Der IKEA-Effekt. Subjektive Wertschätzung durch Beteiligung


Bachelorarbeit, 2019

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. GRUNDLAGEN

3. AKTUELLER FORSCHUNGSSTAND UND ÜBERBLICK

4. DIE ENTDECKUNG DES IKEA-EFFEKTES

5. EMPIRISCHE STUDIE
5.1 Vorstellungder Hypothesen
5.2 Methodisches Vorgehen
5.3 Durchführung des Experiments
5.4 Ergebnisse des Experiments
5.5 Diskussion der Ergebnisse
5.6 Implikationen der Studie

6. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: ExperimentablaufBuilder

Abbildung 2: ExperimentablaufNon-Builder

Abbildung 3: Boxplot Höhe der Gebote in Abhängigkeit der Gruppe

Abbildung 4: Output Regressionsanalyse aus SPSS

Abbildung 5: Fragebogen Vorderseite

Abbildung 6: Fragebogen Rückseite

Abbildung 7: Bügelperlenvorlage Motiv KIT

Abbildung 8: Beispiel eines Schlüsselanhängers

Abbildung 9: Experimentplätze

Abbildung 10: ExperimentplatzBuilder

Abbildung 11: ExperimentplatzNon-Builder

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über den Forschungsstand

Tabelle 2: Ergebnisse derReliabilitätsanalyse

1. Einleitung

Viele Menschen verbinden mit dem Namen „IKEA“ vermutlich ähnliche Assoziationen. Es fallen sofort die in Einzelteile zerlegten Möbel in „schwedischem“ Design, die verwinkelten Gänge oder der Hotdog nach dem Einkauf im schwedischen Möbelhaus ein. Den Wenigsten wird aber das Phänomen des IKEA-Effektes geläufig sein.

Der Effekt beschreibt die erhöhte subjektive Wertschätzung von Gegenständen, die von einer Person selbst zusammengebaut werden. Dieses Phänomen wurde in einer Studie von Norton, Mochon und Ariely (2012) mithilfe zahlreicher Experimente untersucht, getestet und dokumentiert. Der IKEA-Effekt konnte unter anderem bei Aufbewahrungskisten, Origamifiguren, Lego Autos, Spielzeugen, Bildungsbausätzen und Milchshakes beobachtet werden. Auch die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen und Faktoren des IKEA- Effektes wurden untersucht.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Arbeit von Norton, Mochon und Ariely zu unterstützen und zu erweitern. Es werden zwei Forschungsfragen gestellt, die mit Hilfe eines im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Experiments beantwortet werden.

- Kann der IKEA-Effekt auch in einer anderen Umgebung und mit einem anderen Produkt beobachtet werden ?
- Hat das Persönlichkeitsmerkmal „Kreativität“ Auswirkungen auf die Wertschätzung des Experimentgegenstandes und steht es somit in Verbindung zum IKEA-Effekt ?

Zur Bearbeitung und Beantwortung dieser Fragestellungen ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Einleitend werden in einer Einführung die Grundlagen des IKEA-Effektes und die psychologischen Hintergründe, auf denen der IKEA-Effekt basiert, erklärt. Anschließend werden in einem Literaturüberblick eine Vielzahl von weiterführenden Studien zum IKEA- Effekt zusammengefasst, um ein tiefergehendes Verständnis bezüglich des Effektes zu vermitteln. Hierbei werden unter anderem sehr ähnliche und verwandte wertsteigemde Effekte neben des IKEA-Effektes aufgezählt und beschrieben. Der Kern dieser Arbeit befasst sich mit der selbst durchgeführten empirischen Studie am Karlsruhe Institut für Technologie. In diesem Kapitel werden die Hypothesen aufgestellt und die verwendete Methodik, die explizite Planung und Durchführung des Experiments beschrieben. Danach werden die Ergebnisse des Experiments ausführlich diskutiert und aus diesen Implikationen für Unternehmen und Manager abgeleitet. Abschließend werden ein zusammenfassendes Fazit der Studie sowie weitere Forschungsmöglichkeiten formuliert.

2. Grundlagen

Der IKEA-Effekt wurde zuerst von Michael I. Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely in ihrer Studie „The IKEA Effect: When Labor Leads to Love“ identifiziert und nachgewiesen. Der Effekt aus der Verhaltensökonomie wird als ein Zuwachs der Wertschätzung für einen selbst­gebauten Gegenstand im Vergleich zu demselben fertigen Gegenstand, ohne eigenen Arbeits­anteil, beschrieben. Durch den eigenen Arbeitsanteil bzw. Aufwand erhöht sich bei derjewei- ligen Person die Zahlungsbereitschaft (engl. Willingness to pay (WTP)) für diesen Gegenstand. Das bedeutet, dass Menschen trotz eigenen Arbeitsaufwandes bereit sind, mehr für ein Produkt, an dem sie selbst mitgewirkt haben, zu bezahlen. Dies ist erstaunlich, denn obwohl der Herstel­ler seine Kosten reduziert und die Produktionskosten somit teilweise auf den Kunden überträgt, sind die Käufer trotzdem bereit mindestens den gleichen Preis zu zahlen. Den Namen „IKEA“ gaben Norton et al. dem Effekt, da bei dem Schwedischen Möbelhersteller gekaufte Möbel hauptsächlich selbst aufgebaut werden müssen und somit zunächst noch eigener Aufwand er­bracht werden muss. Für ein besseres Verständnis des IKEA-Effektes werden im Folgenden zwei Konzepte aus der Sozialpsychologie vorgestellt, welche die Basis des Effektes bilden.

Theorie der kognitiven Dissonanz

Worauf basiert die Verbindung zwischen dem eigenen Beitrag und der erhöhten Wertschät­zung? Einen Hinweis dafür liefert eine Studie, in der die befragten Personen ihren Job als eine ihrer unangenehmsten Aktivitäten, gleichzeitig aber auch als eine der Lohnendsten bezeichnen (vgl. White und Dolan 2009). Dieser Zusammenhang zwischen unangenehmen und anstren­genden Tätigkeiten, aber auch gleichzeitig belohnender Eigenschaft, ist in der Forschung unter dem Begriff „effort justification“ bekannt. Die Idee entstammt aus der sozialpsychologischen Theorie der kognitiven Dissonanz.

Die Theorie der kognitiven Dissonanz erklärt Veränderung in der Einstellung bzw. der Über­zeugung des Menschen als ein Ergebnis des Versuches, Konflikte (Dissonanz) der Kognition zu reduzieren oder zu vermeiden (vgl. Festinger 1957). Kognition wird hierbei definiert als Kenntnis, Meinung oder Überzeugung von der Umwelt, von sich selbst oder dem eigenen Ver­halten. Kognitive Dissonanz kann nach Festinger immer dann auftreten, wenn man eine Ent­scheidung getroffen hat, die Alternativen aber ebenfalls attraktiv waren, oder sich die Entschei­dung als Fehlentscheidung entpuppt. Ebenso kann eine kognitive Dissonanz entstehen, wenn der Person bewusst wird, dass eine Sache unangenehmer oder anstrengender als erwartet wird. 2

Aus diesen Hypothesen folgert Festinger zusätzlich, dass „Die Existenz von Dissonanz erzeugt Druck zur Reduktion der Dissonanz und zur Vermeidung der Dissonanzzunahme“ (vgl. Festinger, 1978 S.42). Wie bereits erwähnt, erzeugt dieser Druck Verhaltensänderungen, Än­derungen von Kognitionen und der Vorsicht bei der Konfrontation mit neuen Informationen und neuen Meinungen.

Aus dieser Theorie lässt sich nun der oben genannte Effekt der „effort justification“ (dt. „Auf­wandsbegründung“) ableiten. „Effort justification“ beschreibt hierbei das Phänomen, bei dem Menschen eine bestimmte Aufgabe oder Aktivität positiver bewerten, wenn es sich um etwas Schwieriges oder Unangenehmes handelt. Anders ausgedrückt: Je mehr Aufwand man in eine Sache investiert, desto größer ist die Wertschätzung für das Ergebnis. Bei diesem Phänomen besteht eine Dissonanz zwischen dem Aufwand zur Erreichung eines Ziels bzw. Erfüllung einer Aufgabe und der subjektiven Belohnung für diesen Aufwand. Durch die Anpassung und Erhö­hung der eigenen Einstellung (Kognition) bzw. des subjektiven Wertes des Ziels wird diese Dissonanz reduziert. Auf den IKEA-Effekt bezogen steigern Menschen durch ihren Arbeitsauf­wand ihre Wertschätzung für ein Produkt. Die Sympathie für diesen Gegenstand steigt und damit auch die Zahlungsbereitschaft. Self-efficacy Als einen weiteren entscheidenden Faktor für die Entstehung des IKEA-Effektes nennen die Autoren der Studie die erfolgreiche Ausführung und den erfolgreichen Abschluss der Arbeit. Beim Konzept der „self-efficacy“ (dt. Selbstwirksamkeitserwartung, kurz SWE) wird die posi­tive psychologische Wirkung durch erfolgreiches Abschließen einer Aufgabe beschrieben (vgl. Bandura 1977). SWE bezeichnet die Überzeugung selbst schwierige und neue Situationen auf­grund der eigenen Kompetenzen meistem zu können. Durch die Erfüllung der Aufgabe (z. B. Aufbauen eines Möbelstücks) wird ein höheres Selbstwirksamkeitsgefühl geschaffen, dass wie­derum für ein höheres Maß an Zufriedenheit sorgt (vgl. Dittmar 1992; Furby 1991). Grundlage für diese Erhöhung der Zufriedenheit ist das erhöhte Maß an Kontrolle und ein Kompetenzge­fühl, welches durch das erfolgreiche Erfüllen einer Aufgabe entsteht (vgl. Franke, Schreier und Kaiser 2010). Im Gegensatz dazu führt ein Scheitern bei einer Aufgabe bzw. die Nichtvollen­dung der Arbeit zu negativen psychologischen Effekten (vgl. Savitsky, Medvec und Gilovich 1997). Diese These wird unterstützt durch das Experiment von Norton et al., bei dem die Teil­nehmer ihre erfolgreich zusammengebauten IKEA Boxen auf einer 7-Punkte Skala höher be­werteten, als die Teilnehmer, die den Bau nicht abschließen konnten.

Abgrenzung zu ähnlichen wertsteigernden Effekten Der IKEA-Effekt ist nicht zu verwechseln mit den zwei auf den ersten Blick ähnlich erschei­nenden Effekten. Der Endowment-Effekt und der „I designed it myself‘-Effekt beschreiben ebenfalls Phänomene, bei dem es zu einer Verzerrung der Wertschätzung eines Individuums kommt.

Der Endowment-Effekt bzw. Besitztumseffekt aus der Verhaltensökonomie besagt, dass Men­schen dazu neigen einem Gut einen höheren Wert beizumessen, sobald es in ihrem Besitz ist. Es erhöht sich somit die Zahlungsbereitschaft einer Person für ein und dasselbe Produkt schon durch den bloßen Besitz. Hintergrund für diese Wertsteigerung ist allerdings die Verlustaver­sion, die dafür sorgt, dass Verluste stärker gewichtet werden als Gewinne (vgl. für den in diesem Absatz ausgeführten Gedankengang Kahneman, Knetsch und Thaler 1990).

Der „I-designed-it-myself’ Effekt aus dem Bereich der kundenindividuellen Massenproduktion erzeugt bei Kunden, die ein Produkt selbst gestaltet haben, eine deutlich höhere Zahlungsbe­reitschaft. Dieser Effekt wird durch das Gefühl der Vollendung vermittelt und durch den wahr­genommenen Beitrag des Einzelnen zum Selbstgestaltungsprozess moderiert (vgl. Franke, Schreier und Kaiser 2010).

Einteilung in Produktkategorien Notwendig zu erwähnen ist, dass die Gegenstände bzw. Produkte, die im Zusammenhang mit dem IKEA-Effekt getestet werden, oftmals in Kategorien unterteilt werden. So wurden auch die Experimentgegenstände in der Studie von Norton, Mochon und Ariely in die zwei Produkt­gruppen „hedonistisch“ und „utilitaristisch“ eingeteilt. Hedonistische (aus dem griechischen „Freude“ oder „Lust“) Produkte sind multisensorisch und liefern neue Erfahrungen, Spaß, Ver­gnügen und Aufregung. Beispiele dafür sind Designerkleidung, Sportwagen oder Luxusuhren. Utilitaristische (lat. utilitas, Nutzen, Vorteil) Produkte sind Gebrauchsgüter und in erster Linie instrumentell. Ihr Kauf wird durch funktionale Produktaspekte motiviert (vgl. Wertenbroch, Dhar und Khan 2004). Typische Beispiele hierfür sind Zahnpasta, Küchenutensilien oder Werk­zeug.

3. Aktueller Forschungsstand und Überblick

Die Erkenntnis, dass das Investieren von Arbeitsaufwand die persönliche Wertschätzung erhöht ist nicht neu. Schon in den 60er Jahren wurde der IKEA-Effekt unbewusst genutzt. In Nord­amerika wurden in dieser Zeit neue fertige Backmischungen vertrieben, doch der Verkauf stag­nierte. Die Kunden, vornehmlich Hausfrauen, fühlten sich in ihren Fähigkeiten unterfordert, da die Backmischungen sehr einfach waren und relativ wenig Zeitaufwand benötigten. Die Her­steller reagierten und veränderten die Backmischung, so dass die Kunden zusätzlich Zutaten wie z. B. Eier und Milch zur Herstellung beisteuern mussten. Durch das nun notwendige Hin­zufügen von eigener Arbeitsleistung und Rezeptkomponenten, fand die Backmischung nach dieser Änderung mehr Anklang bei den Kunden (vgl. für den in diesem Absatz ausgeführten Gedankengang Shapiro, 2004). Aufbauend auf der Arbeit von Norton, Mochon und Ariely wurde der IKEA-Effekt in weiteren Studien auf zusätzliche wertsteigemde Faktoren untersucht. Diese und weitere Veröffentlichungen sind in der Tabelle 1 aufgelistet.

TABELLE 1: ÜBERSICHT ÜBER DEN FORSCHUNGSSTAND

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterführende Forschung zum IKEA-Effekt Im Anschluss an die Hauptstudie zum IKEA-Effekt wurde von der gleichen Personengruppe eine weitere Studie zu dieser Thematik durchgeführt. Darin wurde untersucht, ob die erhöhte Wertschätzung durch Kompetenzgefühle, die durch das erfolgreiche Zusammenbauen entste­hen, beeinflusst wird. Die Experimente belegen die entscheidende Rolle von Kompetenzgefüh­len sowohl als Mediator als auch Moderator, da sie das Interesse der Verbraucher an Baupro­dukten wecken und sich diese Bemühungen dadurch lohnen (vgl. Mochon, Nörten und Ariely 2012). In einer Replikationsstudie der Studie von Norton et al. konnte der IKEA-Effekt eben­falls gezeigt werden. Die zusätzliche Hypothese, dass Stolz ein Mediator für den IKEA-Effekt ist, konnte allerdings nicht bewiesen werden (vgl. Sarstedt, Neubert und Barth 2016).

Interessant ist ebenfalls, dass schon in früher Kindheit ab fünf Jahren eigene Kreationen im Bewusstsein einen besonderen Status einnehmen und es so zu einer Verzerrung der Wertschät­zung kommt, die nicht allein durch eine Investition von Zeit und Mühe hervorgerufen wird. Möglicherweise gibt es eine Verbindung zwischen den eigenen Kreationen und dem eigenen Selbstverständnis, die eine Basis des Effektes ist (vgl. Marsh, Kanngiesser und Hood 2018).

In einem anderen Ansatz wurde der Bauprozess und seine Verbindung zu persönlichen Wert­steigerung genauer untersucht. Erkenntnisse waren hierbei, dass das bloße Kennenlernen des Montageprozesses nur eine geringe Rolle bei dem Prozess der Wertsteigerung spielt. Erst wenn die Person tatsächlich das Produkt selbst zusammenbaut, entsteht eine erhöhe Wertsteigerung (vgl. Walasek, Rakow und Matthews 2017). Eine Voraussetzung für den IKEA-Effekt ist der eigene Arbeitsaufwand einer Person bei dem Entstehungsprozess einer Sache. Über dieses so­genannte „Do-it-yourself ‘ (DIY) Verbraucherverhalten ist noch relativ wenig bekannt. Die Stu­die von Marco Wolf und Shaun McQuitty (2011) hat dieses Verbrauchersegment genauer un­tersucht und ein Modell über die Motivation, das Verhalten und Auswirkungen eines DIY Kon­sumenten erstellt.

Praxisbezug Mit dem IKEA-Effekt wurde versucht die Sympathie für ein unbeliebtes Produkt zu steigern. Hierfür wurde getestet, ob mit selbstgemachten Gemüsesnacks bei Kindern die Sympathie und der Konsum von frischem gesundem Gemüse gesteigert werden kann. Dies konnte allerdings nicht beobachtet werden und hatte deshalb nicht den gewünschten Erfolg (vgl. Raghoebar, van Kleef und de Vet 2017). Im Gegensatz dazu konnte in einer Studie mit volljährigen Personen eine Erhöhung der Sympathie für Milchshakes und des Konsums dieser Getränke beobachtet werden (vgl. Dohle, Rail und Siegrist 2014).

Eine deutlich positive Wirkung auf die Produktattraktivität von handgefertigten Produkten ge­genüber maschinell hergestellten Produkten konnte in einer weiteren Studie beobachtet werden, der „Handmade“-Effekt. Diese Wirkung wird in hohem Maße von der Wahrnehmung beein­flusst, dass in handgefertigten Produkten symbolisch mehr „Liebe“ enthalten ist. Aus der These von Norton, Mochon und Ariely (2012) „Arbeit führt zu Liebe“ entstand die Hypothese, dass selbst professionell handgefertigte Produkte „Liebe“ hervorrufen können und somit Verbrau­cher durch Werbung für handgefertigte Produkte dazu veranlasst werden zu glauben, dass die Produkte tatsächlich „mit Liebe hergestellt“ wurden (vgl. Fuchs, Schreier und van Osselaer 2015). Der IKEA-Effekt kann aber auch zu negativen und ungewollten Ergebnissen führen. Beispielsweise bildet das Phänomen der Überspezifikation und Vergoldung (engl. over-requi­rement and gold-plating) eines der größten Risiken in der Softwareentwicklung. Durch die emo­tionale Beteiligung der Entwickler an ihren programmierten Softwarefunktionen wird das Pro­dukt über den tatsächlichen Bedürfnissen des Kunden oder Marktes hinaus spezifiziert (vgl. Shmueli, Pliskin und Fink 2015). Die Arbeit der Forscher Norton, Mochon und Ariely zum IKEA-Effekt wird im folgenden Kapitel näher beschrieben.

4. Die Entdeckung des IKEA-Effektes

Die Studie zum IKEA-Effekt basiert auf vier unterschiedlichen Experimenten. Injedem dieser Experimente wurden unterschiedliche Versuchsgegenstände, welche die Probanden konstruie­ren mussten, verwendet. Die ersten beiden Experimente sollen die Existenz und die Größe des IKEA-Effekts zeigen. Im dritten Experiment wird der IKEA-Effekt isoliert betrachtet und un­tersucht, wie sich der Aufbau und ein sich anschließender Abbau des Gegenstandes auf die Wertschätzung auswirkt. Das vierte Experiment testet, ob und wie sich die Wertschätzung bei einem vorzeitigen Abbruch der Aufgabe verhält. Zusammenfassend wird in Experiment eins und zwei der Grundeffekt und in Experiment drei und vier untersucht, wie sich der Effekt ver­ändert, wenn die Arbeit der Probanden nicht erfolgreich ist (vgl. für diesen Absatz Norton, Mochon und Ariely 2012).

Existenz des Grundeffektes In Experiment 1 müssen die Probanden einen Alltagsgegenstand für den privaten Gebrauch (utilitaristisches Produkt), eine IKEA Box, aufbauen. Die standardisierte IKEA Box wurde ge­wählt, um keinen Spielraum für Individualisierung und so eine mögliche Verfälschung der Wertschätzung zu erhalten. Denn einige Studien zeigen, dass Konsumenten selbstentworfene Produkte mehr wertschätzen, als Produkte, die von anderen Personen entworfen wurden (vgl. Franke, Schreier und Kaiser 2010). In diesen Studien wurden allerdings hedonistische Produkte verwendet, welche eher als Statussymbol gelten und um „Gesehen zu werden“ (z. B. T-Shirts, Armbänder oder Smartphone Cover). Die Probanden wurden per Zufallsprinzip den zwei Grup­pen „Builder“ oder „Non-Builder“ zugelost. Die Builder hatten die Aufgabe, mittels der bereit­gestellten Bauanleitung eine in Einzelteile zerlegte Box von IKEA aufzubauen. Die Non-Buil­der durften eine vollständig zusammengebaute identische Box betrachten und inspizieren. Alle Probanden mussten nach dem Zusammenbau bzw. dem Inspizieren ein Gebot für ihre Box ab­geben. Hierbei wurde den Probanden mitgeteilt, dass am Ende des Experiments eine Zufallszahl aus einer unbekannten Verteilung gezogen wird. Wenn ihr Gebot gleich oder höher der Zufalls­zahl ist, zahlen sie ihr Gebot und erhalten die Box. Ist ihr Gebot niedriger als die Zufallszahl können sie die Box nicht kaufen. Diese Methode von Becker-DeGroot-Marschak (BDM) (1964) dient zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaft (WTP) der Probanden. Zum Schluss des Experiments mussten alle Teilnehmer auf einer Skala zwischen 1 und 7 (1: überhaupt nicht bis 7: sehr gut) bewerten, wie sehr ihnen die IKEA Box gefallen hat und auf einer Skala zwischen 1 und 9, zu welcher Produktgruppe (hedonistisch oder utilitaristisch) sie die Box zuordnen wür­den. Dieses Experiment bildet die Basis der empirischen Studie dieser Arbeit.

Höhe des Grundeffektes Im zweiten Teil wird das vorige Experiment, in einigen Teilen modifiziert. In diesem Experi­ment durften die Teilnehmer, wieder Builder genannt, mit einer Anleitung entweder einen Frosch oder einen Kran aus Origamipapier basteln. Anschließend wurden sie erneut nach ihrer Zahlungsbereitschaft mit der gleichen BDM Methode wie in Experiment 1 gefragt. Allerdings wurden die Gebote und Zufallszahl auf eine Zahl zwischen 0 und 100 Cent beschränkt. Eben­falls wurde ein Teil der Non-Builder gebeten, ihre Gebote mit derselben Methode für die ano­nymen Origami Figuren der Builder aufzuschreiben. Der andere Teil der Non-Builder wurde gebeten, Gebote für von Experten gefertigte Origamifiguren abzugeben. Nach dem Experiment wurde den Non-Buildern mitgeteilt, dass sie anstatt den Origamifiguren, eine Anleitung und Origamipapier als Kompensation erhalten.

Differenzierung des IKEA-Effektes In Experiment 3 arbeiten die Probanden in Paaren zusammen und sollen aus einem Lego Set vier mögliche Figuren konstruieren. Jedem Probanden wird hierfür eine Figur zugelost (Pro- bandenjedes Paares haben unterschiedliche Figuren) in einem von drei Zuständen. Im „Endow- ment“-Zustand, erhält der Teilnehmer eine schon zusammengebaute Figur; im „Build“-Zustand muss der Teilnehmer seine zugeloste Figur aus den Legosteinen bauen, im „Unbuild“-Zustand muss der Teilnehmer seine zugeloste Figur zusammenbauen und dann wieder auseinander­bauen. Anschließend muss jeder Proband verdeckt ein Gebot für seine Figur und die seines Partners abgeben. Hierbei wurde nicht die BDM Methode verwendet, sondern stattdessen ge­winnt das höchste Gebot und der Bieter bezahlt die Höhe des Gebotes für die Figur.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der IKEA-Effekt. Subjektive Wertschätzung durch Beteiligung
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
35
Katalognummer
V963110
ISBN (eBook)
9783346318299
ISBN (Buch)
9783346318305
Sprache
Deutsch
Schlagworte
IKEA, Ikea Effekt, Norton, Mochon und Ariely (2012), When labour leads to love, Marketing, kognitive Dissonanz, WTP, Self-efficacy, Endowment Effekt, I-designed-it-myself- Effekt, DIY, Do it yourself
Arbeit zitieren
Philippe Gramm (Autor), 2019, Der IKEA-Effekt. Subjektive Wertschätzung durch Beteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/963110

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