Tot sind alle Götter: nun wollen wir dass der Übermensch lebe!


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2000

6 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

‚Tot sind alle Götter: nun wollen wir daß der Übermensch lebe!‘

von Martin Stepanek

Nietzsche schickt den 30-jährigen Zarathustra mit schier unglaublicher Nachricht auf Reisen: Gott ist tot.[1] Mit dieser lapidaren, wie gleichwohl revolutionären Feststellung scheint die Erde und deren Menschengesellschaft ihrem letzten allem übergeordneten und daher ordnenden Konzept beraubt, dem letzten traditionellen Anker der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die radikalsten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen ausgesetzt ist. Der beginnende Wirtschafts- und Bildungskapitalismus, der Motor dieser Veränderungen, der die agrarische Feudalgesellschaft schon Jahrhunderte hinter sich gelassen hat, sorgt für tiefe Verunsicherung in allen Schichten. In dieser von Umwälzung gekennzeichneten Zeit kommt der von Zarathustra proklamierte Tod Gottes daher einer letzten großen kopernischen Revolution gleich, die die letzten verbleibenden Hierarchien und traditionellen Definitionen endgültig außer Kraft setzt bzw. über den Haufen wirft.

Wenn Gott tot ist, welches Gesetz ist dann noch allgemein gültig? Der liebe Gott, der große Gott, Inbegriff und Garant für das Gute und Gerechte, mitunter auch für Strenge und Härte, aber auf jeden Fall die unfehlbare oberste Instanz in spirituellen, moralischen, gesellschaftlichen, vor allem aber auch in politischen Fragen (- die König- und KaiserInnen von Gottes Gnaden sehen wir bei diesem Punkt bedächtig mit den Köpfen nicken -). Dieser Gott soll nun wahrlich tot sein?

‚Bleibt der Erde treu‘[2], predigt Zarathustra und warnt das Volk vor dem Glauben an das Über- und Unterirdische. ‚Glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.‘[3] Und dem sterbenden Seiltänzer versichert Zarathustra, daß es ‚keinen Teufel (giebt) und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun Nichts mehr!‘[4]. Zarathustra spricht hier gegen den vor allem durch die Religion etablierten Dualismus von Seele und Leib, welche die Seele über dem Leib ansiedelt und als eigentliche Essenz des Menschen. Der Leib stirbt und zerfällt zu Asche, aber die Seele hingegen ist unsterblich, und findet im günstigen Fall Einlaß in den Himmel. Zarathustra hingegen kehrt alles um, er sieht die Seele, wie auch den Geist, nur als ‚kleines Werk- und Spielzeug‘[5] des Leibs, als einen vom Leib abhängigen Teil desselben:

‚Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und Nichts ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.‘[6]

Zarathustra weist wiederholend auf den Leib und das Körperliche, die es dem Menschen überhaupt erst möglich machen zu tun und zu schaffen. In diesem seinem Leben und auf dieser seiner Welt. Denn das ist es, wozu Zarathustra seine Brüder/Jünger/Schüler streng anhält, nämlich zu ihrem Schaffen und zu ihrem Tun, zu ihren eigentlichen Taten. Die ‚Schaffenden‘, die ‚Erntenden‘ und die ‚Feiernden‘[7] will Zarathustra um sich wissen, denn in diesen sieht er die große Hoffnung, das über allem angesiedelte, angestrebte Ziel zu erreichen, welches er bereits in der Vorrede ganz klar betitelt: die Überwindung des Menschen zum sogenannten Übermenschen.[8]

Was Zarathustra, oder ist es Nietzsche?, mit dem groß angekündigten Übermenschen genau meint, wird wohl niemals restlos geklärt werden können und von verschiedenen philosophischen Strömungen mitunter auf unterschiedlichste Weise (v)erklärt werden, denn Zarathustras Ausführungen bleiben auf weiten Teilen äußerst abstrakt, vage und mitunter auch relativ widersprüchlich. Da mag es zuerst einmal nicht verwundern, wenn es von Nietzsches Schwester heißt, sie hätte Hitler versichert, daß Nietzsche mit seinem Übermenschen in erster Linie an denselben gedacht habe.[9] Nietzsches allgemein bekannte Vorliebe, oder besser, Faszination von sogenannten großen Persönlichkeiten der Geschichte, wie Goethe, Michelangelo, oder - schon problematischer - Caesar, Napoleon und Cesare Borgia ließ viele darauf schließen, daß der von Zarathustra proklamierte Übermensch ein konkret an diese übergroßen ‚Helden‘ angelehntes und nach deren Vorbild gezeichnetes Ideal sei. Tatsächlich finden sich bei näherer objektiver Betrachtung im Text keine eindeutigen Beweise, die solch eine Interpretation rechtfertigen würden, auch wenn Nietzsche in diesen historischen Figuren möglicherweise Eigenschaften und Fähigkeiten zu entdecken glaubte, die er seinem Konzept vom Übermenschen zu Grunde legte. Aber das ist reine Spekulation. Nach Antworten auf die Frage, wer oder was denn nun der Übermensch sei, muß in erster Linie wohl einmal im Text selbst gesucht werden.

[...]


[1] Nietzsche, F., Also sprach Zarathustra. (Chemnitz 1883), p. 8., in the following referred to as ‚Zarathustra‘.

[2] Zarathustra, p. 9.

[3] ibid.

[4] Zarathustra, p. 16.

[5] Zarathustra, p. 35.

[6] ibid.

[7] Zarathustra, p. 20.

[8] Zarathustra, p. 8.

[9] Danto, A., Nietzsche as Philosopher, p. 198.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Tot sind alle Götter: nun wollen wir dass der Übermensch lebe!
Hochschule
University of Nottingham  (German Department)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V9634
ISBN (eBook)
9783638162838
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse ohne Sekundärliteratur.
Schlagworte
Nietzsche Zarathustra Übermensch
Arbeit zitieren
Martin Stepanek (Autor), 2000, Tot sind alle Götter: nun wollen wir dass der Übermensch lebe!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9634

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