Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Die Schuldfrage des Prinzen


Referat / Aufsatz (Schule), 1999

6 Seiten, Note: 2


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Gliederung

A. Einleitung: - Erläuterungen zur Aufklärung
- In wie fern war Lessing ein aufklärerischer Schriftsteller ?
- Verschiedene Ansichten in der Literaturwissenschaft

B. Hauptteil:
I. Tatbestand
II. Schuld des Prinzen
1. Schuld am Tod Appianis
a) Einschätzung Dritter (IV, 5; IV, 7)
b) Billigung des Handelns Marinellis (I, 6)
c) Verantwortungslosigkeit
2. Schuld am Tod Emilias
a) Verantwortungslosigkeit
b) Psychische Beeinflussung (III, 6, 4)
III. Unschuld des Prinzen
1. Unschuld am Tod Appianis
a) Reue (IV, 1)
b) Unwissenheit (III, 1)
c) Schuld Marinellis
2. Unschuld am Tod Emilias
a) Reue (III, 5)
b) Verantwortung Dritter
c) Schuld Marinellis
IV. Urteil über den Prinzen

C. Schluss: - Der Prinz im heutigen Rechtssystem

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Aude Sapere! „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

(aus: Immanuel Kant „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“)

Europa war im 17. Jahrhundert politisch weitgehend vom Absolutismus, der uneingeschränkten Herrschaft eines Fürsten oder Königs, geprägt. In dieser Gesellschaftsordnung stand der Staat über dem einzelnen Individuum.

Im 18. Jahrhundert begannen dann Teile des Bürgertums zunächst in Frankreich Kritik an diesem System zu äußern. Der menschliche Verstand wurde zum Maß aller Dinge gemacht. Die neuen Forderungen waren Gleichheit anstatt Ständeordnung, Freiheit anstatt Absolutismus, Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis anstatt Vorurteile und Aberglaube, Toleranz anstatt von Glaubenslehren abhängiges Denken.

Lessing vertrat die Meinung, dass der Mensch mit Hilfe Vernunft alle Widerstände schließlich überwinden könne. Er war ebenfalls ein Vertreter der aufklärerischen Ideale Toleranz, Vernunft Menschlichkeit, Offenheit und der Widerstand gegen Fürstenwillkür und kirchliche Idealvorstellungen. Er hat als Erster der deutschen Literatur Maßstäbe gesetzt und sein weiterentwickelter oft ironischer Sprachstil wurde beispielhaft für die deutsche Prosa.

Wenn es in dem Stück „Emila Galotti „ von G. E. Lessing einen Streitpunkt gibt dann wohl in der Schuldfrage des Prinzen. An kaum einer anderen Stelle divergieren die Meinungen der Leser so stark. Mit dem Ausspruch, „Jeder Criminalrichter müsste ihn unbedingt freisprechen!“, machte E. Schmidt seinen Standpunkt 1892 deutlich klar, wobei jedoch z. B. Paul Rilla 1955 mit seiner Aussage, „In der Tat handelt es sich bei dem Prinzen um nichts anderes als um das politische Moment des widerwärtigen Mißbrauchs despotischer Gewalt.“, genau von dem Gegenteil überzeugt war. Ob sich diese gewaltigen Meinungsverschiedenheiten aufgrund der verschiedenen Charaktere der beiden Experten oder wegen verschiedenen Ansichten begründen lassen, lässt sich am besten herausstellen, wenn man „Emila Galotti“ genauer auf die Schuldfrage des Prinzen hin untersucht.

Der Konfliktauslöser dieses bürgerlichen Trauerspiels ist, dass sich der Prinz von Guastalla in das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti verliebt. Von seinem Kammerherr Marinelli erfährt er jedoch bald darauf, dass Emilia noch am selben Tag mit dem Grafen Appiani vermählt werden soll. Der Versuch Marinellis die Hochzeit aufzuschieben misslingt, weil es der Graf ablehnt als Gesandter des Fürsten nach Massa zu reisen. Daraufhin bereite Marinelli mit der unausgesprochenen Billigung des Prinzen einen infamen Plan vor. Er engagiert maskierte Bedienstete, die die Hochzeitskutsche auf dem Weg zur Trauung überfallen. Bei diesem Vorgang werden die Braut und deren Mutter (Claudia Galotti) auf das Lustschloss, wo sich der Prinz und sein Kammerherr bereits befinden, „gerettet“, der Graf Appiani erschossen. Weil sich in Emilia ein Konflikt zwischen Lasterhaftigkeit und Tugend aufbaut, was auf den bürgerlichen Moral- vorstellungen dieser Zeit beruht, die sie von ihrem Vater zugenüge gelehrt bekommen hatte, bittet sie ihren Vater sie zu erdolchen.

Ich werde nun genauer die Schuld des Prinzen erst am Fall Appianis und später am Fall Emilias untersuchen. Nachdem der Überfall auf die Gruppe mit Appiani geglückt war, treffen die gegenwärtige Geliebte des Prinzen, die Gräfin Orsina und Odoardo Galotti, der aus der Stadt herangeeilt war, aufeinander. Beide vermuten sehr stark, dass der Plan vom Überfall auf die Gruppe auf der Verantwortung des Prinzen basiert und so beschuldigt die Gräfin den Prinzen als „Appiani Mörder“ (IV, 5; S.59, Z.40 f). Auch Odoardo erkennt die „Entführung“ und bezeichnet den Prinzen als „Meuchelmörder“ (IV, 7; S.63, Z.35 f). Aus diesen beiden Zitaten lässt sich erkennen, dass für die beiden der Schuldige im Fall Appiani eindeutig feststeht. Jedoch können beide meiner Meinung nach kein objektives Urteil fällen, da Odoardo schon von Grund auf gegen den Fürsten eingestellt ist und gerade erst einen engen Freund verloren hat und Orsina, die zwar noch die Geliebte des Prinzen ist, jedoch aber spürt, dass der Prinz sich mehr und mehr von ihr distanziert „...Wen weiset man damit nicht ab? Jeden Überlästigen, jeden Bettler “ (IV, 5; S.57, Z.24 f). Schuld aber ist der Prinz insofern, da er von Anfang an das Handeln Marinellis duldet und ihm in allem absolut freien Spielraum lässt, was die Hochzeit verhindern könnte. So antwortet er auf die Frage des Kammerherrn, „ob er ihm freie Hand lasse und alles genehmige, was er tue“, „Alles, Marinelli, was diesen Streich abwenden kann.“ (I, 6; S.16, Z.33 ff). So ist der Kammerherr praktisch der Ausführer seines Willens. Im 1.Auftritt des 3.Aufzuges erfährt der Prinz von dem Plan Marinellis, der praktisch auch zeitgleich mit der Bekanntmachung ausgeführt wird. Es ist aber keineswegs so, dass der Prinz gegen das Handeln Marinellis abgeneigt ist, sondern, eher froh ist, dass sein Kammerherr die Hochzeit zu verhindern weiß. Obwohl der Prinz die Schändlichkeit des Verbrechens erkennt, erwähnt jedoch nur, er „...sehe bei alledem nicht ab“ (III, 1; S.38, Z.38 f). Er versucht aber in keinster Weise Marinelli an seinem Vorgehen zu tadeln oder gar abzuhalten, was durchaus in seiner Macht stünde.

Aber auch im Bezug auf Emilia lässt der Prinz dem Kammerherr freie Hand und ist mit dessen Plan einer Entführung einverstanden, was sich dadurch erkennen lässt, dass der Prinz weniger am Willen Emilias als an der Erfüllung seines Begehrens interessiert ist. Denn sowohl aus Emilias Sicht als aus der des Vaters ist der Prinz nicht der „...Tugendhafte Retter“, den er gerne für sie darstellen würde, sondern „..der Mensch (ist), der einen Menschen zwingen kann.“ (V, 7; S.76, Z.28 f), derjenige, dessen Interesse alleine in seinem eigenem Vorteil liegt. Wie an dieser Stelle, so versucht er auch durch sein Handeln in der Kirche, wo er sein Begehren, „...mit allen Schmeicheleien und Beteuerungen...“ (III, 4; S.41, Z.15 f), preisgibt, die Psyche des Mädchens, wenn auch unbewusst, zu beeinflussen. Dies gelingt ihm auch zum Teil, wie man deutlich im Gespräch zwischen ihr und ihrer Mutter Claudia hört (II, 6; S.24-28). Außerdem lässt es sich auch an seien eigenen Schilderungen gegenüber von Marinelli erkennen, als er ihm erzählt, dass sie dar stand „...wie eine Verbrecherin, die ihr Todesurteil höret.“ (III; 4; S.41; Z.17 f). Durch sein unüberlegtes Verhalten übt er in gewisser Weise Gewalt auf Emilia aus (vgl.: V, 7; S.77, Z.21 f) und treibt sie somit in eine ausweglose Situation und folglich letztendlich in den Tod.

Man kann jedoch den Prinzen keineswegs als einen gefühllosen Mann charakterisieren, auch er weiß, dass sein Handeln nicht immer der Richtigkeit entspricht und bereut den Tod Appianis, wie er auch sagt, dass er dieses Schicksal nicht vorhersehen konnte und er jenes auch keineswegs wollte, er hätte sich sogar sein eigenes Leben kosten lassen, um das des Grafen zu verschonen (IV, 1; S.49, Z. 29 f). Denn es ist eine Tatsache, dass der Prinz in einem viel zu späten Augenblick von dem Überfall auf die Kutsche und geschweige denn von dem Mord an Appiani erfährt (vgl. S.37 f). Wenn ihm Marinelli sein Vorhaben früher mitgeteilt hätte, wäre er mit Sicherheit dagegen eingeschritten, denn auch in diesem Gespräch (S.37 f) wird klar, wie Marinelli ihm die Billigung seines Handelns förmlich aufdrängt und sich so des Prinzen Zustimmung erschleicht.

Denn um seine Rachsucht zu befriedigen stand eindeutig für den Kammerherrn der Anschlag auf den Grafen und nicht die Gunst Emilias für den Prinzen im Vordergrund. Dies bestätigt sein begieriges Wissen, in dem Gespräch mit seinem Bediensteten Angelo, nach dem Tod Appianis (III, 2; S.39, Z.23 ff). Der Mord war ohne Zweifel von Marinelli aus eigenen und nicht den Interessen des Prinzen geplant, wie man herausfindet als er diesen ( den Mord ) auch schon vorher im Gespräch mit dem Grafen mit den Worten „Tod und Verdammnis! -Graf ich fordere Genugtuung.“ (II, 10; S.34, Z.28 f) vorankündigt. Dies bestätigt auch das letzte Wort des sterbenden Grafen „Marinelli“, welches er in einem Ton ausgesprochen haben soll, dass Claudia, die ebenfalls ja anwesend war, ihn am liebsten „...vor Gerichte stellen (würde), diesen Ton!“ (III, 8; S.47; Z.16 f).

Auch im Todesfall der Emilia ist wohl ebenfalls die Hauptschuld nicht dem Prinzen zuzuteilen, dieser weiß nämlich auch hier seine Fehler zu bereuen und sich dafür zu entschuldigen. Wie er gegenüber Emilia sagt ist sein Verhalten in der Kirche zwar „nicht zu rechtfertigen“ aber „zu entschuldigen“ (III, 5; S.44;Z.5 f), was er ja dann auch an dieser Stelle ausführlich macht. Die wahren Schuldigen an dem Tod Emilias lassen sich folglich nur an anderen Personen festmachen. Zum ersten trifft die Mutter Claudia, von der Emilia ihr persönliches Verständnis für Sittlichkeit und Anstand beigebracht wurde (vgl. II, 6) eine gewisse Teilschuld. Dies bringt Emilia ja letztendlich in die ausweglose Situation, dass ihre Reinheit ihr mehr bedeutet als das Leben und sie sich vor ihrer „Verführbarkeit“ mehr fürchtet als vor der „Gewalt“ (V, 7; S.77, Z.21 ff) und sie folglich keinen anderen Ausweg mehr sieht als sich das Leben zu nehmen. Hätte die Mutter nämlich mehr Verständnis für ihr Tochter gehabt und wäre nicht so besessen auf die bürgerlichen Moralvorstellungen, hätte man die Tragödie noch zu verhindern gewußt. Zum zweiten trifft wohl den Vater einen größeren Teil der Schuld. Denn dieser gesteht auch schließlich sein Verbrechen, indem er sagt „Hier liegt er, der blutige Beweis meines Verbrechens!“ (V, 8; S.79, Z.12 f). Außerdem ist es höchst unverständlich, wie ein Vater dazu imstande sein kann, seiner Tochter zum Selbstmord zu verhelfen. Seine Handlungsweisen lassen sich im groben und ganzen auf die Moralvorstellungen der bürgerlichen Welt zurückführen. Diese Moralvorstellungen lassen sich besonders gut erkennen, als Emilia ihrem Vater sagt „Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter vor der Schande zu retten, ihr den erst besten Stahl ins Herz senkte - ihr zum zweiten Mal das Leben gab Solcher Väter gibt es keinen mehr!“, und ihr Vater antwortet „Doch, meine Tochter, doch!“ (V, 8; S.78, Z.14 ff). Diese Handlung lässt sich von keinem normal Denkendem zurückführen und auch Odoardo hätte, wenn er nicht so verhärtet wäre, durch überlegtes Handeln das Leben seiner Tochter verschonen können.

Die Hauptschuld trifft, wie auch im Fall Appianis, Marinelli, denn dieser nützte das Vertrauen des Prinzen schamlos aus und gebrauchte dessen Macht und Namen zu seinem eigenem Nutzen. Dem Prinzen war es nicht mehr möglich Kontrolle über das Handeln seines Kammerherrn zu haben. Zu spät erkennt der Prinz den wirklichen „Tyrann“, Marinelli, der den Ausgang dieser Situation gegenüber dem Bürgertum zu verantworten hat. Die abschließenden Worte des Prinzen, „...nicht genug, dass Fürsten Menschen sind: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?“ (V, 8; S.79, Z.22 ff), verdeutlichen dies auf den richtigen Punkt.

Am besten lässt sich das Verhalten des Prinzen mit den Worten „Liebe macht blind“ erklären und teilweise rechtfertigen. Die Zurechnungsfähigkeit des Prinzen war insofern eingeschränkt, dass für ihn die Gunst Emilias die Erfüllung seiner Träume gewesen wäre und er sich dadurch jedem beliebigen anvertraute. In dieser, für ihn anfangs ausweglosen Situation erklärte er unüberlegt jedem, der ihm behilflich sein (Marinelli) oder im Weg stehen könnte (Graf Appiani) zu seinem Freund bzw. Feind. Eine objektive Einschätzung von Richtig oder Falsch war ihm in seinem „Liebesrausch“ nicht mehr möglich. Marinelli wußte dies und machte sich so auch dessen Gebrauch. Müsste man ein eindeutiges Urteil sprechen, würde der Prinz zwar nicht frei, weil er alles ins Laufen gebracht hatte (durch seine Billigung Marinelli freie Hand zu lassen), gesprochen werden, aber ihn würde nur eine geringe Strafe treffen, weil er das Handeln Marinellis nicht mehr aufhalten hätte können, selbst wenn er gewollt hätte.

Hatte sich das Stück in unserem heutigen Rechtssystem abgespielt so wäre der Prinz, wie auch in meinem Urteil, wenn auch

als ungewollter Komplize Marinellis, nicht unbestraft davongekommen. Die größere Strafe würde aber ohne Zweifel den Hauptschuldigen dieser Misere treffen: MARINELLI.

Sekundärliteratur: - Bibliothek deutscher Klassiker, Lessings Werke in fünf Bänden - Deutschbuch der 11 Klasse

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Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Die Schuldfrage des Prinzen
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
6
Katalognummer
V96542
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Emilia, Galotti, Schuldfrage, Prinzen, Thema Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Alexander Lampl (Autor), 1999, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Die Schuldfrage des Prinzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96542

Kommentare

  • Gast am 18.10.2001

    Einfach klasse!.

    Spitzenarbeit !

    Zum ersten ist zu sagen, dass diese Arbeit weder inhaltliche noch sprachliche Fehler aufweist.
    Desweiteren ist der Bezug auf Kants Aufklärung sehr wertvoll, da dies oftmals in Klausuren gefragt ist, wie zum Bleistift bei mir im Deutsch-Leistungskurs Klasse 12.
    Ich schreibe morgen die Arbeit und bin nicht dazu gekommen, das Stück zu lesen, es ist jetzt 0:00 Uhr und morgen früh kann ich nach dem Lesen dieses und eines inhaltlich orientierten Beitrages unbesorgt in die Arbeit gehen. Besonders möchte ich aber dem Autor dieses Textes danken, denn er konfrontierte mich soeben mit dem Schwerpunkt meiner bevorstehenden Klausur. Danke vielmals....

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