Grundlagen der Soziologie


Skript, 1996

5 Seiten


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Grundlagen der Soziologie

"Soziologisches Denken ist die Kunst des Mißtrauens.", Nietzsche

Definition von Soziologie

Soziologie ist der Versuch die Gesellschaft zu verstehen. Dabei steht eine objektive Wahrnehmung und eine mögliche "Wertfreiheit" (Max Weber) im Vordergrund. Soziologie möchte aufklären, wer einen Nutzen und Vorteil durch die Gesellschaft hat.

Soziologie als Wissenschaft entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Erst als die Gesellschaft nicht mehr als von Gott gegeben hingenommen wurde, sondern als von Menschen geschaffen, konnte sie auch hinterfragt werden.

Soziologie ist eine exakte Wissenschaft, weshalb ihre Hauptforderung die Evidenz (Überprüfbarkeit) ist. Statistik und empirische Forschung dienen der Soziologie als Hilfsmittel. Sie ist aber hauptsächlich eine theoretische Wissenschaft.

1.1. Mensch und Gesellschaft

1.1.1. Die Determiniertheit des Menschen durch die Gesellschaft

Eine Gesellschaft kann nur aufrecht erhalten werden, wenn ihre Mitglieder bestimmte Regeln (Werte und Normen) einhalten. Diesen Prozeß bezeichnet man als Konformität. Eine Gesellschaft bedient sich der sozialenKontrolle um diese Konformität zu erreichen. Grundlegend sind dabei die Sozialisation und die Institutionen (s. u.). Beides gibt den Menschen bestimmte Verhaltensmuster vor.

Diese Muster sind nicht angeboren, sondern von der Gesellschaft durch Druck- und Kontrollmittel (Familie, Erziehung) eingepflanzt. Dieser institutionale Imperative erscheint den meisten Menschen als der einzig mögliche. Die Institutionen belohnen uns für konformes verhalten. Befolgen wir aber nicht ihren Regeln, so hat die Gesellschaft eine fast unbeschränkte Zahl von Kontroll- und Zwangseinrichtungen. Jedoch betrügen wir uns selber oder besser die Gesellschaft uns, wenn wir den Lauf der Handlung für unvermeidbar halten.

Soziales Kontrollsystem: 1. Politisches und rechtliches System: Gesetze, Steuern, Polizei, Militär

2. formeslle und informelle Kontrollen: Moral, Manieren, Sitten und Gebräuche 3. Intimsphäre (Familie, Freunde): stärkste soziale Bindung, Selbstdefinition

Sanktionen der Gesellschaft bei nicht konformen verhalten:

- physische Gewalt: ist das äußerste und älteste Mittel. Gewalt ist das eigentliche Fundament jeder politischen oder gesellschaftlichen Ordnung. Sie wird ausgeübt durch Institutionen der Gesellschaft:

Gewaltmonopol (z.B. Polizei, Strafen, Knast). Ist das Gewaltmonopol des Staates gestört, dann wird die Gewalt von den Bürgern selber ausgeübt. Das Gewaltmonopol ist Voraussetzung für einen demokratischen Staat mit gleichen Bürgern.

Meist reicht die bloße Androhung von Gewalt (Verwarnungen, Drohungen, Einschüchterungen), um eine Regelverletzung zu verhindern.

- wirtschaftlicher Druck: effektiver und preiswerter als Gewalt, Beispiele: ein Arbeiter der sich gegen die Firmenleitung äußert, erhält eine andere, schlechtere Stelle und verliert dadurch an Status, Macht, usw. oder ein Streik gegen eine unsoziale Arbeitsregelung.
- "Überredung": herrscht bei den meisten Mitgliedern einer Gruppe Konsens über ein Thema, möchte man nicht als Außenseiter gelten und schließt sich der Mehrheitsmeinung der Gruppe an (Anerkennung / Ausstoß).

Aufteilung der Verantwortung (die "anderen" machen ja auch...).

- lächerlich machen, Klatsch und Tratsch: wirkt gerade bei unsicheren Menschen, wichtig bei allen Primärgruppen, leicht von außen manipulierbar
- Isolierung / Ächtung: jemanden schneiden, Liebesentzug; verheerendste Strafe, wird paradoxer Weise meist von Gegner der Gewalt verwendet.

Jede Gesellschaft hat ein bestimmtes Rangsystem (Schichtung / Stratifikation), welches die Positionen der Menschen in der Gesellschaft festlegt. Wichtige Auszeichnungen der gesellschaftlichen Position sind: Macht, Privileg und Prestige.

1.1.2. Die Freiheit des Menschen in der Gesellschaft

Rollentheorie: Eine Rolle ist eine typisierte Antwort auf eine typisierte Erwartung. Zu einer Rolle gehört aber nicht nur eine bestimmte Haltung, sondern auch ein entsprechendes Gefühl und eine innere Verfassung. Wir versuchen uns so zu verhalten, wie wir glauben das die Rolle es verlangt. Nach einiger Zeit wird die Rolle ein Teil unserer Identität und es fällt leichter die Rolle zu leben. Wir werden zu dem was wir eigentlich nur "spielen". Dies geschieht meistens unreflektiert und unbewußt. Diese bedeutet das unsere Identität von der Gesellschaft verliehen, gestützt, erhalten und umgewandelt wird.

Das Kind entdeckt sich selbst, in dem es die Gesellschaft erfährt. Es lernt die Rollen der anderen zu übernehmen, um die eigene richtig zu spielen. Das Kind lernt erst die Rollen seiner nahen Umgebung, diese lernt es dann auf die Gesellschaft zu übertragen. Erst wenn es eine Vorstellung von der Gesellschaft bekommt, kann es sich auch eine Vorstellung von sich selber machen.

Rollenspiel und Identitätsaufbau sind völlig unreflektiert, planlos, fast automatisch. Absichtliche Täuschung ist nur schwer einzuhalten, so das die meisten Menschen aus Bequemlichkeit aufrichtig sind.

Wir suchen uns die Gefährten, die zu unserer Identität passen, um uns unser Selbstverständnis bestätigen zu lassen. Es gibt Bezugsgruppen denen wir angehören und welche an denen wir uns orientieren. Die Bezugsgruppe liefert uns ein Modell, nach dem wir uns immer richten können.

Vorurteile können einem zu dem machen, was andere in einem hineinsehen.

Jede gesellschaftliche Struktur wählt sich die Personen, die sie zum funktionieren benötigt, die anderen beseitigt sie (Personen-Selektion). Dies erreicht sie über Sozialisation und Bildung.

Die Wirklichkeit kommt auf gesellschaftlichen Wege zustande. Sie ist eine gesellschaftliche Konstruktion. Sie erscheint den Mitglieder der Gesellschaft als selbstverständlich und wird deshalb auch nicht hinterfragt.

Alle Gesellschaftsstrukturen bestehen aus Konventionen, durchsetzt mit Fiktionen und Betrug.

1.1.3. Die Interdependenz von Mensch und Gesellschaft

Trotz der Sozialisation, den Institutionen, den Rollen, den Ideologien, hat der Mensch immer noch die Freiheit selber zu entscheiden, ob er sich ihnen unterwirft oder nicht. Dieses "eigene Wollen", die Entscheidungsfreiheit macht die Menschenwürde aus. Er muß die Entscheidung, die er trifft, jedoch selbst verantworten. Ohne die Freiheit der Wahl gäbe es keinen Wandel, keine Veränderung in der Gesellschaft. Das Bekenntnis zur eigenen Freiheit bezeichnet man als Zivilcourage. Freiheit ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar.

Der Mensch ist ein selbst handelndes Subjekt. Wir selber können unser Leben immer wieder neu- und uminterpretieren, sobald wir von einem Sinnsystem in ein anderes gewechselt sind (s.u. Alternation). Sinnsysteme / Weltanschauungen sind gesellschaftliche Konstruktionen.

Da Menschen alle Gesellschaftssysteme geschaffen haben, können sie sie auch verändern. Die Gesellschaft definiert uns zwar, aber auch wir d efinieren die Gesellschaft. Die Systeme der sozialen Kontrolle bedürfen der ständigen Versicherung und Rückversicherung. Es gibt viele Möglichkeiten dies zu verweigern, z.B. durch Alternation, Ablösung, Manipulation.

Die Neubestimmung der Gesellschaft beginnt, wenn sich einige konträre zu den alten Mustern verhalten. Je nach Anzahl der Vorkommnisse spricht man von individueller Abweichung oder gesellschaftlicher Desorganisation. Nichtanerkennung und Konterdefinition sind die Vorzeichen einer gesellschaftlichen Veränderung.

Konter-Gesellschaften auf der Grundlage abweichender, eigenmächtiger Wirklichkeitsdefinition werden als Subkulturen bezeichnet.

Bei Manipulationen machen sich die Menschen die Kontrollsystem der Gesellschaft zu nutze, um gerade dadurch eine gewissen Unabhängigkeit zu erzielen.

Erschütterung der Gewißheit der eigenen Routine:

1. Durch die Kenntnis der Geschichte der eigenen Gesellschaft und anderer Gesellschaften / Kulturen
2. Durch die Kenntnis des Aufbaues der Gesellschaft und ihrer Funktionsprinzipien
3. Durch individuelles Verhalten / Charismatiker
4. Rollendistanz: die Rolle wird nicht internalisieren, sondern nur vorgespielt
5. Rollentausch: bekanntes Muster auf ein anderes drücken
6. Rollenausstieg: nicht nach den Vorgaben der Rolle verhalten, z.B. Verzicht auf Statussymbole
7. mauvaise foi: Verleugnung des eigen Handlungsspielraumes

zu 3. Charisma: nach Max Weber eine der ganz großen bewegenden Kräfte in der Geschichte. Sie bedroht bestehende Machverhältnisse. Es ersetzt alten Sinn durch neues. Einzelne Abweichler sind für die Gesellschaft nicht bedrohlich. Charismatiker (z.B. Gandhi, Hitler) jedoch überzeugen die Menschen von ihren nicht systemkonformen Ideen (Ideologien). Oft werden die daraus entstandenen Veränderungen nach einer kurzen Zeit zurückintegriert in die Gesellschaft (routinisiert). Aber etwas bleibt von den Veränderungen immer zurück.

zu 4. Rollendistanz: eine Rolle wird ohne eine innere Identifikation bewußt gespielt. Das Heraussteigen aus den Gewißheitsroutinen der Gesellschaft bezeichnet man als Ekstase. Durch Ekstase werden aus den Gegebenheiten der Gesellschaft Möglichkeiten. Weitere Möglichkeiten sind der Rollentausch und der Rollenausstieg.

zu 7. Mauvaise foi: wir geben etwas als notwendig aus, was aber eigentlich im eigenen Belieben steht. Man behauptet nichts ändern zu können, weil dies bequemer ist, als sich aufzulehnen. Verleugnung des eigenen Handlungsspielraumes. Der Mensch ist nur, weil er frei ist und der Freiheit nicht ins Auge sehen will, zu mauvais foi fähig. Wir sind "zur Freiheit verurteilt" (Satre). Die Ablehnung von mauvaise foi, braucht Zivilcourage.

Die Selbsttäuschungen und Täuschungen sind ein Grundelement jeder Gesellschaft und auch durch Erneuerungen und Veränderungen nicht zu beseitigen. Die Gesellschaft hilft dem einzelnen sich vor seiner Freiheit zu drücken und beweist damit, daß die Freiheit eine Möglichkeit ist und kraft der Gesellschaft besteht.

zu 8. "Das Man": Durch die Substantierung eines buchstäblichen Inbegriffs der Allgemeinheit wird eine völlig beliebige Zahl von Menschen getroffen. Der Begriff ist so allgemein, daß alle Menschen oder auch keiner Betroffen sein kann. Stirbt ein Mensch, so sagen wir "Schließlich müssen wir alle einmal sterben. Durch dieses wir alle verbergen wir uns vor der unumstößlichen Tatsache , daß auch wir sterben müssen, einzeln und mit uns selbst allein. Diese Schutzvorrichtung liefert die Gewißheitsstruktur, die uns, solange wir die Spielregeln einhalten, vor den nackten Tatsachen unserer Menschenhaftigkeit beschützen. Das "Man", das die metaphysischen Fragen, die unser Dasein aufwirft, fest versiegelt, macht uns fähig, uneigentlich zu existieren.

Theorie der Eigentlichkeit: Eigentlich existieren heißt, sich der einzigartigen, unverrückbaren, unvergleichlichen Einigkeit der eigenen Person voll bewußt zu sein. Uneigentlich Existieren dagegen ist, wenn man sich an die Namenlosigkeit des "Man" verliert und sich seiner Einmaligkeit an gesellschaftliche Abstraktheit entäußert.

Die Voraussetzung für die Freiheit ist ein einigermaßen befreites Bewußtsein. Egal welche Möglichkeiten zur Freiheit wir auch haben, wir könne sie nicht verwirklichen, solange wir die Binnenwelt des in Ordnung für die einzige halten, die es gibt. Wir müssen aus dem gemachten Nest der Gesellschaft heraustreten und alleine der Freiheit ins Auge sehen.

1.1.4. Glossar

Gesellschaft: ist ein großer Komplex menschlicher Beziehungen oder exakter ein System menschlicher Interaktion. Sie wird durch Institutionen, Normen und Werte geregelt.

soziale Situation: nach Max Weber jede in der Menschen ihr Handeln aufeinander ausrichten. Das Gewebe aus Bedeutung, Erwartung und Verhalten das sich aus solch wechselseitiger Orientierung ergibt, ist das Material der soziologischen Analyse.

gesellschaftliche Situation: ist eine Form der Wirklichkeit, bei der Übereinstimmung bei den Teilnehmern, bzw. denen die diese Situation definieren, herrscht. Das bedeutet für den einzelnen Beteiligten, daß jede Situation bestimmte Erwartungen an ihn stellt und darauf bestimmte Reaktionen / Antworten von ihm verlangt.

Werte: sind ein Maßstab für wünschenswertes Handeln. Werte sind globale Standards, absolute Ideale, Leitbilder für die Auswahl und Bewertung von Zielen. Man findet sie in religiösen Geboten / Verboten, Grundrechten der Verfassung

Normen: sind verbindliche, durch Sanktionen abgesicherte Regeln für soziales Verhalten. Sie umschreiben Handlungserwartungen, lassen aber noch Spielraum für den Handelnden. Normen sind die Konkretisierung / Operationalisierung von Werten. Es gibt kodifizierte Normen (Gesetze) und informelle Normen (Sitten, Gebräuche).

Schicht: Zugehörigkeit zu einem Bereich der Gesellschaft. Definiert durch Beruf / Einkommen und Status. Die Schichtzugehörigkeit beeinflußt z.B. die Interessen und die Wahl der Freunde. Durch die Sozialisation wird versucht Konformität mit der Schicht zu erzielen.

Institutionen: sind die regulativenInstanzen einer Gesellschaft, die das Verhalten kanalisieren helfen (z.B. Kirche, Recht, Ehe), ähnlich wie der Instinkt das tierische in bestimmte Kanäle lenkt. Institutionen geben Verhaltensmuster vor und schaffen dadurch Berechenbarkeiten im Leben.

Internalisierung: In der Sozialisationinternalisiert das Kind seine gesellschaftliche Welt. Es lernt die Werte, Normen, und Modelle für sein Leben in der Gesellschaft kennen.

Ideologie: Gedanken oder Auffassungen, die den Zweck erfüllen, höchst reale und eigennützige Gruppeninteressen zu rationalisieren. Sie rechtfertigt die Eigeninteressen der Ideologen und interpretiert die Gesellschaft so, daß es Überzeugend klingt.

Alternation oder auch Konversion: ist die Möglichkeit zwischen verschiedenen, häufig gegensätzlichen, Sinnsystemen und Weltanschauungen zu wählen. In der modernen Gesellschaft aufgrund des relativistischen Selbst- und Weltbildes sehr verbreitet (moderner Relativismus). Wir interpretieren die Welt und auch die Vergangenheit so, wie wir sie für uns gerne hätten. Dies geschieht je nach unserem Standpunkt und der kann sich ändern. Mit anderen Worten, wir belügen uns selber, wenn auch unbewußt.

Resistenz: ist der Widerstand gegen ein Sinnsystem. Jedes System hat Hilfsmittel gegen aufkommende Zweifel z.B.: die katholische Beichte, die kommunistische Selbstkritik.

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Details

Titel
Grundlagen der Soziologie
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Veranstaltung
Zusammenfassung eines Einführungsseminars in Soziologie
Autor
Jahr
1996
Seiten
5
Katalognummer
V96486
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundlagen, Soziologie, Zusammenfassung, Einführungsseminars, Soziologie, Köln
Arbeit zitieren
Detlef Kaenders (Autor), 1996, Grundlagen der Soziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96486

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