Die Betrachtung von Moral in den sozialen Medien anhand der Gefühlsethik David Humes


Studienarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problembeschreibung
1.2 Fragestellung

2 Begriffsklärung

3 Methodik

4 Humes empiristisch - skeptizistische Gefühlsethik

5 Die vernetzte menschliche Gesellschaft
5.1 Humes Sicht auf die menschliche Gesellschaft

6 Digitale Kommunikation und menschliche Gefühle
6.1 Gefühl und Kommunikation bei Hume

7 Moral und Gefühl in der digitalen Welt
7.1 Moral und Gefühl bei Hume

8 Diskussion
8.1 Fazit und Ausblick

Literatur

Gender Erklärung

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung anderer Geschlechter, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

1 Einleitung

"Unterdrücke alle herzlichen Gefühle und alle tugendhaften Neigungen, wie auch allen Ekel und jeden Abscheu vor dem Laster; mache die Menschen völlig gleichgültig gegen diese Un­terschiede - und moralische Gesinnung ist nicht mehr Gegenstand eines praktischen Anlie­gens und tendiert auch nicht mehr dazu, unser Leben und Handeln zu bestimmen" (Hume, 2012, S. 11).

Die philosophische Diskussion um das Gefühl und wie die Ethik die Forschungsergebnisse der Neurobiologie zu be- und verwerten hat, ist aktuell in vollem Gange. Die Ergebnisse der Hirnforschung wie auch der empirischen Moralforschung lassen nun eine Pflicht- und Ver­nunftethik (wie sie z.B. von Kant vertreten wurde) als nicht mehr haltbar erscheinen. Vielmehr rücken nun Ethiken in den Vordergrund, in denen die maßgebliche Bedeutung der Gefühle für moralisches Handeln einbezogen ist. Die neuen Forschungsergebnisse verankern also mora­lisches Handeln im Gefühl (Beisel, 2012, S. 9-11), (Düwell, Hübenthal & Werner, 2011, S. 362-363), (Fischer, 2012, S. 26). Die daraus erfolgende Auseinandersetzung mit klassi­schen Gefühlstheorien stellt somit keine bloße Traditionspflege dar, sondern sie stellt wesent­liche Hintergründe und Herausforderungen für die gegenwärtige philosophische Auseinander­setzung mit menschlichen Emotionen bereit (Landweer & Renz, 2012, S. 5).

Diese Aktualität einer gefühlsbetonten Ethik fällt dabei in eine Zeit großer gesellschaftlicher Umwälzungen: In einer globalisierten Welt, in der der naturwissenschaftlich-technische Fort­schritt unseren Umgang mit dem eigenen Körper und auch unsere Kommunikation revolutio­niert, wächst ebenso unser Bedürfnis nach ethischer Orientierung im persönlichen Nahbereich und im öffentlichen Diskurs (Goergen, 2010, S. 6). Das Leben mit der Digitalität, mit Compu­tern, Software, Robotern, Vernetzung zu fast jeder Tageszeit erfordert dazu das neue Aus­handeln von Regeln und Normen, für die es vor kurzem keine Notwendigkeit gab (Grimm, Keber & Zöllner, 2019, S. 12). Moralisches Handeln gründet damit nicht nur auf der Informiert­heit des autonomen Subjekts, sondern auch auf der Möglichkeit dieses Subjekts, mit anderen zu kommunizieren (Capurro, 2017, S. 173-174).

1.1 Problembeschreibung

Die öffentliche Debatte über das Internet und die sozialen Medien ist in hohem Maße moralisch aufgeladen. Es geht hier unter anderem um die Gefahr schädlicher Medienwirkungen, Belange des Jugend- und Verbraucherschutzes, aber auch um spezifischere Fragen, die sich aus dem 4

Charakter digitaler und vernetzter sowie global zugänglicher Medien ergeben. Dem stehen die ethisch ebenfalls höchst relevanten Versprechen gegenüber, mithilfe von Online-Medien grundlegende Werte wie Menschenwürde und Freiheit, Gleichheit und Teilhabe (Partizipation), wechselseitige Hilfe und globale Solidarität sowie Sicherheit in Zeiten vielfältiger Bedrohungen besser verwirklichen zu können (Altmeppen et al., 2019, S. 63) (Schweiger & Beck, 2019, S. 132). Da Emotionen dabei innerhalb der menschlichen Kommunikation eine wesentliche Rolle spielen (Kesselring, 2012, S. 36), bietet sich auch hier eine Verknüpfung mit gefühls­ethischen Ansätzen an.

Aktuell ist auch nach wie vor keine Moraltheorie ersichtlich, die in ihrer Komplexität und Kon­zentration auf die Affektkommunikation der Theorie David Humes nahekommt (Krauthausen, 2009, S. 146) (wobei u.a. Alfred Ayer, Simon Blackburn, Charles Stevenson und Ernst Tu­gendhat Humes Ideen in neuerer Zeit weitergeführt haben). Somit stellt sich die nachfolgende Frage.

1.2 Fragestellung

Wie zeigt sich Moral in den sozialen Medien, wenn sie mittels der Gefühlsethik David Humes betrachtet wird?

2 Begriffsklärung

Zuerst sollen die für diese Arbeit zentrale Begriffe „Moral“, „Gefühlsethik“ und „soziale Medien“ geklärt werden: Die „Moral“ (lat. Mores: Sitten, Charakter) stellt den für die Daseinsweise der Menschen konstitutiven normativen Grundrahmen für das Verhalten vor allem zu den Mitmen­schen, aber auch zur Natur und zu sich selbst dar. Die Moral bildet im weiteren Sinne einen der Willkür der Einzelnen entzogenen Komplex von Verhaltensregeln und Wertmaßstäben, aber auch von Sinnvorstellungen. Moral wird dabei nicht allein in persönlichen Überzeugungen u. Verhaltensweisen, sondern auch im Rahmen öffentlicher Institutionen (z.B. Eigentum, Fa­milie, usw.), letztlich in der gelebten sozialen, politischen und kulturellen Ordnung sichtbar. Sie bildet dabei ein von inneren Spannungen nicht freies Ganzes, das in seiner jeweiligen Gestalt für Einzelne, Familien, aber auch für ganze Kulturkreise charakteristisch ist. Moral wird durch Aufwachsen in der entsprechenden Gruppe, durch Vor- und Nachmachen, Leitbilder, Billigung u. Missbilligung angeeignet und zu einer persönlichen Haltung gefestigt (die Erziehung übt hier großen Einfluss aus) (Höffe, 2008, S. 211).

Unter „Gefühlsethiken“ werden Moralphilosophien verstanden, die speziell Gefühle als Beur­teilungsinstanz und Triebfeder für moralisches Handeln betrachten. Gefühlsethiken sind dabei häufig empiristische Ethiken (Fenner, 2020, S. 244). Der Begriff „Gefühl“ wiederum (griech: pathos, lat. sensus, engl. feeling, sense, sentiment, emotion) bezeichnet im Deutschen einmal den Tastsinn, zum anderen eine Vielzahl seelischer Phänomene. Sein Bedeutungsspektrum reicht von Sinnesempfindungen wie Hunger, Durst, usw., über seelische Zustände wie Angst, Unsicherheit, Freude, intentionale Gemütsbewegungen (Affekte, Leidenschaften) wie Liebe, Hass und Mitleid (Höffe, 2008, S. 91). Als Begründer der Gefühlsethik gilt Francis Hutcheson (1694-1746). Darauf aufbauend wendete David Hume (1711 - 1776) die in seiner empiristi­schen Erkenntnistheorie verwendeten Grundsätze auf den Bereich der Moral an, wobei er von den Affekten ausgehend, eine auf Sympathie basierende Ethik erarbeitete (Mayerhofer, 2012, S. 83).

„Soziale Medien“ (engl. Social-Media), ist ein Oberbegriff für digitale Anwendungen, die die Vernetzung von Menschen ermöglichen und dabei stark auf personalisierten Inhalten beruhen. Grundvoraussetzung für die Teilnahme ist die Erstellung eines eigenen Profils, über das man mit anderen Teilnehmern in Kontakt tritt und auf dessen Pflege viele Menschen großen Wert legen. Die bekanntesten Social-Media-Plattformen der Gegenwart sind u.a. Facebook, Insta­gram, ebenso Videoplattformen wie Youtube (Grimm et al., 2019, S. 246). Digitale Medien gewinnen in modernen Informationsgesellschaften in vielen Bereichen ständig an Bedeutung: U.a. als Informationsquelle, aufgrund ihres Einflusses auf Grundwerte, Präferenzen und die kulturelle Prägung (Höffe, 2008, S. 191). Mit der den sozialen Medien zugrundeliegenden "Di­gitalisierung“ ist der Prozess der Computerisierung und des damit verbundenen Einzugs infor­mationstechnischer Systeme in sämtliche Bereiche menschlichen Handelns gemeint (Grimm et al., 2019, S. 240).

3 Methodik

Nach einer umfassenden Literaturrecherche die Grundlagenliteratur Humes betreffen wurden ebenso aktuelle Arbeiten betreffend digitale Ethik, Ethik in sozialen Netzwerken und Gefühls­ethischen Ansätzen betrachtet. Eingeschlossen wurden insbesondere non-kognitivistische und naturalistische, Ansätze. Die vorliegende Arbeit beschreibt Fragen der Moral der Online­Kommunikation aus der Perspektive einer deskriptiven Ethik (entsprechend der empiristischen Zielsetzung Humes). Es erfolgt eine Gegenüberstellung aktueller digitaler Ansätze und der Gefühlsethik Humes: Ausgehend von der allgemeinen Digitalisierung der menschlichen Ge­sellschaft, über menschliche Kommunikation im Kontext von Gefühlen mündend in der digita­len Moral in sozialen Netzwerken und ihren entsprechenden gefühlsethischen Darlegungen.

4 Humes empiristisch - skeptizistische Gefühlsethik

Hume hielt die Moralphilosophie der Antike und die christliche Überlieferung für unnatürliche Konstruktionen. Ebenso kritisierte er die rationalistischen Systeme seiner Zeit als unvernünftig, da sie die sinnlichen Gegebenheiten und Vorstellungen der Menschen nicht ausreichend be­rücksichtigten (Galliker, 2012, S. 286-287). Dabei können nach Hume die Menschen, bedingt durch die Grenzen ihres Verstandes überhaupt nur zwei Bereiche erfassen: Die Gegenstände der mathematischen Wissenschaft und die Gegenstände der empirischen Wissenschaft (Hume, 2016, S. 91-113). So stellte er im Rahmen seiner Forschung das in den Mittelpunkt, was er auch tatsächlich wahrnehmen konnte; unter anderem das Benehmen der Menschen, ihre konkreten Beschäftigungen, Bemühungen, Vergnügungen und ihr Zusammenleben allge­mein (Galliker, 2012, S. 292). Mittels seiner Untersuchungsmethoden (weniger klassisch phi­losophisch als psychologisch-anthropologisch) (Krauthausen, 2009, S. 8) leitete er den Ur­sprung und das Wesen der Moral unmittelbar aus der empirischen Natur des Menschen und den entsprechenden subjektiven Motiven und Gefühlen ab (Tiefenbacher, 2009, S. 15). Mo­ralurteile gründen demnach auf dem moralischen Gefühl des jeweiligen Moralbeurteilers und die Vernunft wiederum gewährt dem Moralbeurteiler Kenntnis der für das Moralurteil erforder­lichen Tatsachen (Krauthausen, 2009, S. 41).

Dies mündete schließlich in seinem moralphilosophischen Hauptwerk, „Enquiry Concerning the Principles of Morals“, in dem er im Rahmen einer deskriptiven Ethik die Gesetze des menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens darlegt (Kulenkampff, 2003, S. 96-97). Hu­mes Werke bilden die Grundlage der nachfolgenden Überlegungen.

5 Die vernetzte menschliche Gesellschaft

Das menschliche Bestreben, mit anderen in einer friedlichen Übereinkunft zu leben, ist eine Erweiterung des Bestrebens sich selbst zu erhalten. Daraus entstehende gesellschaftliche und politische Übereinkünfte sind damit Erweiterungen unserer persönlichen biologischen Pro­grammierung (Damasio & Kober, 2018, S. 203-204). Sich mit anderen dabei zu vernetzen, zu kooperieren sind insofern wesentliche Merkmale unserer menschlichen Existenz. Im digitalen Zeitalter erfolgt diese Vernetzung nun in all ihren Facetten „online“ (Grimm et al., 2019, S. 76­77).

Aktuell und wohl auch zukünftig kommt dieser digitalen Weltvernetzung eine kaum zu über­schätzende Rolle in allen Lebensbereichen zu. „... Man kann das zugrunde liegende soziale Bedürfnis in Form eines moralischen Imperativs ausdrücken, nämlich: „Kommuniziere!“ oder genauer: „Teile alles allen mit!“ (Capurro, 2017, S. 161). Durch das daraus resultierende „al­ways on“ sind Menschen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen verbunden und teilen sich ständig mit (Grimm et al., 2019, S. 76). Und so werden in den sozialen Netzwerken auch Fra­gen nach Identität und Autonomie ausgehandelt. „Social Media“ ist dabei durchdrungen von politischen und ökonomischen Kontexten (Capurro, 2017, S. 185).

Durch die Globalisierung und Digitalisierung unserer Lebenswelten nehmen dabei auch Tempo (im Sinne einer sozialen Beschleunigung) und Komplexität ständig zu. Als neues Leit­bild gilt nun der „flexible Mensch“. Nur reaktionsschnelle, anpassungsfähige Individuen sind in der Lage, sich hier zu behaupten. Selbstmanagement und Flexibilität werden insofern zu einer Überlebenskompetenz (Friese, Nolden, Rebane & Schreiter, 2020, S. 122).

5.1 Humes Sicht auf die menschliche Gesellschaft

Nach Hume ist der Mensch als Mängelwesen, unter den vorhandenen Bedingungen, auf die Kooperation, auf die gesellschaftliche Vernetzung mit anderen angewiesen. Menschen haben somit ein starkes Motiv, solche Formen der Kooperation zu entwickeln und aufrecht zu erhal­ten. Die natürliche Selbstsüchtigkeit der Menschen ergibt dabei eine labile Situation. Men­schen halten sich jedoch an Gesetze, Normen, Konventionen, weil sie die Einsicht gewonnen haben, dass es für sie im Ganzen gesehen nützlicher ist (Kulenkampff, 2003, S. 122-123). "Die übliche Situation der Menschen hält die Mitte zwischen all diesen Extremen. Wir sind von Natur aus für uns und unsere Freunde voreingenommen, sind aber fähig, den Vorteil zu er­kennen, der sich aus einem unparteiischeren Verhalten ergibt“ (Hume, 2012, S. 29). Diese Nutzenserwägungen sind für die Moralphilosophie Humes in verschiedener Hinsicht von Be­deutung: Einerseits ist der Nutzen die Quelle künstlicher Tugenden, insbesondere der Gerech­tigkeit, und andererseits sind Nutzenserwägungen generell Grundlage für die Qualifizierung von menschlichen Eigenschaften als Tugenden und Laster (Krauthausen, 2009, S. 52) wobei dies zeitgleich immer von der Interpretation durch eine Gemeinschaft abhängig ist (Hume, 2013, S. 47).

Als Beobachter menschlicher Wirklichkeiten ist für Hume auch klar: Menschliche Kooperation entsteht nicht unter beliebigen Bedingungen. Menschen werden vor allem aus Schaden klug, insofern verstärken negative Erfahrungen die Neigung, sich zukünftig an ausgehandelte Kon­ventionen zu halten (Kulenkampff, 2003, S. 126). All dies basiert auch immer auf dem Ge­fühlsleben der einzelnen Gesellschaftsmitglieder, denn die sozialen Tugenden betrachtet man nie losgelöst von ihr förderlichen Tendenzen, und niemals gelten sie als unfruchtbar und nutzlos. Das Glück der Menschheit, die Ordnung der Gesellschaft, die Harmonie der Familien und der gegenseitige Beistand der Freunde werden immer als die Wirkung ihrer sanften Herr­schaft über die Herzen der Menschen angesehen" (Hume, 2012, S. 21-22). Im Umkehrschluss erfahren menschliche Gefühle erst im Rahmen sozialer Beziehungen ihre vollständige Ausbil­dung (Landweer & Renz, 2012, S. 408) und spielen dann beim Aufbau entsprechender Wer­tesysteme eine entscheidende Rolle (Streminger, 2017, S. 310-311).

Das wichtige Wechselspiel zwischen fühlendem Individuum und notwendiger Gemeinschaft ergibt sich ebenso durch die naturgegebene Geselligkeit des Menschen (Streminger, 1995, S. 100), der als soziales Wesen immer bereits in einen Sozialverband hineingeboren ist (Streminger, 2017, S. 301). Die menschlichen Phänomene des jeweiligen sozialen Nahberei­ches dehnen sich mit der Zeit aus und erfassen schließlich immer größere Sozialverbände (Streminger, 1995, S. 82), womit Beziehungen zu Menschen aus dem vorherigen Fernbereich ermöglicht werden. Ethik stellt dann ein Hilfsmittel dar, welches Menschen im Umgang mit anderen Menschen benötigen (Kesselring, 2012, S. 65).

6 Digitale Kommunikation und menschliche Gefühle

Einhergehend mit der in Kapitel fünf dargelegten Vernetzung der menschlichen Gesellschaft stellt die Kommunikation für das menschliche Überleben von Beginn an einen zentralen Be­zugspunkt dar, sowohl im positiven - es entsteht Freude, Interesse, man fühlt sich willkommen - als auch im negativen - die Kommunikation wirkt belastend, man fühlt sich minderwertig, klein und nicht respektiert (Bauer, 2019, S. 29). Menschliche Kommunikation wird dabei von kom­plexen, meist unbewusst ablaufenden, Interaktionen auf der Gefühlsebene begleitet, wobei dem individuellen Einfühlungsvermögen eine zentrale Bedeutung zukommt (Kesselring, 2012, S. 229).

Der virtuelle Raum des Internets mit seinen sozialen Medien ist untrennbar mit der materiellen Wirklichkeit verbunden (Thorhauer & Kexel, 2017, S. 18). Hier besteht eine neue interaktive Kommunikationsform. Aus passiven Botschaftsempfängern haben sich global agierende und aktive Individuen entwickelt (Capurro, 2017, S. 7), die es gewöhnt sind, dass es kein direktes, greifbares menschliches Gegenüber mehr gibt (Nida-Rümelin & Weidenfeld, 2018, S. 74-75). Insofern hat das Internet, haben die sozialen Medien das gesellschaftliche Bedürfnis nach Interaktion und Selbstdarstellung für eine große Anzahl von Menschen erfüllt (Capurro, 2017, S. 165).

Die digitalen sozialen Medien haben die menschliche Interaktion massiv verändert. Wün­schenswert sind nun möglichst schwach ausgeprägte Beziehungsformen in immer schnellerer Taktung, um so einen möglichst weiträumigen Zugang zu Informationen aus verschiedensten sozialen Bereichen zu ermöglichen (Friese et al., 2020, S. 124). Das digitale Netz erlaubt zu­sätzlich die interaktive Kommunikation zwischen den Wissenden, wodurch ein Mehrwert ge­genüber dem bloßen Informationsprozess gegeben ist (Capurro, 2017, S. 173). Eine beson­dere Bedeutung haben soziale Netzwerke dabei für das Beziehungsmanagement: Sie erlauben z.B. das Erstellen von öffentlichen Profilen und deren Ausstattung mit persönlichen Materialien (u. a. Fotos, Videofiles, Texten, etc.). Mithilfe solcher multimedialen Selbstpräsen­tationen können sowohl neue Kontakte im Allgemeinen geknüpft als auch Gleichgesinnte ge­zielt gesucht werden. Zudem können Nutzer dank der Kontaktlistenfunktionen ihre eigenen Profile mit denen ihrer Freunde, Verwandten und Kollegen verknüpfen, schnell Nachrichten austauschen und Kommentare auf ihren Websites hinterlegen. Die Nutzer nehmen so am Le­ben anderer Menschen virtuell teil (Friese et al., 2020, S. 119). Die neuen Technologien ver­einfachen so auch das In-Beziehung-setzen der eigenen Emotionen mit anderen Menschen (Grimm et al., 2019, S. 80).

Dem Gewinn an Transparenz, Teilhabe, Vielfalt und Verfügbarkeit von Informationen stehen aber verschiedene Probleme, wie z.B. eine Kommerzialisierung und Manipulation der Mei­nungsbildung, Überwachung und Verletzung der Privatsphäre und ein Glaubwürdigkeitsverlust des Journalismus gegenüber (Altmeppen et al., 2019, S. 63). Auch erscheinen virtuelle Freundschaften aufgrund mangelnder non-verbaler Kommunikation unwirklicher und irrealer, als im direkten menschlichen Kontakt (Thorhauer & Kexel, 2017, S. 22). Ebenso gibt es Hin­weise, dass soziale Netzwerke Empathie zerstören und Menschen aggressiver machen kön­nen (Bauer, 2019, S. 207).

6.1 Gefühl und Kommunikation bei Hume

Für Hume ist das Mitfühlen können mit anderen in jedem Menschen angelegt. So haben nicht nur die Überzeugungen anderer, sondern vor allem auch deren Gefühle Einfluss auf unsere eigenen Gefühle. Möglich wird dies auf der Grundlage von „Sympathy“ (Mitgefühl, Sympathie). Hume illustriert dies mit dem Bild gleichgespannter Saiten eines Musikinstrumentes, die ei­nander leicht zum Mitschwingen bewegen (Hume, 2013, S. 329). Für ihn ist das Mitgefühl da­bei ein empirisches, moralisch neutrales Prinzip (Brosow, 2014, S. 210-211).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Betrachtung von Moral in den sozialen Medien anhand der Gefühlsethik David Humes
Hochschule
Evangelische Hochschule Nürnberg; ehem. Evangelische Fachhochschule Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V962890
ISBN (eBook)
9783346311795
ISBN (Buch)
9783346311801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, medien, gefühlsethik, Hume, Ethik
Arbeit zitieren
B.A. Michael Werner (Autor), 2020, Die Betrachtung von Moral in den sozialen Medien anhand der Gefühlsethik David Humes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962890

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