Eingliederung von Migranten: Ein Vergleich zweier Ansätze von Hans Joachim Hoffmann - Nowotny und Hartmut Esser


Seminararbeit, 1998

23 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1 EINFÜHRUNG UND PROBLEMSTELLUNG

2 DIE PARADIGMAS
2.1 DER ANSATZ VON HOFFMANN - NOWOTNY
2.2 DER ANSATZ VON ESSER

3 STRUKTURELLE AUSWIRKUNGEN
3.1 HOFFMANN - NOWOTNY
3.2 ESSER

4 VERGLEICH BEIDER ANSÄTZE
4.1 VORAUSSETZUNGEN
4.2 INFORMATIONSGEHALT
4.3 Wahrheitsgehalt

5 SCHLUß

6 BIBLIOGRAPHIE

1 Einführung und Problemstellung

Wenn man auf das Thema Eingliederung von Migranten abzielt, stellt sich das Problem, die Faktoren der Reorientierung der Migranten in der neuen Gesellschaft und die Folgen der Migration für die Zielgesellschaft, insbesondere für deren Stabilität herauszustellen.1

Beide Theorien basieren auf sehr unterschiedlichen Traditionen: während Hoffmann-Nowotny die n- tegrationschancen der Migranten, in funktionalistischer Sicht, von der Struktur der Aufnahmegesellschaft bestimmt sieht, betrachtet Esser, gemäß dem methodologischen Individualismus, Integration vielmehr als über das Individuum vermittelt.

In dieser Hausarbeit werden zunächst die Theorien der Eingliederung von Hans-Joachim HoffmannNowotny und Hartmut Esser ausführlich dargestellt und kritisiert. Schwerpunkt der Analyse ist die Assimilation und Integration von Einwanderer. Im Anschluß daran, bietet sich die Möglichkeit auf der Basis der Literatur von Bernhard Nauck, einen Theorienvergleich beider Ansätze durchzuführen. Dabei soll festgestellt werden, ob sich beide Theorien ergänzen, widersprechen oder ausschließen.

Im Gegensatz zur Addition verschiedener Einzeltheorien mittlerer Reichweite, welche noch keinen Mehrwert über deren Addition hinaus ergeben, betont Opp, daß ein Theorienvergleich das Leistungspotential der Wissenschaft zu erhöhen kann. Dabei ist das Datum kein Gütekriterium. Damit ist der Kritikpunkt gemeint, daß neue Theorien nicht unbedingt informativer als alte sind, da die Sozialwissenschaft nicht immer zu einer Selbstkritik neigen. 2

Nach den herkömmlichen Standards gilt, daß Hypothesen aus Theoremen abgeleitet werden müssen. Eine Theoriesprache, im Sinne eines idealistischen abstrakten Bildes der Realität mit einer beistimmten Struktur und intendierten Anwendungsberei- chen, muß von einer Beobachtungssprache getrennt werden. Die Beobachtungssprache dient der Operationalisierung der Theorie in dem Sinne, daß sie falsifizierbare Aussagen bereitgestellt, die in der Realität überprüfbar sind. Es werden somit in der Beobachtungssprache Basissätze formuliert.3 Zwischen den beiden Ebenen vermitteln Zuordnungsreglen, im Sinne einer se- kundäre Theorien, für die Umsetzung. Es geht hierbei um die korrekte Operationalisierung. Esser sieht in dem Zusam- menhang drei Aufgaben: Definition der theoretischen Begriffe, die Garantie des empirischen Bezugs und die Spezifikation des meßtechnischen Vorgehens bei der Erhebung. Die praktische Umsetzung erfolgt über die Explizierung der Semantik der theore- tischen Aussagen und der adäquaten Umsetzung der Begriffe in Frage oder Äquivalente der Kommunikation und Antworten. Explezität der Begriffe und der Reaktivität der Versuchseinheit stehen somit im Mittelpunkt. Nur durch diese Differenzie- rung ist eine sinnvolle Aussage über Theorien möglich. Als Randbedingung muß dabei gelten, daß n der Sozialwissenschaft nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind. Wird diesen Überlegungen nicht Rechnung getragen, ist es unmöglich, konkrete Wege der Lösung für ein Problem vorzuschlagen. Die Theorien der Umsetzung können selbst wieder kritisiert und falsifiziert werden.4

Hinsichtlich des philosophisch politischen Bezuges der Qualität von Theorien, muß zwischen einer empirischen Bestätigung der Aussage und der Auswahl sowie der Verwertung der Hypothesen getrennt werden. Damit wird klar das die Richtung und Verwertung einer Aussage beliebig ist, aber nicht der Zusammenhang einer Relation.5

Die Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit kann für jede Theorie einzeln beurteilt werden, bei den Dimension der Wahrheit und des Informationsgehalts, die Genauigkeit der Aussagen, welche die Anzahl der Falsifikationsfaktoren erhöht, handelt es sich um relationale Eigenschaften, zu der mehrere Theorien benötigt werden.6

2 Die Paradigmas

2.1 DER ANSATZ VON HOFFMANN - NOWOTNY

Hoffmann-Nowotny kann als erste Sozialwissenschaftler im deutschsprachigen Raum gelten, der die Migration der 60er Jahre theoretisch und empirisch aufarbeitete. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen stehen Migrationsprozesse, die Auswirkungen von Wanderungen auf das Abgabesystem und Aufnahmesystem als auch auf den einzelnen Migranten.7

Bei seiner Untersuchung zur Migration nutzt Hoffmann-Nowotny die funktionalistische Schichtungstheorie von Heintz. Sie bezieht die Mikroebene als agregierte Daten und die Nationalstaaten als Makroelemte ein. Dies steht im Gegensatz zu seiner Aussage, daß es sich bei den Merkmalen des Systems nicht um Aggregatsdaten handelt.8 Die Mesoebene der sozietalen Systeme läßt er weitgehend außen vor, vor allem der Bezug zur Wirtschaft und zum politischen System ist sehr dürftig.

Macht und Prestige werden als die zentralen strukturellen Dimension der Sozialsysteme bezeichnet. Macht ist als Grad der Durchsetzbarkeit des Anspruchs auf die Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen und Prestige ist als Grad der Legitimität dieses Anspruchs definiert. In der Systemtheorie wird ein Satz von miteinander verbundenen Elementen (Einheiten, Objekten) als System bezeichnet. “Der Zustand eines Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt ist gegeben durch die Positionen, welche die Einheiten eines Systems auf verschiedenen Merkmalsdimensionen einnehmen”.9

Hinsichtlich des Zugangs zu den Werten, unterscheidet Hoffmann-Nowotny zwei Arten von sozietalen Systemen:10 erstens offene Systeme, bei denen der Zugang zu den gesellschaftlichen Werten universalistisch geregelt wird, d.h. daß diese nach Leistungskriterien zugeteilt werden und zweitens geschlossene Systeme, bei denen der Zugang zu den gesellschaftlichen Werten partikularistisch geregelt wird, d.h. abhängig von zu- geschriebenen Kriterien wie z.B. Hautfarbe, Nationalität. Dabei handelt sich um Idealtypen von Systemen, dessen extreme Variante in der Realität nie zu finden sind. Hoffmann-Nowotny erweitert diese Überlegun- gen mit einer Theorie struktureller und anomischer Spannungen, die auf folgenden Axiomen beruht:

Macht und Prestige sind wechselseitig von einander abhängig. In Sozialsystemen sind Macht und Prestige differenziell zugänglich. Die Zugänglichkeit von Macht und Prestige ist von sich selbst abhängig. In Sozialsystemen sind Macht und Prestige differenziell verteilt. In Sozialsystemen sind Macht und Prestige ungleichgewichtig verteilt. Das Ungleichgewicht von Macht und Prestige in Sozialsystemen wird über die Prestigeverteilung bestimmt. In Sozialsystem besteht ein Konsens über die Bewertungsgrundlage von Macht und Prestige. In Sozialsystemen besteht eine Tendenz zum Ausgleich von Macht und Prestige.11

Die Annahme, daß Macht und Prestige differenziell zugänglich und ungleich verteilt sind, muß differenziert werden. Soziale Spannungen sind unvermeidliche Folge der Ungleichheit von Akteuren. Sie entstehen durch eine Balance der Relation zwischen Macht und Prestige beim Akteur und einer Unbalance zwischen den Akteuren. Die wichtige Spannung ist die strukturelle Spannung. Diese entsteht durch die Differenz zwischen Macht und Prestige beim Akteur und ist der Antrieb des sozialen Wandels. Wenn strukturelle Spannungen eine gewisse Grenze überschreiten, dann können anomische Spannungen entstehen. Anomisches Verhalten soll die strukturelle Spannung beim Akteur abbauen.12

Es werden die folgende 3 Typen von strukturelle Spannung angegeben. Einfache Rangspannungen: wenn verschiedene Einheiten (z.B. Individuen) unterschiedlichen Positionen auf einer Statuslinie (z.B. Ein- kommen, berufliche Qualifikation ). Ungleichgewichtsspannungen: wenn einer Einheit ungleiche Positi- onen auf verschiedene Statuslinien nehmen. (z.B. wenn das Bildungsniveau einer Einheit nicht der Berufs- rang oder Einkommensrang entspricht). Es muß angemerkt werden das einfache Rangspannungen nur in Kombination mit Ungleichgewichtsspannungen zu strukturellen Spannungen führen werden. Unvollstän- digkeitsspannungen: wenn eine Einheit an einer oder mehreren Statuslinien nicht teilnehmen kann. Diese letzte Form wird von Hoffmann-Nowotny auch als Marginalität verstanden und definiert als “geringen Grad an Integration in ein sozietales System”. Dies bedeutet einen relativ geringen Zugang zu den Werten dieses Systems.13

Die entstehende Gesamtspannung ist als eine Kombination aus inter und intra strukturellen Spannungen zu verstehen. Der Zusammenhang zwischen strukturellen Spannung und dem Individuum kann einerseits als systemische vermittelt verstanden werden und andererseits als eine direkte unvermittelter anomische Spannung zwischen strukturellen Spannung und dem Individuum erkannt werden.

Die systemische Vermittlung kann strukturelle Spannung zwischen Sozialsystem wie z.B. Staaten ver- standen werden. Es werden 2 Lösungsmöglichkeiten angeboten. Einerseits die Veränderung der Position n- nerhalb des umfassenden Sozialsystem oder als Wechsel des umfassenden Sozialsystem, mit geringeren strukturellen Spannungen. Das bedeutet man verbessert seine Position auf der Machtlinie oder man wechselt seine Bezugsgruppe.

Die direkte unvermittelte anomische Spannung beim Individuum zielt auf die Möglichkeiten anomi- schen Verhaltens beim Individuum um die anomische Spannungen zu reduzieren. Bemühung zur Änderung von Positionen auf den gegebenen gesellschaftlichen Machtlinien und Prestigelinien (Mobilität). Eine Ände- rung der Bewertungsgrundlage, die über die Messung der Benachteiligung und Privilegierung entscheidet. Beispielsweise durch subkulturelle Differenzierung. Dies ist nur denkbar, wenn die Macht und Prestige- differenzen sehr groß sind. Die Aufgabe von Positionen im sozietalen System ist nur dann wahrscheinlich, wenn die Unvollständigkeitsspannungen kleiner als die vorgängigen Spannungen sind. Die Gewichtsverla- gerung von tiefen auf hohe Positionen, also eine Rollenakzentuierung, ist dann wahrscheinlicher je größer sie Spannweiten zwischen den Positionen sind. Dies kann als Sonderfall der vorherigen Möglichkeit interpre- tiert werden.14

2.1.1 KRITIK AM ANSATZ VON HOFFMANN - NOWOTNY

Man kann Hoffmann-Nowotny in zweifacher Weise kritisieren. Der 1. Punkt bezieht sich auf den Strukturfunktionalismus, der 2. Punkt bezieht sich auf die Axiome.

Strukturen sind nicht unabhängig von den Individuen zu denken, denn Strukturen sind nur durch die Reproduktion in den Handlungen der Individuen zu verstehen. Damit besteht eine Freiwilligkeit der Anwendung. Dieser Punkt gilt sicherlich für die wissenschaftstheoretische Sicht, aber für den praktischen Bezug stellt sich aber immer die Frage nach den Möglichkeiten des abweichenden Verhaltens, obwohl man dies nicht von vornherein ausschließen kann.

Durch die Interpretation im Sinne des Funktionalismus, der Individuen als konditionierte Elemente n- tegriert, werden die Einflußmöglichkeiten des Individuen negiert. Einerseits wird die Penetration zwischen Sozialsystem und personalem System zwar behauptet aber nicht erklärt. Dies läßt sich am Beispiel der verstärkten Wahrnehmung der Diskriminierung, durch eine minimale Integration, ohne zu sagen, wie der Zusammenhang zwischen Integration und Diskriminierung ist. Ein zweites Beispiel ist, daß angenommen wird, daß man die strukturelle Spannungen senken kann, wenn man die Staatengruppe als Bezugsgruppe wechselt. Die Individuen werden den ungelösten Konflikt im Kopf behalten, womit der strukturell manifeste Konflikt zum wahrgenommen Konflikt wird. Hoffmann-Nowotny kann auch nicht anerkennen, daß man zur Macht durch strategische Handlungen Legitimität hinzugekommen kann.

Von Hill wird kritisiert, daß das funktionalistische Modell teleologisch konstruiert ist. Der Ausgangspunkt ist das Systemgleichgewicht, wobei unterstellt wird, daß 2 Gruppen in einem Sozialsystem bestehen, die eine verursacht das Ungleichgewicht zwischen Macht und Prestige und die andere Gruppe stabilisiert es durch Innere Anpassung zum Abbau der anomischen Spannung oder gleicht es, durch Migration aus, so daß die Moderatoren der Spannung durch Migration verschwinden, ohne daß das Problem an der Wurzel beseitigt wäre.15

In bezug auf den von Hoffmann-Nowotny angenommenen “gesellschaftlichen Konsens” über die Bewertungsgrundlage, wendet Esser hierzu ein, daß die aus der Durkheim-Parsons-Tradition stammende Vorstellung, der gesellschaftliche Zusammenhalt werden ausschließlich durch abstrakte Verpflichtungen und Ko-Orientierung der Mitglieder, durch funktional Imperative, durch Solidarität und Wertintegration gewähr- leistet, gerade in modernen Gesellschaften nicht zutrifft. Die Vorstellung, so Esser, daß soziale Differenzie- rung auch aus partikularem Machtinteressen vorangetrieben werde, daß die Systemleistungen auch ohne Konsensus problemlos abgenommen würden und daß formale Gleichheit empirisch durchaus mit dauerhaft askriptiver Statusvererbung vereinbar ist, findet in die Konzeption von Hoffmann-Nowotny keinen Platz.16

Albrecht kritisiert die Mehrdeutigkeit der Axiome. Die Axiome “Macht und Prestige sind von sich selbst abhängig” und “In Sozialsystem ist Macht und Prestige differenziell verteilt. In Sozialsystemen sind Macht und Prestige ungleichgewichtig verteilt” sind offensichtlich präzisierungsbedürftig.

Wenn man die Definitionen vom Macht und Prestige n das Axiom des Konsens einsetzt ist nicht erkennbar ob es sich um den Grad oder um die Art der gesellschaftlichen Güter handelt.

Wenn man die Definition von Prestige (legitimer Grad des Anspruchs) in die Definition der anomischen Spannung, (Ungleichgewicht zwischen normativen Möglichkeiten und dem Anspruch auf soziale Werte) einbaut wird deutlich, daß die Spannung aus Teilhabeanspruch und Prestige besteht17 Die Beziehungen zu nicht anomischen Spannungen bleibt unklar.18

Nauck nimmt an, daß das Axiom „Macht und Prestige sind die zentralen Dimensionen des Sozialsys- tems„ als metaphysisch zu gelten hat, und läßt es herausfallen. Er reduziert die Axiome von Hoffmann- Nowotny auf die folgenden vier Axiome. 1. Macht und Prestige sind zwischen (soziale Spannung) und bei Akteuren ungleich verteilt. 2. Es besteht ein Konsens über die zentralen Werte. 3. Wenn Macht und Prestige ungleich verteilt sind, dann gleichen die Akteure die Spannungen aus oder erleben eine anomische Span- nung. 4. Sie haben verschiedene Möglichkeiten des Ausgleichs: Statusmobilität, Migration, kultureller Wan- del, Rollenakzentuierung.19

2.2 DER ANSATZ VON ESSER

Esser entwickelt seine Theorie als kritische Auseinandersetzung mit vorherigen Migrationuntersuchungen in der BRD. Er kritisiert die geringe Erklärungskraft der makrosoziologischen Modelle und will mit seinem handlungstheoretischen Ansatz eine Alternative zu solchen Theorien darstellen.

Strukturelle Theorien wie Distanz- oder Segregationsmodelle oder race-relation-cycle unterschlagen die psychologische Seite der Akteure.20 Gerade das handelnde Individuum bildet nach Essers Auffassung die allgemeine Basis seiner Theorie. Er vertritt die Meinung, daß Wanderungen und Eingliederungen von Migranten nicht mit einer bereichsspezifische Theorie, sondern nur auf der Grundlage einer allgemeinen Theorie erklärt werden sollte.21

Der handlungstheoretischen Ansatz von Esser besteht aus der Verknüpfung von zwei Elementen. Dem methodologische Individualismus und dem SEU - Modell des Lernens aus der Psychologie. Der methodologische Individualismus geht davon aus, daß Institutionen immer das Ergebnis von Handlungen der kollektiv orientierten Akteure sind. Sie können niemals durch Kollektive Akteure selbst erklärt werden.22

Dies kann durch zwei Punkte erläutert werden. Soziale Phänomene können durch Bezugnahme auf Theorien über individuel- les Verhalten besser erklärt werden, als über kollektive Erklärungen, da solche Ansätze nur über grobe implizite psycho- logische Annahmen verfügen. Annahmen über die Lerngeschichte, psychologische Zustände und situationale Randbedingun- gen sind daher zu bevorzugen. Als Axiom nimmt man an, daß die psychologischen Bedingungen des Lernens für alle gleich sind und die Differenzen durch die Situation interveniert wird. Der Vorteil der kognitiven Theorien des Lernens ist, daß sie einige schwächen des Behaviorismus nicht aufweisen. Darauf bezogen betont Esser die Berücksichtigung der sinn- haftigkeit er Gedankenstrukturen. Zweitens können kognitive Theorien nomologisch interpretiert werden und hierdurch können Handlungen deduziert werden.

Der Aufbau, Erhalt und der Verfall von sozialer Ordnung kann nicht durch eine Systemrationalität erklärt werden, sondern muß durch individuelles Verhalten, also durch die Absichten, Dispositionen und den vorgefundenen Situationsbedingungen r- klärt werden. Wobei die emergenten Situationsbedingungen ihrerseits, daß Ergebnis vorrangiger Handlungen sind. Die Folge ist eine Verkettung von Handlungen.23

Die Handlungstheorie besteht aus drei Komponenten. Der Person, der Umgebung und der Handlung. Bei der Person werden Motivation, Kognition, Attribution und Widerstand berücksichtigt. Motivation wird als Anreizwert einer Zielsituation definiert. Damit ist der hedonistische Wert verschiedener unabhängiger Ziele definiert, die als Alternativen zur Verfügung stehen. Mit Kognition sind die kognitive Erwartungen gemeint, mittels einer Handlung das gewünschte Ziel zu erreichen. Attribution meint das generalisierte Ver- trauen in die Kontrolle der Situation. Mit Widerstand sind die wahrgenommenen Kosten gemeint, die bei der Handlung entstehen. Diese Definition des Widerstand reicht über die ganze Bandbreite der Unannehm- lichkeiten und Annehmlichkeiten des Menschen.

Die Umgebung besteht aus Opportunitäten und Alternativen. Mit Opportunitäten sind die, die sozialen Phänomene gemeint, die, die Nebeneffekte der Zielerreichung beeinflussen. Im positiven wie im negativen. Somit muß man nicht unbedingt zwischen Opportunitäten und Barrieren unterscheiden. Alternativen sind Bedingungen die assimilative Handlungen substituieren.

Die Handlung besteht im Kontext der Migration aus der Assimilation, genauer der kognitiven, identifikativen, sozialen und strukturellen Assimilation.24 Das bloße bestehen von Personendaten oder Umgebungsdaten, also beispielsweise Opportunitäten führt deterministisch zu Handlungen. Hier zur Assimilation. Diese Art der Reaktion wäre dem Behaviorismus sehr nahe.

In seiner Evaluationsuntersuchung 1985 ändert Esser das Modell hinsichtlich des Verhältnisses zwischen situational stabilen Faktoren der Person und Faktoren der Umwelt, indem der Akteur die Umweltdaten über ein Bild von Wahrscheinlichkeiten intern mit seiner Persönlichkeit verrechnet. Die Lösung bestand in der Einführung der Theorie der subjektiven Erwartungen. Der Akteur schätzt die Wahrscheinlichkeit, daß ein Ziel von ihm erreicht wird und welcher Nutzen durch die Alternative im Gegensatz zu dieser alternativen Handlungen realisierbar ist. Es wird sowohl der Nutzen von Möglichkeiten in Frage gestellt, als auch die ei- gene Fähigkeit der Situationskontrolle. Somit bilden die Akteure immer das Produkt aus Bewertung und der Erwartung des Eintretens. Die Bewertung ist dabei persönlich stabil und situationsabhängig. Damit wird Handlung über die Wahrscheinlichkeiten gesteuert. Somit besteht immer der Bezug zwischen Akteur in der Situation.25

Auf der Basis der rational - choice Theorie stellt Esser mehrere Hypothesen auf. Entsprechend lautet die erste Haupthypothese für die Eingliederung von Migranten (Person - Hypothese): “Je intensiver die Moti- ve eines Wanderers in Bezug auf diene bestimmte Zielsituation; je stärker die subjektive Erwartungen ei- nes Wanderers sind, daß diese Zielsituation über assimilative Handlungen und /oder assimilative Situationen erreichbar ist; je höher die Handlungsatribuierung für assimilative Handlungen ist, um so eher führt der Wanderer - ceteris paribus - assimilative Handlungen (aller Art: einschließlich Bewertungen, Wahrnehmun- gen und Informationssuche) aus”

Bezogen auf die Umgebung des Wanderers sind drei Variablen von Bedeutung: “Je mehr assimilative Handlungsopportunitäten dem Wanderer im Aufnahmesystem offenstehen; je geringer die Barrieren für as- similative Handlungen im Aufnahemsystem sind; und je weniger alternative Handlungsopportunitäten nicht assimilativer Art verfügbar sind, um so eher führt der Wanderer - ceteris paribus - assmiliative Handlungen aus.26

Aus dem neuen Modell (1985) werden folgende Hypothesen abgeleitet : Durch die parallele Nutzung von Faktoren der Umwelt und Faktoren der Personen wird deutlich, daß man trotz günstiger situativer Fak- toren die Assimilation nicht deterministisch eintreten muß, wenn der subjektive Nutzen nicht hoch bewertet wird oder hohe kosten zu erwarten sind. Damit wird verständlich, daß interkulturelle Begegnungsstätten nicht unbedingt der Eingliederung dienlich sein müssen.27

2.2.1 KRITIK AM ANSATZ VON ESSER

Ein Vorteil ist die systematischen Berücksichtigung der zeitlichen Dimension beim SEU-Modell. Diese wird durch die gegenseitige Verkettung der Akteure via Nutzenerwartungen, die durch die Situationselemente beeinflußbar sind, modelliert, und die Forderungen nach der Erklärung von Strukturen eingelöst.28

Das erste Problem bezieht sich auf die Differenz zwischen Faktoren der Umwelt und Faktoren der Person bei der Bewertung der Wirkung der Faktoren der Umwelt. Der Einfluß der Faktoren der Umwelt auf Faktoren der Person kann einmal als objektiver Wert der Faktoren der Umwelt und zweitens aus der Lernperspektive interpretiert werden.

Wenn Faktoren der Umwelt als ein objektiver Wert definiert werden, besteht aufgrund der Multifunktionalität von allen Einheiten eines Systems, das Problem der Beliebigkeit. In einem Zusammenhang kann es vorkommen, daß eine zweite strukturelle Gelegenheit als alternativer Wert und in einem anderen Zusammenhang als Barriere gesehen wird.

Nimmt man das Individuum als Angelpunkt des Wertes der Struktur, verschwindet beim Ansatz von 1980 die Differenz zwischen Faktoren der Umwelt und Faktoren der Person. Faktoren der Umwelt werden zu Verstärkern der Faktoren der Person ohne das sie unabhängig voneinander gedacht werden können, da sie wechselseitig definiert sind. Es ist weder ein Unterschied zwischen Verstärker und Opportunität noch ei- ne Differenz zwischen Barriere und Widerstand erkennbar. Es wird also nötig, die intervenierende Wirkung der Faktoren der Umwelt auf das Ziel der Person extra zu untersuchen, die man klar unterstellen muß. Eine Lösung kann in dem SEU Ansatz gesehen werden, bei dem ein Informationsverarbeitungsprozeß zwischen der Umwelt und dem Handeln geschaltet wird. So das keine deterministisch Vermittlung erfolgt sondern ei- ne Vermittlung über Variable Wahrscheinlichkeiten erfolgt. Es wird verständlich, warum Begegnungsstätten oder die Aufnahme der Migranten in Vereine nicht mehr pauschal als gut für die Eingliederung gesehen werden muß.29

Das Argument der expost Aussage läßt sich folgendermaßen verstehen. Esser untersucht die Ströme der vollzogenen Handlungen der Migration und Assimilation auf der empirischen Ebene, danach wird auf die psychologische Disposition zurück geschlossen. Der Nutzen und die subjektive Wahrscheinlichkeit kön- nen nur schwer direkt gemessen werden und es muß dabei das Axiom der gegenseitigen Unabhängigkeit der beiden Faktoren wahr sein. Wenn er jedoch eine Mikrountersuchung durchführen würde, müßte er zugeben, daß die rationale Entscheidung im SEU - Modell als aktive Strategie nicht haltbar ist, sondern Bewertung und Mittelauswahl durch Wahrnehmungsmuster im Sinne der Gestaltpsychologie stark beeinflußt ist. Sicher- lich hat Esser die mikroökonomischen Annahmen hinsichtlich der breite des Nutzenbegriffs erweitert, aber weder ist die Art der Nutzen. Aus den Annahmen ableitbar noch dürften die ökonomischen Annahmen haltbar bleiben, da ihre Vordergründigkeit offensichtlich ist. Es ist keine Diskriminierung auf eine Nutzendi- mension möglich und damit sinkt der Informationsgehalt. Man könnte konsequenterweise darin eine m- munisierungsgefahr erkennen.30 Es bleibt weiter interessant, eine qualitative Untersuchung der Korrelation si- tuativen Klassen und Interessen der Akteure zu unternehmen und einen quantitativen Vergleich hinsichtlich der Erklärungskraft zu starten.

Dieser Punkt wird auch durch Simon31 unterstützt. Implizit geht Esser beim SEU - Modell von der totalen Informationsverfügbarkeit aus. Simon stellt dagegen, daß der Mensch damit völlig überlastet ist und das er sich mit einem zufriedenstellenden Mindestmaß an Rationalität und Information zufrieden gibt.

Der rational choice Theorie ist implizit, daß jeder Akteur alle Handlungsalternativen kennt, kann deren Folgen und die subjektiven Wahrscheinlichkeiten abschätzen und sie miteinander vergleichen kann. Der Zeitfaktor ist irrelevant und die Widersprüche in der Zielhierarchie gibt es keine.

Esser reagierte darauf, in der Orientierung an Lindenberg, indem er Vereinfachungen in der Zielfindung und in der Mittelfindung in das Modell aufnahm. Frames und Habits. Es gilt also ein zweistufiges Entschei- dungsmodell. Zuerst wird der Frame bestimmt, um die Folgen der Handlungsalternativen zu evaluieren. Die Wahl des Frames unterliegt auch der Nutzenmaximierung und wird durch die Definition der Situation beeinflußt. Der richtige Frame ergibt sich somit aus der richtigen Interpretation der Situation32. Dann wird innerhalb des Frames die nutzenmaximale Handlung gewählt. Opp33 kritisiert, daß diese Anwendung keinen Fortschritt, sondern nur eine erneute Anwendung der SEU auf diesen zweistufig getrennten Prozeß bedeu- tet, bei dem wiederum die Fehler der kognitiven Überlastung auftreten, die Simon bemängelte. Essers Mo- dell ist nur nützlich, wenn sich aus der Definition der Situation klare dominante Ziele ohne Pluralität ableiten lassen würden. Grob gesagt, kann er eine Alternative zum normativen Aspekt Parsons immer noch nicht be- friedigend erklären. Ergo besteht eine kognitive Wende zum sonst üblichen konditionalen Vermittlungsakt zwischen kultureller und Handlungsebene. Einen Vorschlag zur Erfassung, wie die individuellen Freiheiten strukturiert genutzt werden können hat er nicht anzubieten.

3 Strukturelle Auswirkungen

3.1 HOFFMANN - NOWOTNY

Die Möglichkeit des Individuums, zur Änderung der Position bei gegeben Macht und Prestigelinien, wird als Mittel zum Spannungsabbau gesehen. Migration kann als Spezialfall der Mobilität verstanden werden. Daraus folgt die Frage, welche Bedingungen die Eingliederung beeinflussen und welche Folgen für die Gesellschaft zu erwarten sind.

Hoffmann-Nowotny versucht die “Theorie der strukturellen und anomischen Spannungen” sowohl für die Aufnahmegesellschaft als auch für den Migranten anzuwenden, um die Problematik des “Fremdarbeiterproblem” aufzuarbeiten. Es wird von der Annahme ausgegangen, daß dem “Fremdarbeiterproblem als Ursache eine Konjunktion endogener und durch Migration transferierter Spannungen zugrunde liegt”.34

3.1.1 MIGRATION IM INTER SYSTEMAREN KONTEXT

Länder können, wie Individuen, die unterschiedliche Positionen auf Statuslinien einnehmen, als Subsys- teme in einem umfassenden System der Weltgemeinschaft verstanden werden. Diese Entwicklungsunter- schiede im internationalen System haben möglicherweise Migration zur Folge.35 Wenn man Migration als In- teraktion zwischen sozietalen Systemen versteht, und die Annahme, daß eine Positionsänderung zu Span- nungsreduktion führt, kann man eine horizontale Mobilität zwischen den Ländern als solch eine Spannungs- reduktion verstehen und diese Reduktion durch einen Prestigeexport erklären, der einen Ausgleich von Macht und Prestige bewirkt. Für das Herkunftsland bedeutet das eine Reduktion des übermäßigen Anspruch und somit wird ein Ausgleich zwischen Macht und Prestige auf niedrigerem Niveau erreicht. Durch den Prestigeimport im Zielland wird ein Ausgleich auf höherem Niveau dadurch erreicht, daß die Gesellschaft besser ausgelastet wird. Auch wenn es im Zielland zu einer Unterschichtung36 kommt, bedeutet die horizon- tale Mobilität im internationalen Kontext ein vertikalen Aufstieg für das Individuum, auch wenn man in bei- den Ländern zu den unteren Schichten gehört, da die Migranten immer noch den internationalen Struktur- differenz haben.

Hoffmann-Nowotny ist der Auffassung, daß durch Unterschichtung die Tertiärisierung der Wirtschaft fortschreiten kann ohne Anpassungen im sekundären Bereich zu erfolgen. Aber Unterschichtung kann auch zur Folge haben, daß die notwendiger Strukturwandel in Richtung auf Modernisierung nicht stattfindet, d.h. daß durch verlangsamter Produktivitätserhöhung und Verzögerungen von notwendigen Strukturanpassungen die traditionelle Wirtschaftsstruktur noch erhalten bleibt.37

Wenn es in einer modernen Gesellschaft zu einer Dominanz partikularer Werte kommt, dann spricht Hoffmann-Nowotny von neofeudalen Tendenzen. “Da solche neofeudalen Tendenzen der Rationalität der Industriegesellschaft widersprechen und ihre Durchsetzung die Entwicklungsspannung reduzieren, d.h. die Entwicklung des Gesamtsystems bremsen würde, dürfte ihre Durchsetzung insbesondere bei den führender Akteure auf Widerstand stoßen und somit kaum realisierbar sein. Damit scheitert der Versuch, die Anomie auf diese Weise zu lösen, die Anpassung an die Spannungen im Sinne des Neofeudalismus muß im tende- ziellen stecken bleiben.”38

Das politische System befindet sich in bezug auf die Problematik des Fremdarbeiterproblem in einer “cross-pressure-Situation”. Auf der einen Seite wird durch die Unterschichtung Druck aus den unteren Schichten ausgeübt, Zuwanderung zu begrenzen. Auf der anderen Seite wird von den ökonomischen Akteuren eine Expansions- und Mobilitätspolitik verlangt, um die Versorgung mit billigen Arbeitskräften sicherzustellen. Auf derartige Situationen reagiert der politische Akteur mit einer Status-quo-Politik, was eine Bremsung der Mobilitätsmöglichkeiten zur Folge hat.39 Bei der einheimische Bevölkerung, die für eine Diskriminierung von ausländischen Arbeitskräften eintritt und sich zumindest teilweise im Einklang mit der offiziellen Politik befinden, entstehen hier gewissen kognitive Dissonanzen, d.h. Widersprüche zwischen dem Verhalten und einer allgemeinen Norm der Chancengleichheit.40

3.1.2 INTEGRATION UND ASSIMILATION

Für Hoffmann-Nowotny steht die positionale Integration über der kulturellen. Er geht davon aus, daß Integration nur in dikriminierungsfreien Systemen vorstellbar ist, d.h. bei Offenheit der Struktur des Einwan- derungslandes.

Bezogen auf die Partikularismus versus Universalismus Dimension des Funktionalismus, bemerkt Hoffmann-Nowotny daß eine Diskriminierung, dann vorliegt, wenn die Teilhabe an Statuslinien durch askriptive Zuschreibungen partikularistisch gesperrt ist Dies tritt dann auf, wenn die niedrige Position der Migranten von nicht instrumentellen Faktoren bestimmt werden oder sie hinsichtlich des Erwerbs von Qualifikationen gegenüber Einheimischen benachteiligt sind. Ist die tiefe Position von Einwanderern jedoch nur auf geringe Qualifikation und Bildung zurückzuführen, kann nicht von Diskriminierung gesprochen werden, da es sich um eine universalistische Dimension handelt.41

Eine spezielle Form der Diskriminierung ist die institutionalisierte Diskriminierung. Darunter versteht HoffmannNowotny die legalen Einschränkungen, denen die Immigranten in bezug auf berufliche und finanzielle Mobilitätschancen unterworfen sind. Der Staat wird als ein Akteur der insitutionellen Diskriminierung benannt. Hoffmann-Nowotny kommt zu den Schluß, daß “Diskriminierung und Eintreten für die Überfremdungsinitiative letztlich Symptome einer Ohnmacht gegenüber globalgesellschaftlichen Tendenzen sind, denen gegenüber der einzelne kaum noch Subjektcharakter hat”.42

Für seine Definition von Integration greift er auf Eisenstadt zurück, der von Absorption in drei Stufen spricht:

1. Akkulturation: Phase indem Einwanderer die verschiedenen Rollen, Normen und Gebräuche der aufnehmenden Gesellschaft lernt. Dies stellt sich in sofern ein, daß nur eine partikulare Akkulturation in konfliktreichen Gebieten passiert.
2. Zufriedenheit und persönliche Anpassung des Immigranten (Art und Weise, in welcher der Einwanderer sich mit den Schwierigkeiten, die seine Situation, impliziert, auseinandersetzt. Je weniger Phänomene wie Selbstmord, Delinquenz, personale Desorganisation, usw., desto erfolgreicher hat sich der Einwanderer mit der neuen Situation auseinandergesetzt), und
3. vollständige Zerstreuung (Dispersion) der Immigranten als Gruppe innerhalb der wichtigsten gesellschaftlichen Bereiche der aufnehmenden Gesellschaft. Diese Dimension bezieht sich auf die Tatsache, ob die Einwanderer innerhalb der Struktur des Einwanderungslandes an bestimmten Stellen konzentriert oder gleichmäßig über alle Ebenen verteilt sind.

Hoffmann-Nowotny geht von den Begriffen “Assimilation” und “Integration” aus, die sich mit den Dimensionen “Akkulturation” und “institutioneller Dispersion” Eisenstadts decken. Die Integration ist für ihn dann erreicht wenn die Partizipation der Migranten, welche der Einheimischen entspricht. Integration bedeutet daher, daß die Konfliktlinie Ausländer versus Inländer verschwindet und nicht, daß die Ungleichheit aufhört. Die Verteilung der rechte soll den einheimischen Verheilungen entsprechen.

Er unterscheidet zwei grundlegende Dimensionen der sozialen Realität, nämlich: Kultur auf der einen und Gesellschaft auf der anderer Seite. Dabei wird Kultur als Sysmbolstruktur, Gesellschaft als die Positions- struktur der sozialen Realität bezeichnet. Assimilation bedeutet folglich die Partizipation an der Kultur und Integ- ration die Partizipation an der Gesellschaft.43 Auf das Verhalten wird beim ihm nicht abgehoben, da es im Sinne des Strukturalismus-Paradigma mit den Strukturen, im Sinne der reinen Trägerschaft paralelisiert wird.44

Hoffmann-Nowotny ist der Auffassung, daß es nicht sosehr darum geht, ob die aufnehmende Gesell- schaft die kulturellen Unterschiede akzeptiert im Sinne einer kulturellen Vereinigung, sondern ob sie die zent- ralen Statuslinien für die Einwanderer öffnet oder sie weitgehend geschlossen hält. Somit steht für Hoff- mann-Nowotny die subkulturelle Integration im Mittelpunkt, bedingt durch die strukturelle Öffnung. Kultur und Gesellschaft stehen in einem Interdependenzverhältnis, aber die gesellschaftliche Dimension dominiert die kulturelle. Kultur wird dabei definiert, als Pluralität alternativer Lösungsmöglichkeiten für von der Gesell- schaft bestimmte Probleme. Dies meint das Kultur im ständigen Wandel ist Folglich wird auch die Assimila- tion stärker von der Integration determiniert als umgekehrt. Denn “je größer die Chancen der Einwanderer bzw. ihrer Kinder sind, an den Werten der Gesellschaft zu partizipieren, desto größer ist die Wahrscheinlich- keit für eine Assimilation.”45

3.1.3 THEORIE DER ANOMISCHEN SPANNUNGEN IN DER AUFNAHMEGESELL- SCHAFT

Die Unterschichtung führt, so Hoffmann-Nowotny, zu einer Erhöhung der Mobilitätschancen großer Teile der einheimischen Bevölkerung. Somit erreichen sie automatisch höhere Beschäftigungsränge und da- mit auch höhere Einkommen, ohne daß diesem Aufstieg eine Erhöhung der Bildungsposition vorausginge.46 Spannung bei der einheimischen Majorität der Bevölkerung ergeben sich daraus, daß nicht alle Mitglieder die Chance der Aufwertsmobilität nutzen können. Die Anomie wird als individuelle Ohnmacht, Ratlosigkeit und Angst definiert. Sie ergibt sich einmal bei den zurückgebliebenen Gruppen, da eine Konkurrenz zu den Migranten entsteht und andererseits ergibt sich eine Anomie für die, welche einen nicht legitimierbaren Machtzuwachs erhalten haben. Überfremdung, so Hoffmann-Nowotny, tritt dort auf, wo die Chancen zur Reduktion von Spannungen gering sind, wo von den Fremdarbeitern möglicherweise eine Bedrohung aus- geht, die geeignet sein mag, die genannten Spannungen noch zu vergrößern oder jedenfalls ihren Abbau zu verhindern.47 Sie reagieren auf diese Statusbedrohung mit einer Betonung der ethnische Zugehörigkeit, die ihnen als Legitimationsquelle für Ränge auf Machtlinien und als Abgrenzungskriterium dient.48 Diese Grup- pen nutzen die ethnische Zuschreibung zum Ausschluß der Migranten von den zentralen Dimensionen der Gesellschaft. Damit wird die individuelle Reduktion der Anomie durch die neofeudale Abgrenzung der Mi- granten nach unten, zum Versuch das Problem zu kollektivieren und damit den Einzelnen zu entlasten. Tatsächlich wird eine Wahrnehmung der Überfremdung durch strukturelle Spannungen interveniert. Ano- mische Gruppen empfinden sie stärker als konsolidierte Gruppen. Wenn man aber die Auswirkungen auf das politische und wirtschaftliche System mitberücksichtig, sieht man, daß die Kollektivierung in den Anfän- gen stecken bleibt.49

3.1.4 THEORIE DER ANOMISCHEN SPANNUNGEN BEI MIGRANTEN

Die Anomie bei Migranten wird durch eine fehlende soziale Integration (z.B. Vereinswesen) ausgelöst, die Hoffmann-Nowotny auf eine fehlende strukturelle Integration zurückführt, die durch die berufliche Qua- lifikation und allgemeinen Bildung, genauer Sprache, soziale und regionale Herkunft interveniert wird.50 Schafft der Migrant die Integration nicht und somit den Abbau der Spannungen, wird die Spannung nur von einer einfache Rangspannungen und einer Ungleichgewichtsspannung, in eine Unvollständigkeitspannung transformiert.51

Die strukturellen Spannungen werden in individuelle Anomie umgesetzt. Es ergeben sich folgende Mög- lichkeiten des Abbaus der Spannungen: Es kann eine der Bildung entsprechenden Positionierung auf der Machtdimension angestrebt werden. Oder es werden Ersatzbefriedigungen angestrebt, wenn die vertikale Mobilität aufgegeben wird, wie der utopische Wunsch den Kindern eine solche zu ermöglichen, oder es kommt zum Konsum, durch de man seine Wünsche hinsichtlich der strukturellen Position demonstrieren will.

Wenn eine Aufgabe der vertikale Mobilität erfolgt, kann es zur neofeudalen Herabsetzung kommen, bei der den einheimischen Fähigkeiten monopolistisch zugeschrieben werden,. auf einer spanungsfreien Dimen- sion wird diese Zuschreibung durch die Zuschreibung eigener Leistungen ausgeglichen. So wird der Span- nungsabbau durch einen Rückzug aus dem Feld erreicht, in dem man den anderen Bevölkerungsgruppen Werte zuschreibt. Es handelt sich hierbei um eine subkulturelle Differenzierung. Die Folge ist eine starke Reduktion des Gefühls der Diskriminierung. Und damit fällt ein wichtiger Grund für die Rückkehr weg.

3.2 ESSER

Für Esser stellt die Mikroebene nur eine Hilfskonstruktion der Erklärung da. Das Explananda ist bei Ihm immer in der Kollektivität zu suchen. Dies gilt für die Verkettung von Handlungen im Rahmen der rational choice Theorie , so auch bei der Auswirkung der Migranten auf die Aufnahmegesellschaft In Anlehnung an Taft, Eisenstadt und Gordon unterscheidet Esser drei Dimensionen der Eingliederung von Wanderern:52

Akkulturation meint einen Lernprozeß bei dem die Übernahme von Verhaltensweisen und Orientierungen im Mittelpunkt steht. Auf der individuellen relationalen Dimension steht die Einnahme der Position auf der Statuslinie und die Aufnahme der n- terethnischen Beziehungen im Mittelpunkt. Auf der kollektiven Ebene wird der Prozeß der Homogenisierung angesprochen. Gründe für die Übernahme und welche Bereiche übernommen werden muß getrennt behandelt werden. Eine Richtung und i- nen Automatismus des Prozesses zu unterstellen, hält Esser für falsch.

Assimilation bezieht sich einmal auf den Prozeß der Angleichung, somit ist er in dieser Hinsicht identisch mit dem Begriff der Akkulturation. Andererseits bezieht er sich auf den Zustand der Angleichung von Handlungsweisen, Orientierungen und interak- tiver Verflechtungen. Im Sinne der Differenzierung von Zustand versus Prozeß können individuell absolute Eigenschaften von den individuell relationalen Eigenschaften getrennt werden. die absoluten Eigenschaften beziehen sich auf die Dimensionen des Wertesystems und des Wissens, Fertigkeiten und die relationalen Eigenschaften auf die Dimensionen der interethnischen Kon- takte sowie das eindringen in die Dimensionen des Status. Auf der kollektiven ebene bezieht es sich auf die Homogenität der Kul- tur bei institutionalisierten Differenzierungen.

Integration wird als spannungsloser Zustand auf Grund von Gleichgewichten auf der individueller Ebene, ein Gleichgewicht auf der interpersonalen ebene und ein latentes Gleichgewicht im Kollektivsystem.

Er sieht dreierlei strukturelle Folgen der Wanderung: Mobilität und Marginalität von Personen und Wissen. Einen Ausgleich der Grenzproduktivität, und der Recourcen Ausstattung; Als folge der Neuverteilung der Produktionsfaktoren. Als 3. Punkt sieht er den Spannungsabbau innerhalb und zwischen den Sozialsystemen. Brechung von Konfliktlinien und Stabilisierung bestehender Ungleichheiten.53

Kontakte sind eine Bedingungen für den Transfer von Informationen und Innovationen. Sie dienen der Überwindung der kulturellen Abgeschlossenheit und produzieren unter Umständen eine moderne Persönlichkeitstyp.54 Somit entsteht die Modernisierung aus einer Kombination von Individuum und Situation.

Hiermit wird die Differenz von Esser und Hoffmann-Nowotny deutlich. Esser betont die individuellen Handlungsmöglichkeiten in einer Situation, welche einen Einfluß auf die Entscheidung haben. Bei Hoffmann-Nowotny steht der strukturelle Rahmen, der die Eingliederung ermöglichen soll, im Mittelpunkt.

Nach Esser tritt immer eine Angleichung der Grenzproduktivität ein. Im Gegensatz zur Position von Hoffmann-Nowotny55 geht Esser von einer positiven Bewertung wirtschaftlichen Aspekt aus. Dies sowohl hinsichtlich des demographischen Effektes als auch des ökonomischen, da es zur Anpassung der Faktorproduktivität und zum Ausgleich regionaler Unterschiede kommt.56

Dem Punkt der Stabilisierung von Ungleichheiten stellt ein zentralen Bereich moderne Gesellschaften dar. Er hat konflikthämmende Wirkung. Gleichheitsklagen und Konflikte über das Kriterium von Statuszu- weisungen, können durch Kompensationszahlungen beseitigt werden. Diese werden erst durch Migranten möglich, auf deren Kosten eine Umverteilung stattfindet. Auch Esser geht von einer feudalen Absetzung der Einheimischen aus. Es ist nur fraglich, ob diese Konfliktaufschiebung den Konflikt löst. Für den Migranten gilt nach der Zuwanderung, daß die Konfliktbereitschaft in der ersten Zeit abnimmt, bedingt durch Desozia- lisation und Marginalisierung. Das Argument der Unterschichtung von Hoffmann-Nowotny modifiziert Esser so, daß er davon ausgeht, daß die Einheimischen Mitglieder eine Aufwertsmobilität erfahren, ohne daß damit eine Veränderung der Hierarchie einhergeht. Damit leitet die Migration einen Beitrag zur Differenzie- rung, Kapazitätserwreiterung Stabilität der Sozialsysteme.57

Die These der Konfliktfreiheit bleibt umstritten, auch wenn das Machtsystem nicht zur Disposition steht, hängt doch der Grad der Konflikthaftigkeit von den wahrgenommenen Einflußmöglichkeiten der Bevölkerung in der Öffentlichkeit ab, um die Konfliktaustragung zu kanalisieren.58

4 Vergleich beider Ansätze

4.1 VORAUSSETZUNGEN

Um einen Vergleich zwischen 2 Theorien durchzuführen und eine Entscheidung über die Position auf der Achse Komplementarität versus Konkurrenz zu treffen müssen 2 Voraussetzungen erfüllt sein. Sie müssen explizit sein, dies soll bedeuten, daß klare Definitionen und Hypothesen bestehen, die eine mögliche Transformation unterstützen würden. Weiter müssen sie sich auf das gleiche Explanandum beziehen, um überhaupt einen Vergleich durchführen zu können.

Beide sind empirisch analytisch. Damit besteht die selbe Wertbasis bei beiden Theorien und sie haben ein allgemeines nomologisch deduktiven Theorieverständnis. Weiterhin sind sie empirischen Falsifikationsversuche unterzogen worden.59

4.2 INFORMATIONSGEHALT

Hinsichtlich des Gehalts beider Theorien sind folgende Aussagen möglich. Man kann, wie oben gezeigt, die Theorie von Hoffmann-Nowotny auf 4 Axiome reduzieren.

Macht und Prestige, sind sowohl zwischen als auch bei den Akteuren ungleich verteilt. Dies wird von beiden Theoretikern gleichermaßen vertreten. Es stellt also eine Komplementäre Aussage dar. Esser wird sich allerdings mehr für die Ursachen als für die Folgen interessieren, die Hoffmann-Nowotny im Auge hat. Hoffmann-Nowotny berücksichtigt das extra in seinen Axiomen und Esser schließt dies in seinem Modell nicht aus.

Das ein Konsens über die relevanten Werte in der Gesellschaft besteht, wird von Esser in seiner Zwangsläufigkeit bestritten. Das Argument des Konsens steht für Esser in der parsonschen Tradition, eine Gesellschaft ausschließlich durch abstrakte Ko-Orientierung der Individuen zu integrieren. In modernen Gesellschaft besteht gerade kein Wertekonsens, sondern eine begrenzte Loyalität. Partikulare Interessen konkurrieren und werden über das Machtkonstrukt „Cross pressure“ zusammengehalten. Cross pressure ist in diesem Zusammenhang doppelt zu verstehen: einerseits hat das Individuum eine geringe Wahrscheinlichkeit seine Interessen durchzusetzen, andererseits wird man mit einer zu sehr einseitigen Interessendurchsetzung in einem Bereich die eigenen Interessen in einem anderen Bereich behindern.

Wenn Macht und Prestige ungleich verteilt ist, wird Macht an Prestige angepaßt, sonst werden anomi- sche Spannungen auftreten. Wenn anomische Spannungen auftreten, wird Macht an Prestige angepaßt. Die- se Aussagen widersprechen dem esserischen Fokus, da man Handlungen an beiden Parametern vornehmen kann. Esser würde vorhersagen, daß die Akteure Prestige auch an Macht anpassen können. Auch diese Aus- sage von Hoffmann-Nowotny verdeutlicht nochmals den unveränderbaren Wertkonsens in der Gesell- schaft, und die Anpassung der Macht der Individuen über das Marktmodell des Strukturfunktionalismus.

Nur in den unwesentlichen Bereichen besteht eine Komplementarität der Theorien. In den wesentlichen Bereichen dagegen, besteht eine Konkurrenz der Hypothesen. Die Frage nach dem größeren Informations- gehalt ist unentscheidbar. Dies wäre nur dann möglich, wenn eine Komplementarität bestehen würde und eine von beiden exaktere Aussagen machen würde, die mit einer größeren Falsifizierungsmölichkeit einhergehen würden.

Folgende These von Esser ist nur eingeschränkt richtig, daß alle Theorien auf das esserischen Modell re- duzierbar sind. Da Esser nur die Faktoren der Umwelt und Faktoren der Person zuläßt, sind alle Theorien in der Soziologie mit dem Modell kompatibel; qua Definition; ein Vergleich unnötig ist.60 Die empirischen ma- nifesten Erscheinungen der Migrationsbewegungen auf die Beweggründe via rational choice Theorie zurück und Nutzen. Es wird auch nicht dessen Formung berücksichtigt. Die liberale Freiheit die Esser beim Hand- lungsmodell unterstellt, ist doch nur im engen Rahmen der Bewußtwerdung des Selbst denkbar. Die Lieb- lingsaussage Essers, daß alle Theorien der Soziologie immer implizite Theorien seiner strukturindividualisti- schen Theorie seien, ist somit wenig informativ.

Als Randbedingung müßte zumindest gelten, daß zwischen den Theorien keine Widersprüche existieren. Diese Widersprüche werden aber gerade von ihm bemängelt. Beziehungsweise die esserische Handlungstheorie selbst widersprüchlich wäre, und somit jede Aussage ableitbar wäre. Oder ein empirische Gehalt der Handlungstheorie nicht existieren würde, dies würde bedeuten, daß die Aussagen gar nicht falsifizierbar wären, also keinerlei Informationen über Zusammenhänge in der Realität liefert. Dies gilt aber nur für die akteursunabhängige Variante der Umwelthypothese.61

Durch dieses offene lerntheoretische Konstrukt ist klar eine Wende von der qualitativen auf eine quantitative Sicht vollzogen worden. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Frage, wie groß der Einfluß aller Elemente auf ein zu definierendes Explanandum ist. Eine konkrete Ableitung der Faktoren aus dem Paradigma des Strukturindividualismus ist nicht möglich. Die Einflüsse stellen eher eine Operationalisierung dar und es ermöglicht ein Verständnis und Ordnung sozialer Prozesse. Somit wird deutlich, daß diese Aussage auf der qualitativ theoretischen Ebene nicht zutrifft aber sehr wohl auf der empirischen, denn sein Modell kann alle Faktoren aller Forscher integrieren.

4.3 Wahrheitsgehalt

Zum Vergleich der empirischen Umsetzung von Esser und Hoffmann-Nowotny ist eine terminologische Übersetzung nötig.

Hoffmann - Nowotny und Esser verstehen unter folgenden Punkten das selbe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten62

Aufgrund der verschiedenen Ansätze kommen beide zu verschiedenen theoretischen Kausalzu- sammenhängen. Esser stellt die kognitive Assimilation in den Vordergrund. Man kann dies so verstehen, daß er die individuellen Ressourcen als sozialen Kapital betont, um die aktiven Nutzungsmöglichkeiten der Strukturen hervorzuheben. Hoffmann-Nowotny stellt gemäß dem Strukturalismus, in der Tradition von Durkheim und Parsons, die strukturelle Assimilation in den Vordergrund, offensichtlich möchte er die Ohnmacht und den Konformismus des Individuums betonen, daß nur Angebote nutzen aber keine schaf- fen kann.

Bei Hoffmann-Nowotny ist besonders auffällig, daß er keine multivariate Untersuchung unternahm, sondern eine deskriptive Beschreibung mittels Gamma Werten.

Gamma läßt keine Kausalschlüsse zu. Es ist ein ordinales Assoziationsmaß. Es wird der Überschuß an konkordaten Bezie- hungsweise diskonkordaten Paaren im Verhältnis zur Gesamtzahl der Paare angegeben, ohne das die verknüpften Paare berück- sichtigt werden. Es ist daher nicht geeignet zur Überprüfung von solch komplexen Zusammenhängen, da indirekte Effekte nicht erfaßt werden können.

Von allen Paarassoziationsmaßen nimmt der Gammawert den höchsten Wert an. Der Wert differenziert nicht zwischen diagonal und eck Korrelationen. Ein 3. Problem besteht darin, daß das Maß mit abnehmender Kategorienzahl der Ausprägungsmöglichkeiten immer extremer wird. Konservative Forscher würden die Tau a und Tau b Werte vorziehen.63

Hoffmann - Nowotny hat die Kausalkette „Einnahme der Position auf den zentralen Statuaslinien; Integ- ration; Assimilation“ getestet und konnte den Zusammenhang auf 99 % Signifikanzniveau mit Gammawer- ten über 29 % bestätigen.64 Der direkte und indirekte Einfluß der kognitiven Assimilation wurde dennoch unterlassen. Diese Untersuchung, ist aber genau genommen, kein kausaler Zusammenhang. Er unterstellte eine strukturalistische Sicht als Kausalität und untersuchte nur die richtungslose Korrelation. Eine Kausalität kann man aber nicht mit deskriptiver Statistik, sondern nur mit schließender Statistik nachweisen.

Die undifferenzierte Gleichstellung der Indikatoren Bildung, Einkommen, berufliche Stellung ist deshalb ungünstig, weil keine hohe Korrelation zwischen den Faktoren besteht. Bildung bezieht sich auf das Heimatland und kann nicht unbedingt zur Statuserwerb in Zielland verwertet werden. Bildung als im Herkunftsland erworbene kognitive Fähigkeit ist eher als die Vorbedingung für kognitive und strukturelle Assimilation zu verstehen. Diesen Gedanken verfolgt er ohnehin bei der Untersuchung privater Kontakte, die nichts anderes sind als eine weitere Dimension der sozialen Assimilation. Bei der Erklärung der beruflichen Stellung, führt er an, daß eine kognitive Assimilation zu einer strukturellen Assimilation führt.65

Für die globale Variable Zeit bei Hoffmann-Nowotny zeigt Esser, daß es auf die Prozeßvariablen ankommt, die Zeit benötigen aber nicht aus der Theorie von Hoffmann-Nowotny ableitbar sind, diese beziehen sich auf die Mesoebene, zwischen Individuum und Makroebene.66

Insgesamt bestätigt Hoffmann-Nowotny damit nicht das strukturalistische, sondern eher das individualistisch strukturelle Kausalbild von Esser. Die Überführung des Modells von Hoffmann-Nowotny in ein Pfadmodell, verdeutlicht dieses.67

Bei Esser steht die kognitive Assimilation im Vordergrund und führt zur strukturellen, sozialen und identifikativen Assimilation. Es ist das umfassenste methodische Modell und umfaßt das Modell von HoffmannNowotny. Esser hat sein Modell mittels einer adäquaten Regressionsanalyse getestet.

Die Hypothesen wurden simultan und vollständig überprüft, konkurrierende Hypothesen wurden gegen getestet und mit dritter Datenquellen die Ergebnisse repliziert. Dies kontrolliert mögliche Stichprobenfehler. Das Modell ist auch über verschiedene Her- kunftsländer stabil.68 Kritisieren kann man, daß er keine Interaktionseffekte untersucht hat. Dies ist aus dem Modell von 1982 r- sichtlich.

Das Modell von Esser konnte mit hohen Anteilen erklärter Varianz und dem 99 % Signifikanzniveau bestätigt werden. (R=0,3).

Der empirische Wahrheitsgehalt bei Hoffmann-Nowotny ist nicht nachweisbar, da man keine Reanalyse der Gammawerten durchführen kann, und er gar keine kausale Aussage mit Gammawerten erzeugen kann. Seine empirische Analyse unterstützt aber auch eher das Modell von Esser, was gegen sein theoretisches Modell spricht. Esser kann hingegen seine empirischen Ergebnisse nicht theoretisch erklären. Es liegen viele konkurrierende Erklärungsansätze vor, die aber mit dem theoretischen Ansatz von Esser nicht integriert werden können, wohl aber mit der empirischen Umsetzung. So gesehen ist der empirische Wahrheitsgehalt noch unentschieden.

Wenn man hingegen die beiden Modellparadigmen gegen eine Zusammenhanglosigkeit testet (H0 Hypothese),69 ist das Paradigma von Esser zu bestätigen. Wobei sich allerdings bei dieser Interpretation des Wahrheitsbegriff die Frage der Intention und Verwertung stellt. Ist es wichtiger einen bestehenden Zusam- menhang zu verstehen und praktisch zu verwerten oder ist es wichtiger philosophische Hypothesen zu tes- ten, ohne sich um die praktische Relevanz zu kümmern. Wenn man eine Wechselwirkung von „Erklären“ und „Verstehen“ anstrebt, sind dies keine disjunkten Ziele, nur wenn man Soziologie über den Erklärungs- aspekt (Struktur versus Individuum) und nicht über das kollektiv Gut Ergebnis (Eingliederung) definiert und dann versucht, seine Hypothese zu verifizieren,70 hat man das Problem in die Irrelevanz abzurutschen.

5 Schluß

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Hypothesen von Esser und Hoffmann-Nowotny nur gering übereinstimmen und somit in großen Teilen in Konkurrenz zueinander stehen. Hinsichtlich der empirischen Bestätigung kann man Hoffmann-Nowotny auf dem Punkt bringen, daß Strukturen wichtig sind, und daß er dies auch beschreibt. Aber er verrät uns nicht, wie bedeutend der Einfluß in einem quantita- tiven Sinne ist.

Esser ist mit seinem empirischen Modell in der Lage, alle möglichen Einflüssen in einem Sozialsystem zu integrieren und sie adäquat zu identifizieren. Sein Modell hilft aber wenig dabei, das theoretische Problem der konkurrierenden Theorien in der Soziologie zu lösen, indem er keine Anschlußmöglichkeiten für diese anbieten würde. Dies ist auf sein theoretisches Modell des Lernens zurückzuführen. Die subjektiven Dimensionen sind schwer zu messen und neigen hinsichtlich der Voraussage zur Beliebigkeit.

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[...]


1 Esser, Hartmut (1980): S. 16 f.

2 Nauck, Bernhard (1988): S. 15 f.

3 Esser, Hartmut (1977): S.206 ff.

4 Greif, (Vorname) (1983): S. 44 ff ; Esser, Hartmut (1977): S. 86 ff.

5 Esser, Hartmut (1977): S.154 ff.

6 Nauck, Bernhard. (1988): S.16.

7 Seifert, Wolfgang (1995): S. 51.

8 Nauck, Bernhard (1988): S.19 f.

9 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 3.

10 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 8 ff.

11 Albrecht, Günter (1973): S. 386.

12 Nauck, Bernhard (1988): S. 20.

13 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 8.

14 Albrecht, Günter (1973): S. 386 f.

15 Hill, Paul ( 1984): S. 60 ff.

16 Esser, Hartmut (1980): S. 240 ff.

17 Albrecht, Günter (1973): S. 386 ff.

18 Albrecht, Günter (1973): S. 389.

19 Nauck, Bernhard (1988): S. 35.

20 Esser, Hartmut (1980): S. 8.

21 Esser, Hartmut (1980): S. 13 ff.

22 Esser, Hartmut (1980): S. 13 ff.

23 Esser , Hartmut (1980): S. 15.

24 Esser, Hartmut (1980): S. 213 ff.

25 Esser, Hartmut (1985): S. 435 ff.

26 Esser, Hartmut (1980): S. 211.

27 Esser, Hartmut (1985): S. 435 ff.

28 Esser, Hartmut (1985): S. 435 ff.

29 Nauck, Bernhard (1988): S. 23 f.

30 Vgl. Nauck, Bernhard (1988): S. 36.

31 Lüdemann, Christian (1996), S. 278-289.

32 Goffman , Erving (1977): S. 16.

33 Opp, Karl Dieter (1993): S. 278 ff.

34 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 3 ff.

35 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 18.

36 Unterschichtung: die neu hinzugekommenen Migranten werden hinsichtlich der Macht - und Prestigesstruktur quasi ausgegrenzt und die alteingesessene Bevölkerung erhält automatisch eine relativ dazu höhere Position.

37 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 24 ff.

38 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 29.

39 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 30.

40 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 122.

41 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 122.

42 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 152.

43 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 172.

44 Vgl. Durkheim: Der Akteur ist nur die Füllmaße der „Gußform - Gesellschaft“. Esser, Hartmut: (1993): S. 403 ff.

45 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 173.

46 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 172.

47 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 91.

48 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 29.

49 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 151 f.

50 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 151 f.

51 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): S. 20.

52 Esser , Hartmut (1980): S. 21.

53 Esser , Hartmut (1980): S. 106.

54 Esser , Hartmut (1980): S. 109. Dies wird wiederum innerhalb der Theorie des sozialen Kapitals interessant, welche eine Erweiterung der rational choice Theorie darstellt.

55 Vgl. oben

56 Esser , Hartmut (1980): S. 110.

57 Seifert, Wolfgang (1995): S. 65 ff.

58 Müller, G. u.a. (1993): S. 217

59 Nauck, Bernhard (1988): S. 18 f.

60 Nauck, Bernhard (1988): S. 25.

61 Nauck, Bernhard (1988): S. 25.

62 Ist zwar nicht explizit ausgewiesen aber die Dimension werden bei Hoffmann - Nowotny besprochen.

63 Benninghaus, Hans (1992): S. 138 ff.

64 Hoffmann - Nowotny (1973): S.177 ff.

65 Hoffmann - Nowotny (1973): S.169 ff.

66 Esser, Hartmut (1982): S. 283.

67 Nauck, Bernhard (1988): S. 35 f.

68 Nauck, Bernhard (1988): S. 35 f.

69 i.S. Poppers bedeutet dieser Art von Interpretation in wie weit eine Annäherung des theoretisch abstrakten Modells an die empirische Wirklichkeit. Ausgehend von dem Ansatz, daß alle Theorien sowieso falsch sind. (Popper, Karl (1995): S. 340 ff.).

70 vgl. Poppers Kritik dazu. Popper, Karl (1995): S. 118 ff.

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Eingliederung von Migranten: Ein Vergleich zweier Ansätze von Hans Joachim Hoffmann - Nowotny und Hartmut Esser
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Seminar zur Migration in Europa
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V96384
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit
Schlagworte
Eingliederung, Migranten, Vergleich, Ansätze, Hans, Joachim, Hoffmann, Nowotny, Hartmut, Esser, Humboldt, Universität, Berlin, Seminar, Migration, Europa, Dipl, Soziologe, Wolfgang, Seifert
Arbeit zitieren
Axel Viertmann (Autor), 1998, Eingliederung von Migranten: Ein Vergleich zweier Ansätze von Hans Joachim Hoffmann - Nowotny und Hartmut Esser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96384

Kommentare

  • Gast am 14.9.2001

    deutsche sprache....

    gibt es diese arbeit auch ohne die zahlreichen unerträglichen deutsch- und rechtschreibefehler?

  • Gast am 9.1.2002

    Und was heißt das für die Praxis?.

    Irgendwie vermisse ich Hinweise auf praktische Konsequenzen auf die theoretischen Erkenntnisse.

  • Gast am 5.7.2002

    PISA läßt grüßen!.

    Noch NIE (!!!) habe ich eine universitäre Arbeit von derart grauenvoller Qualität gesehen! Ich habe in einem Abschnitt von nur 21 Zeilen 3 Ausdrucksfehler, 2 Grammaikfehler, 2 Rechtschreibfehler und einen inhaltlichen Lapsus entdeckt.

    Woher nehmen die Autoren dieser Arbeit das Selbstbewußtsein, einen solchen Mist auch noch im WWW zu veröffentlichen? Gab es dafür etwa einen Schein? Wollen die Autoren gar Lehrer werden?

  • Gast am 11.8.2002

    Note: 1,3.

    EINE 1,3????? Es ist wirklich nicht zu glauben, dass eine solche Hausarbeit den Studenten vom Dozenten nicht um die Ohren gehauen wurde. WAS IST DAS FÜR EINE UNI bzw. für ein Dozent?

    Unfassbar ist allerdings auch für mich (siehe "PISA" lässt grüßen), dass die beiden Verfasser diesen Müll auch noch ins Net stellen!

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