Ökonomie und Politik in traditionellen Industrieregionen


Seminararbeit, 1998

36 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Ökonomischer Strukturwandel
2.1 Die Regulationstheorie als Methode den ökonomischen Strukturwandel zu erklären
2.2 Der Prä-Fordismus
2.3 Der Fordismus
2.4 Die Krise des Fordismus
2.5 Die industrielle Entwicklung in den verschiedenen Phasen des Kapitalismus

3 Regionalökonomische Ansätze 10 -
3.1 Konzepte der Regionalanalyse in der Phase des Fordismus
3.2 Konzepte der Regionalanalyse in den 70er Jahren
3.3 Das Konzept der Regionalanalyse Mitte der 80er Jahre - Regionale Produktionsmilieus
3.4 Regionale Produktionsmilieus im Kontext der Regulationstheorie

4 Internationale politische Strategien der regionalen Erneuerung 16
4.1 Das britische Modell
4.1.1 Die London Dockland Developement Corporation
4.2 Das amerikanische Modell
4.2.1 Generelle Einwände gegen den Privatism

5 Regionale Erneuerung am Beispiel der IBA Emscher Park
5.1 Der Strukturwandel und seine Folgen im Ruhrgebiet
5.2 Die soziale Erneuerung der Region
5.3 Ziele und Konzepte der Internationalen Bauausstellung
5.4 Probleme des IBA-Konzepts
5.5 Projekte der IBA

6 Die Erneuerung der Hamburger Stadtpolitik 27
6.1 Auswirkungen des ökonomischen Strukturwandels in Hamburg
6.2 Veränderungen in der Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik
6.3 Soziale Folgen des Wandel der Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik

7 Resümee

8 Literatur

1. Einführung

Der ökonomische Strukturwandel in den 70er Jahren hatte bedeutende Konsequenzen für die westlichen Industrieländer. Während sich auf dem tertiären Sektor ein enormes Wachstum vollzieht, befindet sich das produzierende Gewerbe seitdem im Niedergang. Regionen, die traditionell auf die industrielle Produktion festgelegt sind, befinden sich in Wachstums- und Beschäftigungskrisen, die teilweise Prozesse der Deindustrialisierung zur Folge haben. Die Wirtschaft und die Politik in den betroffenen Regionen müssen seitdem überlegen, wie sie dem Niedergang entgegentreten wollen.

Der Text dieser Hausarbeit kann in zwei Bereiche unterteilt werden. Der erste Teil, mit den Kapiteln 2 und 3, beschäftigt sich zunächst mit den theoretischen Rahmenbedingungen der regionalen Erneuerung. Anfangs soll mit Hilfe der Regulationstheorie erklärt werden, wie der Niedergang der Industrieregionen zustande gekommen ist. Das 3. Kapitel beschäftigt sich dann mit Theorien, die beschreiben, unter welchen Umständen Regionen prosperieren können. Der zweite Teil dieser Hausarbeit, mit den Kapiteln 4 bis 6, steht unter dem Gesichtspunkt, wie einzelne Regionen versuchen, den ökonomischen Strukturwandel zu überwinden. Das 4. Kapitel beschreibt mit dem britischen und amerikanischen Modell zwei internationale Strategien, während im 5. und 6. Kapitel untersucht wird, wie das nördliche Ruhrgebiet und die Stadt Hamburg versuchen, den Niedergang der Industrie zu kompensieren. Abschließend sollen im 7. Kapitel die beiden letztgenannten Strategien und ihre Umsetzung verglichen und bewertet werden.

2. Der ökonomische Strukturwandel

In diesem Kapitel soll die zentrale Frage gestellt werden, wie sich die Industrie in den letzten 150 Jahren gewandelt hat und wie es dazu kam, daß sich heute viele traditionelle Industrieregionen im Niedergang befinden. Die französische Regulationstheorie, in deren Kontext ich die industrielle Entwicklung der BRD untersuchen will, unterscheidet verschiedene Phasen des Kapitalismus, die unterschiedliche Auswirkungen auf die industrielle Entwicklung haben.

2.1. Die Regulationstheorie als Methode den ökonomischen Strukturwandel zu erklären

Die französische Regulationsschule versucht, die Gesellschaftsstruktur des Kapitalismus durch zwei Ebenen zu unterscheiden: den Akkumulationsmodus und die Regulationsweise. Der Akkumulationsmodus ist ein bestimmter Produktionsmodus, der „über eine längere Periode hinweg ein Entsprechungsverhältnis zwischen den materiellen Produktionsbedingungen und ihrer Entwicklung sowie dem gesellschaftlichen Verbrauch gewährleistet.“[1] Er beschreibt also die Form der kapitalistischen Ausbeutung, was vorrangig mit der Art der Arbeitsprozesse verbunden wird. Die Fragen, die sich dabei stellen, sind, wie die Arbeitsprozesse organisiert sind, wie sich das Kapital verwertet und wie der Mehrwert angeeignet wird. Damit die Akkumulation und Verwertung des Kapitals gewährleistet werden können, ist eine Regulationsweise notwendig, die das Verhältnis von Produktion und Konsumption abstimmt. Diese Regulationsweise ist ein „komplexes Geflecht von Institutionen, Steuerungsmedien, normativen Orientierungen und sozialen Verhaltensweisen“[2]. Sie muß dafür sorgen, daß sich die Menschen „nach den jeweiligen Bedingungen der Akkumulation verhalten, also entsprechende Arbeits-, Lebens- und Konsumweisen sowie bestimmte Interessenswahrnehmung praktizieren.“[3] Nur wenn dies gegeben ist,kann sich der Akkumulationsmodus für eine bestimmte Zeit stabilisieren. Besonders wichtig dabei ist das Verhältnis von Akkumulationsmodus und Regulationsweise. Weder ist die Regulationsweise ein Produkt des Akkumulationsmodus, noch ist der Akkumulationsmodus ein Produkt der Regulationsweise. Sie sind zwei relativ getrennte gesellschaftliche Bereiche, die aber aufeinander bezogen sein müssen, weil, wenn sich beispielsweise der Akkumulationsmodus ändert, sich auch die Regulationsweise verwandeln muß. Wenn dies nicht geschehen würde, würde die neue Form des Kapitalismus keine Stabilität bekommen.

Die Antwort auf die Frage, warum der Kapitalismus unterschiedliche Gestalt annimmt, ist in der „krisenhaften Dynamik des Akkumulationsprozesses“[4] und in den damit zusammengehörenden sozialen Konflikten zu finden. Joachim Hirsch und Roland Roth stellen dazu fest, daß „jede historische Form des Kapitalismus (...) ihre eigenen Krisenprozesse“ hat.[5] Da sich jede neue Gestalt des Kapitalismus nur stabilisieren kann, wenn die jeweilige Regulationsweise es schafft, die Verwertung des Kapitals zu garantieren, beginnt dann eine Krise, wenn der Akkumulationsmodus an die institutionellen Grenzen der Gestalt des Kapitalismus trifft. Diese Grenzen liegen sowohl im Akkumulationsmodus selbst als auch in der Regulationsweise. Wenn diese Grenzen erreicht sind, dann ändern sich die beiden Ebenen, so daß eine neue Formation des Kapitalismus entsteht. Die Änderungen vollziehen sich nicht nach einem festen, vorbestimmbaren Muster, sondern sie sind Ergebnis sozialer Konflikte und Klassenauseinandersetzungen deren Resultat „von der Stärke, den Strategien und Erfolgen der beteiligten Akteure abhängt“.[6] Die Regulationsweise kann also nicht so einfach geändert werden, weil es eine Sache der Verhandlung zwischen Politik als das Instrument der Zulassung, Wirtschaft als Interessent für eine Ausweitung der Ausbeutung und Gewerkschaften als Vertretung der Arbeitnehmer ist, wenn beispielsweise die Arbeitsdisziplin verändert werden soll oder soziale Sicherungssysteme abgebaut werden sollen.

Da sich, wie beschrieben, die Formation des Kapitalismus in der Geschichte geändert hat, unterscheiden Regulationstheoretiker verschiedene aufeinanderfolgende Phasen von Akkumulationsmodi und Regulationsweisen. Die erste Phase ist der Prä-Fordismus in der Zeit von Mitte des 19. Jahrhunderts bis nach dem ersten Weltkrieg. Die zweite Phase ist der Fordismus, der nach dem ersten Weltkrieg schon in Umrissen sichtbar wird. Die eigentliche Epoche des Fordismus ist zeitlich von etwa 1950 bis 1973 festgesetzt. Seit der Mitte der 70er Jahre ist die Phase der Krise des Fordismus angebrochen, in der auch versucht wird, einen neuen postfordistischen Akkumulationsmodus durchzusetzen. Dabei sollte noch darauf hingewiesen werden, daß die einzelnen Phasen in unterschiedlichen Ländern verschieden verliefen und auch der zeitliche Rahmen dieser Phasen von Land zu Land variiert.

In den folgenden Abschnitten sollen zunächst die einzelnen Formationen des Kapitalismus charakterisiert werden und die Entwicklung in Deutschland beschrieben werden. Danach soll noch die Bedeutung der Veränderungen für den industriellen Sektor in den einzelnen Zeitabschnitten dargestellt werden.

2.2. Der Prä-Fordismus

Die Phase des Prä-Fordismus war geprägt von einer ausgedehnten Akkumulation. Das Niveau der Technologie war relativ stabil und änderte sich wenig. Der Mehrwert wurde in dieser Phase erhöht, indem die Arbeitszeit verlängert wurde oder die Löhne gesenkt wurden, wodurch die Bevölkerung in relativer Armut lebte und über eine geringe Kaufkraft verfügte. Die Produkte konnten deswegen auch weniger im eigenen Land abgesetzt werden, sondern mußten in Kolonien oder vergleichbaren Gebieten vertrieben werden. Der Staat schritt in dieser Phase nur wenig in die Produktion ein und versuchte eher die Rahmenbedingungen der Produktion festzulegen.

2.3. Der Fordismus

Die Phase des Fordismus ist eng verknüpft mit dem US-amerikanischen Industriellen Henry Ford, der 1903 die Ford Motor Company gründete. Diese wurde ab dem Jahre 1914 durch Anwendung neuster wirtschaftlicher und technischer Methoden, äußerster Rationalisierung sowie Einführung der Fließbandarbeit eine der größten Automobilfabriken der Welt. Um die neue Massenproduktion zu rationalisieren, wurde der Taylorismus eingeführt. Der Taylorismus ist die Lehre von der wissenschaftlichen Betriebsführung, die auf genauen Zeit- und Arbeitsstudien beruht, aus denen für jede menschliche Tätigkeit die allein richtige Bewegungsfolge ermittelt werden sollte. Die Arbeiter erhielten dafür einen relativ guten Lohn und zudem Freizeit. Die Produkte des Massenkonsums wurden standardisiert, um billiger zu werden und um somit auch höhere Absatzzahlen zu erreichen. Damit dies geschehen konnte, mußte sich natürlich eine neue Regulationsweise durchsetzen, weil sich ansonsten beispielsweise weiterhin diejenigen, welche die Güter produzierten, sie sich nicht leisten und konsumieren konnten.

Erste Anzeichen für diese neue Formation des Kapitalismus gab es schon in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts. Schon zu dieser Zeit wurde versucht, den neuen Akkumulationsmodus mit starken Rationalisierungen und der taylorschen Massenproduktion einzuführen, was aber Ende der 20er Jahre scheiterte, da sich die Regulationsweise noch nicht dementsprechend geändert hatte und kein stabiles Verhältnis von Produktion und Konsumption hergestellt war. Diese entwickelte sich und trat erst nach dem 2. Weltkrieg in volle Erscheinung, so daß man ab dort eigentlich erst vom Fordismus sprechen kann. Die Regulationsweise änderte sich insofern, daß sozialstaatliche Sicherungen eingeführt wurden mit dem Interesse einerseits die Arbeitskräfte physisch zu erhalten und andererseits den Massenkonsum zu stabilisieren. Durch eine Standardisierung der Lohnarbeitsverhältnisse bildete sich auch die Stärke der Gewerkschaften heraus, da sie mehr Arbeitnehmer mit ähnlichen Interessen vertreten konnten.[7] Die angewachsene Macht wurde benötigt, um eine große Menge rechtliche und soziale Schutzregelungen einzuführen.

Die ökonomische Entwicklung in Deutschland kennzeichnete sich dadurch aus, daß es in dieser Phase aufgrund der Steigerung der Arbeitsproduktivität durch die industrielle Massenproduktion stabile und hohe Wachstumsraten gab. Zudem stiegen die Einkommen stetig und ebenso wuchs die Nachfrage an den neuen preiswerten Gebrauchsgütern. Daneben ist für die Phase des Fordismus charakteristisch, daß sich die traditionellen sozialen Milieus aufgelöst haben. Die sozialen Lagen wurden standardisierter, da im fordistischen Kapitalismus alle Menschen vom Kapitalverwertungsprozeß mehr und mehr direkt abhängig wurden. Gleichzeitig haben sich die Familienstrukturen geändert. Die Kleinfamilie wurde zur allgemein herrschenden Lebensform in den kapitalistischen Metropolen.[8] Eine weitere Folge des Fordismus war, daß die natürlichen Ressourcen rücksichtslos ausgebeutet wurden.

2.4. Die Krise des Fordismus

Der Fordismus geriet Anfang der 70er Jahre in die Krise, da die permanenten Fortschritte in der Produktivität der tayloristischen Massenproduktion nachließ und damit auch die Profitrate abnahm. Um diese Krise zu verhindern, wären Maßnahmen wie beispielsweise Lohnsenkungen notwendig gewesen. Diesen Maßnahmen stand aber die Regulationsweise, die vorher noch bei der Entwicklung des Fordismus behilflich war, in der Form der Gewerkschaften und des Sozialstaates im Wege. Daran zeigt sich wieder, daß die Änderung der Regulationsweise ein sozialer Prozeß ist, dessen Ergebnis im Konflikt von der Stärke der jeweiligen Vertreter abhängig ist. Das Zurückgehen des Wirtschaftswachstums, das durch keine neue Regulation aufgehalten wurde, bewirkte daß die Arbeitslosigkeit anstieg, die Inflation zunahm und die Einkommen stagnierten oder geringer wurden. Gerade dadurch, daß in dieser Phase die Arbeiter effektiv weniger Geld bekamen, zeigt sich das Dilemma der Krise des Fordismus, weil eine niedrigere Kaufkraft bewirkte, daß die Massenprodukte weniger gekauft werden konnten und somit sich die Krise wiederum verschärfte. Die Einkommen konnten aufgrund der Internationalisierung geringer werden, die dadurch entstand, daß einige ehemalige sogenannte unterentwickelte Länder, wie die Tigerstaaten oder die ehemaligen Schwellenländer, in Teilen der Produktion konkurrenzfähig wurden. Diese Internationalisierung konnte deswegen zustande kommen, weil ein Interesse des Kapitals die Liberalisierung des Welthandels und die Öffnung neuer Investitionsmärkte war. Dadurch bekamen die multinationalen Konzerne eine immer größere Rolle in der Weltwirtschaft. Die Folge für die nationalen Ökonomien waren, daß der Exportsektor eine größere Bedeutung bekam und die Binnenmarktorientierung, die eigentlich typisch für den Fordismus war, abnahm.[9]

In der Phase der Krise des Fordismus entstand ein neuer sogenannter postfordistischer Akkumulationsmodus, der sich durch neue Arbeitsorganisationsformen und neue Produktionstechniken, wie Informationstechnologie, Dienstleistungsrationalisierung oder Biotechnologie,auszeichnet. Beispiele für die neuen Formen der Arbeitsorganisation sind die sogenannte lean production oder die Flexibilisierung. Der Grund, warum sich der Postfordismus noch nicht durchgesetzt hat und die Krise des Fordismus noch andauert, liegt darin, daß sich noch keine entsprechende neue Regulationsweise etabliert hat.

2.5. Die industrielle Entwicklung in den verschiedenen Phasen des Kapitalismus

In der Phase des Prä-Fordismus existierten der traditionelle Sektor und der moderne industrielle Sektor nebeneinander. Der traditionelle Sektor war zwar auf dem Land am festesten verwachsen, aber auch in der Stadt zu finden. Der ländliche Raum war vornehmlich Ressource an Menschen, Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Erholung für den industriellen städtischen Raum. Die Ökonomie des ländlichen Raumes war größtenteils subsistenzorientiert und prägte die wachsenden Industriestädte.

In der Phase des Fordismus hörte das Nebeneinander von Land und Stadt auf zu existieren und die Entwicklung ging dahin, daß das Land zunehmend von der Stadt abhängig wurde. Die Stadt wurde zudem als Gestaltungsvorbild für das Land angesehen, was sich auch dadurch ergab, daß sich das industrielle Wachstum hauptsächlich in der Stadt vollzog und dadurch, daß die fordistische Moderne auch die Industrialisierung der Landwirtschaft beinhaltete. Somit wurde auch der Anspruch formuliert, daß das Land die Industrialisierung der Stadt aufholen müsse.

In der Phase der Krise des Fordismus gerieten viele Industrieregionen in die Krise, da durch die internationale Umstrukturierung einerseits das Wachstum zurückging und andererseits viele Arbeitsplätze verloren gingen. Es gab in dieser Zeit aber zugleich einzelne Regionen, die industrielles Wachstum vorweisen konnten. Dies gilt auch für einige ländliche Regionen, die Standortvorteile erlangt haben, die früher den Metropolen vorbehalten waren. Zwei Beispiele dieser Vorteile sind, daß ländliche Regionen durch die wachsende Mobilität besser zu erreichen sind und daß die Steuern in den ländlichen Gemeinden weitaus niedriger sind als in den Städten.

Wie sich in den einzelnen Phasen der industrielle Sektor zahlenmäßig verändert hat, kann man gut aus der folgenden Grafik entnehmen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Anteil des produzierenden Gewerbes an den Erwerbstätigen (in Prozent)[10]

In den Phasen des Prä-Fordismus und des Fordismus entwickelte sich der industrielle Sektor stetig nach oben. Im Zeitraum von 1970 bis 1975 nahm der Anteil des produzierenden Gewerbes erstmals um 4% ab. Dies ist eine Folge des Wandels des Kapitalismus zur Krise des Fordismus. In dieser Phase gab es eine stetige Rückentwicklung des sekundären Sektors. Aus der Grafik wird ebenfalls deutlich, daß seit Beginn der 90er Jahre sich eine stärkere Abwärtsentwicklung im industriellen Sektor herausbildet. Der Anteil des produzierenden Gewerbes nahm von 1990 bis 1995 um 5% ab, während er in den Jahren zuvor jeweils relativ gesehen weniger gesunken ist. Dies kann so interpretiert werden, daß seit den 90er Jahren sich der postfordistische Akkumulationsmodus immer mehr durchsetzt.

3. Regionalökonomische Ansätze

Die regionalökonomischen Ansätze beschäftigen sich damit, welche Bedingungen in einer Region vorhanden sein müssen, damit sie prosperieren kann. In diesem Kapitel soll untersucht werden, wie die regionalökonomischen Überlegungen in den jeweiligen Phasen des Kapitalismus aussahen und sich veränderten. Während in der Phase des kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufschwungs eigentlich alle Regionen anwuchsen, mußte man in der Zeit der Krise des Fordismus dazu übergehen zwischen den Regionen, die sich unterschiedlich entwickelten, zu differenzieren. Am Ende dieses Kapitels soll noch die Frage gestellt werden, wie unterschiedliche Regionen mit Hilfe der Regulationstheorie beschrieben werden können.

3.1. Konzepte der Regionalanalyse in der Phase des Fordismus

Die weit verbreitete Vorstellung in der Phase des Fordismus, daß die ländlichen Gebiete das industrielle Wachstum der Städte aufholen sollten, war eine Grundlage der regionalpolitischen Vorstellungen in dieser Zeit. Ein Wachstum findet zwar nach diesen Konzepten in den Regionen statt, aber die unterschiedlichen Strukturen der einzelnen Regionen wurden nicht in Betracht gezogen. Die Regionen wurden dementsprechend nur als potentiell austauschbarer Raum angesehen. In Konzepten, die von einer neoklassischen Theorie beeinflußt wurden, wurde angenommen, daß sich aufgrund des Marktes die Region von selbst entwickeln würde, wenn der Staat auf die räumliche Entwicklung keinen Einfluß nimmt. Konzepte einer neoliberalen Wirtschaftspolitik forderten dagegen, ein staatliches Eingreifen, womit erreicht werden sollte, daß die ländlichen Gebiete rascher industrialisiert werden bzw. angeregt werden, eine eigene Dynamik zur Industrialisierung entwickeln.[11]

Diese beiden Konzepte konnten nur so lange aktuell bleiben, wie das industrielle Wachstum anhielt und die Entwicklung keine Krise aufwies, da sie zum Ziel hatten, das Wachstum in die Region zu transportieren. Mit dem Einsetzen der Krise des Fordismus in den 70er Jahren stagnierten einerseits viele ehemalige städtische Wachstumsregionen, die in den Konzepten noch eine Vorzeigerolle einnahmen und andererseits entwickelten sich manche andere, früher als unterentwickelt bezeichnete, Regionen zu Stätten des Wachstums.

3.2. Konzepte der Regionalanalyse in den 70er Jahren

Mit dem Wandel des Kapitalismus zur Krise des Fordismus gab es neue Ansätze, Regionen zu analysieren. Die Region wurde nicht mehr als ein neutraler Behälter angesehen, in dem sich durch Ansiedlung von Industrie ein Wachstum vollzieht, sondern es wurden Gründe gesucht, warum sich einige Regionen besser und andere schlechter entwickelten.

Bei der Theorie der langen Wellen und dem Konzept desLebenszyklus von Produkten, auf die sich gestützt wurde, wird davon ausgegangen, daß die Entwicklung der regionalen Wirtschaft davon abhängt, ob eine Region High-Tech-Industrien an sich binden kann, die wiederum Träger der technischen Innovation sind. Nach diesen Theorien treten Basisinnovationen auf, die grundlegende technische Neuerungen bewirken, wodurch wieder mehr Kapital investiert wird um die Entwicklung voranzutreiben. In der Folge läßt die Wirkung der Basisinnovation nach, da sich das Entwicklungspotential erschöpft und die lange Welle erfährt eine Abnahme.[12] In der weiteren Entwicklung hat diese Region allerdings einen Nachteil, weil ihre „industrielle Organisation, ihr politisches System und ihre sozio-institutionelle Kultur“[13] von der vorhergehenden Entwicklung geprägt ist. Das Konzept vom Lebenszyklus beschreibt die Entwicklung des Standorts der Produktion von der Entstehung bis hin zur standardisierten Massenproduktion. In der ersten Phase ist es notwendig, daß die Entwicklung in den finanzstarken Metropolen stattfindet, da dort die Arbeitskräfte mit dem größten Know-How anwesend sind. Wenn das Produkt und die Technik es zu produzieren ausgewachsener sind, ist der Standort in den Metropolen nicht mehr notwendig und kann in die Peripherie verlagert werden, was auch den Vorteil hat, daß dort die Räume für die Produktion und die Lohnkosten billiger sind.[14]

Das beste Beispiel für den Verlauf der Theorie derlangen Wellen ist das Ruhrgebiet, weil es so sehr von den fordistischen Entwicklung der Industrie geprägt ist, daß es heute durch den Rückzug der Montanindustrie sehr stark von den sozialen Folgen wie Arbeitslosigkeit betroffen ist. In dieser Theorie wird zwar von High-Tech-Industrie gesprochen, womit sie deutlich darauf abzielt, die industrielle Entwicklung ab der Phase der Krise des Fordismus zu beschreiben, aber dennoch ist sie nur bedingt auf diese und den postfordistischen Akkumulationsmodus zu übertragen. Die High-Tech-Branche zeichnet sich gerade dadurch aus, daß die neue Technologie in fast allen industriellen Bereichen Einzug erhält und nicht nur in einzelnen Regionen Anwendung findet.

Durch den vorprognostizierten Weg zum Massenprodukt disqualifiziert sich auch das Konzept vom Lebenszyklus schon zum Teil für die Analyse der derzeitigen Entwicklung, da es streng auf die tayloristische Massenproduktion bezogen ist. Mit den neuen HighTech-Technologien wird aber versucht, alte Produkte ständig zu modernisieren. Durch diese Modernisierung wird der Lebenszyklus einerseits extrem verkürzt und kann andererseits auch gar nicht mehr genau bestimmt werden, da die meisten Produkte schon weiterentwickelt sind, wenn sie auf den Markt kommen und somit die Phase der Weiterentwicklung schon angebrochen ist.

Die Verwendung dieser beiden Konzepte, hatte zur Folge, daß sich viele Regionen in den 80er Jahren darum bemühten, die High-Tech-Branchen an sich zu binden, um so ein Wachstum zu erreichen. Dennoch mußte man erkennen, daß diese Regionen, auch wenn sie eine ähnliche Branchenstruktur aufwiesen, nicht alle gleich viel von der neuen Technologie profitierten. Es wurde deutlich, daß nicht nur das Vorhandensein von bestimmten Branchen die regionalökonomischen Entwicklung erklären konnte, sondern, daß es noch andere bedeutungsvolle Strukturen innerhalb der Regionen geben muß.[15]

3.3. Das Konzept der Regionalanalyse Mitte der 80er Jahre - Regionale Produktionsmilieus

Während die traditionellen Konzepte der Regionalanalyse voraussetzen, daß einer Region durch Ansiedlung neuer Industrien bzw. High-Tech-Branchen von Außen ein Wachstum gebracht wird, wird in der Theorie der regionalen Produktionsmilieus davon ausgegangen, daß eine Region mit ihren endogenen Potentialen ein Wachstum erreichen kann. Weitere Unterschiede sind, daß die Region nicht mehr als „Behälter“ angesehen wird, sondern als ein Milieu, das aus verschiedenen Unternehmen besteht und in dem die Innovation stattfindet. Es bestehen zusätzlich Wechselwirkungen zwischen den Unternehmen und dem Milieu, da einerseits von dem Milieu die Impulse ausgehen und andererseits das Milieu durch die Vernetzung der Unternehmen wiedergegeben wird. Die Regionen werden bei dieser Theorie auch in ihrem geschichtlichen Kontext bewertet, da die Basis für Innovation die Verwertung von Wissen und die technische Kultur einer Region ist.[16] Dadurch setzten sich die regionalen Produktionsmilieus von den vorherigen Konzepten deutlich ab. Wenn in einer Region, wie beispielsweise dem Ruhrgebiet, nicht die technische Kultur vorhanden ist, die für die High-Tech-Industrie notwendig ist, kann man auch nach dieser Theorie kein bedeutendes Wachstum erwarten, wobei die Ansiedlung solcher Industrien natürlich keine Garantie für die positive Entwicklung einer Region ist.

Ein innovatives regionales Milieu ist in erster Linie in den Regionen anzutreffen, die nicht von einzelnen Großunternehmen dominiert werden, sondern in Regionen, die von vielen in einer engen Vernetzung stehenden mittelständischen Unternehmen geprägt sind, wie das dritte Italien oder die französische Jura-Region.[17] Die Vernetzung bewirkt einerseits eine Unabhängigkeit von den großen Unternehmen und andererseits ist sie die Voraussetzung für die technologische Innovation und die Entwicklung neuer Produkte. Da viele Regionen in der derzeitigen ökonomischen Phase aufgrund der Dominanz multinationaler Großunternehmen oder einzelner Wirtschaftszweige nicht als abgeschlossen gelten können, unterscheidet das Konzept der regionalen Produktionsmilieus verschiedene Grade der Integration in den ökonomischen Beziehungen: nicht-integriert, horizontal integriert und vertikal integriert.

Integration bedeutet in diesem Zusammenhang, daß Unternehmen Teil eines Netzwerkes mit anderen Unternehmen sein müssen, um Material, Vorprodukte, Produktionsmittel und Wissen zu bekommen. Ein solches Netzwerk kann einerseits mehrere Unternehmen einschließen, oder andererseits kann es auch innerhalb eines einzigen großen Unternehmens bestehen, wie es bei multinationalen Konzernen oft der Fall ist. Bei solchen Großunternehmen umfaßt das Netzwerk nicht nur eine Region, sondern es ist überlokal.

Eine Region, in der die ökonomischen Beziehungen als distintegriert gelten können, zeichnet sich gerade dadurch aus, daß eine Dominanz von solchen Unternehmen besteht, die intern Netzwerke aufgebaut haben. Die Region wird extern kontrolliert, nämlich aus den Unternehmenszentralen, und somit ist auch der Standort der Region selber nicht relevant, da er im allgemeinen austauschbar wäre. Es bildet sich deswegen auch kein regionales Milieu, sondern eine eher fragmentierte Produktionsstruktur.[18] Eine Innovation findet in solchen Regionen beinahe gar nicht statt, da die Großunternehmen durch ihre innere Struktur nur wenig eine gleichberechtigte Kooperation mit anderen Unternehmen zulassen.

Ein regionales Milieu, das horizontal integriert ist, ist ein räumlich abgrenzbares Milieu, das aus einer „diffusen Industrialisierung auf der Basis einer handwerklichen Tradition“[19] entsteht. Für diese Regionen ist weiterhin spezifisch, daß sie aufgrund ihrer Geschichte intern sehr eng verflochten sind und somit auch ein großes endogenes Potential haben. Dieses wiederum ist die Prämisse für eine stabile Entwicklung einer Region, da die Region unter veränderten technologischen und ökonomischen Verhältnissen kontinuierlich ihre Innovationsfähigkeit unter Beweis stellen muß.[20] Ein vertikal integriertes Milieu bedeutet, daß in einer Region ein bestimmter Wirtschaftszweig oder ein bestimmtes Unternehmen vorherrscht, aber trotzdem ein Netzwerk von vielen anderen Unternehmen besteht. Die Industrie ist, trotz der vorhandenen Struktur der potentiellen Versorgung für den Entwicklungsprozeß, technologisch nicht besonders weit entwickelt. Diese Regionen sind sehr stark im Bezug auf wirtschaftliche Stabilität und Wachstum auf exogene Faktoren angewiesen, da sie zu sehr auf bestimmte Produktionslinien fixiert sind. Gerade, wenn dieser Schlüsselsektor in eine Krise geraten sollte, ergibt sich das Problem, daß neue Investoren und Industrien von außen in die Region geholt werden müssen und sich die Struktur der Region dadurch nicht wesentlich ändert.[21]

Das vertikal integrierte Milieu ist in seiner Struktur eher typisch für den Fordismus, da es sehr auf die Dominanz eines Unternehmens oder einer Branche fixiert ist. Die Produktionslinie ist eher starr, wie bei der tayloristischen Massenproduktion. In solchen Milieus kann man erkennen, daß die historische Entwicklung der Region eine bedeutende Rolle spielt, da Regionen wie das Ruhrgebiet, die sehr stark vom Fordismus geprägt sind, es schwerer haben, sich durch beständige Innovation dauerhaft zu stabilisieren. Regionen, die als horizontal integriert gelten, vertrauen eher auf ihr endogenes Potential, was ein Vorteil für die Beständigkeit der Innovation ist. An der Struktur einer solchen Region ist gut zu erkennen, daß sie weniger vom Fordismus beeinflußt ist und daß durch ihre Geschichte schon interne Verflechtungen vorhanden sind, die jetzt ein Vorteil für die beständige Innovation bieten.

3.4. Regionale Produktionsmilieus im Kontext der Regulationstheorie

Nach der Feststellung, daß es unterschiedliche regionale Milieus gibt, die verschiedene Strukturen und ungleiche Entwicklungen vorweisen, stellt sich die Frage, wie man diese unterschiedlichen Typen im Zusammenhang mit der Regulationstheorie beschreiben kann. Die französischen Regulationstheoretiker Lipietz und Leborgne unterscheiden dazu verschiedene regionale Entwicklungstypen durch ihre jeweiligen Regulationsweisen. Regionale Unterschiede der Regulation gibt es nach ihrer Vorstellung in Lohnverhältnissen und den industriellen Arbeitsbeziehungen, in den Beziehungen zwischen den Unternehmen sowie in den regionalpolitischen Konzepten.[22] Damit Regionen die Krise des Fordismus überwinden können und konkurrenzfähig bleiben, müssen sie nach der Theorie der regionalen Produktionsmilieus innerhalb der Region Netzwerke aufbauen, die je nach dem Typ der Regulationsweise verschieden sind. Stefan Krätke unterscheidet drei Regulationssysteme, die in unterschiedlichen regionalen industriellen Organisationsbeziehungen vorhanden sind: die hierarchische Regulation, die marktförmige Regulation und die kooperative Regulation.[23] Bei dieser Typisierung muß das Problem beachtet werden, daß die industriellen Organisationsbeziehungen in den einzelnen Regionen nicht in reiner Form vorhanden sind.

Die hierarchische Regulation ist in Regionen vorhanden, die organisatorisch zentralisiert oder nur schwach dezentralisiert sind. Eine organisatorische Zentralisation der Region ist vorhanden, wenn die Region extern von großen Unternehmen in Form von Zweigbetrieben kontrolliert wird. Die Zweigbetriebe in diesen Gebieten unterliegen der internen hierarchischen Regulation der Großunternehmen. Eine schwache organisatorische Dezentralisierung liegt dann vor, wenn viele Zulieferbetriebe von einem führenden Großunternehmen kontrolliert werden und von ihm abhängig sind. Dabei spielt es für die Regulationsweise keine Rolle, ob das Großunternehmen in der Region selber oder außerhalb der Region angesiedelt ist. Das führende Großunternehmen bestimmt in solchen Regionen die hierarchische Regulation für die anderen Betriebe. Eine marktförmige Regulation trifft man in Regionen mit fortgeschrittener organisatorischer Zentralisierung an. Charakteristisch für solche Regionen sind viele kleine oder mittelständische spezialisierte Unternehmen, die flexible Marktbeziehungen zu anderen spezialisierten Unternehmen haben und somit ihre Eigenständigkeit behalten. Ein Beispiel für diesen Typ ist die High-Tech-Region Silicon Valley.

In Regionen mit starker organisatorischer Dezentralisierung herrscht eine kooperative Regulation der Unternehmensbeziehungen. Die Struktur der Industrie besteht aus vielen selbständigen spezialisierten Unternehmen, die ein dichtes regionales Netzwerk geschlossen haben. Dieses wird erweitert durch eine enge Kooperation der Unternehmen mit Arbeitnehmerorganisationen und der lokalen Politik, wie das der Fall im dritten Italien ist.

Während Regionen, die eine hierarchische Regulation aufweisen, eher die traditionellen Produktionsstrukturen haben, besitzen die Regionen mit flexibler und kooperativer Regulation der Unternehmensbeziehungen eine innovative Produktionsstruktur.

4. Internationale politische Strategien der regionalen Erneuerung

Nachdem im vergangenen Kapitel beschrieben wurde, wie in den Regionen wirtschaftliches Wachstum entsteht, stellt sich nun die Frage, wie die Ökonomie von der Politik unterstützt wird. Die Politik ist nicht nur ein Beteiligter, der über den Wandel des jeweiligen Regulationssystem mitbestimmt, wenn sich die Akkumulationsweise ändert, sondern sie schafft auf der regionalen Ebene Bedingungen, damit Unternehmen in die Regionen investieren. Gerade in der Krise des Fordismus, die es in allen Industrieländern gab, hat die regionale Politik die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß in den Regionen die Deindustrialisierung verhindert wird und ein neues Wachstum entsteht. In diesem Kapitel sollen nun zwei internationale Strategien vorgestellt werden, in denen die Politik dies versucht.

4.1. Das britische Modell

Die ökonomische Krise in Großbritannien, die steigende Arbeitslosigkeit und die Rückwärtsentwicklung des industriellen Sektors wurde auf der politischen Ebene nicht im Zusammenhang mit der Krise des Fordismus gesehen, sondern als Versagen der regionalen Politik interpretiert. Die Probleme wurden darin gesehen, daß es zu viele und zu strenge Regulierungen gab, was durch Deregulierungsmaßnahmen gestoppt wurde. Zusätzlich wurden uneffektive staatliche Betriebe privatisiert. Die Schwierigkeiten der politischen Organisation auf lokaler Ebene sollten dadurch behoben werden, daß sogenannte Developement Corporations gegründet wurden, während gleichzeitig die lokalen Verwaltungen erhebliche Streichungen der finanziellen Mittel beklagen mußten. Die Developement Corporations übernahmen die Aufgabe, für einige ausgewählte sich im Niedergang befindende Gebiete günstige Verhältnisse für neue Investoren zu schaffen. Vorwiegend sollte dies in sogenannten Enterprise Zones stattfinden, die sich dadurch auszeichnen, daß dort die Bodenpreise gering sind, eine gute Infrastruktur vorhanden ist und die Möglichkeit von Steuerbefreiungen für die Investoren gegeben ist. Die Gebiete, die die Developement Corporations zum Wiederaufbau verwalten sollten, waren größtenteils Innenstädte, ehemalige Industrie- und Hafengebiete. Als Enterprise Zones wurden zunächst ehemalige Industrieregionen, die wieder nutzbar gemacht werden sollten ausgewiesen, später dann auch intakte Industrieregionen, die gefördert werden sollten. Diese Enterprise Zonen hatten in den Jahren 1981 bis 1986 Nettokosten von , 300 Mio, mit denen 12.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Darüber hinaus wurden 23.000 Arbeitsplätze in diese öffentlich geförderten Regionen verlegt.[24] Mit diesen Maßnahmen wurden also einerseits wenige neue Arbeitsplätze gekauft und andererseits wurden die Unternehmer durch sie öffentlich gefördert. Insgesamt läßt sich sagen, daß das britische Modell vor allem auf die endogenen Potentiale ausgelegt ist. Ungenutzte Flächen werden zwar wiederbelebt, aber ein regionaler Wandel vollzieht sich dadurch nicht, da nicht langfristig auf eine eigene Entwicklung der Region hingearbeitet wird. Die geschaffenen Arbeitsplätze sind insgesamt zu wenige, um die Arbeitslosenzahl bedeutend zu verringern. Zudem sind viele Arbeitsplätze für die ansässige Bevölkerung dadurch nur schlecht bezahlt, daß die neuen Arbeitsplätze aufgrund von Deregulierungen und Kostensenkungen entstanden sind. Die Umstrukturierung der politischen Organisation wurde von der konservativen Regierung in den 80er Jahren unternommen, da auf der lokalen Ebene meistens die Labour Party an der Macht war. Die Ankündigungen der konservativen Regierung, daß sich in den Regionen der freie Markt durchsetzen sollte, ist nicht eingetroffen, da die Entwicklungsgebiete zu großen Teilen mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden.[25] Ein besonderes Beispiel dafür ist die Revitalisierung der Gebiete des ehemals größten Hafens der Welt, der Londoner Docklands.

4.1.1. Die London Dockland Developement Corporation

Die London Dockland Developement Corporation (LDDC) war neben der Liverpooler Merseyside Developement Corporation die erste ihres Typs, die 1981 gegründet wurde. Vorausgegangen war ihr eine dramatische Phase des Niedergangs des ehemaligen Londoner Hafengebiets: Gab es im Jahre 1960 noch etwa 50.000 Menschen, die in den Docklands arbeiteten, waren es im Jahr 1980 nur noch 3.000. Dieser Niedergang kostete zudem etwa 200.000 Arbeitsplätze, die im Zusammenhang des Handels mit den Londoner Docks abgebaut wurden. Die Arbeitslosigkeit in den Docklands selber betrug 1980 24%.[26]

Die ersten Jahre, in denen die LDDC aktiv war, waren von einem enormen Wachstum geprägt, das allerdings hauptsächlich dadurch zustande kam, daß die Londoner Finanzwelt, die Druckindustrie und verwandte Branchen umstrukturiert wurden und diese so in die, der City benachbarten, Dockland investierten. Beispiele dafür sind die Gründungen des riesigen Druckzentrums der Financial Times, die Gebäude der Mirror Group, des Telegraph Ltd, der Citybank, der Credit Suisse und der Barcleys Bank. In diesem Zusammenhang läßt sich auch die Summe von , 6,277 Mrd. erklären, die aus dem privaten Sektor in den Docklands investiert wurden. Aus der öffentlichen Hand wurden bis zum Jahre 1997 , 1,744 Mrd investiert. Die Zahl der Arbeitsplätze ist von 27.200 im Jahre 1981 auf 70.000 im Jahre 1997 gestiegen. Insgesamt wurden über 20.000 neue Wohnungen gebaut und die Bevölkerungszahl wuchs von 39.400 (1981) auf 77.000 (1997).[27]

Wenn man sich nur die Zahlen ansieht, scheint es so, daß die LDDC eine sehr erfolgreiche Arbeit hinter sich gebracht hat, aber wenn man sich die Hintergründe ansieht, daß die Finanzwelt auch ohne die massiven Unterstützungen des Staates unstrukturiert und erweitert worden wäre, muß man sich fragen, ob die öffentlichen Gelder nicht falsch angelegt wurden. Zudem wurde die Isle of Dogs, eines der vier Hauptentwicklungsgebiete der über 1600 ha großen Docklands, im Jahre 1982 für 10 Jahre zur Enterprise Zone deklariert.[28] Dies bedeutet, daß die öffentlichen Förderungen durch Steuerverzichte effektiv noch viel höher sind als die offiziellen Zahlen. Die Londoner Docklands sind meiner Meinung nach nur ein sehr kostenintensives Prestigeobjekt. Das wahre Ergebnis der Investitionen liegt in 75 Auszeichnungen der Docklands für Landschaft, Architektur und Erhaltung der Natur. Zudem sollen Großprojekte wie die computergesteuerte 135,5 Km lange Docklands Light Railway die Richtung in das 21.Jahrhundert bestimmen. Ein anderes ebenso unnötiges Projekt ist der London City Airport, da London schon über die beiden Großflughäfen Heathrow und Gatwick verfügt.

4.2. Das amerikanische Modell

Seit den 80er Jahren wird in den USA verstärkt die These vertreten, daß die regionale Erneuerung am besten durch Public-Private-Partnerships vollzogen wird. Es werden dabei Institutionen gebildet, die aus Vertretern der öffentlichen Verwaltung und der privaten Wirtschaft bestehen, wodurch sich einerseits der Staat aus der Regionalpolitik etwas zurückzieht und andererseits die privaten Investoren ihre Bewegungsfreiheit erweitern. Die Aufgaben der Public-Private-Partnerships sind, Pläne und Programme für die regionale Erneuerung aufzustellen und für diese die Finanzierung zu koordinieren. Die Formen der Partnerschaften sind, wie Gregory D. Squires feststellt im höchsten Maße verschieden: „Formal organizations of executive from leading business have been established that work directly with public officials. In some cases public officials as well as representatives from various community organizations are also members. Some partnerships have persisted for decades working on an array of issues while others are ad hoc arrangements that focus on a particular time-limited project.“[29] Gerade die letztgenannten sind vorzugsweise spektakuläre Projekte, die Entwicklungsmotoren für die Regionen sein sollen. Das Ziel, das alle Public-Private- Partnerships gemeinsam haben, ist die jeweiligen Interessenvertreter einer Region zusammenzubringen, um die regionalen Probleme zu bewältigen und die Entwicklungsfähigkeit zu erweitern.[30]

4.2.1. Generelle Einwände gegen den Privatism

Die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit von privater Wirtschaft und Politik wird im angelsächsischen Sprachraum unter dem Begriff Privatism zusammengefaßt. Diese Form der regionalen Erneuerung kann nicht nur an den konkreten Projekten kritisiert werden, sondern es muß von vornherein darauf geachtet werden, was hinter dem Privatism steht, wer welche Interessen mit ihm vertritt und wer sich welche Vorteile davon verspricht.

Hinter dieser politischen Strategie steht der Gedanke, daß die regionalen Probleme verschwinden, wenn die privaten Unternehmen mehr Einfluß auf die Politik bekommen. Die Probleme sind aber gerade dadurch entstanden, daß die Wirtschaft in den Regionen investiert bzw. nicht investiert hat. Wenn dies daran lag, daß der politische Wille gefehlt haben sollte, reicht die Kooperation zwischen Politik und Wirtschaft nicht aus, sondern es müssen Bedingungen geschaffen werden, die die gesamte Region mit ihren Vertretern beschließen und verantworten muß. Zudem ist es auch fraglich, ob die politische Strategie des Privatism angemessen ist, um einen regionalen Wandel einzuleiten, da sie eine Institution schafft, die den Weg und das Ziel beschließt. Wenn man in der derzeitigen ökonomischen Situation den besten Weg der regionalen Erneuerung durch eine Institution von oben voraussagen will, widerspricht das geradezu den veränderten Ausgangsbedingungen. Eine neue Entwicklung muß ein offener Prozeß sein, der die gesamte Region mitsamt aller seiner Akteure involvieren muß.[31] Der erste generelle Einwand kann also so formuliert werden, daß nicht alle gesellschaftlichen Gruppen in die neuen Institutionen einbezogen werden, sondern meistens die lokalen Eliten aus Politik und Wirtschaft die Kooperation dominieren.

Die beiden gesellschaftlichen Gruppen, die den Privatism vertreten, sind die Politik und die Wirtschaft. Die öffentliche Verwaltung hat das Interesse, die Regionalpolitik nicht mehr alleine zu finanzieren und schaltet somit die private Wirtschaft als Mitverantwortlichen ein. Der Staat sieht sich nicht mehr als Verantwortlicher der allgemeinen Probleme, sondern stellt nur die Rahmenbedingungen auf, die die Wirtschaft dann im Detail verwirklichen soll. Die Wirtschaft als anderer Interessent denkt natürlich nicht an das Wohl des Staates, sondern ist rein profitorientiert. Die Unternehmen werden sich nur an Projekten beteiligen, die ihre finanziellen Interessen ansprechen. Sie versprechen sich von der Kooperation einerseits günstige Standorte für ihre Produktion und andererseits Subventionen vom Staat.

Die regionale Politik ist bei der Kooperation mit der Wirtschaft immer in dem Nachteil, daß diese androhen kann, ihren Standort zu wechseln oder Arbeitsplätze abzubauen. Es kommt also zusätzlich noch darauf an, wie die jeweilige öffentliche Verwaltung bei solchen Verhandlungen reagiert. Die Wirtschaft ist auf der anderen Seite nicht bereit, sozial-, kultur- und umweltorientierte Projekt zu fördern, wenn es nicht einen Vorteil dabei für sie gibt. Der Staat kann von ihr also nicht erwarten, daß sie diese Ausgaben auf sich nimmt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Die Wirtschaft kann also größtenteils die Bedingungen stellen, wie die Kooperation auszusehen hat, wenn die Politik sich von den Drohungen einschüchtern läßt. Grundsätzlich kann man sagen, daß die Idee, die Interessen der Regionen zu koordinieren gut ist, nur die Bedingungen, die der Privatism hat, die Gefahr birgt, daß die Interessen der Unternehmen übergewichtet werden.

Das Ergebnis der Public-Private-Partnerships ist auch in der Realität eher enttäuschend. In den bisherigen Projekten wird deutlich, daß die privaten Investoren durch die Public-Private-Partnerships eher einen größeren Raum für ihre eigenen Vorhaben bekommen und die Finanzierung von Bildungsprogrammen und ähnlichem doch eher auf die öffentlichen Verwaltungen zurückfällt.[32] Zudem wird auch bei diesem Modell, wenn Prestigeobjekte geplant werden, nur kurzfristig gedacht und somit das Ziel des regionalen Wandels vernachlässigt. Es wird keine Vernetzung der ortsansässigen Unternehmen angestrebt, sondern eine kleine Anzahl von privaten Investoren, die in den Institutionen sind, kann zu ihrem eigenen Vorteil (auch gegen die Interessen potentieller anderer Investoren) mehr Einfluß auf die Kommunalpolitik nehmen. Somit kann man das amerikanische Modell auch nicht als die Antwort auf die regionale Erneuerung ansehen, sondern als neue Institution, die öffentliche Gelder an die private Wirtschaft verteilt und diese dadurch subventioniert.

5. Regionale Erneuerung am Beispiel der IBA Emscher Park

Nachdem die britische und die amerikanische Strategie der regionalen Erneuerung vorgestellt wurden, soll in diesem Kapitel die regionale Erneuerung des nördlichen Ruhrgebiets mitsamt ihrer Geschichte und ihrer Probleme erläutert werden. Die internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) ist ein auf 10 Jahre festgelegtes Umbauprogramm für die Emscher Zone, das 1989 begonnen hat. Die Fläche der ganzen Region, die zur Erneuerung ansteht, beläuft sich auf 803 Quadratkilometer mit 17 Städten und über 2 Millionen Bewohnern. Im ersten Abschnitt soll nun beschrieben werden, wie die Region sich in den letzten 150 Jahren verändert hat und welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die heutige regionale Erneuerung hat.

5.1. Der Strukturwandel und seine Folgen im Ruhrgebiet

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Emscher Zone noch relativ unbesiedelt, hatte keine Städte und kaum Bürger, die sich gegen die rasante Industrialisierung der Region aussprachen. Die Industrie konnte sich fast ungehindert ausbreiten, was auch dadurch unterstützt wurde, das die Region zunächst keine kommunale Selbstverwaltung oder höhere Bildungseinrichtungen bekam. Man kann also behaupten, daß die Bevölkerung bewußt dahingehend erzogen wurde, der Industrie als Arbeiter zu dienen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Region durch diese Voraussetzungen zu einem sehr großen Kohle und Stahl produzierenden Gebiet entwickelt. Nach dem zweiten Weltkrieg war das Ruhrgebiet die florierendste Region mit den höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf in der BRD. Die Krise des Fordismus traf das Ruhrgebiet in der Mitte der 70er Jahre besonders schwer, da es vollkommen vom Fordismus durch Großbetriebe, Massenarbeitskraft und Massenproduktion geprägt war. Bis heute baut die Montanindustrie Arbeitsplätze ab, was zur Folge hat, daß einerseits viele Flächen leer werden und die Städte, die um die Zechen herum aufgebaut wurden, veröden. In den 50er Jahren waren noch 80% der Arbeitsplätze von der Montanindustrie abhängig, zu Beginn der 90er Jahre waren dies nur noch 30 %. Noch bis zum Ende der 80er Jahre stieg die Arbeitslosigkeit und der Rückgang der Bevölkerung. Dadurch entstanden erhebliche soziale Probleme als Folge der Deindustrialisierung. Auch die ökologische Situation sieht aufgrund der raschen und rücksichtslosen Industrialisierung sehr bedenklich aus, da die Landschaft verbraucht ist und manche Flächen zum Teil hoch vergiftet sind.[33]

Neben diesen Nachteilen hat die Region aber auch viele Potentiale, die für eine regionale Erneuerung von Vorteil sind. Dadurch, daß das Ruhrgebiet im letzten Jahrhundert als riesiges Industriegebiet konzeptioniert wurde, entstanden viele Siedlungen in geringen Abständen, was eine hohe Bevölkerungsdichte mit sich bringt. Die technische Infrastruktur ist mit einer guten Abwasserversorgung und einem breiten Straßen- und Schienennetz zwar ausreichend vorhanden, sie sollte aber den neuen Bedingungen angepaßt werden. Die Bevölkerung ist qualifiziert sowie industrieerfahren und das Gebiet liegt relativ zentral in Europas Wachstumsregion. Es gibt zudem in der Region viele Bildungs-, Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen.[34]

5.2. Die soziale Erneuerung der Region

Das Ziel, die Emscher Region baulich und ökologisch zu erneuern, kann erst angestrebt werden, wenn auch das Problem der sozialen Erneuerung gelöst ist. Das größte Problem, das die Region aufgrund ihrer Geschichte der Deindustrialisierung hat, ist die massive Arbeitslosigkeit. Es müssen also zunächst, neben dem Zugang der Bevölkerung auf den lokalen Arbeitsmarkt, Wohnungen und Infrastrukturen für zukünftige Lebensstile geschaffen werden.

Der strukturelle Wandel hat zur Folge, daß die Qualifikationen, die die Arbeitskräfte in der Region haben heute nur noch wenig gefragt sind. Sie verfügen über veraltete Kenntnisse und werden damit für die modernen Industrie- und Dienstleistungen nicht mehr benötigt. Die Arbeitskräfte, die angefordert werden, nämlich weibliche Arbeitskräfte, sind aufgrund ihrer Erziehung in traditionellen Reproduktionsstrukturen relativ wenig vorhanden, und zugleich hat sich der Arbeitsmarkt noch nicht auf dieses Potential eingestellt. So kommt es in der Emscher Region dazu, daß es auf der einen Seite etwa 200.000 Arbeitslose gibt und auf der anderen Seite sehr viele offene Stellen, die aufgrund mangelnder Qualifikation nicht besetzt sind. Ein weiteres Problem ist, daß es in der Region sehr viele Langzeitarbeitslose gibt, die immer weniger eine zeitgemäße Qualifikation haben und andererseits ungern von Unternehmen eingestellt werden. Dadurch vermehren sich ebenfalls die persönlichen Probleme der Arbeitslosen, wie Resignation, Abbau sozialer Kontakte oder finanzieller Ruin.[35]

Die Erneuerung der Emscher Region muß neben der Beseitigung der strukturellen Probleme auf dem Arbeitsmarkt auch den neuen Ansprüchen auf dem Wohnungsmarkt mit neuen Wohnungen und Wohnformen gerecht werden. Auch wenn das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt noch ausgewogen, ist die Qualität und Größe der Wohnungen für die Zukunft unzureichend.[36] Dies ergibt sich dadurch, daß das Wohnen in einer reinen Dienstleistungsgesellschaft sich im Gegensatz zu einer reinen Industriegesellschaft so verändert, daß die Wohnung nicht mehr nur zur Erholung und zum Konsum genutzt wird, sondern weitere Funktionen, wie die Erwerbsarbeit in der eigenen Wohnung, hinzukommen. Auch, wenn es diese beiden Idealtypen nicht gibt, zeigt sich dennoch eine erhebliche Tendenz zum Wandel in der Form der Erwerbstätigkeit von der Industriearbeit zur Dienstleistungstätigkeit, wodurch sich auch die Lebensstile der einzelnen Personen ändern. Ein weiterer Aspekt für die Notwendigkeit der Erneuerung des Wohnungssektors ist die Auflösung der traditionellen Familienstruktur und die Folge, daß es viele alleinerziehende und kinderlose Einzelpersonen gibt, die wiederum komplett andere Ansprüche an Wohnungen haben als eine Kleinfamilie.[37]

5.3. Ziele und Konzepte der Internationalen Bauausstellung

Die oben beschriebenen elementaren Probleme, die die Emscher Region hat, erschweren einerseits die Erneuerung der gesamten Region, aber andererseits sind sie eine besondere Herausforderung für die IBA. Es reicht nicht aus, neue Baumaßnahmen zu planen, sondern die Aufgabe ist viel komplexer. Neben der städtebaulichen Erneuerung sollen die ökologischen Altlasten und die hohe Arbeitslosigkeit abgebaut werden sowie eine neue urbane Kultur entwickelt werden. Diese muß dadurch aus der Region selber heraus entstehen, daß das Erbe der ehemaligen Industriegesellschaft mitsamt seiner Probleme so bewältigt wird, daß die Region den Anforderungen der neuen Dienstleistungsgesellschaft entspricht. Die Leitthemen der IBA sind daher der Wiederaufbau der Landschaft, der Umbau des Abwassersystems, der Umbau der Häfen des Rhein-Herne-Kanals zu Wohn-, Arbeits-, und Freizeitgebieten, die Erhaltung und Revitalisierung von Industriedenkmälern, die Wiedernutzung ehemaliger Industriegebiete, die Bereitstellung von neuen Wohnräumen und die Errichtung von sozialen, kulturellen und sportlichen Angeboten.[38]

Die Strategie, wie die IBA die regionale Erneuerung erreichen will, ist darauf ausgelegt, die endogenen Potentiale in der Region zu fördern, womit die langfristige Entwicklung der Region gewährleistet werden soll. Lösungen und Akteure sollen nicht von Außen importiert werden, sondern mit dem Ausnutzen des Potentials in der Region sollen Organisationsformen, Planungsinstrumente, das Wissen und die Lösungsmodelle entwickelt werden. Das endogene Potential wird zusätzlich von der IBA gesteigert, indem die Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren gefördert wird und somit die Verflechtung innerhalb der Region ausgebaut wird. Das Organ, das entscheidet welche Projekte in die IBA aufgenommen werden, ist der Lenkungsausschuß, der aus Vertretern der Landesministerien, der Gemeinden, der Wohnungsbaugesellschaften, der Gewerkschaften und der Wirtschaft besteht. Zusätzlich arbeitet die IBA mit fünf Hochschullehrern unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, die ein Direktorium bilden. Die IBA zeichnet sich dadurch aus, daß sie den Unternehmen keine besonderen Vergünstigungen schafft, damit sie investieren, sondern alle Projekte den normalen Verfahren unterliegen. Wenn Projekte von der IBA aufgenommen werden, werden diese durch die Landesregierung gefördert und zwar durch die Gelder, die auch andere Projekte erhalten können, wenn sie nicht in der IBA aufgenommen sind. Die IBA- Auszeichnung ist andererseits auch ein Prestigegewinn für die jeweiligen Investoren. Die IBA sieht sich selber als Institution, die den Investoren durch Öffentlichkeitsarbeit Ideen gibt und andererseits hilft, die Planung zu durchzuführen. Es besteht nicht von Vornherein ein geschlossenes Konzept für die Erneuerung der Region, sondern die IBA setzt sich mit Initiativen und Investoren zusammen und versucht vorgeschlagene Projekt mit ihnen weiterzuentwickeln. Die IBA-Projekte zusammengenommen sollen dann den Weg der regionalen Umgestaltung weisen. Wichtig bei den IBA-Projekten ist auch, daß sie alle realisierbar sein müssen und mehreren der angestrebten Zielkriterien entsprechen müssen, womit verhindert werden soll, daß funktionale Inseln gebaut werden.[39] Die IBA soll also besonders darauf achten, daß die neuen Projekte auch einen regionalen Wandel einleiten und nicht nur die kritischen Strukturen reproduzieren. Dem Problem der hohen Arbeitslosigkeit, dessen Lösung ein Grundstein für die erfolgreiche regionale Umgestaltung ist, soll so entgegengetreten werden, daß bevorzugt Projekte in die IBA aufgenommen werden, die bereit sind, Arbeitslose und Langzeitarbeitslose zu beschäftigen. Zudem werden Kooperationen zwischen den Unternehmen und Einrichtungen für Qualifikation und Beschäftigung unterstützt.

5.4. Probleme des IBA-Konzepts

Die Probleme der regionalen Erneuerung der Emscher Region können noch nicht insgesamt überblickt werden, da sich diese nicht einer zehnjährigen Bauausstellung vollzieht, sondern über mehrere Jahrzehnte bewertet werden muß. Dennoch kann man an dem Konzept der IBA Punkte kritisieren, die Gefahren für den Erfolg der regionalen Umgestaltung aufweisen können, so daß schon zu Beginn der Erneuerung potentiellen Fehlern entgegengetreten werden kann.

Da die Emscher Region so groß ist, besteht eine Gefahr, daß die einzelnen Projekte zu wenig koordiniert sind, so daß sich die Region nicht wandelt, sondern in ähnlicher ungeordneter Struktur reproduziert wird. Zudem kann nicht sicher vorausgesagt werden, daß die IBA-Projekte nicht nur vereinzelte Vorzeigeprojekte bleiben. Da die IBA darauf angewiesen ist, die Ergebnisse möglichst schnell sichtbar zu machen, darf die Planung und Umsetzung nur wenig Zeit verbrauchen. Dies ist am ehesten der Fall bei Projekten, die schon vor der IBA geplant waren und deren Umsetzung damit eigentlich nicht ganz der Intention der IBA entsprechen. Der Anspruch der IBA, die sozialen Probleme in der Region zu entschärfen, kann die Schwierigkeit mit sich bringen, daß durch solche Maßnahmen Gelder verbraucht werden können, die in nicht-sichtbare Projekte gesteckt werden. Zwar ist die soziale Erneuerung ein besonders großes Problem der Region, aber wenn diese bezahlt werden soll, treten von staatlicher Seite häufig Schwierigkeiten auf. Diese soziale Erneuerung bringt ebenfalls das Problem mit sich, daß eine Umverteilung zugunsten sozial benachteiligter Gruppen eine Politik ist, die keine Partei heutzutage mehr vertreten will, da sie in der Bevölkerung wenig Rückhalt hat und somit weniger Wählerstimmen einbringt. Ebenso unsichtbar bleiben der Aufbau von sozialen Netzen, die zwar nicht billig sind, aber eine Investition in die Zukunft der Region sind. Auch eine Demokratisierungspolitik in einzelnen Stadtteilen ist für die Bewohner nicht so sichtbar wie ein neues Gebäude, sondern sie ist ein Prozeß von der die Bevölkerung zwar profitiert, aber nicht automatisch mit der Vergabe finanzieller Mittel verbunden wird. Gleichermaßen unsichtbar ist die in der Emscher Region so wichtige ökologische Erneuerung. Wenn beispielsweise mit Altlasten vergiftete Flächen saniert werden, bringt der Wähler das nicht unbedingt in den Zusammenhang, daß dafür Geld gezahlt werden mußte, das nicht in sichtbare Projekte gesteckt werden kann, sondern sieht das als Selbstverständlichkeit an. Die Politik hat also ein Interesse möglichst spektakuläre Projekte zu bauen, die von jedem bewundert und mit Wählerstimmen honoriert werden können. Die genannten Beispiele sind allesamt nicht dafür geeignet, daß sich Parteien profilieren, sondern sie sind notwendige Voraussetzungen für die Erneuerung der Region, die leicht an einem entgegengesetzten Interesse der Politik scheitern können.[40]

5.5. Projekte der IBA

Die Projekte der Internationalen Bauausstellung Emscher Park können derzeit nur vorübergehend bewertet werden. Diese Beurteilung kann nicht endgültig sein, sondern sie kann nur Tendenzen feststellen, da die IBA einen langzeitigen regionalen Wandel zum Ziel hat. Es sollen nun in diesem Abschnitt Projekte vorgestellt werden, die versuchen, die Ziele der IBA zu erreichen.

Mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord entsteht seit 1991 abschnittsweise in Duisburg ein 200 Hektar großer Landschaftspark, in dessen Kernbereich das 1985 stillgelegte Hüttenwerk der Tyssen AG liegt. Die von der Montanindustrie mit Altlasten verseuchten Gebiete werden nicht saniert, sondern einfach in der Landschaftsplanung durch befestigte Wege umgangen. Das Tyssen-Hüttenwerk wird, entgegen ursprünglichen Abrißgedanken, als Industriedenkmal behalten und zu einem Ort für kulturelle und sportliche Veranstaltungen umfunktionalisiert. Der gesamte Landschaftspark ist mit Rundwegen erschlossen, die dem Besucher die Industriegeschichte der Region näherbringen sollen.[41] Die Grundidee, die ehemaligen Industrieanlagen als Denkmäler zu behalten ist eine gute Möglichkeit, die Kultur der Region zu bewahren. Auch die Wiederaufbereitung der Landschaft ist im Grunde für die regionale Erneuerung als positiv anzusehen, aber wenn wie in diesem Projekt nicht die Altlasten saniert, sondern versteckt werden, ist ein Ideal der IBA gebrochen. Gerade das Problem der Altlasten sollte nicht aus finanziellen Gründen beiseite gelassen werden, da diese auch für die Bevölkerung Gefahren bergen und somit auch die Lebensqualität senken.

Unter dem Leitgedanken Arbeiten im Park sollen in Kooperation von privaten und öffentlichen Investoren auf ehemaligen Industriegebieten neue Gewerbe- und Dienstleistungsangebote entstehen. Eines von 22 solcher Projekten ist der Wissenschaftspark Gelsenkirchen, der eines der deutlichsten Symbole des Strukturwandels im nördlichen Ruhrgebiet ist. Es wird gezielt in zukunftsweisende Wachstumsbranchen wie Solarenergie und Multimedia investiert. Es wurden dort Büro- und Veranstaltungsgebäude errichtet, die Forschern und Entwicklern ideale und innovationsfördernde Arbeitsbedingungen bereitstellen sollen.[42] Gerade bei solchen Investitionen in die Zukunft ist es wichtig, darauf zu achten, daß die Projekte nach der IBA nicht als alleinige Entwicklungsinseln im Raum stehen, sondern mit Hilfe der Förderung des endogenen Potentials weiterentwickelt werden können.

Ein Beispiel für Investitionen in neue Wohnformen ist das Projekt Tor zur Südstadt, das ein Vorschlag der Wohngesellschaft Recklinghausen ist. Das Projekt enthält 24 bis 30 Wohnungen, die gemischt von Familien, Alleinerziehenden und Frauen aus Frauenhäusern bewohnt werden. Zusätzlich sollen dort Kindergruppen betreut werden und sich soziale Verbände niederlassen. Da gemeinschaftliche Wohnformen Spannungen zwischen den Bewohnern verursachen können, muß darauf geachtet werden, daß die Bewohner gut miteinander auskommen. Um dies zu gewährleisten, wurden die zukünftigen Bewohner schon in die Planung einbezogen.[43] Dieses Projekt hat schon einen guten Ansatz, die Bedürfnisse der Bewohner erfüllen zu wollen, wobei aber wieder eine Gefahr besteht, daß wenn Bewohner aus diesem Projekt aussteigen, die neuen Bewohner mit den alten Bewohnern nicht harmonieren. Wenn dies der Fall sein sollte, besteht durch die in dem Projekt eingebundenen sozialen Verbände die Möglichkeit, die Spannungen nachträglich zu beseitigen.

Insgesamt läßt sich über die IBA-Strategie der regionalen Erneuerung sagen, daß sie versucht ihren eigenen Ansprüchen weitestgehend gerecht zu werden, was sie auch gut schafft. Die regionale Erneuerung kann aber nur auf lange Sicht geschehen und somit ist die IBA nur ein Grundstein für diese. Die wichtigste Frage ist also, wie die Landesregierung nach dem Jahre 1999 sich entscheidet, ob die nachhaltige Strukturpolitik der IBA auch die Strukturpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen sein wird. Es steht ohne Zweifel fest, daß die Emscher Region noch weiterhin eine strukturpolitische Unterstützung benötigt.

6. Die Erneuerung der Hamburger Stadtpolitik

In diesem Kapitel soll beschrieben werden, wie die Stadt Hamburg den Niedergang der traditionellen Industrie und des Hafens aufhalten will. Zunächst soll beschrieben werden, welche Folgen die Krise des Fordismus auf Hamburg hatte und wie Hamburg versucht, die Abwärtsentwicklung zu beenden. Am Ende dieses Kapitel soll beschrieben werden, welche negativen sozialen Folgen die Stadt Hamburg in Kauf nimmt, um die Wirtschaft zu unterstützen. Das Beispiel Hamburg zeigt deutlich, wie die regionale Entwicklung aussehen kann, wenn die sozialen Auswirkungen der Erneuerung ignoriert werden.

6.1. Auswirkungen des ökonomischen Strukturwandels in Hamburg

Die Stadt Hamburg galt lange Zeit als eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Städte Europas. Ihre Wirtschaftspolitik war auf die Unterstützung des Hafens und die damit verbundenen Handels- und Industriefunktionen ausgerichtet. Ende der 70er Jahre wurde auch die Ökonomie Hamburgs von der Krise des Fordismus erfaßt, die besonders die Bereiche Hafen, Handel und Seehafenindustrie betroffen hat. Während die Arbeitsplätze in den traditionellen Industrien und Dienstleistungen seit dieser Zeit massiv abgebaut wurden, gab es ein Wachstum in den technologisch hochentwickelten Industrien und Dienstleistungen wie dem Flugzeugbau oder der Werbewirtschaft.[44] Da die Zahl der Beschäftigten im sekundären Sektor deutlich sank, wurde Mitte der 70er Jahre versucht, mit der Industrialisierung der Unterelbe dem Niedergang der traditionellen Industrie entgegenzutreten. Diese Maßnahme, entgegen der sich im Prozeß befindenden wirtschaftlichen Umgestaltung, erwies sich als deutliche Fehlinvestition, weil durch hohe öffentliche Subventionen dieses Projekts die Verschuldung der Stadt deutlich anstieg.[45]

Während die Arbeitslosigkeit in Hamburg in den 70er Jahren noch relativ tief lag, stieg sie ab 1980 von 3,4% bis 1987 auf 13,9%. Bis zum Jahre 1992 sank die Arbeitslosigkeit dann auf 8%, bevor sie wieder bis auf 13,2% im August 1997 anstieg[46]. Der kurze Aufschwung läßt sich unter anderem durch die Boomphase nach dem Zusammenbruch der DDR erklären, wodurch Hamburg zu einer zentralen Stelle zwischen Nord- und Ostsee sowie zwischen Nord- und Mitteleuropa wurde. Die Auswirkungen der Strukturkrise 1992/93 verdeutlichen aber, daß die Hamburger Wirtschaft eine strukturelle Schwäche hat. Die Sockelarbeitslosigkeit der Stadt Hamburg ist überdurchschnittlich hoch, die Arbeitslosigkeit nimmt stärker als im Bundesdurchschnitt zu und des reale Wirtschaftswachstum, das von 1989 bis Anfang 1993 sehr hoch war, liegt seit Ende 1993 wieder unter dem Durchschnitt der alten Bundesländer.[47]

6.2. Veränderungen in der Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik

Der Wandel in der Wirtschaftspolitik Hamburgs wurde mit einer Rede des Ersten Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi im Jahre 1983 eingeleitet, in der er forderte, daß sich die Wirtschaftspolitik nicht mehr auf den im Niedergang befindenden Hafen,sondern auf moderne und zukunftsweisende Technologien und Dienstleistungen konzentrieren solle. Im Jahre 1984 forderte die Handelskammer darauf den Wandel von Wirtschaftspolitik und Stadtentwicklungsplanung mit dem Vorhaben, bestehende Bauvorschriften sowie Auflagen für Planung und Umweltschutz außer Kraft zu setzen,was daraufhin auch teilweise geschah. Die Hamburger Wirtschaftsförderungsgesellschaft (HWF) sollte diesen neuen Kurs möglich machen, indem sie die vorhandenen Unternehmen fördern und neue zukunftsträchtige Unternehmen nach Hamburg holen sollte. Erreicht werden sollte dies dadurch, daß sie finanziell von der Wirtschaftsbehörde unterstützt wurde und unabhängig von den Behörden und der Bürgerschaft Entscheidungen treffen konnte. Zugleich wurden Public- Private-Partnerships gegründet, die den Wissens- und Informationstransfer vorantreiben sollten. Des weiteren forderte der Erste Bürgermeister die Ausweitung von Kultur, Messe, Sport sowie Tourismus, die Förderung der weichen Standortfaktoren und die Orientierung am neuen Mittelstand. Die Handelskammer verlangte darauf die Ausweisung neuer Gewerbegebiete, die Erweiterung des Verkehrssystems sowie die Verbesserung der Stadt, indem Wohn-, Lebens- und Kulturbedingungen für gehobene Angestellte geschaffen werden.[48]

Die Stadtentwicklungspolitik Hamburgs ist schon seit 1977 darauf abgestellt, die Bedürfnisse der höheren Einkommensschichten zu befriedigen. Dies resultierte daraus, daß die Stadt die Folgen der Suburbanisierung verringern wollte, die die Abwanderung der Bevölkerung, Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe in das Umland und in die Region waren. Der Weg dahin sollte die Umstrukturierung des Baubestandes der Hamburger Innenstadt sein. Konkret waren das die Umgestaltung der innenstadtnahen Wohnungen und der Einkaufsbereiche sowie die Vergrößerung der Flächen für Büros, Hotels und die Messe. Die Stadtentwicklungspolitik in Hamburg versucht seitdem ein Milieu zu schaffen, das besonders attraktiv für qualifizierte Arbeitskräfte und Unternehmen ist. Es sollen zusätzlich Menschen mit hoher Kaufkraft angezogen werden, nämlich Messe- und Kongreßbesucher sowie die gehobene Mittelschicht.[49]

6.3. Soziale Folgen des Wandel der Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik

Durch die Veränderung der Stadtentwicklungspolitik wird auf dem Wohnungsmarkt gerade auf diejenigen Menschen gesetzt, die nach Hamburg ziehen sollen, also junge qualifizierte Arbeitskräfte mit einem höheren Einkommen. Diese erwarten Wohnungen in innenstadtnahen Bereichen, was in der Masse nur durch Gentrifizierung bewerkstelligt werden kann, da die hohe Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt anders nicht befriedigt werden kann. Dies bedeutet, daß Mietwohnungen durch Modernisierung, Verwandlung in Eigentumswohnungen oder durch Erhöhung der Miete aufgewertet werden, wodurch die ursprüngliche, nicht so kaufkräftige, Bevölkerung verdrängt wird. Der Prozeß der Gentrifizierung läuft schon seit den 70er Jahren: Von 1973 bis 1983 wurden in Hamburg insgesamt 500 Mio DM investiert um 126.500 Wohnungen zu modernisieren.[50] Die wirtschaftliche Umstrukturierung bewirkt neben der Gentrifizierung auch, daß es eine Polarisierung der Einkommen gibt. Der Einschätzung von Jens Dangschat, daß Wohlstand und Armut räumlich konzentriert sind, kann ich nur bedingt folgen, da es eine sehr deutliche Segregation der Einkommensgruppen in Hamburg gibt. Es gibt in Hamburg 18 Stadtteile, deren Bewohner ein durchschnittliches Jahreseinkommen von unter 41.000 DM haben und 16 Stadtteile, deren Bewohner durchschnittlich über 71.000 DM verdienen. Es ist auffällig, daß die ärmeren Stadtteile eher um die Innenstadt herum und südlich des Hafens liegen, während die reicheren Bewohner eher im Norden und Westen Hamburgs leben.[51]. Die Gebiete, in denen sich eine Gentrifizierung vollzieht, werden auf längere Sicht durch Verdrängungen ebenfalls zu den Gebieten der sozial stärkeren Einwohner gehören.

Eine andere Folge des hohen Bedarfs an Wohnungen ist, daß die Mietpreise seit 1987 in Hamburg über dem Bundesdurchschnitt ansteigen, da es einen erheblichen Fehlbestand von Wohnungen gibt. Auch wenn der Wohnungsbau in Hamburg in den letzten Jahren sehr expansiv war und sich die Zahl der Baufertigstellungen im Zeitraum von 1991 bis 1995 von jährlich 4.582 auf 9.750 mehr als verdoppelt wurde, ergibt sich nur eine geringe Entlastung auf dem Wohnungsmarkt, da es in dieser Zeitspanne einen erheblichen Bevölkerungszuwachs von über 40.000 Menschen gab.[52]

Ein weiteres Problem der Stadt Hamburg ist, daß immer mehr Gelder für soziale Ausgaben gezahlt werden müssen. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger stieg von 8,5% im Jahre 1985 auf 11,2% im Jahre 1990[53], die Wohngeldzahlungen stiegen von 78 Millionen DM auf 192,4 Millionen DM zwischen 1980 und 1989.[54]

Die Folgen der Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik sind auf dem Wohnungssektor deutlich zu sehen. Dadurch, daß versucht wird, die niedergegangene Wirtschaft zu modernisieren, werden Teile der Bevölkerung, die nicht mehr für die für die Ökonomie verwertbar sind, ausgegrenzt, während qualifizierte Arbeitskräfte angeworben werden. Die Polarisierung wird dabei von der Politik in Kauf genommen, um die Wirtschaft zu stärken, anstatt die vorhandene Bevölkerung beispielsweise durch Umschulungen nachträglich zu qualifizieren.

7. Resümee

Der ökonomische Strukturwandel in Form der Krise des Fordismus hat Mitte der 70er Jahre alle Regionen in der BRD betroffen. Während viele Regionen diesen teilweise gut überwinden konnten, hatten einige Regionen in den 80er Jahren nicht das Potential dafür. Dies sind vor allem die Regionen im Norden und Westen Deutschlands, in denen die ehemaligen Wachstumsindustrien am festesten verankert waren. Im Süden dagegen wurden nach dem zweiten Weltkrieg die neuen Wachstumsindustrien wie Automobilbau oder Elektronik ausgebaut, die sich von der Krise leichter befreien konnten.

Die Probleme für die Emscher Region und die Stadt Hamburg sind im Kern relativ ähnlich: Die traditionellen Wachstumsindustrien befinden sich im Niedergang, was zur Folge hat, daß die Region bzw. die Stadt umgewandelt werden müssen. In den beiden Gebieten reicht es nicht aus, sie nur in einem geringen Maß zu erneuern, da in der Vergangenheit in der Emscher Region die Montanindustrie und in Hamburg der Hafen die jeweiligen Schlüsselindustrien waren. Es muß vielmehr darum gehen, für die Zukunft vorzubauen, indem sich die Umstrukturierung auf der regionalen Ebene vollzieht.

Die Stadt Hamburg versucht das Nord-Süd-Gefälle nach der Theorie der langen Wellen zu erklären. Dabei wäre die letzte Basisinnovation die Mikroelektronik, wovon vornehmlich die im Süden ansässigen Unternehmen profitieren. Die Konsequenz aus diesen Überlegungen war die Förderung von High-Tech-Betrieben in der Mitte der 80er Jahre. Die Politik in Hamburg versucht die Entwicklung mit exogenen Potentialen voranzutreiben, indem Unternehmen angezogen werden sollen, die vornehmlich zukunftsorientiert sind. Neben den beschriebenen sozialen Folgen, die eine solche Politik verursachen kann, ist es sehr zweifelhaft, ob diese Strategie die Zukunft Hamburgs sichern kann. Mit der wieder zunehmenden Arbeitslosigkeit steigen auch die Kosten, die die Stadt tragen muß und somit können sich die Investitionen schon einmal auf dem finanziellen Sektor nicht lohnen, da nicht versucht wird die Arbeitslosen zu integrieren. Zudem sollte sich die Politik auch darüber bewußt sein, daß Großstädte auch auf arme Menschen eine Anziehungskraft haben, die sich in einer Großstadt eher Hoffnungen machen, eine Arbeit zu finden. Es werden in Zukunft also wahrscheinlich noch mehr Menschen nach Hamburg kommen, die nicht auf dem Arbeitsmarkt integriert werden können. Bezogen auf den wirtschaftlichen Sektor sehe ich die politische Strategie der Stadt Hamburg ebenfalls fehlschlagen. Es ist nicht ausreichend, Unternehmen anzuwerben und in der Stadt Netzwerke aufzubauen, sondern es sollte versucht werden in der Region das Wachstum voran zu bringen, indem versucht wird, regionale Netzwerke aufzubauen. Das vordergründige Problem dabei, daß Hamburg ein Stadtstaat ist und somit sich viel des Wachstums in Niedersachsen und Schleswig- Holstein vollziehen könnte, ist meiner Meinung nach irrelevant, da die jetzige Stadtentwicklungspolitik Hamburgs den Umlandgemeinden ungewollt sicherlich mehr Vorteile bringt. Die Industrie einer Stadt braucht heutzutage, um innovativ zu sein, ein Netzwerk, in dem das Umland einbezogen ist. Es sollte versucht werden die Probleme, die dadurch in der Stadt Hamburg selber entstehen, zusammen mit den Umlandgemeinden zu lösen. Dabei sollte nicht weiterhin versucht werden, Unternehmen anzuwerben, sondern darauf geachtet werden, daß sich die Region aus sich selber heraus entwickelt.

Die IBA Emscher Park ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Region versucht sich aus sich selbst heraus weiter zu entwickeln. Es ist bei der IBA besonders nützlich auf das endogene Entwicklungspotential zu setzen, da die projektbezogene Arbeit nicht automatisch eine Entwicklung der gesamten Region bewirkt. Durch die besondere Förderung der Vernetzung innerhalb der Region kann die Entwicklung in der, nach der IBA, vorhandenen Struktur mit Hilfe seiner neu geschaffenen Organisationsformen, Planungsinstrumenten und Lösungsansätzen von den ansässigen Unternehmen weiter betrieben werden. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber den Modellen, die auf das exogene Entwicklungspotential setzen, da bei diesen zwar kurzfristig sichtbare Erfolge vorhanden sind, aber auf lange Sicht die geeigneten Strukturen fehlen, die den Regionen aus der Krise helfen können. Auf lange Sicht hat dieses Modell und seine Umsetzung erheblich größere Chancen einen regionalen Wandel einzuleiten als die Stadtentwicklung in Hamburg.

8. Literatur

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Dangschat, Jens (1992): Soziale Konturen der „neuen Stadtpolitik“ in Hamburg, in: Häußermann, Hartmut (Hrsg.), Ökonomie und Politik in alten Industrieregionen Europas, Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag

Friedrichs, Jürgen (1995): Stadtsoziologie, Opladen: Leske + Budrich

Häußermann, Hartmut (1992): Ökonomie und Politik in alten Industrieregionen, in: Häußermann, Hartmut (Hrsg.), Ökonomie und Politik in alten Industrieregionen Europas, Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag

Hirsch, Joachim (1995): Der nationale Wettbewerbsstaat, Berlin: Edition ID -Archiv

Hirsch, Joachim / Roth, Roland (1986): Das neue Gesicht des Kapitalismus, Hamburg: VSA

Krätke, Stefan (1995): Stadt - Raum - Ökonomie, Basel: Birkhäuser Verlag

Läpple, Dieter (1996): Städte im Umbruch. ZU den Auswirkungen des gegenwärtigen Strukturwandels auf die städtischen Ökonomien - Das Beispiel Hamburg in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Agglomerationsräume in Deutschland, Hannover

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London Dockland Developement Corporation (1997/2): offizielle Internetseite des

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[...]


[1] Hirsch, Joachim (1995), Seite 49

[2] Hirsch, Joachim/ Roth, Roland (1986), Seite 44

[3] Hirsch, Joachim (1995), Seite 48

[4] Hirsch, Joachim (1995), Seite 49

[5] Hirsch, Joachim / Roth, Roland (1986), Seite 44

[6] Hirsch, Joachim (1995), Seite 50 f

[7] Hirsch, Joachim (1995), Seite 78

[8] Hirsch, Joachim (1995), Seite 77

[9] Hirsch, Joachim (1995), Seite 84

[10] Die Tabelle ist erstellt aus den Daten des Datenreport 1997, Seite 83 und 291

[11] Häußermann, Hartmut (1992), Seite11 f

[12] Krätke, Stefan (1995), Seite 64

[13] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 12

[14] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 12 f

[15] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 19

[16] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 14

[17] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 15

[18] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 18

[19] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 17

[20] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 17 ff

[21] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 17 f

[22] Krätke, Stefan (1995), Seite 88 f

[23] Krätke, Stefan (1995), Seite 90 ff

[24] Pickvance, Chris G. (1992), Seite 66

[25] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 25 ff

[26] London Dockland Developement Corporation (1997/1)

[27] London Dockland Developement Corporation (1997/2)

[28] Al Naib, S. K. (1996), Seite 41

[29] Squires, G. D. (1996), Seite 266

[30] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 27 f

[31] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 28 f

[32] Häußermann, Hartmut (1992), Seite 28

[33] Siebel, Walter (1992), Seite 214 f

[34] Sieverts, Thomas (1990), Seite 13

[35] Siebel, Walter (1992), Seite 222 ff

[36] Sieverts, Thomas (1990), Seite 22

[37] Siebel, Walter (1990), Seite 225

[38] Siebel, Walter (1990), Seite 215 ff

[39] Siebel, Walter (1990), Seite 219 ff

[40] Siebel, Walter (1992), Seite 227 ff

[41] Ruhr-Online (1997)

[42] Stadt Gelsenkirchen (1997)

[43] Siebel, Walter (1992), Seite 226

[44] Läpple, Dieter (1996), Seite 201

[45] Dangschat, Jens S. (1992), Seite 179

[46] Statistisches Landesamt Hamburg (1997/2)

[47] Läpple, Dieter (1996), Seite 192 ff

[48] Dangschat, Jens S. (1992), 179 ff

[49] Dangschat, Jens S. (1992), 182 f

[50] Friedrichs, Jürgen (1995), Seite 119

[51] Friedrichs, Jürgen (1995), Seite 83 ff

[52] Statistisches Landesamt Hamburg (1997/1)

[53] Friedrichs, Jürgen (1995), Seite 55

[54] Dangschat, Jens S. (1992), Seite 185

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Details

Titel
Ökonomie und Politik in traditionellen Industrieregionen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Seminar: Der Wandel von Wohn- und Lebensstil - WS 1997/98
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
36
Katalognummer
V96462
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Industrieregionen, Seminar, Wandel, Wohn-, Lebensstil
Arbeit zitieren
Bernd Schulze (Autor), 1998, Ökonomie und Politik in traditionellen Industrieregionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96462

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