Das narrative Interview und seine forschungstheoretische Einordnung im Rahmen der Kontroverse quantitative versus qualitative Sozialforschung


Hausarbeit, 1998

21 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kontroverse „quantitative versus qualitative Sozialforschung“
2.1 Die Hauptaussagen des kritischen Rationalismus und seine Gegenposi- tionen
2.2 Konsequenzen für die Forschungspraxis

3. Das narrative Interview als Beispiel für eine qualitative Methode
3.1 Forschungstheoretische Einordnung des narrativen Interviews
3.2 Der Charakter des narrativen Interviews
3.3 Das soziologische Erkenntnisinteresse der Erzählungen
3.4 Die Methode des narrativen Interviews
3.4.1 Ablauf des narrativen Interviews
3.4.2 Zugzwänge der Erzählung
3.4.3 Vorgehen bei der Analyse der Erzählung
3.5 Kritische Würdigung

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf Schritt und Tritt begegnet einem bei der Lektüre der Literatur in den empiri- schen Sozialwissenschaften die Kontroverse quantitative Forschung versus quali- tative Forschung1. Auch wenn von vielen Lehrbuchautoren festgestellt wird, daß es sich bei diesem Methodenstreit um die falsche Fragestellung handelt, da die adä- quate Methode von der Fragestellung abhinge, ist der Dissens nicht überwunden. Kein integrativer Ansatz, der die hypothesenprüfende quantitative Forschung auf der einen Seite und die Deskriptionen von Erlebnissen mit dem Erkenntnisinteres- se der dahinter liegenden Sozialstrukturen auf der anderen Seite verbindet, hat sich durchgesetzt.2

Auch wenn hypothesenprüfende Forscher qualitative Methoden nicht grundsätzlich ablehnen, so sehen sie diese doch unter anderem Vorzeichen. Hypothesenprüfen- de Forscher halten die explorative Forschung nur insofern für notwendig, um nach der Exploration zu einer Hypothesenformulierung zu kommen. Erst die anschlie- ßende nomologische Deduktion gebe objektive, reliable, valide und repräsentative Auskunft über gesellschaftliche Zusammenhänge. Die qualitative Forschung hin- gegen hält die Hypothesenprüfung für inflexibel und geht von einem anderen Beg- riff der sozialen Realität aus, so daß ihrer Ansicht nach mit quantitativen Methoden unangemessene Ergebnisse erzielt werden.

Während die methodologischen Hintergründe dieser unterschiedlichen Auffassungen und deren Auswirkungen auf die Forschungspraxis im folgenden Kapitel 2 erläutert werden, wird unter Punkt 3 das narrative Interview als rein qualitative Datenerhebungsmethode dargestellt.3

2. Die Kontroverse „quantitative versus qualitative Sozialforschung“

Empirische Sozialforschung hat die Ziele, Phänomene der realen Welt möglichst objektiv zu beschreiben und allgemeine Regeln für die Erklärung und Vorhersage von Ereignissen zu finden. Bei der Verfolgung dieser Ziele stehen sich zwei Grundpositionen der Erfahrungswissenschaft, der quantitative4 und der qualitative Ansatz5, gegenüber.

2.1 Die Hauptaussagen des kritischen Rationalismus und seine Gegenposi- tionen

- Erkenntnisziel des kritischen Rationalismus ist die Beschreibung sozialer Reali- tät, so wie sie vom Forscher beobachtet werden kann. Dem Forscher kommt die Hauptrolle zu, denn nur die vom Forscher beobachtete Realität „soll alleinige und letzte Entscheidungsinstanz darüber sein, ob eine Theorie richtig oder falsch ist“ (Kromrey 1990, S. 28), „während das qualitative Paradigma als interpretatives das Verstehen im Vordergrund sieht und das Erklären (im naturwissenschaftlichen Sinne) als sekundär betrachtet“ (Lamnek 1988, S. 204). Der nomologisch- analytische Ansatz hat es sich zur Aufgabe gemacht, Strukturen und Gesetzmä- ßigkeiten der Gesellschaft aufzudecken zur Prognose künftiger gesellschaftlicher Ereignisse und Veränderungen.

Ausgehend von der ständigen Neuinterpretation der sozialen Realität wollen die qualitativen Forscher dagegen weniger nach sozialen Gesetzen suchen als nach subjektiven Deutungsmustern, die interpretiert werden.6

- Thematisierung der Wirklichkeit: Bei den nomologisch-analytischen Forschern gilt ein absolutes Kriterium zur Zurückweisung falscher Tatsachen: durch immer- währendes Ausscheiden falscher Aussagen sollen Theorien sich allmählich der Wahrheit über ihren Gegenstand nähern. Von den qualitativen Forschern wird da- gegen postuliert, daß „die Realität auch durch unsere Beobachtungen und Beo- bachtungsmethoden erst konstituiert wird“ (Lamnek 1988, S. 236). Die qualitativen Sozialforscher erkennen somit nur ein relatives Wahrheitskriterium an, eine so- ziale Wahrheit, die sich aus dem vernünftigen Argumentieren der am For- schungsprozeß Beteiligten (z.B. Interviewer und Inter viewte) ergibt. Die analytisch- nomologisch Forschenden handeln aufgrund des Kausalitätsprinzip, wonach die Ereignisfolgen nach gleichbleibenden Regeln ablaufen. Für jedes Ereignis gibt es bestimmte Ursachen. Daher ist es möglich, allgemeingültige Aussagen (=Nomologien) durch deduktiv-logische Ableitungen auf beliebige Situationen zu übertragen, vorausgesetzt die Bedingungen sind gleich geblieben. Qualitative For- schungsansätze können nicht davon ausgehen, daß Bedingungen einer Situation fixierbar sind, weil der jeweils gegenwärtige Zustand als Resultat komplexer Abfol- gen von Interaktionen zu begreifen ist, der in neuen Interaktionen ständig neuinter- pretiert wird. Die Anhänger des kritischen Rationalismus postulieren die Prämisse der Regelhaftigkeit, die besagt, daß soziale Tatbestände in geordneter Weise miteinander in Beziehung stehen und eine Struktur bilden, unabhängig von Interak- tion und Interpretation der Beteiligten. Daraus ergibt sich ihre Forderung der Ein- heitswissenschaft: Da die prinzipielle Regelhaftigkeit der gesamten realen Welt unterstellt wird, unterscheiden sich nach Ansicht des kritischen Rationalismus die Naturwissenschaften nur im Gegenstand, mit dem sie sich befassen, nicht aber in der Art ihres Vorgehens, d.h. alle Erfahrungswissenschaften können nach den gleichen methodischen Prinzipien vorgehen. Im Gegensatz dazu gehen die An- hänger des interpretativen Paradigmas davon aus, daß soziale Realität durch n- teraktion der Akteure ständig neu geschaffen wird. Sie halten subjektive Deutun- gen für entscheidend, da die Umwelt erst durch interpretierende Bedeutungszu- schreibung der Beteiligten wirksam wird und somit der Forscher auch die subjekti- ven Deutungen der sozialen Tatbestände durch die Akteure erfassen muß, um die erhobenen Daten überhaupt verstehen zu können.

- Prinzip der Wertneutralität: Analytisch-nomologische Forscher bewerten die Realität nicht, da Bewertungen nicht intersubjektiv überprüfbar sind. Die Wertneut- ralität gebietet es also, Verzerrungen der Forschungsergebnisse über die reale Welt zu verhindern, indem alle Entscheidungen begründet und dokumentiert wer- den. Subjektive Werte der Forscher dürfen in die Untersuchung nicht einfließen und die Urteile der beteiligten Forscher dürfen nicht subjektiv sein. Daher muß die Meßsituation standardisiert werden und jede Phase des Forschungsprozesses intersubjektiv nachprüfbar sein. Werturteile können zwar nicht Inhalt erfahrungs- wissenschaftlicher Aussagen sein, aber Gegenstand wissenschaftlicher Unter- suchgen. Auch die qualitativen Forscher wollen „ unabhängig von subjektiven For- schereigenschaften “ (Lamnek 1988, S. 211) arbeiten. Nach ihrer Ansicht erreichen sie Objektivität aber „nicht durch Ausblendung der Subjektivität, sondern durch deren Berücksichtigung“ (ebd., S. 213), wohingegen quantitative Forschung durch standardisierte artifizielle Untersuchungssituationen sowohl die Untersuchungsein- heit als auch den Forscher in der Erhebungssituation und in der Auswertung ent- subjektiviert.

Aus den Gegenpositionen zum kritischen Rationalismus ergibt sich zwangsläufig deren Kritik an dessen Forschungsgrundsätzen. Die hypothesenprüfende For- schung sei zu oberflächlich, da sie soziales Handeln nicht wirklich erfasse, viel- mehr diesem eine Bedeutung unterschiebe, die die des Forschers und nicht die des Handelnden sei (vgl. Lamnek 1988, S. 7). Standardisierte Interviews bei- spielsweise legten nicht klar, was Befragte unter abstrakten Begriffen verstünden, z.B. Gewalt. Die quantitative Forschung sei auch zu inflexibel, weil Dinge, die nicht aufgrund der Hypothesen erfragt/beobachtet werden sollen, unerfaßt bleiben und somit die enge Haftung an der Hypothese komplexe Realität nicht erfassen könne. Damit würden nur Teilausschnitte der Wirklichkeit betrachtet, deren Interaktion aber nicht mit quantitativen Methoden erfaßbar sei. Die Standardisierung führe zu einer künstlichen Situation, in der die Befragten/Beobachteten als Datenträger angesehen würden, jedoch nicht als Forschungsteilnehmer, und der situative Kon- text der Befragten bzw. Beobachteten unberücksichtigt bliebe. Die Forschungspra- xis zeige, daß relativ sichere reliable Ergebnisse nur erzielbar sind, wenn „die Fragestellung sehr eingeschränkt wird, und zwar eingeschränkt ‚bis zur Belanglo- sigkeit‘“ (Kromrey 1990, S. 325). Es würden Artefakte produziert und damit werde die externe Validität, also die Übertragung auf Alltagssituationen, ausgeschlossen. Vielfältige unkontrollierbare Störfaktoren bewirkten widersprüchliche Resultate, weil in standardisierten Situationen komplexe Lebenszusammenhänge nicht erfaß- bar seien. Die Wertneutralität verpflichte zur Stützung des gegebenen Status quo und legitimiere damit die bestehende Praxis, „indem sie ihr Wissen zuführe, mit dem das Prädikat der ‚Wissenschaftlichkeit‘ verbunden sei, ohne daß die Wissen- schaft selbst sich im weiteren darum kümmere, was mit diesem Wissen geschehe, wozu es eingesetzt werde“ (Kromrey 1990, S. 325, vgl. auch Lamnek 1988, S. 11). Auch wird kritisiert, daß die Forderung der quantitativ Forschenden nach Intersub- jektivität dazu führe, den Einfluß so weit wie möglich zu reduzieren. Damit leugne- ten diese Forscher „die substantielle Verstrickung des Forschers in den Prozeß der Untersuchung“ (Lamnek 1988, S. 13), d.h. der Einfluß des Untersuchenden gerade nicht eliminierbar sei. Die Intersubjektivität ergebe sich nach Meinung der Anwen- der qualitativer Methoden nicht aufgrund standardisierter Methoden, „sondern aus der Anpassung der Methoden an das individuelle Forschungsobjekt sowie der Ver- ständigung und dem Verstehen zwischen Forscher und Forschungsobjekt“ (ebd.).

Im folgenden wird erläutert, wie sich die methodologischen Positionen in der quantitativen und qualitativen Forschungspraxis jeweils auswirken.

2.2 Konsequenzen für die Forschungspraxis

- Quantitative Forschungspraxis

Die Gütekriterien Objektivität, Reliabilität, Validität und Repräsentativität müssen erfüllt sein, wofür als Basis des Forschungsprozesses eine Vielzahl von Fällen benötigt wird. Dies geschieht anhand eines relativ strikten Regelgerüstes, das je- den Schritt während der Untersuchung nachvollziehbar macht. Der kritische Ratio- nalismus strebt Aussagen an, die Geltung unabhängig von Raum und Zeit bean- spruchen, sogenannte nomologische Gesetze. Der Forscher darf ausschließlich deduktiv vorgehen, d.h. aus Theorien sind Hypothesen abzuleiten und zu falsifizie- ren. Die Hypothese wird „ex ante“, also vor der Datenerhebung aufgestellt (vgl. Hoffmann-Riem 1980, 345). Ziel ist es, daß die Beobachtungsaussagen den Hypo- thesen zugeordnet und eindeutig verglichen werden können. Beobachtungen, die nicht der Falsifikation/Bewährung der Hypothese dienen, sind irrelevant. Zwischen Datenerhebung und Datenauswertung besteht strikte Trennung.

- Qualitative Forschungspraxis

Als Basis dienen der qualitativen Forschung meist wenig Fälle, weil das Vorgehen eher verstehend induktiv als deduktiv-erklärend ist (vgl. Lamnek 1988, S. 202 f.). Es sollen komplexe Sachverhalte erfaßt werden, um Einzelfallgerechtigkeit zu ge- währleisten. Die qualitativ Forschenden gehen davon aus, daß während des For- schungsprozesses neue Aspekte auftauchen und sind daher offen für unerwartete Gesichtspunkte, die den Forschungsablauf, die angewendete Methode oder sogar die Forschungsfrage umstrukturieren. Es gilt das Prinzip der Offenheit: Für Hoff- mann-Riem bedeutet das Prinzip, daß „die theoretische Strukturierung des For- schungsgegenstandes zurückgestellt wird, bis sich die Strukturierung des For- schungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat“ (1980, S. 343). Falls überhaupt Vorannahmen des Forschers über den Untersuchungsge- genstand erfolgen, sollen diese nur vorläufig sein. Diese Vorläufigkeit beschränkt sich nach Ansicht der qualitativen Forscher nicht nur auf die Annahmen, sondern ebenso auf die Ergebnisse, weil die soziale Welt im stetigen Wandel begriffen sei, womit auch die Aufstellung von Nomologien nicht möglich sei. Das Prinzip der Kommunikation bedeutet in der Praxis, daß der Forscher mit dem Forschungs- subjekt eine Kommunikationsbeziehung eingehen und „dabei das kommunikative Regelsystem des Forschungssubjekts in Geltung“ (ebd. S. 347) lassen muß. Statistische Repräsentativität wird nicht angestrebt, da auch durch die Analyse von Einzelfällen strukturierte Aussagen möglich sind, wenn die dahinterstehenden Strukturen aufgezeigt werden, wie Fuchs erklärt: „auch die Untersuchung des Ein- zelfalls dient meist nicht allein der Untersuchung des Einzelfalls, sondern will Mus- ter, generelle Strukturen, Ablaufformen, Regeln, Strukturtypen, Lösungsformen herausarbeiten.“ (1984, S. 161). Im Gegensatz zur nomologisch-analytischen Me- thode erfolgt keine starke Trennung zwischen Datenerhebung und Datenauswer- tung. Die Daten werden zuerst erweitert7, erst später wieder zusammengefaßt. Die Auswertung erfolgt unter Anwendung hermeneutischer8 Verfahren. Die traditionellen Gütekriterien Validität, Reliabilität und Objektivität sind nicht bzw. nur modifiziert verwendbar (Lamnek 1988, S. 141); an deren Stelle treten nach Kromrey (1990, S. 328) in der qualitativen Forschung häufig: Transparenz (Offen- legen von Zielen und Methoden), Stimmigkeit (Forschungsziele und Methoden müssen miteinander vereinbar sein) und Selbstkontrolle9 des Forschers (dieser darf keinen bewußt verzerrenden Einfluß nehmen).10

Qualitativ Forschende möchten „andere Wege als die gewohnten quantitativen Erhebungsmethoden wählen“, indem sie Datenmaterial gewinnen „wollen, das so nah wie möglich den Alltag der Gesellschaftsmitglieder erhebt“ (Südmersen 1983, S. 294). Diesem versucht das narrative Interview im besonderen Maße gerecht zu werden, wie im folgenden deutlich wird.11 12

3. Das narrative Interview als Beispiel für eine qualitative Methode

3.1 Forschungstheoretische Einordnung des narrativen Interviews

Im Gegensatz zum kritischen Rationalismus, der davon ausgeht, daß es unabhän- gig von den sich in der Wirklichkeit bewegenden Akteuren eine objektive soziale Realität gibt, ist die Grundannahme bei der Entwicklung des narrativen Interviews, daß die Individuen eine aktive Rolle innehaben, “die ihre Welt interpretieren und auf der Basis dieser individuellen Sinngebungsleistung handeln und so ihre gesell- schaftlichen Verhältnisse selbst produzieren.“ (Witzel 1982, S. 12). Die Methode des narrativen Interviews basiert auf den Grundlagen der interpretativen Sozialfor- schung, die die soziale Wirklichkeit nicht als Feld von vorgegebenen Objekten auffaßt, sondern als durch alltäglich-soziale Interpretation und Bedeutungszuwei- sung konstituiert. Die im Vergleich zum quantitativen Ansatz unterschiedliche Auf- fassung über die „ Kontextabhängigkeit des Sinnes “ (Wilson 1982, S. 491) verdeut- licht die Position des narrativen Interviews. Zentrales Problem in der Sozialfor- schung ist, daß der Forscher sein Symbolsystem verwendet, davon ausgehend die Beforschten teilten dieses. Ein gemeinsames Relevanzsystem für Forscher und Beforschte darf aber nicht angenommen werden, so daß der Beforschte seine Relevanzstrukturen selber offenlegen muß. Dies gilt im besonderen Maß, wenn Forscher und Beforschte aus verschiedenen Kulturen bzw. Schichten mit völlig anderen Sozialisationsprozessen kommen. Daher muß jede in einem For- schungsprozeß vom Beforschten erfahrene Aussage oder jede Beobachtung k on- textabhängig gesehen werden. Einzelaussagen müssen als Ausdruck eines zugrundeliegenden Musters betrachtet werden. Unabdingbar zwingend ist damit das bereits genannte Prinzip der Offenheit verbunden, das fordert, die Strukturie- rungsleistungen nicht vom Forscher, sondern vom Beforschten selbst erbringen zu lassen. Neben dieser Kontextabhängkeit ist besonders auch die Interaktionsbe- dingtheit individueller Bedeutungszuschreibungen ein Grund dafür, daß die Stan- dardisierung (z.B. standardisierte Fragebögen, Kategoriensystem für Beobachtun- gen) abgelehnt wird, weil so keine validen Ergebnisse erzielt werden können.13 Im folgenden wird aufgezeigt, daß sich das narrative Interview in besonderem Maße eignet, die Relevanzstrukturen der Betroffenen offen zu legen, deren Kontextab- hängigkeit zu erfassen und die Interaktionen mit der Umwelt im Erzählfluß deutlich werden zu lassen.

3.2 Der Charakter des narrativen Interviews

- beim rezeptiven Interview soll der Interviewer nur zuhören, abgesehen von nonverba-

len Ermunterungen. Das rezeptive Interview kann im Gegensatz zum narrativen Interview auch verdeckt erfolgen.

Wie oben erläutert, ist das Ziel empirischer Sozialforschung die Erhebung von Alltagswissen der Gesellschaftsmitglieder, das aber „weitgehend routinisiert ist und damit nicht als abrufbarer Wissensbestand zur Verfügung steht“ (Südmersen 1983, S. 294), weil die Gesellschaftsmitglieder aufgrund ihrer aufgeschichteten Wissens- bestände ihre Handlungen automatisch ablaufen lassen. Das narrative Interview kann die Routinen bewußt werden lassen und somit Alltagswissen hervorlocken, weil Experte für die Darstellung seiner erlebten Ereignisse und vorgenommenen Handlungen allein der Interviewte ist, der seine Erzählung nach seinem eigenen Relevanzsystem aufbaut und strukturiert. Beim narrativen Interview handelt es sich also um eine nichtstandardisierte Erhebungsform, die zur Analyse von Ereignisver- läufen, z.B. Bewältigung von Arbeitslosigkeit, aber auch zur Analyse von konflikt- haften Gruppenprozessen, Familienkonstellationen oder kollektiven Entscheidun- gen dienen kann. Der Interviewte soll nur seine selbst erlebten Erfahrungen erzäh- len. Dabei kommt es darauf an, dessen Relevanzgesichtspunkte zu erfassen. „Die Erzählungen sind zugleich retrospektive Interpretationen des Handelns“ (Lamnek 1989, S. 73). Nach Schütze „wird der Informant dazu ermutigt und darin unter- stützt, seine eigenen Erlebnisse mit sozialwissenschaftlich interessierenden le- bensgeschichtlichen, tagtäglichen, situativen und/oder kollektivhistorischen Ereig- nisabläufen, in die er selbst verwickelt war, in einer Stegreiferzählung wieder- zugeben.“ Erzählen ist hier gemeint als Kontrast zum Beschreiben und Argumen- tieren. Würde der Interviewte eine Beschreibung abgeben, würde er sich distan- ziert als Beobachter eines Sachverhalts äußern „ohne das ‚strukturierende Gerüst unmittelbarer Handlungsinteressen‘“ (Matthes 1985, S. 313). Auch beim Argumen- tieren würde der Informant aus distanzierter Sicht abstrahierend seinen Fall dar- stellen. Beschreibende oder argumentative Elemente sind also frühestens nach der Haupterzählung und einigen Nachfragen erwünscht. Wichtig ist, daß das narra- tive Interview nicht als Voruntersuchung, z.B. zur Hypothesenbildung, sondern der Haupterhebung dient (vgl Witzel 1982, S. 47), womit sich die Frage nach dem so- ziologische Erkenntnisinteresse der Erzählungen stellt.

3.3 Das soziologische Erkenntnisinteresse der Erzählungen

Man vergegenwärtige sich, daß die Soziologie als Wissenschaft darauf gegründet ist, daß es einen „soziologischen Tatbestand“ gibt. „Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch im Bereich einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt.“ (Durkheim 1961, S. 114, zit. nach Friedrichs 1990, S. 25f.). Friedrichs (1985, S. 25) meint dazu: “Ohne eine solche Annahme zerfiele die Gesellschaft in individuelles Handeln, dessen Gesetzmäßig- keit allein aus den Spezifika der Individuen, nicht aber (...) aus den Organisations- prinzipien der Gesellschaft (...) erklärbar wäre. Die Soziologie hätte als Wissen- schaft kein Objekt.“

Wie kann unter dieser zentralen Prämisse der Soziologie ein narratives Interview soziologisches Erkenntnisinteresse befriedigen? Fuchs erklärt hierzu, daß „nämlich das allgemeine nicht durch Aufsummierung, Durchschnittsbildung oder durch suk- zessive Abstraktion von den Einzelfällen gewonnen werden kann, sondern daß das Allgemeine bereits in den Einzelfällen steckt.“ (1984, S. 165). Ebenso plausibel begründet Schütze soziologisches Erkenntnisinteresse narrativer Interviews: „Er- eignisse, in die Menschen verwickelt sind, sind begleitet von sozialen und biogra- phischen Prozessen: teils erzeugen sie diese Prozesse, teils sind sie umgekehrt von ihnen hervorgerufen“ (1987, S. 42). Eine sehr wichtige Erkenntnisfunktion des narrativen Interviews ist die „Aufhellung kollektiver Veränderungsprozesse“. Schüt- ze verwendet den Begriff „abduktive Forschungslogik“, die gekennzeichnet ist „durch die fortlaufende wechselseitige Durchdringung abstrakter theoretischer Fra- gestellungen und konkreter Einzelfallanalysen (...), die zur fortlaufenden Explikati- on zugrundeliegender Muster sozialer Prozesse und ihrer Rahmenbedingungen führt“ (ebd.). Insofern kann das narrative Interview gerade soziologische Erkennt- nisse erbringen, weil es die Mikro- und Makrowelt des Erzählers erforscht. „Han- deln in alltagsweltlichen Kontexten ist ‚moralisch‘ orientiert, d.h. an ‚Universalisie- rungsmechanismen‚ die als System gemeinsamer, gesellschaftlicher Bedeutun- gen-in der Haltung des verallgemeinerten Anderen - als Ursprung und Bewahrer von Regelmechanismen dienen“ (Südmersen 1983, S. 303). Auch einzelne narrati- ve Interviews lassen also Rückschlüsse auf das gesellschaftliche System zu. Vor- aussetzung ist allerdings, daß die Methode beherrscht wird, die nachfolgend dar- gestellt wird.

3.4 Die Methode des narrativen Interviews

Für ein erfolgreiches narratives Interview müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein bzw. geschaffen werden.

Selbsterleben: Die Interviewten müssen die zu erzählenden Ereignisse selbst erlebt haben. Ein Berichten aus zweiter Hand würde beispielsweise die Zugzwänge der Erzählung nicht nach sich ziehen.

Spontanität: Der Erzählende darf nicht vorher Bescheid wissen, über welche ei- generlebten Erfahrungen er erzählen wird, damit der gesamte Erzählvorgang spon- tan fließt. Auch wenn das Erlebnis schon vorher erzählt worden ist, „wird dann aber im narrativen Interview durch die (gegenüber der ursprünglichen Erzählthematik leicht abgewandelte) ‚neuartige‘ Wahl und Aushandlung der Aspekte des Ge- schichtenthemas der Versuch gemacht, während des Erzählvorgangs die Unmit- telbarkeit der Darstellung des Erzählers zu seiner Erinnerung und Erlebnisauf- schichtung wiederherzustellen.“ (Schütze 1987, S. 237). Kalkulierte Darstellungen führen dazu, daß der Erzählfluß abgewürgt wird und der Informant sich darauf konzentriert, Analysen und Bewertungen abzugeben und damit Teile der Erfah- rungsaufschichtung nicht erwähnt, weil sie in seinen vorher zurecht gelegten Argumentationsgang nicht passen.

Vertrauensatmosphäre: es soll „eine permissive, non-autoritäre, kollegial- freundschaftliche Vertrauensatmosphäre “ (Lamnek 1989, S. 73) bestehen. Sind diese Grundvoraussetzungen erfüllt, kann das Interview wie folgt ablaufen.

3.4.1 Ablauf des narrativen Interviews

Der Interviewer muß es geschickt verstehen, den Erzählfluß des Interviewten in Gang zu setzen. Die Erzählenden müssen vorher wissen, daß sie das Sprechmo- nopol besitzen, also nicht unterbrochen werden. Der narrative Strom des Erzäh- lens soll allein durch die Zugkraft des Themas in Gang gesetzt werden. Ziel ist es, eine möglichst lange, ununterbrochene Erzählung hervorzulocken. Für den Inter- viewten muß es daher sinnvoll sein, diese Geschichte zu erzählen. Die Frage tan- giert also ein Thema, das in der Lebensgeschichte des Erzählenden von Wichtig- keit und Interesse sein muß, das mit der übergeordneten Thematik möglichst viele Bezugspunkte aufweisen muß und vor allem den Interviewten zwingt, den themati- schen Ausgangspunkt in einen größeren Kontext plausibel einzuordnen. Der Inter- viewablauf ist nach Schütze (1987) gekennzeichnet durch fünf Phasen14:

1) Aushandlungsphase

Der Interviewer legt seine Idee zur Erzählthematik vor und handelt das endgültige Thema in „verständnisvoller Abstimmung“ mit dem Interviewten aus. Besonderer Bedeutung kommt der erzählgenerienden Eingangsfrage zu, ohne die die Zug- zwänge der Erzählung nicht entstehen können. Der Forscher erklärt den Sinn des Interviews und den Interviewablauf. Das einleitende Thema soll allerdings ein harmloses sein, das nicht mit Ängsten seitens des Interviewten besetzt ist, mit dem Hintergedanken, daß das Thema in einen größeren Gesamtzusammenhang ge- hört, indem dann der Erzählende automatisch peinliches etc. zur Sprache bringt. Dieser „Trickhaftigkeit“, die der Interviewte durchschauen könnte, soll dadurch begegnet werden, daß der interessierende Gesamtrahmen in dieser Phase ange- sprochen wird (vgl. Witzel 1982, S. 48). Der Interviewer muß dem Informanten das Gefühl geben, daß er großes Interesse an dessen Lebenswelt hat, die im Sinne des Interviewten erforscht werden soll. In dieser Phase werden auch die Regeln und die Rollen der an der Interviewsituation Beteiligten geklärt.

2) Monologische Ausfaltung der Anfangserzählung

In dieser Phase hält der Interviewte einen Monolog, indem er seine autobiographi- sche Haupterzählung wiedergibt. Das bedeutet absolute Nichteinmischung seitens des Interviewers. Allerdings unterstützt der Forscher die Erzählung, in dem er aufmerksam zuhört „und mit der Erzähldarstellung einfühlend mitgeht.“ (Schütze 1987, S. 239). Nonverbale unterstützende Kommunikation, wie Kopfnicken, und verbale Kommentare, wie „hm“ oder „das war schlimm“, sind erlaubt. Eine thematische Intervention ist aber bis zum natürlichen Ende der Geschichte, das der Informant selbst festsetzt (z.B. „das war’s dann“), untersagt.

3) Narratives Nachfragen

Sofern der Erzähler in der Anfangserzählung weitere Aspekte bzw. Hintergrundge- schehnisse angedeutet hat, oder der Forscher über andere Informanten Hinweise zu bestimmen Aspekten erhalten hat, die in der Haupterzählung nicht erkennbar auftauchten, stellt der Interviewer zu diesen Aspekten Fragen, die wiederum ge- eignet sind, das Erzählen weiterer Teilgeschichten auszulösen. So werden bei- spielsweise wieder abgebrochene Erzähllinien und Stellen mangelnder Plausibilität angesprochen. Das zusätzliche Erzählpotential wird also in dieser Phase ausge- schöpft, allerdings ausschließlich durch Fragen, die faktische Ereignisabläufe be- treffen (Wie- und was-geschah-dann-Fragen). In dieser Phase gestellte Fragen nach der Meinung (Warum-Fragen) würden die Rekonstruktion faktischer Hand- lungsabläufe verzerren. Der Informant würde dann nämlich versuchen, abstrahie- render seine Erzählung darzustellen, mehr theoretische Erklärungen einflies-sen zu lassen und seine Handlungsorientierungen zu legitimieren.15

Sofern vorab Dokumente zu dem Erzählthema analysiert werden konnten oder frühere Interviews bestehen, wird daraus eine „systematische Frage- und Erzählfo- lie“ (Witzel 1982, S. 48) gebildet, aus der erkennbar wird, wenn interessante The- men vom Informanten ausgelassen wurden oder widersprüchlich sind und somit zu Nachfragen Anlaß geben.

4) Beschreibungsnachfragen nach sozialen Rahmen

Der Interviewer bittet den Informanten in dieser Phase, die in seiner Geschichte beteiligten Akteure zu charakterisieren sowie die sozialen Rahmen (Situationen, Milieus, soziale Welten), in denen sich seine Ereignisse abgespielt haben, abstrakt zu beschreiben. Der Forscher macht „in der Interview-kommunikation den Infor- manten in einer gemeinsamen Orientierung an der höhersymbolischen (...) Sinn- welt der Sozialwissenschaften zum zeitweiligen Mitarbeiter wissenschaftlicher For- schung“ (Schütze 1987, S. 261).

5) Argumentative Nachfragen zu den Eigentheorien des Erzählers

In der Haupterzählung tauchen in der Regel wiederholt eigentheoretische Kom- mentare auf, die der Forscher aufgreift. Ziel ist es, die Systematik der Eigentheo- rien des Erzählers und evt. Widersprüche innerhalb seiner bewertenden Stellung- nahmen zu entfalten. Es handelt sich hierbei um einen Dialog zwischen Forscher und Beforschtem. „Es geht nunmehr um die Nutzung der Erklärungs- und Abstrak- tionsfähigkeit des Informanten als Experten und Theoretiker seiner selbst.“ (Schüt- ze 1983, S. 285).

3.4.2 Zugzwänge der Erzählung

Von der erzählgenerierenden Eingangsfrage hängt es „weitgehend ab, ob der n- formant in die ‚Zugzwänge‘ der Erzählung verwickelt wird“ (Hoffmann-Riem 1980, S. 360), die ein zentrales Argument für die Validität des narrativen Interviews dar- stellen. Der Interviewte muß sich aufgrund der vom Interviewer geschaffenen Er- zählsituation seinem „narrativen Strom des Nacherlebens seiner Erfahrungen“ (Schütze 1984, S. 78) überlassen. Notwendigerweise ergeben sich aus dem narra- tiven Strom Zugzwänge16 des Erzählens, die zum einen durch die vom Interviewer arrangierte Erzählsituation als auch vom Interviewer in seiner Zuhörfunktion zwangsläufig hervorgerufen werden. Um die Verständlichkeit der Erzählung nicht leiden zu lassen, müssen die Erzählenden im Verlauf ihrer Erlebensgeschichte gezwungenermaßen mehr Informationen von sich geben als sie zunächst beab- sichtigt hatten, bewirkt durch nachfolgend dargestellte Zugzwänge.

Gestaltschließungszwang: Der Gestaltschließungszwang übt im Grunde auf zwei Arten Druck aus. Zum einen fühlt sich der Interviewte angesichts seines Zuhörers verpflichtet, die Stegreiferzählung zu einem Abschluß zu bringen und nichts zu diesem erlebten Thema offen zu lassen. Zum anderen besteht der Druck, den Ge- samtzusammenhang der erlebten Geschichte dadurch verständlich zu machen, daß „alle Teilereigniszusammenhänge, die für den damaligen Ereigniszusammen- hang wichtig waren, zur Darstellung kommen.“ (Bude 1985, S. 330).

Kondensierungszwang: Der Interviewte sieht sich veranlaßt, den Höhepunkt seiner Geschichte herauszuarbeiten, indem er die nach seinen Relevanzkriterien wesentlichen Bestandteile der Ereignisse und deren Folgen darstellt. Auf diese Art führt sich der Erzählende auch seine damalige Intention, Motivation und Bewertung seiner Handlungen vor Augen.

Detaillierungszwang: Zur besseren Klarstellung des Höhepunktes gibt der Narra- teur Einzelereignisse noch detaillierter wieder und ordnet sie genau in der Reihen- folge an, wie er sie tatsächlich erlebt hat. Wichtig ist die Verknüpfung der erlebten Einzelereignisse. „Der Erzähler muß jeweils zu einer indexikalischen Äußerung eine Erklärung abgeben“ (Lamnek 1989, S. 72). Der Zwang zur Detaillierung ergibt sich also insbesondere dort, wo der kausale Zusammenhang bzw. Übergang von einem Ereignis zum anderen unverständlich wäre (vgl. Witzel 1982, S. 47). Auch hierdurch will der Erzählende die Intentionen der damals am Geschehen Beteilig- ten verdeutlichen. Nicht nur seine innere Befindlichkeit soll klargestellt werden, sondern auch die „mutmaßlichen Perspektiven der damaligen Interaktionspartner“ Berücksichtigung finden (Schütze 1987, S. 122).

Zusammenwirken des dreifachen Zugzwanges: Ereignisse, die beim Interview- ten Schuld- oder Schamgefühle erweckt haben, oder die zu sehr verdeutlichen, daß der Erzähler damals allein seine Interessen verwirklichen wollte, können auf- grund des Zusammenwirkens der drei Zugzwänge nicht ausgelassen werden. Das gleiche gilt für die erlebten Teilgeschichten, die normalerweise einfach vergessen werden, um sich oder andere zu schützen, weil mit gesellschaftlichen Konsequen- zen gerechnet werden müßte. „An den Stellen des Verlassens des Erzählschemas kommen ‚Stümpfe der Erfahrung‘ von Ereignissen und Entwicklungen zum Aus- druck, die vom Erzähler ausgeblendet, verdrängt, verleugnet oder jedenfalls von sekundären Legitimationen verdeckt werden sollen.“ (Bude 1985, S. 330). Dies drückt sich aus in „Diskrepanzen der Erzähldarstellung und in perspektivischen Beschränkungen der Sichtweise der Darstellung“ (Schütze, 1987, S. 95), die sich beim Zuhörer auch in Verständnisschwierigkeiten äußert.

3.4.3 Vorgehen bei der Analyse der Erzählung

Schütze (1983, S. 286 - 288) sieht folgende Analyseschritte vor:

Die formale Textanalyse dient der Elimination aller nicht-narrativer Passagen und der Segmentierung des Textes in seine formalen Abschnitte.

Als nächstes erfolgt die strukturelle inhaltliche Beschreibung der Segmente, die durch Rahmenschaltelemente voneinander abgegrenzt sind. Zur Interpretation werden beispielsweise Verzögerungspausen, plötzliches Absinken des Narrativitätsgrades oder Selbstkorrekturen herangezogen.

Der dritte Analyseschritt beinhaltet die analytische Abstraktion, d.h. die Auswertung erfolgt losgelöst von den einzelnen Lebensabschnitten, um die damaligen und gegenwärtigen Prozeßstrukturen zu ermitteln.

Im vierten Auswertungsschritt, der sog. Wissensanalyse, werden eigentheoretische Aussagen auf ihre Funktion untersucht, ob sie z.B. der Orientierung, Legitimation oder Verdrängung dienten.

Als fünfter Schritt wird ein kontrastiver Vergleich unterschiedlicher Interviewertexte vorgenommen, um von den Besonderheiten des Einzelfalles zu abstrahieren. Zunächst wird der andere Interviewtext nach der Strategie des minimalen Vergleichs ausgewählt, d.h. die beiden Interviewtexte sind sich sehr ähnlich, z.B. Berufsberatung zweier Internatsschüler aus ärmlichen Verhältnissen. Nach der folgenden Strategie des maximalen Vergleichs werden Interviewtexte desselben Themenkreises, aber höchst unterschiedlichen Personenkreises, z.B. Berufsberatung für Internatsschüler einer Eliteschule, ausgewählt.

Im sechsten Analyseschritt werden anhand der Konstruktion eines theoretischen Modells die Wechselwirkungen der eruierten biographischen Prozesse und ihre Folgen für die biographische Gesamtformung erforscht.

Schütze skizziert drei Analysemöglichkeiten autobiographisch-narrativer Interviews (1983, S. 292 f.). Erstens können elementare Prozeßstrukturen des Lebensablau- fes herausgearbeitet werden, indem aufgrund der Strategie des minimalen Ver- gleichs anhand zweier (oder mehrerer) Interviewtexte Kategorien für Verlaufskur- ven ermittelt werden.

Zweitens kann im Mittelpunkt des soziologischen Interesses die Auswirkung eines speziellen sozialen Prozesses auf den Lebensablauf stehen, z.B. die Folgen institutionalisierter Berufsberatung auf den Lebenslauf, wobei hier weitere Interviewtexte sowohl nach der Strategie des minimalen als auch des maximalen Vergleichs herangezogen werden müßten.

Drittens könnte eine biographische Beratung des Interviewten erfolgen, wobei letz- teres weniger soziologischem als vielmehr psychologischem Interesse zuzuordnen ist.

Riemann geht bei der Analyse des Interviews nur von zwei Untersuchungsschrit- ten aus. Die erste Phase nennt er Sequenzanalyse. Die formale Text-analyse stellt fest, wo die Erzählung beginnt und aufhört, welche Textpassagen eindeutig narra- tiv sind und welche nicht. Die Erzählung wird in abgeschlossene „Darstellungsein- heiten“ (Riemann 1987, S. 55) zerlegt. Diese Sequenzen des transkribierten Tex- tes werden strukturell beschrieben und gleichzeitig inhaltlich examiniert. Die bio- graphischen und sonstigen sozialen Prozesse sollen so genau wie möglich erfaßt werden.

Die zweite Phase wird als analytische Abstraktion bezeichnet. Die in der ersten Phase gefundenen inhaltlichen Ergebnisse werden abstrahiert und mit Fachbegrif- fen belegt. Hier soll „in größerer Distanz die Lebensgeschichte in ihrer Gesamtheit und die Eigentheorie des Erzählers über sich“ (Riemann 1987, S. 59) ermittelt werden. Diese Ergebnisse ermöglichen später den kontrastiven Vergleich ver- schiedener Erzählungen und somit die Gewinnung allgemeiner Aussagen, d.h. keine einzelfallbetreffende, sondern eine Kollektive betreffende Aussage.

3.5 Kritische Würdigung

Beim narrativen Interview muß sich der Interviewer einige Probleme bewußt ma- chen, die mit dieser Forschungsmethode verbunden sind. Alle erzählanalytischen Forschungsmethoden bauen darauf auf, daß sowohl Interviewer als auch Inter- viewter vom gleichen Zeitverständnis ausgehen. Aber selbst bei gemeinsamem Sozialisationshintergrund erfolgt „die konkrete Strukturierung von Zeit jeweils inter- aktiv und kontextuell“ (Matthes 1985, S. 317). Wenn der Forscher die Indexikalität des zeitlichen Bezuges unberücksichtigt läßt oder bei der Analyse des Interviews nicht erkennt, daß die Zeit beim Forscher und Beforschten unterschiedlich ge- handhabt wurde, kann dies die Validität des Ergebnisses erheblich beeinträchti- gen.

Das Zeitproblem ist nur eines der vielen Unwägbarkeiten, die sich ergeben, wenn das narrartive Interview in der interkulturellen Forschung eingesetzt wird. Die Ge- fahr des unterschiedlichen Zeitbegriffes und Zeitbezuges verschärft sich hier um ein Vielfaches.

Da das narrative Interview wie alle rekonstruktiven Verfahren versucht, „die über die Bedeutungszuschreibungen der Forschungssubjekte dem Forschungsgegenstand inhärente lebensweltliche Struktur zu rekonstruieren“ (Matthes 1985, S. 311), ist es in nicht-westlichen Kulturen ungleich problematischer mit Hilfe des narrativen Interviews die Bedeutungszuschreibungen erfassen zu wollen.

Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problem ist es, daß mit dem Begriff „Erzäh- len“ interkulturell unterschiedliche Bedeutungen verbunden sind. Bestimmte The- men können in andern Kulturen gar nicht erzählt werden, weil per Sozialisation dieses Thema als zu Erzählendes gar nicht in Betracht kommt. Darüber hinaus kann in anderen Kulturen die Möglichkeit bestehen, daß nur bestimmte Personen zum „Erzähler“ auserkoren sind, also bestimmte Interviewte gar keine Erzählkom- petenz besitzen bzw. bestimmte Abfolgen von Ereignissen nur bestimmte Perso- nen in dieser Kultur erzählen dürfen. Unter Umständen sind Geschichten nicht unterscheidbar in Direkt-erzählung und Erzählung aus zweiter Hand, weil die ande- re Kultur diese westliche Unterscheidung nicht kennt „aus Gründen der unter- schiedlichen kulturellen Organisation von Wirklichkeiten“ (Matthes 1985, S. 315).

Im Gegensatz zu Schütze und Matthes17 (1985, S. 314f.) bin ich nicht der Mei- nung, daß in westlichen Kulturen aufgrund der Sozialisation jedes durchschnittliche Individuum die Fähigkeit besitzt, eigene Erfahrungen sozialer Ereignisse retrospek- tiv zu verarbeiten und kommunikativ darzubieten. Zum einen kann die Fähigkeit verschüttet sein oder die kindliche Früherziehung Erzählströme unterbunden ha- ben. Witzel ist ähnlich skeptisch, wenn er bezweifelt, „daß ‚durchschnittliche‘ Indi- viduen, die nicht in gleicher Weise wie Politiker berufsmäßig Selbstdarstellung leisten können, überhaupt eine längere Haupterzählung zu Wege bringen“ (1982, S. 50). Auch wenn sich bei der Transkription zeigt, daß zu einem bestimmten Punkt noch etwas offen ist, heißt das nicht, daß durch entsprechendes Nachfragen das, was der Informant wirklich ausdrücken wollte, er auch ausdrücken kann. Bude kritisiert, daß der soziologische Narrativismus „das Problem der Fiktionalität von Erzählungen nicht zu sehen“ scheint (1985, S. 332). Die Methode des narrati- ven Interviews geht von einer Homologie von „Erzählkonstitution und Erfahrungs- konstitution“ aus. So wie etwas erlebt wird, wird es auch erzählt. Es wäre jedoch auch möglich, daß der Erzähler eine plausible Geschichte „in Ansehung der Man- nigfaltigkeit der lebensgeschichtlichen Ereignisse“ darstellt (ebd.). Eine andere Möglichkeit wäre, daß die Erzählung nicht eine abbildgetreue Rekapitulation der vergangenen Erfahrung ist, was die Methode des narrativen Interviews voraus- setzt, sondern eine „Rekomposition einer Geschichte“ aus anderen Geschichten, die man für seinen Lebenszusammenhang als zentral erachtet.

Als weiteren Kritikpunkt führt Bude an, daß es „neurotische Erzähler“ gibt, dessen Geschichten allein der Selbsterhaltung dienen (1985, S. 333) und völlig leer, d.h. abgedichtet gegenüber Erfahrung, sind. Fehler im Sinne der formalen Narrationspragmatik kann der Forscher beim neurotischen Informanten nicht erkennen. In diesem Fall werden also keine Erfahrungen berichtet und damit eine Grundvoraussetzung des narrativen Interviews nicht erfüllt.

Darüber hinaus gibt es intensive Erfahrungen, die man nicht erzählen kann. Es gibt Wünsche, Bedürfnisse, bildhafte Vorstellungen, die man nicht artikulieren kann oder Erfahrungen, die mit Begriffen verbunden sind, die man selbst noch nicht entschlüsselt hat, so daß sie einer Kommunikation nicht zugänglich sind. Es ist auch fraglich, ob anhand des protokollierten Interviewtextes wirklich entscheidbar ist, ob eine Äußerung „die ‚primäre‘ Erfahrung“ oder „die ‚sekundäre‘ Deutung“ (Bude 1985, S. 335) darstellt.

Eine der Prämissen des narrativen Interviews erscheint mir auch problematisch, nämlich nur die Relevanzstrukturen und das Symbolsystem des Interviewten zu verwenden, ohne daß der Forscher seine eigenen Relevanzgesichtspunkte und sein eigenes Symbolsystem in die Waagschale wirft. Gerade das narrative Nach- fragen birgt die Gefahr, daß diese Nachfragen aufgrund des Symbolsystems und der Relevanzstrukturen des Forschers notwendig werden, weil die „Erzählung miß- lingt, wenn nicht z.B. die Idealisierung von der ‚Kongruenz der Relevanzsysteme‘ in Kraft tritt“ (Hoffmann-Riem 1980, S. 359). Die Gefahr ist auch groß, daß die Er- zählung „eine allgemeine, nicht subjektiv bezogene Sachverhaltsdarstellung“ (ebd.) wird, wenn der Interviewer dem Erzähler nicht ständig klar legen kann, daß er des- sen Typisierung nachvollzieht.

Es scheint aber in den Fällen, in denen wirklich Erfahrungsaufschichtungen erzählt werden, das narrative Interview eine wirkungsvolle Methode, komplexe Sachver- halte und ihre Einbettung in allgemeine Strukturen zu erfassen, weil die Relevanz- gesichtspunkte hier am ehesten unter „weitgehender Zurücknahme des Forscher- einflusses zur Geltung“ (Hoffmann-Riem 1980, S. 359) gebracht werden.

4. Zusammenfassung

Die Kontroverse „quantitative versus qualitative Forschung“ ist noch nicht über- wunden. „Die interpretative Sozialforschung (...) wird in der traditionellen Sozialfor- schung voraussichtlich nur als Exploration Anerkennung finden“ (Hoffmann-Riem 1980, S. 353).

Problematisch erscheint beim narrativen Interview, daß der durchführende For- scher sehr kompetent sein muß und daß hier noch mehr als bei allen anderen In- terviewarten das Forschungsergebnis steht und fällt mit den Fähigkeiten des Inter- viewers. Nicht etwa nur die Steuerung des Interviewverlaufs bedarf umfassender theoretischer Kenntnisse und praktischer Erfahrungen, sondern gerade auch die Analyse der Erzählung. Auf der anderen Seite scheint kein adäquateres For- schungsmittel vorhanden, gerade aufgrund der Zugzwänge der Erzählung, zur Erfassung komplexer Lebenszusammenhänge und deren Einbettung in gesamtge- sellschaftliche Wirkmechanismen dem Interviewten seine Relevanzstrukturen zu entlocken und so valide Ergebnisse zu erzielen.

Literaturverzeichnis

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23. Schütze, F. (1987): Das narrative Interview in Interaktionsfeldstudien I. Fern- Universität, Hagen
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26. Witzel, A. (1982): Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Frankfurt

[...]


1 Lautmann (1998) nennt dies „Quali-quanti-Debatte“ (S. 39).

2 Wilson (1982) versucht zu belegen, daß es in der Forschungspraxis einen integrativen Forschungsansatz gebe, der drei Grundüberlegungen beinhalte. Erstens gebe es keine privi- legierte Methode, an der andere Methoden zu messen wären. Bei der Beurteilung von For- schungsarbeiten werde oft fälschlicherweis davon ausgegangen, daß mit der richtigen Me- thode schon brauchbare Ergebnisse erzielt werden. Zweitens besäßen qualitative sowie quantitative Methoden ihre geeigneten Anwendungsbereiche. Drittens würden „sich die Sozialwisenschaftler in der Forschungspraxis des Zusammenspiels quantitativer und quali- tativer Analysen bedienen“ (S. 504), weil quantitative Untersuchungen die Strukturen situa- tiver Handlungen und deren Häufigkeitsverteilungen offen legten, während qualitative Forschungsarbeiten die konkreten sozialen Vorgänge hervorheben, die durch bestimmte Strukturen situativer Handlungen bedingt seien. Ein Hauptstreitpunkt wird damit aber nicht gelöst, daß nämlich die qualitativ Forschenden behaupten, nicht einmal die Strukturen situ- ativer Handlungen könnten durch quantitative Forschungsansätze erfaßt werden.

3 Das Kapitel 2 erhebt nicht den Anspruch einer abschließenden, alles umfassenden Analy- se. Vielmehr werden exemplarisch Positionen der Kontrahenten (vgl. Lamnek 1988, S. 201 - 228), einige wichtige Kritikpunkte (vgl. ebd. S. 6 - 20) und Auswirkungen dargestellt Zu berücksichtigen ist, daß es sich im folgenden um eine idealtypische Gegenüberstellung handelt, damit die Hauptgegensätze verständlich werden. In der Praxis sind die Differenzen zwischen den quantitativen und qualitativen Positionen meist weniger eindeutig.

4 Stellvertretend für die quantitative Position wird der Kritische Rationalismus herangezo- gen (nach Popper 1971). Es handelt sich dabei um einen nomologisch-analytischen Ansatz. Nomologisch-analytische Ansätze sind z.B. auch der Empirismus, logische Empirismus, (Neo-) Positivismus, Fallibilismus und Falsifikationismus (vgl. Kromrey 1990, S. 28).

5 Die Bezeichnung „qualitativ“ fungiert hier als Sammelbegriff, „dem sich oft recht unter- schiedliche grundlagentheoretische Positionen und Verfahren der empirischen Forschung zuordnen lassen“ (Lamnek 1988, S. 30). Auch das interpretative Paradigma, auf das hier immer wieder Bezug genommen wird, ist durch eine große Heterogenität gekennzeichnet. Das theoretische und methodologische Gerüst für die interpretative Sozialforschung bilden der Symbolische Interaktionismus, die Ethnomethodologie und die Phänomenologie.

6 Die qualitative Sozialforschung ist aber keineswegs einig bezüglich des Erkenntniszieles wissenschaftlicher Forschung. Die Kritische Theorie beispielsweise sieht als Erkenntnisziel die Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge und deren kritische Beurteilung. Sie prüft außerdem, wann die theoretischen Aussagen invariante Gesetzmäßigkeiten des sozialen Handelns überhaupt oder wann sie ideologisch festgefrorene, im Prinzip aber veränderliche Abhängigkeitsverhältnisse erfassen (Kromrey 1990, S. 299). Die Aktionsforschung wiederum dient der Veränderung gesellschaftlicher Realität, greift also mit dem Forschungsprozeß direkt in die Wirklichkeit ein. Hingegen sind Erkenntnisziele des interpretativen Paradigmas alltägliche Sinngebungsprozesse, die interpretativ zu rekonstruieren sind, zunächst ohne Systemkritik oder Anspruch auf Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse.

7 Ein Beispiel für eine Datenerweiterung wäre es, wenn eine Aussage zunächst verschiedene Deutungen offen ließe. Die unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten würden erfaßt und später nach genauerer Retrospektive wieder reduziert.

8 Die Hermeneutik geht interpretativ vor. Die Bedeutung eines Textes, ebenso eines Inter- views, soll aus seiner Zeit heraus, zu der der Text bzw. das Interview entstand, unter Be- rücksichtigung von Situation, Motivation und Intention seines Verfassers verstanden wer- den.

9 Die Aktionsforschung, die von manchen Autoren weder als quantitativer noch als qualita- tiver Ansatz, sondern als weiterer Ansatz gesehen wird, geht allerdings bewußt von einer Aufhebung der Trennung zwischen Wissenschaftlern und Beforschten aus, die Distanz als Experte wird aufgeben.

10 Lamnek verwendet die Begriffe „Stimmigkeit statt Reliabilität“, „Offenheit statt Vari- ablenkontrolle“ und „Diskurs statt Intersubjektivität“ (1988, S. 165, vgl. seine ausführliche Darstellung der Gütekriterien in der qualitativen Forschung ebd. S. 140 - 176).

11 Andere qualitative Interviews sind (vgl. Lamnek 1989, S. 70 - 90):
- das problemzentrierte Interview, in dem Elemente des leitfadenorientierten Inter- views und des narrativen Interviews verbunden werden. Die Problemstellungen sollen von den Befragten weitgehend selbst, erzählend, in den von ihnen gesehenen Zusam- menhängen entwickelt werden. Durch Verständnis- oder auch Konfrontationsfragen wird allerdings der narrative Fluß zum besseren Verständnis beim Interviewer unter- brochen.
- das biographische Interview dient der Erhebung der Lebensgeschichte. Auch hier kann wie beim narrativen Interview allein der narrative Stimulus verwendet werden, aber andererseits auch ein fester Leitfaden. Es geht nicht um eine bestimmte Interviewmethode, sondern um die Rekonstruktion der Lebensgeschichte.
- das fokussierte Interview dient dem Entwickeln und Überprüfen von Hypothesen, ausgehend von einer realen Feldsituation, die die Befragten erlebt haben. Es existiert ein Leitfaden zur Ermittlung der verbal reproduzierten Reaktionen der Betroffenen.
- das Tiefeninterview besteht aus alltagsweltlichen Fragen und Antworten zur Ermitt- lung von (unbewußten) Bedeutungsstrukturierungen aufgrund theoretischer Vorstel- lungen des Forschers, womit das Prinzip der Offenheit nicht mehr eingehalten wird.

12 Die qualitative Feldforschungsmethode des narrativen Interviews hat Schütze während der Erforschung von Gemeindemachtstrukturen entwickelt (Witzel 1982, S. 47).

13 Der auf Blumer zurückgehende Begriff des symbolischen Interaktionismus erfordert es, das Individuum aktiv und dynamisch und nicht passiv und determiniert zu sehen. Zu den drei Prämissen Blumers vgl. 1973, S. 81ff.

14 Bude 1985, S. 328, spricht lediglich von 3 Phasen: Die Aushandlungsphase bezeichnet er als erzählgenerienden Impuls, der sodann die erste o.g. Phase auslöst. Den o.g. vierten und fünften Teil faßt er zusammen zur Phase der „eigentätigen Bilanzierung des Erzählers“. Auch Schütze selbst spricht nicht direkt von 5 Phasen. Diese Einteilung läßt sich jedoch insbesondere ableiten aus seinen Darstellungen 1987, S. 238 - 240.

15 Witzel (1982, S. 49) setzt sich kritisch damit auseinander, daß die „Was-geschah-dann- Fragen“ vor den „Warum-Fragen“ gestellt werden. Das narrative Interview sei forschungs- theoretisch dem interpretativen Paradigma zuzuordnen. Die interpretative Sozialforschung gehe von der strukturkonstituierenden Qualität von Werturteilen aus. Der Verzicht auf theoretische Nachfragen laufe diesem Anspruch zuwider. Die Begründung Schützes, daß in dieser Phase zu früh verzerrende Darstellungen entstünden, hält Witzel für nicht ausrei- chend. Schütze selbst erklärt, daß sich schon während der Anfangserzählung unterschiedli- che Darstellungsformen mischten und an Stellen mangelnder Detaillierung und Plausibilität theoretische Einlassungen niederschlügen „in Stockungen des Darstellungsflusses, in de- monstrativen Vagheiten und/oder in Versuchen der Abgabe der Rederolle“ (Schütze 1987, S. 44). Damit liegen nach Meinung Witzels auch zu diesem Zeitpunkt schon Verzerrungen vor, die durch Warum-Fragen hinterfragt werden könnten. Die Kritik Witzels halte ich nicht für ganz gerechtfertigt, da Schütze in dieser Phase noch das letzte Erzählpotential abschöpfen will. Warum-Fragen fordern aber Legitimationsargumente geradezu heraus, so daß der narrative Strom dadurch alsbald versiegen würde. Würde man zuerst theoretische Warum-, später narrative Wie-Fragen stellen, bestünde die Gefahr, „daß narrative Darstellungen zu stark von den zuvor explizierten theoretischen Einsichten überlagert oder zurückgedrängt worden wären“ (Riemann 1987, S. 50).

16 Vgl. Bude 1985, S. 330 und Riemann 1987, S. 24 ff.

17 Zumindest für nicht-westliche Kulturen sieht aber auch Matthes das Problem evt. fehlender Erzählfähigkeiten.

20 von 21 Seiten

Details

Titel
Das narrative Interview und seine forschungstheoretische Einordnung im Rahmen der Kontroverse quantitative versus qualitative Sozialforschung
Veranstaltung
Nebenfach Soziologie im Teilgebiet 2 "Methoden der Sozialforschung"
Autor
Jahr
1998
Seiten
21
Katalognummer
V96410
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interview, Einordnung, Rahmen, Kontroverse, Sozialforschung, Nebenfach, Soziologie, Teilgebiet, Methoden
Arbeit zitieren
Stefanie Ammon (Autor), 1998, Das narrative Interview und seine forschungstheoretische Einordnung im Rahmen der Kontroverse quantitative versus qualitative Sozialforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96410

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