Marc Aurel - persönliche Philosophie der Stoa als politischer Leitfaden


Seminararbeit, 2000

11 Seiten


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1. EINLEITUNG

Auf dem Kapitol in Rom steht ein bronzenes Reiterstandbild Marc Aurels. Es zeigt ihn auf einem fast schmucklosen Pferd in einfacher Kleidung ohne Rüstung. Dabei war Marcus Antoninus Aurelius, wie sein vollständiger Name lautet, derjenige römische Kaiser, der die meisten Kriege in der Geschichte des Weltreiches führte. Dass er trotzdem nicht als Feld- herr in prunkvoller Rüstung dargestellt wird, liegt vor allem daran, dass er nicht als Erobe- rer oder Kriegsherr in die Weltgeschichte einging, sondern vielmehr als Philosoph auf dem Caesarenthron.

Marc Aurel erfüllte in einem gewissen Sinn Platons Forderung nach einem Philosophen- könig. Aber er folgte geistig nicht der platonischen Akademie, sondern vielmehr der Schu- le Zenons, der Stoa. Er war neben Seneca und Epiktet der letzte Vertreter der späten Stoa und der letzte nennenswerte Stoiker überhaupt. Einer seiner geistigen Väter, eben Epiktet, war ein verbannter Sklave. Er selbst bestieg als Apdoptivsohn des Kaisers Antoninus Pius im Jahr 161 den Thron, das andere Ende der sozialen Leiter. Was Epiktet aufgrund seines Status verwehrt blieb, konnte nun Marc Aurel erreichen: die Verwirklichung stoischer Ide- ale kraft seines Amtes.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll festgestellt werden, wie der Kaiser diese Chance nutzte. Inwieweit machte Marc Aurel seine persönliche stoische Philosophie, die er am Ende sei- nes Lebens in der Schrift eis eautrm (An sich selbst) niederschrieb, zum Leitfaden seiner Politik? Wie schaffte er es, die Regentschaft eines Weltreiches und die Liebe zur stoischen Weisheit zu verbinden? Und galt ihm diese Philosophie wirklich als Maßstab für seine Herrschaft?

Dafür wird Aurels geistige Verwandtschaft zur stoischen Lehre, seine Abweichungen von ihr, seine tatsächliche Umsetzung stoischer Ideale, seine weltpolitische Auffassung sowie sein Verhältnis zum Christentum auf den folgenden Seiten untersucht werden.

2. MARC AURELS PERSÖNLICHE PHILOSOPHIE DER STOA ALS POLITISCHER LEITFADEN

2.1 MARC AURELS GEISTIGE VERWANDTSCHAFT ZUR STOISCHEN ETHIKLEH- RE

Als einziger Maßstab neben seiner Herrschaft als Kaiser kann zu seiner Beurteilung als Philosophenkönig nur seine einzige Schrift eis eautrm, heute meist mit ‚Wege zu sich selbst‘ oder ‚Selbstbetrachtungen‘ übersetzt, dienen. Das Werk ist in zwölf Bücher aufgeteilt, die wiederum von der Wissenschaft in zwei Blöcke geteilt werden. Der erste Block ist allein das erste Buch, das wahrscheinlich als letztes verfasst wurde1, in dem Marc Aurel seinen Verwandten, Freunden und Lehrern für ihren Anteil an seinem Leben dankt. Die Bücher zwei bis zwölf sind rhetorisch an den Verfasser selbst gerichtet. Er fordert sich in diesen elf Büchern immer wieder selbst zur Tugend auf, gibt sich Regeln und will sich damit selbst im fortgeschrittenen Alter im Feldlager fortwährend zu einem besseren Menschen und Kaiser im vorwiegend stoischen Sinne erziehen.

Die vielleicht beste Aufforderung an sich selbst ist wohl: „Paß auf, daß du nicht verkaiserst!“2 Mit diesem Gedanken an die Eigenschaften der römischen Imperatoren vor ihm, wollte er vermeiden, daß er sich vom Volk abwandte, sich von Leidenschaften von seinen Regierungsgeschäften ablenken oder gar zu Greueltaten hinreißen ließe.

Die Freiheit von Leidenschaften, von Affekten war für ihn wie für die Stoa ein zentraler Punkt. Stärker als die mittlere Stoa drängen die Spätstoiker, also auch Marc Aurel, wieder zur völligen Freiheit von Affekten, zur Apathia. Während die Vertreter der mittleren Stoa noch deren abgemilderte Form, die Ataraxia (Gemütsruhe), propagierten, spricht sich ge- rade Marc in mehreren Stellen für die radikale Affektlosigkeit aus. Leidenschaften und Affekte, in der alten Stoa unter dem Begriff Pathos bzw. Pathe zusammengefaßt, behindern den Menschen bei der naturgemäßen Nutzung seiner Vernunft. „Wieviel sinnliche Lüste haben nicht Räuber, Vatermörder, Schandbuben, Tyrannen genossen.“3 Um gerecht und gut zu herrschen und seinen Mitmenschen gerecht zu begegnen, hält sich Marc Aurel in weiten Teilen seiner Selbstbetrachtungen streng an die Lehre der alten Stoa, obwohl er sich nur an einer Stelle konkret auf sie beruft4.

Für ihn enthält alles in der Natur, also auch der Mensch, der für ihn nicht wirklich außer- halb der Natur steht, das logos spermatikos, das welterschaffende und welterhaltende Prin- zip. Der Mensch kann nur glücklich und ethisch gut werden, wenn er seiner Natur, die vom Logos, dem ordnenden Weltprinzip, nahezu schicksalhaft bestimmt ist, folgt. Handelt er wider die Natur, wird er sein Lebensziel, die ihm von der Natur zugedachte Aufgabe, nie erfüllen können.

„Niemand ermüdet, wenn er seinen Nutzen sucht; Nutzen aber gewährt eine Tätigkeit im Einklang mit der Natur. Werde drum nie müde, deinen Nutzen zu suchen, indem du anderen nützest!“5

In genau diesem zitierten Sinn soll Marc Aurel seine Aufgabe als Caesar verstanden haben. Die ihm von der Gottheit, wie er den logos nennt, aufgetragene Aufgabe ist, als Imperator der Gemeinschaft zu dienen.

In seinen Selbstbetrachtungen entwickelt er aber kein komplexes oder gar abgeschlossenes eigenes System einer Ethik, sondern entwirft vielmehr einige Leitlinien, die sich an seinen stoischen Vordenkern orientieren. Mit diesen Leitlinien läßt er in sich den herrschenden Teil seiner Seele sprechen. „Sie repräsentiert das Göttliche im Menschen und damit das Wissen um das sittlich Richtige.“6

Die alten Disziplinen der Stoa, Logik und Physik, vernachlässigt er fast völlig. Lediglich das Prinzip des Lebens als ständiges Fließen und die Einheit des Kosmos nimmt er mit auf. Er versteht wie die alten Stoiker das All, die Natur und den Menschen als untrennbar geschaffene Einheit. Und er fügt dem ganzen noch eine soziale Komponente hinzu, die erst die mittlere Stoa in die Ethiklehre einführte. Für ihn ist es des Menschen Natur, in Gemeinschaft zu leben, und seine natürliche Pflicht, der Gemeinschaft zu dienen.

„Tue was notwendig ist, nämlich das, was die Vernunft eines von Natur zur Staatsgemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so wie es ihm gebietet.“7

Er geht zum Teil sogar so weit, daß für ihn die Logik und Physik als selbständige Forschungsgebiete ausscheiden, weil er die Philosophie als Kunst des Lebens, „die [...] dem Menschen die Regeln des rechten Daseins gibt“8, begreift.

Diese als Lebensregel verstandene Philosophie läßt er als seinen persönlichen Maßstab zu sich selbst sprechen. Mit der sprichwörtlichen stoischen Gleichmut will er seinen Freunden und Widersachern begegnen, jeden gleich gerecht behandeln und sich selbst nicht durch Rachegelüste, Ruhmsucht oder Geldgier zum Unrecht hinreißen lassen.

„[...] Ich werde heute mit einem vorwitzigen, undankbaren, übermütigen, ränkesüchtigen, verleumderischen, ungeselligen Menschen zusammentref- fen. All diese Fehler haften denen an, weil sie das Gute und Böse nicht kennen. Ich aber habe eingesehen, daß das Gute seinem Wesen nach schön, das Böse seinem Wesen nach häßlich ist und daß die Natur des Feh- lenden selbst mir verwandt ist, nicht weil wir von gleichem Blut und glei- cher Abkunft sind, sondern da wir derselben Vernunft teilhaftig sind. [...] Auch kann ich dem, der mir verwandt ist nicht zürnen oder ihm gram sein. Sind wir doch zur gemeinsamen Wirksamkeit geschaffen [...]“9

Marc Aurel sieht sich selbst nicht als übergeordneter Gottkaiser, sondern als Teil einer Gemeinschaft, deren naturgemäßer Zweck es ist, friedvoll miteinander zu leben und zu wirken. Damit hat er eine Weisheit des preußischen Königs Friedrich II., der sich in Briefen an Voltaire und seine Schwester Markgräfin Wilhelmine als großer Anhänger des Kaisers zeigt10, bereits 1500 Jahre vor dessen Regentschaft als Herrschaftsprinzip begriffen: Ich bin der erste Diener meines Volkes.

2.2 UNTERSCHIEDE DER PHILOSOPHIE MARC AURELS GEGENÜBER DER STOISCHEN ETHIKLEHRE

Wie bereits kurz angeschnitten, deckt sich die in den Selbstbetrachtungen verfasste Ethik nicht vollständig mit der stoischen Ethik. Manche aufgeführten Elemente und Bezüge passen nicht in die von Zenon begründete Philosophie.

Wiederholt bezieht sich der Kaiser auf der Stoa eher fremde Philosophen wie Platon oder die Peripatetiker11. In Bezug auf die Beschaffenheit des Todes ist sich Marc Aurel nicht schlüssig. In seinen Selbstbetrachtungen führt er verschiedene Möglichkeiten an, was nach dem Sterben mit Körper und Geist geschehen mag12. Er zieht ein Erlöschen der Seele, ein Weiterleben als Ganzes oder einen Übergang in einen anderen Zustand in Betracht. Die herkömmliche Stoa kennt kein Fortbestehen der Seele als Ganzes in irgendeiner Form.

Der Punkt, in dem sich der Autor der Selbstbetrachtungen am meisten von den Stoikern vor ihm unterscheidet, ist der, dass er dem Menschen Gefühle als natürlich zuspricht. Im siebten Buch rät er sich selbst sogar zu Mitleid und Verzeihung:

„Wenn einer sich gegen dich vergangen hat, denke sogleich daran, was er sich Gutes oder Schlechtes vorgestellt hat, als er sich vergangen hat. Wenn du das erkannt hast, wirst du ihn bemitleiden [...] Denn entweder begreifst du wohl auch selbst das oder etwas ähnliches als gut für ihn, wirst ihm also verzeihen.“13

Mitleid und Verzeihung sind aber nach Ansicht der Stoa irrationale Affekte, Pathe, die lediglich Abklatsch echter Güte sind und dem obersten Lebensziel, der Apathia, zuwider- laufen14.

In einem weiteren Punkt weicht Marc Aurel von der Stoa ab, nämlich dort wo es um die Haltungen des Menschen geht. Nach der alten Schule der Stoa gibt es keinen Anlaß seine Attitüde zu ändern, wenn man einmal frei von allen Pathe die Dinge mit dem naturgegebe- nen Verstand wahrhaft und wirklich erfaßt hat. Die Haltung, ist sie einmal gefaßt, bleibt für alle Zeit unverändert bestehen15. Der Kaiser sieht das anders. Er setzt auf einen konti- nuierlichen Lernprozess. Bei jeder Begegnung mit einem anderen Individuum besteht die Möglichkeit rational dazuzulernen. Jedes Treffen, jede Information kann die innere Hal- tung im Sinne von verbessern ändern. Er widerspricht der herkömmlichen Lehrmeinung sogar heftig: „Ohne Änderung der Anschauungen, was gibt es anderes als Sklaverei von Stöhnenden, die so tun, als ob sie gehorchten?“16

Die aufgeführten Widersprüche zur stoischen Ethik sind aber auch alle, die sich in seinen Aufzeichnungen finden. Lediglich in seiner Biographie sind Differenzen zwischen dem stoischen Anspruch und der gelebten Realität zu finden. Das friedliebende Prinzip der Stoa durchbricht er als mehrfach kriegführender Imperator. Das Gebot der in der Vernunft und im logos vereinten Menschheit bezieht er nur auf die Bevölkerung Roms und versucht, im politischen Tagesgeschäft allen Schaden von ihr abzuwenden.

2.3 MARC AURELS POLITISCHE VERWIRKLICHUNG DER STOISCHEN IDEALE

Die Beurteilung, wie der Kaiser Marc Aurel seine in den Selbstbetrachtungen an sich selbst verfaßten Aufforderungen in der politischen Praxis nachkam, ist schwierig. Über sein poli tisches Tagesgeschäft während seiner Regentschaft von 161 bis 180 n. Chr. ist wenig über- liefert. Hauptsächlich die zahlreichen Feldzüge gegen die Eindringlinge ins römische Reich und die beiden Christenverfolgungen haben Einzug in die Geschichtsschreibung gefunden.

Die Selbstbetrachtungen sind ausschließlich in den verschiedenen Feldlagern geschrieben worden, als der Kaiser die Mitte seines Lebens bereits überschritten hatte. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß er bereits vor der Kaiserkrönung rhetorisch und philosophisch gebildet war. Seine beiden Lehrer Rusticus und Fronto haben ihm von Kindesbeinen an eine stoische Bildung zuteil werden lassen. Hauptsächlich wegen seiner hohen Bildung und seines ruhigen Gemüts wurde er von seinem Vorgänger Antoninus Pius auf Drängen Kai- ser Hadrians adoptiert und folgt ihm auf den Thron. Bereits im Alter von 14 Jahren wird er mündig erklärt. Zusammen mit seinem Stiefbruder Lucius Verus als Mitregent versucht er, das bröckelnde Riesenreich zusammenzuhalten.

Im Jahre 166 wird beiden Kaisern die Bürgerkrone verliehen und Marc Aurel nimmt den Titel Pater patriae an. Das kann bereits als Zeichen großer Beliebtheit im römischen Volk gedeutet werden. Außerdem pflegt er im Gegensatz zum Adel einen recht bescheidenen Lebensstil. Dem wirft er vor, sich von den massiven Begierden des Körpers bestimmen zu lassen und gemeinschaftswidrig zu denken.17

Die wenigen Zeugnisse von seinem zivilen Wirken deuten aber leise darauf hin, daß der Kaiser oft seiner gemeinnützigen Aufgabe folgte. Überlieferungen zufolge ließ er die kaiserlichen Schätze versteigern, um Geld für neue Feldzüge zu erhalten, aber auch um die Kranken in Rom kostenlos mit Öl und Wein zu versorgen. Als die aufkommende Pest das römische Volk geschwächt hatte, nahm er gegen die Sitte Einwohner des Reiches ohne Bürgerrecht, darunter Gladiatoren und Sklaven, mit auf seine Feldzüge, um das Imperium Romanum und damit gleichzeitig die Pax Romana zu schützen18.

Wenn auch keine Beurteilungen konkreter Zivilleistungen von Zeitgenossen in der Fachliteratur zu finden sind, so gibt es doch generelle Aussagen über die Qualität seiner Herrschaft im allgemeinen. Cassius Dio schriebt über seine Fähigkeiten als Herrscher:

„Ich für meinen Teil (...) habe an ihm vor allem dies bewundert, daß er inmitten außergewöhnlicher und ungeheurer Schwierigkeiten selbst durchhielt und auch das Reich noch glücklich durchbrachte.“19

Aber es finden sich fast mehr römische Kritiker als Befürworter. Sein Ruhm entstand hauptsächlich lange nach seinem Tod. Seine sparsame Haushaltspolitik und sein fehlendes Weltmachtstreben sowie die Einsetzung seines unfähigen (leiblichen) Sohnes Commodus als Kaiser trafen auf die Kritik seiner Zeit20. Marc Aurel wußte von der Kritik an seiner Person. In den Selbstbetrachtungen zitiert er ein Sprichwort Antisthenes: „Königlich ist es, wohl zu tun und Schmähungen ruhig über sich ergehen zu lassen.“21

Eine endgültige Beurteilung, inwieweit nun der Kaiser Marc Aurel tatsächlich seinen ethi- schen Leitsätzen politisch Gestalt verlieh, liegt wohl außerhalb der Möglichkeiten der vor- liegenden Arbeit. Selbst die Gelehrten der modernen Geschichtsforschung sind sich dar- über nicht einig. Während Ernest Renan urteilt, daß es dem Kaiser gelungen sei, das Ge- dankengut der Selbstbetrachtungen in die Politik umzusetzen22, befindet Ulrich von Wila- mowitz-Moellendorf, dass die Taten des Kaisers und die Gedanken des Philosophen einan- der kaum etwas angingen23.

Bei kritischer Lektüre der Biographien und der Werke über Marc Aurels Philosophie ergibt sich mit der Zeit eine merkliche Tendenz: „Die glorifizierende Geschichtsschreibung über Marc Aurel - sie hat das Leben dieses Kaisers mit seiner Utopie vom Leben verwech- selt.“24

2.4 MARC AURELS WELTPOLITISCHE AUFFASSUNG

Aus Marc Aurels Überzeugung, dass alle Menschen den gleichen logos spermatikos in sich tragen, also gemeinsam ein Teil des kosmischen Prinzips darstellen und gemeinsam an der Verwirklichung des Weltzieles kontinuierlich freiwillig oder unfreiwillig mitwirken, ergibt sich eine übernationale Schlußfolgerung.

„Mag jemand unter Krösus oder unter Alexander dem Großen, unter Cäsar, Vespasian oder dem Philosophenkaiser selbst gelebt haben, es ist dem inneren Gehalt nach immer das selbe Schauspiel, worin er mitwirkt. Sodann aber bilden wiederum alle Zeitgenossen eine einzige große Gemeinde, wo auch immer sie auf Erden sie zu Hause sein mögen.“25

In den Selbstbetrachtungen verfolgt Marc Aurel streng die stoische Allweltsidee, in der alle Menschen gleichberechtigte Teile einer Gemeinschaft der Vernunft sind.

„[...] ist dies der Fall, so haben wir auch die innere Stimme gemein, die uns vorschreibt, was wir tun sollen und was nicht; wenn aber dies, dann auch ein gemeinsames Gesetz, wenn dies, dann sind wir alle Bürger eines uns allen gemeinschaftlichen Staates, dann ist aber die Welt gleichsam ein Staat; welchen andern gemeinsamen Staat könnte auch jemand nennen, der das ganze Menschengeschlecht umfaßte?“26

Mit diesem Bekenntnis entwickelt der Kaiser in seinem Werk ein Menschenbild, das man viele Jahrhunderte später sozialistisch nennen könnte. Allerdings war sein Verständnis von Welt eher das römische Weltreich. Trotzdem hat der Imperator mit diesen Überlegungen den Grundstein dafür gelegt, dass Kaiser Caracalla wenige Jahrzehnte später allen Bewohnern des Imperium Romanum das römische Bürgerrecht verlieh27. Marc Aurel hatte den Grundsatz der Gemeinschaft - moralisch, weniger politisch - auch auf alle Nichtrömer und sogar auf die Sklaven ausgeweitet. „Alle seine Untertanen sollten im Schutz der pax Ro mana als eine friedliche Herde zusammen weiden.“28

2.5 MARC AUREL UND DAS CHRISTENTUM

Bei der Beurteilung der Philosophie Marc Aurels kann das Verhältnis des Kaisers zum Christentum nicht übergangen werden. Die Verbindung zwischen Imperator und Religion ist dreigeteilt. Zum einen gibt es die beiden Christenverfolgungen während seiner Regentschaft, zu zweiten die Beurteilung der christlichen Lehre als Stoiker und zuletzt die Vereinnahmung Marc Aurels durch die Christen.

Der Kaiser ließ während seiner Herrschaft zwei größere Christenverfolgungen durchführen. Die erste fand im Jahre 167 statt, die zweite war das Christenmassaker von Lyon zehn Jahre später. Die Christenverfolgungen waren wohl hauptsächlich Resultate politischer Zwänge, aber auch persönlicher Antipathie des Kaisers gegen die orientalische Sekte. Politisch erkannten sie den römischen Kaisern nicht als ihren Herrn an, sondern dienten einem jenseitigem Gebieter namens Jesus Christus und hofften nicht auf ein gutes Leben im diesseitigen Staate Rom, sondern im nicht-irdischen Gottesreich.

Diese jenseitige Ausrichtung der Christen mißfiel dem Stoiker. Abgesehen davon, dass es für ihn kein Dasein im Jenseits gab, störte den Philosophen die christliche Drohung mit dem heiß brennenden Höllenfeuer. Für ihn war diese zweite Jenseitsperspektive unlautere

Einschüchterung der Menschen. Hinzu kommt, dass die Christen gerade die Ideale Marc Aurels, Weisheit und Wissenschaft, verachteten29. Sie setzten bei der Mission auf die Ungebildeten, vielleicht auch deshalb, weil sie bei den Gebildeten Roms auf taube Ohren stießen, da diese die Mischung aus Heilsversprechen und Drohungen als banal durchschauten. Der Hauptgrund, der ihn zum Eingreifen bewogen haben dürfte, war vor allem die „fanatische Unduldsamkeit gegen Andersgläubige.“30

Marc Aurel war mit seiner Auffassung von Leben, Tod, Glück und Gemeinschaft bereits weiter. Doch mit dem Tod Marc Aurels neigt sich die große Zeit der europäischen Philosophie zu Ende und das geistig dunklere Kapitel der Religionen beginnt.

Trotz der Christenverfolgungen und der zum Teil starken Divergenz zwischen den Über- zeugungen Marc Aurels und der christlichen Lehre vereinnahmen ihn spätere Kirchenväter wie Augustinus für sich. Er und seine Nachfolger bezeichnen das Leben Marc Aurels als nachahmenswert31. Dieser Schluß ergibt sich aus einigen Verwandtschaften zwischen der stoischen und der christlichen Lehre. Was die Christen nicht wahrnahmen und wahrschein- lich auch nicht wußten, ist ihre sehr indirekte Verwandtschaft mit der Stoa, die aber nicht von Marc Aurel, dem Christengegner, sondern aus gemeinsamen Wurzeln noch aus der Zeit des Altstoikers Chrysipp stammen.

„[Auch er stammte] aus dem östlichen Mittelmeerraum, aus Kilikien, wo sich über Generationen Elemente des Hellenismus mit semitischen gemischt hatten. Ähnlichkeiten zwischen der jüdischen Religion und der stoischen Lehre sind augenfällig.“32

Die Stoa des Kaisers und die Lehre des Christentums sind also lediglich über ihre geistigen Wurzeln miteinander verwandt und nicht auf jene direkte philosophische Weise, wie es spätere Theologen gerne gesehen hätten.

3. SCHLUSSBEMERKUNG

Die Frage, ob die persönliche stoische Philosophie des römischen Kaisers Marc Aurel tat- sächlich der Leitfaden für seine Politik gewesen ist, läßt sich nicht leicht beantworten. Fest steht auf jeden Fall, dass viele, ob Christen, Chronisten, Biographen oder Historiker, die historische Person immer in Hinblick auf die Selbstbetrachtungen skizziert und interpre- tiert haben. Da man nur wenig über seine zivile Tagespolitik weiß, läßt das viele Interpre- tationen über das Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit zu.

Darüber hinaus kann man sich sicher sein, dass der Imperator - wenn überhaupt - die stoi- sche Aufhebung zwischen Wollen und Sollen nur mit großer Mühe erreicht hat. Allein die Existenz der an sich selbst gerichteten Selbstbetrachtungen ist ein Beweis dafür, dass er sich zeitlebens anspornen musste, seinen Idealen gerecht zu werden. Hätte er sie verwirk- licht und wäre die stoische Gemütsruhe, die Apathia, in ihm eingekehrt, hätte für ihn kein Anlass bestanden, sich immer wieder selbst an den Grundfesten der stoischen Philosophie aufzurichten.

Der Aspekt, der die Selbstbetrachtungen eigentlich bestimmt, hat nichts mit seiner Einstellung zum Menschen zu tun, sondern beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Tod. Claus Schrempf liefert in seinem Büchlein eine bestechende Analyse der persönlichen Einflüsse auf Marc Aurels Werk gerade m Hinblick auf die omnipräsenten Todesüberlegungen. Als Feldherr wider Willen war der Kaiser permanent vom Tod umgeben. Die Pest wütete in Europa und das römische Weltreich begann an seinen Rändern zu bröckeln. Beim Gedanken an den Tod, wenn er auch nicht genau wußte, was danach kommen würde, war er mehr Stoiker als jeder andere vor ihm. Der letzte Satz der Selbstbetrachtungen lautet: „Geh also heiter aus dem Leben, denn der, der dich entläßt, tut es heiter.“33

ANMERKUNGEN

Bei der Zitierung aus Marc Aurels Selbstbetrachtungen habe ich mich an die in der Fachliteratur übliche Zitierweise mit Angabe des Buches und des Kapitels gehalten.

In dem Band „Die Stoa“, herausgegeben von Wolfgang Weinkauf, sind die im Anhang aufgeführten Autoren nicht den einzelnen Abschnitten zuzuordnen. Eine genauere Zitie- rung des eigentlichen Autors des Kapitels über Marc Aurel ist bei diesem Werk also nicht möglich.

LITERATURVERZEICHNIS Primärliteratur

Aurel, Marc: Selbstbetrachtungen. Aus dem Griechischen von Otto Kiefer. Frankfurt a.M/ Leipzig 1992.

Sekundärliteratur

Barth, Paul/ Goedeckemeyer, Albert: Die Stoa. Aus der Reihe: Frommanns Klassiker der Philosophie. Stuttgart 51941.

Forschner, Maximilian: Die stoische Ethik. Über den Zusammenhang von Natur-, Sprach-, und Moralphilosophie im altstoischen System. Stuttgart 1981.

Kunzman, Peter/ Burkard, Franz-Peter/ Wiedmann, Franz (Hg.): dtv-Atlas zur Philosophie. Tafeln und Texte. München 51995.

Rosen, Klaus : Marc Aurel. Hamburg, 1997.

Schall, Ute: Marc Aurel. Der Philosoph auf dem Caesarenthron. Esslingen/ München 1991.

Schrempf, Claus : Weisheit und Weltherrschaft. Kaiser Marc Aurel in seinen Bekenntnissen. München 1968.

Weinkauf, Wolfgang (Hg.): Die Stoa. Kommentierte Werkausgabe. Augsburg 1994.

[...]


1 Vgl. Ute Schall: Marc Aurel. Der Philosoph auf dem Caesarenthron, Esslingen/München 1991, S. 437.

2 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 4,30.

3 a.a.O. 6,33.

4 siehe a.a.O. 6,10.

5 a.a.O. 7.72.

6 Wolfgang Weinkauf (Hg.), Die Stoa. Kommentierte Werkausgabe, in der Reihe: „Bibliothek der Philosophie“, Augsburg 1994, S. 39.

7 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 4,24.

8 Paul Barth, Alfred Goedeckemeyer, Die Stoa, Stuttgart 1941, S. 210.

9 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 2,1.

10 Vgl. Klaus Rosen, Marc Aurel, Hamburg 1997, S. 151.

11 Vgl. Barth/Goedeckemeyer, Die Stoa, S. 210.

12 Vgl. Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 5,33; 6,24;7,32;8,25;11,3.

13 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 7,26.

14 Vgl. Klaus Rosen, Marc Aurel, S.140.

15 Vgl. Maximilan Forschner, Die stoische Ethik, Stuttgart 1981, S. 98ff u. 114ff.

16 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 9,29.

17 Vgl. Barth/ Goedeckemeyer, Die Stoa, S. 218.

18 Vgl. Claus Schrempf, Weisheit und Weltherrschaft. Kaiser Marc Aurel in seinen Bekenntnissen, München 1968, S. 47.

19 Cassius Dio, Römische Geschichte, Buch LXXI, 36,3; zitiert nach: Ute Schall, Marc Aurel, S.434.

20 Vgl. Klaus Rosen, Marc Aurel, S. 144.

21 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 7,36.

22 Vgl. Ernest Renan, Marc-Aurèle et la fin du monde antique, Paris 1882, S. 18-31. zitiert nach: Marc Rosen, Marc Aurel, S.144.

23 Vgl. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, Kaiser Marcus, Berlin 1931, S.4. zitiert nach: Marc Rosen, Marc Aurel, S. 144.

24 Wolfgang Weinkauf (Hg.), Die Stoa, S. 42.

25 Claus Schrempf, Weisheit und Weltherrschaft, S. 50.

26 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 4,4.

27 Vgl. Claus Schrempf, Weisheit und Weltherrschaft, S. 51.

28 Ebd.

29 Vgl. a.a.O. S. 52.

30 a.a.O. S. 53.

31 Vgl. Wolfgang Weinkauf (Hg.), Die Stoa, S. 41.

32 Ute Schall, Marc Aurel, S. 161.

33 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 12,36; nach einer Übersetzung aus dem Lateinischen von Klaus Rosen. 12

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Marc Aurel - persönliche Philosophie der Stoa als politischer Leitfaden
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V96587
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marc, Aurel, Philosophie, Stoa, Leitfaden
Arbeit zitieren
Jens Hack (Autor), 2000, Marc Aurel - persönliche Philosophie der Stoa als politischer Leitfaden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96587

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