Rückkehr nach Deutschland. Die Exilschriftsteller in der SBZ/DDR und in Westdeutschland


Seminararbeit, 2000

12 Seiten


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Inhalt:

0. Einleitung

1. Das politische Klima nach 1945

2. Die Exilanten und Deutschland während des Krieges

3. Das schwierige Verhältnis von Innerer Emigration und Exilschriftstellern nach 1945 - die Situation in den westlichen Besatzungszonen
3.1. Die große Kontroverse

4. Die Situation in der Sowjetischen Besatzungszone / DDR

5. Zusammenfassung

Literaturangaben

0. Einleitung

Die deutsche Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Zeit des Umbruchs, des Wechsels vom „heißen“ zum „kalten“ Krieg, zeigt vielleicht eindrucksvoller als sonst eine Literaturepoche, wie stark Zeitgeschichte auf die Literaturschaffenden wirkt. An niemandem ging diese Zeit der starken politischen Erschütterungen spurlos vorbei, diese Zeit prägte Biographien und Werke.

Ich möchte in meiner Hausarbeit die Nachkriegsperiode etwas näher beleuchten. Die Beschäftigung mit einzelnen Schriftstellern, die nach 1933 Deutschland verließen, weckte mein Interesse für die Exilliteratur. Was mich stutzen ließ, war das Scheitern (oder wenigstens der Zweifel) vieler ehemaliger Exilschriftsteller am „neuen“ Deutschland nach 1945, die Schwierigkeiten, welche die Zurückkehrenden hatten, in der alten Heimat wieder Fuß zu fassen und literarisch zu wirken.

Dann das Ungleichgewicht: eine nicht nur zahlenmäßig starke Präsenz der ehemaligen Exilanten in der DDR-Literatur (zum Beispiel Anna Seghers, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Stefan Hermlin, Stefan Heym, Ludwig Renn, Bodo Uhse, Arnold Zweig, Friedrich Wolf, um nur die bekanntesten zu nennen), und im Gegensatz dazu die verschwindend geringe Zahl von ehemaligen Exilschriftstellern, die sich nach dem Krieg in Westdeutschland niederließen. (Die bekannstesten von ihnen sind vielleicht Erich Fried und Alfred Döblin, welcher jedoch bereits 1953 enttäuscht Deutschland wieder verließ und erneut nach Frankreich ins Exil ging.) Was führte zu diesem Ungleichgewicht? Welche waren die Schwierigkeiten der Zurückkehrenden? Wie gelang es ihnen, wieder in Deutschland zu leben und zu arbeiten? Gelang es ihnen überhaupt? Diesen Fragen möchte ich hier nachgehen.

1. Das politische Klima nach 1945

Um die literarische Situation der Nachkriegszeit zu beschreiben, muß man zunächst die gesamtgesellschaftliche Situation Deutschlands und die politischen Entwicklungen in den Besatzungszonen betrachten. Es gab verschiedene Überlegungen, wie man mit Deutschland und den Deutschen nach der faschistischen Barbarei umzugehen habe.

Im Potsdamer Abkommen vom August 1945 hatten sich die Siegermächte auf eine generelle Linie geeinigt: man wollte die Bewohner des deutschen Restterritoriums zwar strengen Vergeltungsmaßnahmen unterwerfen, ihnen jedoch nicht die Chance nehmen, sich zu gegebener Zeit am Aufbau eines neuen, friedliebenden Deutschland zu beteiligen.

Es gab jedoch vor allem in den Vereinigten Staaten auch andere Strategien. Hier fand man, vereinfacht dargestellt, drei Einstellungen Deutschland gegenüber:

1. einen „harten“ Kurs, der die uneingeschränkte Bestrafung der Deutschen forderte und sie vollkommen entmachtet sehen wollte, da sie offensichtlich ein naturgemäß agressives Volk seien, das immer wieder eine Bedrohung für andere darstellen würde. Die Vorschläge zur Lösung dieses Problems reichten von der Aufteilung Deutschlands in mehrere Staaten bis zur Sterilisierung aller Deutschen. Diese Einstellung war während des Krieges in der amerikanischen Bevölkerung durchaus akzeptiert, was dazu führte, daß auch die amerikanische Regierung zu dem Zeitpunkt diesen populären „harten“ Kurs unterstütze und selbst die Zusammenarbeit mit der kommunistischen Sowjetunion in Kauf nahm, um das gefährlicher erscheinende Deutschland auszuschalten.

Der sogenannte „mittlere“ Kurs sah zwar auch eine harte Bestrafung der Deutschen vor, seine Vertreter plädierten jedoch dafür, Deutschland nach einem langen Prozeß der Umerziehung wieder in den Kreis der friedliebenden Nationen aufzunehmen und in die Weltwirtschaft einzugliedern. Unmittelbar nach dem Krieg kam diese Strategie stärker zum Tragen, wie sich am Potsdamer Abkommen leicht erkennen läßt. Der 3., „weiche“ Kurs bestand auf einer sofortigen politischen und wirtschaftlichen Stärkung Deutschlands, um dieses Land so schnell wie möglich in ein „Bollwerk gegen den Kommunismus“ zu verwandeln. Vertreter des „weichen“ Kurses hatten sich schon vehement gegen die Kriegsallianz mit der Sowjetunion ausgesprochen und waren nach dem siegreichen Ende des Krieges der Meinung, man müsse nun zur Normalität zurückkehren und seine Kräfte für den Kampf gegen den Bolschewismus bündeln. 1946 gewannen die Republikaner, deren Wortführer in der Mehrzahl diesen letzten Kurs vertraten, die Kongreßwahlen und auch der neue Präsident, Harry Truman, bekannte sich Ende 1946 offen zu diesem Kurs.

Im Zuge der politischen Entwicklungen in den USA veränderte sich das Bild der Deutschen in der amerikanischen Öffentlichkeit, von den Medien beeinflußt. Während 1944/45 die Deutschen weitgehend als Nazis dargestellt und gesehen wurden, wurde ab 1946 immer stärker zwischen NS-Verbrechern und dem deutschen Volk unterschieden. Das „unschuldige“ deutsche Volk brauchte man für die aktive Politik gegen den kommunistischen „Osten“, und so wurde innerhalb weniger Jahre das Image der Deutschen mittels der Medien aufpoliert, während in der gleichen Zeit aus dem ehemaligen Kriegsallianzpartner Sowjetunion „die bösen Russen“ wurden.

2. Die Exilanten und Deutschland während des Krieges

Während viele der deutschen Exilanten, die zwischen 1933 und 1945 in die USA gekommen waren, zunächst die pauschale Verurteilung der in Nazideutschland verbliebenen Menschen teilten, schlossen sie sich doch gegen Ende der vierziger Jahre eher der republikanischen Unterscheidung zwischen NS-Verbrecher und Volk an.

Einzig die kommunistischen Exilanten hatten von vornherein die Pauschalverdammung des deutschen Volkes abgelehnt und hielten bis zum Kriegsende an der These fest, daß sich die Mehrheit des deutschen Volkes nach der Befreiung schnell zu Frieden, Demokratie und, das war der Traum, vielleicht gleich zum Sozialismus bekennen würde.

Eine Anzahl deutscher Intellektueller im US-amerikanischen Exil formulierte bereits 1943 in Los Angeles auf einem Kongreß des Nationalkomitees Freies Deutschland (einer Exilorganisation, zu deren Sympathisanten beziehungswe ise Mitgliedern zum Beispiel Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Ludwig Marcuse sowie Heinrich und Thomas Mann gehörten) die Erklärung, daß man scharf „zwischen dem Hitlerregime und den ihm verbundenen Schichten einerseits und dem deutschen Volk andererseits“ unterscheiden müsse und zugleich das deutsche Volk aufrufen, „seine Bedrücker zu bedingungsloser Kapitulation zu zwingen und eine starke Demokratie in Deutschland zu erkämpfen“1

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Position Thomas Manns, des bedeutendsten und einflußreichsten deutschen Schriftstellers im amerikanischen Exil, den Deutschen gegenüber. Er zog bereits am Tag nach besagter Erklärung seine Unterschrift zurück, weil er sie für zu „patriotisch“ hielt. Im Grunde war auch er der Meinung, daß die Deutschen es verdient hätten, wenn die „Alliierten Deutschland zehn oder zwanzig Jahre züchtigten“. In den antifaschistischen Radioansprachen, die er während des Krieges für BBC verfaßte, hält er den Deutschen ihre Mitschuld am Faschismus vor. In seinem im Frühjahr 1945 erschienenen Essay „Deutschland und die Deutschen“ versuchte Thomas Mann seine Einstellung zur „deutschen Frage“ noch einmal klarer auszudrücken, indem er sich von einer übereilten Aufwertung ebenso wie von einer vorschnellen Totalverdammung alles Deutschen distanzierte.

3. Das schwierige Verhältnis von Innerer Emigration und Exilschriftstellern nach 1945

Nach dem Ende des Krieges gestaltete sich das Verhältnis zwischen den Exilanten und den in Deutschland Gebliebenen schwieriger als vielleicht erwartet. Thomas Mann sprach von einem „Fremdeln“ von „Binnendeutschen“ und Exilierten. Die durch Diktatur, Kriegsniederlage und eigenes Schuldbewußtsein schwer in ihrer Seele getroffenen Deutschen reagierten äußerst empfindlich auf die Darstellung Deutschlands und möglicher Kritik seitens der Landsleute im Exil. Man war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sah sich größtenteils ebenfalls in der Opferrolle, war nicht gewillt, anderer Leute Leid nachzuempfinden. Man wollte vergessen. In Deutschland erhoffte man eine rasche Überwindung des Traumas, welches Hitlerfaschismus und Krieg hinterlassen hatten, und zum Teil erwartete man die Mitarbeit der intellektuellen Deutschen im Ausland am Aufbau eines neuen Deutschland. Daß diese nicht sofort bereit waren, alle Fragen nach der Mitschuld des Volkes an der nationalsozialistischen Tragödie hintan zu stellen, nahm man ihnen übel. Daß selbst der als konservativer Deutscher geltende Thomas Mann sich weigerte, nach Deutschland zurückzukehren, um das Prestige des Landes wieder etwas zu heben, weil er dem Land die Schrecken der vergangenen zwölf Jahre nicht von heute auf morgen verzeihen könne, führte zu einer starken Verbitterung auf Seiten der Daheimgebliebenen. Es kam überdies zu einer we itreichenden Debatte zwischen den Vertretern der sogenannten Inneren Emigration und Thomas Mann, welche als „große Kontroverse“ in die Literaturgeschichte einging.

3.1. Die große Kontroverse

Der Autor Walter von Molo hatte im August 1945 Thomas Mann in einem offenen Brief aufgefordert, nach Deutschland zurückzukehren und als „guter Arzt“ dem deutschen Volke „mit Rat und Tat“ zur Seite zu stehen. Noch bevor sich Mann selbst zu dem Anliegen äußerte, erschien in der gleichen Münchner Zeitung, in welcher auch von Molos Brief abgedruckt wurde, ein Essay von Frank Thieß unter dem Titel „Die innere Emigration“. Hierin vertrat der Autor die These, daß nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches sich „alle geistigen Menschen, die den Nationalsozialismus von innen und außen bekämpften“, sich für den Wiederaufbau Deutschlands zusammenschließen müßten. Er deutete in dem Essay jedoch auch an, daß er die im Lande gebliebenen Intellektuellen, die er als Vertreter der „Inneren Emigration“ bezeichnete, für fähiger hielt, die deutsche Lage zu beurteilen als diejenigen, die die „deutsche Tragödie“ nur von den „Logen und Parterreplätzen des Auslands“ verfolgt hätten. Thieß schrieb weiterhin, er glaube, „daß es schwerer war, sich hier eine Persönlichkeit zu bewahren, als von drüben Botschaften an das deutsche Volk zu senden, welche die Tauben im Volk ohnehin nicht vernahmen, während wir Wissenden uns ihnen stets um einige Längen voraus fühlten.“

Diese etwas anmaßenden Worte verärgerten Thomas Mann, so daß er zwei Monate später einen Antwortbrief im Augsburger Anzeiger veröffentlichen ließ, in dem er sich zwar bei Walter von Molo für die herzliche „Einladung“ bedankte, jedoch bekannte, daß, wie bereits erwähnt, seine Enttäuschung über das deutsche Volk zu tief sitzen würde und daß er ihnen das Mitläufertum nicht so schnell verzeihen könne. Direkt bezugnehmend auf den Essay von Frank Thieß unterstellte er auch allen Autoren der sogenannten Inneren Emigration eben dieses Mitläufertum und verurteilte sie scharf: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis1945 in

Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an: sie sollten alle eingestampft werden.“

Diese Worte Manns riefen große Empörung unter den Vertretern der Inneren Emigration hervor und es folgte ein Schlagabtausch, in dem sowohl die eine als auch die andere Seite sich gegenseitig beschuldigten und gar beschimpften. Thomas Mann wurde eine „arge Vereinfachung“ vorgeworfen, es war von „totaler Entfremdung“ die Rede, ihm wurde unterstellt, daß der wahre Grund für sein Bleiben in den USA die materiellen Annehmlichkeiten wären, welche ihm Deutschland möglicherweise nicht bieten könne. Man sprach ihm die Legitimität ab, über Fragen von Schuld und Unschuld der Deutschen zu urteilen. Thomas Mann seinerseits erläuterte nochmals in einer Neujahrsansprache am 30. Dezember 1945, die über BBC ausgestrahlt wurde, daß es im Hinblick auf den Faschismus für ihn keine Kompromisse gäbe, auch nicht in Form einer angeblichen Nichtbeteiligung. Im Gegensatz zu ihm selbst und anderen Exilanten, die durch Schriften und Radiosendungen das Hitlerregime aktiv bekämpft hätten, habe das in Deutschland niemand wirksam getan. Es sei zwischen 1933 und 1939 weder zu Aufständen noch zu einer „rettenden Revolution“ gekommen, und selbst danach habe das deutsche Volk weitere „sechs Jahre sein Äußerstes, all seine Empfindungsgabe, Tapferkeit, Intelligenz, Gehorsamsliebe, militärische Pünktlichkeit, kurz, seine ganze Kraft daran gesetzt, diesem Regime zum Siege und damit zu ewiger Fortdauer zu verhelfen“. Darauf antwortete wiederum Frank Thieß mit dem Vorwurf, Mann ließe sich nur von Gefühlen des „Hasses, der Bitterkeit und der Überheblichkeit“ leiten, er verurteile verständnislos selbst die gutwilligen Deutschen, die sich der Diktatur haben beugen müssen. Auch andere reagierten erbost auf diesen erneuten Affront, warfen Mann vor, er führe sich, selbst bequem in Kalifornien sitzend, unberechtigterweise als „Menschheitsrichter“ oder „Geistespapst“ auf und ahne nichts von der „grausigen Tiefe unseres Leids“.

Nur wenige Intellektuelle stellten sich in diesen Monaten auf die Seite Thomas Mann. Der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte Schriftsteller Johannes R. Becher, zu diesem Zeitpunkt Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, ergriff Partei für Thomas Mann, bedauerte jedoch gleichzeitig seinen Entschluß, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Becher forderte beide Seiten auf, an einer allmählichen Annäherung von innerer und äußerer Emigration mitzuwirken, im Interesse eines freien und demokratischen Deutschlands.

Die große Kontroverse fand mit diesen Schlichtungsversuchen zunächst ein Ende. Jedoch wurde der Wunsch Bechers und anderer, die intellektuellen Kräfte könnten in Kameradschaft einen gemeinsamen Weg zur Gestaltung des neuen Deutschlands beschreiten, durch den Beginn des Kalten Krieges mehr oder weniger zunichte gemacht.2

4. Die besondere Situation in der Sowjetischen Besatzungszone

Daß ein Großteil der nach 1933 ins Exil gegangenen Schriftsteller Leute waren, die Deutschland aufgrund ihrer kommunistischen oder sozialistischen Überzeugung verlassen mußten, begründet nur teilweise den Fakt, daß viele der Zurückkehrenden sich in der sowjetischen Besatzungszone ansiedelten. Während sie hier zunächst mit offenen Armen empfangen wurden, weil sie sich (wenigstens vordergründig) weltanschaulich mit den bestehenden Verhältnissen arrangieren konnten, die reale Chance sahen, die so lang gewünschte sozialistische Gesellschaft aufzubauen, so war es auf der anderen Seite auch eine Tatsache, daß viele der im Exil entstandenen Texte und Bücher auch fast ausschließlich in der SBZ veröffentlicht wurden. In den Westzonen forderte man von den Literaten, sich ganz unpolitisch dem „rein Menschlichen“ zuzuwenden, was angesichts der eingangs erwähnten politischen Entwicklungen in den USA und deren Ausstrahlung auf Deutschland nicht verwunderlich ist. Selbst Thomas Mann wurde von der Kritik vorgeworfen, in seinem „Doktor Faustus“ „im falschen Sinne politisch geworden“ zu sein, man bezichtigte ihn gar der kommunistischen Propaganda. In einer Kritik zu dem Werk wird die rhetorische Frage gestellt, ob es nicht eine „ästhetische ‚Sünde‘ des Dichters ist, mit dichterischen Mitteln politische Wirkungen anzustreben?“ Auch Bertolt Brecht wurde beispielsweise vorgeworfen, die falsche Politik zu unterstützen und dadurch sein literarisches Talent zu begraben. Es war also für sozialistische oder auch nur kritische Autoren (und wenigstens das waren die meisten der Exilschriftsteller) zunächst ungleich schwerer, in den westlichen Besatzungszonen Fuß zu fassen und akzeptiert zu werden als in der SBZ.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich die Literaturkritik in den Westzonen bei der Beurteilung der Exilliteratur wie auch der von den Nazis verfemten „entarteten Literatur“ vorgeblich an rein ästhetischen Kriterien zu orientieren versuchte. Bei den Exilschriftstellern stellte man eine verstärkte Neigung zur Selbstkommentierung fest (vielleicht aus Angst, nicht verstanden zu werden), was die Qualität der Werke mindern würde. Schon in der oben erwähnten Kontroverse wird zum Beispiel Thomas Mann bescheinigt, daß der Aufenthalt in der Fremde sich nachteilig auf die Qualität seiner Schriften ausgewirkt hätte, man führte das zurück auf das „Fehlen lebendiger Kritik“.3

In der SBZ wurden gegen Ende der vierziger Jahre die antifaschistischen Autoren stark gefördert. Der einstige Vorreiter des literarischen Expressionismus in Deutschland, Johannes R.Becher, überlebte die faschistische Ära (und auch die stalinistischen Säuberungen) im Moskauer Exil. Unmittelbar nach dem Krieg wurde er in der SBZ eingesetzt, um das kulturelle Leben wieder zu organisieren. Ihm gelang es innerhalb weniger Jahre, namhafte Literaten wie Bertolt Brecht, Anna Seghers, Arnold Zweig und andere aus dem Exil nach Deutschland zurückzuholen. Er gewann auch Heinrich Mann als Präsident der Akademie der Künste in Berlin, jedoch starb dieser vor der endgültigen Übersiedlung nach Deutschland. Viele der zurückkehrenden Schriftsteller wurden in Amt und Würden gesetzt, erhielten die Möglichkeit, zu publizieren und sich aktiv am kulturellen Aufbau zu beteiligen. Im Zuge der politschen Polarisierung und der Verschärfung der Fronten im beginnenden Kalten Krieg, die sich in der Gründung der beiden deutschen Staaten manifestierte, bekamen aber auch die sozialistischen Schriftsteller, besonders die ehemaligen Exilanten, einen schärferen Wind zu spüren. Zu Beginn der fünfziger Jahre setzte eine regelrechte Hetzkampagne gegen alles ein, was an westlich-dekadentes (bürgerlich-demokratisches) Denken erinnerte. Nun wurden gerade die Autoren, die im westlichen Ausland im Exil gewesen waren, in hohem Maße suspekt. Deren Hang zum „Kosmopolitismus“ wurde verteufelt, eine Reihe ehemaliger Exilanten sah sich nun der Spionage oder der „staatsfeindlichen Verschwörung“angeklagt.

Es würde zu weit führen, hier an dieser Stelle bis ins Detail auf die Schauprozesse gegen Intellektuelle in der DDR der fünfziger Jahre einzugehen. Der bekannteste und vielleicht brisanteste ist der Prozeß gegen Walter Janka, den ehemaligen Leiter des Exilverlages El Libro Libre in Mexico, bei dem zwischen 1942 und 1946 unter anderem Bücher von Kisch, Feuchtwanger, H. Mann, Renn, Seghers und Uhse erschienen waren. Die Vergangenheit im Exil stellte für viele Autoren plötzlich eine direkte Bedrohung dar, da allein der Kontakt zu den verleumdeten Personen und Kreisen gefährlich sein konnte. Die Einschüchterung funktionierte: weder Johannes R.Becher (der von 1954 bis zu seinem Tod 1958 Kulturminister der DDR war) noch Ludwig Renn noch Bodo Uhse noch Anna Seghers (letzere hatten dem Prozeß um Walter Janka sogar beiwohnen müssen) erhoben öffentlich Einspruch gegen das üble Verfahren.

5. Zusammenfassung

Eine übergroße Differenz zwischen eigenem Anspruch und den vorgefundenen Wirklichkeiten und Möglichkeiten in Deutschland spürten die Heimgekehrten hier wie dort. Manche paßten sich an, andere zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, wählten die „innere Emigration“ oder gingen tatsächlich wieder ins Exil, wie Alfred Döblin. Dieser schrieb am 28.041953 in seinem Abschiedsbrief an den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss: “(...) Vor etwa sieben Jahren meldete ich mich bei Ihnen, der damals in Stuttgart saß, von Baden-Baden aus und kündigte Ihnen meine Rückkehr nach Deutschland an. Es war ein übereilter Brief. Es wurde keine Rückkehr, sondern ein etwas verlängerter Besuch. Ich kann nach den sieben Jahren, jetzt, wo ich mein Domizil in Deutschland wieder aufgebe, mir resümieren: es war ein lehrreicher Besuch, aber ich bin in diesem Lande, in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: „Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen.“ “4

Bitterer noch mutet das Eingeständnis des „angepaßten“ Bechers über sich selbst kurz vor seinem Tod an: „Du könntest der Henker deiner eigenen Jugend sein, so blickt mich dein Altersbildnis an, aufgeschwemmt, widerwärtig, ein Professor Unrat, und wäre noch ein Hauch deiner einstigen poetischen Leidenschaften in dir, du könntest dieses dein eigenes Bild nicht ertragen und würdest dessen Anblick dir selbst und der Welt ersparen ... Bekenne dich zu dem, der du einstmals gewesen bist, rette die Reinheit deines einstigen Bilds vor dem Untergang, vernichte den, der du heute geworden bist und dessen greisenhaftes Grimassieren dich verfolgt in alle deine Träume hinein...“.5 Becher hat diesen Ausbruch nicht mehr geschafft, auch nicht die äußerlich „linientreu“ Gebliebenen Bodo Uhse und Ludwig Renn, die dafür mit Depressionen, Selbstmordgedanken und Alkoholsucht zu kämpfen hatten.

Das persönliche Scheitern an den Verhältnissen in den Deutschland ist wohl bei aller Verschiedenheit der Lebensläufe eine gemeinsame Erfahrung der Remigranten. Eine ausführliche Beschäftigung mit diesen scheinbar ewig zwischen den Welten Hinund Hergerissenen und ihrer Literatur, jenseits von ideologischen Urteilen und Wertungen, scheint mir noch auszustehen.

[...]


1 Wigand/Lange, S.19

2 ebd., S.23 - 31

3 Köpke, S.129 - 138

4 Alfred Döblin Lesebuch, S.408

5 Serke, S.356

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Rückkehr nach Deutschland. Die Exilschriftsteller in der SBZ/DDR und in Westdeutschland
Veranstaltung
Seminar: "Erlebte Zeitgeschichte in der Literatur nach 1945"
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V96567
Dateigröße
353 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rückkehr, Deutschland, Exilschriftsteller, SBZ/DDR, Westdeutschland, Seminar, Erlebte, Zeitgeschichte, Literatur
Arbeit zitieren
Julia Severin-Brauner (Autor), 2000, Rückkehr nach Deutschland. Die Exilschriftsteller in der SBZ/DDR und in Westdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96567

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