarten geben Hinweise auf die jüngere und ältere Stadtgeschichte, Klimakarten zeigen Naturräume und Nutzungsmöglichkeiten auf; teilweise zeigen sie gar den Entwicklungsstand von Ländern. Die Möglichkeiten hierzu sind vielfältig.

Thematische Karten zwischen Problemen und Nützlichkeit - eine Schlußbetrachtung

Thematische Karten bieten, wie sich in diesem Referat gezeigt hat, ein sehr breites Feld von Einsatzmöglichkeiten. Bei ihrer Interpretation muß aber eine Fülle von Eigenheiten beachtet werden. Gerade diese Eigenheiten sind es, die das Lesen einer Karte schwer machen. Die hinderlichste Eigenart ist gleichzeitig die Stärke der thematischen Karte: die ungeheure Gestaltungsfreiheit und -vielfalt. Sie ermöglicht eine angepaßte Darstellung, bedeutet aber auch, daß Karten gerade durch die fehlenden Leitlinien mißgestaltet werden können und durch ihre enorme Fülle der Darstellungsmöglichkeiten einer jeden Begebenheit oft nicht untereinander vergleichbar sind. Die Auswahl der Inhalte und der Gestaltung liegt beim Kartographen, ist also subjektiv.

Werden diese Faktoren aber mit einbezogen, so können thematische Karten wichtige Helfer in allen Lebensbereichen werden - von der Forschung bis zur Lehre, von der Information bis zur Orientierung. Dem entsprechend spielen Karten, gerade thematische, wichtige Rollen im Alltag.

Die Behandlung thematischer Karten und ihrer Interpretation ist hier sehr theoretisch wiedergegeben und erscheint möglicherweise als wenig praxisbezogen und unwichtig. Dennoch ist es wichtig, sich dieser theoretischen Aspekte bewußt zu sein, wenn man eine thematische Karte interpretiert. Diese theoretische Betrachtung beugt der unkoordinierten, unsystematischen Betrachtungsweise vor. Bei der Interpretation thematischer Karten sollte man sich immer zunächst vor Augen rufen, was die Karte eigentlich zeigt, was nicht, was man wie erreichen will und ob die Karte dazu geeignet ist, welche Methoden bei der jeweiligen Ausarbeitung angewendet werden können. Erst unter Berücksichtigung dieser Faktoren ist das Deuten der Karteninhalte sinnvoll.

Bibliographie

Hauptquellen:

- Hake, G. u. D. Grünreich (19947 ): Kartographie, Berlin. · Raisz, E. (1948): General Cartography, USA.

- Salistschew, K. A. (1967): Einführung in die Kartographie, Band 1, Gotha / Leipzig. · Tricart, J., Rochefort, M. u. S. Rimbert (1965): Initiation aux travaux pratiques de geographie, Commentaire des cartes, Paris.

Nebenquellen:

- Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Hrsg.): Weltkarte Entwicklungspolitik, Karte 4, Bonn 1990.

- Weischet, W. (19956 ): Einführung in die allgemeine Klimatologie, Stuttgart.

[...]


1 Institut für Angewandte Geodäsie (IfAG) 1973, zitiert in: Hake, G. u. D. Grünreich (19947 ): Kartographie, Berlin, S. 369.

2 IfAG 1971, ebd.

3 Internationale Kartographische Vereinigung 1973, zitiert in: Hake / Grünreich: Kartographie, 1994, S. 414.

4 Raisz, E. (1948): General Cartography, USA.

5 Vgl. Salistschew, K. A. (1967): Einführung in die Kartographie, Band 1, Gotha / Leipzig.

6 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Hrsg.): Weltkarte Entwicklungspolitik, Karte 4, Bonn 1990.

7 Vgl. Salistschew (1967): Kartographie, Bd.1.

8 Vgl. Weischet, W. (19956 ): Einführung in die allgemeine Klimatologie, Stuttgart.

9 Vgl. Tricart, J., Rochefort, M. u. S. Rimbert, Initiation aux travaux pratiques de geographie, commentaire des cartes, Paris 1965, S. 18.

10 Vgl. Raisz, E. (1948): Cartography.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Thematische Karten und ihre Interpretation
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V96272
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thematische, Karten, Interpretation, Bonn
Arbeit zitieren
Malte Hövel (Autor), 1999, Thematische Karten und ihre Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96272

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