Die systemische Therapie - Ein paradoxes Unternehmen zwischen möglicher Intervention und unmöglicher Voraussicht


Seminararbeit, 1999
30 Seiten, Note: 1,3

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Kristian Donko

1. Systemtheorie und Systemtherapie: Eine Einführung in den Themenkreis

Ausgehend von der Systemtheorie Niklas Luhmanns lassen sich zwei Befunde über die Gegenwartsgesellschaft formulieren, in denen sich einige Phänomene der funktional differenzierten Gesellschaftstruktur verdichten.

Da wäre zunächst einmal die Feststellung, daß die soziokulturelle Evolution zu einer hochkomplexen Sozialordnung geführt hat, deren einzelne Bestandteile nicht kurzgeschlossen sind, sondern lose gekoppelt, im Sinne eines variablen und nicht steuerbaren Netzwerkes aus funktionalen Kommunikationszusammenhängen.

Der zweite Befund knüpft unmittelbar daran an, indem er behauptet, daß diesem funktionalen Ordnungsprinzip kein integratives Orientierungs- und Bewertungsmuster zugrunde liegt, welches der Komplexität einer solchen Gesellschaftsstruktur gerecht würde. Es kann, im Sinne Luhmanns, keinen Ort privilegierter Kommunikation geben, von dem aus quer durch alle sozialen Systeme eine Verpflichtung auf eine symbolische Grundordnung vermittelbar wäre. Fragen wie "was ist gut?", "wie handle ich richtig?", "was ist normal?" etc. können deshalb nicht zuverlässig und endgültig geklärt werden, sondern sie entscheiden sich durch die funktionalen Belange eines kommunikativen Kontextes auf je spezifische Weise. Innerhalb dieser funktionalen Bezüge siedelt sich das Individuum nun in einer Grauzone an, in der zwar einerseits Individualität nicht unabhängig zu der Welt sozialer Systeme bestehen kann und andererseits unterliegen Menschen keineswegs strengen Determinanten oder fixen Reglementierungen. Die unentrinnbare Verwiesenheit auf eine soziale Umwelt mit einer Vielzahl funktionaler Kommunikationszusammenhänge schließt nicht die Kontingenz der jeweils aktualisierten Identitätsentwürfe aus, da die Selektion von Sinnmöglichkeiten und die Stile der Komplexitätsreduktion einen unerschöpflichen Spielraum für Variationen, Differenzen und dem kombinatorischen Zusammensetzen von Selbst- und Weltbezug bieten. Die Individuen sehen sich also einer Welt gegenüber, die einmal vielschichtige Ansprüche an sie heranträgt und andererseits keinen universal gültigen Leitfaden für die Orientierung mitliefert. Die Kriterien, nach denen sich adäquates Handeln oder Verhalten bemißt, variieren von Kommunikationszusammenhang zu Kommunikationszusammenhang häufig in sehr beträchtlichem Umfang. Welcher Beitrag in einem bestimmten Kontext als möglich, d.h. als anschlußfähig qualifiziert wird, ist aus individueller Perspektive nicht immer leicht abzuschätzen und kann zu Schwierigkeiten für das Fortsetzen der Kommunikation führen.

Dies betrifft auch ganz alltägliche Situationen der doppelten Kontingenz: man stelle sich zum Beispiel einen bemühten Kavalier vor, der sich bei einem ersten Rendezvous fragt, ob er die Rechnung zahlen sollte, oder ob im Zuge der Gleichberechtigung geteilt wird. Eine Orientierung an als bekannt voraussetzbare Benimmregeln wird hier wenig wahrscheinlich sein, da sie nicht mehr in jedem Fall als praktikabel erscheinen.

Solche und ähnliche Situationen fallen alltäglich an und werden meist durch unmittelbar anschließende Kommunikation entschärft, möglichst bevor eine paradoxe Situation droht, die als peinlich empfunden wird und so weiteres Handeln blockieren könnte. Im Sinne der Systemtheorie lassen sich aus einem solchen Beispiel zumindest zwei weiterführende Schlüsse ziehen:

1. Die Kommunikation regelt selbst, was im Rahmen des durch sie konstituierten sozialen Systems möglich ist. Weder extern vorgegebene Regeln noch willentliche Instruktionen seitens beteiligter Individuen können das Verhältnis zwischen Erwartungserfüllung und Erwartungs-enttäuschung austarieren. Kommunikationen stiften und verarbeiten ihre Sinngehalte als selbstreferentiell-geschlossene Systeme und die Abstimmung unter den Beteiligten ist somit ein kontingentes Tasten im Feld unzähliger Möglichkeiten.
2. Man kann aus dem obigen Beispiel den Schluß ziehen, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach noch weit schwerwiegendere Fälle von Kommunikationen gibt, die auf Grund blockierender Paradoxien zum Problem für die Beteiligten werden. In diesem letzteren Fall könnte es Aufgabe von professionellen Helfern werden, sich jener Individuen anzunehmen, die in kommunikativen Rahmenverhältnissen verharren, welche sie als problematisch oder gar leidvoll erleben.
Die systemische Psychotherapie setzt an dieser Stelle an. Sie versucht systemtheoretisches, konstruktivistisches oder kybernetisches Denken für ein Konzept des psychotherapeutischen Heilens fruchtbar zu machen, in dem das Verhältnis von Individuum und Kommunikation zu einer gewinnbringenden Neubewertung gelangt.

Im Rahmen dieser Arbeit soll ein soziologisches Interesse an einer Psychotherapie formuliert werden, die sowohl ihre Theorie als auch ihre Praxis am systemtheoretischen Denken orientiert. Dabei wird besonders dem Bezug zu Niklas Luhmanns Systemtheorie Aufmerksamkeit gezollt.

Der Anschluß an systemtheoretischem Denken verpflichtet zunächst zu einigen Prämissen in Bezug auf menschliche Individuen. Ohne daß en detail auf Luhmanns Überlegungen zur

Individualität psychischer Systeme eingegangen werden kann, sollen hier in groben Zügen für die Systemtherapie relevante Ergebnisse aus diesem Kontext angesprochen werden.

Die Theorie der selbstreferentiell-geschlossenen Systeme, wie sie Niklas Luhmann entwirft, bietet die Möglichkeit, sehr genau zwischen Individualität und Identität zu unterscheiden. Das Signum der Individualität psychischer Systeme bezieht sich nämlich nur auf das Bewußtsein, welches in der Lage ist, Fremd- und Selbstreferenz gemäß interner Dispositionen sinnhaft zu ordnen. Es geht dabei nur um einen funktionalen Mechanismus der Sinnverarbeitung und der Reduktion von Komplexität, die bei der Beobachtung der Umwelt unweigerlich anfällt und nicht um etwaige wesenhafte Veranlagungen des Bewußtseins.

Das Bewußtsein ist also ein System, welches von außen nicht durchschaubar ist und dessen kontingente Selektionsleistungen aufgrund der unermesslichen Zahl von Variationen nicht in identischer Form nochmals vorkommen können. Das ist in aller Kürze unter der "Autopoiesis des Bewußtseins" zu verstehen.

Anders verhält es sich mit der Identität. Sie ist im Gegensatz zur Individualität keine funktionale Eigenschaft, die (psychische) Systeme per se haben (und sich somit kaum für die Behauptung eines authentischen `Ichs´ eignet). Identität ist im Sinne der Systemtheorie vielmehr ein Konzept der Selbstdarstellung eines Individuums. Als Selbstdarsteller versuchen Individuen sich als different zu allen anderen Individuen zu inszenieren. Um dies zu erreichen, sind Individuen allerdings paradoxerweise auf ihre soziale Umwelt angewiesen, in der vermittels einer Vielzahl von Kommunikationen mögliche Orientierungen und Anhaltspunkte für die Selbstdarstellung bereitge- stellt werden. Die Beobachtung der sozialen Systeme in der Umwelt ermöglicht dann den Individuen, dank der irreduziblen Autopoiesis des Bewußtseins, das Beobachtete wieder als eigenständige Konstruktion der Selbst- und Umwelterfahrung auszugeben1. Gemäß Luhmann, handelt es sich bei der Selbstdarstellung um eine Strategie, die ständig zwischen Imitation und Authentizität rochiert und dadurch eine scheinbar individuelle Platzierung der Selbstdarsteller im Feld der sozialen Systeme erlaubt.

Die Inszenierung als differentes Ich wird aber erst dadurch möglich, daß diese Paradoxie der gleichzeitigen Inklusion und Exklusion in soziale Bezüge ausgeblendet wird. Dies kann geschehen, indem die laufenden Kommunikationen nicht als selbstreferentiell-geschlossene Systeme beobachtet werden, sondern indem der Informationswert einer Kommunikation den beteiligten Individuen zugeschrieben wird. Dies ermöglicht ihnen, sich als Handelnde im interaktiven Zusammenhang mit anderen handelnden Selbstdarstellern darzustellen. Individuen verfahren dann auf eine Art und Weise, daß sie in der Kommunikation auftretende Ereignisse unmittelbar auf sich oder auf andere beziehen, anstatt das Prozessieren von sinnhaften Informationen als Produkt der Autopoiesis innerhalb eines Kommunikationssystems anzusehen. Im Sinne unseres Themas kann sich aber das Ausblenden der Kommunikation als konstitutive Bedingung für die individuelle Selbstinszenierung rächen. Indem nämlich die sozialen Kommunikationprozesse durch eine Umdeutung als individuelles Handeln oder Erleben personalisiert werden, fließen in der Selbstbeobachtung der Individuen beständig Informationen ein, die gemäß der Logik der individuellen Zuschreibung als Reflexionen über den eigenen Identitätsentwurf aufgefasst werden müssen. Jede Kommunikation birgt auf diese Weise potentiell einen Bezug auf die Selbstdarstellung und dem Individuum bleibt häufig nichts anderes übrig, als seine Selbstinszenierung auf Grundlage von immer weiterem Informationsinput neu zu bewerten. Die Logik der individuellen Zuschreibung von genuin kommuníkativen Effekten verbaut die Möglichkeit, negatives Erleben in Bezug auf die eigene Selbstdarstellung auf die Kommunikation und ihrer mögliche Tendenz der Fixierung von ritualisierten Schemata2 abzuwälzen. Der Ursprung für negatives psychisches Erleben wird somit meistens bei sich selbst oder bei anderen, an der Kommunikation beteiligten Individuen gesucht und immer wieder steht dann die Unversehrtheit des eigenen Identitätsentwurfs auf dem Spiel. So ließe sich unter Umständen eine systemtheoretische Fassung von der ewigen Widerkehr des Verdrängten formulieren.

Negatives (und auch positives) psychisches Erleben ließe sich somit als die Paradoxie der Personifizierung von nicht personifizierbaren, weil strukturell unabhängigen Kommunika- tionseffekten beschreiben. Offensichtlich scheint es nicht möglich, im gleichen Zuge die eigene Selbstdarstellung durchzuhalten und dennoch die Kommunikation als unabhängiges soziales System zu reflektieren, denn für die Stabilität des Identitätsentwurfs scheint ein gewisses Mißverstehen der Funktionalität von Kommunikationen sehr hilfreich. Wenn nun

Effekte der Kommunikation negativ in bezug auf den eigenen Identitätsentwurf erlebt werden, können daraus Probleme erwachsen, mit denen das betroffene Individuum schwer alleine zurecht kommt. Die systemische Therapie kann in solchen Fällen helfen, die Paradoxien, in die sich ein oder mehrere Individuen begeben haben, reflexiv einzuholen. Dabei wird versucht, das Verhältnis zwischen den Betroffenen und ihrem kommunikativen Kontext für alle Beteiligten transparenter zu machen, um eventuelle Schematisierungen von negativen Wertungen in der Kommunikation zu verflüssigen und durch Einführung neuer Möglichkeiten zu alternativen Formen kommunikativer Verhältnisse zu motivieren.

Im Mittelpunkt der systemischen Therapie steht die Auffassung, das professionelle Helfen bei psychischem Leiden als Dienstleistung zu konzipieren. Daraus resultiert, daß der Leidende nicht zum Gegenstand eines objektivierenden klinischen Blicks degradiert wird, sondern daß er als gleichberechtigter Partner innerhalb eines sozialen Systems siedelt, welches der Therapeut und der Kunde (Kunde statt Patient!) gemeinsam entwickeln. Der Therapeut ist somit verpflichtet, sich an einen Rahmen zu halten, der durch den Auftrag des Kunden definiert ist.

Der Therapeut definiert sich als Beobachter, der versucht in der Kommunikation mit einem anderen Beobachter seine therapeutische Kompetenz als Erweiterung kommunikativer Spielräume einzubringen. Als Systemtheoretiker muß er aber wissen, daß jede Hoffnung auf therapeutische Instruktion vergeblich wäre. Die Therapie orientiert sich deshalb an Richtlinien, die den professionellen Helfer immer wieder zur Reflexion seiner eigenen Rolle, seiner Möglichkeiten und seiner praktischen Maßnahmen veranlassen. Der Therapeut ist also einerseits Beobachter eines anderen Beobachters, aber gleichzeitig auch der Beobachter einer Kommunikation, in der er selbst als Beteiligter vorkommt. In der Selbstbeobachtung gilt es für den Therapeuten zu prüfen, ob er in der Lage ist, seine Rolle als positiver Anreger für den Kunden auszufüllen und ob er sich an die selbstgesetzten Maßstäbe hält, die er als systemisch orientierter Psychotherapeut aktzeptiert.

Bevor jedoch an dieser Stelle näher auf die Theorie und Praxis der systemischen Therapie eingegangen wird, sollen zunächst einige allgemeine epistemologische Klarstellungen erfolgen: Wer sich in das weite Feld des systemischen, konstruktivistischen oder kybernetischen Denkens begibt, kommt nicht umhin, die eigenen Wege der Erkenntnis im Prozess der Theoriebildung ständig einer Reflexion zu unterziehen, inwieweit sie den Postulaten einer konstruktivistischen Kognition gerecht werden und nicht etwa in substantielle Kategorien zurückfallen, die einen Anspruch auf wahres Wissen reklamieren. Dies bedeutet, daß hier festgehalten werden muß, daß die Lösung auf ein Problem, sei es nun im praktischen, wie im theoretischen Feld, niemals als einzig richtig und definitiv angesehen werden kann. Die Lösung als Teil eines Problems ist immer eine konstruierte und somit eine auch anders mögliche Antwort auf eine sinnvolle, weil kommunikativ anschlußfähige Frage. Doch man muß noch weitergehen, denn auch das Problem selbst ist nur insofern existent, als daß es als solches formuliert wird. Weder Problem noch Lösung entsprechen somit dem Gang eines substantiell notwendigen Prozesses, sondern sie sind, im Sinne Luhmanns, aus Beobachtungen abgeleitete Konstruktionen, die sich durch ihre Funktionalität innerhalb eines bestimmten kommunikativen Kontextes rechtfertigen.

Wenn also im Folgenden eine Psychotherapie vorgestellt wird, die davon ausgeht, daß psychisches Leiden als Folge problematischer Kommunikationen mit starkem persönlichen Bezug beschrieben und behandelt werden kann, so muß man sich darüber im Klaren sein, daß andere psychotherapeutische Unternehmungen zu unterschiedlichen Beschreibungen ihres Gegenstandes und den daraus zu folgernden theoretischen und praktischen Maßnahmen kommen. Psychisches Leiden kann zum Beispiel ebenso als Störung der Ich-Funktion, die durch ein tiefenanalytisches Verfahren therapiert werden kann, oder etwa als verfehltes Verhalten im Sinne einer psychosozialen Normalität beschrieben werden. Die systemische Therapie zeichnet sich durch ein Konzept aus, welches sowohl in Theorie als auch Praxis zu einer transpersonalen Fassung des psychischen Erlebens zu gelangen sucht. Damit verbindet sich, daß die therapeutische Beobachtung von Individuen nicht darauf abzielt, psychisches Erleben im Sinne von individuellen Eigenschaften festzuschreiben, die im Problemfall den Individuen als persönliche Defizite angelastet werden könnten. Gegen eine solche Individualisierung psychischen Erlebens spricht im Sinne der Systemtheorie eine erkenntnistheoretische Problemstellung. Denn was ist eigentlich die menschliche Psyche, die zwar als Gegenstand reklamiert wird, die aber kommunikativ nur durch kontingente Konstruktionen eingeholt werden kann. Ihre Existenz ist kausallogisch nicht beweisbar und fordert deshalb zu beträchtlichen konstruktivistischen Anstrengungen heraus. Diese können zwar an ihrer Plausibilität gemessen werden, bleiben aber dennoch höchst spekulativ. Die systemische Therapie umgeht das Problem der `flüchtigen Seele´ durch eine Hinwendung auf das Beobachtbare, und das ist die Kommunikation. Die Unzugänglichkeit der menschlichen Psyche findet dagegen Ausdruck in dem Konzept der prinzipiellen Intransparenz von individuellen Bewußtseinsvorgängen. Mit dem Faktor `Psyche´ kann systemtheoretisch nur im Sinne einer Black Box verfahren werden. Stattdessen muß sich die systemische Psychotherapie an das halten, was sie beobachten kann, nämlich daß bestimmte Kommunikationen den Identitätsentwürfen von Menschen Ausdruck geben und sie damit erst ermöglichen. Das "Ich" eines Individuums ist somit nur das Thema einer Kommunikation, in der zur Beobachtung der Selbstdarstellung von beteiligten Personen als `ganze´ Menschen motiviert wird.

Der Inhalt dieser Arbeit wird sich auf die systemische Psychotherapie beschränken. Zwar gibt es inzwischen auch Versuche, das systemische Denken im Rahmen einer klinischen Psychologie zur Anwendung zu bringen, diese können aber hier nicht umfassend diskutiert werden.3

In einem ersten Abschnitt wird zunächst auf einige allgemeine Grundlagen für eine system- theoretische Psychologie eingegangen. Die Leitfrage lautet in diesem Zusammenhang: wie ist das Verstehen eines prinzipiell undurchschaubaren Alter egos möglich? Darauf aufbauend erfolgt dann eine Darstellung der klinischen Theorie und Praxis der systemischen Therapie, wie sie von Kurt Ludewig konzipiert wird.

Die Arbeit wird dann von einigen kritischen Überlegungen zur Systemtherapie beschlossen.

2. Ein systemtheoretisches Konzept des Verstehen

Viele Grundannahmen der Systemtheorie scheinen dazu angetan, das Vorhaben von thera- peutischen Interventionen bei psychischem Leiden zu entmutigen. Auch ohne die Systemtheorie ist das Geschäft mit der Psychotherapie schon schwer genug. Jeder professionelle Helfer muß anerkennen, daß der Versuch einer positiven Beeinflußung von autonomen Persönlichkeiten hohe Risiken birgt und daß der Anwendung methodisch fixierter Programme enge Grenzen gesetzt sind. Die Theorie der sozialen Systeme verstärkt in ihrer gesamten Anlage noch die Einwände gegen alle Versuche der Planbarkeit von Handlungen und Verhaltensweisen. Die Intransparenz der psychischen Systeme steht offenbar im Widerspruch zu den Bemühungen therapeutischen Verstehens und Helfens. Wie kann nun dennoch, ausgehend von systemtheoretischen Prämissen, das Projekt einer Psychotherapie formuliert werden?

Dazu gilt es zunächst einmal das Feld der Kommunikation zwischen Therapeut und Kunde eifrig zu bestellen, denn nur die Kommunikation selbst kann Hinweise und Möglichkeiten eröffnen, die therapeutisch auszuschöpfen sind. Die Kommunikation liefert also den Schlüssel für das Verstehen. Doch, unter welchen Bedingungen ist es nun möglich einander zu verstehen, wenn systemtheoretisch von der Intransparenz anderer Systeme gesprochen werden muß? Die Problemstellung lautet also hier, wie Verstehen einerseits systemtheoretisch denkbar ist und wie andererseits daraus Möglichkeiten für sinnvolle therapeutische Interventionen erwachsen.

Für das Unternehmen der Psychotherapie gilt nun vor allem, sich nicht von diesem Einwand lähmen zu lassen, sondern ihr Heil im Ergreifen der Initiative zu suchen. Zunächst kann der Therapeut so tun, als ob wechselseitiges Verstehen, also wechselseitige Transparenz möglich wäre. Die therapeutische Kommunikation kann zwar so nicht die prinzipielle doppelte Kontingenz beim Versuch einer interaktiven Abstimmung zwischen zwei Systemen aushebeln, aber die Unterstellung der wechselseitigen Öffnung und Aufrichtigkeit kann zum Aufbau von Vertrauen führen und somit zu einer höheren Risikobereitschaft des Kunden, sich auf die Therapie einzulassen und sich als Selbstdarsteller möglichst frei zu entfalten. Unter

solchen Bedingungen kann ein gemeinsam strukturiertes soziales System entstehen, in dem der Umgang mit der doppelten Kontingenz erleichtert wird. Die Situation der doppelten Kontingenz kann dann auf folgende Art und Weise gewinnbringend gehandhabt werden: durch das vortastende Abstimmen zwischen zwei wechselseitig intransparenten psychischen Systemen in der Kommunikation können Unterstellungen und Vermutungen über die Funktionsweisen und die bevorzugten Selektionen angestellt werden. Dieser Mechanismus der wechselseitigen Vermutungen und Unterstellungen kann sich zu Strukturen der Erwartbarkeit verdichten, die zwar die Kontingenz innerhalb der Kommunikation nicht ausschalten, aber dennoch dazu führen, daß "die schwarzen Kästen sozusagen Weißheit" erzeugen, "wenn sie aufeinandertreffen, jedenfalls ausreichend Transparenz für den Verkehr miteinander"4.

Die Situation der doppelten Kontingenz ermöglicht vor allem die alltagstaugliche Abstimmung zwischen psychischen Systemen. Darauf kann die therapeutische Kommunikation aufbauen, aber sie kann hier noch nicht stehenbleiben, da die Ansprüche an ihr soziales System erheblich weitergehen. Die Therapie will nichts weniger als die Etablierung einer Kommunikation, die beabsichtigte Effekte bei den beteiligten psychischen Systemen wahrscheinlich macht, ohne daß dabei auf unmittelbare Zielgerichtetheit des kommunikativen Instrumentariums zurückgegriffen werden könnte (denn das wäre Manipulation).

Innerhalb eines therapeutischen Systems gilt es deshalb, eine in besonders hohem Maße gesteigerte Sensibilität zu entwickeln, um die Ziele dieser Interaktion zu erreichen. All die Schwierigkeiten die auch sonst in Situationen doppelter Kontingenz auftauchen werden hier erst recht virulent und es gilt deshalb, die Form der therapeutischen Kommunikation einer besonders geschärften Reflexion zu unterziehen, um den Anforderungen des systemischen Denkens beim Versuch, den Anderen zu verstehen, gerecht zu werden. Die Bedingungen der Möglichkeit von Fremdverstehen sind aus diesem Grund immer unter Bezug auf die Implikationen der Beobachtungsoperationen zu sehen, denn alles was als verstanden geglaubt wird, ist konsequenterweise nur Resultat der systemrelativen Konstruktion eines Beobachters. Der Therapeut muß sich also bei dem Vorhaben seinen Klienten zu verstehen, ständigen Reflexionen bezüglich seiner Beobachtungsoperationen unterziehen.

Was sind nun aber die Bedingungen der Möglichkeit von (Fremd-) Verstehen im Sinne der Systemtheorie aufzufassen?

Der Therapeut kann seine Beobachtungen darauf einstellen, wie sein Klient sich selbst als psychisches System innerhalb seiner Umwelt setzt.5 Die Leitdifferenz des beobachtenden Therapeuten ist somit die System-Umwelt-Differenz seines Klienten. Bei einer solchen Beobachtungsoperation führt er allerdings unweigerlich seine eigenen System-Umwelt- Referenzen mit ein: Das verstehende psychische System "legt die eigene Systemreferenz zu Grunde und bleibt in allem Verstehen dadurch unaufhebbar systemrelativ. Es führt 1. in das System dieser Unterscheidung diese Unterscheidung ein, das heißt: es orientiert die eigene Operation an der Differenz des eigenen Systems zu seiner Umwelt (denn sonst würde es sich selbst mit dem zu verstehenden System verwechseln). Es führt aber zugleich 2. in die Umwelt dieser primären Unterscheidung eine zweite System/Umwelt-Differenz ein. Es versteht in seiner Umwelt ein anderes System aus dessen Umweltbezügen heraus."6 Verstehen ist somit nur als Konstruktion eines Beobachters möglich, der innerhalb der Kommunikation lernt, wie das beobachtete System sich im Verhältnis zu seiner Umwelt verhält.

Damit aber diese systemrelative Rekonstruktion sich nicht in unzulässiger Weise von seinem Gegenstand entfernt, muß die verstehende Beobachtung immer wieder reflektiert werden. Dies geschieht einerseits durch die Selbstbeobachtung des Therapeuten und andererseits durch das ständige Einbringen der beobachteten Rekonstruktionen in die Kommunikation mit dem Klienten. Damit ist man schon bei einem zweiten Punkt, an dem das Verstehen systemtheoretisch relevant wird, denn Luhmann beschreibt die Kommunikation als Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen. Verstehen meint hier die Kompetenz eines Systems, zwischen einer Information, als möglichen Auslöser für eine Änderung des internen Systemzustandes und einer Mitteilung als Indikator für das Verhalten oder die Intentionen des anderen Systems, zu unterscheiden.

Das Verstehen dieser Differenz von Information und Mitteilung ermöglicht somit die

Zuschreibung von Handlungs- und Erlebnismustern an andere komplexe Systeme. Damit ist allerdings nicht gemeint, daß das Verstehen das Erkennen der authentischen Motive der Beteiligten erlaubt. Da das Verstehen ein interne Leistung eines Systems ist, kann natürlich immer auch `falsch´ verstanden werden, d.h. daß die Information einem nicht zutreffenden Mitteilungsverhalten zugeordnet wird. Entscheidend ist aber, daß etwas verstanden wurde und mögliche Probleme können dann in weiteren Kommunikationen thematisiert werden. Im Kontext einer Psychotherapie soll nun das Risiko des Falschverstehens weitestgehend minimiert werden, denn die Therapie "gehört...zu denjenigen sozialen Unterfangen, die die Zuverlässigkeit des Verstehens besonders hoch veranschlagen."7

Gerade in der therapeutischen Kommunikation kommt es darauf an, das Verstehen bewußt zu machen und die Beobachtung daraufhin zu schärfen, denn der Klient wird hier als ganze Person thematisiert. Er soll sich als Darsteller in Sachen des eigenen Identitätsentwurfs zur Geltung bringen können.8

Andererseits muß der Therapeut darauf hin arbeiten, daß auch er von seinem Klienten verstanden wird, d.h. er ist dazu angehalten sein Mitteilungsverhalten so transparent zu gestalten, wie es möglich ist. Um dafür Anhaltspunkte zu gewinnen, muß der Therapeut versuchen, das Verstehen des Klienten zu verstehen, um seine Beiträge zur Kommunikation daran zu orientieren. Dazu gehört einerseits, daß der Therapeut gewisse Methoden des Verstehens wahrnimmt, wie z.B. die Schulung des Zuhörens, die Empathie, die reflexive Interpretation etc9 und daß er andererseits sich auf Methoden der kommunikativen Darstellungsweisen beruft, wie "sachliche Klarheit der Darstellung von Information, Redundanz, Formulierung im Denk- und Sprachstil des Klienten"10 Das Verstehen des Klienten, die reflexive Selbstbeobachtung des Therapeuten sowie das Selbstverstehen des Klienten, all diese Komponenten der kommunikativen Operationen, die auf das Verstehen im systemtheoretischen Sinne angelegt sind, müssen letztendlich darauf abzielen, dem Klienten innerhalb der Therapie alternative Optionen auf die Handhabung der Selbst- und Fremdreferenz des Klienten aufzuzeigen, denn bestimmte Muster des Umgangs mit dieser Differenz von Selbst-und Fremdreferenz sind aufgrund ihrer Problematik die Ursache für die Etablierung eines therapeutischen Systems, aber dazu weiter unten mehr.

Wie schon weiter oben angesprochen, muß über die Angemessenheit der Therapie immer wieder in Form einer Selbstreflexivität des Therapeuten Rückmeldung eingeholt werden. Der Technik der Selbstthematisierung des eigenen Verstehens, der Selbstbeobachtung des Verhaltens und des Intervenierens soll an dieser Stelle noch das in der systemischen Therapie entwickelte Konzept der Supervision hinzugefügt werden. Die Supervision meint die Beobachtung der zwischen Therapeut und Kunden laufenden Kommunikation durch einen zweiten professionellen Beobachter. Die Supervision ist somit eine weitere Referenzebene, in der die schon vorhandenen System-Umwelt-Unterscheidungen einer dritten Beobachtungsoperation unterzogen wird. Die Supervisorrolle impliziert dabei keineswegs die Überlegenheit dieser Beobachterposition, sondern durch die Supervision wird der therapeutischen Kommunikation zusätzliche Komplexität zur Verfügung gestellt. Dies kann hilfreich sein, wenn die Kommunikation zwischen dem Therapeuten und dem Kunden sich in einer problematischen Situation festgefahren hat, die weitere positiv angelegte Interaktionen blockieren.11 Das Konzept der Supervision legt die Arbeit der systemischen Therapeuten im

Team nahe. Auf diese Weise ist die Überlagerung verschiedener Beobachteroperationen sichergestellt und damit wird eine Erweiterung des kreativen und auch des reflexiven Potentials der therapeutischen Kommunikation wahrscheinlicher.

All diese Maßnahmen dienen letztendlich dazu, Mittel und Wege zu finden, um das zunächst `blinde´ Vorgehen bei der Anmaßung des Therapeuten, den Klienten zu verstehen, abzusichern, auch wenn das nur zu einer Reduzierung der Irrtumswahrscheinlichkeiten führen kann und nicht zu einer Garantie auf richtiges Handeln.

Die im bisherigen Verlauf vorgestellten Prämissen für das In-Gang-Setzen eines therapeutischen Systems setzen den Rahmen für eine theoretische und praktische Ausrichtung der Therapie, die an sich den Anspruch stellt, problem- und lösungsorientierte Interventionen zu ermöglichen, ohne auf die "Prinzipien der hierarchischen Steuerung und der Input- Determinierung"12 zurückzugreifen. Stattdessen wählt die systemische Therapie den Weg, ihre Interventionen als Anregung des zu therapierenden Systems aus dessen Umwelt heraus anzulegen.

Innerhalb des sozialen Systems der Therapie soll ein Kontext implementiert werden, der geeignet ist, die "Bedingungen der Möglichkeit einer kontrollierten Anregung zur Selbständerung autonomer Systeme"13 zu schaffen. In der so verstandenen "Kontextsteuerung"14

liegt der Aufgabenbereich des Therapeuten und das Anwendungsgebiet seiner hochreflexiven Operationen des Selbst- und Fremdverstehens.

3. Die Systemische Therapie in Theorie und Praxis

Wie gelangen nun die aus dem systemischen Denken gefolgerten Prämissen innerhalb des klinischen Bezugsrahmens einer Psychotherapie zur Anwendung und welche theoretische und auch praktische Handhabe des psychotherapeutischen Gegenstandes kann so ausgearbeitet werden? Es geht nun also um die Betrachtung eines konkreten Modells der systemischen Therapiekonzeption. Dabei wird Kurt Ludewigs Bericht über das systemtherapeutische Konzept seiner Hamburger Arbeitsgruppe die Grundlage für die folgende Darstellung bilden15. Es kann so gezeigt werden, wie die systemische Therapie einerseits als mehrstufiger Kommunikationsprozess fungiert und andererseits, wie die Therapie ihre Methodologie an einer rekursiven Zuweisung und Behandlung unterschiedlicher System-Umwelt-Referenzen orientiert.

Prinzipielles Ziel bei psychotherapeutischen Interaktionen ist natürlich das Heilen bzw. Helfen bei dem, was etwas diffus als psychisches Leiden bezeichnet werden kann. Dieser diffuse Begriff des psychischen Leidens muß aber im Sinne eines theoretisch und praktisch nutzbaren Konzepts problematisiert werden. Die Psychotherapie muß sich also Klarheit über ihren Gegenstand schaffen. Die systemische Therapie operationalisiert das Problem des psychischen Leidens durch eine Focussierung auf Kommunikationen, die von Beteiligten negativ erlebt werden. Wenn sich nun aber das psychische Erleben maßgeblich auf die Kommunikation bezieht, muß geklärt werden, wie im Sinne des systemischen Denkens von einer Einbindung der Menschen in kommunikative Zusammenhänge gesprochen werden kann. Dabei sind grundsätzlich zwei Dimensionen zu unterscheiden, nämlich erstens die Art und Weise, wie Individuen ihre Beteiligung an Kommunikationen erleben und somit die Möglichkeit zur Interaktion mit anderen Individuen einschätzen und zweitens, die Art und Weise wie die systemische Beobachtung von Kommunikation den Beitrag von Individuen zu Interaktionen auffasst. Während nämlich die Systemtheorie und mit ihr auch die systemische Therapie die Kommunikation als soziales System versteht, welches unter der Prämisse ihrer selbstreferentiellen Geschlossenheit ihre Ereignisse und Elemente selbst erzeugt, wird in der Wahrnehmung von Individuen häufig die Überzeugung gepflegt, daß erst ihr individuelles Handeln und Verhalten die Ereignisse und Elemente einer Kommunikation bestimmen. In der systemtheoretischen Beobachtung kann dies als Versuch einer Zuordnung von Informationen und Mitteilungen an scheinbar verursachende Individuen reflektiert werden und daraus ergibt sich ein Ansatzpunkt für das therapeutische Helfen. Es geht dann darum, das psychische Erleben als Effekt einer Paradoxie aufzufassen, die zustande kommt, wenn Menschen immer wieder versuchen, die strukturell unabhängigen Kommunikationsprozesse auf individuelle Eigenschaften und Kompetenzen zurückzuinterpretieren. Menschen tun so, als ob Effekte der Kommunikation durch Hinweis auf das Verhalten oder Handeln einzelner Personen erklärbar wären und weichen somit der Beobachtung von Kommunikationen als selbstreferentiell-geschlossene Systeme aus. Die Paradoxie entsteht nun in der Suggestion von persönlicher Verantwortung in Zusammenhängen, die weit über die Möglichkeiten dieser Art von Verantwortung hinausgehen, denn Kommunikationen konstituieren sich durch Situationen, die nicht steuerbar sind und niemals genau zu dem führen, was ein Individuum beabsichtigt hat. Eine Psychotherapie kann sich nun der Aufgabe verschreiben, Menschen zu helfen, indem auf diese Paradoxie hingewiesen wird und auf mögliche Wege hingearbeitet wird, Paradoxien, die zu einer negativen Selbst- oder Fremdwahrnehmung führen, handhabbar zu machen.

Die systemische Therapie, wie sie Kurt Ludewig vorstellt, geht zunächst von einem Konzept der Mitgliedschaft von Individuen in sozialen Systemen aus, um die systemtheoretische Schlüsselfrage nach der Inklusion und Exklusion psychischer Systeme zu klären. Dabei steht "`Mitglied´ nicht für Mensch, sondern für eine sozial konstituierte Entität"16, die sich innerhalb kommunikativer Zusammenhänge aktualisiert und durch die Auflösung eines sozialen Systems oder durch die Aufkündigung der Mitgliedschaft begrenzt wird. Mit dem Konzept der Mitgliedschaft wird es für die systemische Therapie möglich, das psychische Erleben von Menschen in den Blick zu nehmen, ohne daß dabei auf individualisierende Modelle zurückgegriffen werden muß. Mit Mitgliedschaft ist in der systemischen Therapie ein funktionaler Aspekt des Menschen als Sozialwesen gemeint. So kann durch diesen Begriff eine Brücke zwischen Mensch und Kommunikation geschlagen werden, indem Menschen als Mitglieder an sozialen Systemen17 beschrieben werden. Menschen können Mitgliedschaften "verkörpern", sie sind aber nicht darauf zu reduzieren.18 Die Mitgliedschaft wird im Sinne der Luhmannschen Theorie durch die sachliche, zeitliche und soziale Dimension von Sinn definiert. In kommunikativen Zusammenhängen orientiert sich die Position von Individuen an diesen drei Sinndimensionen: "Als kommunikative Einheiten verarbeiten und stiften Mitglieder Sinn und reduzieren so Komplexität: In der Sachdimension ordnen sie sich Themen zu, in der Zeitdimension stellen sie Kontinuität her und in der sozialen Dimension gestalten sie überschaubare Einheiten. Mitglieder, Kommunikation, Sinngrenze und Sozialsystem sind untrennbar verbunden: Sie erzeugen einander wechselseitig."19 Als Mitglied beobachtet man sich und andere innerhalb des sozialen Systems im Hinblick auf den spezifischen Beitrag der von jedem Mitglied für die Kommunikation erbracht wird. Diese Beobachtungen erlauben allerdings nur Rückschlüsse auf die Darstellungsweise als Mitglied und nicht auf darüber hinausgehende Merkmale eines Individuums.

Für die systemische Psychotherapie ist das Konzept der Mitgliedschaft insofern von Nutzen, als daß es erlaubt, das Phänomen des psychischen Leidens einzugrenzen und im Sinne eines therapeutischen Auftrags zu operationalisieren. Helfen bedeutet dann nämlich, das negative psychische Erleben als problematische Mitgliedschaft an einem sozialen System zu verstehen. So wird auch vermieden, bei den Individuen defizitäre oder pathologische Eigenschaften zu verorten. Im Spannungsfeld zwischen Mensch und sozialem System stellt das Konzept der

Mitgliedschaft eine Hilfskonstruktion dar, die den therapeutischen Zugriff auf das eigentliche Ziel der professionellen Hilfsmaßnahmen ermöglicht, nämlich auf kommunikativ thematisierte Probleme,die beim Klienten zu einer negativ empfundenen psychischen

Rückkopplung führen. Ludewig sieht in der therapeutischen Intervention gegenüber sogenannten Problem-systemen den eigentlichen Aufgabenbereich für professionelle Interventionen.

3.1. Problemsysteme als Gegenstand der systemischen Therapie

An dieser Stelle bietet es sich an, den Kreis der Kommunikationssituationen, die therapeutisch relevant werden können, einzuengen. Niklas Luhmanns Überlegungen zu den höchstpersönlichen Kommunikationen können weiterführende Erklärungen hinzufügen. Luhmann konstatiert für die funktional differenzierte Gesellschaftsstruktur eine weitreichende Expansion der unpersönlichen Verhältnisse, also der Kommunikationssituationen, die sich an bloß funktionalen Gesichtspunkten orientieren. Diese Ausdifferenzierung von funktionalen Umweltbeziehungen wird aber im gleichen Zuge von einer Intensivierung und Verdichtung persönlicher Beziehungen abgefangen. In einer persönlich strukturierten Nahwelt pflegen Menschen Kontakte, in denen sie sich als Individuen mit einzigartigen Welt- und Lebensentwürfen, psychosozialen Prägungen und mit Betonung auf die unersetzliche Originalität der eigenen Identität darzustellen suchen. Es geht also darum, sich in persönlichen Kontakten als `ganzer Mensch´ einzubringen, was natürlich zur Folge hat, daß Verantworung für Effekte von Kommunikationen noch stärker den Individuen zugelotst werden. Solche Kommunikationen sind grundsätzlich von einem Dilemma überlagert: nicht nur, daß die Wesensschau auf ein Individuum in der Kommunikation nicht möglich ist, da das Bewußtsein eines jeden, gemäß der Systemtheorie, für andere Systeme intransparent bleiben muß, sondern in höchst-persönlichen Kommunikationen wird immer wieder der eigene Identitätsentwurf zur Disposition gestellt.

In allen Interaktionen mißt sich dann das persönliche Handeln und Erleben an ablehnenden oder anerkennenden Reaktionen seitens der Partner in solchen intensivierten Kommunika- tionen. Diese höchstpersönlichen Kommunikationen sind somit auch von einer sehr hohen Sensibilität der Beteiligten geprägt. Jeder tastet die laufende Kommunikation darauf ab, inwiefern er die Beiträge der `Persönlichkeit´ des Betreffenden zuordnen kann und welche Effekte für das Verhältnis zwischen den Beteiligten daraus resultieren. Der Focus liegt in solchen Kommunikationen stärker als sonst auf das Mitteilungsverhalten der Beteiligten.

Den Informationen allein wird nicht zugetraut, genügend Aufschluß darüber zu liefern, wie das Gegenüber als `ganzer Mensch´ zu verstehen ist. Solche kommunikativen Zusammen- hänge sind durch eine Konzentration auf alle möglichen Indikatoren für `Persönlichkeit´,

Identität oder `Charakter´ eines Menschen sehr problemanfällig und dadurch auch geeignet, bei Beteiligten ein negativ gewertetes psychisches Erleben hervorzurufen.

In der systemischen Therapie wird an dieser Stelle der Begriff eines Problemsystems eingeführt, um den Gegenstand der therapeutischen Maßnahmen genauer zu fassen. Ludewig beschreibt Probleme als kommunikative Sachverhalte, die sich zu einem eigenen sozialem System verdichten können. Probleme sind Themen einer Kommunikation, die einerseits als negativ und unerwünscht erlebt, aber andererseits als veränderlich und lösbar bewertet werden. Solche Themen bilden in ihren Umkreis eine eigene systemische Kommu- nikationsstruktur, die die Beteiligten veranlaßt sich mit dem Problem auseinanderzusetzen und oft auch dabei zu verharren. Die Beteiligten können also im Sinne der systemischen Therapie als Mitglieder an einem sozialen System verstanden werden, in dem Probleme thematisiert werden. Probleme können überall im Umkreis von sozialen Systemen entstehen, die Psychotherapie sieht aber ihr vorrangiges Interesse in den sogenannten Lebenspro-blemen. "`Lebensprobleme´ bilden das Thema sozialer Systeme, in denen das Verhalten (oder die Seinsweise) eines Menschen von diesem selbst oder von anderen negativ bewertet werden und dies negative Emotionen - Leiden - auslöst. Lebensprobleme kristallisieren sich zu Systemen, wenn negative Wertungen (und der implizite Appell etwas zu verändern) den Be- troffenen emotional so nahe gehen, daß sie sich in ein Netz von Klagen sowie wechselseitigen Anklagen und Schuldzuweisungen verstricken. Ein Lebensproblem besteht also nur im Rahmen einer speziellen Kommunikation, ist kein `objektiver´ Sachverhalt."20 Die Psychotherapie kann ein Problemsystem zu ihrem klinischen Gegenstand werden lassen, wenn Menschen aufgrund ihres Leidens (welches sie aber als veränderlich einschätzen) in einem Appell um professionelle Hilfe nachsuchen.21 Diese Hilfe soll zur Entspannung einer Situation beitragen, in der die "emotionale Verstörung" des Hilfesuchenden so weit führt, daß der selbständige Ausweg aus problematischen Kommunikationen nicht mehr möglich scheint. Der Hilfesuchende erfährt eine blockierte Kommunikation, deren Ende einerseits erwünscht wird (und nicht eintritt), die aber andererseits in immer weiter wiederholten Äußerungen und Forderungen fortgesetzt wird: "Beide Partner erwarten, daß der andere ein-lenkt; sie gehen implizit von der Annahme aus, es sei möglich, den anderen zu `instruieren´"22 Die Partner/Mitglieder in solchen Kommunikationen erleben die Festlegung und Einschränkung ihrer Handlungsbereiche innerhalb der betreffenden sozialen Systeme als Leiden. Eine Problemkommunikation ist immer eine Kommunikation, in der das Vertrauen der Partner zueinander erschüttert ist, weshalb die Risikobereitschaft beider abnimmt. Die Risikobereit-schaft ließe sich allerdings als bewußte Möglichkeit beschreiben, die doppelte

Kontingenz innerhalb komunikativer Zusammenhänge kreativ auszuschöpfen. Stattdessen blockiert die Wiederholung das mögliche kreative Potential von Zufällen und das Einführen neuer, uner-warteter Elemente und Ereignisse in die Kommunikation wird somit konsequent ausgeschlos- sen. Das Problemsystem ist somit eine Kommunikation, in der die Beteiligten zwar das Ende herbeisehnen, ihre Handlungen und Verhaltensweisen sind aber dahingegen dafür geeignet, das Problem als Thema der Kommunikation zu stabilisieren. Die Beteiligten kreisen um das immer gleiche Thema, statt alternativ zu verfahren. Die

Problemkommunikation wird so zu einem selbstreferentiellen Verweisungszusammenhang. In persönlich strukturierten Beziehungen können Problemsysteme sich auf eine Weise verdichten, daß sie den Charakter einer Institution im Verhältnis zwischen den Partnern annehmen. Dies bedeutet aber nicht, daß in solchen Verhältnissen keine Möglichkeiten für eine Kommunikation jenseits des thematisierten Problems bestehen. (Wenn doch, so wäre jeder Versuch einer therapeutischen Hilfe sinnlos). Es gibt - wenn auch nur latent vorhanden - fast immer Kommunikationsthemen innerhalb persönlicher Beziehungen, die nicht problematisch belastet sind und so dafür geeignet sein könnten, alternative Kommunikationen und vor allem alternative Handlungs- und Verhaltensmuster zu testen, deren Anschlußfähigkeit unproblematischer ist.

Das Konzept der Problemkommunikation muß freilich im Sinne der Systemtheorie als Kon- struktion der therapeutischen Beobachtung betrachtet werden. Allerdings handelt es sich um eine Konstruktion, die die Lokalisierung eines Gegenstandes und die Einordnung innerhalb des therapeutischen Kommunikationszusammenhang erlaubt. Es handelt sich also um eine `quasi-diagnostische´23 Funktion, die eine Weiterbehandlung in einem klinischen System initiieren kann, daß heißt, daß durch die Hilfskonstruktion `Problemsystem´ das Thema und das Ziel einer Therapie formuliert werden kann. Die systemische Therapie führt also seine Beteiligten in eine neue Kommunikationsstufe ein, die einerseits durch die Professionalität des Therapeuten (und den damit verbundenen Ansprüchen) und andererseits durch die

Belange des Kunden und seinen Appell nach Hilfe gekennzeichnet ist.

Durch ein solches Nachsuchen nach Hilfe verändert sich notwendigerweise der kommunikative Zusammenhang, in dem das leiderregende Problem thematisiert wird.

Zusätzlich zur Mitgliedschaft an dem genuinen Problemsystem entsteht für den Kunden eine neue Kommunikationssituation, nämlich das klinische System. Hier gilt es, einen kommunikativen Rahmen zu entwerfen, in dem das Leid lösungsorientiert verhandelt werden soll.

Der Auftrag eines klinischen Systems kann nun in bezug gesetzt werden zu dem therapeutisch geschultem Verstehen des Helfers, wie es weiter oben dargestellt wurde. Durch eine Kommunikation über die System-Umwelt-Referenzen des Kunden kann sich der Therapeut ein hilfreiches Bild von dem sozialen Kontext des Betroffenen verschaffen. Dadurch kann sich nun die therapeutische Intervention nicht nur auf die problematische Mitgliedschaft in einem bestimmten sozialen System konzentrieren, sondern es wird gemeinsam verfügbares Wissen über andere kommunikative Zusammenhänge bereitgestellt, die gegebenenfalls alternative Optionen für das Verhalten und Erleben des Kunden anbieten können. Davon ausgehend kann dann der zunächst diffuse Wunsch des Klienten nach Hilfe konkreter gefasst werden, als eine wechselseitige Abstimmung der Interessen des Hilfesuchenden und des professionellen Helfers. Ludewig unterscheidet beim Kunden zwei Dimensionen, die ihn zu seinem Appell nach Hilfesuche motivierten, nämlich einerseits der Wunsch nach Erweiterung der individuellen Kompetenzen beim Erkunden kommunikativer Alternativen und der vorhandenen Entscheidungskriterien, die dazu angetan sind, den Umgang mit Problemen und dem daraus resultierendem Leiden zu erleichtern. Andererseits kann sich der Wunsch des Klienten auf Möglichkeiten der Verringerung des Leidens richten.24 Der Therapeut stellt sein prinzipielles Anliegen darauf ein und kann, gemäß Ludewig, nun im Gegenzug für zwei unterschiedliche Dimensionen der Hilfestellung optieren, nämlich für die Konvergenz oder für die Differenz. Mit der Strategie des konvergenten Handelns ist gemeint, daß der Helfer "seine Struktur zur Verfügung stellt und die Bildung einer dauerhaften Beziehung anstrebt; in diesem Fall gleichen sich die Strukturen von Helfer und Leidendem im Verlauf der Hilfestellung an."25 Demgegenüber beschreibt Ludewig die Strategie der Differ- enz als Einführung einer neuen, möglicherweise anregenden System-Umwelt-Referenz (nämlich der des Therapeuten), die bewußt als Katalysator eingesetzt wird. Der Kunde kann auf diese Weise beobachten, wie ein anderer Beobachter seine Probleme, seinen sozialen Kontext und sein psychisches Erleben auf unterschiedliche Weise verarbeitet und so gegebenenfalls durch eine zirkuläre Beobachtungsschleife, selbst wieder angeregt werden, seinen internen Systemzustand gemäß dieses neuen Inputs zu verändern. In der Kreuzung dieser vier unterschiedlichen Dimensionen der klinischen Zielformulierung ergeben sich dann wiederum vier verschiedene Hilfssysteme. Die Kombinations des Wunsch- es nach Erweiterung mit der konvergenten Hilfestellung korrespondiert mit einer Kommuni- kation, die als Anleitung angelegt ist. Erweiterung und Anregung durch differente Beobacht- ung konstituieren das Hilfssystem als Beratung, während der Wunsch nach Verringerung des Leidens je nach Orientierung an Konvergenz oder Differenz mit den Hifssystemen Begleitung und Therapie korrespondiert.26

Dieses Modell der Typologisierung von Hilfssystemen dient vorallem der Klarstellung eines Zieles innerhalb der Kommunikation zwischen Therapeut und Kunde und der Setzung eines Bezugsrahmens, der helfen kann zu entscheiden, was innerhalb der Kommunikation thematisiert werden sollte und was nicht. Es ist allerdings nicht ratsam dieses Modell als fixes Bedingungsgefüge aufzufassen, von dem nicht abgewichen werden darf. Es muß immer wieder reflektieren werden, inwiefern behutsame Verschiebungen zwischen den vier Dimensionen sinnvoll sein könnten.

Als anspruchsvollste Form eines sozialen Systems, in dem ein professioneller Helfer mit einem Kunden interagiert, gilt die Therapie, denn in ihr verdichtet sich die Paradoxie zwischen Zielbestimmung und prinzipielle Unmöglichkeit der unmittelbaren Beeinflussung am deutlichsen. Der Therapeut sieht sich hier einem Dilemma gegenüber, aus dem er aber durch ein konsequentes Abstellen der Therapie als Kommunikation im systemischen Sinne herausfinden kann.

Kurt Ludewig geht dementsprechend von der Möglichkeit des "`Leidverwindens´ im Dialog"27 aus. Der Therapeut muß sich dabei entsprechend seines Selbstverständnisses als respektvoller Partner in die Kommunikation einbringen, die einzig zum Ziel hat den therapeu- tischen Auftrag zu erfüllen und deshalb eine klare Definition der Rahmenbedingungen für die Interaktion mit dem Kunden erfordert. Die Rolle des Therapeuten im Dialog orientiert sich dabei an den Aspekten der Bestätigung und Öffnung: "Er sollte soviel bestätigen, wie seine Kunden benötigen, um vertrauensvoll mit ihm kooperieren zu können (...). Daneben sollte er aber soviel Neues, Unerwartendes, Öffnendes, Verstörendes - produktiv `Zufälliges´- einführen, wie unerläßlich erscheint, um das Problemsystem zu destabilisieren, also eine `heilsame Verstörung´ auszulösen."28

Zwar ist die Irritierbarkeit eines psychischen Systems das Korrelat eigener autopoietischer Prozesse, aber unter gegebenen Voraussetzungen, wie die Kontextsteuerung und die Reflexion von Selbst- und Fremdverstehen durch den Therapeuten und der Respekt vor dem Kunden als Individuum, sollte es zumindest möglich sein, die Prämissen der doppelten Kon- tingenz als positiv nutzbares Potential für die beteiligten Beobachter (und vorallem für den Kunden) auszuschöpfen. Es geht dabei letztlich nicht nur um die Anreicherung von Informa- tionen beim Kunden, sondern er kann durch die Mitgliedschaft in einem therapeutischen System beobachten und gegebenenfalls lernen, wie im Allgemeinen mit problematischen Themen innerhalb einer Kommunikation umgegangen werden kann. Unter Umständen vermag der Kunde dann durch die Beobachtung des Therapeuten, selbständig Formen der

Selbsthilfe zu entwickeln (dies würde natürlich kein Erlernen im Sinne einer Kopie der Handlungen des Therapeuten bedeuten, sondern eine systeminterne Konstruktion, die aber durch ein alter ego angeregt worden ist).

Die Setzung der Rahmenbedingungen, die eine solche positive Anregung überhaupt ermöglichen, ist Aufgabe des Therapeuten. Allein die Rolle des Therapeuten ist ausreichend beschreibbar, um aus ihr eine Methodik der Therapie zu entwickeln.29 Die Therapeutenrolle sollte sich, einem Vorschlag Ludewigs entsprechend, an den Leitmotiven Nutzen, Respekt und Schönheit orientieren: "Nutzen als Ziel der Therapie, Respekt als Grundhaltung des Therapeuten und Schönheit als Gestaltungsprinzip der Interventionen."30 Im Sinne des systemischen Denkens kann es allerdings keine objektive und universelle Therapietechnik geben, sondern Nutzen, Respekt und Schönheit sind Leitmotive die in der Kommunikation mit dem Kunden konsensuell abgestimmt werden müssen. Der Therapeut hat aber die Möglichkeit, seine Sachkompetenz fördernd einzubringen, indem er seine Praxis etwa an Leitsätzen orientiert, die die Waage halten zwischen den Ansprüchen eines professionellen Wissens und der Offenheit und Spontaneität des Therapeuten in der Kommunikation.31 Der Therapeut verfügt nun im Hinblick auf diese Prämissen über unterschiedliche Möglichkeiten, die therapeutische Kommunikation zu strukturieren. Er konzentriert sich dabei nicht nur auf die Mitgliedschaft des Kunden an einem Problemsystem, sondern er versucht, die "Aktivierung der ungenutzten, am Problem nicht beteiligten Ressourcen seiner Kunden (etwa alternative Denkmuster oder `Ausnahmen´ zur Problemkonstellation in der Lebensgeschichte seiner Kunden, wie sie in problemfreien Mitgliedschaften vorkommen)"32, zu fördern.

Im therapeutischen System soll der Kunde dazu angeregt werden, seine Probleme als veränderbar anzusehen und davon ausgehend motiviert werden, seine System-Umwelt-Unter- scheidungen auf eine Erweiterung der Fähigkeiten umzustellen. Im Dialog zwischen Thera- peuten und Kunden können im Hinblick darauf sinnvolle Interventionen eingesetzt werden. Ludewig stellt drei verschiedene Formen solcher Interventionen vor, die im Umkreis der systemischen Therapie entwickelt wurden, nämlich Fragen, Reflektieren und Empfehlen.33 Die Techniken des Fragens werden präzisiert als zirkuläres und als konstruktives Fragen. Das zirkuläre Fragen versucht über das ständige rekursive Einholen von Informationen den Kunden dazu anzuregen, eine Beschreibung der persönlich strukturierten Kommunikationen zu liefern, die im Zusammenhang mit dem Problem bedeutsam sind. Das hilft dem Therapeuten einerseits zu verstehen und andererseits kann durch die Effekte der Beschreibung auf den Kunden ein selbstevidenter therapeutischer Nutzen entstehen, da der Kunde zur

Beobachtung seiner System-Umwelt-Referenzen angehalten wird.

Konstruktive Fragen sollen demgegenüber dazu dienen, im Rahmen des therapeutischen Auftrags neue, unerwartete Sinnmöglichkeiten in den Dialog einzuführen. Der Therapeut stärkt dabei seine Rolle als differenter, aber helfender Beobachter.

Mit dem Reflektieren ist in diesem Zusammenhang vorallem die Tendenz innerhalb der sys- temischen Therapie gemeint, die Angemessenheit ihrer Intervention durch eine ständig mitlaufende Selbstbeobachtung abzusichern. Dies geschieht am besten innerhalb eines reflek- tierenden Teams.

Die Empfehlung kann dagegen in Form einer abschließende Intervention erfolgen, z.B. durch eine sogennante `paradoxe Verschreibung´ , die zu ungewohnten Handlungen anreizen soll.

Insgesamt sind die kommunikativen Bewegungen der systemischen Therapie also von einer ungewöhnlich hohen Selbstreflexivität geprägt, die zu einer genauen Differenzierung einzelner Therapieelemente führt. Darin liegt sicher eine Stärke dieser Therapieform34, wo jedoch etwaige Schwächen lokalisierbar sind, soll im abschließenden Kapitel dieser Arbeit thematisiert werden.

4. Mögliche Einwände gegenüber der systemischen Therapie

In der systemischen Therapie nimmt die Kommunikation als theoretischer und praktischer Begriff eine besonders hervorgehobene Stellung ein. Die Kommunikation ist nicht nur Medium und Instrument des produktiven Austauschs zwischen Therapeut und Patient, sondern die Kommunikation selbst stellt das Szenario für die Wechselfälle des psychischen Erlebens, für das Möglichwerden von Problemen, Lösungen und Alternativen, für das `Verstehen´ des Anderen und somit auch für die Optionen auf therapeutische Maßnahmen dar. Im Anschluß an die Systemtheorie versteht sich diese Therapieform sowohl als komplex genug als auch ausreichend befähigt, unterschiedliche Referenzebenen zu reflektieren, um Menschen psychotherapeutische Hilfe angedeihen zu lassen, ohne dabei eine zu Macht werdendes Wissen in der Kommunikation walten zu lassen. Die systemische Therapie stellt sich scheinbar in sehr bewußter Weise ihrem konstitutiven Paradoxon, das darin besteht, autonome und nicht steuerbare Individuen gezielt helfen zu wollen. Im Vergleich zu einer Theorie befindet sich aber die Therapie in einem entscheidenden Nachteil, denn sie muß ihre Adepten zu einem bestimmten Handeln in einem Bereich anleiten können, der nicht mehr den wissenschaftlichen Regeln gehorcht. Die psychotherapeutische Praxis ist deshalb vor allem an der Stabilisierung und Legitimation ihrer internen Prozesse bemüht, und weniger um eine Selbstbeobachtung im Hinblick auf ihr Verhältnis zur Umwelt außerhalb aller psycho-therapeutischen Strukturen. In diesem Sinne kann also die systemische Therapie im Vergleich zur Theorie nicht mit deren Komplexität und deren hoch aufgelösten Fähigkeit zur Beobachtung zweiter Ordnung Schritt halten. Die psychotherapeutisch notwendige Präskription "Helfe Deinem Kunden" verpflichtet zur größtmöglichen Funktionalität und zum Pragmatismus einer Therapie.

Gerade aber in dieser notwendig hypertrophierten Focussierung auf die eigene Funktionalität könnte der `blinde Fleck´ der systemischen (und auch jeder anderen) Psychotherapie liegen, denn das Bestreben praktisch nützlich und theoretisch legitim zu sein, könnte eventuell dazu verführen, die einmal gewählten Ausgangsbedingungen und Mittel für das gezielte Helfen zu pauschal als positiv, angemessen und nützlich zu betrachten.

Aber versuchen wir präziser zu werden: Hier soll davon gesprochen werden, daß sich die systemische Therapie, entgegen aller wohl aufrichtigen Beteuerungen, in ein Feld der Wissensproduktion einschreibt, in dem Fragen der Macht nicht gänzlich ausgeschaltet werden können und in dem durchaus eine Tendenz der Konditionierung von Selbst- und Fremdbezügen der Individuen festgestellt werden kann.35 Damit ist nicht gemeint, daß die systemischen Therapeuten irgendeiner Form von Macht bewußt in die Hände arbeiten, sondern es ist gemeint, daß die systemische Therapie nur ein Segment eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens darstellt, nämlich eine, sich quer durch viele unterschiedliche Funktionskreise ziehende Anstrengung in bezug auf die laufenden Kommunikationen und die kommunikativen Kompetenzen der Individuen. Überall wird, allerdings zu unterschiedlichem Zweck, an der Optimierung von kommunikativen Prozessen und den damit verbundenen Strukturen gearbeitet. Und auch wenn nicht alle diese Mechanismen an einem Strang ziehen, so stellen sich dennoch synergetische Effekte ein, nämlich eine Konditionierung der Individuen als hochleistungsfähige Kommunikatoren. Nun ist daran per se nichts schlechtes zu sehen, wenn Menschen häufig und kompetent kommunizieren und das gerade dann, wenn Kommunikationen immer seltener hierarchisch strukturiert sind. Hinter den Kommunikation in früheren Gesellschaftsordnungen lauerte häufig eine implizite Androhung von Gewalt, während man meint, heute in einer Gesellschaft zu leben, deren Kommunikation auf allen Ebenen eine weitestgehende Demokratisierung erfahren haben. Dies deckt sich auch mit den Befunden Niklas Luhmanns, der den gegenwärtigen funktional differenzierten Gesellschaften einen ungleich größeren Spielraum für frei zugängliche Kommunikationen zuschreibt, da in diesen Gesellschaften keine zentrale Grundsymbolik besteht, welche die das Handeln und Erleben der Individuen verpflichten könnte.

Dem ist sicher zuzustimmen, denn eine Grundsymbolik teilt Kommunikationen danach ein, ob ihr Inhalt zulässig ist oder nicht. Es geht dann darum, was kommuniziert wird. Demgegenüber könnte man aber vermuten (und dies keineswegs gegen Luhmann gewendet), daß statt dessen in den Gegenwartsgesellschaften immer stärker ein formales Setting implementiert wird, in dem es darum geht, wie die Beteiligung an Kommunikationen möglich ist. Individuen werden in Anbetracht der immer weiter gestreuten Referenzebenen auf eine starke Weise dafür stimuliert, sich mit einer Vielzahl von funktionalen Techniken des Kommunizierens vertraut zu machen.

Die Fähigkeit, kommunizieren zu können, sei es nun im privaten oder im öffentlichen

Bereich, sei es nun das Unter-Beweis-Stellen von `Teamfähigkeit´ im Beruf, oder sei es das unausgesprochene Diktum, die Entwicklung der `Neuen Medien´ nicht zu verschlafen usw., ist zu einem allgemein verpflichtenden Gebot gereift, das nicht mit Zwang durchgesetzt wird, das aber jedem Verweigerer, jedem Lernunwilligem schnell verdeutlicht, mit welchen Einbußen bei seiner Handlungsfähigkeit er zu rechnen hat.

Die systemische Therapie bildet bei der Etablierung des Selbstzwanges, die individuelle Kommunikationsfähigkeit zu pflegen oder zu steigern, keine Ausnahme. Sie ist im wesentlichen als soziale Dienstleistung angelegt und leistet damit im Bereich der persönlich strukturierten Zusammenhänge das, was z.B. im ökonomischen Bereich Sache der expandierenden Beraterbranche ist, nämlich die Optimierung der Kommunikationsfähigkeit bei gleichzeitig gesteigerter Sensibilisierung für (Selbst-) Beobachtungen, was man auch als Internalisierung von generalisierten Kommunikationsmodi bezeichnen könnte. Somit könnte man auch bei der systemischen Therapie das Moment einer Normalisierungs- funktion feststellen. Dies entkräftigt aber nicht das Projekt dieser Therapieform, da dennoch therapeutisch sinnvoll gehandelt werden kann; denn die Nützlichkeit der Therapie bemißt sich natürlich in erster Linie danach, ob sie in der Lage ist zu helfen und nicht unbedingt nach der Berechtigung theoretischer Einwände. Entscheidend ist aber, und dies gilt es festzuhalten, daß ein theoretischer blinder Fleck sich nicht zu einer Intoleranz in bezug auf den theoretischen und praktischen Bedingungsrahmen ausweitet und somit schließlich auch durch die Selbstbeobachtung nicht erkannt werden kann.

Der hier formulierte Einwand behauptet, daß die Konditionierung der Individuen zu einer gesteigerten Kommunikationsfähigkeit, Effekte zeitigt die auf Kosten mancher Individuen gehen, nämlich jene Individuen, die aus welchen Gründen auch immer nicht den Anforderungen einer multivariablen Kommunikationsfähigkeit genügen können.

Im Falle der systemischen Therapie kann man etwa feststellen, daß Menschen die unter fundamentalen Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen leiden, schwerlich einem Therapie- konzept zugänglich gemacht werden können, das kaum dazu in der Lage scheint, diese Formen psychischen Leidens mehr als nur beobachten zu können (weiter unten mehr dazu). Bei allen guten Absichten der systemischen Therapeuten, an der Entwicklung einer `politisch korrekten´ Psychotherapie zu arbeiten, die sich an einem Menschenbild orientiert, welches als zentrale ethische Prinzipien den Respekt vor dem Anderen und seiner Autonomie, die Akzeptanz der Vielfältigkeit des menschlichen Lebens und den korrekten Umgang mit dem Thema des psychischen Leidens (siehe "logische Buchhaltung") beinhaltet36, sollte zumindest darauf hingewiesen werden, daß auch eine hochgradig selbstreflexiv verfahrende Psychotherapie einen blinden Fleck im Hinblick auf Bezugsgrößen produziert, die außerhalb ihres genuinen Beschäftigungsfeldes liegen.

Die an dieser Stelle angeführten Überlegungen lassen sich anhand der Problematik schwerwiegender psychischer Krankheiten konkretisieren. Es soll gezeigt werden, wo das Konzept der systemischen Therapie an die Grenzen seiner Praktikabilität angelangt. Dabei wird die Meinung vertreten, daß das systemische Denken zwar im Sinne einer globaleren Beschreibung über Möglichkeiten verfügt, solche Krankheiten innerhalb ihres Theorierahmens adäquat zu beschreiben, aber daß daraus schwerlich konkrete Anregungen für die Psychiatrie und die Psychotherapie zu gewinnen sind.

Zunächst aber zu einem Versuch, die sogenannten Psychosen systemtheoretisch zu beschreiben (dabei gehe ich stärker von chronischen als von akuten Fällen aus):

Was kann in diesem Rahmen als Psychose verstanden werden? Sehr vereinfachend könnte man die psychische Disposition eines Individuums so bezeichnen, deren Dysfunktionalität das Zurechtkommen des Betroffenen in alltäglichen Kommunikationssituationen einschränkt oder gar unmöglich macht. Im Gegensatz zur sogenannten Neurose geht die Beeinträchtigung des Betroffenen weit über die möglicherweise als störend empfundenen, `unnützen´ Gewohnheiten hinaus.

Viele der gängigen psychiatrischen Diagnosen, wie z.B. das sogenannte Borderline-Syndrom, zeigen aus systemtheoretischer Perspektive eine Gemeinsamkeit darin auf, daß die Betroffenen unter einer basalen Funktionsstörung in bezug auf die Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz leiden. Das heißt, daß Ereignisse in der Umwelt eines Individuums systematisch `falsch´ attribuiert werden. Falsch bedeutet hier, daß die Attributionen dem Individuum zum Problem werden, weil es davon ausgeht, daß sich alle möglichen Vorkommnisse in der Umwelt auf es beziehen.

In der Selbstbeobachtung hat das Individuum demnach eine Schwierigkeit die eigene System- grenze zu lokalisieren und zu stabilisieren37. In der systeminternen Verarbeitung von Input aus der Umwelt wird die Kontingenz der möglichen Erregungszustände unterlaufen, indem die Selektion von Sinnoptionen auf einen Reduktionsmechanismus festfriert, nämlich der psychischen Krankheit. .

Andererseits scheint es diesen Individuen auch schwer zu fallen, Systeme in ihrer Umwelt als basal selbstreferentiell operierende Systeme wahrzunehmen, die zunächst nur für sich selbst Sinn produzieren. Die Beobachtung eines anderen Beobachters im Hinblick auf dessen Unterscheidungsweisen von Selbst- und Fremdreferenz ist durch die ständige Focussierung der `Interpretation´ auf sich selbst gestört. Daher kommt es in Kommunikationen, an denen sich Borderline-Patienten beteiligen häufig zu einem `Falschverstehen´ im Hinblick auf die Differenz von Information und Mitteilung. Dies geschieht in einer Weise, daß unabhängig von der Aussage einer Information immer ein Mitteilungsverhalten angenommen wird, in dem auf den Borderline-Patienten angespielt wird. Somit kommt also das die wichtigste Funktion der Kommunikation, nämlich die Komplexitätsreduktion entweder nicht zum Zuge, bzw. die Komplexität wird auf eine Sinnmöglichkeit reduziert, die negativ aufgefasst werden kann.38

Es macht unter Umständen Sinn, eine psychische Krankheit als ein eigenständiges Subsystem innerhalb eines psychischen Systems zu beschreiben, denn eine solche Krankheit scheint ihre Elemente und Ereignisse autopoietisch zu reproduzieren. Die Krankheit als System ist in der Lage Umweltkomplexität zu reduzieren und Kontingenz zu verarbeiten und das Problem liegt daran, daß dieses System seine Aufgabe zu gut macht. Denn einerseits reduziert sie immer wieder auf ein bestimmtes Resultat hin, das psychisches Leiden schafft und andererseits ist es beizeiten (in akuten Phasen) fähig, alternative Beobachtungsmodelle zu verdrängen.

Eine Therapie könnte sich im Anschluß daran fragen, welche Funktion dieses Subsystem für das Gesamtsystem erfüllt (z.B. Schutz, Kompensation von mangelnder Risikobereitschaft in Vertrauensangelegenheiten, eventuell auch eine paradoxe Erweckung des Anscheins von Stabilität in der Selbstbeobachtung etc.) Es sollte zumindest nicht gleich von der gänzlichen Dysfunktionalität der Krankheit für die betroffene Person ausgegangen werden, denn um Alternativen für den Psychotiker zu erkunden, muß geklärt sein, was die Krankheit positiv leistet. Erst dann kann die Möglichkeit für funktionale Äquivalente in Betracht gezogen werden, die den Betroffenen Chancen für eine Überwindung des Leidens eröffnen. Gleichzeitig könnte als therapeutische Maßnahme in Erwägung gezogen werden, die Patienten zu einer Art Lernen zweiter Ordnung anzuregen, das heißt nicht, daß sie etwa

`lernen´ könnten, was normal und was krank ist, sondern sie beobachten, was unterschiedliche Arten und Weisen der Handhabung von Fremd- und Selbstreferenz bedeuten können. Man lernt also nicht, wie man sich etwa als autonomes Individuum darstellen kann, sondern man beobachtet, wie Autonomie (oder etwa Krankheit, Aggression) in verschiedenen Kontexten und Funktionszusammenhängen optional eingebracht werden kann. Dieser Vorschlag lehnt sich eng an Gregory Bateson und dessen Begriff des "Deutero- Lernens"39 an. Er versteht darunter "daß das Subjekt lernt, sich in bestimmten Typen von Kontexten zu orientieren, oder `Einsicht´in die Kontexte der Problemlösung gewinnt. Im Jargon des Referats können wir sagen, daß das Subjekt eine Gewohnheit erworben hat, eher nach Kontexten oder Abfolgen des einen anstelle eines anderen Typs zu suchen". Und weiter: "wir sind bei der Hypothese angelangt, daß `lernen zu lernen´ ein Synonym für die Annahme der Klasse von abstrakten Denkgewohnheiten ist, mit denen wir uns in diesem Referat aus- einandersetzen; daß die Geisteszustände, die wir `freier Wille´, instrumentelles Denken, Dominanz, Passivität usw. nennen, durch einen Prozess erworben werden, den wir mit `lernen zu lernen´ gleichsetzen können."

Natürlich ist dieses Lernen zweiter Ordnung systemtherapeutisch nur brauchbar, wenn es mit den schon im Hauptteil beschriebenen Prämissen, wie z.B. den Bedingungen der Möglichkeit von Verstehen kompatibel ist. Aber das herauszufinden könnte die Aufgabe einer erweiterten systemischen Therapie sein, die sich weniger scheut auch behelfsmäßige Konstruktionen zu entwickeln, die psychische Krankheiten, wie etwa das Borderline-Syndrom therapeutisch handhabbar machen. Soweit das von dieser Stelle zu übersehen ist, fehlen hier noch die entsprechenden Konzepte und es könnte schwierig werden, sie aus dem systemischen Denken heraus zu entwickeln. Ein Weg könnte aber sein, daß sich die Psychotherapie nicht nur auf die Beobachtung von Kommunikationen stützt, sondern daß sie versucht, Modelle zu entwerfen, die sich auf sinnverwendende Systeme im Allgemeinen beziehen. Es könnte durchaus interessant sein, sich den Mechanismen der Sinnproduktion innerhalb psychischer Systeme zuzuwenden, um eventuell darüber Aufschluß zu erhalten, wie Sinn innerhalb eines `psychotischen´ Subsystems prozessiert und worin die Unterschiede zu anderen psychischen Systemen konkret bestehen.

Es ist natürlich offenkundig, daß man dabei ein nicht zu unterschätzendes Risiko einginge, denn es wäre notwendig, stärker als bisher die Individuen als psychische Systeme in ihrer Totalität und nicht nur als Mitglieder in sozialen Systemen zu beobachten. Nun kann man mit Recht einwenden, daß eben dies nicht möglich ist, wenn von den Prämissen der Systemtheorie ausgegangen wird. Die Antwort lautet dann: Stimmt, aber einen

Versuch wäre es wert. Man müßte nur wagen, sich auf die Kontingenz und Konstruiertheit jeder Modellbildung einzulassen. Es wäre beispielsweise interessant genug, Überlegungen darüber anzustellen, wie eine innere Landkarte eines Borderline-Patient erstellt werden kann, die nicht nur aktualisierte Sinnselektionen erfasst, sondern sich auch spekulativ um die Erkundung der virtuellen Sinnmöglichkeiten bemüht, die zur psychischen Krankheit mehr oder weniger latent in Bezug stehen. Warum sollte es unmöglich sein, beispielsweise die Theorie des Unbewußten mit systemtheoretischen Gedanken zu kombinieren? Aus hiesiger Perspektive gibt es keine Bedenken gegen die Verwässerung einer `reinen Lehre´, sondern nur die Verpflichtung, daß eine mögliche Weiterentwicklung das Niveau des bisher erreichten Theoriestandes nicht unterschreiten darf. Alles weitere bleibt abzuwarten.

[...]


1 Beobachtungen strukturieren ein systeminternes Gedächtnis, welches als individuelles Ordnungsund Selektionsmuster beschrieben werden kann. Identität ist somit vorallem ein Ausagieren der im Gedächtnis angelegten Differenzen. Durch die basale Selbstreferenz eines Systems ist dabei die Reproduktion der Komponenten sichergestellt. In der (Selbst- )beobachtung wird das System mit einer Vielzahl von "Kognitions-Emotions-Einheiten" gespeist. Mit dem Terminus "Kognitions-Emotions- Einheiten" soll, so Günter Schiepek "die künstliche Trennung zwischen Kognition und Emotion (...) aufgegeben" werden. vgl. ders., Systemtheorie der Klinischen Psychologie, a.a.O., S.148. Im Zusammenhang mit dem psychischen Erleben von Individuen macht es Sinn nicht zwischen Kognition und Emotion zu unterscheiden, da es schließlich nicht fixierbar ist, ob der Input aus der Umwelt von einem Individuum eher emotional oder eher kognitiv-`rational´ erlebt wird.

2 Mit Fixierungen bzw. Schemata sind hier bestimmte Ordnungsraster gemeint, die dazu führen, daß bestimmte Ausgangssituationen zu Wiederholungen oder sogar Ritualisierungen in bezug auf die Abläufe von Kommunikationen und damit auch in bezug auf psychisches Erleben, neigen.

3 Günter Schiepek bemüht sich um die Ausarbeitung einer auf der Systemtheorie fußenden Psychologie, z.B. in der auch im Rahmen dieser Arbeit rezipierten Arbeit: Systemtheorie der klinischen Psychologie, Braunschweig/ Wiesbaden 1991 oder der ebenfalls von Schiepek zusammen mit Wolfgang Tschacher herausgegebene Band: Selbstorganisation in Psychologie und Psychiatrie, Braunschweig/Wiesbaden 1997

4 Niklas Luhmann, Soziale Systeme, a.a.O., S.156

5 "Wenn man überlegt, wie es möglich ist, `im Hinblick auf Selbstreferenz zu beobachten´, dann kann die Antwort jetzt nur lauten, daß man beobachten muß, wie das beobachtete System für sich selbst die Differenz von System und Umwelt handhabt. Oder in etwas anderer Formulierung: wie es sich selbst in Differenz zu seiner Umwelt handhabt." Niklas Luhmann, Systeme verstehen Systeme, zitiert nach Günter Schiepek, Systemtheorie der klinischen Psychologie, a.a.O., S.158

6 Niklas Luhmann, zitiert nach: Günter Schiepek, a.a.O., S.158

7 ebd., S.159

8 "Es geht nicht nur darum, was mitgeteilt wurde, sondern auch darum, wie, wann, was nicht etc." ebd., S.159

9 vgl., ebd., S.159

10 ebd., S.160

11 vgl., Ludewig, Karl, Systemische Therapie, Grundlagen klinischer Theorie und Praxis, Stuttgart 1992., S.149

12 Schiepek, Günter, a.a.O., S.165

13 Willke, Helmut, zitiert nach Schiepek, a.a.O., S.165

14 ebd., S.165

15 Kurt Ludewig, Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis, Stuttgart 1992

16 Ludewig, a.a.O., S.110

17 "soziale Systeme lassen sich demnach definieren als Komplexe von Mitgliedern, die einen thematisch gefassten Sinn verwirklichen. Ohne Menschen gibt es weder Mitglieder noch soziale Systeme, doch als die komplexere Einheit kann der Mensch jederzeit seine Mitgliedschaft verändern oder gar aufkünigen." Ludewig, a.a.O., S.113

18 Das Konzept der Mitgliedschaft läßt sich weitgehend mit Niklas Luhmanns Überlegungen zur "`Form´ Person" zur Deckung bringen. Das Personsein stellt bei Luhmann die soziale

Außenfläche von Individuen dar, also das, was von der Umwelt aus beobachtet werden kann. Die Darstellungen, welche Personen in je unterschiedlichen sozialen Situationen lancieren, sind für die Beobachter die einzigen Anhaltspunkte für eine Verarbeitung und Bewertung des Gegenübers, auch wenn in Rechnung gestellt werden müßte, daß das Personsein von Situation zu Situation variieren kann und keinesfalls zuverlässige Rückschlüsse über das Innenleben der Individuen erlaubt. Bei Luhmann wird aber im Vergleich zur systemischen Therapie stärker auf die Funktion des Personseins für die Aufrechterhaltung sozialer Systeme abgehoben, während die Psychtherapie eher an den Strategien individueller Verarbeitung von Mitgliedschaften interessiert ist. Vgl. Niklas Luhmann, Die Form `Person´, in: ders., Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen 1995, S.148-154

19 Ludewig, a.a.O., S.111

20 Ludewig, a.a.O., S.116f.

21 "Klinisch relevante Problemsysteme entstehen meist nach folgendem Modell: A, der für B emotional wichtig ist, äußert etwas zu B, das dieser - zu Recht oder zu Unrecht - als Abwertung und als Appell im Sinne des Imperativs `Ändere dich!´ versteht. Das löst bei B eine negative emotionale Reaktion aus (Unwohlsein, Spannunung, Traurigkeit, Ärger): Er fühlt sich abgeleht oder diffamiert, weil er die Äußerung A´s als kränkend, beleidigend oder enttäuschend deutet. Aufgrund seiner Gefühle reagiert B in einer Weise, die A seinerseits negativ bewertet: B fordert von A, seine Forderungen zurückzunehmen. Gelingt es den beiden nicht, die Lage - etwa durch Metakommunikation - zu entspannen, kann sich die Problemkommunikation konsolidieren, das Problem eskalieren." Ludewig, a.a.O., S.117

22 ebd., S.117, und: "Veränderung oder Auflösung des Problemsystems werden an eine unerreichbare `instruktive Interaktion´ geknüpft; diese äußert sich in der Forderung: `Erst du, dann ich´ (erst wenn du deine Bewertung zurücknimmst, lenke ich ein). Daher neigen solche Systeme zu ihrer besonderen Stabilität: Die Kommunikation wird immer ritueller und `trivialer´ (monotoner, vorhersagbarer) und das `mehr desselben´spitzt die Lage unerträglich zu. Keiner der Beteiligten kann den ersten Schritt zur Annäherung machen." ebd., S.118

23 Die systemische Therapie steht der Methode der klinischen Diagnose kritisch gegenüber, da diagnostisch vorzugehen impliziert, daß eine objektive Erkenntnis möglich wäre, die die Intransparenz psychischer Systeme überschreitet und außerdem ein hierarchisches Verhältnis zwischen Therapeuten und Kunden implementiert. Diagnosen dürfen so gesehen weder ontologisierend sein noch zur `Erfindung´ weiterer Probleme, die letztlich eine Konstruktion des Diagnostikers wären, beitragen.

24 Ludewig, a.a.O., S.122

25 ebd., S.122

26 Einfügen des Schaubildes auf Seite 123

27 Ludewig, a.a.O., S.124

28 ebd., S.125

29 ebd., S.127f.

30 ebd., S.129

31 Schaubild auf S.130!

32 ebd., S.132

33 ebd., S.136

34 Man sollte sich bei der Betrachtung der systemischen Therapie vor Augen halten, daß ihre Theoretiker und auch ihre Praktiker sich trotz aller Unterschiede in den Gesamtbereich der Psychotherapie ansiedeln. Es ist deshalb vielleicht angemessener, die systemische Therapie als ein Supplement zu den gängigen psychotherapeutischen Unternehmen zu beschreiben, denn die Systemtherapie allein hat relativ wenige praktische Anleitungen genuin entwickelt. Dies stellt auch Kurt Ludewig fest und in in der Praxis kommt es wohl ohnehin - nach Auskunft eines Praktikers - zu einer Kombination aus verschiedenen Therapiestilen. Man könnte deshalb sagen, daß der eigentliche Zugewinn durch die systemische Therapie in der Ausarbeitung eines systemtheoretischen Konzepts liegt, welches unter Umständen, in angepasster Form, auch in anderen Therapieformen zur Anwendung gelangen könnte. Und warum sollten zum Beispiel Tiefenpschologen nicht auch systemisches Denken nutzen können?

35 An dieser Stelle lehne ich mich lose an unterschiedliche Überlegungen von Michel Foucault an. Es geht dann darum, daß Macht alleine schon dort sichtbar wird, wo versucht wird eine beliebige Form der Erkenntnis oder der Sozialtechnik zu etablieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob sich dieses Wissen als Emanzipation ausgibt, denn trotzdem vollzieht sich der Einsatz von bestimmten Richtlinien innerhalb eines Diskurses, die dann die Möglichkeiten des Beobachtens präformieren. Wer deshalb Kommunikationsfähigkeit in bestimmten Bereichen aus ethischen Gründen fördert, muß zumindest damit rechnen, daß diese Anforderung in anderen Bereichen mit Neuarrangements von Machtstrukturen korrespondieren kann, wenn etwa der effektive aber nicht `teamfähige´ Angestellte um seine Stellung bangen muß.

36 Ludewig, a.a.O., S.80

37 Borderline-Patienten neigen zu autoaggressiven Handlungen und fügen sich häufig selbst Verletzungen zu. Als Erklärung stellen sie dann oft fest, daß sie dies tun, um sich `richtig spüren zu können´. Diese Selbstvergewisserung durch Autoaggression könnte also auf die Schwierigkeit hinweisen, sich selbst als autonomes psychisches System erleben und beobachten zu können.

38 Jede Unterhaltung kann auf diese Weise einem Borderliner Anlass geben, sein Unbehagen gegenüber der Umwelt und damit auch gegenüber sich selbst zu verstärken. In einem stark paranoiden Erleben wird die Umwelt auf meist hintergründige Weise als bedrohlich empfunden. Fragen wie "was hast Du am Wochenende gemacht?" können da schon als Auslöser genügen. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung sei noch erwähnt. Ein harmloses Gespräch mit einer Person über Fußballspieler wurde von einer anwesenden Borderlinerin als codierte und konspirative Kommunikation über sie selbst aufgefasst.

39 Gregory Bateson, Sozialplanung und der Begriff des Deutero-Lernens, in: ders., Ökologie des Geistes, Ffm 1983, S.228f.

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Details

Titel
Die systemische Therapie - Ein paradoxes Unternehmen zwischen möglicher Intervention und unmöglicher Voraussicht
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
30
Katalognummer
V96450
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Therapie, Unternehmen, Intervention, Voraussicht
Arbeit zitieren
Kristian Donko (Autor), 1999, Die systemische Therapie - Ein paradoxes Unternehmen zwischen möglicher Intervention und unmöglicher Voraussicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96450

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