Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme. Eine Einführung in die Theorie Talcott Parsons.


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
23 Seiten, Note: 1,5

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Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Darstellung der Parsons’schen Systemtheorie
2.1 Struktur und Funktion
2.2 Das AGIL-Schema
2.3 Die vier Subsysteme
2.4 Die zwei Theorieansätze des Talcott Parsons

3 Zum Aufsatz Das Ü ber-Ich und die Theorie der sozialen Systeme
3.1 Es, Ich und Über-Ich
3.2 Der Begriff des Über-Ichs bei Freud und Parsons
3.2.1 Der Ödipus-Komplex

4 Kritik an Parsons strukturell-funktionaler Theorie

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Talcott Parsons war der erste Soziologe, der psychoanalytische Ansätze in sein soziologisches Konzept integrierte. Dies war zu Beginn seiner Studien - den frühen fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts - sehr ungewöhnlich, besonders in der amerikanischen Soziologie, der er angehört. Talcott Parsons Anliegen ist es, allgemeingültige Aussagen zu treffen, die sowohl für die Theorie der Persönlichkeit (Psychologie), als auch für die Theorie des sozialen Systems (Soziologie) von maximaler Gültigkeit sind. „Arbeiten“ zwei Disziplinen zusammen, so ist das Ergebnis besonders erfolgreich, von dieser Maxime geht Parsons aus. Als Beispiel für solch ein erfolgreiches Zusammenwirken nennt Parsons die Erkenntnisse der Genetik, einer Wissenschaftsdisziplin, in der biologische und medizinische Erkenntnisse in ihrer Zusammenführung zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt haben.1 Parsons vertritt klar die Überzeugung, daß die Probleme des Verhältnisses von Sozialstruktur und Persönlichkeit - obwohl sie für besondere Zwecke getrennte Behandlung verdienen - im weiteren Rahmen in so engen Wechselbeziehungen stehen, daß es unbedingt erforderlich ist, sie in eine interpretierende Synthese zu bringen, wenn ein wirkliches Verständnis des Gesamtzusammenhanges zu erreichen.

In der Vergangenheit gab es stets Schwierigkeiten, die beiden Wissenschaftsdisziplinen Psychologie und Soziologie zu vereinen. Eine übergreifende, verbindende Analyse, wie Parsons sie beabsichtigt, wurde bisher noch nicht durchgeführt. Auf der einen Seite haben sich Psychologen, Begründer Sigmund Freud und seine Nachfolger, ausschließlich mit der Einzelpersönlichkeit beschäftigt und die Bedeutung der Interaktion des Individuums mit anderen Personen vernachlässigt. Auf der anderen Seite haben Soziologen wie Emile Durkheim u.a. sich zu sehr auf das soziale System als solches konzentriert und dabei nicht bedacht, daß es individuelle Pers ö nlichkeiten sind, die durch Interaktion das soziale System bilden. Talcott Parsons, in erster Linie Soziologe, vertritt jedoch vehement die Auffassung, daß eine angemessene soziologische Analyse eines Systems die Probleme der Persönlichkeit unbedingt berücksichtigen muß.2 Unternommen wird dieser Versuch anhand der Analyse des Phänomens der Verinnerlichung moralischer Werte im Über-Ich eines jeden Menschen, eines für Parsons fundamentalen Phänomens.

Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, auf welche Art Talcott Parsons die Verbindung der beiden wissenschaftlichen Betrachtungsweisen argumentativ anstrebt. Von diesem Ansatz aus soll eine allgemeine Einführung in das soziologische Denken Parsons geleistet werden. Am Anfang steht die Darstellung der Parsons’schen Systemtheorie in geraffter Form mit einer Erläuterung der wichtigsten Begriffe der Terminologie Talcott Parsons’. Einen Schwerpunkt der Hausarbeit bildet der 1951 erschienene Aufsatz „Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme“3. Der Aufsatz eröffnete neue Perspektiven für die Beziehungen zwischen dem sozialen System und der Persönlichkeit des Individuums. Im Anschluß an diesen Block wird die strukturell- funktionale Theorie Parsons’ unter Berücksichtigung verschiedener wissenschaftlicher Standpunkte kritisch diskutiert.

Ein Fazit schließt die Arbeit ab.

2 Darstellung der Parsons’schen Systemtheorie

Seit Parsons ist die Soziologie dem Status einer reifen Wissenschaft n ä her als je zuvor. “ 4

Talcott Parsons wurde am 13.12.1902 bei Colorado Springs (USA) geboren und starb am 8.5.1979 in München. Von 1920-24 studierte er am Amherst College Naturwissenschaften mit der Absicht, Mediziner zu werden, geriet aber im Laufe einiger Studienjahre endgültig in den Bereich der Sozialwissenschaften, zuerst der Nationalökonomie. Von 1924-25 studierte er an der London School of Economics u.a. unter Bronislaw Malinowski. 1927 promoviert er an der Universität zu Heidelberg (Alfred Weber leitete dort seit 1907 eine Lehrstuhl für Soziologie) mit einer Dissertation über den Begriff des Kapitalismus in den Theorien Max Webers und Werner Sombarts. Ab 1927 ist Parsons an der Harvard University als Wirtschaftswissenschaftler angestellt, er durchläuft eine stetige universitäre Karriere und wird 1944 zum ordentlichen Professor an der Universität Harvard. 1946 wird er zum Direktor des neu gegründeten überdisziplinären Departement of Social Relations ernannt. Ab 1949 ist er Präsident der American Sociological Society.

Stark beeinflußt wurde Parsons durch den funktionalistischen Ansatz seines Lehrers, des Kulturanthropologen Bronislaw Malinowski. Zentral für das Werk Malinowskis ist sein Plädoyer für die Vereinigung der verschiedenen Einzelwissenschaften vom Menschen zu einer übergreifenden, umfassenden Anthropologie. Diese solle sich zuvorderst mit der Kultur als Funktionszusammenhang befassen. Malinowski vertritt somit eine Funktionstheorie gegenüber dem in den 30er Jahren allgemein vorherrschenden evolutionistischen Ansatz.

In systematischer Untersuchung der Theorien von Vilfredo Pareto, Emile Durkheim und Max Weber (speziell seiner „Soziologischen Grundbegriffe“) weist Parsons gemeinsame Grundlagen individuellen und sozialen Handeln auf. Von herausragender Bedeutung ist hierbei - wie noch zu untersuchen ist - die Rezeption der Freud’schen Psychoanalyse.

Talcott Parsons zählt zu den großen Klassikern der Soziologie, insbesondere der Systemtheorie. Kern des gesamten theoretischen Werks von Parsons ist die schon von dem Philosophen Thomas Hobbes gestellte Frage: Wie kommt Gesellschaft als Ordnung von sozialen Beziehungen zustande? 5 Parsons’ Theorie sucht allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten des individuellen und sozialen Handeln zu formulieren. Seine soziologische Theorie möchte einen Einblick in die sozialen Prozesse vermitteln, die die Stabilität sozialer Systeme, speziell von Gesellschaftssystemen, garantiere.

Parsons’ Theorie ist eine General Theory eine „allgemeine Theorie“, d.h. nicht die Erklärung einzelner historischer Phänomene steht im Mittelpunkt der Untersuchung, sondern vielmehr die Suche nach allgemeinen Bedingungen und Stabilität von Gesellschaft. Allgemeines Ziel der wissenschaftlichen Bemühungen von Talcott Parsons ist es, ein theoretisches Modell, bzw. eine „theoretische Hypothese“ zu erarbeiten, mit der es für Theorie und Empirie möglich ist, „die Gesamtheit der Prozesse innerhalb eines gesellschaftlichen ganzen erfassen und voraussagend (deduktiv) beschreiben zu können.“6

2.1 Struktur und Funktion

Den Kern der Parsons’schen Systemtheorie stellen, wie der Name seiner strukturell- funktionalistischen Theorie bereits verdeutlicht, die Begriffe Struktur und Funktion dar.

Parsons abstrahiert zunächst vom niemals auszuschließenden Wandel sozialer Beziehungen und gelangt so zu der Kategorie der Struktur. Bestimmte Phänomene oder Variablen des Systemprozesses sind, laut Parsons, als konstant anzusehen; sie nennt Parsons Struktur von lat. „Ordnung“, gemeint ist somit ein relativ stabiles, bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegendes Gefüge. Der Begriff Struktur bezieht sich immer auf einen Zusammenhang von variablen Elementen, die nur theoretisch ausgewählte Ausschnitte der Wirklichkeit repräsentieren. Strukturen sind gekennzeichnet durch relative Stabilit ä t.

Daneben gibt es noch dynamische Variablen. Die Vermittlung zwischen statischen Strukturen und dynamischen Variablen stellt der Begriff Funktion dar. Funktion (lat.) bedeutet so viel wie „Tätigkeit“. In der Soziologie versteht man seit Emile Durkheim unter Funktion allgemein die Leistung eines sozialen Elements für den Aufbau, die Erreichung, Erhaltung oder Veränderung eines bestimmten Zustandes des gesellschaftlichen Systems (Struktur), zu dem das Element gehört. Ähnlich bezieht Parsons die Funktion als Leistung eines sozialen Elements auf den Stabilitätszustand eines Systems.7

Jede Situation oder Handlung wird nun danach befragt, ob sie zur Erhaltung des Systems beiträgt (= funktional ist) oder ob sie die Wirksamkeit des Systems beeinträchtigt (= dysfunktional ist).

Das menschliche Handeln ist systembildend, es führt zur Konstitution von Handlungssystemen. Parsons entwirft das idealtypische Modell eines „sozialen Systems“, das sich wie der menschliche Organismus mit eingebauten Mechanismen gewissermaßen „von selbst“ im Gleichgewichtszustand hält - vorausgesetzt, es ist funktional nicht gestört, z.B. durch abweichendes Verhalten von Individuen. Als Parameter des Gleichgewichtszustandes wird die Erhaltung des sozialen Status Quo betrachtet. In diesem Zustand des Gleichgewichtes verhalten sich die Handelnden normalerweise im Einklang mit den Erwartungen ihrer Interaktionspartner. Jede Abweichung von normativen Verhaltensmustern wird als Form von Ich-Schwäche gewertet.8

Parsons’ Systemtheorie weist eine spezifische Terminologie auf. Diese soll im folgenden skizziert werden.

2.2 Das AGIL-Schema

Jede Handlung impliziert laut Parsons notwendig handelnde Personen, sogenannte actors. Unter actors versteht man sowohl Einzelindividuen als auch Gruppen. Weiterhin von Notwendigkeit sind Handlungsziele, sowie eine Situation der Handlung und die Orientierung des Handelnden an der Situation. Parsons hat nun zur Untersuchung einer Handlung das sogenannte AGIL -Schema aufgestellt. Es beschreibt die unterschiedlichen funktionalen Leistungen, die für den Erhalt des Systems erbracht werden müssen.

AGIL ist die Abkürzung für das von Parsons entworfene Vier-Funktionen-Schema (Vierfeldertafel) für die analytisch-differenzierte Darstellung grundlegender Funktionen, die in jeder Gesellschaft erfüllt werden müssen.

Stellen wir uns zur Verdeutlichung folgende Situation vor: In einem Handlungssystem muß eine Aufgabe bewältigt werden. Das Handlungssystem ist zu diesem Zeitpunkt somit nicht im Gleichgewicht. Durch die erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe würde das Systemgleichgewicht wiederhergestellt sein. Nun läuft folgender Mechanismus ab: Zunächst muß eine Adaption an die Situation erreicht werden, bei der die Orientierungsmodalitäten Universalismus und Spezifität vorherrschen. Diese Stufe ist im AGIL-Schema besetzt mit A für Adaption = Anpassung an die Systemumwelt, Bereitstellung von Ressourcen. Der zugehörige Aufgabenbereich ist der Bereich der Wirtschaft. Dieser Stufe A wird als Subsystem der menschliche Organismus zugerechnet. Es geht bei der Anpassung um die Art und Weise, mit der die Menschen sich auf klimatische Verhältnisse einstellen, wie sie ihre Nahrung gewinnen und wie sie sie produzieren etc.

Nachdem die instrumentellen Voraussetzungen geschaffen sind, kann das Ziel erreicht werden, wobei Affektivität und Performance überwiegen. Im AGIL-Schema steht stellvertretend für diese Stufe das G für Goal attainment bzw. Goal selection = Zielerreichung bzw. Zielfestlegung für die Ressourcenverwendung. Das zugehörige Subsystem ist das personale System, also die Persönlichkeit eines Menschen, zu seinem Aufgabenbereich gehört u.a. die Politik. Die Organisation von Interessen, Parteien und Verbänden, der Kompromiß von Einzelinteressen und die Formulierung von gemeinsamen Handlungsorientierungen, z.B. in Verfassungen und Gesetzen, wird in diesem Subsystem erreicht.

In diesen beiden Phasen treten Gruppenspannungen auf, die jedoch in der folgenden Phase, die durch Diffusheit und Partikularismus gekennzeichnet ist, ausgeglichen werden. Im AGIL-Schema steht somit I für Integration = Integration der Systemeinheiten. Charakteristisch hierbei ist die Verknüpfung der verschiedenen Elemente eines Systems und die Kontrolle des Zusammenhaltes. Der zugeordnete Aufgabenbereich ist der der sozialen Kontrolle und des Rechtssystems . Dies ist die wichtige Aufgabe des Subsystems des sozialen System: das gesellschaftliche Gemeinwesen, also das, was sich unterhalb der Verfassung im Leben einer Gemeinde, in einer Nachbarschaft, in Vereinen usw. abspielt.

Nun erst ist das Systemgleichgewicht, bei dem Qualität und Neutralität dominieren, wiederhergestellt. Die letzte Stufe im AGIL-Schema ist nun erreicht, das L steht für Latent pattern maintenance = Aufrechterhaltung der Systemstruktur verinnerlichter kultureller Werte. Hierbei handelt es sich um die Funktion des kulturellen Subsystems. Diese Funktion übernimmt z.B. die Schule und die Kirche, die Gesellschaft im allgemeinen, aber auch (und im besonderen!) die familiale Sozialisation in der Kernfamilie.9

Zwischen den verschiedenen Funktionsbereichen bestehen wiederum Verbindungen, z.B. die Legitimation von G (goal attainment) durch L (latent pattern maintenance).

Das Funktionsschema AGIL des sozialen Systems ist auf die Erhaltung der normativen Struktur des Systems zugeschnitten.

Im AGIL-Schema kann man sehr deutlich die typische Phasenfolge eines performance process verfolgen.10

2.3 Die vier Subsysteme

Weiterhin ist für Parsons bei der Erfassung sozialen Handelns der Aspekt der theoretischen Konstruktion einer stabilen Ganzheit wesentlich. Die Ganzheit unterteilt er in vier Felder oder Subsysteme, wie bereits oben in der Darstellung des AGIL-Schemas erläutert wurde. Da diese Subsystem von entscheidender Bedeutung sind, sollen sie hier noch einmal ausführlich dargestellt werden.

Talcott Parsons unterteilt jedes gesellschaftliche System in vier Subsysteme menschlichen Handelns:

a) der menschliche Organismus („behavior organism“)
b) das personale System („personality system“)
c) das soziale System („social systems“) } diese drei sind „fundamental“
d) das kulturelle System („cultural system“)

Diese vier Felder oder Untersysteme wirken gegenseitig aufeinander ein. Ihre Interdependenz wird von Parsons postuliert. Keines der Systeme ist wirklich eigenständig, sie existieren nur in gegenseitiger Verschränkung und Wechselwirkung.11

a), b), und c) bilden zusammen das Handlungssystem.

zu a) der menschliche Organismus:

Parsons weist den einzelnen Mitgliedern seines Systems erhebliche Bedeutung für das Funktionieren des Systems zu. Der menschliche Organismus zeichnet sich aus durch nahezu unbeschränkte Prägsamkeit (plasticity). Auf dieser Stufe des Organismus’ herrschen die needs, die Triebe vor. Ihr zugeordnet wird die G-Funktion (goal attainment = Wunsch nach Zielerreichung) des AGIL- Schemas. Charakteristisch für dieses Subsystem ist ein hoher Grad an Affektivit ä t, ein hohes Bedürfnis nach Liebe, Pflege, Wärme, Schutz, unmittelbarer Befriedigung von Trieben wie Hunger, Durst, etc.

=> bei Freud könnte man - grob vereinfacht - hier die Stufe des ES ansetzen.

zu b) das personale System:

Unter dem personalen System versteht man die einzelmenschliche Persönlichkeit. Zentral ist hierbei die Organisation von Motiven um die Bedürfnisse eines Handelnden, eines actors. Es handelt sich um ein System von needs dispositions (Bündel von Trieben und Bedürfnissen), organisiert in einem Individuum. Diese needs dispositions sind jedoch laut Parsons nicht ursprünglich-natürlich und somit angeboren wie die needs, sondern jeweils abhängig von Normen und Rollen, die das Individuum im gelungenen Sozialisationsprozeß internalisiert und sich damit identifiziert. Der Befriedigung dieser Bedürfnisse weist Parsons dabei zwei im Persönlichkeitssystem enthaltenen Mechanismen zu: „ defense “ (innere Kontrolle, schirmt disfunktionale Tendenzen ab) und „ adjustment “ (paßt sich strukturellem Wandel in der Umgebung an: der Sozialisationsprozeß).

Im AGIL-Schema wird diesem Subsystem die A-Funktion (adaptation; Bedürfnis nach Adäquatheit, Erfolgsstreben) zugeordnet. Charakteristisch hierfür ist ein Vorherrschen von affektiver Neutralit ä t.

⇒ bei Freud könnte man - grob vereinfacht - hier die Stufe des adaptierten Ichs ansetzen.

zu c) das soziale System:

Interdependenter Zusammenhang von Interaktionen von mehreren Handelnden. Auf eine kurze Formel gebracht bedeutet dies: Rollen.12 Dieses System wird getrieben vom Bedürfnis nach Sicherheit, vom Streben nach innerer Harmonie und Ausgeglichenheit. Es entspricht der I-Funktion in Parsons’ AGIL-Schema (integration). Es herrscht Selbstorientierung vor.

⇒ entspricht bei Freud - grob vereinfacht - der Stufe des integrierten Ichs.

zu d) das kulturelle System:

Kultur umfaßt hier alle Denk- und Handlungsweisen, Anschauungen etc., die die Motivation und das Handeln von Menschen regelnd bestimmt. Es handelt sich um einen sehr weit gefaßten Begriff von Kultur. Beispiele sind z.B. Menschenbilder, politische Anschauungen, religiöse Vorstellungen, ethische Werte (daher wird es auch oft Wertesystem genannt), im besonderen auch die Sprache. L-Funktion: Bedürfnis nach Konformität

⇒ entspricht bei Freud - grob vereinfacht - der Stufe des Über-Ichs (Kollektivorientierung).

Personale und soziale Systeme sind nach Parsons die eigentlich „handelnden“ Systeme. Das Kultursystem wird wirksam durch Institutionalisierung (in der Gesellschaft) und Internalisierung (in jedem Individuum). Als System von Werten, Normen und Symbolen dirigiert das kulturelle System somit allumfassend den gesamten Kosmos menschlicher Existenz.

Besonders interessant sind hierbei die Punkte, an den die einzelnen Untersysteme sich durchdringen:

- Die Auseinandersetzung des personalen mit dem sozialen System wird prägnant zusammengefaßt im Begriff der SOZIALISATION.
- Der Prozeß des „Eindringens“ des kulturellen in das personale System wird mit dem Begriff der INTERNALISIERUNG benannt.
- Das Übergehen des kulturellen in das soziale System, benennt Parsons mit dem Begriff der INSTITUTIONALISIERUNG.

Einen großen Stellenwert nimmt bei Parsons die Vermittlung zwischen den einzelnen Subsystemen ein. Die notwendige Umformung oder Anpassung des personalen Systems an das kulturelle System (Internalisierung) vollzieht sich nach Parsons auf drei verschiedenen Wegen:

1. durch Lernen (lebenslanger Prozeß, in welchem kulturelle Muster von den einzelnen Akteuren übernommen werden)
2. durch Verinnerlichung (Introjektion)
3. durch (soziale) Kontrolle (soziale Sanktionen)

2.4 Die zwei Theorieansätze des Talcott Parsons

Parsons selbst erkannte das Ungenügen rein individualistischer Kategorien und wählte daraufhin eine anderen Ansatz, der ab dem Jahre 1951 eine Kehre seines Denkens bewirkte. Von nun an stehen anstatt des einzelnen Handelnden viel stärker die Bedürfnisse von Systemstrukturen im Mittelpunkt seiner Theorie. Nach Parsons’ eigener Auffassung liegt hier ein Wechsel der Blickrichtung vor, gleich einer kopernikanischen Wende. Von einer Konzeption, die das soziale System grundsätzlich vom Gesichtspunkt des sich entscheidenden actors aus angeht verschiebt sich die Blickrichtung hin zu einer neuen, wesentlich spezifisch soziologischeren Sicht, die den einzelnen actor von der Perspektive des Systems aus betrachtet.

In seinem ersten Theorieansatz in seinem frühen Hauptwerk The Structure of Social Action aus dem Jahre 1937 untersucht Parsons Handlungsprozesse von Individuen. Hierfür gilt: das Verhalten wird vom subjektiven Gesichtspunkt des actors aus betrachtet.

In der zweiten Phase ab 1951 kehrt sich der analytische Standpunkt Parsons um: Kultur ist a priori (= vor der Erkenntnis), alles leitet sich davon ab. Parsons begreift soziales Handeln von Einzelindividuen von nun an überwiegend von sozialen Systemen und deren Strukturgesetzlichkeiten her; diesen werden dann nur bestimmte Persönlichkeitsmuster zugeordnet. Menschliches Verhalten wird vom objektiven Standpunkt des Systems aus betrachtet und untersucht. Entscheidend für diese Veränderung ist die Einbeziehung der Motivationskonzepte der Freud’schen Psychoanalyse, die im Frühwerk vernachlässigt wurde.13

In Toward a General Theory of action (1951) schreibt Parsons dazu:

„ Die vorliegende Darstellung der Handlungstheorie stellt im wesentlichen eine Modifizierung und Erweiterung der Position dar, wie sie in ‘ The Structure of Social Action ’ entwickelt worden ist; die Revision steht vor allem im Licht der psychoanalytischen Theorie sowie der Entwicklungen in der Verhaltenspsychologie und der anthropologischen Kulturanalyse. “ 14

Der Aufsatz Das Ü ber-Ich und die Theorie der sozialen Systeme, der im folgenden Kapitel dieser Arbeit ausführlich untersucht werden soll, stammt aus dem Jahre 1951 und wird bereits der zweiten Phase des Parsons’schen Denkens zugerechnet. In diesem frühen Aufsatz sind bereits die charakteristischen Ansätze des erweiterten Denkens der „neuen“ Parsons’schen Theorie enthalten. Das Verständnis dieses Aufsatzes trägt somit wesentlich zum Gesamtverständnis der gereiften Systemtheorie Talcott Parsons bei.

3 Zum Aufsatz Das Ü ber-Ich und die Theorie der sozialen Systeme(1951)

Der Aufsatz das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme aus dem Jahre 195115 thematisiert im besonderen die Bedeutung der psychoanalytischen Theorie der Persönlichkeit für die Integration von Soziologie und Psychologie. Der Aufsatz steht zeitlich direkt im Anschluß an die beiden wichtigen Veröffentlichungen von Talcott Parsons Toward an General Theory of Action (zusammen mit Shils, Tolman und anderen Wissenschaftlern) und The Social System, die beide im Herbst 1951 in den USA herauskamen. Mit diesen beiden Veröffentlichungen wurde die Theorie der Handlungssysteme begründet. Der Aufsatz wurde 1951 der psychoanalytischen Sektion der American Psychiatric Association vorgelegt; 1953 wurde er in die berühmten Working Papers in the Theory of Action (zusammen mit Bales und Shils) aufgenommen.

Ein roter Faden zieht sich durch den Aufsatz, wie auch durch viele der Bücher Parsons: Die Erörterung des theoretischen Problems der Beziehungen zwischen dem sozialen System und der Persönlichkeit des Individuums. Besonders behandelt wird nun das Problem der Beziehung zwischen Motivation zur Erfüllung sozialer Rollen und Kontrolle dieser Erfüllung durch normative Mechanismen.

Wie erinnern uns, Parsons möchte eine Synthese finden, quasi eine Art „Brücke“ bauen zwischen der Psychologie und der Soziologie, da er dies für unerläßlich hält, um ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu erlangen. Nur so könne man zu einer wahren Theorie des Handelns gelangen. Festmachen möchte Parsons seine Untersuchung am psychoanalytischen Begriff des Ü ber-Ichs, (Zitat Parsons) „ ...da dieser Begriff in der Tat einen der wichtigsten Punkte darstellt, an denen es m ö glich ist, direkte Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Soziologie herzustellen “ (S.25).

Der Begriff des Über-Ichs wurde geprägt von Sigmund Freud (1856-1939), dem Begründer der Psychoanalyse, er ist von entscheidender Bedeutung für die Wissenschaft.16

Zum besseren Verständnis der spezifischen Terminologie soll im folgenden kurz auf die Struktur des psychischen Apparates nach Freud, dessen Teil das Über-Ich ist, eingegangen werden.

3.1 Es, Ich und Über-Ich

Gemäß des zweiten Modells der Strukturtheorie nach Sigmund Freud besteht die menschliche Psyche aus drei miteinander, aber unter Umständen auch gegeneinander arbeitenden Systemen: dem Es, dem Über-Ich und dem Ich.17

Das zweite Modell der Strukturtheorie Freuds ist sowohl zeitlich als auch qualitativ hierarchisch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die unterste Stufe dieser Kontrollhierarchie nach Freud nimmt die phylogenetisch wie auch ontogenetisch älteste Stufe ein, das sog. Es. Sie umfaßt den psychischen Apparat zum Zeitpunkt der Geburt. Die anderen Organisationen sind zunächst in der Stufe des Es enthalten und entwickeln sich erst durch allmähliche Differenzierung zu funktional selbständigen Instanzen. Alles am Es ist unbewußt, es entzieht sich einer bewußten Kontrolle und Beherrschung. Das Es wird oftmals gleichgesetzt mit der Gesamtheit der Triebe und Leidenschaften, der Naturgewalten, „es hat mich übermannt“. Das Es muß ständig unterdrückt werden; es wehrt sich durch schlaues Ausweichen, durch Satire, durch Ausleben in Zwischenräumen, selten durch offene Revolte.

Hiernach folgt die Ausbildung des Ichs, der nächsthöheren psychischen Instanz. Das Ich (lat. Ego) entspricht der Gesamtheit der bewußten Orientierungspunkte eines Individuums. Nach Ansicht der Freud’schen Psychoanalyse entwickelt sich das Ich aus dem Es heraus, und zwar dort, wo der Zusammenprall mit der gefahrbringenden Außenwelt Bewußtsein und Voraussicht erfordert. Das Ich ist darauf spezialisiert, zwischen Es und Umwelt zu vermitteln. Die Entwicklung des Ichs beruht sowohl auf Reifung wie auf Erfahrung. Das Es ist jedoch stets der Mutterboden des Ichs: Das Ich muß wollen, was im Grunde das Es will. Allzuoft siegen letztlich die Begierden! Wenn sich Erlebnisse des Ichs stark und besonders häufig in Generationen wiederholen, können sie verändert auf das Es einwirken.

Wie das Ich ein Differenzierungsprodukt des Es ist, ist das Ü ber-Ich ein Differenzierungsprodukt des Ichs. Freud benutzt die Bezeichnung Über-Ich um die Kontrollfunktion auf das Ich zum Ausdruck zu bringen. Das Über-Ich (lat. Superego) geht aus Abwehrprozessen hervor, in denen sich das Ich in der ö dipalen Krise 18 , einer der schwersten Krisen seiner Entwicklung, gegen sicherheitsgefährdende Strebungen des Es verteidigt.

Unter dem Über-Ich versteht man die Gesamtheit der Funktionen der Selbstwahrnehmung und die Gewissensfunktion. Der Begriff des Über-Ichs subsumiert alle Normen und Werte, die der Mensch im Laufe seiner Sozialisation verinnerlicht hat, z.B. die Seelenbilder der Eltern oder weiterer Autoritätsfiguren u.a., also die gesamte Fülle von Werten im Bewußtsein und Unterbewußtsein des Individuums.

Parsons versteht soziologisch unter dem Begriff des Über-Ichs die durch Sozialisation und Internalisierung in der Struktur der Persönlichkeit verankerten kulturellen und moralischen Grundnormen der umgebenden und Autorität darstellenden Gesellschaft. Das Über-Ich wirkt als Kontrollinstanz gegenüber den Ansprüchen und Strebungen des Es. Im Falle abweichenden Verhaltens macht es sich als Schuld- und Angstgefühl bemerkbar („Gewissen“). Ein zu starkes ÜberIch unterbindet jedoch die Entfaltung der Ich-Identität.

Es, Ich und Über-Ich stehen für Freud in einer steten Wechselwirkung. Sein berühmtes Credo lautete: „Wo Es war, soll Ich werden.“

Die Psychoanalyse untersucht nun dieses Verhältnis von phasenhaft vorgestellter Triebentwicklung (orale, anale, phallische, genitale Phase) des Menschen und äußeren, die Trieberlebnisse und Triebenergien begrenzenden, einengenden Einflüssen, d.h. die Dynamik der Beziehungen von Es, Über-Ich und Ich.

Internalisierung oder Introjektion (d.h. Verinnerlichung; beide Begriffe sind Synonyme) führen zur Ausbildung der Instanzen Ich und Über-Ich. In einem gesellschaftlichen System konstituiert sich Konsens bei Handelnden über die bei allen gleich introjizierten Normen im Über-Ich. Das Über-Ich formiert sich durch Identifizierungsprozesse. Selbstverständlich nicht ausschlie ß lich darüber, jedoch aber zum größten Teil. Eine Norm, ein Wert, der äußerlich gesellschaftlich war, wird durch diesen Prozeß der Identifizierung, durch Introjektion, zu einem intrapsychischen Element von hoher Wirkkraft.19

3.2 Der Begriff des Über-Ichs bei Freud und Parsons

Der unentbehrliche Ausgangspunkt eines Versuches, die beiden theoretischen Systeme Psychologie und Soziologie miteinander zu verbinden, wie ja bereits erwähnt ein Hauptanliegen Parsons’, ist die Analyse gewisser Eigenschaften der Interaktion von zwei oder unbeschränkt vielen Personen. Um den komplexen Tatbestand besser darstellen zu können, beschränke ich mich auf die Interaktion zwischen zwei Personen.

Eine Interaktion zwischen zwei Personen durchläuft in der Regel drei Formen (vgl. S.29):

1. Kognitive Wahrnehmung und begriffliches Verstehen: „Was ist das Objekt?“ (= kognitiv)
2. Objektbesetzung : „Bin ich dem Objekt zu- oder abgeneigt?“ (= kathektisch)
3. Bewertung = Integration der Punkte eins und zwei (= evaluativ)

Jede stabile Beziehung zwischen zwei oder mehreren Individuen durchläuft diese drei Orientierungsweisen notwendig. Parsons stellt fest: Bei allen drei Formen „wirkt“ die Verinnerlichung eines gemeinsamen kulturellen Systems - was im folgenden zu beweisen ist!

Jede Gesellschaft enthält Symbolsysteme (Sprache!). Es ist dabei irrelevant, wie die Symbole im einzelnen definiert sind, wichtig ist lediglich, daß sie in der Sozialisation eines jedes Kindes der Gesellschaft enthalten sind.

Besonders interessant für die Untersuchung sind moralische Maßstäbe. Sie bilden den Kern der stabilisierenden Mechanismen sozialer Interaktion (S. 31). Auch Freud rückte völlig zu Recht das Element der moralischen Maßstäbe in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit, aber seine Perspektive war dabei, laut Parsons, noch zu begrenzt (S. 32). Parsons selber geht einen Schritt weiter und stellt in seinem Aufsatz Das Ü ber-Ich und die Theorie der sozialen Systeme folgende These auf:

These: Nicht nur moralische Ma ß st ä be, sondern alle Bestandteile der gemeinsamen Kultur werden als Teil der Pers ö nlichkeitsstruktur verinnerlicht (S. 32).

Mit dieser These kritisiert Parsons Freud somit in zwei Punkten:

Zum Einen führte Freud nach Ansicht Parsons’ eine wirklichkeitsfremde Trennung von Über-Ich und Ich ein (S.32f.). Freud verleihe dem Über-Ich somit den Anschein von Willkür und Getrenntheit von der restlichen Gesamtheit der Persönlichkeit, jedoch speziell vom Ich, was nach Meinung von Parsons schlichtweg unhaltbar sei. Für Freud wird das Über-Ich durch Identifizierung verinnerlicht, bis zu diesem Punkt Stimmt Parsons der Auffassung Freuds zu. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, daß Freud davon ausgeht, daß das Ich nicht aus verinnerlichter Kultur, sondern aus „Antworten auf die äußere Wirklichkeit“ bestehe. Dies kann Parsons nicht hinnehmen! Denn: Auch diese Antworten kommen letztlich für ihn aus dem Über-Ich bzw. aus der Verinnerlichung von Werten!

Zum Anderen beschränkte Freud seine bahnbrechenden Untersuchungen, z.B. im Bereich der Traumdeutung auf die unmittelbare Auslegung des Traumes des Individuums, untersuchte jedoch nicht, was für eine Bedeutung die Träume für die Kommunikation in der Gesellschaft haben. Auch der Symbolismus der Träume entspringt der gemeinsamen Kultur, dies übersah Freud nach Meinung Parsons’. Freud behandelt den Symbolismus des Traumes als individuell einer Person zugehörig und somit unabhängig von kulturellen Werten - dies sei falsch, so Parsons! Auch in einem expressiv- affektiven Symbolismus äußere sich eine gemeinsame Kultur. Das Über-Ich sei integraler Teil dieses emotional-expressiven Symbolismus ’, nichts Darüberstehendes, von ihm Abgetrenntes. Diese Beschränkung hinderte Freud daran, zu erkennen, daß neben den moralischen Maßstäben auch der kognitive Bezugsrahmen (in der Terminologie Parsons’ frame of reference) und das System des expressiven Symbolismus verinnerlicht werden (S. 32).

Diese Ausführungen sind sehr abstrakt, Parsons erläutert sie in seinem Aufsatz durch die beiden folgenden Beispiele.

1. Beispiel:

Parsons stellt in seinem Aufsatz die Frage nach der Definition eines kognitiven Bezugssystems.

Als eine Antwort nennt er das Erlernen der Geschlechterrolle (S. 35). Hierbei teilt Parsons weitgehend die Überzeugung Freuds von der ursprünglichen Bisexualität (besser: Unbestimmtheit der Sexualität) des Kindes. Jeder Mensch müsse in seiner frühen Kindheit die Geschlechtszugehörigkeit erst psychologisch erfassen, erlernen und verinnerlichen. Freud drückt dies in seinem berühmten Ausspruch „das kleine Kind ist polymorph pervers“ (in: Freud, „Drei Abhandlungen“) prägnant aus:

Die als „normal“ angesehene Heterosexualität des Erwachsenen kann nicht als eine instinktive Gegebenheit im Sinne eines angeborenen Modells angesehen werden, welches sich „spontan“, also natürlich entwickelt, wenn man sich nicht einmischt. Zitat Parsons dazu: „ Die Entwicklung einer Heterosexualit ä t ist vielmehr Resultat eines Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf die Objektbeziehungen des Kindes in aufeinanderfolgenden Phasen eine entscheidende Rolle spielen. “ 20

Parsons betont mit Freud: Kinder beiderlei Geschlechts beginnen das Leben mit wesentlich derselben Beziehung zur Mutter. Parsons faßt zusammen, daß die Identifikation des Junges mit dem Vater bzw. des Mädchens mit der Mutter ein Lernproze ß ist. Dieser Lernprozeß stellt ein Beispiel dar für ein verinnerlichtes, kognitives Bezugssystem (S. 36). Die Verinnerlichung wird hierbei stets verstanden als eine Integration mit den Affekten.

2. Beispiel

Die Verinnerlichung eines gemeinsamen expressiven Symbolismus (S. 36f.).

Es handelt sich hierbei um einen frühkindlichen Prozeß (zeitlich weit vor der Sprachentwicklung), in dem zwischen Mutter und Kind eine gegenseitige Liebesattit ü de (love attitude) aufgebaut wird. Das Kind ist abhängig von der Mutter hinsichtlich der elementarsten Quellen der Befriedigung. Im Kind baut sich durch die Interaktion ein System von Erwartungen auf, das auf die Fortsetzung und Wiederholung dieser Befriedigung ausgerichtet ist. An gewissen Handlungen der Mutter (z.B. Tonfall, Geste, bestimmte Gegenstände) erkennt das Kind: „Jetzt gibt es Bedürfnisbefriedigung“, dies erlernt das Kind recht schnell. Hierzu kommt die hohe erotische Komponente, die die Mutter ihm beschert (die erotische Komponente ist jedoch noch diffus, das Kind wird durch sehr vieles aus seiner Umwelt erotisch stimuliert).

Allmählich erfolgt nun eine Verschiebung von der Orientierung des Kindes an der erotischen Stimulation als solcher hin zur Orientierung an der Attitüde der Mutter. Erst nachdem diese Verschiebung erfolgt ist, kann man korrekt davon sprechen, daß das Kind von der Liebe der Mutter abhängig geworden ist und nicht von der speziellen Lust, die die Mutter dem Kind vermittelt. Erst wenn diese Stufe erreicht ist, kann die Liebesattitüde als Motivation für die Akzeptanz von Gehorsam dienen, da sie nunmehr stabil bleiben kann - auch wenn viele Befriedigungen nur nach und nach eliminiert werden. Das Kind hat nun gelernt, die symbolische Bedeutung von Handlungen der Mutter zu verstehen und sich danach zu verhalten. Dies stellt den Übergang dar von der „LustAbhängigkeit“ hin zur „Liebes-Abhängigkeit“ (S. 37).

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß ein primärer Aspekt dieses Prozesses, in welchem das Kind lernt zu lieben und geliebt zu werden, demnach die Verinnerlichung der gemeinsamen Kultur eines expressiven Symbolismus’ ist. Erst nach der Verinnerlichung eines kognitiven Bezugssystems und eines Systems expressiven Symbolismus ’ ist das Kind in der Lage, die Bedeutung der ihm auferlegten Gebote und Verbote im kognitiven wie im emotionalen Sinne zu verstehen - mit anderen Worten: dies ist das Fundament für die Errichtung des Über-Ichs.21

Der Identifizierungsprozeß ist für Parsons der wesentliche Mechanismus, durch den das Über-Ich erworben wird (S. 38).

3.2.1 Der Ödipus-Komplex

Auch Parsons betont - wie Freud - die Wichtigkeit der ödipalen Situation beim Kind. Diese Situation stellt einen Druck dar, der auf das Kind ausgeübt wird und es zwingt, ein weiteres Stück „erwachsener“ zu werden (S. 41). Der Ö dipus-Komplex ist entscheidend für die Über-Ich-Bildung und somit ganz allgemein für die Integration des Individuums in das bestehende System. Der Begriff „Ödipus-Komplex“22 ist die psychoanalytische Bezeichnung Freuds für einen weitgehend unbewußten seelischen Komplex, der aus einer Verdrängung oder einer in anderer Weise unzureichenden Bewältigung der libidinösen Bindungen des Kindes an den andersgeschlechtlichen Elternteil erwächst. Die ödipale Phase vollzieht sich beim Kind etwa im 5./6. Lebensjahr, einem Höhepunkt der Frühblüte der Sexualität. In dieser Phase will der kleine Knabe seinen als Nebenbuhler empfundenen Vater beseitigen und sich so in den Besitz der Mutter bringen. Der Knabe verbindet mit seinen ersten Gefühlen von „Männlichkeit“ die Verpflichtung, sich von der Geborgenheit innerhalb der Familie, besonders von der Geborgenheit bei der Mutter, unabhängig zu machen. Somit wird der Vater für das Kind zum ursprünglichen Symbol für Männlichkeit (verstanden im obigen Sinne als Loslösung von der mütterlichen Geborgenheit). Der Vater wird zum „Eindringling“, der ohne verständlichen Grund die idyllische Beziehung des Kindes zur Mutter zerstört hat.

Analog dazu versucht das Mädchen die Mutter ausschalten, um beim Vater die Rolle der Mutter einzunehmen. Das Kind fühlt nun stärkere Empfindungen in seinen Geschlechtsorganen, die es auf die Eltern bezieht. Vom Inzesttabu gezwungen, müssen Eltern und Kind sich mit der ödipalen Konfliktsituation auseinandersetzen. Die Art und Weise, wie in dieser Entwicklungsphase Eltern und Kind sich gegenseitig als Sexualobjekte erleben, ist entscheidend für die Identifikation des Kindes mit seiner Geschlechtsrolle. Für die Entwicklung eines gesunden Über-Ichs ist es von fundamentaler Wichtigkeit, diese ödipale Phase vollständig zu durchleben, zu verarbeiten und zu überwinden.

Da das Kind versucht, durch Identifizierung mit den Wünschen und Forderungen der Eltern den ödipalen Ängsten entgegenzuwirken und auf diese Art die elterliche Liebe zu sichern, kann die fruchtbare Überwindung des Ödipus-Komplexes im Sinne der Entwicklung einer IchIdentitätsstarken Persönlichkeit um so besser gelingen, je reicher die kognitive und emotionale Orientierung des Kindes in seinem sozialen Milieu ist, und je intensiver seine Herausforderung und Ermunterung zu differenzierten Ich-Leistungen erfolgt.23

In diesem Zusammenhang wäre es sicherlich sehr interessant zu untersuchen, inwieweit der Ödipus- Komplex eines Kindes besser überwunden werden kann, wenn das Kind Teil einer stabilen, funktionalen „Struktur“ ist. Anders ausgedrückt: Wirken sich „gesicherte äußere Umstände“ positiv auf die Bewältigung von Konfliktsituationen im individuellen Sozialisationsprozeß aus? Eine Auffassung, der Parsons vermutlich zustimmen würde. Diese Überlegungen führen jedoch zu weit in das spezielle Untersuchungsfeld der Psychologie hinein, um Gegenstand dieser Seminararbeit sein zu können.

Doch zurück zur Untersuchung der Zusammenhänge zwischen der ödipalen Krise und der Sicherung der Stabilität einer Gesellschaft. Die Verinnerlichung des Über-Ichs, d.h. die Internalisation der „Elternfunktion“, stellt die Grundlage für die ödipale Auflösung dar. Aus Freuds Analyse des ödipalen Problems läßt sich ableiten, daß nun eine neue Ebene im Organisationssystem der Persönlichkeit erreicht wird. Zitat Parsons:

Von hier aus ist es kein gro ß er Schritt bis zur Annahme, da ß diese Kontrollen vom soziologischen Standpunkt aus mit denen identisch sind, welche die Minimalbedingungen f ü r eine soziale Ordnung auf motivationaler Grundlage herstellen. Die gesamte Theorie des Ö dipuskomplexes ist meiner Ansicht nach der Verbindungspunkt zwischen der psychoanalytischen und der soziologischen Theorie. “ 24

Somit läßt sich zusammenfassen:

In der ödipalen Phase vollzieht sich somit die Fundierung der Rollenpartizipation, die gleichbedeutend ist mit einer Einführung in die Gesellschaft mit dem Ziel der Schaffung einer stabilen Funktion des Individuums innerhalb der Gesellschaft - was wiederum letztlich der Schaffung eines stabilen Gleichgewichtes der Gesamtgesellschaft dienen soll.

4 Kritik an Parsons strukturell-funktionaler Theorie

Die strukturell-funktionale Theorie Talcott Parsons’ hat mehrere Jahrzehnte lang die Soziologen nicht nur der USA dauerhaft beschäftigt. Der Grund dafür ist offensichtlich: Parsons Theorie ist allumfassend, überzeistlich und übergesellschaftlich, also nicht gebunden an historische Epochen oder spezielle Kulturkreise, sie kann somit salopp formuliert „immer und überall“ angewendet werden kann - zumindest theoretisch.

Doch schon früh wurden kritische Stimmen gegen Parsons laut. Die Gegner der strukturellfunktionalen Theorie haben stets - meiner Meinung nach zurecht - auf den mit diesem Begriffssystem verbundenen Informationsverlust und auf die Ideologieträchtigkeit der benutzten Kategorien hingewiesen. Das auf Gleichgewicht, Integration und Stabilität der Elemente und damit auf Konfliktlosigkeit und normativen Konsens ausgelegte Schema mache es unmöglich, ausreichend die Probleme der Herrschaft und des sozialen Wandels zu erfassen und beinhalte die Gefahr, daß ein Begriff von Gesellschaft bevorzugt werde, die ihr Prinzip einzig in der Erhaltung von Stabilität und Funktionalität der jeweils bestehenden gesellschaftlichen Strukturen hat.25

Die wichtigsten Kritiker der strukturell-funktionalen Theorie nach Parsons sollen nun kurz mit ihren Hauptargumenten referiert werden.

Ab 1955 wird in Deutschland zuerst durch Theodor W. Adorno, ab 1960 auch durch Ralf Dahrendorf vehemente Kritik an der strukturell-funktionalen Theorie Talcott Parsons geübt. Hauptkritikpunkt ist hierbei stets der Vorwurf, daß die Theorie sich allzu sehr gegenüber der Wirklichkeit verselbständige. Parsons übersehe und negiere in seiner Theorie all jene Spannungsverhältnisse und Konflikte des sozialen Lebens, die nur in utopischen, lebensfernen Gesellschaften fehlten.

Als Vertreter der Kritischen Theorie prangert Theodor W. Adorno als Erster an, daß durch eine Theorie wie die strukturell-funktionalistische des Talcott Parsons bestehende Mißstände nicht nur nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch verfestigt würden („falsches Bewußtsein“). Somit würde Parsons Gesellschaftsauffassung zur Rechtfertigung der autoritativ verfaßten bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft beitragen.

Adorno wirft Parsons weiterhin vor, er würde die Psychologie für die Soziologie vereinnahmen, „passend“ machen, mit dem alleinigen Ziel der Stärkung seiner Theorie. Psychologische Verhaltensweisen und Attitüden interessierten Parsons nur dann, wenn sie von Relevanz für das gesellschaftliche System seien.26 Daher verlange Parsons, soziologische Motivationsprobleme müßten in Kategorien des „frame of reference of the social system“ und nicht der „personality“ formuliert werden. Es sei jedoch Parsons selber, der an anderer Stelle die Probleme der Soziologie als spezifisch soziologisch betrachtet: „ The sociologist ’ s problems are different.“27 Wenn dem so sei, so Adorno weiter, ließe sich aber auch kaum mehr einsehen, warum Psychologen dieselben Begriffe auf verschiedenen Abstraktionsniveaus und in verschiedenen Kombinationen gebrauchen sollten wie Soziologen - und umgekehrt. Es handele sich dann überhaupt nicht um bloße Abstraktionsniveaus, zwischen denen lediglich um der Unvollständigkeit willen noch Lücken klafften. Es handele sich für Adorno vielmehr um objektive Widersprüche zwischen den beiden Disziplinen, und diese seinen keine Vorläufigkeiten des Intellekts, die mit der Zeit verschwänden.28

Weiterhin kritisiert Ralf Dahrendorf in seinem Werk „Homo sociologicus“ (1968) vehement den strukturell-funktionalen Ansatz von Parsons, nach dem soziale Struktureinheiten als funktional für das System begriffen werden, wenn sie die überkommenen Rollenerwartungen erfüllen, bzw. als dysfunktional gelten, wenn sie sich dagegen verweigern. Zitat Dahrendorf: „ So sinnvoll dieser Ansatz f ü r gewisse Probleme der Forschung ist, so unsinnig ist seine Verabsolutierung und so gef ä hrlich ist daher der Versuch, von ihm her die Definition der Elementarteilchen soziologischer Analyse einzuengen. [...] Auch Verhalten, das vom Standpunkt der Integrationstheorie ‘ dysfunktional ’ ist, kann normiert, also zu Rollenerwartungen verfestigt werden.29

Nach Meinung Dahrendorfs wird z.B. von einem Arbeiter in der Industrie mit Rollenbewußtsein im Marx’schen Sinne heutzutage (anno 1968) regelrecht erwartet, daß er sich gegen den Status Quo der Herrschaftsverteilung auflehnt - auch wenn eine solche Ablehnung offenkundig die Stabilität und das Funktionieren des bestehenden „Systems“ in Frage stellt.30

Hinderlich sei darüber hinaus der hohe Abstraktionsgrad der Theorie und die zahlreichen sprachlichen Neubildungen Parsons, die den Zugang zu seiner sehr komplexen Theorie nicht gerade erleichtern.31

Auch Norbert Elias äußert u.a. in der überarbeiteten Einleitung aus dem Jahre 1976 zu seinem erstmals 1939 erschienen Klassiker Ü ber den Proze ß der Zivilisation grundsätzliche Kritik an der Theorie Parsons’. Elias bemängelt dabei, daß das auf Gleichgewicht, Integration und Stabilität der Elemente und damit auf Konfliktlosigkeit angelegte Schema Parsons es unmögliche mache, ausreichend die Probleme der Herrschaft und des sozialen Wandels zu erfassen. Norbert Elias hingegen betreibt Entwicklungssoziologie. Für ihn bedeutet Gesellschaft eine ständige, dynamische Bewegung, ein ständiger Prozeß der Veränderung. Dadurch biete Elias’ Theorie auch die Möglichkeit, „... die Gesellschaft aus der Knechtschaft der gesellschaftlichen Ideologien zu befreien32, ganz im Gegensatz zu dem von Parsons dargestelltem Zustandssystem, in dem man Unfreiheit und Unterdrückung gewissermaßen als gegeben und unwandelbar hinnimmt.

Parsons mißt zudem den Handlungsorientierungen eine solche Bedeutung bei, daß er diese statt der eigentlichen unit actions zu den Einheiten des Systems erklärt. Der Soziologe White schreibt in Helmut Noltes Buch „Psychoanalyse und Soziologie“ (1970) dazu:

„ Parsons dr ü ckt ein gro ß es Interesse an Handlung aus, und in der Tat kommt das Wort im Titel vieler seiner B ü cher vor. Man k ö nnte daraus schlie ß en, er sei daran interessiert, wie die Leute sich korrekt verhalten; dieser Schlu ß ist falsch: Parsons interessiert sich statt dessen vielmehr f ü r die Orientierung des Aktors an der Situation. In der Welt Talcott Parsons ’ orientieren sich die Handelnden st ä ndig an Situationen und handeln sehr selten, wenn ü berhaupt; sie befinden sich in einer permanenten Generalprobe, aber der Vorhang geht niemals hoch. Parsons richtet sein Augenmerk nur auf die Prozesse, in denen das Individuum die soziale Umwelt absch ä tzt und sich gedanklich aufs Handeln vorbereitet; aber an diesem Punkt bleibt er stehen [...]. “ 33

Der Soziologe Paul Kellermann bemängelt, daß Parsons das Kritisieren einer Gesellschaft (denn genau dies passiert ja bei abweichendem Verhalten) in seiner Theorie negativ sanktioniert. Eine solche Haltung sei effektiv gleichbedeutend damit, die vorherrschende Situation zu bejahen, sie unreflektiert und fatalistisch als „natürlich“ hinzunehmen, womit Soziologie tatsächlich so etwas wie ein kurioser Zweig der Biologie würde.34 Parsons leugne die Widersprüchlichkeit des Menschen. Kellermann betont, daß Menschen eben nicht einschätzbar wie Maschinen funktionierten - Menschen seien unberechenbar, verrückt, widersprüchlich, schizoid, unlogisch, vielschichtig - all dies negiere Parsons in seinem theoretischen Ansatz. Weiterhin ist Kellermann der Überzeugung, daß sich gesellschaftliche Ordnung nicht über Zwang erhalten lasse. Diese Problematik habe auch Parsons erkannt und aus diesem Dilemma heraus die Verwendung des Freud’schen Über-Ich-Begriffes gewissermaßen als „Hintertürchen“ geschickt in seine Theorie eingebaut. Demzufolge versuche Parsons den Sachverhalt derart darzustellen, daß jeder Mensch selbstverständlich, quasi als „natürlicher“ Prozeß genau das Verhalten an den Tag lege, das ihm seine Vorgänger zuvor als „richtiges“ Verhalten eingeimpft hätten usw.

Parsons reduziere alle Formen von abweichenden Verhaltens ohne Unterschied auf frühkindliche Erfahrungen von Frustrationen und Angst. Diese Erklärungsschema soll - extrem formuliert - für Psychopathen, Neurotiker, Kriminelle und Mörder genauso gelten wie z.B. für revolutionäre Bewegungen politischer Natur, für radikale religiöse Bewegungen und Sektierer genauso wie für romantische Utopisten oder Propheten. Für Parsons unterscheiden sich revolutionäre Bewegungen von kriminellen „Gangs“ nur inhaltlich durch die Art der Werte und Normen, die sie ablehnen; „moralisch“ werden sie alle auf eine Stufe gestellt (z.B. mit friedlichen „Abweichlern“). Parsons nennt als Begründung für diese Gleichsetzung: Propheten und Revolutionäre nutzen die Unbestimmtheiten des Wertesystems einer Gesellschaft für ihre „eigenwilligen“ Deutungen aus, die ihren abweichenden Ansichten eine scheinbare Rechtfertigung verleihen, obwohl diese doch mit den funktionalen Erfordernissen der Gesellschaft nicht verträglich sind. Soweit - in Kürze - die Meinung Parsons zu abweichendem Verhalten.

Der Soziologe Joachim E. Bergmann formuliert seine Kritik in dem 1967 erschienenen Buch „Die Theorie des sozialen Systems von Talcott Parsons“ folgendermaßen: Die Stabilität von menschlichem Verhalten durch dessen institutionalisierte Formen zu erfassen, komme dem Versuch nahe, das physikalische Gleichgewicht an einer arretierten Waage zu beschreiben und zu analysieren; sicherlich seien dann beide Waagebalken im Gleichgewicht, denn anders wären sie ja in Bewegung, aber welche Kräfte dieses Gleichgewicht zustande brächten, sei aus der Unbeweglichkeit nicht zu entnehmen. Genau dies aber versuche Parsons zu suggerieren, wenn er Gleichgewicht von empirischen Systemen des Handelns einzig durch institutionalisierte und internalisierte Normen definiere.35

Gesellschaftliche Ordnung konstituiere sich nach Parsons’ Theorie tautologisch durch die Stabilisierung von Normen und Werten in den Individuen. Die Anpassung an die vorgegebene Ordnung sei das oberste moralische Gebot für den Einzelnen (und selbstverständlich ginge Parsons davon aus, daß es jedem Individuum internalisiert sei!). Bergmann kritisiert, daß für Parsons die Gesellschaft stets den Vorrang vor dem Einzelindividuum habe. Parsons’ Konzeption vom sozialen Gleichgewicht beschreibe ein Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, das, aufgrund der jüngsten faschistischen Erfahrungen weniger vernünftig denn je, die Verwaltung des Individuums durch die übermächtige Gesellschaft signalisiere. Bergmann verweist in diesem Zusammenhang auf Aldous Huxleys visionären Roman „Schöne neue Welt“ aus dem Jahre 1948. Der dort entworfene ideale Welt-Überwachungsstaat sei in auffälliger Übereinstimmung ebenfalls gekennzeichnet durch die Maximen Gemeinschaft-Identität-Stabilität.36

5 Fazit

In dem in dieser Seminararbeit besprochenem Aufsatz Das Ü ber-Ich und die Theorie der sozialen Systeme (1951) verdeutlicht Talcott Parsons folgenden Ansatz: Die Verinnerlichung von Werten in der menschlichen Psyche kann nicht nur auf die Instanz des Über-Ichs beschränkt werden, sondern muß auch auf alle strukturellen Subsysteme ausgedehnt werden! Parsons möchte somit Freuds Konzeption des menschlichen psychischen Apparates erweitern. Laut Parsons ist Verinnerlichung ebenfalls zentral für den Begriff des Ich und des Es. Es, Ich und Über-Ich sind für Parsons allesamt gesellschaftliche Produkte. Parsons interessiert nicht die Gesamtpersönlichkeit (wie Freud), er fokussiert ausschließlich den Sozialisationsprozeß, und auch dieser wird in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Selbsterhaltung des gesellschaftlichen Systems betrachtet.

Fundamental ist für Parsons die Verschränkung des gesellschaftlichen und kulturellen Gesamtzusammenhangs. Das kulturelle Element nimmt in seiner Theorie des Handelns ohne Zweifel die zentrale Stellung ein. Parsons unterstellt für jedes soziale System einen Konsens der Beteiligten. In der Regel ist seiner Meinung nach dieser Konsens durch eine bewußte gemeinsame Wertorientierung garantiert: hier liegt der Knotenpunkt seiner Theorie! Parsons vertritt die Auffassung, daß Verhalten nicht von Zufällen oder intuitiven Unabwägbarkeiten gelenkt wird (was im Prinzip auf der Hand liegt), sondern daß vielmehr soziale Normen, über die Verinnerlichung der kulturellen Werte im Es, Ich und Über-Ich eines jeden Menschen, die stabile Struktur von sozialen Systemen bilden und garantieren. Die Stabilität von sozialen Systemen besteht im Konsens der Beteiligten. Um es nochmals zu betonen: Gesellschaftliche Ordnung besteht und hält sich für Parsons aufrecht durch Institutionalisierung und Internalisierung eines von allen als verbindlich angesehenen (internalisierten) kulturellen Wertkonsens. Ob die Bedürfnisse und Interessen des einzelnen Individuums dabei wirklich befriedigt werden, ist irrelevant. Das oberste Gebot lautet Anpassung an die vorgegebene Ordnung und ihre Normen, auch wenn dies auf Kosten der Subjektivität und z.B. auch der Kreativität u.a. geht. Die Erhaltung des sozialen Gleichgewichtes hat Vorrang. Konflikt, Kritik, Reflektion, Reformen, Veränderung - all dies wird in seiner Theorie ausgeklammert, ist unerwünscht, negativ besetzt.

Parsons weiß selbstverständlich sehr wohl um das mögliche Auftreten von abweichendem (dysfunktionalem) Handeln, er vertritt jedoch die - meines Erachtens relativ haltlose - Ansicht, daß abweichendes Verhalten (welcher Art auch immer) in einem stabilen sozialen System recht unwahrscheinlich sei. Einzig wichtig sei lediglich die Aufrechterhaltung eines stabilen Gleichgewichtes im System.

Mit Hilfe des Über-Ich-Begriffes ist die von Parsons angestrebte Synthese zwischen Psychologie und Soziologie für ihn somit verwirklichbar. Das Über-Ich biete eine Art „Brücke“ zwischen den Disziplinen, letztlich deshalb, weil das Über-Ich auf keiner anderen Basis erklärbar ist als dadurch, daß es von Menschen durch den Prozeß der sozialen Integration erworben wird. Dennoch sollte Parsons nicht der Illusion verfallen, von seinem Wunschdenken auf die Realität zu projizieren, denn sicherlich gibt es auch eine Vielzahl von Menschen, die ihr Über-Ich durch abweichendes Verhalten bilden, also entgegen der Integration in bestehende soziale Normen. Parsons bleibt gefangen im Formalen, die Wirklichkeit ist wesentlich komplexer als seine Theorie. Und: Die Theorie wird für die Realität gehalten - ein, meiner Meinung nach, fataler Trugschluß!

Kritisch könnte man weiterhin anmerken, daß Talcott Parsons die psychische Tragweite des Über- Ichs im allgemeinen sowie dessen soziale Reichweite im speziellen schlichtweg überbewertet. Zum einen sieht Parsons nicht die individuelle Resistenz gegenüber den normativen Anforderungen des Über-Ichs, schließlich ist diese Instanz ja keine Maschine, die stets 100%-ig funktioniert - auch wenn Parsons dies gerne so wüßte! Zum anderen impliziert das Über-Ich-Konzept gewissermaßen per definitionem letztlich auch die Entwicklung von kritischer Autonomie z.B. gegenüber Autoritäten etc. - dies ignoriert Parsons in seinem Ansatz geflissentlich! Parsons’ Theorie zeichnet sich aus durch die Tendenz der Entsubjektivierung des Ichs und der Entmaterialisierung auf psychischer wie auf sozialer Ebene. Dies äußert sich darin, daß Parsons individuelle Abweichung von normativen Verhaltensmustern nur als eine Form von Ich- Schw ä che konzipiert, nicht aber als Folge kritisch- autonomer Ich- Leistung einer am Maßstab der Vernunft orientierten Rationalität. Sigmund Freud dagegen sieht gerade dies als Leistung eines gesunden, intakten Ichs an! In der Verkennung der Chance in der Über-Ich-Bildung zu kritischer Autonomie liegt der entscheidende Unterschied zwischen Parsons und Freud.37

Kritiker warfen Parsons stets vor, seine Theorie sei eine „Flucht in die Psychologie“. Die Analyse sozialer Dynamik reduziere er auf die Analyse von Motivationsprozessen. Die Psychoanalyse werde dabei der Erhärtung der Parsons’schen Theorie dienstbar gemacht, quasi angepaßt. Parsons sei verführt, die Psychologie als eine Art „Hilfswissenschaft“ für die Soziologie zu benutzen, mit dem „Hintergedanken“ eines überspannenden Rahmens, der beide Disziplinen vollständig in sich vereinige. Aber: Die beiden Wissenschaftsdisziplinen Psychologie und Soziologie umfassen stark unterschiedliche Bereiche, können nicht zusammengefaßt werden zu einer Wissenschaft. Ohne Zweifel gibt es viele Berührungspunkte, von einer wirklichen Synthese, wie sie Parsons gerne sehen würde, kann jedoch nicht die Rede sein.

Psychoanalytische Einsichten dienen bei Parsons immer nur der Beantwortung der Frage, wie am Besten das soziale Gleichgewicht in einem sozialen System erhalten bleiben könne. Phantasiebildung, kritische Autonomie, Kunst werden primär als „öffentliche Mechanismen der Realitätsflucht“ begriffen. Welchen Sinn hat es aber dann noch in einer solchen Gesellschaft zu leben, ist dieser Verlust nicht viel zu hoch für den Gewinn eines stabilen Gleichgewichtes in einem System, welches Weiterentwicklung nicht kennen darf?

Talcott Parsons gehört zweifelsohne zu den großen Theoretiker der Soziologie.

Sein Werk ist nicht unumstritten geblieben. Auch die vorliegende Arbeit nimmt gegenüber der Theorie Parsons’ eine kritische Haltung ein. Parsons selbst hat einmal die Evolution als den wahren „Gott der Wissenschaft“ bezeichnet.38 Er wollte damit andeuten, daß für diejenigen Forscher, die diesem Gott „ihre Ehrerbietung“ in echtem wissenschaftlichen Geist erweisen, die Tatsache, daß die Wissenschaft sich über die Punkte hinaus entwickelt, die sie selbst erreicht hat, nicht als Verrat an ihnen gelten darf. Sie ist vielmehr „die Erfüllung ihrer eigenen höchsten Hoffnung.“39

Dem kann ich mich - wenngleich auch aus dem entgegengesetzten wissenschaftlichen „Lager“ als Parsons - nur anschließen!

6 Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Freud, Sigmund (1968ff.): Gesammelte Werke. 18 Bände. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Parsons, Talcott (1951): Toward a General Theory of Action (zusammen mit Edward A. Shils et. al.). Cambridge (Mass.): Harvard University Press.

Parsons, Talcott (1951): The Social System. New York: The Free Press of Glencoe III.

Parsons, Talcott (1968): Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme, in: Ders., Sozialstruktur und Persönlichkeit, S. 25-45. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Parsons, Talcott: Der Beitrag der Psychoanalyse zu den Sozialwissenschaften, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg., 1972): Soziologie und Psychoanalyse. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Parsons, Talcott / Shils, Edward A. / Lazarsfeld, Paul F. (1975): Soziologie - autobiographisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft. Stuttgart: Enke Verlag.

Sekundärliteratur:

Adorno, Theodor W. (1955): Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: Ders., Sociologica, Band 1. Aufsätze, Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag gewidmet, S. 11-45. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Bergmann, Joachim E. (1967): Die Theorie des sozialen Systems von Talcott Parsons. Frankfurter Beiträge zur Soziologie Band 20. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Dahrendorf, Ralf (1961): Gesellschaft und Freiheit. Zur soziologischen Analyse der Gegenwart. München: Piper Verlag.

Dahrendorf, Ralf (1968): Homo Sociologicus. 7. Auflage, Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag.

Elias, Norbert (1939/1976): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Band I, II. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Hartfiel, Günther / Hillmann, Karl-Heinz (Hrsg., 1982): Wörterbuch der Soziologie. 3. Auflage, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Jensen, Stefan (1980): Talcott Parsons. Eine Einführung. Stuttgart: Teubner Verlag.

Jensen, Stefan (1983): Systemtheorie. Stuttgart/ Berlin: Verlag W. Kohlhammer.

Kellermann, Paul (1967): Kritik einer Soziologie der Ordnung. Organismus und System bei Comte, Spencer und Parsons. Freiburg: Rombach Verlag.

Korte, Hermann (1992): Eine Theorie für alle Fälle. Talcott Parsons, Robert K. Merton und der Strukturfunktionalismus, in: Ders., Einführung in die Geschichte der Soziologie, S. 173-190. Opladen: Leske + Buldrich.

Kunze, Heinrich (1972): Soziologische Theorie und Psychoanalyse. Freuds Begriff der Verdrängung und seine Rezeption durch Parsons. München: Goldmann Verlag.

Nolte, Helmut (1970): Psychoanalyse und Soziologie. Die Systemtheorien Sigmund Freud und Talcott Parsons. Bern: Verlag Hans Huber.

Rattner, Josef (1990): Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union.

Schlottmann, Uwe (1968): Primäre und sekundäre Individualität. Die soziologischen Konzeptionen von Talcott Parsons und Howard Becker unter dem Gesichtspunkt ihrer Erfassung einzelgeschichtlicher Autonomie. Stuttgart: Enke Verlag.

[...]


1 Parsons, Talcott (1968): Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme, S. 28 in: Ders., Sozialstruktur und Persönlichkeit, S. 25-45.

2 vgl. a.a.O. S. 28f.

3 Parsons, Talcott (1951): The Superego and the Theory of Social System, in: Social Structure and personality. New York, 1964 (amerikanische Originalausgabe). 1968 erschien dieses Buch in deutscher Sprache: Ders., Sozialstruktur und Persönlichkeit, darin: Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme, S. 25-45. Zitationen aus dem Aufsatz werden im folgenden lediglich mit Angabe der Seitenzahl in Klammern im Fließtext angegeben und stammen aus der oben genannten deutschen Ausgabe.

4 Dahrendorf, Ralf (1961): „Gesellschaft und Freiheit“, S. 84.

5 Thomas Hobbes (1588-1679), Philosoph und Staatstheoretiker. Hobbes stellte als einer der ersten überhaupt die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung. Gesellschaft und Staat werden bei ihm nicht mehr als Niederschlag menschlicher Triebe interpretiert, sondern als Institutionen zur erfolgreichen Beherrschung und Regulierung der im Naturzustand zerstörerisch wirkenden menschlichen Antriebskräfte („Kampf aller gegen all“). Eine Rechtsordnung und eine Herrschaftsstruktur garantiere hingegen allen die grundlegenden Lebensrechte im sozialen Konkurrenzkampf (Hartfiel, Günther [Hrsg., 1982]: Kröner Wörterbuch der Philosophie, S.336).

6 Parsons, Talcott (1951): The Social System, S. 20 .Hervorhebung und Klammer im Original.

7 Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß Parsons den Begriff „System“ nicht als etwas Konkretes, mit den Sinnen Erfaßbares definiert. Er sieht ein System vielmehr als eine Menge von Relationen, ein Bündel von Beziehungen an.

8 Und nicht, wie es z.B. auch denkbar wäre, ein solches Verhalten positiv als kritisch-autonome Ich-Leistung der Individuen bewertet. Auf diesen Punkt soll in Kapitel 4 dieser Arbeit noch eingegangen werden.

9 Es soll an dieser Stelle nur kurz darauf verwiesen werden, daß diese Systematik bei Parsons hier jedoch noch weiter geht, denn auch für jedes Subsystem gelten abgestuft ebenfalls die vier Funktionen Anpassung, Ziererreichung, Integration und Strukturerhaltung. Vgl. hierzu auch Korte, Hermann (1992): Einführung in die Geschichte der Soziologie, S. 183.

10 Umgekehrt bezeichnet das LIGA -Schema die Grundelemente einer erfolgreichen Psychotherapie, dem „Paradigma der sozialen Kontrollmechanismen“. Die Re-equilibrierung beginnt damit, daß dem neurotischen Patienten die Abfuhr der Spannung ohne negative Konsequenzen ermöglicht wird (tension management der L- Phase). Der Therapeut hält den Zusammenhang zwischen therapeutischen Subkollektiv und Gesellschaft aufrecht (I-Phase = Integration). Indem er zugleich Ansätze des Patienten zu gesundem Verhalten belohnt (G-Phase = Goal gratification), führt er ihn ins allgemeine Kollektiv zurück. Der Patient hat adaptiertes Verhalten gelernt (A- Phase = Adaption).Der LIGA-Zyklus beschreibt allgemein einen Lernprozeß, der durch Änderung der inneren Struktur zur Re-equilibrierung führt (im Gegensatz zum AGIL-Schema, welches vielmehr auf die Änderung der Situation abzielt). Vgl. hierzu Parsons, Talcott (1951): The Social System, Kapitel 7 und 10, sowie Kunze, Heinrich (1972): Soziologische Theorie und Psychoanalyse, S. 57f..

11 In seinem Spätwerk „erleidet“ Parsons - salopp formuliert - eine Art „Systemkoller“ und scheidet das kulturelle System von den anderen Untersystemen ab. Als Begründung führt er an, daß das kulturelle System in der Lage sei, selbständig zu existieren, daher müsse man ihm eine Sonderstellung einräumen, es dürfe somit nicht mit den übrigen drei Subsystemen gleichgesetzt werden.

12 Parsons betrachtet das Individuum ja in erster Linie und gewissermaßen ausschließlich als Rollentr ä ger. 8

13 vgl. hierzu Nolte, Helmut (1970): Psychoanalyse und Soziologie, S. 121.

14 Parsons, Talcott (1951): Toward a General Theory of Action, S. 53 Anm. 1.

15 Für die genaue Angabe siehe Fußnote 3 dieser Arbeit.

16 In auffälliger Konvergenz mit Freuds Über-Ich-Begriff steht z.B. die Formulierung des Soziologen Emile Durkheims (1858-1917) vom Kollektivbewu ß tsein. Durkheim geht davon aus, daß das Individuum in seinen Entscheidungen nicht „frei“ ist, sondern es ist vielmehr gezwungen, die gemeinsamen Vorstellungen der Gesellschaft, der es angehört, zu übernehmen. Dieser „Zwang“ wird als Teil der Persönlichkeit verinnerlicht. Durkheim prägte daraufhin den mittlerweile klassischen Satz: “Die Gesellschaft existiert nur in den Vorstellungen der Individuen.“

17 Natürlich kann die Aufteilung der menschlichen Persönlichkeit nach Freud hier nur knapp skizziert werden. Ausführlich und tiefenscharf untersucht wird die Thematik im Werke Sigmund Freud u.a. in: „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921, GW Band 13) und „Das Ich und das Es“ (1923, GW Band 13), „Neurose und Psychose“(1924, GW Band 13).

18 Auf die ödipale Krise soll in Punkt 3.2.1 dieser Arbeit noch eingegangen werden. 11

19 vgl. hierzu auch Norbert Elias’ bedeutendes Hauptwerk in zwei Bänden „Über den Prozeß der Zivilisation“ (1939/1976). Hierin verfolgt Elias den Prozeß einer durch die Jahrhunderte zunehmenden Verankerung des Prinzips der Gewaltlosigkeit als hoch geschätzte gesellschaftliche Norm, die im Über-Ich internalisiert wurde.

20 vgl.: Talcott Parsons zitiert in Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg., 1972), S. 98.

21 Parsons geht - im Gegensatz zu Freud - davon aus, daß bereits im Es notwendigerweise verinnerlicht wird. 14

22 Der Ödipus-Komplex, dem die griechische Sage zugrundeliegt, demzufolge König Ödipus von Theben unwissentlich seinen Vater tötete um seine Mutter sexuell zu besitzen und zu heiraten, die Thematik somit also ausschließlich auf Knaben ausgelegt ist, wird in Analogie mit der griechischen Mythologie bei Mädchen als „Elektra-Komplex“ bezeichnet.

23 vgl. hierzu u.a.: Kröners Wörterbuch der Soziologie, S. 622f. 15

24 Talcott Parsons zitiert in Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg., 1972)., S. 102.

25 In seinem Spätwerk hat Parsons diesen Kritikpunkt berücksichtigt und seine Theorie durch das Konzept der Interaktionsmedien ergänzt. Außerdem hat er unter stärkerer Berücksichtigung historischer Analysen die Theorie mit neo-evolutionistischen Aspekten verknüpft - meiner Meinung nach führte diese Modifikation jedoch nicht zu einer entscheidenden Änderung seiner grundsätzlichen Auffassung.

26 Adorno, Theodor W. (1955): Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, S.12 in: Ders., Sociologica Band 1, Aufsätze, Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag gewidmet, S.11-45.

27 Parsons, Talcott (1950): Psychoanalysis and the Social Structure, S. 376 in: The Psychoanalytic Quaterly, Vol. XIX,, No.3.

28 Adorno, Theodor W. a.a.O., S.16.

29 Dahrendorf, Ralf (1968): Homo Sociologicus, S. 78f, Anm. 84.

30 a.a.O., S. 80.

31 Dahrendorf, Ralf (1961): Gesellschaft und Freiheit, S. 74ff. 17

32 Elias, Norbert (1976): Über den Prozeß der Zivilisation, Band 1, S.XLIII.

33 White zitiert in: Nolte, Helmut (1970): Psychoanalyse und Soziologie, S.129.

34 Kellermann, Paul (1967): Kritik einer Soziologie der Ordnung. Organismus und System bei Comte, Spencer und Parsons, S.148.

35 Bergmann, Joachim E. (1967): a.a.O. S. 54f.

36 a.a.O., S. 188ff.

37 Der Fairneß halber sei jedoch darauf hingewiesen, daß Freud die Implikation des Über-Ich-Konzeptes mit kritischer Autonomie zwar erkannt hat, jedoch auch er vernachlässigte sie ins seinen Untersuchungen stark.

38 Parsons, Talcott (1937): The Structure of Social Action, S. 41 zitiert in: Dahrendorf, Ralf (1961): Gesellschaft und Freiheit, S. 421 Anm. 59.

39 vgl. Dahrendorf, Ralf (1961): a.a.O., S. 73f.

22 von 23 Seiten

Details

Titel
Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme. Eine Einführung in die Theorie Talcott Parsons.
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Hauptseminar: Psychoanalyse und Gesellschaftstheorien
Note
1,5
Autor
Jahr
1995
Seiten
23
Katalognummer
V96372
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Systeme, Eine, Einführung, Talcott, Parsons, Hauptseminar, Psychoanalyse, Gesellschaftstheorien
Arbeit zitieren
Elke Kania (Autor), 1995, Das Über-Ich und die Theorie der sozialen Systeme. Eine Einführung in die Theorie Talcott Parsons., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96372

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