Kommunikationstheorie: Kritische Theorie/ Frankfurter Schule


Skript, 2000
4 Seiten

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Kritische Theorie

1. Zielsetzungen, Grundlagen, Methoden

Die kTh stellt einen Versuch dar, den Marxismus weiter zu entwickeln, indem Sozialwissen- schaften und marxistische Theorie zu einer interdisziplinären Gesellschaftstheorie verknüpft werden. Empirische Forschung und philosophische Reflexion, die durch die positiven Wissen- schaften getrennt sind, sollen wiedervereinigt werden. Die traditionelle Theorie verliert den Bezug zu ihren gesellschaftlichen Wurzeln und zu ihrer Zielsetzung, die kTh erhebt dagegen den Anspruch, sich ihren Entstehungskontext und ihren Verwendungszusammenhang stets bewußt zu halten.

Grundlage der kTh ist bis in die 30er Jahre die marxistische Gesellschaftstheorie, die die Pro- duktivkraftentwicklung als zentralen Mechanismus des Fortschritts betrachtet. Eine der Fragen für die kTh, die daraus resultiert ist die Frage nach der Einbindung des in der Produktivkräften angelegten Vernunftspotentials in die neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation und die Frage nach der Entstehung gesellschaftlichen Bewußtseins Dabei ist die Vernunft im Hegel`schen Sinne zentraler Begriff. Sie soll zur bewegenden Kraft werden mittels derer die Ideologie demaskiert und das Wesen der Gesellschaft erkannt wird.

Methoden der kTh sind u.a. die dialektische Verschränkung von Geschichtsphilosophie und interdisziplinärer Sozialforschung und die "Bestimmte Negation" (Theorien und Methoden anderer Theorien ihrer partiellen Unwahrheit überführen).

2. Der innere Kreis

gemeinsames Gesellschaftsbild und geschichtsphilosophischer Denkrahmen: total integrierte Gesellschaft, in der sich das Leben in einem geschlossenen Kreislauf von zentralistischer Herrschaftsausübung, kultureller Kontrolle und individueller Anpassung erschöpft. Dimensionen eigenständigen Handelns wie Moral und Normen werden systematisch ausgespart. Nur Prozesse, die Funktionen in der Reproduktion und Erweiterung der gesellschaftlichen Arbeit übernehmen, werden berücksichtigt: Funktionalistischer Reduktionismus.

Die Vernunft des Menschen ist primär als das intellektuelle Vermögen zur Naturbeherrschunug zu begreifen, die geschichtliche Entwicklung ist ein Prozeß der Entfaltung dieses Rationalitätspotentials (vgl. Hegel).

Kritik hieran: geschlossener Funktionalismus erlaubt keine Berücksichtigung der Kommunikation für die Entwicklung der Gesellschaft, geschichtsphilosophischer Pessimismus ohne Ausweg (destruktiver Charakter der Vernunft, negatives Konzept gesellschaftlicher Arbeit als Entfremdung von der Natur, generelle Fortschrittsskepsis)

2.1 Die frühe Theorie Horkheimers in den 30ern

- legte Grundlagen und Rahmen für die kTh (s.o.) -

Horkheimer sieht beschreibt zwei Zielebenen der kTh: Die praktische, motivatorische Ebene, nämlich das Ziel, über die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln eine vernünftige Gesellschaft zu ermöglichen und die methodische Ebene, die sich v.a. gegen den Positivismus, die reine Philosophie und traditionelle Theorieverständnisse richtet und die dialektische Verschränkung von Sozialphilosophie und interdisziplinärer Sozialforschung fordert. In der Anwendung soll die kTh prüfen, inwieweit die Möglichkeiten genutzt werden, Vernunftpotential in eine Neuorganisation der Gesellschaft umzusetzen.

Daraus und aus der Frage, wie vor dem Hintergrund des aufkommenden NS die Arbeiter-klasse in die kapitalistische Gesellschaft integriert wird, ergeben sich drei Teilbereiche der empirischen Sozialforschung:

- die politische Ökonomie soll eine Analyse des postliberalen Kapitalismus bringen und den Prozeß der kapitalistischen Produktion als Stufe in der Rationalisierung und Wandlungsprozeß hin zum Staatskapitalismus des NS untersuchen
- die Sozialphilosophie soll die "irrationalen Bindungskräfte" untersuchen, die die Arbeiter in das kapitalistische System integrieren
- die Kulturtheorie soll die Wirkungsweise der Massenkultur und die kulturellen Rahmenbedingungen für die Sozialisation analysieren.

Horkheimer versucht, den Faschismus zu interpretieren, er erklärt den totalitären Zustand aus der menschlichen Bewußtseinsbildung (nicht mehr konflikttheoretisch). Der Zivilisationsprozeß ist Bezugspunkt der Argumentation, der Faschismus erscheint Horkheimer als Endstufe einer "Logik des Zerfalls"

2.2 Adorno: Die klassische Phase der kritischen Theorie

2.2.1 Die Dialektik der Aufklärung

Werk Horkheimers und Adornos, soll die Mechanismen, die den zivilisatorischen Prozeß in diese "Zerfallslogik" getrieben haben, erklären.

Ziel der Aufklärung, so die Annahme, ist ursprünglich die Selbstbefreiung und Naturbeherrschung (-> Hegel); der Fortschritt entwickelt aber eine Eigendynamik und seine Nebenwirkungen, Entfremdung und Wahn, werden nicht wahrgenommen. Die gesellschaftliche Arbeit ist die Keimzelle des objektivierenden Denkens, die daraus erwachsende instrumentelle Rationalität erklärt den gattungsgeschichtlichen Zerfallsprozeß: instrumentelles Denken/ Ratio-nalität ist Mittel zur Naturbeherrschung, führt aber zu einer Disziplinierung des Trieblebens und zur Verarmung sinnlicher Fähigkeiten und letztendlich zur Ausbildung entsprechender (totalitärer?) Gesellschaftssysteme.

Die "schrittweise Verdinglichung" wird durch erste Akte der Naturbeherrschung in Gang gesetzt und endet konsequent im Faschismus. Der historische Prozeß ist also eine Dimension der Naturbeherrschung (-> geschichtsphilosophischer Reduktionismus, 40er Jahre). Kritik: Leugnug von kreativen Eigenleistungen von Individuen oder Gruppen, Kommunikation als Faktor, Dimensionen zivilisatorischen Fortschritts wie Erweiterung der Freiheiten

2.2.2 Kulturindustrie

Dem "Tauschwertprinzip" (Marx) kann nur die Kultur entkommen. Wird aber, wie in der aufkommenden Kassenkultur, die Kultur zur Ware, wird dieser Ausweg unmöglich: Die Kultur hebt sich in der Kulturindustrie selbst auf.

Grundgedanke: Freiheit in der Gesellschaft ist untrennbar mit aufklärerischem Denken verbunden, Methoden der Aufklärung wie Rationalität und Naturbeherrschung werden aber manipulativ zur Herrschaftssicherung mißbraucht:

Vereinheitlichung der Natur: Die Kultur gibt ihren Anspruch auf und definiert sich selbst als Industrie, um sich der Verantwortung zu entziehen. Die Vereinheitlichung erfolgt angeblich auf geschmacklichem Konsens und einheitlichen Bedürfnissen, diese sind aber erst laut Adorno erst durch Manipulation und eingeschränktes Angebot aufgezwungen worden. Vielfalt und Auswahl wird als Illusion gewahrt, ist aber nur "scheinbare Auswahl", nur die "Freiheit des Immergleichen". Über die Vereinheitlichung der Kultur sollen auch reale gesellschaftliche Unterschiede verschleiert werden

Inhalte: inhaltliche Kategorien sind festgelegt, Klischees bestimmen die Kulturwahrnehmung. Die Modelle der Kulturindustrie sollen menschliches Empfinden und Tun ausrichten, die Wirklichkeit soll als eine Fortsetzung der Fiktion erscheinen.

2.3 Marcuses Theorie der eindimensionalen Gesellschaft

- Marcuse untersucht Kulturindustrie unter den Bedingungen der 60er Jahre -

In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft bewirkt der Technische Fortschritt eine Gleich- schaltung und verhindert damit sozialen Wandel; Klassengegensätze werden durch Konsum neutralisiert. Bedürfnisse werden manipuliert, die ökonomisch-technische Gleichschaltung formt das Ich-Ideal des Massenmenschen, der sich dann über Konsum definiert. Auch der So- zialisationstypus wandelt sich: Angesichts der eigenen Ohnmacht zieht sich das Individuum ins Private zurück und definiert sich über Konsum, um sich für die fehlende Möglichkeit der eigenen Subjektivität zu entschädigen. Wohlfahrtsstaat und Kriegsführungsstaat existieren nebeneinander, Medienpropaganda bewirkt konsumgesteuerte Manipulation und autoritäre Mobilisierung. In der Überflußgesellschaft bestehen unaufhebbare Antagonismen.

Die Befreiung liegt in der "Großen Weigerung"; die technologische Welt kann nicht von innen aufgesprengt werden, sie muß als Ganzes von außen verworfen werden.

3. Der äußere Kreis

Mitglieder stellen auf sehr verschiedenen Wegen Überlegungen an zur Aufwertung kom- munikativer Eigenleistungen von Individuen oder Gruppen zur Überwindung des funktionalen und geschichtsphilosophischen Reduktionismus.

3.1 Neumann und Kirchheimer: gesellschaftlicher Kompromiß

Richten sich gegen die Staatskapitalismus-These Horkheimers, nach der der faschistische Staat die Funktionsgesetze des kapitalistischen Marktes außer Kraft gesetzt hat, und deuten den NS eher als "totalitäre Monopolwirtschaft", in der kapitalistische Mechanismen, wenn auch be- schränkt durch den Staat, noch aktiv sind. Ihrer Meinung nach entsteht NS-Herrschaft durch Kompromissbildung und Einigung gesellschaftlicher Gruppen auf bestimmte politische Maß- nahmen (über Kommunikation!) .

Soziale Integration vollzieht sich generell in einem Prozeß der Kommunikation zwischen sozialen Gruppen und nicht durch Steuerung durch das System. Die Verfassungsordnung ist, wie die gesamte gesellschaftliche Ordnung Ausdruck eines Kompromisses zwischen den sozialen und politischen Kräften; die institutionellen Gebilde einer Gesellschaft stellen eine Fixierung von sozialen Vereinbarungen dar, auf die sich die soz. Gruppen entsprechend ihres Machtpotentials einlassen: Macht besteht aus der Verflechtung von Machtpotentialen unterschiedlicher Gruppen.

3.2 Fromm: bezogenheitsorientierte Sozialisationstheorie

Fromm verknüpft die marxistische Gesellschaftstheorie mit der Psychoanalyse Freuds, um damit Einstellungen, Handlungen und Ideologien von soz. Klassen zu erklären. Seiner Theo-rie nach ist der Mensch ein soziales Wesen, daß durch die zwei Bedürfnisse der Selbsterhal-tung und der Bezogenheit zu anderen Individuen und zur Gesellschaft bestimmt wird. Aus dem Bedürfnis nach Bezogenheit wächst das existentielle Bedürfnis nach Kommunikation.

Fromm begründet eine bezogenheitsorientierte Sozialisationstheorie, in der gesellschaftliche Interaktion einen eigenen Stellenwert im Sozialisierungsprozeß hat und Kommunikation kon- stituierend für Sozialisation ist. Er wendet sich damit vom geschlossenen Funktionalismus ab.

3.3 Benjamin: das reproduzierte Kunstwerk

Benjamin setzt dem einzigartigen Kunstwerk des reproduzierte Kunstwerk gegenüber. In der Massenkultur wird das autonome Kunstwerk zerstört, durch die Reproduzierbarkeit verliert das Kunstwerk seine kultische Aura. Reproduktionstechniken ermöglichen neue Wirkungen überkommener Kunstwerke und verändern die Rezeption. Im Gegensatz zu Adorno, der dem reproduzierten Kunstwerk einen totalitären Charakter zuschreibt und die Kulturindustrie als Mittel zu Herrschaftssteuerung betrachtet, sieht Benjamin in der "Mas-senkultur" Chancen zur kollektiven Imagination. Er analysiert die Erfahrungswelten der soz. Gruppen als eigenständige Kräfte, aus denen Bewegung des soz. Lebens hervorgeht und be-trachtet technisierte Kunst- formen als Möglichkeit, ungeahnte Potentiale in der kollektiven Phantasie zu entfesseln. Die Kunst erhält eine neue Funktion, sie soll dazu beitragen, das Gleichgewicht von Mensch und Apparatur in der technisierten Welt wiederherzustellen und als Therapie gegen durch Technisierung erzeugte Massenpsychosen wirken. Die Kunst, ge-rade die Massenkultur, erhält eine geschichtliche Aufgabe und ein revolutionäres Potential.

3.4 Habermas: Neuansatz

Habermas betont die sprachliche Intersubjektivität sozialen Handelns, für ihn ist sprachliche Verständigung fundamental für jede Reproduktion sozialen Lebens. Die Entwicklungsdynamik des Geschichtsprozesses ist durch Rationalität des kommunikativen Handelns bestimmt. Habermas sieht eine "Entkopplung von System und Lebenswelt", es entwickeln sich zweckrationale Organisationsformen, die auch in Bereiche der Gesellschaft vordringen, die auf Kommunikation angewiesen sind: er findet eine Kolonialisierung der Sozialen Lebenswelt statt.

4. Zur Position der kritischen Theorie

4.1 Kritische Theorie und Materialismus

- Gemeinsamkeiten: Basis der marx. Lehre; ähnliche Zustandsbeschreibung der Gesellschaft; heterogene Theorien
- Unterschiede: kTh stellt sich gegen Totalitätsansprüche aller Theorien, auch der eigenen; die kTh erhofft sich von den Menschen, daß sie ihre Geschicke nach eigener Vernunft und Freiheit gestalten, der Materialismus sieht Bewußtsein idealerweise bestimmt durch Partei.

4.2 Kritische Theorie und Dekonstruktivismus

- Gemeinsamkeiten: Nichtidentität von Subjekt und Objekt; Negativität; essayistischer Schreib- stil
- Unterschiede: Definitionen und begriffliches Denken wird vom Dekonstruktivismus abgelehnt; für die kTh ist empirische Sozialforschung grundlegende Methode, der Dekonstruktivismus lehnt diese ab; kTh hat Zielsetzung, Dekonstruktivismus nicht.

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Details

Titel
Kommunikationstheorie: Kritische Theorie/ Frankfurter Schule
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
2000
Seiten
4
Katalognummer
V96596
Dateigröße
331 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Adorno, Horkheimer, Markuse
Arbeit zitieren
Svenja Kunze (Autor), 2000, Kommunikationstheorie: Kritische Theorie/ Frankfurter Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96596

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