Neue kulturelle Formen der Vergesellschaftung. Ausgeführt am Beispiel der Kulturtheorie Bourdieus und der Lebensstildiskussion.


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

28 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Zur Kulturtheorie Pierre Bourdieus
2.1 Der Kapitalbegriff
2.2 Konzept der Kapitalakkumulation

3 Kapitalformen
3.1 Ökonomisches Kapital
3.2 Kulturelles Kapital
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital
3.3 Soziales Kapital
3.4 Konvertierung der Kapitalformen

4 Bourdieus Klassentheorie
4.1 Klasse und Habitus
4.2 Kulturelles Kapital und soziale Ungleichheit

5 Lebensstildiskurs als Alternativmodell
5.1 Die Lebensstile
5.2 Sozialintegration versus Systemintegration
5.3 Theorie der Entkopplung
5.3.1 Ein Beispiel: Zeitpioniere

6 Gesellschaftliche Paradigmen
6.1 Konvergenz
6.2 Divergenz

7 Fazit

8 Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Unsere gegenwärtige Gesellschaft zeichnet sich aus durch die Betonung von Kultur im weitesten Sinne. Kultur wird zunehmend auch definiert als Massenkultur mit den Merkmalen spezifischer Informations- und Kommunikationsstrukturen, entstanden aufgrund einer Vielzahl von Technikentwicklungen mit weitreichendem gesellschaftlichen Einfluß, wie z.B. das Internet.

Veränderungen dieser Art führen zwangsläufig zu der Frage: Was ist Kultur? Derartige Wandlungen erfordern ein neues gesellschaftliches Bewußtsein. Im Rahmen einer solchen Gesellschaftsanalyse entwickelte Pierre Bourdieu den Begriff der Kulturtheorie. Das Anliegen Bourdieus besteht vor allem darin, eine soziologische Theorie der Praxis zu schaffen.

Zentral für die Untersuchung der Gesellschaft ist bei Bourdieu die Kultur. Der Begriff Kultur steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der gesellschaftsanalytischen Betrachtung. Hierbei hat der Kulturbegriff aufgrund von sozialem Wandel und Wertewandel unterschiedliche Definitionen bzw. Neuinterpretationen erfahren.

Ein Schwerpunkt der vorliegenden Seminararbeit soll eine Einführung in die Kulturtheorie Pierre Bourdieus sein. Von diesem Ansatz ausgehend soll anschließend das alternative Modell der Lebensstile als zeitgenössische Vergesellschaftungsform untersucht und zugleich mit den Erkenntnissen Bourdieus verglichen werden.

Zur Vorgehensweise:

Im Zentrum der Kulturtheorie Bourdieus erhält der bestehende Kapitalbegriff eine neue Betrachtungsweise in der Erweiterung der herkömmlichen Definition von Kapital. Bourdieu analysiert das gesellschaftliche Konzept der Kapitalakkumulation. Mit dem Begriff der Kulturtheorie bezeichnet Bourdieu primär die wechselseitige Abhängigkeit von Gesellschaft und Kapital. Diese Thematik erörtert das zweite Kapitel der Arbeit.

In Kapitel 3 werden die im Rahmen der Kapitaldefinition Pierre Bourdieus festgelegten Kapitalformen erläutert: ö konomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Weiterhin wird die Konvertierbarkeit dieser Erscheinungsformen von Kapital untersucht.

Basierend darauf will die vorliegende Arbeit einen Einblick in die Grundzüge Bourdieus kulturalistischer Theorie der Klassen liefern. Dies ist Inhalt des vierten Kapitels.

Ausgehend von dieser Grundlage soll in Kapitel 5 schließlich ein alternatives Modell, welches quer zum Klassenmodell Bourdieus liegt, untersucht werden: die Lebensstile. Was Lebensstile sind, wird am Beispiel der Zeitpioniere konkret beschrieben (5.3.1).

Ein Vergleich in Bezug auf die Gemeinsamkeiten (Konvergenz) sowie die Unterschiede (Divergenz) von Bourdieus Kulturtheorie und der Lebensstildiskussion als gesellschaftliche Paradigmen sind Thema des sechsten Kapitels.

Ein Fazit schließt die Arbeit ab.

2 Kulturtheorie Pierre Bourdieus

Pierre Bourdieu, 1930 geboren, gehört zu den vielseitigsten und bekanntesten Vertretern der gegenwärtigen Soziologie in Frankreich. Schwerpunkt seiner mittlerweile fast dreißigjährigen Forschungstätigkeit ist die vorrangig Kultur- und Kunstsoziologie, aber auch die Erziehungssoziologie. Beeinflußt vom Strukturalismus Ernst Cassirers mit dessen Hauptwerk „Philosophie der symbolischen Formen“ begann er seine Laufbahn als Ethnologe, durchbrach dann aber die traditionellen Grenzen der Ethnologie mit zwei soziologischen Arbeiten über Algerien.

Bourdieu vertritt eine Auffassung, die z.B. auch bei dem Ethnologen und Kulturanthropologen Clifford Geertz deutlich wird. Nach Geertz ist Kultur maßgeblich an der Natur des Menschen beteiligt.1 Kunst wird bei ihm ebenfalls nicht verstanden als luxuriöse - um nicht zu sagen überflüssige - „Sahnehaube“, die auf der Gesellschaft thront, gemäß des stratigrafischen Modells, demzufolge Kultur als äußerste Schale der gesellschaftlichen „Zwiebel“ angesehen wird. Geertz definiert Kultur als „eine Vielzahl von Kontrollmechanismen“, als eine Art „Programm“.2

Ebenso wie Geertz setzt sich Bourdieus Kulturtheorie ab von bisher gängigen, üblichen Vorstellungen der Kulturtheoretiker des 19. Jahrhunderts. Dort wurde Kultur stets als sublimer, fast „weltfremder“ Bereich angesehen (gewissermaßen mit Hegel gesprochen „über den Wassern schwebend), Kultur also verstanden als relativ unerheblicher „Luxus“, der einige auserwählte Individuen vor der Gesellschaft zu retten vermag. Die kleine, empfindsame Welt der Kultur stand dem alles beherrschenden Riesen der Wirtschaft dichotom gegenüber.3

Diese Ansicht widerlegt Bourdieus Theorie. Kultur wird bei ihm als der wirkungsmächtige Bereich angesehen, der Statuspositionen und somit generell Macht reproduziert und manifestiert.

Wie, das soll im folgenden ersten Block der Arbeit, die sich mit der Kultursoziologie Bourdieus befaßt, ausgeführt werden.

Vorab einleitend noch ein Wort zum Menschen Pierre Bourdieu. Selbst jahrelang als Lehrer bzw. später Hochschullehrer tätig gewesen, interessierte ihn stets besonders der Zusammenhang von schulischer Erziehung und sozialer Ungleichheit. Seine empirisch ausgerichtete Kultursoziologie, z.B. seine empirischen Untersuchungen über das Museum und sein Publikum, fokussieren vordringlich Probleme der Kulturübertragung durch erzieherische Bemühungen. In diesem Zusammenhang ist auch seine Biographie von Bedeutung: Pierre Bourdieu stammt aus einer bäuerlichen Gegend in den Pyrenäen. Er hat einen für die französische Gesellschaft spektakulären Durchmarsch durch die Grandes Écoles, den Eliteschulen Frankreichs, geschafft - eine einmalige Leistung, bedenkt man seine „unstandesgemäße“ Herkunft! Und gerade diese Herkunft „öffnete ihm die Augen für die kritische Reflektion des französischen Bildungssystems mit seinen Eliteschulen“.4

In Deutschland trat Ende der 80er Jahre eine verstärkte Rezeption der Theorie Bourdieus ein. Ein Grund für die relativ späte Bourdieu-Rezeption hierzulande könnte die Tatsache sein, daß die Untersuchungen Bourdieus stark auf die franz ö sische Gesellschaft bezogen sind. Dennoch ist eine Adaption auf beispielsweise bundesdeutsche Gegebenheiten möglich - ganz abgesehen von dem Reichtum an werkimmanenten allgemeinen Aussagen zum Verhältnis von Kultur, Macht und Gesellschaft.

2.1 Kapitalbegriff

Pierre Bourdieu bezeichnet die „Kämpfe“ oder neutraler: die Bewegungen in einer Gesellschaft in vielen Werken gerne mit dem Terminus des „sozialen Spiels“. Diese „sozialen Spiele“ unterliegen spezifischen Regeln. Diese „Spielregeln“ einer Gesellschaft lassen sich seiner Meinung nach gut am Begriff des Kapitals aufzeigen und verdeutlichen.

Primäre Textgrundlage der folgenden Erläuterungen zum Begriff des Kapitals, wie auch allgemein der Überlegungen zu Bourdieu, ist die deutsche Übersetzung des Aufsatzes Ö konomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital aus dem Jahre 1983.5

2.2 Konzept der Kapitalakkumulation

Bourdieu definiert zu Beginn seines Aufsatzes die gesamte gesellschaftliche Welt als „akkumulierte Geschichte“ (S. 183). Analog dazu formuliert er seine Definition des Begriffes Kapital folgendermaßen:

Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, „inkorporierter“ Form. (S. 183)

In welchem sozialen Raum sich ein Mitglied der Gesellschaft bewegt, und welche Position, welche Haltung dieser Mensch einnimmt, ist, laut Bourdieu, abhängig von der Verfügung über Kapital. Entscheidend ist hierbei die Ansammlung, die Akkumulation von Kapital.

Zur Verdeutlichung dieses Ansatzes/Prinzips wählt er den Vergleich mit dem Glücksspiel: Beim Roulettespiel herrscht vollkommene Konkurrenz und Chancengleichheit. Glücksspiele unterliegen zwar auch (Spiel-) Regeln, aber ihr Verlauf unterliegt keiner Willkür, sondern er hängt ausschließlich ab vom Fall der Würfel oder der Roulettekugel. Das Glück, der Zufall entscheidet, der Ausgang des Spiels ist nicht planbar oder mitbestimmbar.

Die Welt der Wirtschaft hingegen ist charakterisiert durch die Akkumulation von Kapital, durch die Vererbung von erworbenen Besitztümern und Eigenschaften. Wirtschaftliches Leben ist, im Gegensatz zum Glücksspiel, auf entscheidende Weise bestimmt durch die Ressourcen der Spieler und durch deren Fähigkeit, diese strategisch sinnvoll einzusetzen. Konkret auf die Gesellschaft bezogen bedeutet dies: die soziale Praxis ist bestimmt durch die Verfügungsgewalt über spezifische Ressourcen, die Bourdieu als Kapital bezeichnet (S. 183).

Wichtig, neu und spannend ist nun jedoch, daß Kapital für Bourdieu in all seinen verschiedenen Erscheinungsformen erkannt und untersucht werden muß. Dies soll Inhalt des dritten Kapitels dieser Arbeit sein.

3 Kapitalformen

Kapital muß in all seinen Erscheinungsformen erkannt und untersucht werden, und nicht nur in der aus der Wirtschaft übertragenen monetären Gestalt bzw. in Form von Produktionsmitteln, Betriebsmitteln, Besitz an Grund und Boden. Denn dieser Kapitalbegriff - so Bourdieu - sei eine historische Erfindung des Kapitalismus und reduziere die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse entscheidend! (S. 184) Mit einem derart reduzierten Kapitalbegriff seien die Besonderheiten und spezifischen Charakteristika der nicht-warenförmigen Ökonomien der verschiedenen sozialen Felder in ausdifferenzierten Gesellschaften nicht faßbar.6

Das klassisch ökonomische oder „materielle“ Kapital im Sinne Marx’ interessiert Bourdieu somit ungleich weniger als die indirekter wirkenden Mechanismen der anderen Kapitalformen.

Deshalb erweitert er den Begriff von Kapital auf die drei Dimensionen von Kapital: Ö konomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Diese unterschiedlichen Ausformungen von Kapital sollen im folgenden erläutert werden.

3.1 Ökonomisches Kapital

Beim ökonomischen Kapital handelt es sich - wie bereits oben benannt - um Geld, Einkommen, Vermögen, um den Besitz an Produktionsmittel, Grund und Boden etc.- Kapital im landläufigen Sinne also. Es versteht sich von alleine, daß dieses ökonomisches Kapital unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar ist. Laut Bourdieu eignet es sich besonders gut zur Institutionalisierung in Form des Eigentumsrechts (S. 185). Es gilt die Marx’sche Formel: Besitz an ökonomischen Kapital impliziert zugleich Besitz an Macht.

Hier unterscheidet sich nun jedoch der Ansatz Bourdieus. Er stellt die These auf, daß ökonomisches Kapital für sich alleine genommen in den differenzierten Gesellschaften unserer Tage eben gerade keine Machtposition mehr garantiere. Erst dann, wenn ökonomisches Kapital mit den anderen Kapitalformen einhergehe, könne tatsächlich Macht ausgeübt werden.

Als erster Schritt sollen nun diese beiden Kapitalformen beleuchtet werden: das kulturelle und das soziale Kapital.

3.2 Kulturelles Kapital

Der Begriff des kulturellen Kapitals ist für uns besonders interessant. Unter kulturellem Kapital versteht Bourdieu die Schulbildung eines Menschen, seinen Kunstgeschmack, ganz allgemein: sein individueller Gehalt an Bildung und Wissen.

Kulturelles Kapital ist unter bestimmten Voraussetzungen in ökonomisches Kapital konvertierbar. Es eignet sich besonders zur Institutionalisierung in Form von schulischen Titeln (S. 185). Ganz entscheidend ist zudem, daß das kulturelle Kapital durch Familientradition vererbbar und vermehrbar ist:

„...die am besten verborgene und sozial wirksamste Erziehungsinvestition [bleibt] unberücksichtigt, nämlich die Transmission kulturellen Kapitals in der Familie “ (S. 186, Hervorhebung im Original).

Dieser bedeutende Aspekt sollte hier nur kurz erwähnt werden, er findet in Kapitel vier zur Klassentheorie Bourdieus eine ausführliche Behandlung.

Das kulturelle Kapital tritt nach Bourdieu in drei verschiedenen Ausformungen auf. Zu unterscheiden sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Untersuchen wir im die einzelnen Ausformungen des kulturellen Kapitals näher.

3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital

Unter inkorporiertem Kulturkapital versteht Bourdieu allgemein den Bildungs- und Wissenshorizont eines Menschen.7 Es setzt einen Prozess der Verinnerlichung („incorporation“) voraus. Das inkorporierte Kulturkapital ist also grundsätzlich körpergebunden. Der Erwerb des Kapitals erfordert vor allem Zeit. Die Zeit muß vom Investor persönlich investiert werden, genauso wie Bräune oder eine sichtbare Muskulatur läßt sich Bildung nicht durch eine fremde Person vollziehen. Bildung muß sich jeder Mensch selbst „erarbeiten“, sie kann nicht verschenkt oder übertragen werden: das Delegationsprinzip ist hier somit ausgeschlossen. Da es körpergebunden ist, unterliegt inkorporiertes Kulturkapital natürlich auch den gleichen biologischen Grenzen und Gesetzen wie seine Inhaber.

Für den Erwerb von inkorporiertem Kulturkapital „bezahlt man mit seiner Person“, d.h. libido sciendi, das bedeutet man investiert Zeit für den Erwerb der Bildung und nimmt gleichermaßen dafür auch Entbehrungen und Opfer auf sich. Auch die Primärerziehung in der Familie muß hierbei in Rechnung gestellt werden, und zwar als positiver „Bonus“ vorab der Schulbildung - oder aber als negativer Faktor, der doppelt schwer wiegt, gewissermaßen als doppelt verlorene Zeit, da die negativen Folgen einer ausgebliebenen kulturellen Primärerziehung erst korrigiert (quasi: nachgeholt) werden müssen. Somit besteht eine Beziehung zwischen dem inkorporierten kulturellen Kapital und den Gesetzen des schulischen Marktes.8

Für Bourdieu sind „Fähigkeit“ und „Begabung“ zu großen Teilen das Produkt einer Investition von Zeit und kulturellem Kapital - natürlich als auch indirekt von ökonomischem Kapital (vgl. S. 186). Meiner Meinung nach birgt diese These auch die Möglichkeit der Fehlauslegung in sich. Denn die Investition von Zeit und kulturellem als auch ökonomischem Kapital führt ja nicht zwangsl ä ufig zu einem Maximum an Wissen, Bildung, Fähigkeit, Begabung, sprich: zum Erfolg. Wenn dem so wäre, müßten ja alle Kinder privilegierter Familien zu herausragenden Persönlichkeiten gedeihen! Für seine strukturalistisch geprägte Gesellschaftsanalyse negiert er die Wirkungsmacht des psychologischen Bereiches auf die individuelle menschliche Entwicklung vollkommen.

Weiter stellt Bourdieu folgende These auf: Verkörperlichtes Kulturkapital bleibt immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt (S. 187). Deutlich wird dies z.B. an der typischen Sprechweise eines Menschen (sei es Dialekt oder Hochdeutsch), generell formuliert an der soziale Vererbung durch die Familie. Ein Beispiel: Kinder, die von ihren Eltern in Musen oder Opern „mitgeschleppt“ werden, erhalten bereits durch diesen Umstand eine Quantität an kulturellem Kapital, nämlich indem sie solche Gebäude schon des öfteren betreten haben, wissen sie zumindest, wie man sich in ihnen „bewegt“ - ein klarer Vorteil.9

Wie aufgezeigt wurde, sind der Erwerb von kulturellem Kapital und die Primärerziehung eng verwoben. In einer optimalen Familiensituation bedeutet die gesamte Zeit der Sozialisation für das Kind eine ständige Akkumulation von Kulturkapital. Das Kind kann gut und ausdauernd lernen, und wird zudem noch „nebenbei“ über die Familie mit kulturellem Kapital versorgt. Notwendig hierfür ist natürliche eine entsprechend stabile finanzielle Situation der Familie, die es einem Elternteil erlaubt, kontinuierlich das Kind mit Liebe, Aufmerksamkeit und Wissen zu „versorgen“ - das ökonomische Kapital steht also auch beim Erwerb von kulturellem Kapital als entscheidender Faktor stets im Hintergrund!

Inkorporiertes Kulturkapital ist zum festen Bestandteil einer Person, zum Habitus, geworden. Der Begriff des Habitus’ ist zentral für die Theorie von Pierre Bourdieu. An keiner Stelle seines umfangreichen Oeuvres liefert er eine klare Definition. Zusammengefaßt läßt sich der sehr komplexe Begriff des Habitus’ vielleicht knapp definieren als inkorporierter Code der Handlungsgrammatik, als System von unbewu ß ten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern.10 Der Habitus ist fest geprägt von der Primärerziehung - niemand kann „aus seiner Haut“. In Kapital vier wird der Begriff des Habitus’ im Zusammenhang mit dem Klassenkonflikt noch ausführlicher untersucht werden.

Anzumerken ist noch, daß die Nutzung des inkorporierten kulturellen Kapitals für Besitzer von ökonomischem (oder sozialen) Kapital besonders schwierig ist. Es stellt sich auch für Bourdieu folgende Frage: „Wie läßt sich diese so eng an die Person gebundene Kapitalform kaufen, ohne die Person selbst zu kaufen - denn das würde zum Verlust des Legitimationseffektes führen, der auf der Verschleierung von Abhängigkeit beruht?“ (S. 187).

Generell gesprochen neigt man dazu, inkorporiertes Kulturkapital, also Bildung, nicht wirklich als „echtes“ Kapital zu begreifen, sondern vielmehr als symbolisches Kapital „abzutun“ - eine Haltung, die Bourdieu hier völlig widerlegt. Das Gegenteil ist der Fall: Kapital im allgemeinen, aber gerade Kulturkapital im speziellen, muß gleichgesetzt werden mit Macht (S. 184). Sehr deutlich wird dies auch bei den beiden weiteren Erscheinungsformen von Kulturkapital, der objektivierten und der institutionalisierten Ausformung.

3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital

Objektiviertes Kulturkapital ist, wie der Name bereits sagt, die Manifestation des inkorporierten, verinnerlichten Kulturkapitals in Objekten. Objektiviertes Kulturkapital wird von manchen Wissenschaftlern auch - etwas pathetisch - als die „Erniedrigung des Geistes durch die Materie“ definiert (S. 189, Anmerkung 10). Solche „materiellen Träger“ von „reinem Wissen“ können z.B. sein: Büchersammlungen, Schriften im Allgemeinen und im Speziellen, eine Gemäldesammlung, aber ebenso Maschinen, wissenschaftliche Instrumente, Computer. Entscheidend ist lediglich die Tatsache, daß bestimmte kulturelle Theorien ihre Spuren in diesen Objekten hinterlassen haben.

In seiner objektivierten Form ist kulturelles Kapital besonders eng mit dem ökonomischen Kapital verbunden. Kulturelle Güter können zum Gegenstand materieller Aneignung werden, dies setzt ökonomisches Kapital voraus. Aber sie können auch symbolisch angeeignet werden, was inkorporiertes Kulturkapital jedoch voraussetzt. Hervorzuheben ist hierbei, daß Kultur in diesem Zusammenhang möglichst weitumfassend verstanden werden muß, und nicht zu eng z.B. auf den rein künstlerischen Bereich ausgerichtet sein darf. So sind auch ausschließlich technische ausgelegte Büchersammlungen dem objektivierten Kulturkapital zuzurechnen als Zeugnis menschlicher Kultur entwicklung.

Kulturelles Kapital ist somit auf dem Wege über diese materiellen Träger übertragbar geworden. Übertragbar ist in diesem Fall jedoch lediglich das juristische Eigentum, also das Besitzverhältnis, nicht aber z.B. die Liebe zur Kunst und die Fähigkeit, sie zu verstehen und zu beurteilen. Dieser Umstand setzt wiederum inkorporiertes Kulturkapital voraus. Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Für den bloßen Besitz von Maschinen z.B. genügt ökonomisches Kapital, um mit ihnen jedoch adäquat, also auf hohem geistigen (kulturellen) Niveau umgehen zu können, dafür benötigt man kulturelles Kapital. Aus diesem Umstand rührt auch der Status der hochqualifizierten Führungskräfte, sie sind gewissermaßen „Beherrschte“ und „Herrscher“ zugleich.

Jedoch bleibt festzuhalten, daß objektiviertes Kapital nur dann seinen Nutzen und Wert voll entfalten kann, wenn es auch tatsächlich benutzt wird, also wenn die Bücher auch wirklich gelesen werden etc. Die Aneignung und der Einsatz des objektivierten Kulturkapitals im kulturellen Feld ist entscheidend - ansonsten verkommt es zur bloßen Staffage und wird nicht seinem Wesen gerecht.

3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital

Wie bereits oben erwähnt wurde, stirbt auch inkorporiertes Kulturkapital mit dem menschlichen Tod. Die Objektivierung in Form von Titeln gleicht diesen Mangel aus (S. 189). Der schulische Titel einer Hochschule (oder einer vergleichbaren höheren Schule/Akademie) ist die institutionalisierte Form von Bildungskapital: „Der schulische Titel ist ein Zeugnis für kulturelle Kompetenz, das seinem Inhaber einen dauerhaften und rechtlich garantierten konventionellen Wert überträgt“ (S. 190).

Als Besitzer von schulischen Titeln werden Inhaber kulturellen Kapitals vergleichbar und austauschbar. Ein Maß zur Messung von abstrakter Bildung ist nun vorhanden. Kulturelles Kapital ist somit erst mit dem Titel direkt in ökonomisches Kapital konvertierbar. Wie sich dies vollzieht, darauf soll in Punkt 3.4 noch eingegangen werden.

Der Umstand, weshalb dem schulischen Titel so viel Bedeutung und letztlich Macht zukommt, ist der Sachverhalt, daß er nicht übertragbar (wie der Adelstitel) und nicht käuflich (wie der Börsentitel) ist. Er nimmt eine Sonderstellung ein: er kann nur vom Besitzer allein durch eine hohe Investition von Zeit und Mühe erworben worden sein. Der schulische Titel ist rechtlich garantiert.

Der Titelinhaber unterscheidet sich vom Autodidakten - auch wenn die inkorporierten kulturellen Fähigkeiten des Autodidakten die des Titelträgers weit übertreffen - darin, daß die Fähigkeiten des Autodidakten lediglich illegitimes kulturelles Kapital sind, also nicht konvertierbar und somit gewissermaßen: nutzlos. Die Realität beweist dies ja leider allzu oft: titelgeschmückte Absolventen von Hochschulen, womöglich ohne jegliche Praxiserfahrung, bekommen die raren, begehrten (Führungs-)Posten, Bewerber mit vielleicht höherem fachlichen Wissen und der Zusatzqualifikation Erfahrung, jedoch ohne den vorgeschriebenen Titel, schaffen nicht einmal die Hürde der Einladung zu einem ersten Vorstellungsgespräch.

3.3 Soziales Kapital

Bourdieu definiert das soziale Kapital als eine weitere eigenständige Form von Ressourcen. Das soziale Kapital resultiert aus der Ausnutzung eines „Netzes aus Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens“ (S. 190) Es bezeichnet die „Zugehörigkeit zu einer Gruppe“ (S. 190), die zu einem persönlichen Vorteil genutzt werden kann. Das Gesamtkapital (d.h. ökonomisches, aber gerade auch kulturelles und soziales Kapital), welches die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, verleiht ihnen im weitesten Sinne „Kreditwürdigkeit“ (S. 191). Gruppen, die soziales Kapital besitzen, sind z.B. angesehene Familien mit entsprechender Reputation, Adelsgruppen, exklusive Clubs, die Ehemaligen von Eliteschulen, politische Parteien etc. Auf scheinbar zufällige Weise wird der Austausch des sozialen Kapitals arrangiert und garantiert. Er vollzieht sich auf exklusiven Partys, auf Kreuzfahrten, Jagden, Bällen, über das Wohnen in vornehmen Wohngegenden, über die Mitgliederschaft in Clubs spezieller Sportarten wie z.B. Golf oder Reiten, über luxuriöse Hobbys u.v.a.

Ein soziales Beziehungsnetz muß nicht zwangsläufig auch zugleich von hoher Dauerhaftigkeit sein, im Gegensatz z.B. zur natürlichen, genealogischen Bestimmung einer Mutter, die ihr Leben lang in der Mutter-Kind-Beziehung bleibt. Vielmehr ist für die Aufrechterhaltung des sozialen Kapitals unaufh ö rliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten dringend erforderlich. Bei der Beziehungsarbeit wird Zeit und Geld, und damit, direkt oder indirekt, auch ökonomisches Kapital verausgabt. Der ständige Austausch von Geschenken und den berühmten kleinen „Gefälligkeiten“ wird zum charakteristischen Zeichen des Kennens und Anerkennens innerhalb der sozialen Gruppe. Über diese Geschenke und Leistungen werden auch die Grenzen der Gruppe deutlich abgesteckt: diejenigen, denen diese Leistungen verwehrt bleiben, befinden sich außerhalb der Gruppe.

Jedes Gruppenmitglied wird automatisch zum Wächter der Gruppe, da jeder Neuzugang die Besonderheit und Exklusivität der Gruppe gefährden kann. Daher ist es auch relativ nachvollziehbar, daß in den meisten elitären Gruppen die Vorbereitung und Durchführung von Heiraten eine Angelegenheit der betroffenen Gruppe als Gesamtheit ist und nicht nur der unmittelbar beteiligten Individuen. Denn mit der Einführung neuer Mitglieder in eine Familie, in einen Clan oder einen Club wird die Definition der ganzen Gruppe mit ihren Grenzen und ihrer Identität aufs Spiel gesetzt und von Neudefinitionen und Verfälschungen bedroht (S. 193).

Soziales Kapital übt einen Multiplikatoreffekt auf das tatsächlich vorhandene Kapital aus (S. 191). Jedoch gilt ebenso die Umkehrung: Je mehr Geld vorhanden ist, desto mehr Ertrag an sozialem Kapital bringt auch die soziale Beziehungsarbeit. Soziales und ökonomisches Kapital sind miteinander in hohem Maße verwoben.

Das Prinzip der Delegation ist beim Sozialkapital - im Gegensatz zum kulturellen Kapital - prinzipiell möglich und konkret auch stark verbreitet. Oftmals konzentriert sich der Gesamtbesitz an Sozialkapital einer Gruppe stellvertretend in einer einzigen Person, z.B. dem Familienoberhaupt eines Clans. Dieses Oberhaupt muß bei einer Bedrohung der Gruppenehre mit seiner ganzen Person für den Erhalt der Gruppenehre eintreten, und muß sich auch für jedes noch so „unbedeutende“ Gruppenmitglied persönlich engagieren.

Das Sozialkapital bewegt sich quasi ausschließlich in der Logik des Kennens und Anerkennens, und funktioniert somit auch immer als symbolisches Kapital.11

Soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital stehen in Beziehung zueinander. So lassen sich laut Bourdieu z.B. auch die Manieren (Benehmen, Sprechweise usw.) zum Sozialkapital zählen, da sie auf eine bestimmte Weise ihrer Aneignung hinweisen und damit die ursprüngliche Zugehörigkeit zu einer mehr oder weniger angesehenen Gruppe zu erkennen geben.

Zusammenfassend läßt sich die These formulieren, daß in nahezu allen Gesellschaften das soziale Kapital dazu benutzt werden kann, um ökonomische Macht zu verschleiern und zu vergrößern. Soziales Kapital, dieses Netz an Beziehungen, ist das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewußt auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen. Dabei werden gerade auch sogenannte Zufallsbeziehungen, z.B. unter Verwandten oder in der Nachbarschaft, bei der Arbeit, gerne in besonders auserwählte und notwendige Beziehungen umgewandelt, die dauerhafte Verpflichtungen nach sich ziehen („Zauber des Geweihten“, S. 192).

Aber: Nicht jeder Mensch hat in seiner Persönlichkeit generell dieses Talent zur Beziehungsarbeit, zum „Mondänen“, wie es Bourdieu in seinem Aufsatz nennt (S. 193, Anmerkung 17), vielen Menschen bleibt der Zugang zu sozialem Kapital aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur dauerhaft verwehrt - zum Teil auch trotz (oder gerade wegen) ihres hohen Besitzes an kulturellem Kapital!

3.4 Konvertierung der Kapitalformen

Bourdieu versteht seine Analyse der Kapitalformen als Beitrag zu einer „Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ (S. 196). Bourdieu ist daran gelegen, die Gesetze aufzudecken, nach denen die verschiedenen Kapitalarten transformiert werden. Die Konvertierung, die Umwandlung der aufgeführten Erscheinungsformen von Kapital in ökonomisches Kapital geht nicht automatisch von statten, es bedarf hierfür spezieller Transformationsarbeit. Diese ist relativ schwer zu leisten, sie gleicht einem „Kampf“.

Kapital in all seinen Erscheinungsformen ist ungleich verteilt. Die Ökonomie durchzieht alle Bereiche. Aber um ökonomischer Macht zum Durchbruch zu verhelfen, bedarf es, laut Bourdieu, heutzutage subtilerer Mechanismen. Somit ist ökonomisches Kapital eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für den Erwerb von kulturellem und sozialem Kapital.

„ Man mu ß von der doppelten Annahme ausgehen, da ß das ö konomische Kapital einerseits allen anderen Kapitalarten zugrundeliegt, da ß aber andererseits die transformierten Erscheinungsformen des ö konomischen Kapitals niemals ganz auf dieses zur ü ckzuf ü hren sind [...] “ (S. 196 )

Laut Bourdieu existieren in unseren westlichen Gesellschaften zwei ideologische Haltungen, die er beide als zu einseitig ablehnt: den Ö konomismus (die Betrachtung der Gesellschaft ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten) und den Semiologismus (die Lehre von den Zeichen, vom Ausdruck; Kommunikationslehre), die sich konträr gegenüber stehen. Der Ökonomismus setzt Geld und wirtschaftliche Ressourcen an die zentrale Stelle und wertet die übrigen Kapitalausformungen vollkommen ab. Der Semiologismus vertritt die Auffassung, daß soziale Austauschbeziehungen, soziales Kapital, lediglich „Phänomene von Kommunikation“ sind, er erkennt jedoch nicht das Potential der konkreten Transformierbarkeit dieser Sozialkontakte in ökonomisches Kapital. Entsprechend trifft dies auf den Ökonomismus natürlich genauso zu, indem er das hohe Machtpotential von Sozialkontakten ignoriert.

Bourdieu jedoch kritisiert die Versteifung auf den verkürzten Begriff von Kapital als bloßes ökonomisches Kapital und fordert - wie zu Beginn dieses Kapitels ausgeführt wurde - die Erweiterung des Kapitalbegriffes.

Der Konvertierung geht die Akkumulation von Kapital voraus:

„Aber die Akkumulation von Kapital, ob nun in objektivierter oder verinnerlichter Form, braucht Zeit“ (S. 183).

Für alle Kapitaltransformationen ist eine Investition von Zeit notwendig:

ökonomisches Kapital <-> soziales Kapital; ökonomisches Kapital <-> kulturelles Kapital.

Transformationsarbeit erfordert vor allem (Arbeits-)Zeit. Die „Währung“ mit der - neben tatsächlicher, blanker Münze, für die Verinnerlichung, für die Institutionalisierung kulturellen Kapitals sowie für den Erwerb sozialen Kapitals bezahlt werden muß, heißt: Zeit. Eine hohe Investition von Zeit ist erforderlich. Es versteht sich von selbst, daß Zeit nur dann in hohem Maße investiert werden kann, wenn ein entsprechendes ökonomisches Kapital dies erlaubt. In Rechnung muß hier ebenfalls die Primärerziehung in der Familie gestellt werden, die als positives oder negatives „Startkapital“ am Beginn der Ausbildung steht.

„Es ist unmittelbar ersichtlich, daß die zum Erwerb erforderliche Zeit das Bindeglied zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital darstellt.“ (S. 188, Hervorhebung im Original)

Einer der wertvollsten Vorteile aller Kapitalarten ist die Zunahme von Zeit. So wird Zeit gewonnen, z.B. durch Reisen mit dem Flugzeug statt Zugfahren mit dem Wochenendticket; oder verloren durch das Angewiesensein auf die Suche nach günstigen Sonderangeboten statt spontanem Einkauf mit der Credit Card).

Hervorzuheben ist, daß Titel und ökonomisches Kapital in engem Verhältnis stehen. Der Titel erhöht auf dem Arbeitsmarkt die Chance der Konvertierung von kulturellem Kapital in ökonomisches. Der schulische Titel stellt eine Art „Wechselkurs“ hierfür dar:

„...denn die Bildungsinvestition hat nur Sinn, wenn die Umkehrbarkeit der ursprünglichen Umwandlung von ökonomischen in kulturelles Kapital zumindest teilweise objektiv garantiert ist“ (S. 190).

Zwischen den verschiedenen Kapitalformen und den Herrschaftsformen einer Gesellschaft besteht ein enger Zusammenhang. Die Machtposition wird bestimmt durch die Verfügung über Kapital. Dies leitet über zur Klassentheorie Pierre Bourdieus.

4 Bourdieus Klassentheorie

„Bourdieus Gesellschaftsbild ist das einer Arena, in der Akteure um Positionen auf den jeweils höheren Rängen wetteifern, wobei freilich die entscheidenden Vorteile die haben, die schon oben sind.“12. Mit der kulturalistischen Theorie Bourdieus ist, und darin unterscheidet sie sich von der Mehrheit der kultursoziologischen Ansätze, eine Soziologie der Herrschaft verbunden. Bourdieu geht von der Fortexistenz und Wirksamkeit von Klassen in den zeitgenössischen westlichen Gesellschaften aus. Es handelt sich hierbei jedoch um einen subtileren, weitgefaßteren Begriff von Klasse. In der Klassentheorie Bourdieus kommt es nicht mehr auf ein entsprechendes Klassenbewußtsein (im klassischen Marx’schen Sinne) an, um die soziale Präsenz von Klassen anzuzeigen.

Ebenso wie den Begriff des Kapital erweitert Bourdieu ebenfalls den Klassenbegriff. Den herkömmlichen Begriff der Klasse empfindet er als mißverständlich und zu eng gefaßt. Er verwendet - gerade auch mit Blick auf die Individuen und deren Selbstwahrnehmung - statt dessen lieber den Begriff des sozialen Raumes. Die Klasse, wie sie theoretisch von Karl Marx konstruiert wurde, muß nicht einer real existierenden Gruppe entsprechen. Bourdieu spricht bevorzugt von wahrscheinlichen.13 Es handelt sich vielmehr um „Klassen auf dem Papier“, nicht um konkret real politisch mobilisierte Klassen.

„In dieser Hinsicht haben Bourdieus Klassen mehr mit den Klassen der Zoologen und Botaniker gemein als mit den Klassen im Verständnis von Karl Marx.“14

Statt von „herrschender Klasse“ spricht Bourdieu daher oftmals auch von Macht-Feldern.15

Bourdieu begründet eine „neue“ Klassentheorie, die Klasse bewußt nicht nur an der ökonomischen Position, sondern gerade am kulturellen Konsum festmacht. Heutzutage definieren und konstituieren sich Klassen über den Zugang zu Kultur bzw. über die Verfügung über kulturelles Kapital.16 (Bourdieu hält in seiner Terminologie am Klassenbegriff fest, wenn er von „unteren“ bzw. von „Mittelklassen“ spricht.) Im Gegensatz zu Marx erweitert Bourdieu die Definition von Klasse:

“Eine Klasse ist vielmehr definiert durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisformen ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht.“17 Daraus resultiert eine Hierarchisierung der Klassen, Bourdieu ordnet sie stratifiziert nach der funktionalen Stellung zur „legitimen Kultur“ an (die die herrschende Klasse kraft ihrer Definitionsmacht als Meßlatte setzt).

In seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschieden“18 weist er auf 900 Seiten empirisch nach, daß Klassen sich heutzutage durch die Verfügung über kulturelles Kapital formulieren. Für Bourdieu wird anhand der kulturellen Praktiken die ausgesprochen ständische Organisation gegenwärtiger Gesellschaften deutlich. Die Grenzen zwischen „oben“ und „unten“ sind nach wie vor stark ausgeprägt. Über die kulturellen Praktiken hat sich die Klassengesellschaft unter modernen Bedingungen neu formiert. Für das Verständnis der klassenspezifischen Reproduktionsstrategien ist das kulturelle Kapital von zentraler Bedeutung. Die Bedeutung des Kulturkapitals in unserer heutigen Gesellschaft ist hoch und zunehmend steigend, infolgedessen gewinnt auch das Schulsystems über die Verleihung von schulischen Titel an Relevanz, da Kulturkapital letztlich erst optimal ökonomisch konvertierbar ist, wenn man einen oder mehrere schulische Titel besitzt.

Der gesellschaftliche Kulturbereich erfährt in dieser kulturalistischen Theorie Bourdieus somit eine Aufwertung, indem ihr ein außerordentlich hohes Machtpotential zugesprochen wird. Das ungleiche Verhältnis zwischen dem David der Kultur und dem Machtriesen Goliath der Wirtschaft hat sich zu Gunsten der Kultur verschoben. Wirtschaft und Kultur sind nicht mehr dichotom gegenübergestellt Welten, sondern können heutzutage als gleichwertige Äquivalente betrachtet werden, ihre Konvertierbarkeit wird von Bourdieu postuliert. Entscheidend für die profitbringende Nutzung von Produktionsmitteln (ökonomisches Kapital) ist die Verfügung über inkorporiertes und institutionalisiertes Kulturkapital. Kultur ist zum Instrument von macht geworden.

Je mehr die offizielle Übertragung von ökonomischem Kapital verhindert oder gebremst wird, desto stärker bestimmt die geheime Zirkulation von Kulturkapital die Reproduktion der gesellschaftlichen Struktur.

4.1 Klasse und Habitus

Bourdieu definiert Habitus als inkorporierten Code der Handlungsgrammatik, als ein System von unbewußten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern. Der Habitus ist fest geprägt von der Primärerziehung eines Individuums. Er ist Spiegel einer entsprechenden Klassenzugehörigkeit. Die vermeintliche Besonderheit eines persönlichen Verhaltensstils ist eben gerade nicht individuell, sondern vielmehr gesellschaftlich geprägt.

„Im Habitus eines Menschen kommt das zum Vorschein, was ihn zum gesellschaftlichen Wesen macht; seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Klasse und die ‘Prägung’, die er durch diese Zugehörigkeit erfahren hat.“19

Der Habitus wird verinnerlicht, vor allem während der Sozialisation in der Familie, er wird zur „zweiten Natur“, ist somit relativ dauerhaft. Der Habitus ist „geronnene Erfahrung“20, er ist Produkt der Geschichte eines Menschen. Diese wiederum ist stets geprägt von der Klassenzugehörigkeit des Menschen, somit ist der Habitus stets Klassenhabitus.21 Das Individuum hat wesentliche Element seines - vermeintlich ganz persönlichen - Habitus’ mit dem seiner Klassengenossen gemein.

Durch den Habitus werden objektive Klassenlagen reproduziert. Indikatoren der Klassenlage sind der Beruf, die Berufsrolle und das kulturelle Kapital.

Es existieren in unseren westlichen ausdifferenzierten Gesellschaften für Bourdieu drei große soziale Klassen, sie konstituieren sich über drei verschiedene Geschmacksformen (vgl. dazu „Die feinen Unterschiede“):

- der legitime Geschmack der oberen Klasse, ein Geschmack „aus Freiheit und Luxus geboren“. Musikalischer Repräsentant ist Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Die Angehörigen dieser Klasse sind von ihrem Geschmack als dem einzig akzeptablen überzeugt.
- der mittlere „prätentiöse“ Geschmack des Kleinbürgertums. Beispielhaft hierfür steht die „Rhapsody in blue“ von George Gershwin. Das Kleinbürgertum eifert nach oben, orientiert sich an der oberen Klasse und distanziert sich somit deutlich von der untergestellten Klasse.
- der populäre, illegitime Geschmack. „An der schönen blauen Donau“, Volksmusik („Geschmack am Notwendigen“). Steht dem legitimen „Hochgeschmack“ skeptisch-abwertend gegenüber.

4.2 Kulturelles Kapital und soziale Ungleichheit

Für Bourdieu besteht ein direkter Zusammenhang zwischen kulturellem Kapital und sozialer Ungleichheit. Er vertritt die Auffassung, daß kulturelles Kapital ist zwischen den sozialen Klassen ungleich verteilt, es herrscht kein kultureller „Kommunismus“ vor. Im Gegenteil, Kultur produziert und konstituiert soziale Ungleichheit! Die Chancengleichheit im Bereich der Kultur ist eine Illusion. Das Bildungssystem trägt erheblich zur Perpetuierung der Ungleichheitsverteilung bei. Bourdieu insistiert daher darauf, daß Kultur Ungleichheit nicht nur konstituiert sondern auch legitimiert.22

Bourdieu analysierte das französische Bildungssystem in seiner Funktion als Instanz zur Reproduktion sozialer Ungleichheit, indem er aufgezeigte, daß - entgegen bildungsreformerischen Hoffnungen - in schulischen Bildungsprozessen die vorgängigen Effekte sozialer Ungleichheit nicht korrigiert, sondern verdoppelt und dauerhaft gesellschaftlich verankert werden.

Kritisch läßt sich gegen diese Kulturtheorie Bourdieus anführen, daß sie lediglich vorherrschende Klassenideologien reproduziert, jedoch keine konkreten Lösungsvorschläge zur Bekämpfung der sozialen Ungleichheit anbietet. Seine Analyse beschäftigt sich vorrangig mit der Abbildung von Oberflächenstrukturen, die Existenz von Sonderfällen wird ignoriert.

In vielen Kritiken wird Bourdieu weiterhin vorgeworfen, daß sein Ansatz die Lernprozesse in einer Gesellschaft völlig ausklammere.23 Sein Ansatz sei zu statisch, er unterstelle Individuen Lernunfähigkeit und Inflexibilität. Strukturen halte er für nicht wandelbar. Von dieser Kritik ausgehend soll nun im folgenden ein alternatives gesellschaftliches Modell dem strukturalistisch geprägten Kulturmodell Bourdieus gegenübergestellt werden - die Diskussion der Lebensstile.

5 Lebensstildiskurs als Alternativmodell

Primäre Textgrundlage der folgenden Lebensstildiskussion ist der Aufsatz Lebensstil als Vergesellschaftungsform. Zum Wandel von Sozialstruktur und sozialer Integration von KarlHeinz Hörning und Matthias Michailow (1990).24

Die Autoren stellen zu Beginn des Aufsatzes fest, daß man früher soziale Ungleichheiten direkt an alltagsweltlich erfahrbaren Klassen und Schichten ablesen konnte (S. 501). Die gesellschaftliche Organisation der Arbeit war diente hierbei als zentraler Bezugspunkt.

Diese Analyseperspektive orientiert sich nach Meinung der Autoren jedoch zu sehr am Begriffsrahmen der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Für Hörning/Michailow lassen sich in der BRD der neunziger Jahre aufgrund der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse keine alltagsweltlich erfahrbaren Klassen und Schichten mehr ausmachen (S. 501). Deshalb ist die Suche nach neuen Vergesellschaftungsformen, die dieser vorherrschenden differenzierteren gesellschaftlichen Situation gerecht werden, ist notwendig geworden. Ein sensibleres und tiefenscharfes Analyseinstrumentarium wird zur Erfassung und Charakterisierung gewandelter kollektiver Vergesellschaftungsformen gebraucht.

Die Autoren formulieren dies in folgender These:

Ein Gestaltwandel von Vergesellschaftungsformen hat stattgefunden, und f ü r diese Ver ä nderung mu ß ein neues Begriffsraster aufgestellt werden. (S. 501)

Der Lebensstildiskurs beinhaltet eine Loslösung von der bisherigen Ungleichheitssemantik, da den altehrwürdigen Konzepten Klasse und Schicht angesichts wachsender Entstrukturierungstendenzen immer geringere lebensweltliche Relevanz zugeschrieben wird. Aktuelle Ungleichheitsfragen können nicht mehr - im Sinne von Bourdieu - auf die Gesamtheit der Mitglieder einer Gesellschaft gleichwertig übertragen werden; Untersuchungen, die auf die Gesellschaft als Ganzes abzielen, funktionieren nicht mehr. Von entscheidender Relevanz für diese Umorientierung war zweifelsohne auch die Individualisierungsthese von Ulrich Beck25 sowie als Folge darauf die kritische Auseinandersetzung Scott Lashs mit der Individualisierungsthese in seiner Theorie der reflexiven Modernisierung.26

Früher hatte die heilige Trias „Beruf, Bildung, Einkommen“ große Aussagekraft für die Definition von Klassen (S. 506). Heutzutage werden die objektiven Lebensbedingungen hingegen immer mehr durch die subjektive Lebensweise modifiziert. Subjektive Relevanzsetzungen treten verstärkt in den Vordergrund. Die Einflußgrößen sind gegenwärtig unterschiedlich gewichtet: die Arbeit ist tendentiell abgewertet, die Bedeutung der Zeit als auch der Kultur ist entscheidend gestiegen.

Im Vordergrund der soziokulturelle Prozesse stehen Probleme der sozialen Ungleichheit, die auf der Ebene der sozialen Integration angesiedelt sind.

Die Autoren formulieren dazu folgende Fragestellungen:

Wie konstituieren sich soziale homogene Formationen angesichts der gegenw ä rtigen gesellschaftsstrukturellen Bedingungen, und: bilden sich neue Formen der Sozialintegration heraus? (S. 501)

5.1 Die Lebensstile

Als neue Formen der Sozialintegration haben sich die Lebensstile als eigenständige Vergesellschaftungsform herausgebildet.

Die Autoren Hörning/Michailow definieren Lebensstil:

„ Lebensstil kann man einerseits kollektivistisch als ein Gruppenph ä nomen auffassen oder andererseits individualistisch als die Summe individueller Gewohnheiten, als ein bestimmtes Pers ö nlichkeitsprofil, das einen charakteristischen Satz dispositiver Einstellungen und Werthaltungen enth ä lt. “ (S. 502)

Für den Lebensstil sind beide Sichtweisen möglich, verweisen sie doch auf charakteristische Lebensbedingungen der Moderne, wie sie bereits 1900 von Georg Simmel beschrieben wurden. Im Zuge der sinkenden Bedeutung der Klassifikation nach sozialen Schichten kam er zu den Lebensstilen. Simmel zeigt auf, daß mit zunehmender Differenzierung - durch das Geld - die Individualisierung zunimmt. Er bewertet diesen Wandel gleichzeitig als Chance wie auch als Zwang. Dieses ambivalente Spannungsverhältnis ist nach Simmel Kennzeichen des modernen „Stils des Lebens“.27

Auf den konkreten Lebensalltag bezogen heißt dies, daß Lebensstile „ [...] abgrenzbare, alltagsweltlich identifizierbare, durch Fremd- und Selbsttypisierung hergestellte soziale Formationen“ sind (S. 502).

Hervorzuheben ist das Charakteristikum, daß soziale Zugehörigkeit und Grenzziehung gleichermaßen, innere Kohärenz und Distinktion, Integration und Differenzierung entscheidende Merkmale von Lebensstilen sind.28

Lebensstile werden verstanden als Ensemble von Deutungsmustern, Handlungs- und Ausdrucksschemata, die nicht für das gesamte Leben relevant sein müssen, sondern vielmehr nur für einzelne Lebensphasen Bedeutung erlangen. Tendentiell sind sie hauptsächlich in der breiten Mittellage der Gesellschaft, welche relativ homogen erscheint, in sich jedoch stark differenziert ist, angesiedelt. Im Lebensstil sind es die individuellen Lebensinteressen und Weltbilder, die zur zentralen Instanz avancieren. Diesem Aspekt widmet der anschließende Punkt 5.2 dieser Arbeit ausführlicher.

Auf die Frage, warum sich Lebensstile herausbilden, läßt sich keine eindeutige Antwort finden. Vielmehr müssen als mögliche Ursachen eine Netz von Optionen in Betrachtung gezogen werden: der ständige Verlust der Verbindlichkeit von Traditionen und Sitten, die veränderten historischen Bedingungen der Sozialintegration in der Gegenwartsgesellschaft, die erhöhten Autonomisierungschancen, der relativ hoher Lebensstandard unserer Zivilisationsgesellschaft, die damit einhergehenden vergrößerten Ressourcen der Haushalte, die vermehrten Optionen zur Organisation des Alltags, die gestiegene Mobilität der Gesellschaftsmitglieder (ob freiwillig oder als Zwang des Arbeitsmarktes) - und vieles mehr (S. 503).

Wichtig ist für die Diskussion des Lebensstils vom Begriff des Milieus deutlich unterschieden werden muß. Im Vergleich zum Lebensstil ist der Milieubegriff ist zu eng und zu klar kanonisiert, er impliziert Stabilität und Konformität der Lebensführung innerhalb des Milieus. Der Milieubegriff suggeriert eine übereinstimmende soziale Herkunft, eine deckungsgleiche Weltanschauung, welche sich über die jeweilige Schichtzugehörigkeit definiert.

Der Lebensstil hingegen bezeichnet die jeweiligen Ausdrucksformen der alltäglichen Daseinsgestaltung Einzelner oder Gruppen. Die Ausprägung des Lebensstils hängt ab von der kulturellen Eigenart einer Gesellschaft, dem sozialen Standort der Beteiligten, deren Wertvorstellungen, ihrem „Weltbild“.

5.2 Sozialintegration versus Systemintegration

Die Soziologen Hörning/Michailow stellen im Zusammenhang mit der Lebensstildiskussion folgende Thesen auf (S. 505):

1. Die Entkopplung systemintegrativer und sozialintegrativer Prozesse nimmt an Wirksamkeit zu.
2. Gleichzeitig gewinnen soziokulturelle Differenzierungen an Bedeutung.
3. Äußere sozialstrukturelle Fakten sind für die Lebensführung der Menschen nicht mehr entscheidend.

Zur Definition der Begriffe Systemintegration und soziale Integration nach David Lockwood (S. 505):

Unter Systemintegration versteht man die Reduktion von Komplexität, die ein Gesellschaftssystem leisten muß, um sich zu erhalten. Hierfür sind bestimmte Steuerungsleistungen notwendig: Prozesse der Steuerung funktionaler Zusammenhänge einer Gesellschaft. Systemprozesse sind funktional integriert über Handlungsfolgen und Handlungsbedingungen.

In einer sozial integrierten Gesellschaft gibt es unter den Gesellschaftsmitgliedern einen Konsens über Normen und Werte. Soziale Integrationsprozesse regeln die Institutionen des Miteinanderlebens und die Sinnhaftigkeit von Sozialformen (Handlungsorientierungen). Soziale Integration spiegelt sich in Weltbildern, Identitätsformationen und in Rechts- und Moralssystemen einer Gesellschaft.29

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft hat sich nach Meinung der Autoren Hörning/Michailow bereits ein Wandel vollzogen bzw. vollzieht sich nach wie vor. Systemintegrative Prozesse verlagern sich verstärkt zu Gunsten von sozialintegrativen Prozessen.

Besonders deutlich wird diese Veränderung für die Autoren am Thema der Erwerbsarbeit (S. 505). Die soziale Integrationskraft der Erwerbsarbeit hat stark abgenommen, heute definieren sich Menschen nicht mehr in verstärktem Maße über ihren Beruf, sie ist nicht mehr notwendigerweise Zentrum ihrer Biographie. Die Autoren resümieren, daß die Berufsarbeit Bedeutungsverluste erfahren habe. Nach wie vor ist sie selbstverständlich ein für die Gesamtheit der Gesellschaftsmitglieder verpflichtendes Handlungsmodell geblieben (schließlich ist Arbeit nicht „überholt“ oder unnötig geworden, im Gegenteil, Arbeit ist für jedermann verpflichtend und existentiell, auch gesellschaftlich, dies sieht man ja z.B. schon daran, daß im deutschen Sozialsystem Sozialleistungen nach vorausgegangenen Arbeitsleistungen berechnet werden), nur steht die Arbeit nicht mehr im Mittelpunkt der Lebensführung. Die Stellung für den Lebensverlauf wird zunehmend abgeschwächt. In dieser Abwendung besteht für die Autoren die eigentliche Brisanz der „Krise der Arbeitsgesellschaft“ (S. 505). Die Berufsarbeit ist nicht mehr ausschließlich dominant für die Sozialintegration.

Jedoch muß hervorgehoben werden, daß sich gleichzeitig die Bedeutung der Erwerbsarbeit für die individuelle Existenzsicherung erhöht hat (Zwei Seiten der Medaille).

Die Erwerbsarbeit wird heute eher als Zwang auf der Ebene der Systemintegration gesehen denn als Pflicht auf der Ebene der Sozialintegration. Die Erwerbsarbeit vermag in unseren westlichen ausdifferenzierten Zivilisationsgesellschaften nicht mehr die umfassende Klammer für die Systemintegration sowie für die Sozialintegration abzugeben (S. 506). Diese Komponente hat eine Veränderung erfahren, es dominieren andere Merkmale. Die individuellen Handlungsorientierungen zirkulieren nicht mehr nur ausschließlich um Begriffe wie berufliche Karriere, Einkommenshöhe etc., andere Kriterien gewinnen an Gewichtung. An dieser Stelle setzt nun der individuelle Lebensstil ein.

Schließlich formulieren die Autoren die Art und Weise, wie sich soziale Integration vollzieht, wie folgt:

„ Von seiten des Gesellschaftsmitglieds werden die Modi selbstbezogener, unmittelbarer, betroffener, [...] unsteter, verg ä nglicher. Von seiten des Gesellschaftssystems werden Integrationsprozesse durch gemeinsame Verkehrsformen (Geldwirtschaft), durch Generalisierung von Risiken, Verschulung, Massenkultur, durch tiefe Eingriffswirkung technisierter b ü rokratischer Organisationen usw. indirekter, abstrakter, umfassender, funktionaler, homogenisierend festgelegt. Unter diesen Konstitutionsbedingungen vollzieht sich die Ausbildung sozialer Integrationseinheiten in Form von Lebensstilen. “ (S. 511)

Zusammenfassend möchte ich die wichtigsten Aspekte systemintegrativer bzw. sozialintegrativer Prozesse hier nochmals in einer Tabelle veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.3 Theorie der Entkopplung

Die Theorie der Entkopplung, d.h. die sich vollziehende dichotome Verlagerung von systemintegrativen und sozialintegrativen Prozessen, empfinden Hörning/Michailow als positiven Aspekt. Mit Hilfe dieser These der Entkopplung kann etwas „Übersichtlichkeit“ in die soziologische Diskussion um neue soziale Ungleichheiten gebracht werden (S. 506).

Soziokulturelle Vorgänge, also Vorgänge, die an die kulturelle Sphäre angeschlossen sind, eignen sich nach Meinung der Autoren wesentlich besser für die Erfassung von sozialer Ungleichheit, da sie sensibler, reaktionsschneller und realitätsnaher sind als die indikatorengeleiteten Schicht- und Klassenmodelle (S. 507).

Die Lebensstilforschung hat nun die Aufgabe, einen Ansatz zu finden, mit dessen Hilfe sich der zeitgenössische Lebensweise mit Betonung der Sozialintegration erklären läßt - gerade auch mit besonderen Blick auf die Ausbildung von Kollektividentitäten. Es gilt zu untersuchen, welche Strukturbedingungen, welche gesellschaftlichen Prozesse hierauf Einfluß nehmen.

Das Phänomen des Lebensstils muß, wie es bereits 1900 Georg Simmel in seinem Klassiker „Philosophie des Geldes“ treffend beschrieben hat, vor dem Hintergrund einer gegenseitigen Steigerung von Individualisierung und sozialer Differenzierung gesehen werden. Unser heutiges Leben ist charakterisiert von einer nahezu unüberschaubaren Vielzahl von Gestaltungsoptionen.

Die Autoren Hörning/Michailow sind jedoch der Ansicht, daß trotz der beschriebenen gegenwärtigen Situation kein genereller Zerfall von Sozialbindungen zu verzeichnen ist, sondern daß sich der soziale Wandel vielmehr in der Destruktion von traditionalen Gemeinschaftsbindungen und der gleichzeitigen Umarbeitung und Neuarrangierung von sozialen Bindungsformen vollzieht. Gut gezeigt wurde dies vor allem in sogenannten „mikrosoziologischen“ Untersuchungen wie z.B. in der Biographie- und Jugendforschung oder in Untersuchungen zu Haushaltskonstellationen und Familienbeziehungen (S. 510).

Es wird deutlich, daß das heutige Gesellschaftsmitglied strukturell immer mehr zum alleinig steuernden Zentrum der Lebensplanung wird (S. 510). Damit geht jedoch natürlich auch der problematische Umstand einher, daß das „Management“ (S. 510) des persönlichen Lebens immer mehr zur variablen, austauschbaren Option wird, da es quasi keinerlei verbindlichen Werte und Richtlinien mehr gibt, an denen sich das Individuum bei Fragen der Lebensgestaltung konkret orientieren kann. Waren dem Individuum noch vor einigen Jahrzehnten Institutionen wie Religionen oder überlieferte Traditionen Hilfestellungen in der Bewältigung von Lebensentscheidungen, haben heutzutage diese Werte fast vollkommen an Bedeutung verloren, der Einzelne ist sich und seinen Problemen nun weitgehend selbst überlassen und ausgeliefert. Das Individuum wird insgesamt krisengefährdeter.

Als „Richtschnur“ schieben sich nun vermehrt Zeitbez ü ge in den Vordergrund (S. 510), das schlecht definierbare Zauberwort des Zeitgeistes wird zu einem relativ starken Faktor der Beeinflussung. Der Zeitgeist gewinnt eine ähnliche Funktion wie vormals Religion oder Traditionen. Als Beispiel hierfür könnte man u.a. die Blumenkinder der 68er Generation nennen, die naturbewußten Aussteiger, esoterisch gefärbte Lebensgemeinschaften etc.30

Und dennoch: Die Autoren vertreten die Meinung, daß es - entgegen der weitverbreiteten Auffassung, daß Begriffe wie Klasse und Stand hinfällig geworden sind, das Gemeinschaften heutzutage kaum mehr existieren, und auch der starken Individualisierungstendenz, die unsere Gesellschaft von Grund auf durchzieht31 zum Trotz - nach wie vor tatsächlich noch alltagsweltliche Gemeinsamkeiten, also Gemeinschaft, gibt (S. 509). Systemintegrativ fallen zwar Orientierungspunkte wie Klasse und Stand weg, sozialintegrativ leben diese Kollektividentitäten, in gewandelter Form, jedoch weiter: in den Gemeinschaften des Lebensstils.

Sehr schön verdeutlichen läßt sich dies am folgenden Beispiel der sogenannten Zeitpioniere.

5.3.1 Ein Beispiel: Zeitpioniere

Grundlage der Ausführungen über die Zeitpioniere ist eine Analyse, die 1987 am Institut für Soziologie der RWTH Aachen durchgeführt wurde.32

Dabei wurden 36 ausführliche, nicht standardisierte Interviewgespräche mit Beschäftigten in reduzierten und flexiblen Arbeitszeiten - d.h. sie waren sehr frei in ihrer Zeiteinteilung - erstellt und anschließend mittels hermeneutischer Verfahren analysiert. Es handelt sich bei den Befragten um abhängig Beschäftigte, die circa 20 bis maximal 32 Wochenstunden in ihrem Beruf tätig sind. Es handelt sich bei den Tätigkeiten um keine Nebenbeschäftigungen oder „Jobs“, auch fallen die befragten Personen nicht in die Sparte Rentner oder ehemals Beschäftigte im gleitendem Ruhestand; die Befragten sind durchgängig hauptberufliche Vollverdiener. Der weitaus größte Teil der Untersuchungsgruppe arbeitet im Dienstleistungssektor, wobei die höher qualifizierten Berufe überwiegen. Nur wenige Befragte leben in Ein-Personen-Haushalten. In der Gruppe der Befragten überwiegt der weibliche Anteil geringfügig gegenüber dem männlichen. Die einzelnen Altersgruppen sind gleichmäßig verteilt vertreten (S. 513).

Die Zeitpioniere stellen ein Beispiel für einen Lebensstil als eigenständige soziale Integrationsform dar. Bei den Angehörigen dieses Lebensstils hat sich generell eine Umorientierung vollzogen, von der arbeitszentrierten hin zur lebensstilzentrierten Identitätsformation. Die individuelle Stellung zur Erwerbsarbeit ist zu einer Frage des Lebensstils geworden.

Der Arbeit-Freizeit-Gegensatz hebt sich bei den Zeitpionieren auf, es tritt eine Verschiebung ein, die dual gespaltene Zeitstrukturierung wird umarrangiert. Dies triff in vollem Maße auf die sogenannten Zeitpioniere zu.

Der Lebensstil dieser befragten Menschen zeichnet sich durch eine ins Lebensarrangement eingelassene Bewußtheit gegenüber sozialen Zeitbezügen aus und ist auf die Schaffung von Zeitwohlstand ausgerichtet (S. 513).

Auch wenn es mit Schwierigkeiten verbunden ist, nehmen die Zeitpioniere eine Neugestaltung ihres Lebens vor. Ihre Lebensdevise lautet: „Weniger Arbeit für ein Mehr an Zeit!“ Durch die selbstvollzogene Reduzierung ihrer Arbeitszeit arbeiten die Befragten außerordentlich motiviert, bewußt und engagiert. Dies ruft bei den „Normalzeitarbeitern“, also den Arbeitern im üblichen Vollstundenarbeitsverhältnis, oftmals Irritationen hervor. Es können Konflikte entstehen: die Zeitpioniere laufen Gefahr, zu Außenseitern im Betrieb zu werden - was sie nur allzu oft tatsächlich auch werden. Ihr „Anderssein“ bringt dies automatisch mit sich. Die Zeitpioniere zeichnen sich einerseits aus durch ihr besonderes Engagement in der Arbeit und andererseits durch ihre Distanz von der Arbeitssphäre.

Die Zeitpioniere distanzieren sich konkret von der Geldlogik und von tradierten Mustern im Erwerbsverhalten. Einkommenseinbußen interessieren die Zeitpioniere nicht. Hier erfährt Zeit gegenüber dem rein ökonomischen Kapital eine entscheidende Aufwertung. Dies ist ein charakteristisches Kriterium der Zeitpioniere. Sie wenden sich ab vom gängigen Geld-Zeit-Diktat (Hektik: Zeit ist Geld) unserer Tage. Und nicht nur das: sie kehren es regelrecht um! Ihr Leben ist ganz auf die Vermehrung von Zeit ausgerichtet, ökonomisches Kapital wird an die sekundäre Position verwiesen.

Dieser Gewinn an Zeit wird jedoch nicht mit einer Vielzahl von Nebenbeschäftigungen, zeitaufwendigen Hobbys o.ä. wieder verbraucht, nein, die Zeitpioniere wollen sich ganz bewußt Dispositionsfreiräume offen lassen, sie wollen flexibel sein und reichlich Aktivitätsraum für spontane Unternehmungen besitzen etc.

Zeit wird von ihnen wie Geld als Optionschance angesehen, als basale Kategorie der Lebensgestaltung von entscheidender Relevanz.

Mit dem Anspruch „mehr Zeit für sich zu haben“ wächst auch der persönliche Bedarf an Zeit. Ein regelrechtes „Identitätsmanagement“ wird betrieben und gepflegt. Bei vielen Zeitpionieren lassen sich oftmals mehrere Berufe im Lebenslauf nachweisen, eine Tatsache, die letztlich auch in der Suche nach der Möglichkeit zu flexibler Arbeitszeit begründet ist.

Mitunter erhebliche finanzielle Einbußen und die Verdrängung in die Rolle des Außenseiters sind für die Zeitpioniere unerheblich, einzig ausschlaggebend ist der gewonnene Zeitwohlstand! Er verschafft ihnen einen Zuwachs an persönlicher Zufriedenheit.

6 Gesellschaftliche Paradigmen

Das vorliegende Kapitel will ein Forum bieten für die kritische Diskussion der Gemeinsamkeiten als auch speziell der Unterschiede der Theorien von Bourdieu und Hörning/Michailow.

6.1 Konvergenz

Sowohl die Theorie Pierre Bourdieus als auch der Lebensstilansatz von Hörning/Michailow erweitern den Kapitalbegriff deutlich: Bourdieu führt neue Erscheinungsformen von Kapital, das kulturelle und das soziale Kapital ein. Hörning/Michailow führen vor Augen, das es noch einen anderen Begriff von Kapital geben kann - jenseits des herkömmlichen Kapitals (siehe das Beispiel der Zeitpioniere in 5.3.1).

Für Bourdieu als auch für Hörning/Michailow steht die wachsende Bedeutungsmächtigkeit des kulturellen Bereichs in der gegenwärtigen Gesellschaft eindeutig im Vordergrund. Das kulturelle Feld wird hierbei zum einen verstanden als das Terrain von Klassenkonflikten (Bourdieu) bzw. zum anderen als fruchtbarer Ansiedlungsbereich für sozialintegrative Lebensstile (Hörning). Anzumerken sei hierbei jedoch, daß sich der Begriff Kultur bei Bourdieu natürlich primär an der Hochkultur im Frankreich der 60er Jahre orientiert, wogegen Hörning/Michailow bereits eine erweiterte, gegenwartsbezogere Vorstellung von Kultur auch als Massenkultur besitzen.

Beide soziologischen Theorien thematisieren die Geld-Zeit-Thematik. Beide betonen die entscheidende Bedeutung des Zeitfaktors, wenngleich auch unter verschiedenen Vorzeichen. Bourdieu betont, daß für die Anhäufung gleich welchen Kapitals stets eine hohe Investition von Zeit notwendig ist. Hörning/Michailow gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie Zeit gewissermaßen in seiner Bedeutung ü ber ökonomisches Kapital stellen (siehe 5.3.1).

Sowohl Bourdieu als auch Hörning/Michailow klassifizieren Formen der Lebensführung, formulieren also beide „Lebensstile“, wobei es sich aber bei Bourdieu im Gegensatz dazu doch vielmehr um Klassen handelt.

6.2 Divergenz

Die Begriffe Ökonomismus, Strukturalismus, Habitus und Klasse sind stets als zentral für die Theorie Pierre Bourdieus angesehen worden. Der Lebensstilansatz vertritt in bezug auf diese Termini eine abweichende Auffassung:

Pierre Bourdieu wird ein Hang zum Ö konomismus unterstellt. Kritiker werfen ihm vor, daß sein Ansatz zu stark einem ökonomischen Determinismus unterliege, da er das ökonomische Kapital in seinen Untersuchungen als „tendentiell dominierend“ bezeichnet hat33. Aber: Wie bereits in Punkt 3.4 dieser Arbeit ausgeführt, betrachtet Bourdieu ökonomisches Kapital lediglich als „notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für den Erwerb von kulturellem und sozialem Kapital“, sprich: von Erfolg im allgemeinen. Dennoch ist offensichtlich, daß Bourdieu dem ökonomischen Kapital eine größere Bedeutung zukommen läßt als der Lebensstilansatz von Hörning/Michailow. Im Beispiel der Zeitpioniere wird die bewußte Abgrenzung des Lebensstils vom ökonomischen Kapital klar ersichtlich. Die Zeitpioniere praktizieren eine neue Art der Lebenseinstellung: Wohlstand läßt sich für ihr Verständnis nicht messen.

Weiterhin ist Pierre Bourdieus Denken beeinflußt von der Theorie des Strukturalismus nach Claude Lévi-Strauss. Lévi-Strauss ging in seiner „strukturalen Anthropologie“ davon aus, daß allen Kulturen eine bestimmte Struktur zugrunde liege, daß es totale soziale Phänomene gäbe. Trotz vieler Gemeinsamkeiten grenzt sich Bourdieu dennoch von dem Ansatz Lévi-Strauss’ ab. Bourdieu strebt vielmehr einen soziologischen Strukturalismus an. Die Studien Bourdieus weisen stets auf die in einer Gesellschaft vorhandenen und durch Sozialforschung meßbaren objektiven Strukturen hin. Bourdieus Forschung ist geprägt vom einem ständigen Dualismus zwischen Subjektivismus und Objektivismus. Die Akteure einer Gesellschaft unterliegen nach Bourdieu ä u ß eren Zwängen, welche gleichsam das Gegenstück zu den inneren, habituell bedingten, Zwängen darstellen.

Auch Bourdieus Begriff des Habitus ’ ist für die Vertreter des Lebensstilansatzes zu eng gefaßt, da der Habitus stets auf die Herkunftsbeziehungen der Klassenlage rekurriert. Wie bereits erwähnt wurde, wird Habitus von Bourdieu ja stets verstanden als Klassenhabitus, als fest von der jeweiligen Klassenzugehörigkeit inkorporierter Code der Handlungsgrammatik (siehe 4.1). Der Begriff des Habitus ist per definitionem sehr stabil. Aber: Heutzutage haben sich die Umstände verändert, bedingt durch die gestiegene Mobilität etc. kommen Vertreter eines bestimmten Habitus’ zwangsläufig verstärkt in Kontakt mit „Klassenfremden“. Die gesamte Biographie ist anderen Vorzeichen unterworfen. Als Folge dessen muß sich logischerweise auch der Habitus verändern. Bourdieu sieht diese Veränderung nicht, für ihn gelten die Habitusstrukturen unbeirrt weiter. Die Lebensstile sind dagegen wesentlich realitätsnaher und differenzierter, und somit aktueller.

Bourdieu hält fest an der Klassenlage, an der gegenwärtigen Fortexistenz von Klassen. Seiner Meinung nach gibt es verbindliche sozialstrukturelle Ausgangsbedingungen, die von entscheidender Relevanz sind. Einseitig individualistisch-subjektzentrierte Ansätze werden mit dem Argument des vorherrschenden Klassenkonflikts von Bourdieu rigoros „vom Tisch gefegt“. Der Habitus bildet sich im Individuum heraus unter dem Einfluß der Klassen. Aber: I Laufe der Zeit haben sich zahlreiche Abweichungen vom System herauskristallisiert, Ausnahmen, die aus seiner Klassenvorstellung herausfallen. Wo sollen all die Sonderfälle, die Bevölkerer der Nischen (z.B. Künstler) in der Gesellschaft „hingepackt“ werden?

Hörning/Michailow sind hierin Bourdieus Modell einen Schritt voraus: Sie widerlegen die Klassenproblematik nicht (schließlich kann ja niemand z.B. die vorherrschende „neue Armut“ leugnen), sie betonen vielmehr, daß sich in der heutigen Gesellschaft des Jahres 1997 ein Gestaltwandel von Vergesellschaftungsformen vollzogen hat, der mit dem Raster der Klassen à là Bourdieu nicht mehr zu erfassen ist. Lebensstile liegen quer zu Klassenlagen, sie sind unberührt von ihnen, wie das Beispiel der Zeitpioniere aufzeigte. Hörning/Michailow werten den ökonomischen Arbeitserwerb in gewissen Sinne ab, indem sie ihn nicht mehr als zentralen Bezugspunkt in der Lebensorganisation der Individuen sehen. Gleichzeitig werten sie die Bedeutung der Kultur noch mehr auf als Bourdieu. Gegner des Lebensstilansatzes setzen ihre Kritik gerade an diesem Punkt an, indem sie der Theorie des Lebensstils Kulturversessenheit vorwerfen. Der Lebensstilansatz würde die harten wirtschaftlichen Fakten unserer Arbeitswelt aus dem Blick verlieren. Das Leben sei in der Realität wesentlich härter als der Verfechter des Lebensstils annimmt.

Mit dem Klassenmodell nach Bourdieu kann die gesellschaftliche Realität heutzutage nicht mehr adäquat abgebildet werden. Die Methode von Hörning/Michailow entspricht insofern einer verfeinerten Methode, um die gesellschaftliche Wirklichkeit sensibel und tiefenscharf zu erfassen: über den Begriff des Lebensstils. Die Autoren legen gewissermaßen das feinere Sieb des Lebensstils über das grobmaschigere, inflexiblere, starre Sieb der Klassengesellschaft Bourdieus, um letztlich allen Mitgliedern der Gesellschaft gerecht zu werden. Bei dem Konzept der Lebensstile nach Hörning/Michailow handelt es sich somit sozusagen um eine Erg ä nzung zu dem Bourdieu’schen Klassenmodell. Oder vielleicht besser ausgedrückt: um einen Alternativentwurf der Autoren Hörning/Michailow zur Theorie der Klassen nach Bourdieu.

7 Fazit

Als besonderes Verdienst Pierre Bourdieus muß sicherlich die Tatsache gelten, daß er echte Grundlagenforschung betrieben hat, indem er mit seiner Kulturtheorie gewissermaßen „Neuland“ für die Kultursoziologie unserer Tage urbar gemacht hat. Auch wenn hierbei der Vorwurf der Politiklosigkeit gegen seine Theorie oftmals erhoben wurde. Die Kritiker beklagten, daß seine Theorie bereits vorherrschende „Ideologien“ lediglich reproduzieren würde und keine Lösungsvorschläge für die Verbesserung von Mißständen liefern würde. Nichtsdestotrotz hat Bourdieu meiner Meinung nach großartige Basisarbeit geleistet und eine analytische Denkleistung vollbracht, indem er derart umfassend und sensibel differenziert die Verhaltensweisen der einzelnen Klassen aufzeigt, und somit gesellschaftliche Mechanismen der Klassen offenlegt.

Bourdieu vertritt die These, daß der Lebensstil stets gekoppelt ist an sozialstrukturelle Ausgangsbedingungen. Bourdieus struktureller, stets gesamtgesellschaftlich ausgelegter Blick geht einher mit einem Verlust an Schärfe und Differenziertheit seines Rasters. Die Aufstellung eines solchen Modells mit gesamtgesellschaftlichen Anspruch ist zweifelsohne eine grandiose Leistung von enormem Wert, jedoch geht Bourdieu damit auch gleichzeitig das Risiko ein, einer Vielzahl der Individuen der Gesellschaft nicht gerecht werden zu können, sie schlichtweg nicht zu erfassen.

Hörning/Michailow hingegen formulieren ihre These dahingehend, daß der Lebensstil auf vergrößerte individuelle Gestaltungsspielräume zurückgreift. Dem Individuum wird mehr Entscheidungsfreiheit zugebilligt.

Während Bourdieu Kultur als Ä quivalent, als Gegenwert zum ökonomischen Kapital begreift, sehen Hörning/Michailow in der Kultur hingegen eine Alternative, eine Option zu systemintegrativen Zwängen.

Mit dem überlieferten Klassenbegriff nach Bourdieu läßt sich heutzutage nicht mehr operieren, um etwas überspitzt mit dem Philosophen Martin Heidegger zu sprechen: der Klassenbegriff „ west nicht mehr in unserer Welt “.34

Die vertikale Ungleichheitssemantik in der Vorstellung der hierarchischen Klassengesellschaft wird zunehmend verdrängt von einer Semantik der Lebensstile. Aber auch die Lebensstilsemantik ist nicht frei von der Gefahr, über die Ungleichheitsproblematik hinwegzusehen, da sie gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse geschickt zu verhüllen vermag und soziale Konfliktstrukturen eventuell auf ein individuelles Marketing „reduziert“ und herunterspielt.

Dennoch: Lebensstile stellen de facto eine Möglichkeit dar, dem beschriebenen Dilemma zu entkommen: indem sie sich freimachen von systemintegrativen Prozessen unterlaufen sie mehr oder weniger vorherrschende Machtstrukturen.

Lebensstile sind eine eigenständige Form der Sozialintegration, die den Gegebenheiten unserer veränderten individuellen und gesellschaftlichen Situation adäquater entspricht.

8 Literaturverzeichnis

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Hradil, Stefan (1989): System und Akteur. Eine empirische Kritik der soziologischen Kulturtheorie Pierre Bourdieus, in: Klaus Eder (Hg.), Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 111-141.

Krais, Beate (1989): Soziales Feld, Macht und kulturelle Praxis. Die Untersuchungen Bourdieus über die verschiedenen Fraktionen der „herrschenden Klasse“ in Frankreich, in: Klaus Eder (Hg.), Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 47-70.

Mörth, Ingo/ Fröhlich, Gerhard (Hg., 1994): Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu, Frankfurt a. M.: Campus.

Schmeiser, Martin (1986): Pierre Bourdieu. Von der Sozio-Ethnologie Algeriens zur EthnoSoziologie der französischen Gegenwartsgesellschaft. Eine bio-bibliographische Einführung, in: Ästhetik und Kommunikation, 16, 1986, S.167-183.

Schwingel, Markus (1995): Bourdieu zur Einführung, Hamburg: Junius.

Schwingel, Markus (1993): Analytik der Kämpfe: Macht und Herrschaft in der Soziologie Bourdieus, Hamburg: Argument-Verlag.

Treibel, Annette (1993): Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart (Band III). Opladen: Leske + Buldrich.

[...]


1 Geertz, C. (1992): Kulturbegriff und Menschenbild, S. 61 in: Rebekka Habermas / Niels Minkmar (Hg.), Das Schwein des Häuptlings, S. 56-83.

2 ebd. S. 70

3 Eine Haltung, die z.T. heutzutage - selbstredend in relativierter Form - noch existiert. Vgl. hierzu u.a. Hans-Peter Müller (1994): Kultur und Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer neuen Kultursoziologie? in: Berliner Journal für Soziologie 4, S. 135-156, speziell S. 140.

4 Bourdieu, P. (1989): Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen, S. 63.

5 Der Aufsatz ist in deutscher Sprache erschienen im Sonderband 2 der Sozialen Welt Soziale Ungleichheiten, herausgegeben von Reinhard Kreckel. Zitate aus besagtem Aufsatz werden im folgenden lediglich mit der Angabe der Seitenzahl direkt im Fließtext angegeben, z.B.: (S ).

6 vgl. hierzu Schwingel, M. (1995): Bourdieu zur Einführung, S. 82

7 Dies verdeutlicht bereits der Begriff: das französische Wort culture kann im Deutschen mit Bildung übersetzt werden.

8 Jedoch können Verhaltensdispositionen, die auf dem schulischen Markt negativ bewertet werden, auf anderen Märkten, z.B. innerhalb der Schulklassengemeinschaft, einen sehr positiven Wert haben, S. 187, Fußnote 8.

9 vgl. Treibel, A. (1993): Einführung in soziologische Studien der Gegenwart: Bourdieu, S. 214

10 Der Begriff des Habitus’ bereits in den frühsten Schriften Pierre Bourdieus auf, z.B. in „Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft (französisches Original veröffentlicht im Jahre 1972), vgl. ebd. S. 187f.

11 Ursprünglich hatte Bourdieu in seinen frühen Arbeiten das soziale Kapital stets als „symbolisches Kapital“ bezeichnet. In Kapital 5 „Symbolisches Kapital und Herrschaftsformen“ seines Buches „Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft“ (deutsche Erstveröffentlichung 1976) hatte er symbolisches Kapital als die „Reproduktion bestehender Beziehungen“ definiert, die durch Heirat, Geschenke u.a. erarbeitet werden muß, vgl. hierzu auch: Treibel, A. (1993): a.a.O., S. 215.

12 Hradil, S. (1989), System und Akteur, S. 113

13 vgl. Bourdieu, P. (1985): Sozialer Raum und Klassen. Zwei Vorlesungen, S. 12

14 Schwingel, M. (1995), Bourdieu zur Einführung, S.116

15 vgl. Bourdieu, P. (1989): Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen, S. 30

16 So geht auch der Soziologe Scott Lash von der Fortexistenz von Klassen in unseren Gesellschaftsformen aus. Im Unterschied zu Bourdieu konstituieren sich jedoch bei Lash Klassen über ihren Zugang zu modernen Informations- und Kommunikationsstrukturen, hieraus resultiert soziale Ungleichheit, vgl. Lash, S. (1996): Reflexivität und ihre Doppelungen: Struktur, Ästhetik und Gemeinschaft, S. 195-286. In: Beck, U. / Giddens, A. / Lash, S. (1996): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse.

17 vgl. Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.

18 Zumindest erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang natürlich sein Klassiker „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“, 1979 in Frankreich erschienen unter dem Titel „La distinction“, 1982 in deutscher Sprache veröffentlicht. Es stellt Bourdieus Hauptwerk zu Klasse und Stand, zur Problematik der sozialen Ungleichheit dar. Dieses epische Werk kann in der vorliegenden Arbeit unmöglich kurz zusammengefaßt werden, es soll vielmehr in einigen Hauptaussage einfließen.

19 Treibel, A. (1993): a.a.O., S. 210

20 ebd., S.211

21 Krais, B. (1989): Soziales Feld, Macht und kulturelle Praxis, S.51

22 vgl. Schwingel, M. (1995.): Bourdieu zur Einführung, S. 114

23 Krais, B. (1989): a.a.O., S. 39f

24 Der Aufsatz ist erschienen in dem Sammelband „Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile“ herausgegeben von Peter A. Berger und Stefan Hradil, S. 501-521. Zitate aus diesem Aufsatz werden im folgenden nur mit Angabe der Seitenzahl in Klammern wiedergegeben (z.B. S ).

25 vgl. u.a. Beck, U. (1983): Jenseits von Stand und Klasse, und: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne (1986).

26 vgl. Lash, S. (1996): a.a.O.

27 vgl. Simmel, G. (1900): Philosophie des Geldes.

28 vgl. Hörning, K.H./ Ahrens, D./ Gerhard, A. (1996): Die Autonomie des Lebensstils. Wege zu einer Neuorientierung der Lebensstilforschung, S.37

29 vgl. dazu auch Treibel, A. (1993): a.a.O., S. 55

30 Diese von Zeitgeist geprägten gesellschaftlichen Strömungen sollen damit keineswegs abwertend, oder generell in irgendeinem Sinne, beurteilt werden, es sollte lediglich ihre Funktion in der heutigen Gesellschaft betont werden.

31 vgl. hierzu Beck, U. (1983): Jenseits von Stand und Klasse?

32 vgl. Gerhard, A. / Michailow, M. (1987): Veränderungen im Lebensarrangement unter der Bedingung reduzierter Arbeitszeit, und ausführlicher zu diesem Thema: Hörning, K.H./ Gerhard, A. / Michailow, M. (1990): Zeitpioniere. Flexible Arbeitszeiten - neuer Lebensstil.

33 u.a. z.B. in : Bourdieu, P. (1985), Sozialer Raum und Klassen, S. 11

34 vgl. Heidegger, M. (1927): Sein und Zeit.

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Neue kulturelle Formen der Vergesellschaftung. Ausgeführt am Beispiel der Kulturtheorie Bourdieus und der Lebensstildiskussion.
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Hauptseminar: Kultur und Gesellschaft. Soziologische Grundlegungen
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
28
Katalognummer
V96371
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Formen, Vergesellschaftung, Ausgeführt, Beispiel, Kulturtheorie, Bourdieus, Lebensstildiskussion, Hauptseminar, Kultur, Gesellschaft, Soziologische, Grundlegungen
Arbeit zitieren
Elke Kania (Autor), 1997, Neue kulturelle Formen der Vergesellschaftung. Ausgeführt am Beispiel der Kulturtheorie Bourdieus und der Lebensstildiskussion., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96371

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