Nationalismus und Ethnische Konflikte am Beispiel des ehemaligen Jugoslawiens


Ausarbeitung, 1995
15 Seiten, Note: 2,3

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Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. PSYCHOANALYTISCHE ÜBERLEGUNGEN
2.1 NATIONALISMUS
2.2 ETHNISCHE IDENTITÄT

3. DIE VOLKSGRUPPEN IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
3.1 KROATEN
3.2 SERBEN
3.3 SLOWENEN
3.4 MOSLEMS
3.5 MAKEDONIER
3.6. ALBANER

4. SCHLUßBEMERKUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Wer in Zeiten der raschen Internationalisierung der Wirtschaft und, wenn auch etwas schwerfälliger, ebenso der Politik1 sowie der beinahe rasenden "Internetionalisierung"2 an die kurz bevorstehende Verwirklichung der Vision einer global denkenden und handelnden Weltgemeinschaft glaubt, muß die neuerlichen Tendenzen zu Nationalismus und ethnische Konflikte zwangsläufig als unbegreifliche Anachronismen empfinden. Was sind die Ursachen dieser Probleme und inwieweit sind sie möglicherweise sogar eine Folge der beschriebenen Globalisierung?

Auf diese Fragen soll hier anhand des Paradebeispieles Ex-Jugoslawien eingegangen werden, weil sich zum einen nach dem erzwungenen Friedensschluß von Dayton am 21. November 1995 erst noch erweisen muß, ob damit der fünfjährige Konflikt bereits beigelegt ist, und zum anderen erleichtert die Vielzahl der an diesem Konflikt beteiligten Gruppen, Vergleiche zwischen deren nationalistischen Einstellungen zu ziehen. Diese Gemeinsamkeiten drängen sich bei der Lektüre der einzelnen Kapitel über die Bestandteile der jeweiligen nationalen Identitäten geradezu auf.

Die Entstehung nationalistischer Gesinnungen wird zuvor aus psychologischer, oder genauer gesagt psychoanalytischer, Sichtweise erläutert. Die Herkunft dieser Erklärungsansätze aus der sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplin ist im Rahmen einer politikwissenschaftlichen Arbeit nicht nur legitim sondern geradezu wünschenswert, weil damit das Prinzip der interdisziplinären Zusammenarbeit angewendet und seine Notwendigkeit bewiesen wird. Als Beleg hierfür mag der Hinweis von Gert Krell am Ende eines Aufsatzes zu Kriegen in der Dritten Welt dienen, als er zur Gewaltproblematik eingesteht, daß "das alles ... eine rein politikwissenschaftliche Theoriebildung vermutlich nicht allein zu klären (vermag)."3 Daß gerade die Politikwissenschaft sich bei der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen nicht schwertut, zeigt die Existenz der Politischen Soziologie, der Politikdidaktik oder die selbstverständliche Anwendung der Statistik in der Wahlforschung. Sie darf sich dabei auch nicht schwertun. Da nach der umfassendsten von vielen Politikdefinitionen alles Politik ist, was nur genügend Menschen betrifft,4 muß sich die Politikwissenschaft, deren Gegenstand nun mal die Politik ist, zwangsläufig einer Fülle von Erkenntnissen aus anderen Wissenschaften bedienen, um schließlich deren Auswirkungen in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen, wie etwa in oder zwischen staatlichen Gebilden, zu untersuchen.

2. Psychoanalytische Überlegungen

2.1 Nationalismus

Unter dem Eindruck des "ersten Pogroms in der Geschichte der Bundesrepublik"5 in Hoyerswerda 1991, verfaßte der Psychoanalytiker Werner Bohleber einen Aufsatz über Nationalismus, Fremdenhaß und Antisemitismus, dessen Ergebnisse wegen des Bezuges auf ein Ereignis in den neuen Bundesländern, also ebenso wie das ehemalige Jugoslawien im post- kommunistischen Teil der Welt, auf die hier erörterte Problematik übertragbar erscheinen. Das "Phantasma der Nation" ist demnach ein "mit Sehnsüchten hoch besetztes Phantasieobjekt, durch dessen Aktivierung Menschen politisch in Dienst genommen werden."6 Nationalismus braucht eine Menge Phantasie um die - zum Teil sehr heterogenen - Merkmale der Nation zu einem logisch erscheinenden Bild zusammenzusetzen. Mythisierung der eigenen Geschichte ist dabei immer im Spiel und nach Bohlebers Ansicht ist es auch keineswegs unüblich, daß die fehlenden Puzzleteile einfach erfunden werden. Das Ergebnis ist "eine packende, aber dennoch normalerweise höchst fiktive Darstellung gemeinsamer historischer, sprachlicher und kultureller Identitäten."7

Seine Entstehung verdankt diese "kollektive Imagination" erstens einem verletzten individuellen und kollektiven Selbstgefühl. Diese Verletzungen und die neuerliche Welle des Nationalismus bringt Bohleber hier selbst in Zusammenhang mit dem Ende des kommunistischen Systems. Die meisten neuen Nationalstaaten entstehen ja vor allem dort, wo seit 1989 die ehemals staatstragenden Werte fast völlig verloren gegangen sind und ein Vakuum hinterlassen haben. Es scheint, als ob der Rückzug auf die nationalen Werte ein Versuch ist wenigstens etwas Selbstrespekt zu wahren um nicht in jeder Beziehung als Verlierer dazustehen, wenn schon die wirtschaftlichen Notwendigkeiten dazu zwingen das ehemals feindliche System zu übernehmen und dem Westen als Bittsteller gegenüberzutreten. Hier bietet die Nation die Stärkung des Wir-Gefühls mit emotionalen Qualitäten an, "welche die nicht-rationalen Bedürfnisse des Menschen kanalisieren und befriedigen können."8 Daß heißt: Durch die Identifizierung mit dem Phantasieobjekt wird der hilflose Einzelne aufgebaut und empfindet sich durch die Partizipation an der Macht der Nation selbst als mächtig.

Neben diesem Gesichtsverlust haben die politischen und sozialen Veränderungen zweitens auch ganz reale Existenzängste erzeugt. Diese Verunsicherungen führen zu einem gesellschaftlichen Angstklima in dem regressives Denken und Handeln dominiert. Nationalistische Führer bieten diesen Menschen dann einfache Antworten und Sündenböcke an, also "Pseudo-Erklärungen einer komplexen und oft undurchschaubaren gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit .., die eingängig und zugleich angstreduzierend sind."9

Der dritte Aspekt zeigt besonders deutlich den Bezug den nach-kommunistischen Staaten, denn ein nationalistisches Potential wird auch aus einer wie auch immer gearteten autoritären Sozialisation gespeist. Diese Erziehung in der kommunistischen Gesellschaft läßt heute den Mangel an demokratischer politischer Kultur zutage treten, der politischem Extremismus den Boden bereitet. Bei den nicht in diesem System sozialisierten, also älteren Menschen, tauen außerdem verdrängte und nicht aufgearbeitete Vorurteile aus früherer nationalistischer Tradition auf, die viele Jahre unter einem "staatlich verordnetem Antifaschismus eingefroren waren."10

Die Gefährlichkeit des Nationalismus liegt nun aber darin, daß die undifferenzierte Idealisierung der eigenen Nation die "Abspaltung des Bösen und dessen Projektion auf die Feinde" bedingt. Dieser als Psychohygiene11 bekannte Mechanismus stärkt einerseits den inneren Zusammenhalt der Gruppe durch die selbst konstruierte Bedrohung von außen und neigt andererseits zur Eskalation. Das heißt: "Je mehr man die eigene Nation idealisiert, desto mehr fühlt man sich von außen bedroht."12 Für die Identität eines homogenen Nationalstaates ist also ein Freund-Feind-Schema unabdingbar.

Besonders wirksam werden nationalistische Einstellungen, wenn sie mit dem Begriff der ethnischen Zugehörigkeit verknüpft werden. Dadurch bekommt die Nation den Charakter einer natürlichen Gemeinschaft, wie er sich in Begriffen wie Vater- oder Mutterland widerspiegelt. Bohleber ist der Meinung, daß "diese Implantierung der Nation in die seelische Primärsozialisation", wie sie in der Familie geschieht, "sie der Religion verwandt macht", was die Bezeichnung "Nationalismus als Religion der Moderne" rechtfertigt.13

2.2 Ethnische Identität

In der gleichen Zeitschriftenausgabe und damit vor dem gleichen tagespolitischen Hintergrund findet sich ein Artikel des Ethnopsychoanalytikers Mario Erdheim über ethnische Identität. Erdheim stellt darin zunächst einmal klar, was ethnische Identität nicht ist und damit gleichzeitig auch dessen nationalistische Fehlinterpretationen.

"Erst wenn der Begriff des ethnischen vom dem (biologischen) der Rasse ebenso wie von dem (politischen) der Nation bzw. des Staates getrennt wird, können die entsprechenden ideologischen Verzerrungen erkannt werden."14 Die Ethnie ist keine Rasse, weil sie lediglich die Zugehörigkeit zu einer Abstammungstradition und damit einen Fundus kultureller Merkmale beschreibt, der nicht wie Rassenmerkmale vererbt werden kann, sondern erlernt wird. Daß sie auch nicht mit dem Staat verbunden ist, belegt die Tatsache, daß alle größeren Staatsgebilde, zentralistische ohnehin aber auch die föderal organisierten, einen gewissen Stand an Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel eine einheitliche Amtssprache zum Funktionieren brauchen. Die ethnische Identität ist also eine Art kultureller Überlieferung, die dem Individuum Orientierung im geschichtlichen Raum bietet. Und obwohl sie keineswegs regional verankert sein muß, wird sie trotzdem immer wieder für sogenannte Blut-und-Boden Ideologien mißbraucht. Erdheim stellt fest, daß dort wo die Ethnie rassistisch oder nationalistisch interpretiert wird, immer imperialistische Zielsetzungen im Spiel sind.15 Dies könnte man zumindest den Kroaten und Serben derzeit guten Gewissens unterstellen.

Eine Begleiterscheinung solcher Fehlinterpretationen ist die Tatsache, daß durch die Verzerrung des Bildes der Fremden Gewaltanwendung relativ einfach gemacht wird. Wenn die Fremdheit einer Gruppe so sehr hervorgehoben wird, daß man ihnen schließlich das Menschsein abspricht, ist der erste Schritt zur Gewaltanwendung getan. Die Entstehung des Fremdenbildes und die damit verbundene Neigung zur Gewaltanwendung sieht Erdheim bereits in frühester Kindheit. Zunächst ist dem Kind alles fremd, was nicht die Mutter ist. Ist diese nicht in Reichweite des Säuglings, empfindet er diese Situation als bedrohlich und assoziiert ab dann alles Fremde zunächst einmal mit Angst. Da das, wovor man Angst hat leicht zum Bösen wird, versucht man ihm, so lange man schwach ist, zu entfliehen und bekämpft es, wenn man dazu in der Lage ist.16 Wenn nun diese tief verwurzelte Angst vor den Fremden genügend geschürt wird, ist die Brutalität, mit der auch im ehemaligen Jugoslawien gekämpft wurde, nicht weiter verwunderlich.

3. Die Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien

Die folgenden Kapitel bieten einen Überblick über die wesentlichen Elemente der nationalen Identitäten im ehemaligen Jugoslawien.

3.1 Kroaten

Zu Beginn des neunten Jahrhunderts wurden die kroatischen Siedlungsgebiete, die in etwa dem Territorium des heutigen Kroatiens entsprechen, von Karl dem Großen erobert. Diese Besetzung der nördlichen Balkanhalbinsel durch die Franken, die zuvor unter oströmischem Einfluß stand, führte zu einer ersten Teilung des slawischen Volkes: "Kroaten und Slowenen sind bis heute überwiegend römisch-katholisch und benützen die lateinische Schrift."17 Das Königreich Kroatien, das bis heute im Bewußtsein der Kroaten das ruhmreichste Kapitel ihrer Geschichte darstellt und als Legitimation für einen eigenen Staat diente, wurde 925 vom dalmatinischen Fürsten Tomislav gegründet. Es umfaßte etwa das Gebiet des heutigen Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas. Fast 200 Jahre setzte es sich erfolgreich gegen Angriffe des byzantinischen Reiches und Ungarns durch. Ende des elften Jahrhunderts fiel es durch einen Erbfolgestreit dann doch an Ungarn, was das Ende der staatlichen Souveränität für Kroatien, das damit zu einer lediglich autonomen Provinz wurde, bedeutete.18 Seit dem 15. Jahrhundert versuchten nun die Osmanen in Kroatien einzudringen. Als Ungarn schließlich 1526 in der Schlacht von Mohács unterlag, hatte dies drei Konsequenzen. Zum einen gerieten einige Teile Kroatiens unter türkische und damit muslimische Herrschaft und zum anderen stand ab jetzt der Großteil der Kroaten als Teil des neugegründeten Österreich- Ungarns noch stärker unter christlich-westlichem Einfluß. Zudem errichtete Ferdinand von Österreich, dessen Ziel es war das osmanische Reich aus allen besetzten Gebieten zurückzudrängen als "Bollwerk der Christenheit" eine wichtige militärische Grenze entlang der Flüsse Una und Save, hinter die viele Serben vor den Türken flüchteten. Dadurch entstanden die serbischen Enklaven auf kroatischem Territorium, wie etwa die Krajina oder das Gebiet um Knin, die bis zu den Vertreibungen in jüngster Zeit zu 80 Prozent von Serben bewohnt waren.19

In diesem letzten Krieg wurden auch die Symbole der kroatischen Ustascha-Faschisten wieder ausgegraben, die im Zweiten Weltkrieg für den "Unabhängigen Staat Jugoslawien" kämpften, und deren Symbole neuerdings den kroatischen Staat repräsentieren. Die bevorzugten Opfer der Ustaschi im Zweiten Weltkrieg waren die kroatischen Serben in den genannten Enklaven gewesen.20

Ein letzter nicht zu unterschätzender Punkt war der nach dem Krieg im sozialistischen Jugoslawien Titos beginnende Ressourcen-Transfer vom wirtschaftlich weiter entwickelten Jugoslawien in die östlichen Teilrepubliken, durch den die Kroaten sich benachteiligt sahen.21

3.2 Serben

Die Serben siedelten ursprünglich auf dem Gebiet der heutigen Herzegowina, des Kosovo, Montenegros und Südwestserbiens. Im neunten Jahrhundert wurden sie von Ostrom aus zum orthodoxen Christentum bekehrt. Im zwölften Jahrhundert erkämpfte Stefan Nemanja vom Kosovo aus, das seither als die Wiege des Serbentums gilt, die Unabhängigkeit.

Dieses serbische Reich, das im 14. Jahrhundert unter der Nemanjiden-Dynastie seine größte Ausdehnung von der Linie Dubrovnik/Belgrad im Norden bis zur Grenze des heutigen Bulgariens im Osten und nach Mittelgriechenland im Süden erfuhr und bis heute als Beweis der historischen serbischen Größe dient, endete in der Schlacht auf dem Amselfeld wiederum im Kosovo 1389 gegen die Osmanen.22 Seither ist es das Ziel der Serben den "Fluch von Kosovo" auszulöschen und wieder zur alten Größe zurückzufinden. Hervorzuheben ist aus der Zeit des serbischen Reiches die Weihung des Sohnes von Nemanja zum Erzbischof durch den griechischen Patriarchen. Dies war der Beginn der für die Serben typischen Vereinigung von staatlichen, nationalen und kirchlichen Interessen.

Der Einfluß der 500-jährigen "türkischen Sklaverei" und des Widerstandes dagegen, wirkte traumatisch auf die Serben. Aus dieser Zeit rührt auch die Ablehnung des Katholizismus, da die orthodoxe Kirche das serbische Zusammengehörigkeitsgefühl ungemein stärkte.23 Es kam damals auch zu zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen, die das südslawische Gebiet zu einem Flickenteppich der verschiedenen Nationalitäten gemacht haben, der die spätere Entwirrung der Kriegsparteien so schwierig machte.24

Im 19. Jahrhundert schwand die Macht der osmanischen Besatzer und nach einem erfolgreichen serbischen Aufstand 1815 vergrößerte sich nach und nach die serbische Eigenständigkeit. Im Vergleich zu dem Serbien vor der türkischen Eroberung, war dieser neue Staat jedoch recht klein und die verschiedenen serbischen Volksgruppen blieben über die gesamte Balkanhalbinsel zerstreut. Bestehen blieb seitdem aber die Hoffnung auf ein Großserbien und die Erinnerung an die kriegerischen serbischen Freischärler, die ebenso wie die Wehrbauern,25 erfolgreich das Osmanische Reich bekämpft hatten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte die Idee einer Balkanföderation die serbische Außenpolitik. Alle slawischen Völker auf der Halbinsel sollten von der Fremdherrschaft befreit werden und sich in einer Föderation zusammenschließen. Alle serbisch besiedelten Territorien würden in diesem Falle, so hoffte man, an Serbien angeschlossen.

Unter der Beteiligung des nationalistischen serbischen Geheimbundes wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der serbische König ermordet. Seine politische Nähe zu Österreich, die es in den Augen der Geheimbundführer verhinderte ein Großserbien auf den Gebieten des Kosovo, Makedoniens, Montenegros, Bosnien - Herzegowinas, Kroatiens und der Vojvodina zu errichten, war ihm zum Verhängnis geworden. Traurige weltpolitische Bedeutung erlangte der Geheimbund schließlich, als er mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz- Ferdinand und seiner Frau 1914 in Sarajevo den Anlaß zum ersten Weltkrieg lieferte. "Das Attentat hatte die Absicht, im Volke den Nationalismus zu entzünden, das nationale Bewußtsein und das Gefühl der Rache."26

3.3 Slowenen

Im Unterschied zu den beiden ersten Volksgruppen verlief die slowenische Geschichte ruhiger.

Hier konnten weder mittelalterliche Königreiche noch große Helden zur nationalistischen Legitimation ausgegraben werden. Dies hat dem slowenischen Nationalismus - und dies zeigt deutlich die Irrationalität des Phänomens - jedoch keinen Abbruch getan. Hier reichten die bereits erwähnten27 relativ modernen Elemente der lateinischen Schrift, Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche, kulturelle Homogenität der Bevölkerung und das Gefühl zu Mitteleuropa zu gehören völlig aus.28

3.4 Moslems

Die jüngste nationale Identität hat sich in "Kleinjugoslawien",29 also in Bosnien-Herzegowina, entwickelt, daß sich nicht zuletzt durch die Vermischung fast aller Volksgruppen unter denen die Moslems jedoch zahlenmäßig die größte darstellen, zum Brennpunkt des jüngsten Krieges wurde. Ursprünglich bevölkerten Serben und Kroaten ab dem siebten Jahrhundert gemeinsam dieses Gebiet. In den folgenden Jahrhunderten wechselte die Macht häufig zwischen diesen beiden Gruppen, die bis heute auf der Ansicht beharren, daß die Moslems jeweils aus ihren

Bevölkerungsschichten hervorgegangen seien.30 Mit Sicherheit kann die Herkunft der bosnischen Muslime jedoch aus der Gruppe der Bogumilen, einer christlichen Sekte, hergeleitet werden, die im Königreich Bosnien des 14. und 15. Jahrhunderts sogar Staatskirche war. Noch bevor die Osmanen den Balkan eroberten, konvertierten die Bogumilen unter der Verfolgung durch die beiden christlichen Kirchen zum verwandten Islam. Diese Entscheidung sicherte ihnen, die noch heute abfällig Türken genannt werden, unter den Osmanen in höchste staatliche Ämter aufzusteigen und gleichzeitig die Mißgunst der anderen Volksgruppen. Damit haben die Muslime also auch ihre mittelalterlichen Helden. Trotzdem verdanken sie, denen die ethnische Identität bis dahin ziemlich bedeutungslos war, ihre Anerkennung als eigenständige Volksgruppe ausgerechnet dem sozialistischen Staat Jugoslawien, der Ende der 60er Jahre dieses Jahrhunderts aus Verwaltungsgründen die Vielvölkerrepublik Bosnien-Herzegowina schuf.31 Das Ziel eine historisch gesehen fragwürdige bosniakische Identität zu schaffen erwuchs während des Krieges aus der Not, Bosnien-Herzegowina erhalten zu wollen. Dieser Staat sollte zum einen das zukünftige Zusammenleben mit den anderen Volksgruppen sichern und zum anderen sollte die liberale, demokratische und pluralistische Orientierung des Staates die Bindung zum Westen erhalten, die den Moslems in den letzten Jahrzehnten Jugoslawiens bereits große ökonomische Vorteile gegenüber den Serben gebracht hatte. Ebenfalls während des Krieges konnte eine Reislamisierung beobachtet werden, die wohl in der Unterstützung der bosnischen Brüder durch die islamischen Länder begründet liegt.32

3.5 Makedonier

Um 850 wurde Makedonien von Bulgarien annektiert, nachdem es zuvor im Einflußbereich von Byzanz gelegen hatte. Auf dieses Westbulgarische Reich stützt sich noch heute der makedonische Nationalismus. Ende des 14. Jahrhunderts fielen auch hier die Osmanen ein. Das Ziel eines selbständigen makedonischen Staates der 1893 gegründeten und zunächst noch pro-bulgarischen Befreiungsbewegung blieb zwar unerfüllt, stellte aber den Anfang der nationalistischen Bewegung dar.

Im ersten Balkankrieg 1912-13 drängte dann der aus Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland bestehende Balkanbund mit dem Ziel der Aufteilung Makedoniens die Türken bis kurz vor Konstantinopel zurück. Uneins über die Aufteilung der Beute griff Bulgarien schon einen Monat nach Kriegsende Serbien und Griechenland an, die nun ihrerseits von der Türkei und Rumänien unterstützt wurden. Bulgarien verlor diesen zweiten Balkankrieg und die eroberten makedonischen Gebiete. Serbien wurde zur stärksten Macht auf dem Balkan.33

Diese serbischen Gebiete Makedoniens erhielten im sozialistischen Jugoslawien den Status einer eigenständigen Republik, woraus sich schließlich der heutige souveräne Staat bildete, gegen den die griechischen Makedonen noch immer heftig protestieren. In ihrer Kultur legen die Makedonen noch immer großen Wert darauf, daß sie das erste slawische Alphabet hervorgebracht haben und die slawomakedonische Sprache, das sogenannte Kirchenslawisch, zur Liturgiesprache des orthodoxen Christentums geworden ist, dem auch sie angehören.34

3.6. Albaner

Der albanische Nationalismus war im wesentlichen ein Produkt der ständigen Auseinandersetzung mit den Serben. Als Nachkommen der Illyrer behaupten sie den Balkan schon früher als die Serben besiedelt zu haben und gewissermaßen ältere Rechte zu besitzen. Zudem unterscheiden sie sich in ihrer Religionszugehörigkeit, da die Albaner unter der osmanischen Herrschaft größtenteils zum Islam übergetreten sind.35 Als Ergebnis des ersten Balkankrieges entstand zwar ein selbständiger Staat Albanien, aber das hauptsächlich von Albanern bewohnte Kosovo blieb unter serbischer Herrschaft.36 Dort entwickelte sich nicht zuletzt durch den größeren Wohlstand und Freiheit im Vergleich zu den albanischen Brüdern ein stabiles nationales Selbstbewußtsein, das schließlich auf die Abtrennung des Kosovo von den Serben zielte. Diese beantworteten ihrerseits diese Bestrebungen mit Zwangsverwaltung und Unterdrückung. Die Reaktion war die Ausrufung der Republik Kosovo im Jahr 1990.

4. Schlußbemerkung

Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien hat sich als Beispiel für dieses Thema außer durch seine Aktualität und der großen Zahl verschiedener Volksgruppen noch aus dem Grund angeboten, daß er durch den mittlerweile aus aller Munde gehörten Euphemismus der "Ethnischen Säuberung" die Ethnische Identität zu einem Modethema gemacht hat. Warum wird aber ein solch komplexer Begriff so willig aufgenommen, wo sich doch normalerweise eher die einfachen Erklärungen den Weg bahnen?

Hier möchte ich erstens, den am Konflikt Nichtbeteiligten unterstellen: Mit dem Hinweis auf diese Schwierigkeiten und die als unabänderlich unversöhnlich dargestellten Kriegsparteien versucht man, sich der Verantwortung zu entziehen. Wie sonst sollten die oft gehörten Einschätzungen, daß das Problem in Jugoslawien ausbluten müsse bis jeder seinen eigenen Staat hat, entstanden sein?

Daß zweitens, die Konfliktparteien selbst ihre ethnische Identität besonders herausstellen, scheint zunächst nicht weiter erstaunlich. Warum werden aber gerade jetzt so viele Versatzstücke der eigenen Identität aus der Mottenkiste der Geschichte ausgegraben? Werden dabei etwa unter Ausnutzung der ohne Zweifel vorhandenen psychischen Bedürfnisse zur Mobilisierung der Massen ganz andere wesentlich profanere Ziele verfolgt? Österreichische, schweizerische und deutsche Friedensforscher haben dazu Ende 1994 einige interessante Erklärungen geliefert.37 So identifizierten sie etwa im Konflikt zwischen der mexikanischen Zentralregierung und den Maya-Indianern in Chiapas die wirtschaftliche Benachteiligung der indianischen Bauern als Ursache und nicht in erster Linie die ethnischen Unterschiede. Die Gründe für die brutale Unterdrückung des kurdischen Volkes durch die türkische Regierung liegen ihrer Ansicht nach ebenfalls eher im Öl- und Wasserreichtum des kurdischen Siedlungsgebietes und der strategischen Bedeutung gegenüber den Nachbarstaaten. Ruanda bezeichnen sie als gutes Beispiel dafür, daß "Rangordnung bzw. Machtausübung, Bodenbesitz und das Verfügen über knappe Ressourcen wesentlich wichtigere Konfliktkomponenten sind als primordiale Zuordnungen." Besonders deutlich wird dies hier, da Hutu und Tutsi gar nicht zu verschiedenen ethnischen Gruppen gehören. Aber selbst da wo die ethnische Unterscheidung, wie zum Beispiel in Südafrika, nicht schwerfällt, zeigt sich, daß Frieden zwischen ihnen möglich ist, wenn das Volk und insbesondere deren politische Persönlichkeiten dazu bereit sind. Zu dieser Erkenntnis mag auch die Tatsache beigetragen haben, daß die UNO-Wirtschaftssanktionen das hochentwickelte Südafrika irgendwann in den Ruin getrieben hätten. Also auch hier ein schwerwiegendes wirtschaftliches Argument. Allerdings ist Südafrika in einer ähnlichen Lage wie zum Beispiel die europäischen Staaten, die ihre nationalistische Phase seit einiger Zeit hinter sich haben: Durch die Globalisierung der Wirtschaft werden sie derart voneinander abhängig, daß bei militärischen Auseinandersetzungen alle Beteiligten nur verlieren.

Der Begriff der ethnischen Identität dient also den Unbeteiligten oft als Entschuldigung der eigenen Untätigkeit und den Beteiligten als Deckmantel und Legitimation ihrer egoistisch- wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen. Man mag sich dabei der Einschätzung von Michael Wolffsohn zu einem anderen prominenten Beispiel eines angeblich ethnischen Konfliktes, des Nahostkonfliktes, erinnern, daß nicht zwei Religionen um das "Heilige Land" sondern lediglich zwei Nationen um ein und dasselbe Stückchen Erde ringen.38

Dies veranlaßt mich zu der These, daß Nationalismus und ethnische Konflikte zwar die bedauerliche Zukunftsperspektive für die Ärmsten der Welt sein werden, aber die aktuelle Welle lediglich ein Ergebnis des Zusammenbruchs der kommunistischen Staaten ist. Wo es, wie in Afrika, unter immer mehr Menschen immer weniger zu verteilen gibt werden, Ruanda hat dies gezeigt, ethnische Konflikte konstruiert werden. Andererseits wird die wirtschaftliche Entwicklung im ehemaligen Ostblock, wo es ja nach 1989 etwas zu verteilen gab,39 allgemein recht positiv eingeschätzt40 und man kann wohl davon ausgehen, daß dort mit fortschreitender Demokratisierung und wirtschaftlicher Entwicklung solche Konflikte abnehmen werden.

Literaturverzeichnis

- Bohleber, Werner: Nationalismus, Fremdenhaß und Antisemitismus. Psychoanalytische Überlegungen., in: Psyche, Jg. 46 /1992
- Erdheim, Mario: Das Eigene und das Fremde. Über ethnische Identität., in: Psyche, Jg. 46/1992
- Grotzky, Johannes: Balkankrieg. Der Zerfall Jugoslawiens und die Folgen für Europa., München 1993
- Krell, Gert: Staaten- und Bürgerkriege in der Dritten Welt, in: Einführung in die Internationale Politik, hrsg. v. Manfred Knapp / Gert Krell, München 1990 · Krizan, Mojmir: Postkommunistische Wiedergeburt ethnischer Nationalismen und der Dritte Balkan-Krieg, in: Osteuropa, 3/1995
- Oschlies, Wolf: Ursachen des Krieges in Ex - Jugoslawien, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B. 37/93, Bonn 1993
- Razumovsky, Dorothea, Gräfin: Titos Erbe, Jugoslawien zwischen gestern und heute, Freiburg 1978
- Stiglmayer, Alexandra: Das Ende Jugoslawiens, Informationen zur politischen Bildung aktuell, Bonn 1992
- Sundhaussen, Holm: Geschichte Jugoslawiens 1918-1980, Stuttgart 1982

[...]


1 Beide Tendenzen sind z.B. bei der europäischen Integration gut zu beobachten.

2 Unter diesem Stichwort wird die Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten verstanden, die in gewissem Maße auch als Katalysator der bereits erwähnten Internationalisierung dienen.

3 Gert Krell: Staaten- und Bürgerkriege in der Dritten Welt, in: Einführung in die Internationale Politik, hrsg. v. Manfred Knapp / Gert Krell, München 1990, S. 250.

4 Wenn Krankheiten wie Schweinepest oder Rinderwahnsinn nur selten aufträten, wären sie sicher nur ein Gegenstand der Veterinärmedizin. Mit ihrer massenhaften Verbreitung wurden sie jedoch zum Politikum, das nicht nur die Existenz vieler landwirtschaftlicher Betriebe sondern auch die staatliche Gesundheitsvorsorge und sogar den innerstaatlichen Handel betrifft.

5 Werner Bohleber: Nationalismus, Fremdenhaß und Antisemitismus. Psychoanalytische Überlegungen., in: Psyche, Jg. 46 (1992), S. 689.

6 ebd., S. 694.

7 H. James: Deutsche Identität 1770-1990, Frankfurt/New York 1990, zitiert nach Bohleber, a.a.O., S. 694.

8 Bohleber, a.a.O., S. 695.

9 ebd.

10 ebd., S. 690.

11 Mario Erdheim: Das Eigene und das Fremde. Über ethnische Identität., Psyche, Jg. 46 (1992), S. 730 (733).

12 Bohleber, a.a.O., S. 704.

13 ebd., S. 705.

14 Erdheim, a.a.O., S. 731.

15 ebd.

16 Erdheim, a.a.O., S. 732. An dieser Stelle wird aber auch erläutert, daß das Bild des Fremden nicht nur mit Angst verbunden ist, sondern auch lebensnotwendige Funktionen hat.

17 Dorothea Gräfin Razumovsky: Titos Erbe. Jugoslawien zwischen gestern und heute, Freiburg 1978, S.9.

18 Alexandra Stiglmayer: Das Ende Jugoslawiens., Information zur politischen Bildung aktuell, Bonn 1992, S. 2.

19 ebd., S. 4.

20 Wolf Oschlies: Ursachen des Krieges in Ex-Jugoslawien, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B. 37/93, Bonn 1993, S. 3.

21 Mojmir Krizan: Postkommunistische Wiedergeburt ethnischer Nationalismen und der Dritte BalkanKrieg, in Osteuropa, 3/1995, S. 201 (S. 205).

22 Holm Sundhaussen: Geschichte Jugoslawiens 1918-1980, Stuttgart 1982, S. 15 f.

23 Krizan, a.a.O., S. 204.

24 Stiglmayer, a.a.O., S. 2.

25 siehe Anmerkung 15.

26 Razumovsky, a.a.O., S. 31 f.

27 siehe Anmerkung 1

28 Krizan, a.a.O., S. 206.

29 Wolf Oschlies: Ursachen des Krieges in Ex-Jugoslawien, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B. 37/93, S. 3.

30 Razumovsky, a.a.O., S. 27 f.

31 Krizan, a.a.O., S. 207.

32 ebd.

33 Brockhaus Enzyklopädie, 19. völlig neu bearb. Aufl., Mannheim 1987.

34 Krizan, a.a.O., S. 206.

35 ebd., S. 205.

36 vgl. Kapitel 3.2.

37 Friedensbericht der State-of-Peace-Konferenz Ende 1994 in Stadtschlaining. Zitiert nach einem Kurzbericht der Frankfurter Rundschau: Jedes Gemetzel erhält sogleich das Etikett ethnisch, Nr. 98, 27.4.1995, S. 11; Der komplette Bericht ist im April 1995 im Rüegger Verlag (Zürich/Chur) erschienen.

38 Friedrich Schreiber/Michael Wolffsohn: Nahost. Geschichte und Struktur des Konflikts., 3. akt. Aufl., Opladen 1993, S. 13.

39 Jeder neugeschaffene Staat, der ehemals Teil einer Zentralverwaltung war, benötigt schließlich einen Staatsapparat, der vielen Menschen eine neue Existenz bietet.

40 Diese Ansicht vertrat zum Beispiel der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher in einem Vortrag über "Globalisierung als Herausforderung für Europa" am 6.2.1996 an der Universität Kaiserslautern.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Nationalismus und Ethnische Konflikte am Beispiel des ehemaligen Jugoslawiens
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Veranstaltung
Übung Internationale Politik - Einführung in die Internationalen Beziehungen
Note
2,3
Autor
Jahr
1995
Seiten
15
Katalognummer
V96561
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalismus, Ethnische, Konflikte, Beispiel, Jugoslawiens, Internationale, Politik, Einführung, Internationalen, Beziehungen
Arbeit zitieren
Michael Rindchen (Autor), 1995, Nationalismus und Ethnische Konflikte am Beispiel des ehemaligen Jugoslawiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96561

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