Sozialpädagogik und rechtsextreme Jugendliche


Seminararbeit, 1994
18 Seiten, Note: gut

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung
1.1. Themenwahl
1.2. Anamnese des Projektes „Gänseblümchen“

2. Was sind „rechte Jugendliche“?
2.1. Entstehen von Rechtsradikalismus
2.1.1. Die Rebellen
2.1.2. Die Nazis
2.2. Erziehung und Autorität
2.2.1. In der BRD
2.2.2. In der DDR

3. Grenzen der Pädagogik
3.1. Klientel von Sozialpädagogik
3.2. Akzeptierender Ansatz
3.3. Theoretische Rechtfertigungen

4. Politisierung der Sozialpädagogik

5. Literaturverzeichnis

Sozialpädagogik und rechtsextreme Jugendliche

1. Vorbemerkung

1.1. Themenwahl

Seit der „Wiedervereinigung“ haben Gewalttaten rechtsextremer Gruppen bzw. Einzelner zu einer breiten politischen und wissenschaftlichen Diskussion über Ausmaße und Ursachen dieser Entwicklung geführt. In die Diskussion über angemessene Gegenstrategien ist besonders die Pädagogik in Schule und Jugendarbeit einbezogen.

In den vergangenen vier Jahren hatte ich reichlich Gelegenheit, mir über die Möglichkeiten und Erfolgschancen von Sozialpädagogik Gedanken zu machen. Ich denke, daß meine durchaus nicht ausgereifte Überlegungen einen sehr sensiblen Bereich der sozialen Arbeit in Frage stellen. Doch gerade deshalb denke ich, daß eine Hausarbeit zum Thema produktiv wirken kann.

Während vier Jahren akzeptierender Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen stieß ich immer wieder an Grenzen des Erreichbaren. Mißerfolge lastete ich mir als beruflichem „Quereinsteiger“ an, obwohl mir ähnliche Problematiken aus nahezu allen Einrichtungen mit ähnlicher Klientel bekannt sind.

Zur Wahl eben dieses heiklen Themas kam ich, als nach einem gemeinsamen Interview zum Thema „Sozialpädagogik mit rechten Jugendlichen“ mit einer lokalen Tageszeitung eine Kollegin zu mir sagte: „Wenn Du das so siehst, sind alle meine Bekannten ja auch irgendwie rechts.“ Ich hoffe, daß sie unrecht hat.

Weil sich das Thema direkt auf meine praktische Arbeit bezieht, halte ich eine verkürzte Beschreibung meiner Einrichtung für notwendig:

1.2. Anamnese des Projektes „Gänseblümchen“

Das Projekt „Gänseblümchen“ entstand auf die Initiative eines privaten Sponsors hin im April 1994 im Adorfer Plattenbauviertel Vortadt. Es wendet sich als Einrichtung der Jugendkultur-, -bildungs-, und -sozialarbeit an rechtsorientierte Jugendliche, die durch die offene Jugendarbeit im Stadtteil nicht erreicht werden. Folglich ist auch aufsuchende Arbeit (Streetwork) ein fester Bestandteil unserer Arbeit.

Dem Projekt steht innerhalb des Freizeittreffs „Morgentau“ ein Gruppenraum sowie ein Büro zur Verfügung. Im Gruppenraum bieten wir Kindern und Jugendlichen* im Alter von etwa 12 bis 21 Jahren cliquenorientierte Freizeitgestal- tung sowie Beratung und Vermittlung (Einzelfallhilfe) in persönlichen Problemlagen.

Bis zum September vorigen Jahres arbeiteten wir mit einer Vortadter Clique, die gewissermaßen für die Entstehung des Projektes „Gänseblümchen“ verantwortlich war. Die Jugendlichen waren damals zumeist arbeitslos bzw. ohne Lehrstelle und trafen sich regelmäßig hinterm Jugendclub „Morgentau. Sie zählen sich zur „rechten Szene“ und hatten besonders in den Jahren 1992 bis 1994 durch die verschiedensten kriminellen Aktivitäten (Ruhestörung, Fahren ohne Führerschein, Diebstahl, Nötigung, Raub, Einbruch, Körperverletzung) Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wegen dieser Jugendlichen installierte das Jugendamt das Projekt „Gänseblümchen“.

Die Clique befindet sich in ihrer Auflösung. Der Großteil der Jugendlichen ist heute über 20 Jahre alt und hat sich ins „normale“ Leben (d. h. Wohnung, Arbeit, Kultivierung familiärer Beziehungen) eingegliedert. Andere haben sich - trotz unserer intensiven Bemühungen, dies abzuwehren - extremen Gruppierungen angeschlossen. Unsere Angebote nutzen sie selten oder gar nicht mehr.

* Der besseren Lesbarkeit wegen vermeide fortan ich die korrekte Aufzählung nach vollendetem Lebensalter.

Heute wendet sich das Projekt „Gänseblümchen“ an eine (wiederum rechtsorientierte) jüngere Klientel, jedoch haben wir unseren Schwerpunkt, um mehr Jugendliche erreichen zu können, zu Ungunsten des Cliquentreffs auf die aufsuchende Arbeit gelegt.

2. Was sind „rechte Jugendliche“?

2.1. Entstehen von Rechtsradikalismus

Von Jugendlichen ausgehende Gewalt und Rechtsextremismus werden in der Öffentlichkeit primär dem Versagen von Familie und Schule zugeschrieben. Diesen beiden Erziehungsinstanzen stehen unter dem Verdacht der Unzulänglichkeit: Sie vermitteln vermeintlich ungenügende oder falsche Wertorientierungen.

Es ist aber die Politik, die offensichtlich nicht in der Lage ist, brisante soziale Probleme wie die Arbeits- bzw. Ausbildungsplatzlosenquote in Deutschland oder das damit eng verzahnte Gefälle zwischen Arm und Reich zu beseitigen. Die Reformbedürftigkeit der profitorientierten Industriegesellschaft im Zeitalter der Globalisierung wird nicht thematisiert. Vermeintlich sind nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse problematisch, sondern die Jugendlichen machen Probleme. Stattdessen wird in populistischer Manier die Diskussion um „Asylrechtsmißbrauch“ oder organisierte Kriminalität, die infolge exzessiver Darstellung durch die Medien oft mit Ausländern verbunden wird, in den Vordergrund gestellt.

Jugendlichen überspitzen diese in ihrem Kern nationalistischen Gedanken und setzen sie schlimmstenfalls in die Tat um. Hier wird ein Definitionsfehler begangen: Für Erwachsene wird angenommen, daß ihre politischen Einstellungen rational begründbar seien - Jugendliche werden an Sozialpädagogen verwiesen.

Pädagogik aber hat an diesem Punkt kaum einen Handlungsraum. Politische und soziale Probleme können nicht von Eltern, Schule oder Jugendarbeit gelöst werden. Während zehntausende Einwohner Sachsen-Anhalts in freier Meinungsentscheidung ihre Wahlstimme einer (real kaum existenten) rechtsextremistischen Partei geben, werden Gewalt und Rechtsextremismus zu einem Bewußtseins- und Verhaltensproblem von einzelnen Jugendlichen erklärt.

Wenn das Problem folglich als im Individuum liegend definiert wird, folgt der Appell an Schule, Erziehung und Jugendarbeit, sie sollen korrigierend eingreifen. Ihnen wird eine entscheidende Rolle bei der individuellen Problemlösung zugesprochen.

2.1.1. Die Rebellen

Wenn man voraussetzt, daß die Eltern der „Rechten“ die politische Einstellung ihrer Sprößlinge nicht teilen, wird die Erklärung für die Herkunft einer rechtsorientierten, mithin chauvinistischen, inhumanen Einstellung schwierig: Einschlägige Medien sollten den meisten aufgrund ihres Alters verwehrt bleiben und in der Schule ist Antifaschismus ein Lernziel. Vielleicht läßt sich eine Analogie zu anderen „Jugendbewegungen“ herstellen:

Wie fast alle Jugendszenen (von den Halbstarken der 60er Jahre bis zur gegenwärtigen Techno-Szene) sind auch „Die Rechten“ männlich dominiert. Immer sind es männliche Jugendliche, die durch ihre Kleidung, ihren Habitus sowie ihre lautstark verlautbarten Meinungen Aufsehen und Protest in der Öffentlichkeit hervorrufen. Genauso lebt diese Szene davon, daß einige Wortführer den anderen die Richtung weisen. Und auch in den anderen Jugendszenen gab und gibt es Tote bei gewalttätigen Auseinandersetzungen (untereinander oder mit der Staatsgewalt) oder durch Drogenmißbrauch.

Grundsätzlich gab es sowohl in der BRD als auch in der DDR gewaltbereite Jugendliche, die sich an nationalistischem Gedankengut orientierten. Dies erscheint Jugendlichen als sehr effektiver Weg, sich gegen Erziehung zu verwehren. Erziehung erscheint ihnen als nicht durchschaubares System, das einen negativ erlebten, restringenten Einfluß auf ihre erhaltenswerte Lebenswelt hat. In ihrem Aufbegehren suchen (einige) Jugendliche die Provokation, sie befürworten das, was innerhalb dieses Systems als unzulässig, aber auch beängstigend gilt.

Daß dieser öffentliche Affront tatsächlich das Ziel vieler „rechter“ Jugendlicher ist, zeigt sich leicht am Unterschied im Symbolrepertoire im Osten Deutschlands vor und nach der „Wende“: Bis 1989 reichte es aus, schwarz-rot-goldene Hosenträger oder etwa das typische Bundeswehr-Unterhemd mit Bundesadler zu tragen, um sich und anderen die rechtsorientierte Gesinnung deutlich zu zeigen. Nachdem aber die Bundesflagge als offene Provokation nicht mehr ausreichte, wurde sie gegen die des Deutschen Reiches ausgetauscht. - Die Flagge des Deutschen Reiches in schwarz-weiß-rot als aktuelle Alternative war damals in der DDR genauso wenig verboten wie in der Bundesrepublik. Andererseits hat weder damals noch heute irgendeine rechtsextreme Gruppierung die Krönung eines gesamtdeutschen Kaisers verlangt. Es handelt sich also tatsächlich um provokative Symbolik.

Diese Jugendlichen wollen vor allem eins: keine Anpassung, sondern Provokation. Rechtsorientierte, gewaltbereite Jugendliche haben sich nicht allein dem Antifaschismus ihrer Schulbildung widersetzt, sie haben sich auch der Schulbildung/Pädagogik selbst verweigert. Sie zelebrieren das, was negativ und „im richtigen Leben nicht erlaubt“ ist: rebellischen Gestus, Härte und Gewalttätigkeit, Bewunderung des Starken, Verachtung des Schwachen, Betonung des Nationalen, Ausgrenzung des Fremden etc.

2.1.2. Die Nazis

Doch spätestens nach der Wende wurde eine neue Qualität erreicht. Im desillusionierten und des-ideologisierten „Mitteldeutschland“ (eine offen revisionistische Bezeichnung, die aus populistischen Beweggründen verwendet wird) konnten Kader rechter Parteien, tausende Jugendliche für ihre „neuen Ziele“ rekrutieren.

Besonders in Brandenburg sowie Thüringen und Sachsen etablierten sich alte und vor allem neu gegründete rechtsextreme Organisationen. Mit Parolen, Phrasen und auch politischen Schulungen wurde die Auflehnung gegen Erziehung und vermeintliche Bevormundung in Form der Auflehnung gegen die Autorität des Staates verdichtet in eine zwar diffuse aber tatsächliche Auflehnung gegen die bürgerliche, demokratische Gesellschaftsordnung.

2.2. Erziehung und Autorität

Oft wird die autoritäre Erziehung in der DDR als Ursache für eine tendenziell stärkere rechtsextreme Orientierung unter Jugendlichen genannt: Der totalitäre antifaschistische Staat hat vermeintlich Faschisten erzogen.

Diese Beweisführung erscheint mir sehr einseitig und eher dazu angelegt, die ostdeutsche Vergangenheit ideologisch zu manipulieren. Es ist notwendig das Verhältnis der Pädagogik zu Autorität in beiden deutschen Staaten zu überprüfen. In beiden deutschen Staaten wurden zwei gegenläufige Erziehungsmodelle kultiviert:

2.2.1. In der BRD

In der Bundesrepublik Deutschland hatte die 68er Bewegung zumindest bewirkt, daß vom autoritären Modell zunehmend Abstand genommen wurde. Neben Reformschulen (z. B. Waldorf) setzte sich allgemein ein liberales, beinahe „linkes“ Erziehungsmodell durch, daß im antiautoritären Stil gipfelt: Jegliche Unstimmigkeiten zwischen Eltern/Lehrern (Älteren/Gelehrten) und Kind werden zwischen den Parteien diskutiert. Begrenzungen der sich entfaltenden Persönlichkeit werden abgelehnt. Das Kind soll vor Repressionen bewahrt werden, um so zu einer in ihren Entscheidungen freien Persönlichkeit aufzuwachsen.

Der Umstand, daß sich die profitorientierte kapitalistische Gesellschaft immer weiter davon entfernt, dem Individuum optimale Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten (kontinuierlicher Sozialabbau auch im Bildungssystem, wachsende Beschäftigungslosigkeit im Gegensatz zu maßloser Konsumorientierung…) wird in der Erziehung nicht berücksichtigt.

Die Jugendlichen werden mit dem Eintreten in die Berufsausbildung, spätestens bei der Arbeitsplatzsuche in ein System von entpersönlichten Handlungsabläufen entlassen, die strikt zweckrational ausgerichtet sind und den Steuerungsmedien Macht und Geld unterliegen.

Im Alltag der meisten Jugendlichen ist dann die eigene Meinung wenig gefragt, oft unangenehme Regeln müssen strikt befolgt werden. Gegenläufiges Verhalten führt allenfalls zu Irritationen beim Arbeit-/Geldgeber, der sich der Tatsache der Knappheit der Ressource Arbeitsplatz bzw. Lehrstelle bewußt ist. Darauf wurde der Jugendliche nicht vorbereitet. Er sieht sich - eventuell erstmalig - mit Grenzen konfrontiert, über die er keinerlei Verhandlungen führen kann.

Egal wie der Jugendliche diese Krise bewältigt (Anpassung, aggressive Durchsetzung der eigenen Interessen, Resignation, Flucht…) - in jedem Fall muß er seinen gesamten Wertekatalog in Frage stellen und seinen Platz in der Gesellschaft neu bestimmen. Die Integration in die Gesellschaft, so wie sie bisher erlebt bzw. gelernt wurde, wird in Frage gestellt. Im Kontext des sich zuspitzenden Widerspruchs zwischen Konsum als Lebensziel (Einfluß der Medien!) und immer unwahrscheinlicherer tatsächlicher Konsumbefriedigung muß die Desorientierung zunehmen.

Dieses Krisenszenario soll nicht belegen, daß antiautoritär erzogene Jugendliche zum Rechtsradikalismus tendieren. Eher möchte ich am pädagogischen Extrem zeigen, wie unter der Voraussetzung eines „gelebten“ Antifaschismus (Antikonservativismus) Rechtsextremisten hervorgehen können. Unter diesem Blickwinkel wird zugleich deutlich, wieso im sozialarbeiterischen Sprachgebrauch desintegrierte Jugendliche mit einer diffusen nationalistischen, gewaltförmigen Orientierung oft als „desorientiert“ bezeichnet werden.

2.2.2. In der DDR

In der Deutschen Demokratischen Republik war Erziehung - meiner Ansicht nach - vor allem in zwei Punkten gegenläufig: Die Erziehung war weitaus stärker autoritär geprägt, vor allem aber nahm der Staat mehr Einfluß auf die Erziehung. Die demographischen Unterschiede (jüngere Eltern, mehr Alleinerziehende) waren nur möglich, weil der Staat intensiv über Kinderkrippe und -garten sowie Hort und Kinder- und Jugendorganisationen in die Erziehung eingriff.

Von der staatlichen Erziehungskontrolle waren die Eltern direkt betroffen: So gab es z. B. in den Schulen monatliche Elternabende, deren Besuch angeraten war, wenn man sich vor dem argwöhnischen Auge der Sozialistischen Einheitspartei und deren Exekutive nicht verdächtig machen wollte. Dort ermahnten Lehrer die Eltern wegen derer Sprößlinge, günstigenfalls suchten sie gemeinsam nach Lösungsstrategien.

Mit der Wende wurden die Eltern schlagartig allein verantwortlich für die Entwicklung ihrer Kinder. Noch heftiger traf es dieselben; diese Jugendlichen haben den Sturz ihrer Autoritäten erlebt:

- Die Eltern wurden oft binnen kurzem arbeitslos. In der DDR war diese Erscheinung - auf Hilfeleistungen des Staates angewiesen zu sein - bis dahin faktisch unbekannt; sie wurden gleichsam nutzlos.
- Wenn die Eltern sich zudem mit dem System arrangiert hatten und als Genossen einen höher qualifizierten Arbeitsplatz innehatten, wurden sie doppelt unglaubwürdig: Entweder sie wählten die Opferrolle, verließen das sinkende Schiff „SED“ und gaben eine Lebenslüge zu - oder sie verteidigten ihre Überzeugung und wurden als Täter (und Linksextremisten) ebenfalls desintegriert.
- Auf einmal waren es die Eltern, die Forderungen an die Lehrer stellten, diese gipfelten darin, daß die „Roten Socken“ sich aus der Erziehung heraushalten sollten. Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule schlug um in den wechselseitigen Vorwurf der Erziehungsunfähigkeit.
- Viele Lehrer verloren die Orientierung: Alle politischen Einschränkungen, die sie je vertreten hatten oder mußten, standen jetzt als Lügen im Raum. Es verbreitete sich der Standpunkt, daß Wertneutralität ein Gebot der Pädagogik sei.

Das totale Wegbrechen eines Weltbildes, das diese „Wendekinder“ erlebt haben, verstärkte die Desorientierung. Aber: die neuen Ängste um Ausbildung und Arbeit kamen zusätzlich auf sie zu - die Auswirkungen auf das eigene Lebenskonzept dürften oft intensiver gewesen sein.

Ich denke, daß dieses eigene Un-Wertgefühl bei einem jungen Menschen den Nährboden dafür schafft, sich gegen Schwächere und Minderheiten zu wenden, sie gleichsam zum Sündenbock zu stempeln.

An dieser Stelle sei bemerkt, daß Hinwendung zu Nationalismus und Fremdenhaß nicht notwendigerweise aus Desintegration entsteht. Als anderes Extrem der möglichen Überwindungsstrategien agieren als lebendiger Gegenpol autonome Linksextremisten.

3. Grenzen der Pädagogik

3.1. Klientel von Sozialpädagogik

Jede Pädagogik, wie immer sie sich selbst und die Verantwortlichkeit und Autonomie Ihrer Klientel umschreibt, kann nicht umhin, das Handeln ihrer Klientel im Hinblick auf deren Erleben (Bedürfnisse, Interessen, Meinungen, Einstellungen) zu thematisieren und zu hoffen, durch Auswechselung der Erlebnisformen das Handeln zu verändern.

Den Stilisierungsformen rechtsradikaler Jugendlicher liegt ein Strukturproblem jeder Erziehung als absichtsvoller Sozialisation, nämlich die „Verdoppelung der Ablehnungsmotive“ zugrunde: Man kann das jeweils Gelehrte, das von Pädagogen erwartete Verhalten, ihre Zielsetzungen und Werte aus sachlichen Gründen ablehnen oder eben, um die Zumutung, sich erziehen lassen zu sollen, zu verweigern.

Jugendliche, die „offen und auf Suche“ und eventuell von „unscharfen“ Vorurteilsstrukturen geprägt sind, können unbedingt durch Angebote der Jugendarbeit erreicht werden. Schule und Jugendarbeit leisten als erziehende und sozialisierende Institutionen für Jugendliche einen wichtigen Beitrag zu deren Wertorientierung und gesellschaftlichen Verortung. Die Unterstützung bei der Bewältigung ihrer besonderen Lebensphase, bei der Ausbildung humaner,solidarischer und demokratischer Orientierungen ist die Aufgabe von Pädagogik. Bei Jugendlichen, die extremes Gedankengut nicht verinnerlicht haben, ist es zweifellos möglich, fremdenfeindlichen und gewalttätigen Orientierungen entgegenzusteuern. Dabei spielt der von den Jugendlichen mitgestaltete, konkret gelebte demokratische Alltag in Jugendclubs etc. eine genauso wichtige Rolle wie Projekte, erlebnispädagogische Gruppenfahrten usw.

Das gilt aber meines Erachtens gerade nicht für alle Jugendlichen. Immer öfter wird Jugendarbeit durch Jugendliche abgelehnt, weil sie „nicht national“ sei. Die Erfahrungen in mir bekannten Projekten zeigen, daß in entsprechende rechtsextreme Organisationsformen eingebundene Jugendliche gegenüber pädagogischer Einwirkung „immun“ sind.

Der tolerante Umgang mit ihnen, Gruppenfahrten oder politische Seminare führen, wenn sie gut inszeniert werden, im günstigsten Falle dazu, daß die Jugendlichen ihre spezielle Einrichtung schätzen lernen. Die Wertschätzung des inhaltlich gestalteten Freizeittreffs bewirkt, daß die Jugendlichen ihre Einrichtung „schützen“: einerseits vor Zerstörung durch randalierende Kumpane, andererseits werden fremde Jugendliche verdrängt. Selbst in Einrichtungen, die mit „Linken“ oder „Normalen“und „Rechten“ arbeiten, funktioniert das nur, wenn diese Gruppen durch räumliche oder zeitliche Separationen voneinander isoliert werden bzw. sich selbst abgrenzen. Diese Annexion, die dazu führt, daß es innerhalb der Einrichtung nicht zu Auseinandersetzungen unter Klienten kommt, wird gerne mit erfolgreicher Sozialpädagogik gleichgesetzt.

Sozialpädagogik endet hier aber im „von der Straße holen“, im Beaufsichtigen.

Und das ist tatsächlich ein nicht benannter gesellschaftlicher Auftrag: Bürger und Kommunalpolitiker sind schon beruhigt, wenn die Ruhestörer außerhalb ihres direkten Sichtfelds sind. Außerhalb der Einrichtungen stattfindende Übergriffe, die im Extremfall bis zum Mord reichen, werden in den Medien regelmäßig als unbegreifliche Taten Einzelner mit „schwerer Kindheit“ oder Gruppen von Betrunkenen, die bisher niemals negativ aufgefallen waren, dargestellt. Die rassistische, gewaltbejahende Grundhaltung in ihrem Alltagsleben ändert sich dadurch gewöhnlich nicht.

Die Jugendlichen führen ein weiteres Doppelleben: Genauso wie die Eltern im Falle von polizeilichen Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen nicht glauben können, daß es um ihre Kinder gehen soll, können Sozialpädagogen oft die Wandlungsfähigkeit ihrer Klienten nicht verinnerlichen. Die gleichen Jugendlichen, die z. B. erlebnispädagogische Maßnahmen mit Begeisterung absolvieren, stellen diese Bereicherung ihrer Lebenswelt in keinen Zusammenhang mit ihrem eigenen Verhältnis zu Gewalt oder Fremdenangst/-haß.

Dieses Dilemma zu erkennen bedeutet nicht Verzicht auf „Erziehung“ und „Aufklärung“. Es geht um „Bescheidenheit“: die Abwehr von falsch interpretiertem politischen Verantwortungsbewußtsein und Gefahren der Selbstüberschätzung.

3.2. Akzeptierender Ansatz

Es gibt bisher kaum Belege für die Annahme, daß eine pädagogische Beein- flussung bei „harten Rechten“ gelingt - trotz der anrechenbaren Ergebnisse wie erlebnispädagogische Aktivitäten, Seminare und erfolgreich geleistete Einzelfallhilfe. Sozialpädagogik mit organisierten rechtsextremen Jugendlichen zu leisten, dokumentiert die Fehleinschätzung der unbegrenzten „Erziehbarkeit zum Besseren“. Der sozialpädagogische Alltag sieht anders aus: Sozialpädagogik verfügt eben nicht über die maßgeblichen Interventionsinstrumente und Gegenmaßnahmen, um die ideologische Arbeit einiger weniger Multiplikatoren inner- und außerhalb der Einrichtungen wirksam zu verhindern.

Oft existiert keine pädagogische Alternative zu den genannten Maßnahmen. Sie sollten deswegen aber nicht als angemessene Problemlösungen angeboten werden. Ein Hinterfragen der greifbaren Auswirkungen bei den Jugendlichen beschränkt sich meist auf das „bessere Kennenlernen“.

Die Sozialpädagogik ist hier nicht in der Lage, eigene Grenzen deutlich zu markieren und einzugestehen. So gerät sie in Verstrickungen von Ansprüchen und 13 Konzeptualisierungen, die als „akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen“ benannt werden. Der akzeptierende Ansatz wurde unreflektiert aus der Drogenarbeit übernommen; eventuell haben drogensüchtige Jugendliche eine ähnlich gelagerte Biographie hinter sich, jedoch ist Sucht als Krankheit nicht mit einem inhumanen Weltbild gleichzusetzen.

Die meisten sozialpädagogischen Konzepte dieser Art wollen den Eindruck vermitteln, daß sie in der Lage sind, rechtsextreme Jugendliche wirklich zu erreichen und zu beeinflussen. Das rührt daher, daß sich soziale Arbeit hier in einem Zwiespalt befindet: Einerseits kann sie über ihre pädagogischen Kontrollinstanzen (Universitäten, Verbände etc.) ihren Bedarf selbst ermitteln, andererseits entscheiden politische Instanzen (z. B. Kommunen) unter Mitwirkung derselben sozialpädagogischen Einrichtungen über die Ressourcenvergabe und die Qualität der geleisteten Arbeit.

Die „rechte Orientierung“ kann auch als Folge der Widersprüche der pädagogischen Institutionen - insbesondere der Schulpädagogik - verstanden werden, deren Betonung von sprachlicher Verständigung und Gewaltfreiheit vor dem Hintergrund hierarchisch geprägter Interventionen wie Noten und Verweise erfolgt. Die offene Jugendarbeit, der diese Formen der Sanktionierung und Leistungsbewertung nicht zur Verfügung stehen, muß aber damit rechnen, von Jugendlichen als ein Bestandteil des etablierten pädagogischen Apparates mit reduziertem Sanktionspotential, d. h. als ideale Zielscheibe für Provokationen, wahrgenommen zu werden.

Erfahrungen struktureller Grenzen, des Scheiterns, nicht auflösbarer Dilemmata und auch der Resignation kennzeichnen die akzeptierende Jugendarbeit. Diese Erfahrungen mit rechtsextremen Klienten, die dem Sozialpädagogen in ihrem Bewußtsein und Verhalten fremd sind, deren Denken und Handeln autoritär, rechts, inhuman, gewaltförmig ist, lassen den Schluß zu, daß es hier kaum dialogische und wirklich beeinflussende Perspektiven in der erzieherischen Arbeit gibt.

3.3. Theoretische Rechtfertigungen

Zugespitzt formuliert werden die jugendlichen Gewalttäter und „rechten Jugendlichen“ vor allem aus einer relativierenden Opferperspektive betrachtet und entsprechend stilisiert. So tragen sie keine Verantwortung mehr für ihr Handeln; ihnen werden mildernde Umstände zugesprochen. Offensichtlich scheinen jugendtypische Verfehlungen vorzuliegen; unverschuldet wurden diese Jugendlichen von der Gesellschaft in ihre Lage gedrängt.

Zudem wird ihr Handeln als lediglich symbolisches legitimiert, als Stärkung von Selbstwertgefühlen, ohne rechtsradikalen Hintergrund und ernste Gefahr. Sie können, so diese Sichtweise, die Folgen ihres Handelns nicht übersehen, haben gute Grunde für ihr Handeln, begehen allenfalls Dummheiten, sind unpolitische, harmlose Krawallmacher, die lediglich umsetzen, was andere propagieren, usw. Mit einem solchen Opferprofil werden mildernde Umstände zugestanden und gilt den Tätern mehr Interesse als den Opfern. Die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln, um die es gerade in einer „individualisierenden Gesellschaft“ geht, gerät in dieser Perspektive in den Hintergrund.

Angesichts solcher Trends gilt es festzuhalten: Differenzierte, wissenschaftlich begründete Erklärungsmuster für jugendliches Gewalthandeln und für Rechtsradikalismus mit den dabei sich ergebenden Bezügen zu ökonomischen, politischen, sozialen, kulturellen und sozialpsychologischen Ursachen dürfen nicht mit der pädagogischen Praxis verwechselt werden. Sie stellen keine Handlungsanleitung dar. Kommt es zu solchen Verwechslungen, so endet dies nicht selten in einer pädagogisch-moralischen Selbstaufgabe, in Argumentations- und Handlungsohnmacht, weil es ja schließlich für alles Verständnis, Mitleid, Begründungen und Erklärungen gibt.

4. Politisierung der Sozialpädagogik

Eine weitere bedeutsam Einflußgröße für die Entstehung politisch motivierter Gewalt ist die gesellschaftliche Einstellung zur Gewalt und ihrer Anwendung. Einstellungen führen zwar keinesfalls selbstverständlich auch zu tatsächlichem Handeln; die gesellschaftlichen Einstellungen zur Gewalt bilden aber das kognitive und affektive Umfeld für die individuelle Gewaltorientierung. Umfragen in der Bundesrepublik lassen gegenwärtig ein politisches Klima erkennen, das zwar im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht auffällig ist, aber im Hinblick auf die Akzeptanz von Gewalt durch jüngere Bevölkerungsgruppen durchaus Anlaß zur Besorgnis gibt.

„Akzeptierende Jugendarbeit“ trennt gewöhnlich das Individuum einerseits, das verstanden und akzeptiert wird, sowie Bewußtsein und Verhalten andererseits, die verstanden und erklärt aber nicht akzeptiert werden. Diese Betrachtungsweise ist verfänglich und voller pädagogischer Illusionen. Dieses Konzept unterliegt im Kontext von Gewalt und Rechtsextremismus der Gefahr, nicht mehr einem demokratischen, streitenden, couragierten Selbstbewußtsein verpflichtet zu sein, hinter das nicht zurückgegangen werden darf. Es ebnet den Weg zu Verstehensprozessen, die in praktische Hilflosigkeit führen, zu handlungsunfähiger Empathie und verhängnisvoller Selbstverunsicherung von Erwachsenen (nur nichts falsch machen‚ Beziehungen nicht abbrechen lassen, Hoffnung auf pädagogische Beeinflussung bewahren).

Inhumanität, Gewalt, Haß und Rassismus sollten nicht als harmlose Jugend- krawalle relativiert, sondern offen benannt werden. Es ist wichtig, sie politisch, moralisch und pädagogisch zu reflektieren sowie ihre Mechanismen und Funktionen zu entschlüsseln. Die Diskussion sollte in folgende Richtung weisen: Streitende und auseinandersetzungsbereite Beziehungen sollten die Kontakt- und Alltagssituation bestimmen, Grenzen markieren, humane Werte anbieten. Es geht nicht um eine neue pädagogisierende Moral- und Werteerziehung, sondern um Toleranz und Streit, um Selbstverantwortung und nicht um Gleichgültigkeit.

Rechtsextremismus und Gewalt sind Ausdrucksformen und Symptome von sozialstrukturellen und soziokulturellen Verwerfungen und Umbrüchen, deren Ausmaß und Ausgang kaum absehbar sind. Auf diesem Hintergrund ergeben sich für die Jugendarbeit langfristige gesellschaftliche und pädagogische Ziele:

- Beiträge zur humanen und demokratiefördernden Bewältigung von Streitfragen,
- gelebte demokratische Praxis und verständnisvolles Zusammenleben,
- gelebte demokratische Kultur, Partizipation und Solidarität,
- Integrationsangebote im Rahmen von Jugendberufshilfen und Wohnprojekten;
- Diskussion über die Zukunft des westlichen Zivilisationsmodells.

5. Literaturverzeichnis

Torsten Baensch: „Den Alltagsfrust von der Leber boxen“ in „Jugendlichen Raum lassen?“, Sonderdruck der Landeszentrale für politische Bildung, Brandenburg 1992

Michael Bommes; Albert Scherr: „Faschos raus aus den Jugendzentren? - Probleme offener Jugendarbeit im Umgang mit rechten Jugendlichen“ in: Albert Scherr [Hg.] „Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen“, Bielefeldt 1992

Klaus Farin; Eberhard Seidel-Pielen: „Skinheads“, Beck-Verlag, München 1993

Franz Josef Krafeld, Kurt Möller, Andrea Müller: „Jugendarbeit in rechten Szenen : Ansätze - Erfahrungen - Perspektiven“, Edition Temmen, Bremen 1993

Benno Hafeneger: „Wider die (Sozial-)Pädagogisierung von Gewalt und Rechtsextremismus“ in: „Deutsche Jugend“ 03/1993

Burkhard Schröder: „Rechte Kerle - Skinheads, Faschos, Hooligans“, Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1992

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Sozialpädagogik und rechtsextreme Jugendliche
Note
gut
Autor
Jahr
1994
Seiten
18
Katalognummer
V96465
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpädagogik, Jugendliche
Arbeit zitieren
M. Willie Wildgrube (Autor), 1994, Sozialpädagogik und rechtsextreme Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96465

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