Konstruktivismus und Kommunikation. Das Sichtweisenmodell und seine Konsequenzen


Seminararbeit, 2020

13 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Konstruktivismus
1.1 Grundlagen des Konstruktivismus
1.2 Konstruktivismus und Kommunikation
1.3 Das Sichtweisenmodell

2 Konsequenzen für die Kommunikation
2.1 Zirkuläres Fragen
2.2 Die Walt-Disney-Strategie
2.3 Methoden des NLP
2.3.1 Rapport und Pacen
2.3.2 Ankern
2.3.3 Reframing

3 Anwendungsbeispiel
3.1 Problemdarstellung
3.2 Reframing
3.3 Überprüfung des Reframings

4 Zusammenfassung und Reflexion

Literatur

Abbildungen

Einleitung

In der Kommunikation kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Siebert (2005, S. 24) konstatiert sogar nach Luhmann, dass Missverstehen der Normalfall ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir alle die Welt unterschiedlich wahrnehmen und uns zumeist nur ein Ausschnitt der gesamten Realität zugänglich ist, wie dies im Sichtweisenmodell beschrieben wird. Diese Arbeit beleuchtet zunächst die Problematik, indem die Grundlagen des Konstruktivismus sowie das darauf basierende Sichtweisenmodell vorgestellt werden. Um unter den genannten Voraussetzungen besser kommunizieren zu können, werden im zweiten Kapitel Methoden vorgestellt, die den eigenen Blickwinkel für andere Sichtweisen erweitern sollen. Das abschließende dritte Kapitel beinhaltet dazu ein praktisches Anwendungsbeispiel.

1 Konstruktivismus

Zunächst sollen im ersten Kapitel die Grundlagen des Konstruktivismus dargestellt werden sowie die Zusammenhänge zwischen Konstruktivismus und Sprache verdeutlicht werden. In einem letzten Unterpunkt wird genauer auf das Sichtweisenmodell eingegangen, das im zweiten Kapitel als Grundlage dient, um daraus Konsequenzen für die Kommunikation abzuleiten.

1.1 Grundlagen des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus als inter- und transdisziplinäres Paradigma befasst sich mit der zentralen Frage, was wir sehen, wenn wir etwas sehen. Es wird konstatiert, dass unsere „Innenwelt nicht lediglich eine objektive Außenwelt widerspiegelt“ (Siebert, 2005, S. 8), sondern durch unsere spezifische Beobachterperspektive gefärbt ist, die wir nicht ablegen können. Das bedeutet, dass es keine eindeutig erfahrbare Wirklichkeit gibt, sondern diese stets vom Subjekt in dessen vorhandenen Erkenntnismöglichkeiten und geprägt von dessen Umwelt- und Vorerfahrungen konstruiert wird. Das menschliche Gehirn arbeitet dabei strukturdeterminiert, selbstorganisiert und operational geschlossen. Damit leitet der Konstruktivismus einen Paradigmenwechsel von einer normativen hin zu einer interpretativen Weltanschauung ein. (Siebert, 2005, S. 13ff) Daraus ergibt sich, dass Wirklichkeit immer an eine beobachtende Instanz gebunden ist und stets sozial situiert ist, das heißt, der Konstruktionsprozess selbst erfolgt durch Kommunikation und Interaktion (Hepp et al., 2017, S. 187).

Der Konstruktivismus speist sich genau genommen aus verschiedensten Theorien aus den Bereichen der Neurophysiologie, der Differenztheorie, der Kybernetik und der Soziologie. Neurophysiologisch betrachtet geht die Ansicht, dass das Nervensystem ein in sich geschlossenes System ohne Kontakt zur Umwelt ist und die Umwelt dieses lediglich durch „Störung“ zur Veränderung anregen kann, auf die Forschungen von Maturana und Varela zurück. Ersterer bezeichnete diese informationelle Geschlossenheit, aber energetische Offenheit der Außenwelt gegenüber als Autopoiesis. Aus der Differenztheorie stammt nach Bateson die Konkretisierung über die Aufnahme von Informationen, nämlich dass diese stets als Unterschiede wahrgenommen werden, sofern sie groß oder schnell genug sind. Dies hängt hab von der Sensibilität der Erkenntnisstrukturen sowie den Präferenzen. In der Differenztheorie wird ferner davon ausgegangen, dass Sehen gleichsam Nicht-Sehen impliziert. So versucht die kybernetische Erkenntnistheorie, die auf Von Foerster zurückzuführen ist, „reflexiv die Handlungen nachzuvollziehen, die Beobachter ausführten, um die Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie sie erkannten, um zu sehen, was durch ihr Sehen unsichtbar wurde“ (Kleve, 2005, S. 7). Diese Elemente wurden bereits von Luhmann in eine sozialwissenschaftlich geprägte Konstruktivismustheorie aufgenommen, die sich mit der wechselseitigen Bedingtheit von Mensch und Umwelt auseinandersetzt und Kommunikation als selektiven Prozess, in dem die Komplexität der Welt reduziert wird, beschreibt. (Kleve, 2005, S. 5ff)

Zusammenfassend lässt sich die Kernthese des Konstruktivismus folgendermaßen ausdrücken: Der Mensch ist ein selbstreferenzielles, selbsterhaltendes, operational geschlossenen System, das die äußere Wirklichkeit weder kognitiv noch sensorisch wahrnehmen kann, sondern lediglich Impulse der Außenwelt abhängig von biografisch beeinflussten psycho-physischen emotionalen und kognitiven Strukturen umwandelt und so eine eigene Wirklichkeit erzeugt. (Siebert, 2005, S. 11)

Problematisch wird es vor allem dann, wenn wir uns der Tatsache, dass uns die Außenwelt erkenntnistheoretisch nicht zugänglich ist, nicht bewusst sind und unsere persönliche Wahrnehmung der Realität als die einzig wahre beanspruchen. (Gratz et al., 2014, S. 102) Zur Lösung dieses Konflikts werden in Kapitel 2 mehrere Methoden vorgestellt, um jeweils verschiedene Perspektiven einzunehmen und den eigenen Blickwinkel zu erweitern.

1.2 Konstruktivismus und Kommunikation

Mit den Zusammenhängen zwischen Sprache und Konstruktivismus bzw. mit der zwischenmenschlichen Verständigung befasst sich der soziale Konstruktivismus. Gergen (2002, S. 5ff) sieht Sprache als Medium der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion und betont die Wichtigkeit des Erzählens als Form sozialer Verständigung. Sprache bildet jedoch nicht nur individuelle Lebenswirklichkeiten ab, sondern kann ferner als kollektives Gedächtnis betrachtet werden. Sprichwörter und Redewendungen, Vergleiche und Metaphern oder umgangssprachliche Phrasen deuten auf die Konstruktion sozialer Milieus oder anderer hierarchischer Gesellschaftsstrukturen hin, die durch Sprache zu Realität und in der Kommunikation verinnerlicht werden. Kommunikation schafft damit soziale Orientierung. Zusätzlich wird auch durch Syntax und Grammatik der Sprache Beobachten, Denken sowie in letzter Konsequenz Handeln reglementiert. Sprache ist damit zugleich Ausdruck und Bedingung der menschlichen Wirklichkeitskonstruktion. (Siebert, 2005, S. 23f)

Ebenso betont Reichertz (2017, S. 2), dass kommunikatives Handeln „das zentrale Mittel zur Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit“ ist und sieht „Sprache als […] Hauptsystem der gesellschaftlichen Bewusstseinsformung, Wirklichkeitsvermittlung und Handlungsstrukturierung“ (Reichertz, 2017, S. 3). Außerhalb der kommunikativen Möglichkeiten gibt es für ihn keine „‚wirklichere‘ Wirklichkeit“ (Reichertz, 2017, S. 2). Dies geht auch konform mit den konstruktivistischen Ansichten von Paul Watzlawick, der postuliert, dass die Wirklichkeit, wie sie in unseren Köpfen entsteht, das Resultat von Kommunikation und damit von sozialen Umständen geprägt ist. (Kleve, 2017, S. 73ff)

1.3 Das Sichtweisenmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wahrnehmung Die Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.

Wie das obige Bild auf lustige Weise illustriert, können Menschen jeweils nur einen gewissen Ausschnitt der Realität bzw. eines Sachverhalts wahrnehmen und bilden sich aufgrund ihrer Wahrnehmung eine Meinung über den Gegenstand. Erst durch das Zusammentragen der gewonnenen Erkenntnisse kann ein klareres Bild des Gesamten entstehen. Geschieht dies nicht, so hat jeder nur einen sehr eingeschränkten Blick auf den Gegenstand, und so ist wie auf dem Bild der Elefant für den einen eine Schlange, für den anderen ein Baum und für wieder einen anderen ein Ventilator.

Das Sichtweisenmodell beschreibt eben diese Tatsache, dass einzelne Betrachterinnen und Betrachter von der Gesamtheit einer Sache jeweils nur einen persönlichen Ausschnitt sehen können. Dieser hängt ab von den eigenen Vorerfahrungen, Werten und Überzeugungen, Erwartungen, aber auch der Rolle, aus der heraus man die Sache betrachtet, oder Emotionen, die man damit verbindet. Geht man unbelastet an eine Sache heran, so wird sich der Blick weiten. Hat man hingegen schon bestimmte Vorannahmen oder ist persönlich involvierter, wird man nur einen engen Ausschnitt sehen. (Gratz u.a., 2014, S. 101f)

Diese Sichtweisen und Perspektiven sind es, die laut Paul Watzlawick unsere Welt erst erschaffen und deren Veränderung durch soziale Kommunikation und soziales Handeln gleichfalls unsere Lebensrealität verändert. (Kleve, 2017, S. 69)

2 Konsequenzen für die Kommunikation

Aufgrund der Tatsache, dass jeder Mensch einen anderen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnimmt, muss zuerst ein gemeinsames Bild dieser Wirklichkeit geschaffen werden, um sich darüber zu unterhalten. Die Wahrnehmungen aller an der Kommunikation beteiligten müssen abgestimmt werden.

Nachfolgend werden drei verschiedene Strategien beschrieben, die auf dem Sichtweisenmodell aufbauen: das zirkuläre Fragen, die Walt-Disney-Strategie und Kommunikationsstrategien aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP).

2.1 Zirkuläres Fragen

Das zirkuläre Fragen stammt ursprünglich aus der systemischen Therapie und bezeichnet eine Interviewtechnik, die Ursachen-Wirkungs-Zusammenhängen auf den Grund geht und verschiedene Perspektiven aufzeigt. (Simon, 2013, S. 117) Gleichzeitig können zirkuläre Fragen auch Möglichkeiten vermitteln, wie die Realität anders wahrgenommen werden könnte und stellen damit gewohnte Auffassungen der Wirklichkeit in Frage. Durch das Angebot an hypothetischen Realitäten vergrößert sich der Blickwinkel auf einen Sachverhalt. (Von Schlippe, 2003, S.46f)

Zirkuläre Fragen zielen darauf ab, eine andere Perspektive einzunehmen, zum Beispiel „Wie würde XY die Situation betrachten?“ oder „Wie reagiert XY in einer vergleichbaren Situation?“. Ebenso können irreale Szenarien entwickelt werden, beispielsweise durch eine „Wunderfrage“: „Angenommen, das Problem löst sich wie durch ein Wunder in Luft auf – woran würde man merken, dass sich etwas verändert hat?“ (Von Schlippe, 2003, S. 44ff)

Derartige Fragen regen zur Reflexion an und zeigen auf, dass es nicht die eine wahre Perspektive gibt, sondern immer mehrere Blickwinkel, unter denen ein Sachverhalt betrachtet und bewertet werden kann. Dies eröffnet vielfältige Möglichkeiten der Reaktion sowie eine Annäherung an eine gemeinsam kommunikativ geschaffene Realität.

2.2 Die Walt-Disney-Strategie

Diese Methode stammt vom gleichnamigen Filmemacher Walt Disney, der Probleme stets aus drei Perspektiven betrachtete, aus der des Träumers oder Visionärs, aus der des Realisten und zuletzt aus der des Spielverderbers oder Miesmachers. (Gratz et al., 2014, S.105)

Kernelement dieser Technik ist das Einnehmen verschiedener Rollen, um eine Idee von mehreren Seiten durchzudenken. Der Träumer als kreativer Vordenker generiert Ideen ohne sich dabei einschränken zu müssen. Der Realist überprüft in einem nächsten Schritt die Umsetzbarkeit dieser Ideen, testet sie aus und stellt fest, ob sie dem Realisierungscheck standhalten. Am Ende steht der Kritiker, der Risiken aufzeigt, Pläne hinterfragt und eventuell Verbesserungspotential erkennt. (Schawel & Billing, 2012, S. 277)

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Konstruktivismus und Kommunikation. Das Sichtweisenmodell und seine Konsequenzen
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
1,00
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V964667
ISBN (eBook)
9783346314451
ISBN (Buch)
9783346314468
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation, Konstruktivismus, Sichtweisenmodell, NLP
Arbeit zitieren
Bianca Lehner (Autor:in), 2020, Konstruktivismus und Kommunikation. Das Sichtweisenmodell und seine Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/964667

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