Frauensprache - Männersprache


Seminararbeit, 1999
17 Seiten, Note: gut

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Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entwicklung der Hypothesen zur Frauensprache
2.1 Defizithypothese
2.2 Differenzhypothese
2.3 Code-switching-Hypothese

3 Geschlechtspezifisches Sprechverhalten
3.1 Wie sprechen Frauen ?
3.2 Wie sprechen Männer ?

4 Unterdrückung durch Sprache
4.1 Sexismus in der Sprache
4.2 Lösungsvorschläge

5 Wandel in der Sprache

6 Sprache in Beziehungen
6.1 Sprachebenen
6.2 Sprachwelten

7 Schlußbetrachtung

Fremdwortverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Frauen und Männer unterscheidet das Geschlecht, die Kleidung, der Gang, die Stimme und noch vieles mehr. Das wirft folgende Frage auf:

Wie ist es mit der Sprache ?

Sprechen Frauen anders als Männer ?

Die Anfänge der feministischen Sprachwissenschaft liegen in den USA der siebziger Jahre. In der BRD hielt im Wintersemester 1974/75 Ingrid Guentherodt erstmals ein Hauptseminar zu ,,Rollenverhalten der Frau und Sprache". Vorreiterinnen in der BRD waren die Feministinnen Senta Trömmel- Plötz und Luise F. Pusch. Letztere war es auch, die Ende der siebziger Jahre den Begriff der „ Feministischen Linguistik “ prägte. Für Senta Trömmel-Plötz war die Geburtsstunde der feministischen Sprachwissenschaft der Moment, „als bestimmte Feministinnen einen Blick auf ihr eigenes Fachgebiet warfen oder eher, als bestimmte Linguistinnen feministische Ideen auf ihre eigene Wissenschaft angewendeten. Zwei Interessen stießen zusammen.

Die Entscheidende Triebkraft für die Beschäftigung mit weiblicher Sprache war die neue Frauenbewegung. Diese entstand aus der 68er Studentenbewegung, denn dort wurde nicht nur über Politik sondern auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander diskutiert und analysiert. Die Frauen wollten es nicht länger hinnehmen, daß sie zwar Flugblätter tippen, während der Diskussionsrunden Kaffee kochen und die Kinder betreuen duften, beim politischen Diskurs und bei Visionen zu einer Umgestaltung der Gesellschaft aber weitestgehend ausgeschlossen wurden. In dieser Zeit gründeten sich politische Frauengruppen und es entstanden viele Frauenzentren. Die Frauen stellten fest das die sprachlichen Ausdrucksmittel von männlichem Denken und Empfinden geprägt waren.

Um das zu ändern und der Weiblichkeit auch in der Sprache Ausdruck zu verleihen, wurde eine Veränderung in der Sprache und im Sprechen angestrebt.

Das Argument zu dieser Zeit bestand darin, daß das vom allgemeinen (allgemein = > männlich) Sprechen abweichende weibliche Sprechen defizitär sei. Durch die feministischen Linguistikerinnen wurde das weibliche Sprechen aber als positiv deklariert. Also nicht als mangelhaft gegenüber dem männlichen Sprechen, sondern als das andere Sprechen im Sinne von Differenz zum männlichen Sprechen.

Ist es für Männer meistens oberste Prämisse Informationen zu vermitteln, so ist es für Frauen wichtig einen emotionalen Bezug zu ihren GesprächspartnerInnen herzustellen und eine positive Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Das miteinander Sprechen und vor allem das gegenseitige richtige Verstehen ist mit gleichgeschlechtlichen GesprächspartnerInnen somit unbelasteter. Man spricht ja die „gleiche Sprache“. Kommen nun aber ein Mann und eine Frau im Berufs-, Alltags-, Privat- oder Eheleben in eine Gesprächssituation, dann gibt es nicht selten Mißverständnisse bzw. erstaunliche Unterschiede zwischen dem was mit dem Gesagten ausgedrückt werden sollte und dem was verstanden wurde. ( siehe Punkt 6.2.)

2. Entwicklung der Hypothesen zur Frauensprache

2.1. Defizithypothese

Der Gedanke, daß es eine spezifisch weibliche Sprache geben könnte, geht nicht auf die Frauenbewegung zurück, sondern wurde nur von ihr aufgegriffen. Seine Ursprünge liegen in den Reiseberichten aus den letzten Jahrhunderten und in der anthropologisch-ethnologischen Forschung.

Zwei Vertreter der älteren Beschreibung von „ Frauensprache “ waren Mauthner und Jespersen. Während Mauthner sich mit dem Gesprächsverhalten von Frauen auseinandersetzt (1921), beschäftigte sich Jespersen mit Wortschatz und Syntax (1922). Mauthner sieht die Unterschiede im Sprechen zwischen Mann und Frau in sozialen Belangen wie Bildung und Stand begründet. Für ihn sind Frauen nicht in der Lage Männersprache zu erlernen. Jespersen geht in seinen Hypothesen davon aus, daß Frauen z.B. unvollständige Sätze bilden da sie auch ihre Gedanken unvollständig ausführen. Männer sprechen danach häufiger in einem Satzgefüge von Haupt- und Nebensatz (Unterordnung), Frauen jedoch in Satz- verbindungen (Beiordnung/Nebenordnung von Sätzen).Weiterhin stellt er fest, das Frauen redegewandter als Männer sind, weil ihr Wortschatz geringer ist. Sowohl Mauther als auch Jespersen gehen davon aus, daß Frauensprache keine eigenständige Sprache ist, sondern eine minderwertige Abwandlung der Männersprache. Damit sind beide eindeutige Vertreter der Defizithypothese.

2.2. Differenzhypothese

Die Differenzhypothese geht von der Andersartigkeit der weiblichen Sprache aus, ohne dieses „anders sein“ negativ zu bewerten. Außerdem wird festgestellt, daß die Frauensprache angemessen sei und als Variante der Männersprache nicht weiterentwickelt werden muß. Frauen sollten im Gegensatz dazu ihre eigene Sprache entwickeln. Es wird strikt abgelehnt einen Vorteil darin zu sehen Männersprache zu imitieren. Als Ursache der verschiedenen Sprachen wird der kulturelle Unterschied zwischen der Männerwelt und der Frauenwelt gesehen.

2.3. Code-switching-Hypothese

Hier wird weder von einem Mangel noch von der einfachen Andersartigkeit der weiblichen Sprechweise ausgegangen. Diese Hypothese behauptet, daß Frauen je nach Situation von einer in die andere Sprache wechseln.

Das heißt von der Frauensprache in die Männersprache oder umgekehrt, immer entsprechend den sozialen Erwartungen die an ihr Sprechverhalten gestellt werden. Die beiden Sprachen werden völlig wertungsfrei beurteilt. Frauensprache wird nur dann negativ bewertet, wenn sie nicht situationsangemessen verwendet wurde.

3. Geschlechtspezifisches Sprachverhalten

3.1. Wie sprechen Frauen ?

Die Sprache der Frauen ist eine sehr persönliche Sprache, die die Bindung, die menschliche Nähe und die Akzeptanz des Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartnerin sucht. Frauen lassen im Verlauf des Gesprächs oft persönliche Erlebnisse oder Erfahrungen einfließen, um so die Fremdheit und die Distanz zum Gesprächspartner bzw. zur Gesprächspartnerin zu überwinden. Opermann/Weber sagen in diesem Zusammenhang „ Sie (die Frauen; d. Verf.) lassen andere an der eigenen persönlichen Welt teilhaben und signalisieren damit: Vertrau mir, öffne dich mir, mach dich auch transparent „ (Vgl.2), S.84. Die Feministische Linguistik hat u.a. die im folgenden aufgeführten Charakteristika herausgearbeitet.

= > Verniedlichungen

Häufig gebräuchliche Verniedlichungen sind z.B. „das ist ja reizend “, „das ist ja s üß „. Frauen verwenden diese Diminutiva und Euphemismen um andere nicht zu verletzen, Grobschlächtiges zu verschönern und es damit akzeptabel zu machen. Auf der einen Seite lassen sie damit ihre Sprache emotional und liebenswürdig erscheinen, auf der anderen Seite verharmlosen und schwächen sie die Stärke der Aussage ab.

= > Unschärfemarkierer

Frauen verwenden häufig Unschärfemarkierer wie z.B. „ irgendwie “, „ irgendwas “, „ oder so “, „ finde ich “, „ weißt du? “ usw.. Das sind abschwächende Mechanismen, mit denen die Aussage in ihrer Gültigkeit eingeschränkt wird.

Zu diesen abschwächenden Mechanismen zählen außerdem noch folgende weitere Aussagen:

Ist es nicht so, dass “ / Aussage wird in Frageform umformuliert./

Das ist nur so eine Idee von mir “ „ Es fiel mir nur gerade so ein “ / Frau wertet sich selbst bzw. die Wichtigkeit ihrer Aussage ab./ „...s iehst du das nicht genauso “/ Frau versucht durch Rückversicherungsfragen Zustimmung zu erheischen. /

= > Intensivierungsmittel

Frauen benutzen emphatische Adverbien und Intensivierungsmittel wie „ so “, „ wirklich “, „ ehrlich “, „Das ist ja so wahr“ .

= > Frauen benutzen verglichen mit Männern andere, abgeschwächte und bedeutend weniger Vulgärausdrücke, Flüche, Zweideutigkeiten oder Derbheiten. Sie vermeiden starke Ausdrücke und sind eher bemüht schön und höflich zu sprechen.

= > Frauen haben einen anderen Wortschatz als Männer.

= > Frauen verwenden oft Übertreibungen und Wiederholungen um sich die Aufmerksamkeit der Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen zu sichern.

(Vgl. 4) S.32

Interessant sind meiner Meinung nach die Antworten welche Frauen in einer Befragung von Senta Trömel-Plötz auf die Frage „Wie sprechen Frauen?“ gaben.

FRAUEN sagten Frauensprache ist: unüberlegter, offener, mit Bestätigung anderer, kommunikationsfördernder, mit weniger Unterbrechungen anderer, mit mehr Fragen, mit Rückfragen, tendenziös unpräzise. (Vgl. 2), S.17

3.2. Männersprache

Jahrhundertelang waren alle Gesellschaften Männergesellschaften. Männer bestimmten die Politik, den Handel, die Wissenschaft, die Kunst und somit auch die Entwicklung der Sprache. In vielen Gesellschaften durften Frauen nicht am öffentlichen Leben teilnehmen und waren dadurch auch in der Sprache nicht präsent. Noch bis 1971 waren Frauen z.B. in der Schweiz nicht wahlberechtigt und noch heute sind Frauen in den islamischen Ländern vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Unter diesen Gesichtspunkten verwundert es nicht, daß die sich entwickelnde Sprache, vor allem der Inhalt, eine stark auf Männer bezogene Sprache ist.

Männern geht es im Gespräch primär um Informationen. Sie lassen kaum Emotionen einfließen und kommunizieren meist auf der Sachebene. Männer erachten es nicht als wichtig, und auch nicht als notwendig, eine emotionale Basis mit ihren Gesprächspartnern bzw.

Gesprächspartnerinnen aufzubauen. Von ihnen wird schon von Kindheit an erwartet, daß ihre Sprache direkt, kurz und knapp ist, und mit starken Ausdrücken artikuliert wird. Die Sprache der Männer ist sehr statusorientiert. Sie versuchen sich sehr oft in Gesprächen zu profilieren und ihre Machtposition zu festigen bzw. auszubauen. Männer denken vorwiegend in Gewinner = > Verlierer Kategorien, also ist es eine logische Folge, daß in denselben Kategorien auch gesprochen wird. Opermann/Weber sagen u.a. über Männersprache folgendes: „Männer können sehr gut in asymmetrischer Kommunikation agieren, sofern der jeweilige Status geklärt und akzeptiert ist.

Ist der Status ungeklärt, wird um die Position gekämpft “ (Vgl. 2) S.91. Außerdem haben sie Frauen befragt wie sie Männliches Sprechen definieren würden. FRAUEN sagen: „MÄNNER sprechen laut, dominant, aggressiv, einfacher, unterbrechen häufiger, emotionsloser, behauptender auch wenn sie sich ihrer Aussage nicht sicher sind, hierarchisch orientiert“ (Vgl.2) S.16. Weiterhin sprechen viele Männer sexistisch, was ich in 4.1. näher definieren möchte.

4. Unterdrückung durch Sprache

4.1. Sexismus in der Sprache

Unsere Sprache ist sexistisch, „wenn sie Frauen und ihre Leistungen ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von und in Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht, wenn sie Frauen durch herablassende Sprache lächerlich macht.“ (Vgl. 6)

Neben diesem offenen Sexismus finden wir in unserer Sprache auch viel unterschwelligen Sexismus. Dazu gehört z.B. auch, daß Frauen nicht ausdrücklich mitgenannt werden. Leider halten viele Männer und Frauen !!! dieses für überflüssig. Sie sind der Meinung, daß Frauen durch die männliche Sprachform automatisch mitangesprochen sind. Frauen sind, so wird ihnen versichert, immer gemeint, wenn z.B.von Zuhörern, Studenten, Physikern, Mathematikern, Professoren etc. die Rede ist. So lange, bis sie auf Sätze stoßen wie: „Die Professoren und ihre Gemahlinnen waren auf einem Empfang des Rektorats.“

Man stelle sich zum Vergleich mal den Satz: „Die Professoren und ihre Ehemänner waren auf einem Empfang des Rektorats eingeladen“ vor. So sehr sind Frauen dann offensichtlich doch nicht mitgemeint, denn man kann sie ausnehmen (Professoren und ihre Ehefrauen), was man mit Männern nicht machen kann (Formulierungen wie „alle Studenten außer den Männern“ sind einfach nicht möglich). Frauen und ihre Leistungsfähigkeit werden oft in Frage gestellt bzw. lächerlich gemacht. Es wird z.B. aus der Sachbearbeiterin oder der Sekretärin die „ Tippse “ was in meinen Augen eine typische sexistische Äußerung darstellt. Oder es werden z.B. Begriffe wie „ Betthäschen “ und „ Weibergeschwätz “ gebraucht, welche auf Rollenklischees beruhen und nur für Frauen gelten. In anderen Fällen werden Frauen nur als Anhängsel ihres Mannes genannt wie „ der Landtagsabgeordnete und seine Ehefrau “. Viele uns gebräuchliche Redewendungen und feststehende Ausdrücke, die natürlich für alle Menschen gelten, diskriminieren Frauen oder sind sprachlich von Wörtern abgeleitet die als Bezeichnung für Männer gebraucht werden.

Es heißt u.a. :

ein Mann , ein Wort “; „ Otto Normalverbraucher “; „ der kleine Mann “;

Vater Staat “; „ ein Fach mann auf seinem Gebiet “; „ Herren sind herrlich, Damen sind dämlich “.

Für viele Menschen bleibt dieser latente Sexismus leider unerkannt und es wird demnach auch die Wichtigkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, geleugnet.

4.2 Lösungsvorschläge

Es gibt einige Möglichkeiten die zur Auswahl stehen um eine gleichberechtigte Sprache zu realisieren. Die Frage ist natürlich ob eine vorgefertigte neue Sprachregelung wirklich erfolgreich sein kann? Denn für diese neuen Ausdrucksmöglichkeiten muß auch das „geistige Wollen“ da sein, es überhaupt für wichtig zu erachten, Frauen im Gespräch mitzubenennen. Und das gilt für Männer wie auch für Frauen! Es müssen vor allem Personen von der Wichtigkeit eines Wandels in der Sprache überzeugt sein, die einen entsprechenden Zugang zu den heute so meinungsprägenden Medien haben und auch die nötige Akzeptanz bei einer breiten Masse von Menschen besitzen.

Ich möchte jetzt trotzdem 3 Vorschläge, die in der feministischen Sprachwissenschaft herausgearbeitet wurden, aufzeigen.

Die Neutralisation

Dieser von Luise F. Pusch 1984 entworfene Lösungsansatz geht davon aus, daß wenn die Geschlechtsspezifikation wegfällt, für beide Geschlechter auch gleiche Chancen gelten, mitgemeint zu sein. Das würde heißen, bei dem Wort „Sprecherin“ würde das Sufix „in“, welches das Femininum markiert, wegfallen.

Ein Beispielsatz nach diesem Lösungsvorschlag müßte folgendermaßen aussehen:

„ Die Sprecher, welche ihre langen Haare betont offen trug, wurde mit ihrer Professor oft in der Cafeteria gesehen. “

Also ich denke, daß solcherart Sprechen mehr „Ohrfolter“ ist, statt das es etwas zur Besserstellung der Frau im Gespräch beiträgt.

Das generische Femininum

Der 1990 ebenfalls von Luise F. Pusch vorgeschlagene Lösungsansatz zielt genau in die Gegenrichtung der Neutralisation. Hier wird vorgeschlagen, die Verwendung des Sufixes „in“ zu erhöhen. Es sollte sozusagen einfach eine Umkehrung des jetzigen Sprachgebrauchs erfolgen. So würde, wieder auf mein Beispiel „Sprecher“ bezogen, jetzt „Sprecherin“ als Archilexem gelten und Männer hier mitgemeint sein. Ein Satz nach diesem Ansatz könnte z.B. lauten:

„ Der Sprecherin bei der Veranstaltung betonte, daßder Verwaltungsbeamtin gute Arbeit geleistet hat. “

Ich finde auch diesen Sprachregelungsvorschlag nicht sehr akzeptabel und denke, daß er im alltäglichen Sprachgebrauch keine Chancen hat sich durchzusetzen. Es ist für mich eher ein unter sprachpolitischen Aspekten entworfener Vorschlag. Das positive an dieser Sprachregelung wäre allerdings, daß Männern sehr deutlich aufgezeigt werden würde, wie einige Frauen sich beim momentanen Sprachgebrauch fühlen.

Beidbennenung

Die Möglichkeit der Beidbenennung (Splitting) die von Senta Trömel-Plötz vorgeschlagen wurden, zielt gegen den Umstand, daß es viele Substantive gibt, die sowohl Archilexem (Oberbegriff, Sammelbegriff), als auch Lexem in Opposition zu der weiblichen Form sind. Das sieht bei meinem Beispiel „Sprecher“ dann folgendermaßen aus: „der Sprecher“ als Archilexem für den männlichen Sprecher und die weibliche Sprecherin. Wenn „der Sprecher“ aber als Lexem in Opposition zu „die Sprecherin“ steht, ist er nicht mehr geschlechtsneutral und meint nur den männlichen Sprecher. Daraus resultiert, daß unterbewußt in fast allen Fällen an einen Mann gedacht wird, auch wenn das Substantiv als Archilexem eingesetzt wurde. Frauen werden also latent ausgeschlossen. Frau Trömel-Plötz schlägt nun folgende Regelung vor.

„ Die Sprecherin / Der Sprecher “ steht für: die Sprecherin und / oder der Sprecher

„ Der Sprecher “ steht für: der Sprecher (Mann)

Es ist auch möglich, die Adjektive weiblich und männlich als Attribute beizufügen. Auch hier will ich zwei Beispielsätze anfügen:

„ Die Sprecherin und der Sprecher hielten einen famosen Vortrag. “

„ Der weibliche und der männliche Sprecher hielten einen famosen Vortrag. “

Diese Möglichkeit ist zwar sehr aufwendig, ganz nüchtern betrachtet könnte man sagen unökonomisch, wird aber in manchen Bereichen unserer Gesellschaft schon genutzt. Man denke z.B. an Bürgerinnen und Bürger, Wählerinnen und Wähler, Genossinnen und Genossen. Ich denke dieser Lösungsvorschlag ist der einzige, der eine Chance hat sich durchzusetzen, was man auch mit dem teilweisen Gebrauch belegen kann, wogegen die anderen wohl doch eher theoretischer Natur sind.

5. Wandel in der Sprache

Die Sprache ist genauso einer Entwicklung unterworfen wie alle anderen Bereiche des Lebens. So wie in den technischen Wissenschaften neue Erfindungen gemacht werden so müssen auch in der Sprache neue Worte gefunden werden. Für Gegenstände oder Tätigkeiten die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Es verändern sich aber auch teilweise Inhalte bereits existierender Worte und natürlich fallen auch Worte aus dem Sprachgebrauch heraus, weil sie nicht mehr benötigt werden. Alle diese gerade genannten Veränderungen fallen unter die Definition des unterbewußten Sprachwandels. Er ergibt sich aus der Notwendigkeit, neue Dinge zu benennen oder alte nicht mehr benennen zu müssen, sieht aber sein Ziel nicht darin „irgend etwas“ in dieser Gesellschaft zu verändern.

Den Wandel aber, der anstrebt, eine aus Sicht der Frauen „gerechtere Sprache“ zu erreichen, ist ein zielgerichteter Sprachwandel bzw. eine Sprachpolitik. Frau Samel zitiert dazu Frau Schräpel folgendermaßen: „ Sprachwandel liegt nach Schräpel dann vor, wenn nicht die Sprache selbst verändert werden soll, sondern die Sprache an außersprachliche Realitäten angeglichen werden soll. Sie wird meist staatlich vorgenommen. Sprachpolitik ist „ die bewußte und gezielte Einflußnahme einer bestimmten Gruppe auf Teilbereiche der Sprache “ . Sie mußnicht von staatlichen Stellen ausgehen. Ihr Ziel ist es, den sprachlichen Status quo zu verändern und einen Sprachwandel auszulösen. Die Gründe liegen jedoch in der Organisation gesellschaftlichen Zusammenlebens. “ (Vgl. 4) S.88

Der größte Teil des Wandels zu einer gerechteren Sprache in den letzten Jahrzehnten erfolgte im „öffentlichen“ Sprachgebrauch. So wurden viele weibliche Berufsbezeichnungen geschaffen und diskriminierende Bezeichnungen wie Fräulein abgeschafft.

Im Jahr 1993 wurde von z.B. von der SPD ein Antrag zur Umfomulierung des Grundgesetzes vorgelegt. Zwar wurde dieser abgelehnt, aber ich habe festgestellt, daß sich einige Formulierungen inzwischen durchgesetzt haben. Hier einige Umformulierungsbeispiele aus diesem Antrag.

Sexistischer Sprachgebrauch Neuformulierung

Jeder Jeder Mensch

Jeder Deutsche Alle Deutschen ( Plural )

Kein Lehrer Keine Lehrkraft ( Neutralisierung )

Durch den Richter Durch richterliche Entscheidung ( Neutralisierung )

( Vgl. 4 ) S.142

Nur in Bereichen, in denen es lohnend ist, Frauen extra mit anzusprechen wird z.B. die Beidnennung praktiziert. (siehe Punkt 4.2. S.15 ) So werden in der Politik, in der Frauen über 50 % des Wahlvolks ausmachen, Frauen inzwischen konsequent mit genannt. Man denke an

„ Bürgerinnen und Bürger “,

„ Wählerinnen und Wähler “,

„ Genossinnen und Genossen “.

Im Großen und Ganzen stelle ich aber fest, daß ein wirklich entscheidender Wandel zu einer gerechteren Sprache vor allem im „nicht gesetzlich“ geregelten Sprachgebrauch noch nicht zu verzeichnen ist.

6. Sprache in Beziehungen

In Beziehungen zwischen Frauen und Männern sei es in intimen, beruflichen oder freundschaftlichen sind Kommunikationsprobleme an der Tagesordnung. Frau oder Mann sagt etwas und erwartet eine bestimmte Reaktion von ihrem bzw. seinem Gesprächspartner. Oft jedoch fällt diese ganz anders aus und ist vom Sprecher bzw. der Sprecherin nicht nachvollziehbar. Die Sprecherin bzw. der Sprecher fühlt sich unverstanden und die Probleme beginnen. Ein Erklärungsversuch sind die verschiedenen Sprachwelten in denen Frauen und Männer leben. (siehe Punkt 6.2.)

6.1. Sprachebenen

Bevor ich auf die Sprachwelten näher eingehe möchte ich die

verschiedenen Möglichkeiten der Bedeutung einer vom

Sprecher/Sprecherin ausgesandten Nachricht erläutern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

( Skizze 1)

Es gibt vier verschiedene Ebenen einer Aussage (siehe Skizze 1). Aber nicht nur die Sprecherin oder der Sprecher hat vier Möglichkeiten etwas zu meinen. Auch die Empfängerin bzw. der Empfänger hat psychologisch gesehen vier Ohren mit denen er hören kann. ( siehe Skizze 2 )

Empfänger / Empfängerin

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nun kann sich jeder lebhaft vorstellen, wie schnell es Verständigungsprobleme geben kann, wenn der Sender und der Empfänger das Gespräch nicht auf den gleichen Ebenen führen. Deshalb ist ein genaues Zuhören, gegebenenfalls mit reflektierenden, die Aussage noch einmal kurz zusammenfassenden Rückfragen, sehr wichtig und trägt entscheidend zur problemlosen Kommunikation bei.

6.2. Sprachwelten

Wieso versteht sie mich immer falsch? Warum merkt er nicht, was ich meine?

Wie oft haben sie diese Formulierungen schon gehört oder selbst getroffen?

Ich schon sehr oft! Eine interessante Frage ist nun, wenn man von der Existenz zweier verschiedener Sprachwelten ausgeht, wieso verschiedene Sprachwelten entstehen. Der Ursprung beider Sprachwelten liegt meiner Meinung nach zu einem Teil in der Erziehung der „kleinen“ Sprecherinnen und Sprecher und zum anderen Teil in der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an Frauen und Männer. Und genau hier hätten gerade Frauen, als die Haupterziehenden in vielen Familien, es in der Hand die von ihnen bei ihren Ehemännern oft kritisierten Gefühls- und Sprachwelten bei ihren Söhnen zu ändern. Das würde auch mithelfen, eine frauengerechtere Welt inklusive einer frauengerechteren Sprache zu schaffen. Aber leider fallen fast alle Mütter und Väter in die seit Jahrhunderten geprägten Erziehungsmuster zurück. So werden Jungen auf Stärke, Durchsetzungsvermögen, Gewinnen u.ä. erzogen.

Gefühlsausbrüche oder zu sensibles Verhalten wird im allgemeinen nicht akzeptiert. Wenn z.B. eine Mutter zu ihrem Sohn sagt: „Jungen weinen doch nicht, die andern denken ja noch du bist ein Mädchen!“.

Mädchen hingegen werden belohnt wenn sie lieb, nett und um Harmonie bemüht sind, aber nicht dafür, sich gegen andere durchzusetzen um zu „gewinnen“.

Genau an dieser Stelle, also in der frühsten Kindheit entwickeln sich die Sprachwelten von Frauen und Männern in verschiedene Richtungen. Es ist also für Mädchen wichtig Harmonie herzustellen und auf die Gefühle anderer zu achten. Bei Jungs liegt das Hauptaugenmerk auf dem „sich durchsetzen“ und als Gewinner aus Auseinandersetzungen hervorzugehen. Dazu zählen natürlich auch sprachliche Auseinandersetzungen.

„Hier entstehen Wertigkeiten. Je wertvoller mir etwas ist, desto mehr setzte ich mich damit auseinander. Je mehr ich mich mit einer Sache - ob bewußt oder unbewußt - auseinandersetzte, desto ausführlicher und differenzierter versuche ich sie zu beschreiben und Begriffe dafür zu finden.“( Vgl. 2 ) S.21

Die sprachlichen Prioritäten von Frauen werden daher mehr in der Beziehungs- ebene und der Selbstoffenbarungsebene gesetzt. Sie haben z.B. ein viel umfangreicheres Vokabular als Männer, wenn es um das Beschreiben von Gefühlen geht. Männer hingegen benutzen doch vorwiegend die Sachebene und, wenn die Hierarchie zwischen den Gesprächspartnern geklärt ist, die Appellebene. Frauen äußern ihre Bedürfnisse oft sehr indirekt. Spricht eine Frau jetzt mit einer anderen Frau, die aus der gleichen Sprachwelt kommt, gibt es kaum Probleme. Eine andere Frau hört ja mit einem gespitzten Beziehungsohr zu. Ist der Gesprächspartner aber nun ein Mann, der das Beziehungsohr sehr vernachlässigt und mehr Wert auf die Sachebene der Nachricht legt, ist das Verständigungs- problem vorprogrammiert. Die rationale Antwort, die dann auf der Sachebene gegeben wird, trifft auf das Beziehungsohr der Frau, und wird dort als gefühllos oder desinteressiert abgestempelt.

Ein weiterer Unterschied in den Sprachwelten zwischen Frauen und Männern, der oft in beruflichen Beziehungen zu Verstädigungsproblemen führt, ist der unterschiedliche Gesprächsaufbau. Während Frauen zu Beginn des Gespräches gern erst ein paar persönliche Wort wechseln, um einen harmonischen Gesprächsverlauf zu erreichen, empfinden Männer das oft als unnötig oder als schwatzhaft weil es in ihren Augen nicht zur Problemlösung beiträgt. Männer sind vorrangig nur an der Lösung des Problems interessiert.

Diese Unterschiede werden, wenn überhaupt, nicht von heute auf morgen abgeschafft. Ich denke, allein die Sensibilisierung breiter Bevölkerungs- schichten auf die jeweils andere Sprachwelt trägt schon zu deren besseren Verständnis bei.

6. Schlußbetrachtung

„ Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt “

( L. Wittgestein )

„ Was nicht sprechbar ist, ist auch nicht denkbar “

Diese beide Zitate drücken sehr deutlich aus, welche Macht Sprache hat.

Bezogen auf das Thema „ Frauensprache = > Männersprache “ ist abschließend festzustellen, daß es keine richtige und keine falsche Sprache gibt. Es ist auch nicht erstrebenswert, wenn Frauen jetzt anfangen würden wie Männer zu reden oder umgekehrt. Ich denke, Frauen sollten versuchen, in allen Bereichen der Gesellschaft präsent zu sein, denn das ist die beste Möglichkeit ihre Sprache akzeptierter und verstandener zu machen. Männer sollten versuchen, mehr auf die weibliche Sprechweise zu achten und begreifen, daß sie kein Defizit ist, sondern nur „anders“. Allerdings schätze ich die Chancen dafür in nächster Zukunft nicht sehr optimistisch ein. Im Rahmen dieses Belegs habe ich mit einigen Frauen über dieses Thema gesprochen und festgestellt, daß leider auch die Mehrheit der Frauen die Notwendigkeit einer Entwicklung zu einer frauengerechteren Sprache nicht sieht. Solange das Thema aber nur an den Universitäten und in feministischen Kreisen zu Hause ist, fehlt die Basis für wirklich greifende Veränderungen.

Ich persönlich habe beim schreiben dieses Beleges versucht in einer Frauengerechten Sprache zu schreiben und habe festgestellt, wie schnell „man“!!! immer wieder in altbewährtes zurückfällt.

„ Keiner versteht den anderen ganz, weil keiner bei demselben Wort genau das selbe denkt wie der andere. “

( J.W. Goethe )

Fremdwortverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literaturverzeichnis

( 1 ) Pusch, Luise F. : Das Deutsche als Männersprache, 1. Auflage, Frankfurt, Suhrkamp Verlag, 1984
( 2 ) Opermann, Katrin Frauensprache - Männersprache, Weber, Erika Zürich, Orell Füssli Verlag, 1995
( 3 ) Heilmann, Christa Frauensprechen Männersprechen, (Hrsg.) München Basel, Ernst Reinhardt Verlag, 1995
( 4 ) Samel, Ingrid Einführung in die Feministische Sprachwissenschaft, Berlin, Erich Schmidt Verlag, 1995
( 5 ) Gray, John Männer sind anders Frauen auch, München, Goldmann Verlag, 1993 Orginalverlag: New York, HaperCollins Orginaltitel: Man are from Mars; Women are from Venus
( 6 ) Trömel-Plötz,Senta Frauensprache - Sprache der Veränderung. Frankfurt/Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982
( 7 ) Trömel-Plötz,Senta Vaterland und Muttersprache München, Frauenoffensive Verlag, 1992
( 8 ) Bianchi, Vera „ Sprache und Macht „ vb1@rcs.urz.tu-dresden.de
( 9 ) Tannen, Deborah „Du kannst mich einfach nicht verstehen“, Wien, Büchergilde Gutenberg, 1990
( 10 ) Tannen, Deborah „Das hab ich nicht gesagt!“,Hamburg, Ernst Kabel Verlag, 1992
( 11 ) Schulz von Thun, „Miteinander reden: Störungen und Klärungen“, Friedeman Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch, 1981
( 12 ) Bay, Rolf H. „Erfolgreiche Gespräche durch Aktives Zuhören“, Ehningen bei Böblingen, Expert Verlag, 1988

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Frauensprache - Männersprache
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)
Veranstaltung
Fachrichtung: Sozialpädagogik
Note
gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V96418
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sprache, Frauensprache, Männersprache, Kommunikation, Rethorik, Feminismus
Schlagworte
Frauensprache, Männersprache, Hochschule, Technik, Wirtschaft, Mittweida, Roßwein, Fachrichtung, Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Sirko Schamel (Autor), 1999, Frauensprache - Männersprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96418

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