Das qualitative problemzentrierte Interview am Beispiel der Bielefelder Rechtsextremismusstudie


Seminararbeit, 1999

11 Seiten


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Gliederung

A) Die Methode des problemzentrierten qualitativen Interviews
1. Definition des qualitativen Interviews
2. Vorgehen in der qualitativen Interviewsituation
3. Auswertung und Analyse der Daten

B) Das qualitative Interview am Beispiel der Bielefelder Rechtsextremismus-Studie (Heitmeyer u.a., 1992)
1. Definition des qualitativen Interviews
2. Erhebungsmethoden
3. Durchführung der Studie
4. Auswertungsmethode
5. Zur Situation in Bielefeld
6. Das Beispiel Otto
7. Das Beispiel Leonhard
8. Zusammenfassung

C) Kritik an der Methode des qualitativen Interviews
1. Probleme der Auswahltechnik
2. Leitfadenbürokratie
3. Spontaneität
4. Kategorisierung und Abstraktion
5. Kritik an der Heitmeyer-Studie

D) Literaturangaben

A) Die Methode des problemzentrierten qualitativen Interviews

1. Defintion des qualitativen Interviews

Die Funktion eines qualitativen Interviews ist die wissenschaftliche Exploration von Sachverhalten und die Ermittlung von Bezugssystemen der Berfragten zu Beginn ei- ner Untersuchung1. Die Intention der Befragungen, d. h. die vom Forscher oder n- terviewer beabsichtigte Richtung des Informationsflusses, ist die im qualitativen n- terview hauptsächlich eine vermittelnde. Das bedeutet, daß das Ziel der Befragung nicht der Informationsfluß der Befragungsperson zum Interviewer ist, sondern daß eine Erkenntnis- oder eine Bewußtseinsveränderung auf Seiten des Befragten2 be- absichtigt wird. Der Befragte wird angeregt, über das behandelnde Thema nachzu- denken und evtl. neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Qualitative Interviews sind fast ausnahmslos mündliche face-to-face Interviews. Eine telefonische Befragung ist aufgrund der Unpersönlichkeit für diese Art von Interviews ausgeschlossen.

Es werden in der Regel Einzelbefragungen durchgeführt, da die Themen häufig i- nen intimen und persönlichen Charakter besitzen. Qualitative Interviews sind nicht standardisiert, daher gibt es weder einen vorgefertigten Fragebogen noch ein festes Frageschema. In der Regel erhält der Befragte höchstens minimale Vorgaben, oft nur das Thema der Befragung. Dadurch erhält das qualitative Interview den Charak- ter eines freien, natürlichen Gesprächs mit einer auch für Alltagsgespräche nicht un- typischen Asymmetrie in der Frage-Antwort-Zuweisung. Der Befragte hat einen gro- ßen subjektiven Spielraum in Bezug auf die Gestaltung des Interviews. Er formuliert seine Gedanken mit eigenen Worten. Der Stil der Kommunikation, also das Verhal- ten des Interviewers ist neutral bis weich, wobei Neutralität gefaßt wird als durchaus solidarisierend zwischen Befrager und Befragtem3. Weich ist ein Interview, wenn der Interviewer versucht, ein Vertrauensverhältnis zum Befragtem zu entwickeln, ndem er der Person des Befragten (nicht seinen Antworten) seine Sympathie demonst- riert4. Qualitative Studien verlangen immer, daß sich der Forscher in Lage des Be- fragten hineinversetzen muß. Das Hineinversetzen geschieht jedoch mit Hilfe be- stimmter Methoden (methodisch kontrolliertes Fremdverstehen).

Eine harte Interviewtechnik, in der der Interviewer autoritär auftritt und wie in einem Verhör Druck auf den Befragten ausübt, scheidet für qualitative Interviews aus. Das qualitative Interview dient im Gegensatz zum quantitativen Interview überwie- gend der Hypothesengenerierung. Besonders ist hier von Bedeutung, daß das inter- pretative Paradigma angewendet wird: Gemäß den Annahmen des interpretativen Paradigmas folgt das Handeln der Menschen nicht blind den Normen der Gesell- schaft, sondern ist eine Frage der interaktiv und symbolisch interpretierten, manch- mal sogar strategisch hergestellten Definition der Situation durch Subjekte, die zu re- flektierten und verständigen Entscheidungen in der Lage sind und nicht willenlos den normativen Vorgaben oder ihrem vom sozialen Kontext auferlegtem Einstellungen folgen5.

2. Vorgehen in der qualitativen Interviewsituation

In der qualitativen Sozialforschung geht es nicht wie in der quantitativen Methodolo- gie um generalisierende Aussagen, sondern darum, Typisierungen vorzunehmen. Deshalb ist die Repräsentativität nicht von entscheidender Bedeutung. Es werden keine Zufallsstichproben gezogen. Eine Repräsentativität im eigentlichen Sinne ist von vornherein schon deshalb ausgeschlossen, da aufgrund der qualitativen Inter- viewtechnik nur geringe Fallzahlen erfaßt werden können. Der Forscher sucht sich nach seinem theoretischen Vorverständnis typische Personen aus.

Die Befragungen sollten in der natürlichen bzw. in einer vom Befragten gewählten Umgebung stattfinden. Der Interviewer zeigt Empathie, er geht auf den Befragten und seine Ausführungen ein und verwendet in seinen Fragen das Vokabular des Be- fragten. Durch Nachfragen regt er den Interviewten an, seine eigenen Interpretatio- nen zu liefern. Damit bleibt die Deutung im Relevanzsystem des Befragten. Um für eine spätere Auswertung des Interviews wirklich alle Daten zur Verfügung zu haben, setzt man als technisches Hilfsmittel Videokamera oder Tonbandgerät ein, wobei klar sein muß, daß durch genau diese eine Verzerrung im Verhalten des Interview- ten erwartet werden kann, da dieser sich im Bewußtsein der Aufzeichnungsgeräte unnatürlich verhalten könnte. Daher sollten sich diese Geräte möglichst diskret im Hintergrund befinden. Man sollte dabei sollte man den Befragten auf jeden Fall um Erlaubnis zur Aufzeichnung bitten und im absolute Vertraulichkeit garantieren.

Ein im Vorfeld erstellter Leitfaden wird als Orientierung und Gedächtnisstütze einge- setzt, der zum einen die wichtigsten Aspekte der Befragung beinhaltet und zum an- deren eine Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Interviews erst ermöglicht. Nach Beendigung des eigentlichen Interviews ergibt sich oft eine lockere und ent- spannte Atmosphäre durch den Wegfall der ungewohnten Aufzeichnung mit Kamera oder Tonband. So können wichtige Äußerungen fallen, die ebenfalls notiert werden sollten.

Nach Durchführung des Interviews wird ein Postskriptum angefertigt, in dem die für die Interpretation relevanten Aspekte wie Wohnlage und -umfeld, Atmosphäre und Ausstrahlung der Wohnung, Verhalten des Befragten während des Interviews und weitere Besonderheiten während des Gesprächsverlaufs festgehalten werden.

3. Auswertung und Analyse der Daten

Allgemein unterscheidet man bei der Auswertung und Analyse von Interviews drei Typen: Das quantitativ-statistische Verfahren (dieses scheidet allerdings für qualitative Interviews aus methodologisch-pragmatischen Gründen aus), das interpretativreduktive Verfahren und das interpretativ-explikative Verfahren6. Die am meisten angewandte Form ist die interpretativ-explikative Form.

Bei der Analyse und Interpretation sind die Ergebnisse einem ständigem Rekonstruktionsprozeß unterworfen: Ergeben sich durch neues Datenmaterial Widersprüche zu den bis dahin aufgestellten Thesen, so müssen diese so modifiziert werden, daß sie im Gesamtkontext schlüssig bleiben Allgemein wird die Auswertung in vier Phasen vorgenommen: Transkription: Zuerst werden die auf Video oder Tonband festgehaltenen Interviews in die schriftliche Form situations- und inhaltsgetreu übertragen. Danach wird das Transkript mit der Aufzeichnung zur Verbesserung von Fehlern bei der Transkrip- tion verglichen.

Einzelanalyse:

Nun werden die jeweiligen Interviews auf prägnante Passagen und wichtige n- halte gekürzt. Auf Basis des ursprünglichen Transkriptes werden diese Passagen gewertet und kommentiert. Der Forscher erstellt eine Charakteristik des Interviews als Verknüpfung von wörtlichen Passagen mit seinen Wertungen.

Generalisierende Analyse:

Anschließend werden alle Interviews nach Gemeinsamkeiten untersucht und die inhaltlichen Unterschiede herausgearbeitet. So erhält man Grundtendenzen und kann bestimmte Typen von Befragten erstellen.

Kontrollphase

In dieser Phase wird das vollständige Transkript mit den Originalaufnahmen ein weiteres Mal verglichen. Nun können die jeweiligen Interpretationen im Forschungsteam ausgetauscht werden (Intersubjektive Auswertung).

B) Das qualitative Interview am Beispiel der Bielefelder Rechtsextremismus- Studie (Heitmeyer u.a., 1992)

1. Forschungskonzept der Studie

Die Bielefelder Rechtsextremismusstudie wurde auf Grundlage einer vorhergehen- den Studie von Heitmeyer im Jahre 1985 (Standardisierte Befragung von 1357 Ju- gendlichen im Alter von 16-17 Jahren) durchgeführt. Die neue Studie erfolgte unter einer anderen Fragestellung: Heitmeyer ging es nun um die Ermittlung von Orientierungsmustern und Verlaufsformen von Biographien. Dazu verwendete er erstmalig in der Bundesrepublik eine qualitative Längsschnittstudie.

Die ganz wesentlichen Fragestellungen nach Verlaufsformen von Biographien, den zugrundeliegenden Erfahrungen im Arbeits- und Millieubereich und ihre politisch re- levanten Verarbeitungen lassen sich nur über Längsschnittanalysen erfolgverspre- chend angehen. Genau an dieser Stelle setzt die Studie mit qualitativen Methoden ein. Sie hat dabei nicht im klassischen Sinne die Funktion einer explorativen Vorstu- die, sondern sie schließt an die „Flächengrabungen“ der quantitativen Studie mit fall- spezifischen „Tiefenbohrungen“ an.7

Bei der Auswahl der Jugendlichen für diese Studie knüpft Heitmeyer an die Alters- gruppe der Befragten der vorhergehenden Studie an. Befragt wurden 40 männliche Jugendliche aus Bielefeld, von denen 20 zu Beginn der Studie einen Ausbildungs- platz hatten und 20 keinen. Die Auswahl nur von männlichen Jugendlichen liegt dar- in begründet, daß die Zusammenhänge zwischen Ideologie der Ungleichheit und Gewaltakzeptanz in ihren vielfältigen Formen des Zusammenfließens, Verschärfens oder Abebbens zunächst „einfacher“ bei männlichen Jugendlichen eruierbar er- schien, weil die Phänomene gerade auch auf der sprachlichen Ebene offener zutage treten, wie sich auch in der qualitativen Studie gezeigt hat. Eine notwendige qualita- tive Analyse von Verlaufsprozeßen bei weiblichen Jugendlichen ist gleichwohl not- wendig und steht noch aus.8

Die Interviews fanden in Abständen von einem Jahr in einem Zeitraum von 5 Jahren (1985 bis 1990) statt.

Der Grundansatz der Studie ist die Sozialisation als Auseinandersetzungsprozeß eines Individuums mit seiner Umwelt.9

2. Erhebungsmethoden

Die Forscher wurden angehalten, Impulse zu bestimmten Grundthemen zu geben. Der Leitfaden beeinhaltete mehrere Themenschwerpunkte: Die Jugendliche sollten von wichtigen Ereignissen im zurückliegenden Jahr berichten und diese persönlich einschätzen und die Forscher sollten Fragen zu den Bereichen Milieu, Arbeit, politi- sche Orientierungen bzw. Handlungen und Identität stellen. Schließlich sollten die Interviews thematisch fokussiert auf Ideologien von Ungleichheit und Gewalt, um ei- ne Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Interviews herstellen können.

3. Durchführung der Studie

Die Befragung erfolgte in einer von den Jugendlichen gewählten Umgebung, zum Teil fanden diese in der Universität statt. Dabei wurde darauf geachtet, über den gesamten Erhebungszeitraum möglichst immer die gleichen Interviewpartner zusammen zu lassen. Um die Ausfallquote zu mildern, wurden teilweise sehr enge Kontakte zu den Jugendlichen hergestellt. So wurde mit einem Teil der Jugendlichen im Mai 1987 eine Fahrt nach Liverpool veranstaltet.

Pro Interview lag der schriftliche Umfang zwischen 80 und 100 Schreibmaschinenseiten, so daß für Jugendlichen über den gesamten Untersuchungszeitraum etwa 400 bis 500 Seiten Interviewmaterial gesammelt wurden.

4. Auswertungsmethode

Zur Auswertung der subjektiven Sichtweisen und Orientierungen wurde ein Katego- riensystem benutzt, das aus den Bereichen Arbeitsorientierungen, politische Orien- tierungen und identitätsrelevante Elemente bestand. Der Fragenkomplex zu den Ar- beitsorientierungen umfaßte die Erfahrungen der Stellensuche, die Einschätzung der momentanen Berufstätigkeit (bzw. Arbeitslosigkeit) sowie Antizipation möglicher Er- werbslosigkeit als auch den Stellenwert von Arbeit auf dem Hintergrund von indivi- dueller Lebensgestaltung und -planung. Im Kontext zu anderen Studien teilt Heit- meyer die Arbeitsorientierungen in vier Grundtendenzen ein: Instrumentalistische O- rientierung, sinnstiftendes, sachlich-inhaltliches Interesse, hedonistische Ausrichtung und Arbeitsorientierungen, die Optionsoffenheit aufweisen.10

Zusätzlich wurde die objektive soziale Lage durch Sekundäranalyse vorliegender Studien, amtliche Statistiken und Beobachtungen im Umfeld hinzugezogen, sowie relevante Grunddaten durch einen Fragebogen im Vorfeld der Untersuchung erfaßt.

5. Zur Situation in Bielefeld

Heitmeyer beschreibt die Lage in Bielefeld wie folgt „ Insgesamt zeigt sich bei den lo- kalen Gegebenheiten in Bielefeld eine besondere Dichte der zentralen Bedrohungs- elemente Arbeitslosigkeit und rechtsextremistische Orientierungsmuster “ , in diesem Zusammenhang ist das 1987 gegründete „Bundeszentrum der Nationalistischen Front“11 von Bedeutung (Vergrößerung des Relevanzhorizontes bei den Jugendli- chen).

Die Situation der befragten Jugendlichen ist sehr Unterschiedlich, insbesondere in finanzieller Hinsicht. Die subjektive Empfindung der Wohnverhältnisse unterscheidet sich eher unwesentlich, während die Integration in das Wohnumfeld unterschiedlich ist. Auch bezüglich der Einbindung in den Freundeskreis scheint sich zu zeigen, daß Arbeitslose zu Zweifeln an der Verläßlichkeit ihrer Orientierungsgruppe neigen.12 Die Ausgangssituation zeigt, daß die Auszubildenden einen höheren sozialen Integrationsgrad aufweisen als die Arbeitslosen.13

6. Das Beispiel Otto

Das Ankerbeispiel der Studie ist Otto. Er ist ein 1967 geborener Jugendlicher, der trotz schlechter Noten einen Ausbildungsplatz als Dreher bekam. Er lebt bei seiner geschiedenen Mutter. Im Verlauf der Untersuchung verliert die Familie für ihn die Funktion als Quelle von Geborgenheitsempfindungen und als Anlaufstelle bei per- sönlichen Problemen. Er sieht sich stark durch den Zuzug von Ausländern in seinem Wohngebiet bedroht. Otto: „ Du f ü hlst Dich doch hier nicht mehr zu Hause... ü berall Ausl ä nder... das ist doch Kacke, wenn Du durch die Stra ß e gehst und dann kommt dir da so ein Tamile oder da so ein T ü rke entgegen. Alle sind so braungebrannt, das ist doch widerlich. Wenn du dann mal in die Stadt gehst, so ab 10 Uhr, dann siehst Du nur noch so Schwarze, das ist doch widerlich. Also ich find ‘ das eklig, ehrlich... [...] ...zack, man sollt ‘ 'se doch alle vergasen.14 Er versucht, sich im Alltag Höhe- punktserlebnisse durch Alkoholkonsum, Gewalt oder Waffenbasteleien zu verschaf- fen. Sein Freundeskreis besteht aus den Resten einer Fußballfanclique und neigt zu rechtsextremen und gewalttätigen Verhalten. Sie bietet Otto keine emotionale Stabi- lität. Im Laufe der Jahre nimmt der Kontakt zu ihnen ab. So sieht er sich gezwungen, mit seinen Problemen mehr und mehr selbst fertig zu werden.

Seine Arbeitsorientierungen sind gleichbleibend instrumentell und auch der Verlauf der politischen Orientierungen bleibt konstant. Seine Milieueinbindung stagniert bei der unbehaglichen Beziehung zur Familie und der zeitweiligen Zugehörigkeit zu ge- waltbereiten Gruppen.

Otto sagt außerdem über sich selbst: „ Ich stufe mich selbst als einen kleinen Tr ä u- mer ein... ich habe immer neue Ideen... wie zum Beispiel in die Staaten auswandern oder Profiboxer werden oder S ö ldner auf 'ner Opiumfarm in Kolumbien...mit 'nem Maschinengewehr... irgendwie geil, wenn Du da das ganze Magazin durchtrom- melst15

7. Das Beispiel Leonhard

Leonhard ist 1968 geboren. Er hat nach reibungsloser Schulkarriere und mittlerer Reife, motiviert durch Interesse an den Beruf, einen Ausbildungsplatz als Energiean- lagenlektroniker bekommen. Er fühlt sich eingebunden in das Arbeitermilieu: „ Erstmal kommen wir nat ü rlich auch aus einer Arbeiterfamilie, wir kommen aus ei- nem Arbeiterviertel. Unsere ganze Familie besteht aus Sozialdemokraten und sind ziemlich da engagiert. Ich glaube, wenn man dann klar genug ü berlegt und dann noch ein paar Freunde und Bekannte hat, mit denen man dar ü ber redet, das einem dann eigentlich gar nichts anderes ü brig bleibt, als diese Linie einzuschlagen oder auf jeden Fall die Linke. Wir sind doch die Jungs aus dem Arbeitermillieu... Nicht et- wa, da ß ich was Besseres werden wollte. “ 16 Sowohl die Mutter als auch sein Freun- deskreis geben ihm das Gefühl von Geborgenheit und Verläßlichkeit. Er ist gut in- formiert über politische Zusammenhänge und vertritt das Ideal der Gleichberechti- gung. Ebenfalls ist Solidarität für ihn von großer Bedeutung, wie sich an dieser Aus- sage zeigt: „ ...so eine Gesellschaft von normalen Leuten, [...] da geh ö rt dazu, den Schw ä cheren unter die Arme zu greifen. Da m üß te einer f ü r den andern verantwort- lich sein. Soviel Verantwortungsbewu ß tsein m üß te da sein. “ 17 Seine negativen Er- fahrungen kann er durch seine stabile soziale Zugehörigkeit verarbeiten.

Das Interesse an seinem Beruf bleibt sachlich inhaltlich, seine politischen Orientierungen bleiben konstant im Distanzmuster und seine Milieubeziehungen sind gleichbleibend befriedigend.

8. Zusammenfassung

Heitmeyer verwirft die bisher zur Erklärung rechtsextremistischer Orientierung verwendete Analogie-, Verführungs- und Arbeitslosigkeitsthese. Die Analogiethese führt Ursachen auf ein Wiederaufleben nationalsozialistische Gedanken zurück, die Verführungsthese erklärt dies mit der Verführungskraft entsprechender Persönlichkeiten, Parteiprogramme und Zeitungen etc. und die Arbeitslosigkeitsthese führt Rechtsradikalimus auf ökonomische Ursachen zurück.

Ihm zufolge ist nicht der Besitz eines Ausbildungsplatzes an sich von Bedeutung, sondern die Qualität des Beschäftigungsverhältnisses. Er stellt die Instrumentalisie- rungsthese auf: In der modernen kapitalistischen Gesellschaft besteht als negative Folge des Individualisierungsprozeßes ein Zwang zur Selbstdurchsetzung. Dies zeigt sich in der Lockerung von sozialen Beziehungen und Vereinzelungsprozeßen, so daß die Folgen des eigenen Handeln für andere immer weniger berücksichtigt zu werden brauchen.

Dieses Handeln erscheint in verschiedenen Varianten: Die Verdinglichung („Letzter Dreck“) und Abwertung („Können nichts“) des anderen, die Austauschbarkeit von Personen (mal Aussiedler, mal Ausländer, mal „Asylanten“), Entpersönlichung des anderen aufgrund der Kapitallogik der Gesellschaft, Vergleichgültigung gegenüber dem Schicksal anderer, Überlgenheitsdemonstration aufgrund des Zwanges zur Selbstdurchsetzung und Kosten-Nutzen-Kalkulation in sozialen Beziehungen.

Instrumentalisierung dient also dem Ziel der eigenen Selbstdurchsetzung um ent weder Anschlu ß , Sicherung oder Aufstieg zu erreichen. Sie hat als Mittel die Verf ü gung ü ber andere.“18

C) Kritik an der Methode des qualitativen Interviews

1. Probleme der Auswahltechnik

Das Auswahlverfahren in der qualitativen Befragung ist nicht unproblematisch. Es kann sich auf das angestrebte Ziel einer Studie, nämlich einer realitätsgerechten Rekonstruktion von Typen von Bedeutungsstrukturierungen zu einem speziellen Themenbereich insofern negativ auswirken, als einzelne typische Bedeutungsmuster evtl. keine Berücksichtigung finden19. Dem interessengeleiteten Forscher wird eine gewissen Selbstkontrolle abverlangt, da er unter Umständen durch seine theoreti- schen Vorüberlegungen eine verzerrte, untypische Auswahl treffen könnte.

2. Leitfadenbürokratie

Ein Problem bei qualitativen Interviews ist der im Vorfeld des Interviews ausgearbeitete Leitfaden:

Oft ist der zeitliche Rahmen eines Interviews begrenzt und nicht ausreichend, die durch den Leitfaden vorgegeben Themenvorschläge zu bearbeiten. Daher kommt es zu einen „Abhaken“ der Punkte auf dem Leitfaden. Will der Befragte Informationen zu einem Thema geben, daß zwar relevat ist, aber nicht auf dem Leitfaden vorgese- hen, so kann es sein, daß diese Informationen vom Interviewer vorschnell als irrele- vant abgetan werden.

3. Spontaneität

Dadurch, daß das qualitative Interview einer natürlichen Gesprächssituation mög- lichst nah kommen soll, kann es vorkommen, daß der Interviewer spontan seine Ei- genheiten (z.B. sein Hintergundwissen als Forscher) mit einbringt. Dadurch kann es zu Vezerrungen in den Interviews kommen. In Zusammenhang mit der oben ge- nannten Leitfadenbürokratie kann es vorkommen, daß sich der Interviewer, um Zeit zu sparen, zu vorschnellen interpretierenden oder suggestiven Formulierungen hin- reißen läßt

4. Kategorisierung und Abstraktion

Auch kann es vorkommen, daß ein Wissenschaftler die Ausführungen des Befragten kategorisiert (wieder mit seinem Fachwissen als Hintergrund) und in die ihm vertrauten Sprachgewohnheiten zurückfällt, also abstrahiert. Darauf kann es sein, daß er Fragen stellt, die eher Forschungsfragen als Interviewfragen sind.

5. Kritik an der Heitme yer Studie

Nach Meinung der Autoren ist das Verhältnis zwischen Interviewer und Befragtem ein Kritikpunkt, den man an der Studie anbringen muß. Gerade dadurch, daß dieses Verhältnis offensichtlich im Laufe der Jahre als relativ gut zu bezeichnen ist (Fahrt nach Liverpool mit einem Teil der Versuchsgruppe), ist es durchaus möglich, daß die Befragten im Laufe der Studie an Offenheit gegenüber den Forschern gewonnen haben. Dadurch kann das Bild der Jugendlichen verfälscht worden sein.

Es stellt sich auch die Frage, ob die Jugendlichen (gerade bei dem Thema Nationalsozialismus) wirklich wahrheitsgetreue Auskünfte gegeben haben, oder ob hier vielleicht nicht doch einige wichtige Aspekte verschwiegen worden sind.

D) Literaturangaben

Diekmann, A., Empirische Sozialforschung, Reinbek 1995

Esser, H., Soziologie, Frankfurt 1993

Heitmeyer, W. u.a., Die Bielefelder-Rechtsextremismus-Studie, München 1992

Hopf, C., Die Pseudo-Exploration, in: Zeitschrift für Soziologie, 1978

Lamnek, S., Qualitative Sozialforschung BD. II, München 1988

Witzel, A., Verfahren der qualitativen Sozialforschung, FfM 1982

[...]


1 Lamnek, 1988/89, S. 56

2 a.a.O., S. 38

3 a.a.O., S. 58

4 a.a.O., S. 57

5 Esser 1993, S. 234

6 Lamnek, S. 107

7 Heitmeyer 1990, S. 50

8 a.a.O., S. 52

9 vgl. a.a.O., S. 52

10 vgl. a.a.O., S. 54

11 a.a.O., S. 78

12 vgl. a.a.O., S. 83

13 vgl. a.a.O., S. 85

14 a.a.O., S. 88

15 a.a.O., S. 88

16 a.a.O., S. 86

17 a.a.O., S. 159

18 a.a.O., S. 596

19 Lamnek, S. 92

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Das qualitative problemzentrierte Interview am Beispiel der Bielefelder Rechtsextremismusstudie
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die empirische Sozialforschung
Autor
Jahr
1999
Seiten
11
Katalognummer
V96403
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Methode des problemzentrierten qualitativen Interviews, Das qualitative Interview am Beispiel der BielefelderRechtsextremismus-Studie (Heitmeyer u.a., 1992), Kritik an der Methode des qualitativen Interviews
Schlagworte
Interview, Beispiel, Bielefelder, Rechtsextremismusstudie, Proseminar, Einführung, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Stephan; Kater Giesers (Autor), 1999, Das qualitative problemzentrierte Interview am Beispiel der Bielefelder Rechtsextremismusstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96403

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