Heine - Schumann: ein interdisziplinärer Arbeitsbericht zu: Mit Myrten und Rosen und Die alten bösen Lieder


Seminararbeit, 2001

16 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Heine – Schumann:

ein interdisziplinärer Arbeitsbericht zu

‚Mit Myrten und Rosen‘ und ‚Die alten bösen Lieder‘

I. Einleitung

‚Der gebildete Musiker wird an einer Raffaelschen Madonna mit gleichem Nutzen studieren können wie der Maler an einer Mozartschen Sinfonie. Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue, diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.‘[1]

Schumanns Glauben an ein gegenseitiges kreatives Befruchten der verschiedenen Kunstformen untereinander passt durchaus in unser traditionelles Bild der Romantik, in welchem immer wieder von der Verschmelzung der Künste als Ausdruck größtmöglichem künstlerischen Genies die Rede ist. Gerade Dichtung und Musik scheinen Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts eine besonders symbiotische Bindung einzugehen. Einerseits findet Musik einmal primär in den Gedichten, Romanen und Novellen Eichendorffs, Brentanos, Novalis oder Tiecks statt, indem keine Gelegenheit ausgelassen wird, die singenden Dichterprotagonisten zur Gitarre, Laute oder Violine greifen zu lassen[2] um ihren Gefühlsmomenten entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Andererseits scheint es den Romantikern auf einer zweiten Ebene aber gerade auch um eine Musikalität der Sprache und Dichtung an sich zu gehen, also um die Findung einer Sprache, in welcher das Musikalische schon impliziert ist.

So mag es wenig verwundern, dass in einer positiven Besprechung Heines Buches der Lieder durch Varnhagen von Ense dann auch von der ‚süßen Melodie der Sprache‘ die Rede ist und der Rezensent schließlich befindet: ‚Dieser Zauber der Sprache macht, dass manches Lied schon in Musik gesetzt scheint, weil es unendliche Musik in dem Leser aufregt.‘[3]

Auch die Bezeichung ‚Lied‘, auf welche wir gerade in der Romantik wieder vermehrt treffen, für die musikalische Ausdrucksform einerseits, und den lyrischen Text andererseits, spielt auf diese angestrebte Verschmelzung von Musik und Dichtung an. Natürlich ist uns diese besondere Symbiose zwischen Musik und Dichtung nicht erst seit der Romantik bekannt. Das Mittelalter kennt überhaupt zu einem Großteil nur im Gesang oder Sprechgesang vorgetragene Dichtung, und wenn bei Monteverdi in der Spätrenaissance ‚die Wellen murmeln und die Farnzweige zittern‘[4] und dies sowohl sprachmalerisch im Text selbst, als auch in Monteverdis musikalischer Umsetzung eindrucksvoll zur Geltung kommt, dann mutet das Bestreben der Romantiker nach einer Einheit von Dichtung und Musik eher wie eine Fortführung und mitunter Intensivierung einer jahrhundertelangen Tradition an, denn einer revolutionären Neuerung.

Für diese Arbeit über Heine-Vertonungen durch Schumann spielt das intermediale Wechselspiel von Musik und Text naturgemäß eine zentrale Rolle, wobei ein Ausspielen des Dichters und seiner Dichtung gegen den Musiker und seine Komposition und umgekehrt vermieden werden soll. Ausgangspunkt der Unterkapitel wird der Dichter und sein Gedicht sein, in einem zweiten Schritt soll die musikalische Umsetzung durch Schumann untersucht und etwaige Vergleiche und Schlüsse gezogen werden.

II. Mit Myrthen und Rosen

1.) H. Heine: Buch der Lieder (1827). Junge Leiden (1817-1821). Lieder : IX

1 Mit Myrthen und Rosen, lieblich und hold,

Mit duft’gen Zypressen und Flittergold,

Möcht‘ ich zieren dieß Buch wie ‘nen Todtenschrein,

Und sargen meine Lieder hinein.

5 O könnt‘ ich die Liebe sargen hinzu!

Auf dem Grabe der Liebe wächst Blümlein der Ruh,

Da blüht es hervor, da pflückt man es ab,-

Doch mir blüht’s nur, wenn ich selber im Grab.

Hier sind nun die Lieder, die einst so wild,

10 Wie ein Lavastrom, der dem Aetna entquillt,

Hervorgestürzt aus dem tiefsten Gemüth,

Und rings viel blitzende Funken versprüh’t.

Nun liegen sie stumm und todtengleich,

Nun starren sie kalt und nebelbleich.

15 Doch auf’s neu‘ die alte Gluth sie belebt,
Wenn der Liebe Geist einst über sie schwebt.

Und es wird mir im Herzen viel Ahnung laut:

Der Liebe Geist einst über sie thaut;
Einst kommt dieß Buch in deine Hand,

20 Du süßes Lieb im fernen Land.

Dann löst sich des Liedes Zauberbann,

Die blassen Buchstaben schaun dich an,

Sie schauen dir flehend ins schöne Aug‘

Und flüstern mit Wehmuth und Liebeshauch.

Der Abdruck des Gedichtes folgt der 1. Auflage Heines Buches der Lieder, welche Schumann für seine Komposition verwendet hat. Dies ist insofern von Bedeutung, da Heine für die 3. Auflage (1839) seines Buches der Lieder gravierende Änderungen an der Textgestalt durchführte. So änderte er die 1. Strophe wie folgt:

Mit Rosen, Cypressen und Flittergold

Möcht‘ ich verzieren, lieblich und hold,

Dies Buch wie einen Todtenschrein,

Und sargen meine Lieder hinein.

Außerdem strich er die 2. Strophe ersatzlos, was einer Präzisierung und Zuspitzung des Gedichtinhaltes gleichkommt, indem der im Gedicht nicht weiter ausgeführte Gedanke an die unglückliche Liebe einfach weggelassen wird und somit der poetologische Charakter des Gedichtes verstärkt wird.

Im Myrten-Gedicht, dem 9. und abschließenden des von Heine zusammengestellten Gedichtszyklus Lieder, gibt sich das lyrische Ich erstmals als ein dichtendes, und also lieder-schreibendes zu erkennen. Auffallend ist zunächst einmal die Sargmetaphorik, die uns auch im 2. in dieser Arbeit zu behandelnden Gedicht begegnen wird. Die Lieder müssen begraben werden, Sarg und Totenschrein in einem ist hierfür ein Buch, welches vom Dichter mit Blumen und Ziergewächsen geschmückt und verziert wird. Das ‚möcht‘‘ in Zeile 3 schwächt die überraschend radikale Aussage der Mitteilung ein wenig ab, gleichzeitig verwirrt es aber auch. Möchte nun der Dichter seine Lieder begraben, oder muss er es? Oder bezieht sich das möchten nur auf die Wahl des Sarges und der Bestattung? Dass der Dichter ausgerechnet ein Buch zum Sarg macht, bzw. das Buch ohne Zutun des Dichters vielleicht einfach Sarg ist, lässt für eine poetologische Interpretation jedenfalls aufhorchen.

Die zweite Strophe (der hier besprochenen 1. Fassung) knüpft mit dem Stichwort ‚sargen‘ an die letzte Zeile der ersten Strophe an. Die Metaphorik um Sarg und Grab wird weitergeführt, als neuer Gedanke führt das lyrische Ich aber gleichzeitig die Liebe ein, die es mit den Liedern begraben wünscht. Dies scheint dem lyrischen Ich aber nur sprachlich zu gelingen, indem die in der fünften Zeile eingeführte Liebe mit dem außerdem in Zeile 8 vorkommenden Grab in Zeile 6 zum ‚Grab der Liebe‘ verbunden wird. Interessant auch die spielerische Wortwiederholung vom Blühen der Grabesblümlein in Zeile 7, welches ironischerweise zum Blühen des begrabenen Poeten in der darauffolgenden Zeile mutiert.

Strophe drei gibt über den Schaffensprozess des Dichters Aufschluss. ‚Im tiefsten Gemüth‘ entstehen also, ganz im Sinne unserer Vorstellung eines romantischen Kunstverständnisses, die Lieder des Dichters, welche feuerwerksartig (‚viel blitzende Funken‘, Zeile 12) das Licht der Welt erblicken. Das lyrische Ich bemüht dabei den Vergleich mit der großen Naturgewalt des Vulkans Aetna, um diesen kreativen Schaffensakt entsprechend ins Szene zu setzen.

Umso überraschender dann die Wende in den ersten beiden Zeilen der 4. Strophe. Einmal das Gemüt des Dichters verlassen und mit der realen Welt in Kontakt gekommen, liegen die Lieder stumm, todtengleich, kalt und nebelbleich da, man könnte sich vorstellen, vor dem Dichter als ein fertiges, aber zugleich totes Produkt. Der eindrucksvolle Kontrast, hier die eruptiv hervorbrechenden, funkelnden Lieder, dort ihr totes Erstarren, unterstreicht Heine nicht nur durch seine Wortwahl, aber auch durch die satzbaumäßige Erstarrung der identisch geführten Zeilen 13 und 14 und der darin enthaltene Anapher ‚nun‘.

An dieser Stelle scheint nun endlich auch der Anfang des Gedichtes verständlicher. Die Lieder, einmal durch den Dichter in Worte gefasst, in Buchstaben gegossen oder auf Papier gedruckt, also medial konkretisiert, verlieren ihren magischen Zauber und sind wie abgestorben. Dem Buch kommt hierbei eine doppelte Bedeutung zu. Einerseits ist es, wie oben bereits angesprochen, ein ungeeignetes Medium für die Lieder, und somit Sarg und Totenschrein, gleichzeitig birgt es aber, und dessen scheint sich der Dichter vollkommen bewusst zu sein, paradoxerweise auch die Rettung für die ‚in blassen Buchstaben‘ erstarrten Lieder.

Der zweite Teil des Gedichtes, beginnend in Zeile 15, schwenkt jetzt nämlich vom Produzenten, dem Dichter, zum Rezipienten, dem Leser, in dessen alleiniger Macht es steht, die Lieder durch den ‚Geist der Liebe‘ wieder zum Leben zu erwecken. Interessant, dass Heine hier den Vorgang des Rezipierens mit einem schöpferischen Akt gleichsetzt. Der Kreis schließt sich. Das Buch landet in den Händen des Lesers, der das Geschriebene, so scheint es, in einem Akt der Verinnerlichung wieder zurück ins tiefe Gemüt führt und somit von seinem ‚Zauberbann‘ befreit.

Dem Dichter kommt in diesem Kreislauf sonderbarerweise nur eine Statisten- oder bestenfalls Beobachter-Rolle zu. Nach seinem kreativen Schaffensakt scheint er keine Kontrolle mehr über sein Produkt zu haben, und so sind es in Heines Gedicht in der abschließenden Strophe vielmehr die personifizierten Buchstaben und also die Dichtung selbst, die dem Leser‚ flehend ins schöne Aug‘ (Zeile 23) schauen und auf ihre Erlösung hoffen.[5]

[...]


[1] Schumann, R., Aus Meister Raros, Florestans und Eusebius‘ Denk- und Dicht-Büchlein, in: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Bd. 1, hg. von Martin Kreisig, 5. Auflage, Leipzig (1914), S. 26.

[2] Di Stefano, G., Der ferne Klang, Musik als poetisches Ideal in der deutschen Romantik, in: Euphorion 88 (1994), wieder in: Gier/Gruber (Hg.), Musik und Literatur, Frankfurt am Main (1995), S. 123.

[3] Wiedergabe des Zitats aus: Heine, H., Buch der Lieder, Frankfurt am Main (1975), S. 276.

[4] Monteverdi, Claudio: Il secondo libro de Madrigali (1590): ‚Ecco mormorar l’onde e tremolar le fronde‘, nach einem Gedicht von Torquato Tasso.

[5] Das heutzutage gängige Diktum, ein Text spräche in erster Linie für sich selbst, scheint hier angesichts der flüsternden Buchstaben seltsam wörtlich in die Tat umgesetzt.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Heine - Schumann: ein interdisziplinärer Arbeitsbericht zu: Mit Myrten und Rosen und Die alten bösen Lieder
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V9635
ISBN (eBook)
9783638162845
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schumann Heine Ironie Liederkreis Dichterliebe
Arbeit zitieren
Martin Stepanek (Autor), 2001, Heine - Schumann: ein interdisziplinärer Arbeitsbericht zu: Mit Myrten und Rosen und Die alten bösen Lieder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9635

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