Vorstellung und Vergleich der Werke von: Peter Berger, Brigitte Berger und Hansfried Kellner: Das Unbehagen in der Modernität / Charles Taylor: Das Unbehagen an der Moderne


Seminararbeit, 1996
24 Seiten

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Inhalt

I. Problemaufriß
Moderne und Modernität - unscharfe Kernbegriffe

II. Peter L. Berger et al. Das Unbehagen in der Modernität
Forschungsbereich
Wissenssoziologie Bergers und Luckmanns
Technologische Produktion
Auswirkungen der technologischen Prod. auf das Bewußtsein
Rationalität
Komponentialität
Multi-Relationalität
Bürokratie
Auswirkungen der Bürokratie auf das Bewußtsein
Pluralisierung der Lebenswelten
Auswirkungen auf das Bewußtsein
Die Welt der Würde
Die Unbehagen in der Modernität
Rationalisierung
Bürokratisierung
Pluralisierung der sozialen Lebenswelten
Privatsphäre als ungeklärte Lösung
Zunehmendes Unbehagen
Gegenbewegungen zur Modernisierung
Jugendkultur
Lösungsvorschläge

III. Charles Taylor - Das Unbehagen an der Moderne
Die drei Unbehagen an der Moderne
Individualismus
Der Individualismus der Selbstverwirklichung
Das Ideal der Authentizität
Liberalismus der Neutralität
Freiheit durch Selbstbestimmung
Bedeutungshorizont
Authentizität vs. Individualismus
Instrumentelle Vernunft
Milder Despotismus
Lösungsvorschläge

IV. Berger und Taylor - Unbehagen und Diagnosen
Der Blickwinkel
Die Ursachen des Unbehagens
Verschiedene Gesellschaftsbefunde 19 Die Entwicklung von Berger zu Taylor20 Auflösung des Gemeinwesens
Methodisch-stilistisches

V. Schlußbetrachtung

I. Problemaufriß

In der hier vorliegenden Arbeit soll ein freier Vergleich zweier Bücher unternommen werden, deren Gemeinsamkeiten vordergründig in der Wahl des Titels begründet sind. Beide tragen sie die Wörter "Unbehagen" und den Stamm "Modern" auf dem Umschlag, in ähnlich klingender Kombination. Und trotzdem liegen zwei Jahrzehnte zwischen beider Erscheinen. Das Thema der Folgen der Moderne, Modernität oder Modernisierung scheint seine Brisanz behalten zu haben. Worin sie bei den jeweiligen Autoren begründet ist, welche Parallelen zutagetreten und wie sich die Gewichte verschoben haben, soll an dieser Stelle Teil der Betrachtung sein.

Zunächst sollen die Werke von Peter L. Berger, Brigitte Berger und Hansfried Kellner auf der einen Seite und Charles Taylor auf der anderen vorgestellt werden. Dies geschieht bereits mit einem Seitenblick auf den jeweils anderen Autor, eine später erläuterte thematische Beschränkung sei gestattet. Der zweite Teil der Arbeit ist dem Vergleich der wiedergegebenen Bücher gewidmet. Hier ging darum, zunächst den Bezug und die Art der Unbehagen der Autoren herauszuarbeiten. Weiterhin sollen die unterschiedlich angenommenen Ursachen der Diagnosen beschrieben und die jeweiligen Folgen und die Lösungsvorschläge beider Autoren gegenübergestellt werden. Den Schluß sollen einige Gedanken dazu bilden, inwieweit sich die Unbehagen Bergers bewahrheitet haben und, wie es bei einer Erscheinung des Jahres 1995 nicht anders möglich ist, wie es um die Plausibilität der Sorgen und Therapievorschläge Taylors steht.

Moderne und Modernität - unscharfe Kernbegriffe

Vorweg einige Worte zu den beiden Kernbegriffen Moderne und Modernität.

Berger et al. bemühen sich zu Beginn ihrer Abhandlung um eine Klarstellung des Begriffes der Modernität. Im Titel klingt es, als würden sich die Autoren mit Erscheinungen einer Epoche beschäftigen. Dem ist nicht so. Vielmehr behandeln sie den Vorgang der Modernisierung, welchen sie als "die institutionellen Begleiterscheinungen des durch die Technik herbeigeführten wirtschaftlichen Wachstums" (S.14) begreifen. Modernisierung kann derart verstanden in allen Gesellschaften vonstatten gehen, sie kann verschieden weit fortgeschritten sein und unterschiedlich verarbeitet werden. Zu welcher Zeit der Prozeß der Modernisierung einsetzt, ist für diesen Blickwinkel unerheblich. Die zu beschreibenden Unbehagen beziehen sich nicht auf ein Phänomen der Epoche sondern hängen intrinsisch mit der Ausbreitung von Technologie und Bürokratie zusammen. Das Wort Modernisierung hätte sich besser auf dem Titel als nur im Text gemacht.

Diesem Ansatz folgend ist es nur plausibel, daß die Autoren Vergleiche zwischen Gesellschaften anst ellen, die Modernisierung in verscheidenem Maße erlebt haben, um sich ähnelnde Abläufe und Folgen nachweisen zu können. Da es sich in dieser vorgelegten Arbeit primär um einen Vergleich zweier Werke zu ähnlicher Thematik handelt, wurde angesichts des beschränkten Rahmens der Schwerpunkt auf die Ausführungen Bergers bezüglich der westlichen Gesellschaften gelegt.

Taylor macht sich nicht erst die Mühe, Moderne als Begriff oder Epoche zu fassen. Den zeitlichen Rahmen benennt er als in hohem Maße variant (S.7), allerdings beobachtet er, daß mit Moderne Klagen über Verfallserscheinungen verbunden werden, deren Themen sich im siebzehnten Jahrhundert wie in den letzten Jahrzehnten nachweisen ließen. Bei der Erörterung des Themas Individualismus sichtet er die Wurzeln in Ideen des achtzehnten Jahrhundert von Francis Hutcheson (S.35), zu deren Verbreitung Jean-Jacques Rousseau maßgeblich beigetragen hat. Letztendlich hat Taylor jedoch Gedanken zum Zustand unserer jetzigen Gesellschaft zusammengestellt und macht Tendenzen aus, Tendenzen, die sein Unbehagen auslösen. Er benutzt nicht wie Berger Modernisierung als Schlüsselbegriff unserer aktuellen Gesellschaftsentwicklung, auch legt er andere Schwerpunkte. Als ein Begriff, der etwas fortschreitend sich vollziehendes beschreibt, wäre Modernisierung auch hinsichtlich seines Themas ein passenderer Bestandteil des Werktitels.

II. Peter L. Berger et al. Das Unbehagen in der Modernität

Forschungsbereich

Das Untersuchungsfeld der Gruppe um Peter L. Berger ist die soziologische Analyse des Bewußtseins im Zusammenhang mit einer spezifischen gesellschaftlichen Situation. Diskutiert wird in in Das Unbehagen in der Modernität die Modernisierung von Gesellschaften. Die Autoren skizzieren die ihrer Ansicht nach wichtigsten institutionellen Begleiterscheinungen des durch Technisierung herbeigeführten wirtschaftlichen Wachstums und deren Auswirkung auf Denkstil und Wissensorganisation der mit diesen Institutionen in Kontakt stehenden Menschen. Die primären Wirkungskräfte dieses sozialen Wandels sind die Institutionen der technischen Produktion und der Bürokratie (Weber folgend: primäre Träger der Modernisierung). Wichtige sekundäre Träger sind Verstädterung, mobilisiertes Schichtungssystem, Privatsphäre als Schlüsselkontext des individuellen Lebens, die besonderen Institutionen der wissenschaftlichen und technologischen Innovation, die Massenerziehung und in ihrer Folge die Messenmedien. (S.91).

Wissenssoziologie Bergers und Luckmanns

Den theoretischen Hintergrund bildet die Wissenssoziologie Bergers und Luckmanns, die sich auf die phänomenologische Methode Alfred Schütz stützt. Im Mittelspunkt steht das Bewußtsein normaler Menschen und ihre Art der Realitätsdefinition. Realitätsdefinitionen sind Sinngehalte, die Menschen in einer gesellschaftlichen Lebenswelt miteinander teilen. Sie entsteht als Dialektik zwischen objektiver Gegebenheit und subjektiven Sinngehalten. Gesellschaft konstituiert sich durch die wechselseitige Interaktion dessen, was als äußere Wirklichkeit erfahren wird (als die Welt der Institutionen, die dem Individuum gegenübertritt) und dem, was innerhalb des Bewußtseins des Individuums befindlich erlebt wird. (vgl. S.16f)

Menschen bewegen sich in verschiedenen sozialen Lebenswelten mit spezifischen Bewußtseinsfeldern, in welchen es jeweils spezifische Denkstile (bezeichnen das Wie) und eine bestimmte Wissensorganisation gibt (bezeichnen das Was der bewußten Erfahrung). Die unterschiedlichen Bewußtseinsfelder sind in einem umfassenden Bezugssytem gebettet, die dem Leben einen Sinn geben, das symbolische Universum. Diese Wissenssoziologie beschäftigt sich mit dem Bewußtsein im Zusammenhang einer spezifischen gesellschaftlichen Situation und versucht, diese subjektiven Erfahrungen objektiv zu beschreiben. Untersucht wird, inwieweit Handlungsweisen, Organisationsdirektiven oder vorgegebene Strukturen der institutionellen Träger Einfluß auf Bewußtseinsstrukturen haben, welche dies sind und welche Konsequenzen daraus folgen. Einmal entwickelte Bewußtseinsstrukturen können sich v on ihren ursprünglichen institutionellen Trägern lösen und auf andere Kontexte übertragen werden (Übertragung), das Aufhalten dieser Übertragung wird mit Blockierung bezeichnet.

Technologische Produktion

Die wesentlichen Erscheinungen in der Wissensorganisation der technologischen Produktion sind ein umfassender potentiell verfügbarer Wissensvorrat, die Meßbarkeit eines Arbeitsstils, eine Hirarchie von Experten und ein Arbeitsprozeß mit mechanistischer Qualität, mit maschinenähnlicher Funktionalität. Jegliche Tätigkeit im Arbeitsprozeß ist reproduzierbar, sie ist nicht einzigartig.

Auswirkungen der technologischen Produktion auf das Bewußtsein

Auf der Bewußtseinsebene führt dies zu einem funktionell-rationalistischen Denkstil, der vor allem von Komponentialität, einer Maximierungsvorstellung und Multi-Relationalität geprägt ist. (S.30f)

Rationalität

Rationalität wird, mit Bezug auf Max Weber, als das Schlüsselthema der Modernisierung begriffen (S.98). Gemeint ist hier die funktionelle Rationalität mit dem Denken in Kausalitäten, der Trennung von Mitteln und Zielen und impliziten Abstraktionen. Funktionelle Rationelle Rationalität in einem Modernisierungsverlauf meint auch, daß das materielle Universum, die sozialen Beziehungen und das eigene Ich rationalen Kontrollen unterworfen wird. In diesem Zusammenhang lassen sich auch die Punkte Machbarkeit und Progressivität einfügen. Modernisierung bringt einen Denkstil mit sich, der einer problemlösende Einstellung gegenüber der Wirklichkeit entspricht, alles ist machbar, das Leben besteht aus zu lösenden Problemen. Progressivität meint einen ingenieursmäßigen Denkstil, die Ergebnisse und Vorteile jeder Handlung maximieren zu wollen (S.98).

Komponentialität

Im Laufe der Modernisierung werden das Wissen und der Denkstil eines Bereiches (Arbeit, Privatleben) voneinander getrennt und nur auf spezifische gesellschaftliche und institutionelle Sektoren bezogen. In der Arbeitswelt entstehen anonyme soziale Beziehungen, die für die technologische Produktion notwendig sind. Im Privatleben ist dieser Denkstil unangebracht, hier werden Personen nicht als austauschbar und als Funktionserfüller betrachtet. Aus dieser Bewußtseinsspaltung ergibt sich für jeden Menschen eine Trennung in ein konkretes Individuum und gleichzeitig einen anonymen Funktionär. Dieses doppelte Bewußtsein bringt Anonymisierungen mit sich, was zur technologischen Handhabung sozialer Beziehungen beiträgt. In einem Prozeß hochgradiger Selbstanonymisierung wird das Ich nun in partieller, segmentierter Weise erlebt, es wird zum komponentiellen Ich. Die Komponentialität des zur technologischen Produktion gehörenden Denkstils dehnt sich auf die Identität aus (S.35) Um diesen Zustand auszugleichen, muß es eine private Welt geben, in der das Individuum jene Elemente der subjektiven Identität zum Ausdruck bringen kann, die in der Arbeitssituation verleugnet werden. Erst Modernisierung hat die Trennung von Privatleben und Arbeit mit sich gebracht.

Im Produktionsprozeß wird die Kontrolle über frei fließende Emotionalität diktiert. Folge davon ist die Aufspaltung der emotionellen Ökonomie des Individuums, diese Spaltung erzeugt Angst, die durch Lenkung der Gefühle bewältigt wird. Es kommt eine "zweite Natur" (S.37) zum Vorschein, mit aufgezwungenen Zeitstrukturen, Beeinflussungen des Organismus und psychischen Manipulationen, die in einer zerbrechlichen und konfliktträchtigen Beziehung zur ersten Natur des Individuums steht.

Multi-Relationalität

Maximierung als Grundannahme der technologischen Arbeitsweise führt zu einem Denkstil der Multi-Relationalität. Der Arbeiter kann in seiner Arbeit nicht ihren Sinn im Gesamtkontext erfassen und ist deshalb fortwährend von Sinnlosigkeit, Identitätsverlust und Anomie-Erfahrung bedroht. Das Gefühl der Entfremdung des Arbeiters muß nicht die Produktion stören, solange er die Lebensbereiche voneinander trennen kann.

Durch Schule, Film, Fernsehen, Reklame wird die Bevölkerung ununterbrochen mit Ideen, Bildern und Verhaltensmustern bombardiert, die wesensmäßig mit der technologischen Produktion verknüpft sind. Aus ihnen bildet sich eine moderne Weltauffassung, die nicht mehr von ihrer Ursache, der technologischen Produktion abhängig ist, sondern sie verstärken und in Gang setzen kann.

Bürokratie

Die zweite Schlüsselerscheinung der Modernität ist die Bürokratie. Sie ist im Gegensatz zur technologischen Produktion nicht intrinsisch mit einem Ziel verknüpft, sie kann willkürlich über einen Ausschnitt des sozialen Lebens gelegt werden.

Auch die Bürokratie bringt eine bestimmte Wissensorganisation hervor.

Zentrale Vorstellungen sind hier die der Zuständigkeit (S.44), der Verweisung, des korrekten Verfahrens und die Anonymität. Diese Vorstellungen können wiederum auf das persönliche Leben übertragen werden, andersherum kann es auch zur Personalisierung der Bürokratie kommen.

Der Denkstil des bürokratischen Bewußtseins ist geprägt von der Geregeltheit. Elemente sind das Kategoriensystem und der Zuständigkeitsbereich. Beides stützt sich auf den Hang der Bürokratie zur Klassifizierung. Die Bürokratie setzt eine allgemeine und autonome Organisierbarkeit voraus, es besteht die allgemeine Annahme der Voraussehbarkeit und der Gerechtigkeit. Es herrscht eine moralisierte Anonymität, die durch das Postulat der Untrennbarkeit von Mitteln und Zielen und die Forderung nach einer Form der ausdrücklichen Abstraktion in der Begegnung zum Ausdruck kommt.

Auswirkungen der Bürokratie auf das Bewußtsein

Die Abstraktion in der Begegnung anonymisiert jeden Einzelfall und entpersönlicht das Individuum. Berger et al. sehen in dieser Vorgehensweise die Selbstachtung des Individuums bedroht. Dies um so stärker in dem Maß, in dem die individualistischen und personalistischen Werte im Bewußtsein des Individuums entwickelt sind. (S.53)

Durch die formalistischen Regeln im bürokratischen System werden dem einzelnen emotionelle Kontrollen abverlangt, spontaner Ausdruck von Gefühlszuständen ist unerwünscht. Hieraus können sich wiederum Gefühlsfrustrationen (Verdrängungen) bilden, die zur Entwicklung einer zweiten Natur führen. Rollendistanzen und plurale soziale Existenzen werden gefördert, die sich auf das organisatorische Prinzip der Zuständigkeit beziehen, nach dem es strikte Trennungen zwischen Verhaltensweisen in unterscheidlichen Aufgabenbereichen gibt. (S.100) Im Umgang mit Bürokratie

kann aus der starken Segmentierung ein Gefühl der Unterdrückung hervorgehen, wenn Zuständigkeiten abgelehnt werden. Die Passivität im Umgang erzeugt ein stärkeres Gefühl der Machtlosigkeit, es wird etwas angetan. Bürokratie scheint allgegenwärtig zu sein, was ein Gefühl des Eingekreistseins hervorbringen kann.

Insgesamt plaziert die Bürokratie den einzelnen in der Gesellschaft, sie erinnert ihn an seine makrosozialen Verpflichtungen (S.57).

Pluralisierung der Lebenswelten

Berger et al. diagnostizieren eine Segmentierung auf der Ebene des Bewußtseins, eine Pluralisierung der Lebenswelten, die daraus herrührt, daß Menschen zunehmend abverlangt wird, sich in verschiedenen Bereichen mit angemessener und unterschiedlicher Bewußtseinsstruktur zu verhalten.

Nachdem die Religion als integrierender Ordnungsfaktor abgelöst wurde, versucht der Einzelne, eine Heimatwelt zu konstruieren und zu bewahren, die ihm als sinnvoller Mittelpunkt seines Lebens in der Gesellschaft dient. Es bietet sich ihm keine vorgeordnete Wirklichkeit an, die der Aufgabe des Lebens einen Sinn verleiht. Diese Suche spielt sich nach der Trennung von Privatleben und öffentlichem Leben, auf dem privaten Breich ab. Die Aufspaltung der Bewußtseinswelten hat dazu geführt, daß Sinnsuche eine private Angelegenheit geworden ist.

Treibkräfte dieser Entwicklung sind Urbanität und Massenkommunikation.

Letztere schafft durch die Menge Informationen einen erweiterten Horizont, gleichzeitig aber auch eine Schwächung der Unversehrtheit und Überzeugungskraft der Heimatwelt, die heute bei Menschen schon kaum noch vorhanden ist. Die Pluralisierung hat zur Folge, daß bei der Frage der Lebensplanung eine multi-relationale Synchronisation als Konstellation zu erkennen ist. Es bieten sich verschiedenste Lebenspläne an, die sich aus verschiedenen relevanten Fahrplänen zusammensetzen und möglichst einen integrierenden Sinn ergeben. Der persönliche Lebensplan wird zu einer primären Quelle der Identität. (S.66) Sein Fehlen wird mißbilligt aber auch als Angst empfunden. Ist er vorhanden, wohnt ihm ein Hang zum Hinausschieben von Befriedigungen, zum Warten, inne. Dieses Warten ist Quell von Frustrationen.

Auswirkungen auf das Bewußtsein

Der Denkstil ist geprägt von einem geplanten Projekt des Lebens, einer geplanten Identität. Diese moderne Identität ist besonders offen, differenziert, reflexiv und individuiert (S.70ff). Auswirkungen lassen sich vor allem im Bereich der Religion feststellen, welche sich vom öffentlichen auf den privaten Sektor verschoben hat. Glaube wird nicht mehr gesellschaftlich vorgegeben, sondern muß individuell erlangt werden.

Zusammenfassend leidet der moderne Mensch an einem sich dauernd vertiefenden Zustand der Heimatlosigkeit. Daraus ergeben sich Sehnsüchte nach einem Zuhausesein in der Gesellschaft, bei sich selbst und letztlich im Universum. (S.74)

Die Welt der Würde

Berger et al. unterscheiden zwischen einer vergangenen Welt der Ehre und der heutigen Gesellschaft, die vom Wert der Würde geleitet ist. Ehre ist ihrer Ansicht nach an Institutionen geknüpft. Diese Vorstellung der Würde dahingegen ist mit den Rechten des Individuums verknüpft. Würde, im Gegensatz zur Ehre, bezieht sich stets auf die aller auferlegten Rollen oder Normen entkleidete, eigentliche Menschlichkeit. Sie gehört zum Ich als solchem, zum einzelnen ohne Rücksicht auf seine Stellung in der Gesellschaft. Ehre wie Würde sind Konzeptionen, die zwischen Ich und Gesellschaft eine Brücke schlagen, Würde ist jedoch nicht intrinsisch von institutionellen Rollen abhängig. In einer Welt der Würde ist die Geschichte eine Abfolge von Mystifikationen, aus denen der einzelne sich befreien muß, um zur Authentizität, zur Eigentlichkeit zu gelangen. (S.81) Die Menschen definieren sich selbst.

Die Selbstdefinition variiert mit der Gesamtdefinition der Wirklichkeit und wird mit der wirklichen Erfahrung aktualisiert. Sie ist heute geprägt von Technologie und Industrialisierung, Bürokratie, Verstädterung und Bevölkerungswachstum, der enormen Zunahme an Kommunikat ion zwischen allen nur denkbaren Menschengruppen, der sozialen Mobilität, der Pluralisierung der sozialen Welten und der tiefgreifenden Veränderung der sozialen Kontexte, in denen Kinder aufwachsen (S.82).

Identität ist dadurch etwas zutiest unsicheres, da stabile Identitäten nur in Wechselwirkung mit stabilen sozialen Kontexten entstehen können. Der einzelne muß heute aber, auf sich selbst und seine eigene Subjektivität zurückgeworfen, den Sinn und die Stabilität selbst erzeugen, die er braucht, um existieren zu können. Institutionen sind nicht mehr Träger der Selbstdefinition, sondern werden als Gegner erfahren, die einen kleinen Raum lassen, in dem sich das Individuum noch selbst entfalten kann. Die Identität hört auf, ein objektiv und subjektiv gegebenes Faktum zu sein und wird stattdessen zum Ziel einer oft irrenden und schwierigen Suche. Der moderne Mensch ist - fast unvermeidlich, so scheint es - auf der Suche nach sich selbst. (S.83)

Die Unbehagen in der Modernität

Rationalisierung

Das Unbehagen, das direkt oder indirekt der technisierten Wirtschaft entstammt, steht unter dem Schlagwort "Rationalisierung". Rationalisierung zwingt sich dem Handeln und dem Bewußtsein als Kontrolle, Beschränkung und letztendlich als Frustration auf. Durch die Kontrolle irrationaler Impulse entstehen psychische Spannungen. Die Anonymität der sozialen Beziehungen (Komponentialität) führt nicht nur zu einer erfahrenen Sinnlosigkeit in der Welt der Arbeit, sondern zu einen Sinnverlust in weiten Bereichen der menschlichen Beziehungen. Zudem belastet die Komplexität der multirelationen Welt die alltäglichen Typologien und Deutungsschemata, die dauernd erneuert werden müssen. (S.158).

Bürokratisierung

Folge der Bürokratisierung der Gesellschaft ist, daß Menschen sich zunehmend dem Gemeinwesen und seinen Symbolen entfremdet fühlen. Da das politische Leben für breite Schichten anonym, unverständlich und anomisch geworden ist, entfernen sie sich davon. Alle wichtigeren öffentlichen Institutionen sind abstrakt geworden, die Verbindung zu ihnen ist lediglich funktional geprägt. (S.159)

Pluralisierung der sozialen Lebenswelten

Sie haben das Leben der Menschen nomadisch, ständig wechselnd, mobil gemacht, Folge sind Heimatlosigkeit. In dieser Beweglichkeit ist es schwierig, zu Gewißheiten irgendeiner Art zu kommen. Es wurde die Wirklichkeitsdefinition, die dieses Menschsein erträglicher macht (Erklärung von Tod, Krankheit, Ungerechtigkeit in der Religion) ernsthaft geschwächt.

Privatsphäre als ungeklärte Lösung

Als Reaktion auf die beschriebenen Unbehagen in der Moderne bietet sich die Schaffung einer Privatsphäre als Ausgleichsmechanismus zur Bereitstellung von Sinngehalten und sinnvollen Tätigkeiten als Kompensation für die durch die großen Strukturen der modernen Gesellschaft erzeugten Unzufriedenheiten an. Wichtig werden eine begrenzte Zahl signifikanter Beziehungen. Der Spielraum der Privatsphäre ist enorm groß und zudem der Bereich, der Sinnstiftung übernehmen soll. Die Privatsphäre ist aber unterinstitutionalisiert, ihr fehlen Mechanismen, die das Individuum davor bewahren, daß es zu viele Wahlentscheidungen treffen muß (Eine Funktion, die von Institutionen allgemein übernommen wird.) Daraus entsteht für den einzelnen das Gefühl, nicht zu wissen, wie sein Universum konstruiert werden soll. Wütende Frustration sind das einzige, was sich ergibt, wenn sie vor der Aufgabe stehen. Der Bereich mit seiner beispiellosen Ungebundenheit wird zum Angstfaktor.

In diesem Fall können sekundäre Institutionen (Familie, Kirche mit neuer Funktion) oder freiwillige Vereinigungen helfen. Dieser Weg birgt allerdings einen Widerspruch: wenn sie die freiwillige und deshalb künstliche Qualität des Privatlebens bewahren, sind sie nicht in der Lage, das Verlangen nach Stabilität und Verläßlichkeit zu befriedigen, durch das sie überhaupt entstanden sind.

Zunehmendes Unbehagen

Das Menschen nimmt nach Ansicht der Autoren aufgrund mehrerer zu beobachtender Tendenzen zu (S.163). Dazu gehören die bloße Intensivierung und Beschleunigung der bürokratischen und technologischen Prozesse, die zunehmenden Komplexität der Welt sowie Verstädterung und damit die Intensivierung und Beschleunigung der Pluralisierung aller Aspekte des sozialen Lebens.

Außerdem gebe es eine qualitative ökonomische Verschiebung von der Produktion auf den Konsum. Damit wächst zwar Wohlstands und Freiheit, gleichzeitig aber auch eine neue Belastung, weil die Suche nach befriedigenden Sinngehalten für die individuelle und kollektive Existenz noch hektischer wird.

Schwierigkeiten der Jugend mit Modernisierungserscheinungen sind auch Ursache eines Wandels im Erziehungsverständnis. Ein bürgerliches Verständnis von zu behütender Kindheit und Jugend hat eine Verlängerung des Erziehungsprozesses mit langen Ausbildungszeiten mit sich gebracht. Statt im harten Arbeitsleben zu stehen, bleiben Kinder lange Zeit in einer Welt, die auf dem Ethos der Kindheit basiert. Verstärkt wird dies durch die Errungenschaften der modernen Medizin, die die Kindersterblichkeit zu vermindern vermochte, wodurch eher Erwartungen und Liebe an die Kinder geknüpft werden können. Berger et al. sind der Ansicht, daß diese sanfte Revolution zur Sozialisition von Individuen geführt hat, die es gewohnt sind, als einzigartig wertvolle Personen behandelt zu werden. Gleichzeitig sind sie nicht an Härten, Leiden oder irgendeine Art intensiver Frustration gewöhnt, sie sind besonders weich. Bei Konfrontation mit der technologischen und bürokratischen Welt kommt unweigerlich Zorn auf. (S.167)

Gegenbewegungen zur Modernisierung

Die Privatsphäre bringt jetzt heftige Reaktionen gegen die Strukturen hervor, die dieses Unbehagen erzeugen. Berger et al. konstatieren einen hohen Preis, der für die Befreiung des Individuums gezahlt werden muß, welche andererseits Wahlmöglichkeiten geschaffen und unerkannte Kräfte freigesetzt hat. Sie beobachten Entmodernisierungsbewegung (Schwarze, Frauen), in denen in einer Art Gegenströmung gemeinschaftliche Rechte den individuellen Rechten übergeordnet werden. Die wichtigsten Impulse gehen jedoch von der Jugendkultur aus.

Jugendkultur

Funktionelle Rationalität bedeutet vor allem, daß das materielle Universum, die sozialen Beziehungen und schließlich das eigene Ich rationalen Kontrollen unterworfen wird. Die Jugendkultur rebelliert gegen alle drei Formen. (S.174) Daraus hat sich, auf der Suche nach dem verschütteten, "natürlichen" Sein, Neomystizismus, Okkultismus, Hinwendung zur Natur (Ökologiebewegung) und Sexualität als Prozeß der Wirklichkeitsentdeckung entwickelt.

Zentral sind in der Bewegung die Ablehnung der Wirklichkeitsdefinitionen, die der funktionellen Rationalität angehören, die Vereinheitlichung (Ganzheit im Gegensatz zur Komponentialität) und Vereinfachung (Zusammenführen von öffentlicher und privater Gemeinschaft im Gegensatz zur Multi-Relationalität). Gegen die aufschiebenden Bedürfnis- und Zeitstrukturen stellt die Jugendkultur ihr "jetzt". Leistung wird in Umkehrung des Leistungsethos der Modernität abgelehnt.

Gegen Machbarkeit und Progressivität wird die Nullwachstums-Ökonomie gesetzt. Es herrscht die Vorstellung einer Gemeinschaft der sozialen Entität vor, die spontan erlebt werden muß (S.180). Es gibt eine tiefverwurzelte Abneigung gegen Gesetz und Ordnung, Auflehnung wird als Nicht-Norm zur Norm. Statt Institutionalismus wird eine unstrukturierte Gemeinschaft, spontanes Handeln und persönliche Begegnung gepriesen.

Nach Berger et al. ist die dahinterstehende Konzeption des nackten Ich, das hinter Fassaden, Masken und Tarnungen steckt, eine zentrale Vorstellung der Modernität. Die Auflehnung der Jugendbewegung gegen institutionalisierte Rollen ruht damit auf den anthropologischen Grundannahmen der Modernität, obwohl sie entmodernisierend sein will. Sie stellen fest, daß es sehr schwer ist, wenn das moderne Bewußtsein erst einmal etabliertist, es wieder loszuwerden. Seine Wirklichkeitsdefinition und seine psychologischen Folgen werden noch bis in die Rebellion gegen das Bewußtsein mitgeschleppt. Das grundlegende Streben dieser Entmodernisierungbewegung ist eine Suche nach neuen Wegen des Zuhauseseins und damit eine Form der Reaktion auf die Folgen der Unbehagen in der Modernität.

Lösungsvorschläge

Es könnte sich eine "Halbwegs-Position" herausbilden, die sowohl Ansätze der entmodernisierenden Jugendkultur integriert als auch die fundamentalen Strömungen akzeptiert, die, bedingt durch Technologisierung und Bürokratisierung, vorherrschen. Eine Entwicklung der Ausdifferenzierung könnte ein geteiltes Bildungs- und Arbeitssystem zur Folge haben, in dem auf der einen Seite technologisch-bürokratisches Wissen vermittelt wird und auf der anderen Seite alternative Lebensansätze möglich sind (S.194). Ein solches Konstrukt würde ein kulturelles Klima der Toleranz, ein hohes Maß an Freiheit von den drängensten wirtschaftlichen Sorgen und fast sicher eine expandierende Wirtschaft verlangen. Allerdings muß festgestellt werden, daß alternative Wege ihre Grenzen in den Bewußtseinsstrukturen haben, die aus dem zugehörigen Institutionen hervorgehen.

Sozialismus kann nach Ansicht der Autoren nicht per se die Lösung für das intrinsische Unbehagen in der Modernität sein. Was der einzelne tun wird, hängt von seiner Wertsetzung ab: für die Autonomie des Individuums oder für seine Sicherheit, für die Freiheit oder die Zugehörigkeit (S,200).

Im Ausbau der Mitbestimmungsmöglichkeiten sehen Berger et al. eine Möglichkeit des Umgangs mit den Bedrohungen der technologischen und bürokratischen Institutionen. Auf diese Weise könnte dem Unbehagen entgegengetreten werden.

III. Charles Taylor - Das Unbehagen an der Moderne

Die drei Unbehagen an der Moderne

Dreierlei Unbehagen konstatiert Charles Taylor in seinem 1991 erschienenen Buch "Das Unbehagen an der Moderne". Er legt den Schwerpunkt auf einen der drei Bereiche, reißt zwei weitere lediglich an und beschreibt die Vorgehensweise hinsichtlich des ersten als für die weiteren bespielhaft. Dieser erste Punkt der Beunruhigung ist der 'Individualismus'. (S.8)

Individualismus

Nach Taylor leben wir heute in einer Welt, in der die Menschen selbständig ihre eigenen Lebensmuster wählen, ihrem eigenen Gewissen zu folgen das Recht haben und ihre Rechtsansprüche nicht mehr auf allgemeingültige Ordnungen wie Glaubenssysteme stützen, sondern diese im Rechtssystem verteidigt bekommen. In diesem Zusammenhang steht auch die Loslösung von einem umfassenderen Moralhorizont, der sich aus einer höheren Ordnung speiste. Diese auch hemmenden Ordnungen gaben den Menschen vormals einen Sinn, eine Zwecksetzung; Rituale und Normen hatten mehr als nur instrumentelle Bedeutung. Den Menschen fehlt dadurch heute das Gefühl für einen höheren Zweck, die heroische Dimension. Der Verlust dieses Rahmens führte zu der dunklen Seite des Individualismus, der Verflachung und Verengung des Lebens, einer Konzentration auf das Selbst. Insgesamt wird das Leben dadurch bedeutungsärmer und das Interesse am Ergehen anderer oder an der Gesellschaft wird vermindert. Verflachung beschreibt das Ausklammern bedeutender Fragen und Belange auf religiösem, politischen oder historischem Gebiet, die über das eigene Ich hinausgehen. (Der Verlust des durch die öffentlichen Ordnung vermittelten Empfindens, kann nach Taylor über ein stärkeres, in höherem Maße entwickeltes inneres Gefühl der Verbundenheit wettgemacht werden.) Dieser Individualisierungsvorgang ist so aber eine Subjektivierung der Gesellschaft, die in Extremform als Atomisierung bezeichnet werden kann.

Taylor stellt aber fest, daß diese Einstellung nur die Verkehrung und das Mißverstehen eines tieferliegenden, in unserer Gesellschaft weitverbreiteten Ideals sind (S.20), dem Ideal der Authentizität. Dessen Qualitäten und moralischen Ansprüche herauszuarbeiten und zu zeigen, wie weit verbreitet es in unserer Zeit ist - wenn auch in entstellten Varianten - ist Schwerunkt des Buches. Zur ersten Annäherung an den Inhalt dieses Ideals kann die Erklärung zweier Bedeutungen des Wortes Individualismus dienen (FN S.29): Er kann einerseits als ein amoralisches Phänomen verstanden werden, im Sinne des Egoismus, andererseits auch ein moralisches Ideal beschreiben, was dem des Authentizitätsideals nahe kommt.

Der Individualismus der Selbstverwirklichung

Nach Taylor ist der 'Individualismus der Selbstverwirklichung' ein heute verbreitetes Lebenskonzept, nach dem jeder das Recht anführt, seine eigene Lebensweise zu gestalten und sich dabei auf sein eigenes Gefühl zu verlassen, was wichtig und wertvoll im Leben ist. Jeder ist aufgefordert, sich selbst treu zu bleiben und nach Selbstverwirklichung zu streben. Maßstab ist dafür eine Verbindung zum eigenen Selbst, zu einer inneren Stimme, die die Quelle der einzigartigen Weise Mensch zu sein ist. Diese Einzigartigkeit ist das Ziel, das Entwickeln und Artikulieren dieser Originalität ist der Akt der Selbstverwirklichung, der Selbstdefinition. Taylor kritisiert den Standpunkt, daß jeder seine eigenen Werte habe, die nicht diskutabel seien. Diesen moralischen Subjektivismus, nach dem die Vernunft außerstande sei, über moralische Streitfragen zu befinden, lehnt er ab. Seiner Ansicht nach gibt es einen allgemeinen Bedeutungshorizont, der außerhalb des Gefühls begründet ist.

Das Ideal der Authentizität

Der Individualismus der Selbstverwirklichung allein genügt jedoch noch nicht, um die moralische Dimension des Ideals der Authentizität zu greifen. Es gibt bei Taylor eine Unterscheidung zwischen individualistischer, flacher und tiefergehender, das Ganze betrachtender Selbstverwirklichung über das Ideal der Authentizität, das einen hohen moralischen Anspruch an den einzelnen stellt. Unter Authentizität versteht Taylor Treue zu sich selbst und die Wiedergewinnung des eigenen Gefühls des Daseins, über das das Gefühl wiedererlangt werden kann, mit einem umfassenderen Ganzen in Verbindung zu stehen (S.104).

Liberalismus der Neutralität

Die oben beschriebene Einstellung des Individualismus führt nach Taylor zu einer Einstellung des Liberalismus der Neutralität, in dem moralischen Ideale keine Wertigkeiten mehr zukommen. Dies verhindert auch das Eintreten für das Ideal der Authentizität, nach dem viele zu handeln meinen müssen, sie spüren, ihr Leben wäre vergeudet, wenn sie es nicht täten (S.24). Der Individualismus nimmt sich so sein eigenes großes Ideal, bleibt damit zwar oberflächlich unkritisierbar, isoliert, wird gleichzeitig aber auch um seine Tiefe ärmer.

Freiheit durch Selbstbestimmung

Die Freiheit durch Selbstbestimmung ist ein Gedanke, der nach Taylor zu der Verkehrung des Ideals der Authentizität geführt hat, wenn er sich mit der Individualistischen Einstellung paart. Es ist der Gedanke, dann frei zu sein, wenn man sich nicht von äußeren Einflüssen prägen läßt, sondern eigenständig entscheidet, was einen selbst betrifft. Das verlangt, aus der Klammer aller von außen auferlegten Bürden auszubrechen und einzig und allein für einen selbst zu entscheiden (S.37). Ohne einen Bedeutungshorizont führt dieser Gedanke zu einer Idealsuche in der bloßen Wahl (S.81). Dieser Hauptwert Wahl verstärkt den radikalen Anthropozentrismus und und unterhöhlt das Ideal der Authentizitätskultur, dessen moralischer Wert völlig verblaßt. (moralischer Subjektivismus S.26)

Bedeutungshorizont

Es bedarf nach Taylor einer Existenz eines Bedeutungshorizontes, vor dem die Wahl und die eigene Einzigartigkeit erst Sinn bekommt. Das Gefühl kann nicht bestimmen, was bedeutungsvoll ist (S.46), die eigene Identität kann nur vor dem Hintergrund von Dingen definiert werden, auf die es ankommt. Selbstdefinition kann nur vor einem Horizont wichtiger Fragen gelingen, die pure Ausklammerung dieser Frage und Isolierung auf den gefühlten Wert macht die Bedingungen der Bedeutsamkeit zunichte. Persönliche Kontakte sind in diesem Zusammenhang von höchster Bedeutung, da das Ideal auf einer dialogischen Situation beruht, über die der Wert der eigenen Selbstfindung erst bestätigt und ermittelt werden kann. Monologisch aufgefaßte Erzeugung im Innern (S.57) gibt es nicht, gerade, nachdem die Kategorien Rang, Stand oder Ehre keinen Einfluß auf die Selbstdefinition mehr haben, findet diese unumgänglich im dialogischen Kontakt statt.

Authentizität vs. Individualismus

Der große Unterschied zwischen Authentizität und Individualismus ist das Miteinbeziehen der Umwelt beim ersteren, eine Verantwortungsbereitschaft, der in der individualistischen Einstellung die Suche nach persönlichem Vorteil gegenübersteht. Die pure Wahlfähigkeit ist nach Taylor noch kein Erfüllen des Ideals der Authentizität. Es bedarf eines Bezugs zur eigenen Vergangenheit, Solidaritätsverpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber (ansonsten ist es eine Haltung des radikalen Anthropozentrismus) und persönliche Beziehungen, die nicht nur Instrument zur persönlichen Selbstverwirklichung sind (S.31). Wird das Individuum in den Mittelpunkt des Vorgangs der Erfüllung gestellt, werden seine Beziehungen rein instrumentell, es kommt zum sozialen Atomismus (S.68). Die Krise eines Menschen besteht dann darin, daß er zu einem Zeitpunkt feststellt, in einem schweigenden Universum zu sein, dem kein wesentliches Sinn innewohnt, während er dazu verurteilt ist, Werte zu schaffen (S.80).

Taylors Gesellschaftsdiagnose besteht im Kern aus der Feststellung, daß das Ideal der Authentizität nur unzureichend und fragmentarisch erkannt wird. Menschen handeln nach Teilaspekten der ihr innewohnenden Moral, ohne zu erkennen, daß sie damit auch Sinn und Fundament ihrer Einstellung untergraben. Auf der einen Seite bedeutet Authentizität Selbstfindung, Schöpfung, Konstruktion und Originalität, auch Widerstand gegen die Regeln der Gesellschaft oder die anerkannte Moral aber eben auch - und das wird übersehen - Offenheit für den Bedeutungshorizont (also das Anerkennen einer allgemeinen Moral) und das Dialogische in der Selbstdefinition, das Menschen miteinander verbindet.

Instrumentelle Vernunft

Die zwei weiteren Punkte des Unbehagens (S.11) sind die instrumentelle Vernunft, die mit ihrer zweckorientierten Sicht der Mittel unser Leben zu beherrschen droht, mit ihrem Sinn nach maximaler Produktionssteigerung die unabhängigen Ziele, die uns im Leben leiten sollten, verschwinden läßt. Instrumentelle Vernunft versteht Taylor als "die Art von Rationalität, auf die wir uns stützen, wenn wir die ökonomischste Anwendung der Mittel zu einem gegebenen Zweck berechnen." (S.11) Die dominierende Stellung der Technik führt ebenfalls zu einer Verflachung und Verengung unseres Lebens, wenn die Kosten-Nutzen-Analyse auf unangemessene Bereiche wie Religion, Natur oder zwischenmenschliche Beziehungen angewendet wird.

Milder Despotismus

Das dritte Unbehagen rührt aus der Furcht vor einem milden Despotismus her. Atomisierung und Instrumentalisierung führen zu einer fragmentierten Gesellschaft, in der nur wenige den Wunsch zur Selbstregierung behalten und für die Gegenleistung eines geschützten, angenehmen Privatlebens ihre Macht an eine herrschende Gruppe abtreten, wodurch sie immens Freiheit einbüßen. Taylor ahnt eine Regierung kommen, die nicht in tyrannischen Schrecken, sondern sanft, paternalistisch und sogar demokratisch verfahren wird, in ihrem Kern allerdings eine gewaltige Vormundschaftsgewalt bildet. Folge der Entwicklung wäre eine Einschränkung der Freiheit.

Lösungsvorschläge

Taylor lehnt es jedoch ab, diese Entwicklungen als unveränderlich anzusehen. Er wendet sich gegen die Vorstellung, daß instrumentelle Vernunft das wahre Rationalitätsideal des Menschen verkörpert; auch daß das Leben der Produktion und der Reproduktion, der Arbeit und der Familie das einzig Wichtige für den Menschen sei, betrachtet er als unzureichende Ansicht. Die von der instrumentellen Vernunft hervorgebrachte und favorisierte Technik soll stattdessen in einen moralischen Rahmen der Ethik praktischen Wohlwollens gestellt werden. Zur Umkehrung bedarf es gemeinsames politisches Handeln. Taylors Heilungsvorschlag für das Übermaß der instrumentellen Vernunft ist ein erneuerter ganzheitlicher Ansatz. Die einem Menschen gegenüber angemessene Einstellung ist das Anerkennen seiner leibgebundenen, dialogischen und zeitlichen Natur und nicht ein instrumentelles Herangehen.

Hinsichtlich seiner Bedenken gegenüber dem kommenden milden Despotismus sieht er den Ausweg in einer demokratischen Initiative der fragmentierten Bevölkerung. Erfolgreiches Handeln kann ein Gefühl gesteigerter Macht auslösen und zugleich die Identifikation mit der politischen Gemeinschaft stärken. Daß es dazu kommt, hält er selbst für eher unwahrscheinlich. Taylor schließt mit seinem diagnostischen Fazit: "Was unsere Situation offenbar verlangt, ist eine komplexe und auf vielen Ebenen geführte intellektuelle, spirituelle und politische Auseinandersetzung (...)"

IV. Berger und Taylor - Unbehagen und Diagnosen

Taylor wie Berger unternehmen in ihren ähnlich betitelten Werken eine Untersuchung über die Veränderung, die sich im Zusammenhang mit dem, was sie als Modernität und Moderne umschreiben, ergeben. Beides sind eine Art Zwischenberichte, wie es um uns und unsere technisierte Gesellschaft steht.

Der Blickwinkel

Berger nähert sich den Umwälzungen mit dem Blickwinkel desjenigen, der Veränderungen erfährt. Sein Ansatz beschreibt die gesellschaftlichen Akteure als passiv durch die Einflüsse der Institutionen geprägt. Die Menschen erfahren bei Berger Unbehagen, weil ihre Wirklichkeitskonstruktion durch die veränderten Bewußtseinsebenen ins Wanken geraten sind. Sie sind fortwährend von Sinnlosigkeit, Identitätsverlust und Anomie-Erfahrung bedroht, weil sie ihre erste Natur durch unvermeidliche Modernisierungserfahrungen gegen eine zweite, ihnen fremde verloren haben, die ihnen eine permanente Suche im privaten Bereich nach einem Lebenssinn aufbürdet.

Taylor, mit seinem essayistischen Stil, äußert seine Bedenken, wie sich Modernisierungseffekte auf den Zusammenhalt der Gesellschaft auswirken. Das Unbehagen an der Moderne lautet der Titel seines Buches, in dem Menschen weitaus aktiver beschrieben werden als bei Berger. Taylor beschreibt die veränderten Moralvorstellungen der Menschen in unserer Gesellschaft, ihre Versuche, in der Modernität Realität zu konstruieren. Das Unbehagen des Buches ist jedoch eines an der Modernität: Wenn Individualismus weiterhin als Selbstverwirklichung ohne rahmende Werte betrieben wird und sich in purer Wahlfähigkeit verliert, wird unsere Gesellschaft atomisiert. Wenn instrumentelle Vernunft keinen ganzheitlichen Gegenpart bekommt, wird sich unser Zusammenleben weiter verflachen. Und wenn beides zusammengenommen Kräfte im politischen Bereich entfaltet, werden sich demokratische Strukturen auflösen und einer kleinen Gruppe, die die Beherrschten mit Geschenken kontrolliert, die Macht überlassen. Alles Unbehagen an der Modernität, in denen Institutionen wohl als Mitverursacher der Situation auftauchen. Sie sind aber nicht die alles dominierenden Kräfte, denen Taylor auf der Spur ist, wie Berger das über sein Modell des angepaßten Bewußtseins vorführt.

Zu jeder sich bietenden Gelegenheit betont Taylor die Möglichkeit der Menschen, über die Qualität der derzeitigen Entwicklungen mitzuentscheiden. Wir befinden uns nach seinen Worten "im fortwährenden Kampf gegen die verflachten und trivialisierten Formen der modernen Kultur" (S.103) Sein Text ist ein aufmunternder Beitrag zu diesem Kampf.

Die Ursachen des Unbehagens

Bei Berger liegt auf der Hand, was seiner Ansicht nach die Ursachen des Unbehagens sind, die Kausalketten sind bereits aufgezeigt worden. Menschen empfinden derart, weil sie, der technologischen Produktion und der Bürokratisierung ausgesetzt, ihre intakte erste Natur verloren haben. Der Frust und die Wut, die aus der emotionalen Kontrolle herrühren, die Sinnlosigkeit und die Entfremdung vom Gemeinwesen haben ihre Ursache in der funktionalistischen und anonymisierenden Denkweise der Modernität.

Charles Taylor läßt weniger Einblick zu, was seine Ansichten über die Ursachen der Unbehagen an der Moderne sind. Der falsch verstandene Individualismus, der über ein verkehrendes Ideal Rousseaus eingeführt wurde, ist bereits erwähnt worden und wird bei ihm historisch kurz hergeleitet. Die Abwendung von Religion als wertende Instanz, die durch ein modernes Rechtssystem abgelöst wurde, genügt Taylor als Ursache für den konstatierten Zustand der Entzauberung der Welt (S.9). Er beschränkt sich weitgehend auf die Beschreibung des Ist -Zustandes, das Unbehagen, das er dabei empfindet und eines möglichen Ausweges. Er wehrt sich beständig gegen eine Vorstellungen der Unausweichlichkeit; so akzeptiert er das Argument, daß es starke Mechanismen des sozialen Lebens gibt, die uns in Richtung der Anwendung instrumenteller Vernunft drängen. Das Bild des "stahlharten Gehäuses", der starken unpersönlichen Mechanismen, lehnt er ab, sie wäre in seinen Augen eine "Ohnmachtserklärung" (S.15).

Verschiedene Gesellschaftsbefunde

Auf einigen Gebieten läßt sich festhalten, daß beide Autoren von ähnlichen Gesellschaftsbefunden ausgehen. Eine von Berger und von (Taylor) tragbare Grundskizze könnte wie folgt aussehen: Funktionelle Rationalität (Instrumentelle Vernunft), die Entzauberung der Welt (die Loslösung von einem umfassenden Moralhorizont) und die durch die Welt der Würde (dem Ideal der Authentizität) hervorgerufenen Konzeptionen des nackten Ich (der Selbstfindung) haben als Effekt ein Gefühl der Sinnlosigkeit und eine unsichere Identität, die sich erst durch stete Suche bildet.

Bei Berger müssen die Elemente der subjektiven Identität, die Emotionen, unterdrückt werden, in Taylors Gesellschaftsbild ist es gerade notwendig, sie zum Ausdruck zu bringen. Wenn man Taylor folgen kann, ist seit Berger von den bewußtseinsbildenden Institutionen nur noch ein Schatten übriggeblieben.Die beherrschenden, geradezu feindseligen Institutionen, die durch ihre Ansprüche den Menschen aus seinem wahren Dasein verdrängen, kommen nicht mehr vor. Es scheint sich da ein Wandel vollzogen haben, der den Menschen mehr Handlungsspielraum läßt. Das stahlharte Gehäuse ist weich geworden oder wird zumindest nicht mehr als derart bedrängend empfunden, weil sich andere Ventile eröffnet haben.

Zu vermuten ist, daß es den von Berger beschriebenen Institutionen erging, wie der Kirche: Sie haben an Einfluß verloren, dienen weniger der Wirklichkeitskonstruktion und haben ihre Definitionsmacht abgegeben. Ihnen gegenüber wird Komponentialität gelebt, die erlernte Denkungsart kommt zu seinem Ursprung zurück. Folge dessen ist aber nicht nur die Anomie-Erfahrung, die bedrückende Sinnlosigkeit und die schwere Aufgabe, sich selbst zu definieren, sondern auch die Freiheit (die ebenfalls eine schwerer Aufgabe sein kann), seinen innersten Anlagen Raum zu geben, wie Taylor betont. Berger nennt es Lebenspläne erstellen, was bei Taylor die Wahl eigener Lebensmuster ist.

Die Entwicklung von Berger zu Taylor

In den von Berger vorgeführten Entmodernisierungsbewegung, der Jugendkultur, zeichnet sich einiges von dem als Tendenz ab, was Taylor zwei Jahrzente später in seiner Analyse beschreibt. Die Jugendkultur erscheint zunächst als eine Antwort auf einen Zustand der bedrückenden Auswirkungen von Technologisierung und Bürokratie. Sie setzt dem die Suche nach dem natürlichen Sein entgegen, propagiert Unstrukturiertheit, Vereinfachung, Vereinheitlichung und ein Leben im Jetzt. Wenn wir diesen Ausblick des Jahres 1973 mit der Diagnose von 1995 zusammenschalten, drängt sich der Eindruck auf, daß sich Teile des Lebenskonzeptes verselbständigt haben, daß die Halbwegs-Position Bergers mittlerweile zu finden ist. Aus der Rebellion ist ein verbreitetes grundlegendes moralisches Ideal hervorgegangen, das die heutigen Generationen zu schultern haben. Nach der Loslösung von den bedrängenden institutionellen Faktoren, dem verstärkten Rückzug in das Selbst (Atomisierung), die Berger nicht thematisierte, leiden sie nicht mehr unter deren bewußtseinsbeschränkenden Druck, sondern scheinen diese Denkart aufgenommen zu haben, sie scheinen Multi-Relationalität zu ihren Gunsten gekehrt zu haben. Sie haben aber weiterhin und verstärkt die Aufgabe der Selbstdefinition und der Lebensplanung. Lebensplanung beinhaltet eine rationale Herangehensweise an das eigene Ich. In Taylors Beschreibung kommen nicht mehr die Menschen vor, die ungezügelt das Erleben freien Sexes proben, die funktionelle Rationalität hat durchaus ihre Spuren hinterlassen. Es ist auch eine Spielart der gelebten Multi-Relationalität, auf der einen Seite die innere Stimme zu suchen, ihr auch im Arbeitsleben Ausdruck zu verleihen, diese Suche aber gleichwohl mit dem funktionalen Seitenblick auf den persönlichen Lebensplan zu versehen und dazu unpassende Wünsche zu unterdrücken. Bergers Frusttheorie kann durchaus zutreffend sein, das Ventil des Privatlebens, wie er es prognostizierte hat sich jedoch erweitert. Die Möglichkeit des Lebensplanes und die fortschreitende Freiheit von institutionellen Grenzen eröffnen einen immer größer werdenden Spielraum, in dem die unterdrückten Teile der Bewußtseinsgeschulten nach außen dringen können.

Auflösung des Gemeinwesens

Was das politische Leben angeht, sehen beide Pessimismus als Haltung angebracht. Bergers Thema scheint es nicht zu sein, sich dazu weiter zu äußern, nur, eine Regierung, die als bürokratische Instanz begriffen wird, kann nach seinen Ausführungen lediglich eine der Bevölkerung fremde Welt werden. Taylors Ahnungen sind bereits dargelegt worden. Der Rückzug in das Privatleben ist in seinem Modell die Ursache für eine weiter entfremdete und ferngesteuerte Politik, die es versteht, über die Befriedigung der singulären Bedürfnisse Ruhe im Staat zu schaffen, um weitgehend uneingeschränkte Macht ausüben zu können.

Beide konstatieren eine Entfremdung vom Gemeinwesen, nicht nur von dem der Politik, sondern von allen gemeinschaftlichen Foren und Aufgaben. Bei Berger ist der Hintergrund der bürokratische Denkstil der Anonymisierung und Zuständigkeit, bei Taylor der Rückzug ins Private. Letztendlich stellen beide Entsolidarisierungserscheinungen fest.

Dies trägt auch zu dem Gefühl der Sinnlosigkeit bei, der Verflachung des Lebens wie Taylor es auch nennt. Die integrierenden Bedeutungsstifter sind der rationalen Haltung anheim gefallen, die gemeinsam lebensleitenden Ziele haben sich in der Einsamkeit verflüchtigt. Berger leitet daraus sein erstes Unbehagen ab, Taylor weiß sich an dieser Stelle zu helfen, da er die Grundstruktur erkannt haben will. Er bietet uns das richtig verstandene Ideal als Gegenmittel für den einzelnen an, wahrhaft nach der inneren Aufgabe zu suchen, ohne dabei den moralischen Bedeutungshorizont außer acht zu lassen.

Methodisch-stilistisches

Taylor argumentiert zutiefst moralisch, er ruft nach Werten, nach Besinnung, nach Qualität. Er glaubt an Menschlichkeit, Demokratie und Freiheit und bringt das in seinen Gedanken zur Moderne zum Ausdruck. Damit ist er der Diagnostiker von beiden Autoren. Sein Buch kann als Essay zur Lage der Gesellschaft und als Plädoyer zu seiner Erneuerung begriffen werden. Er artikuliert einige erste Gedanken, die er beispielhaft auf andere Phänome übertragbar nennt, focussiert sich letztendlich aber darauf, herauszuarbeiten, welche moralischen Qualitäten Individualiserung auch haben kann. Er betreibt intuitive Soziologie, die er mit einigen Rückgriffen und Zitaten anreichert. Er betätigt sich als Therapeut der modernen Menschen, denen er zu zeigen sucht, wie fehlgeleitet sie größtenteils in ihren moralischen Idealen sind, in welchem unentrinnbaren Horizont sie sich bewegen und was dieser andererseits für Möglichkeiten bietet.

Die analytischen Qualitäten liegen bei Berger. Er geht strukturiert vor, bemüht sich um Begriffsklärungen, Darlegung seiner Theorie und Beschreibung seiner geistigen Herkunft. Er ist den fundierenden Elementen dessen auf der Spur, was er mit Moderniseirung begreift. Ihm liegt es weniger an einer aktuelle Diagnose - diese erscheint erst zum Schluß des Textes -, sondern um Schritte auf dem Weg zu einer Zusammenstellung dessen, was Modernisierung für Gesellschaften bedeutet. Nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern gerade für solche, die in vormodernen Zuständen leben.

IV. Schlußbetrachtung

Die Aufgabe für die Menschen dieser Gesellschaft hat sich weiter und geschärfter herausgebildet: Das eigene Universum zu konstruieren, nicht nur in intellektueller Hinsicht auf das persönliche Verhältnis zu Moral, Politik und Gesellschaft, sondern auch in Beziehung auf Kontakte, Beziehung, Familie, Beruf und Freizeit. Die Freiheit hat zugenommen aber damit auch die Aufgabe, sie wieder zu reduzieren.

Bergers Prognosen haben sich überraschend oft realisiert. Die von ihm gesehene Notwendigkeit des Aufbaus einer Zahl signifikanter Beziehungen und freiwilliger Vereinigungen, die die unterinstitutionalisierte Beziehungswelt organisieren sind Tendenzen, die sich verwirklicht haben. Auch der Aufbau einer Privatsphäre zur Bereitstellung von Sinngehalten ist weitgehend Alltag. Kirche spielt öffentlich, als zusammenhaltender Faktor, immer weniger die bestimmende Rolle. Ihre Feste sind vergleichsweise bedeutungslos geworden, die Hinwendung zu der Institution ist keineswegs mehr selbstverständlich, von Familie oder Gegend bestimmt, sondern eine ganz persönliche Entscheidung geworden. Die inhalt lichen Fragen, für die Kirche und Religion zuständig waren, bleiben natürlich bestehen. Gerade junge Menschen suchen darauf Antworten, müssen gleichzeitig dazu die Institutionen ausmachen, die sie ihnen geben können. Neben diversen Kirchen bieten sich spirituelle Gruppen, esoterische Gesellschaften oder Sekten an. Die Trennung von Staat und Kirche und die Freiheit in der Religionsausübung haben eine zusätzlich Aufspaltung von Lebenswelten mit sich gebracht. Die Überlegungen Bergers et al. sind hier sehr gut anwendbar. In der technologischen Produktion mit austauschbaren Arbeitern, vom Ganzen losgelösten Tätigkeiten und dem bloßen Blick auf Gewinnmaximierung und Machbarkeit haben Gedanken über Tod, Sinn oder Auferstehung keinen Platz. Gegen den sich durchsetzenden Denkstil der Multi-Relationalität muß es den starken Wunsch nach verbindendem Sinn geben. Die Trennung der Bereiche Arbeit, Privatleben, Familienleben, Glaube verlangt den Aufbau einer anderen Lebenswelt, die, ausgelagert, zunächst strukturlos daherkommt. Menschen haben in der Situation die diffiziele Aufgabe, den Bereich zu füllen und kommen auch nicht umhin, es zu versuchen.

Dies könnte der Übergang zu dem sein, was Taylor beschreibt. Eine Gesellschaft, in der alle auf der Suche nach sich selbst sind, in der der innere Ruf nach dem vereinigenden persönlichen Lebenssinn überragender Antrieb ist. Dies überträgt sich auch auf den Arbeitsbereich. Es wird dem einzelnen immer wichtiger, persönliche Arbeiten zu machen. Das Bild des funktionierenden Arbeiters scheint noch aus den Bildern des puren Kapitalismus herzurühren, in dem Arbeiter als dumpfe Massen an Stahlkesseln rühren und an Fließbändern Schrauben einer einzelnen Größe sortieren. Heute bemühen sich die Menschen um die Vereinigung von Arbeit und Privatleben, zumindest darum, in der Arbeit Teile ihrer Persönlichkeit zu verwirklichen. Der Lebensplan, von dem schon die Rede war, wird immer wichtiger, er wird aber auch immer ausgedehnter möglich. Es mag ein Privileg nicht allzu vieler sein, beruflich eine Tätigkeit auszuüben, die den eigenen Interessen entspricht, doch ist die Tendenz deutlich, daß nicht der funktionalistische Denkstil die Menschen im Griff hat und sie in komponentielle Einzelteile zerlegt hat, deren Unzusammengehörigkeit ihre Handlungsfähigkeit lähmen und Anomie spüren lassen. Vielmehr hat dieser Verlauf, der in der Zeit des rohen Kapitalismus Wirklichkeit gewesen sein mag, Kräfte im innern freigesetzt, die versuchten, die Zerrissenheit wieder zu kitten, dies mögen die unterdrückten Emotionen gewesen sein. Das Bild des Ideals der Authentizität von Taylor ist in dem Zusammenhang sehr dienlich, eine Vorstellung, die in jedem keimt, wie das Leben, das er in die Hand bekommen hat, einmal aussehen soll. Er ist ohnehin mit seinem Büchlein weit näher an der heutigen Realität, wenn auch nur in dem minimalen Ausschnitt, den er beleuchtet. Bei ihm spielen die drohenden Großbetriebe keine elementare Rolle mehr. Die Individualisierung hat sich auch davon gelöst und hat nun ganz andere Probleme. Nicht gegen einen äußeren Feind zu kämpfen - der könnte paradoxerweise ganz beruhigend wirken, weil er eine greifbare Aufgabe gibt - sondern gegen den inneren, ist plötzlich die Schwierigkeit. Das eigene Ideal zufriedenzustellen, wenn es einmal angenommen wird. T aylor macht es ganz deutlich, daß das Ideal sehr weit verbreitet ist, doch in den meisten Fällen in oberflächlicher Weise begriffen wird. Die Flucht in Konsumismus und Beglückung am Wählen ist angesichts der Schwierigkeiten, die die Suche nach Authentizität mit sich bringt, gut verständlich. Daß es eine Flucht vor dem gespürten eigenen Anspruch ist, ist sehr plausibel und macht das Verhalten der jungen Generation viel verständlicher.

"Falls meine Selbsterkundung in der Form derart periodischer Beziehungen vonstatten geht, ist das, was ich da erkunde, nicht meine Identität sondern eine Art und Weise des Genießens. Im Lichte des Ideals der Authentizität dürfte es so aussehen, als sei die Pflege bloß instrumenteller Beziehungen eine Handlungsweise, die die eigenen Absichten vereitelt. Die Vorstellung, man könne auf diesem Wege zur Selbstverwirklichung gelangen, ist offenbar illusorisch, und zwar ungefähr ebenso illusorisch wie die Vorstellung, man könne sich selbst wählen, ohne einen über die Wahl hinausgehenden Bedeutungshorizont anzuerkennen."

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Vorstellung und Vergleich der Werke von: Peter Berger, Brigitte Berger und Hansfried Kellner: Das Unbehagen in der Modernität / Charles Taylor: Das Unbehagen an der Moderne
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Seminar: Gesellschaftsdiagnosen von Ferdinand Tönnies bis Gerhard Schulze (Theorie des sozialen Wandels und Soziologie der Innovationsprozesse)
Autor
Jahr
1996
Seiten
24
Katalognummer
V96478
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vorstellung, Vergleich, Werke, Peter, Berger, Brigitte, Hansfried, Kellner, Unbehagen, Modernität, Charles, Taylor, Moderne, Seminar, Gesellschaftsdiagnosen, Ferdinand, Tönnies, Gerhard, Schulze, Wandels, Soziologie, Innovationsprozesse), Leitung, Prof, Schmied, Mainz
Arbeit zitieren
Philipp Müller (Autor), 1996, Vorstellung und Vergleich der Werke von: Peter Berger, Brigitte Berger und Hansfried Kellner: Das Unbehagen in der Modernität / Charles Taylor: Das Unbehagen an der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96478

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