In der vorgelegten Bachelorarbeit setzt sich der Autor mit der Frage auseinander, wie sich die aktuelle Covid-19 Pandemie und die zu ihrer Eindämmung beschlossenen Maßnahmen auf wohnungslose Menschen auswirkt. Genauer fragt er, wie sich die durch die Pandemie ausgelöste akute (episodische) gesellschaftliche Krise mit der langfristigen (endemischen) Krise verschränkt, in der sich die meisten von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen befinden. Seine konkreten forschungsleitenden Fragen zielen zum einen auf die Binnensicht (emische) Perspektive der Betroffenen und zum anderen auf ihre Bewältigungsstrategien im Umgang mit Krise(n) ab. Die Arbeit basiert auf empirischen Erhebungen (informelle Gespräche, leitfadengestützte Interviews, Beobachtungen) die der Autor in der Zeit von Mai bis August 2020 durchführte. Ermöglicht wurde diese Forschung durch seine ehrenamtliche Tätigkeit in einer Berliner Einrichtung der Wohnungslosenhilfe sowie seine Mitarbeit in einem Nachtcafé für Wohnungslose von Oktober 2019 bis März 2020. Im Rahmen dieses Engagements war es ihm möglich, engere Kontakte zu „Stammgästen“ aufzubauen, so dass diese bereit waren, ihm Einblick in ihre Leben zu geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methoden
3. Krise als Konzept: Zwischen Ausnahme- und Dauerzustand
3.1. Krise als Ausnahmezustand: COVID-19-Pandemie und biopolitische Maßnahmen
3.2. Krise als Dauerzustand: Wohnungslosigkeit und (Nicht-)Zugehörigkeit
4. Verstrickte Krisen als Erfahrung: Wohnungslos in der COVID-19-Pandemie
4.1. Jakob: „Wir dürfen draußen bleiben“
4.2. Jens: „Ein Glück, ich muss nicht draußen pennen“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie wohnungslose Menschen in Berlin die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen staatlichen Maßnahmen aus ihrer eigenen Perspektive erleben. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob die Pandemie für die Betroffenen als zusätzlicher Ausnahmezustand wahrgenommen wird oder ob sie vor dem Hintergrund ihrer ohnehin prekären Lebenssituation als Kontinuität andauernder persönlicher Krisen erfahren wird.
- Ethnografische Untersuchung der Lebenswelten von wohnungslosen Personen in Berlin.
- Analyse der COVID-19-Pandemie als biopolitischer Ausnahmezustand.
- Konzeptualisierung von Wohnungslosigkeit als andauernde persönliche Krise und Erfahrung der (Nicht-)Zugehörigkeit.
- Erforschung individueller Bewältigungsstrategien (Tactics of Resilience) im Kontext gesellschaftlicher Ausschließung.
- Verknüpfung persönlicher Krisenerfahrungen mit gesellschaftlichen Strukturen während der Pandemie.
Auszug aus dem Buch
4.2. Jens: „Ein Glück, ich muss nicht draußen pennen“
Wohnungslose Menschen wie Jens, der zur Zeit der Forschung zwar über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügte, allerdings auch nicht schutzlos im öffentlichen Raum lebte, sind aufgrund ihrer sporadischen Wohnsituation häufig akut gefährdet, in den Zustand der Obdachlosigkeit zu geraten. In dieser von großer Unsicherheit geprägten Lage befindet sich Jens bereits seit einigen Jahren. Seitdem lebt er übergangsweise entweder bei Bekannten, in stationären Einrichtungen oder in betreuten Wohngemeinschaften für wohnungslose Männer.
Zu Beginn unserer Forschungskooperation wohnte er in einer Wohnung, die er sich gemeinsam mit einer bettlägerigen Frau teilte. Das Zimmer wurde ihm einige Wochen zuvor von einem Bekannten vermittelt. Sein Alltagsleben war zum damaligen Zeitpunkt von einem starken Gefühl der Immobilität geprägt, das nicht allein durch die Ausgangsbeschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie hervorgerufen wurde:
Die war so sehr nett, aber die hat halt körperliche Gebrechen. War nicht das, was ich eigentlich gesucht hatte, um vorwärtszukommen. Ich habe da eigentlich nur gegammelt und mir ging es psychisch nicht gut. Ich habe da nur geschlafen tagsüber, weil: wo sollte ich hin? Ich hatte nichts zu tun und habe mich einfach hingelegt. Sie lag ja auch die ganze Zeit und ich bin dann auch nicht mehr hoch gekommen. (Informelles Gespräch mit Jens, Berlin, 11.05.2020)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Wohnungslosigkeit während der COVID-19-Pandemie ein und definiert die zentrale Forschungsfrage nach der subjektiven Krisenwahrnehmung der Betroffenen.
2. Methoden: Dieser Abschnitt beschreibt das methodische Vorgehen, insbesondere die ethnografische Begleitung von vier Betroffenen, sowie die Reflexion der Forscherrolle.
3. Krise als Konzept: Zwischen Ausnahme- und Dauerzustand: Es erfolgt eine theoretische Einordnung der Pandemie als biopolitischer Ausnahmezustand im Kontrast zur Wohnungslosigkeit, die als permanenter Zustand der Nicht-Zugehörigkeit begriffen wird.
4. Verstrickte Krisen als Erfahrung: Wohnungslos in der COVID-19-Pandemie: Dieser Teil analysiert anhand von Fallbeispielen, wie die Pandemie auf bereits bestehende Marginalisierung trifft und welche individuellen Bewältigungsstrategien entwickelt werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Pandemie für die Betroffenen weniger einen neuen Ausnahmezustand, sondern eher eine Verschärfung der bereits existierenden Dauer-Krise darstellt.
Schlüsselwörter
Wohnungslosigkeit, COVID-19-Pandemie, Berlin, Ethnografie, Krisenerfahrung, Biopolitik, Ausnahmezustand, Nicht-Zugehörigkeit, Obdachlosigkeit, Lebenswelt, Bewältigungsstrategien, Soziale Exklusion, Prekarität, Emische Perspektive, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenssituation wohnungsloser Menschen in Berlin während der COVID-19-Pandemie und untersucht, wie sie die staatlichen Maßnahmen und die veränderte gesellschaftliche Lage wahrnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verständnis von Krisen (gesellschaftlicher Ausnahmezustand vs. persönlicher Dauerzustand), Wohnungslosigkeit, soziale Ausgrenzung sowie die biopolitische Steuerung der Pandemie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Perspektiven zweier betroffener Akteure offenzulegen und zu zeigen, wie ihre persönlichen Krisenerfahrungen mit der gesellschaftlichen Krise der Pandemie verknüpft sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine ethnografische Vorgehensweise gewählt, die informelle Gespräche, episodische Interviews sowie teilnehmende Beobachtung im Rahmen ehrenamtlicher Hilfe umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Krisenbegriff und eine empirische Analyse der Erfahrungen von zwei Wohnungslosen (Jakob und Jens) während der Pandemie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wohnungslosigkeit, Pandemie, Krisenerfahrung, biopolitischer Ausnahmezustand, soziale Exklusion und Widerstandstaktiken.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der Pandemie zwischen den zwei begleiteten Personen?
Während Jakob aufgrund seiner Schwerbehinderung und der räumlichen Einschränkungen durch die Pandemie besonders unter dem Verlust an Mobilität litt, empfand Jens die Maßnahmen und die vorübergehende Unterbringung teilweise als Chance, sein Leben neu zu ordnen.
Welche Rolle spielt der Begriff des "nackten Lebens" in der Argumentation?
Die Arbeit hinterfragt Giorgio Agambens These, dass die gesamte Gesellschaft in den Zustand des "nackten Lebens" degradiert wurde, indem sie aufzeigt, dass insbesondere soziale Randgruppen bereits vor der Pandemie an dieser Schwelle standen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2020, Wohnungslosigkeit in Zeiten der COVID-19-Pandemie in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962764