Aspekte der Betrachtung von Karl Marx, Max Weber und Emile Durkheim auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2000
21 Seiten
Anonym

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Einführung:

Wichtige gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorgänge im 18. und 19.Jahrhundert

Diese Arbeit befaßt sich mit drei der bedeutendsten klassischen Soziologen, die alle etwa zeitgleich (zwischen 1818 und 1920) gelebt haben - Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber. Für die theoretische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft heute sind die Theoretiker des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung, da sie durch ihre Analyse der entstehenden modernen Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsweise die Fundamente für die Gesellschaftstheorie des 20. Jahrhunderts legten.

Die geschichtliche Einbettung soll im folgenden kurz dargestellt werden.

Seit dem 18.Jh. stand Europa unter der gesellschaftskritischen Bewegung der Aufklärung, die den Prozeß der Säkularisierung der modernen Welt einleitete. Es herrschte ein Erkenntnisprozeß, der auf die Befreiung von Traditionen, Institutionen, Konventionen und Normen abzielte, und zwar insbesondere solcher, die sich nicht durch die Vernunft erklären ließen. Man strebte nach Autonomie des Denkens, des Wollens und des Handelns und befreite sich schließlich durch den beginnenden Säkularisierungsprozeß auch weitgehend von den durch Religion und Theologie bestimmten und begrenzten Ordnungssystemen und Institutionen. Es ging um die Lösung des Denkens aus den Bindungen der tradierten, auf Offenbarungswahrheiten gegründeten christlichen Religion und Theologie und dem, durch das Christentum theologisch-metaphysisch begründeten Weltbild mit seiner Staats- und Gesellschaftsordnung. Immanuel Kant (1724-1804), der der Bewußtwerdung seiner Zeit den philosophischen Unterbau verlieh, bestimmte das Ziel der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ [1, 219].

Schon damals beschäftigte die Wissenschaft die Frage, wie die Kritik der Aufklärung in politisches Handeln umzusetzen sei. Gedanklich in der Aufklärung wurzelnd, aber hervorgerufen durch wirtschaftlich-soziale Mißstände, kam es 1789 zur Französischen Revolution, die in ganz Europa eine starke Wirkung ausübte. Die auf sie folgende Zeit brachte allen europäischen Staaten, wenn auch stark phasenverschoben, eine tiefgreifende Wandlung der alteuropäischen Agrar- und Adelsgesellschaft. Auch von der deutschen Intelligenz wurde sie in ihren freiheitlichen Prinzipien begrüßt.

Die wirtschaftliche Entwicklung stand im Zeichen des Siegeszugs der industriellen Revolution, die zu einer bis dahin nicht gekannten Umwälzung der Lebens- und Produktionsbedingungen führte. Insbesondere die industrielle Arbeitsteilung spielte eine immer größere Rolle. Mit der Industrialisierung ging eine Liberalisierung der Wirtschaftspolitik einher. In der Mitte des 19.Jh.s fielen die wachstumshemmenden Handelsbeschränkungen fort, so daß sich der Warenstrom in der arbeitsteiligen Wirtschaft frei entfalten konnte (Deutscher Zollverein 1834; Durchsetzung des Freihandelsprinzips in GB 1846;britisch-französischer Handelsvertrag 1860/62). Die Landwirtschaft verlor an relativer Bedeutung. Gleichzeitig setzte ein Verstädterungsprozeß ein, der gemeinsam mit dem starken Bevölkerungswachstum zu einer verstärkten Bildung von Ballungsräumen und Industrielandschaften führte. Die schlechte Lage der Lohnarbeiterschaft durch Massenarmut, schlechte Wohnverhältnisse, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten und sozialer Unsicherheit bildete einen starken negativen Gegenpol zu der Begeisterung des wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie wurde für die gesamte Epoche zur sozialen Frage.

Die Geschichte Europas im 19. Jh. steht im Spannungsfeld von Beharrung und Wandel, Legitimität und Revolution, Restauration und Reform, monarchischer Autorität und Volkssouveränität.

Der Kapitalismus war die prägende Erscheinungsform des sich industrialisierenden Europas zu jener Zeit und die Frage nach seinen Auswirkungen gehörte zum konventionellen Spektrum staatswissenschaftlicher Fragestellungen. Es war das beherrschende Thema der nationalökonomischen Klassiker wie Adam Smith (1723-1790), David Ricardo (1772-1823), Thomas Robert Malthus (1766-1834) und Karl Marx (1818 - 1883) sowie das Leitthema der akademischen Lehrer Max Webers (Karl Knies, August Meitzen, Levin Goldschmidt), wie auch Webers selbst. Ebenso behandelten es auch Émile Durkheim und andere Wissenschaftler wie Werner Sombart (1863-1941), Ernst Troeltsch (1865-1923) und Friedrich Naumann (1860-1919) [vgl. dazu 2, 193]. Allerdings gehen die Erkenntnisse, die von diesen verschiedenen Wissenschaftlern gezogen wurden, zum Teil in sehr verschiedene Richtungen.

Adam Smith prophezeite in seinem 1776 erschienenen Werk „Untersuchungen über die Natur und die Ursachen des Wohlstands der Nationen“ [3] den Wohlstand aller durch die Arbeitsteilung - mit ihr und dem unaufhaltsamen Eigeninteresse jedes Einzelnen an seinem Fortkommen würde sich der Wohlstand aller, ohne bedeutende Eingriffe des Staates, von selbst entwickeln. Thomas Robert Malthus (1766-1834) dagegen brachten seine Studien zu der Erkenntnis, daß Wohlstand aller wegen der starken Bevölkerungszunahme auf Dauer nicht möglich sei, da die Nahrungsmittelproduktion nicht mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt halten könne. Statt dessen würde die arme Bevölkerung immer wieder von Seuchen und Hungersnöten dahingerafft werden, sich wieder vermehren und wieder dahin gerafft werden. Einen Ausweg aus dieser „Bevölkerungsfalle“ sah er nicht. Mit dieser kurzen Darstellung soll darauf hingewiesen werden, daß die Beobachtungen, Erklärungen und eventuellen Wertungen und Zukunftsprognosen der im 19. Jh. führenden Gesellschaftswissenschaftler bedeutende Unterschiede aufweisen.

Auf eben dieser Darstellung von Unterschieden in der Interpretation der gesellschaftlichen Vorgänge liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit. Ich greife dazu die Theorien von Karl Marx, Max Weber und Emile Durkheim heraus. Diese halte ich deswegen in der Gegenüberstellung für interessant, da sie ausgehend von ähnlichen Beobachtungen des Zeitgeschehens dieses völlig unterschiedlich bewerten bzw. unterschiedlichen Strömungen verschiedene Gewichtungen zuordnen. Während Marx die Entwicklung und die Auswirkungen des Kapitalismus negativ bewertet und in ihm ein System sieht, welches letztlich durch Umsturz beseitigt werden muß und wird, sieht Durkheim in ihm die positive Chance zur Entwicklung eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts, einer neuen Gesellschaftsstruktur, die letztlich den menschlichen Bedürfnissen mehr entgegen kommt. Weber dagegen beschränkt sich auf die Beobachtung und Rekonstruktion zeitgenössischer und vergangener Prozesse und bleibt darin weitgehend wertfrei.

Während Marx in seinem dialektischen Materialismus die Idee einer durch materielle Verhältnisse bestimmten Gesetzmäßigkeit der Gesellschaftsentwicklung verfolgt, betont Weber den Einfluß bestimmter, insbesondere religiöser Wertvorstellungen und Sinnbildungen. Durkheim dagegen betrachtet weniger äußere Einflüsse der Entwicklung, sondern vielmehr die stattfindende Neuorganisation der Gesellschaftsmechanismen, die sich verändernde Stellung des Individuums und der gesellschaftlichen Identifikation der Individuen. Diese wesentlichen Unterschiede von Marx, Durkheim und Weber sollen im Folgenden veranschaulicht werden.

I. Karl Marx 1818 - 1883

Der folgende erste Abschnitt befaßt sich mit der Marxschen Gesellschaftskritik.

Karl Marx geht davon aus, daß, basierend auf einigen, von ihm getroffenen, anthropologischen Grundannahmen, eine Entwicklung der Menschheitsgeschichte in Anbetracht der Vergangenheit grundsätzlich gesetzmäßig verläuft. Der Mensch in seiner Wesensart hat und wird zwangsläufig bestimmte Wege beschritten und beschreiten. Als allererste Voraussetzung des menschlichen Lebens steht der Erhalt dieses Lebens, also „vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse“ [4, 28] Hinzu kommt, daß „die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt“ [ebda.], der Mensch also von Natur aus dem Kreislauf einer materiellen Bedürfnisbefriedigung unterliegt. Der dritte Grundsatz des Menschseins besteht in seiner Eigenschaft, soziale Verhältnisse einzugehen und sich fortzupflanzen, wodurch zum einen mehr Einwohnerdichte entsteht, die wiederrum zu lebendigem Austausch zwischen den Menschen, also zu Sozialität führt. Diese drei Seiten des Menschen und seiner sozialen Tätigkeit sind „drei ´Momente`, die von Anbeginn der Geschichte an und seit den ersten Menschen zugleich existiert haben und sich noch heute in der Geschichte geltend machen.“ [4, 29]

Der Mensch ist also nach Marx in seiner geschichtlichen Entwicklung und seiner Kultur in erster Linie davon geprägt, wie die Gesellschaft für ihr materielles Überleben sorgt, also wie ihre Wirtschaft organisiert ist. Dies nennt er die „reale Basis“ der Menschheitsentwicklung: das Sein bestimmt das Bewußtsein [vgl. dazu 4, 27]. Entscheidend ist dabei besonders der automatische Nebeneffekt des Produzierens, nämlich der, daß wo produziert wird sowohl Primär- als auch Sekundärgüter einen bestimmten Eigentümer haben, sich also bestimmte Eigentumsverhältnisse entwickeln. Marx sieht eine verkettete Entwicklung der Eigentumsverhältnisse ausgehend vom Stammeseigentum, über das antike Gemeinde- und Staatseigentum (durch Vereinigung und Eroberung) hin zum feudalen oder ständischen Eigentum [vgl. dazu 4, 22ff]. Interessant wird das Aufzeigen der Eigentumsverhältnisse zu dem Zeitpunkt, wo man anfing Arbeitsteilung zu entwickeln. Diese ergab sich nach Marx fließend durch die oben genannten Eigenschaften des Menschens. Sie war „ursprünglich nichts [...] als die Teilung der Arbeit im Geschlechtsakt, dann Teilung der Arbeit, die sich vermöge der natürlichen Anlage (z.B. Körperkraft), Bedürfnisse, Zufälle etc. etc. von selbst oder `naturwüchsig´ macht.“ [4,31] Die Arbeitsteilung ist also bei Marx in seinem Entstehungsmotiv wie auch als singuläres Ereignis ein Vorgang, der sich zwangsläufig aus dem Menschsein ergeben mußte. Dies unterscheidet ihn z.B. von Durkheim, für den die Arbeitsteilung zwar auch aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten resultierte, er spricht aber nicht von Gesetzmäßigkeiten, die zur Arbeitsteilung führen, sondern vielmehr von Gegebenheiten. Für Durkheim ist die Arbeitsteilung nicht mehr als ein Teil der allgemeinen Spezialisierung, jedoch sieht auch er in ihr einen bedeutenden Schritt zu einer neuen Gesellschaftsform.

Bei Marx Betrachtung hingegen stehen vielmehr die zwangsläufig auch herrschenden Eigentumsverhältnisse im Vordergrund. Eigentumsverhältnisse und Arbeitsteilung stehen miteinander in bedeutender Verbindung, was daran liegt, daß „die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit [...] auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit“ bestimmt [4, 22]. Es entstand mit der Arbeitsteilung eine ungleiche Verteilung von Arbeit und Besitzverhältnissen.

An dieser Stelle soll nun ein kurzer Abriß der wirtschaftlichen Entwicklungen seit dem Mittelalter in Marxscher Sichtweise folgen. Die Grundlage der gesamten Wirtschaft des Mittelalters bildete die Landwirtschaft, die das Gros der Bevölkerung beschäftigte und durch die Produktionsmenge von Nahrungsmitteln den Gesamtumfang der Bevölkerung bestimmte. Das Land wurde von Grundherrschaften beherrscht, an die die Bauern Abgaben in Form von Naturalien zahlen mußten. Das feudale Eigentum beruhte, „wie das Stamm- und Gemeindeeigentum, wieder auf einem Gemeinwesen, dem aber nicht, wie dem Antiken, die Sklaven sondern die leibeigenen kleinen Bauern als unmittlbar produzierende Klasse gegenüberstehen.“ [4, 24] Anders als die Bauern auf dem Land waren die meisten Handwerker des Mittelalters sehr wohl Eigentümer ihrer Produktionsmittel. Allerdings versuchte auch hier der Adel Abgaben zu erzwingen. „Die Notwendigkeit der Assoziation gegen den assoziierten Raubadel, das Bedürfnis gemeinsamer Markthallen in einer Zeit, wo der Industrielle zugleich Kaufmann war, die wachsende Konkurrenz der den aufblühenden Städten zuströmenden entlaufenen Leibeignen, die feudale Gliederung im ganzen Land führten Zünfte herbei; die allmählich ersparten kleinen Kapitalien einzelner Handwerker und ihre stabile Zahl bei der wachsenden Bevölkerung entwickelten das Gesellen- und Lehrlingsverhältnis, das in den Städten eine ähnliche Hierarchie zu Stande brachte wie die auf dem Lande.“ [4, 25] Der Feudalismus war gekennzeichnet durch ein Machtsystem, an dessen oberen Grenze adliger Grundbesitz und damit verbundene Herrschaftsrechte und Standesprivilegien standen. Seine Systemfestigung ergab sich u.a. durch die Ausstattung des Adels als herrschender Schicht mit nichterblichen, dem Herrscher zu Dienst und Treue verpflichtendem Landbesitz und Ämtern und damit verbundenen politischen, militärischen und gerichtshoheitlichen Vorrechten.

Durch eine Reihe von Ursachen, nicht zuletzt durch die Ausbeutung der Bauern, kam es im Laufe der Neuzeit nicht nur zur Entstehung echten Kapitals, sondern auch zu seiner immer stärkeren Akkumulierung in den Händen einiger weniger und zur Expropriation aller übrigen [vgl. dazu 5, 1206]. „Spätmittelalterliche Strukturen der Zünfte und Stände behinderten die Entwicklung kapitalistischer Unternehmen. Der Widerspruch wurde zunehmend unhaltbar. Die neuen Unternehmen entfalteten sich in bestimmten Städten. Alsbald zeigt sich, daß sie stärker sind als die hinderlichen Strukturen der alten Welt. Am Ende müssen die Produktionsverhältnisse nachgeben; eine neue Sozialstruktur entsteht.“ [2, 62] Die jeweilige „Seinsform“ verliert ihre Aktualität, wenn „die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind.“ [4, 32] Sie wandelt sich daraufhin um und entwickelt neue Organisationsformen, d.h. also neue Produktionsverhältnisse. Dies ist die Schwelle des Übergangs zum Kapitalismus.

Ich möchte bereits an dieser Stelle herausstellen, daß Marx Theoriebasierung auf Machtverhältnissen und Antrieb durch bestimmte materielle Gesellschaftsschichten ihn in seiner Schwerpunktlegung von Weber und Durkheim unterscheidet. Darauf werde ich im letzten Kapitel zurückkommen.

In der neu entstehenden Sozialstruktur rückte die Arbeitsteilung in den Vordergrund. Wer vorher im feudalen System eine festgelegte soziale Stellung und damit auch Arbeit hatte, verkaufte nun als Einzelner seine Arbeitskraft direkt an den Unternehmer. Während vorher nur Produkte der Arbeit als Waren gehandelt wurden, wurde nun die menschliche Arbeit selber zum verkäuflichen Produkt. Die immer größer werdende Arbeiterschaft befand sich in der wirtschaftlichen Zwangslage, ihre Arbeitskraft verkaufen zu müssen, da sie über keine anderen Waren verfügte. Eben dies ist die Voraussetzung zur Entstehung des Kapitalismus: der Besitzer von Produktionsmitteln findet den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vor. Der Unternehmer ist in der Lage, für sich einen Mehrwert zu schaffen, da er dem Arbeiter gerade soviel für seine Arbeit bezahlt, wie für die Reproduktion (Wiederherstellung) seiner Leistungsfähigkeit und für die Erzeugung seiner Nachkommen notwendig ist. Dies entspricht aber nicht dem Wert der produzierten Ware, die der Unternehmer verkauft. In Wirklichkeit arbeitet der Arbeiter mehr als zur Reproduktion seiner Arbeitskraft notwendig wäre, bekommt aber nur ebensoviel bezahlt. Die Schaffung des Mehrwerts auf Seiten der Unternehmer bedeutet gleichzeitig eine weitere Ankurbelung der Produktion und Verstärkung der ungleichen Eigentumsverhältnisse. Es bildete sich ein Kreislauf. Marx nennt dies Ausbeutung der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat. Schon im `Manifest der Kommunistischen Partei´, einer seiner früheren Schriften (erschienen 1848) beschreibt er seine Beobachtung der Bourgeoisklasse, die „an Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt hat“, indem sie das Privateigentum für neun Zehntel der bestehenden Gesellschaft aufhob [...].“ [5, 1204]

Marx stellt ungleiche Verfügungsmacht über die Produktionsmittel, Arbeit und Besitzverhältnisse einander gegenüber. Der dazwischen bestehende Wiederspruch führt zur Aufteilung der Menschen in Klassen. Diese Klassen bilden ein Klassenbewußtsein heraus, welches letztlich der Boden ist, auf dem der Wille zur Revolution heranreift. So ist also der Motor der Geschichte der Klassenkampf. Die Bourgeoisie, die die große Masse der Arbeiterschaft unterdrückt und ausbeutet, wird langfristig an sich selbst scheitern, da sie das Proletariat in eine derart schlechte wirtschaftliche Lage versetzt, daß es sich irgendwann vereinigen und im gemeinsamen Kampf die Bourgeoisie stürzen wird. Sie zwingt das Proletariat, „seinerseits das Privateigentum aufzuheben und alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren“ [ebda.]

Ohne Zweifel läßt sich in Marx Theorie der Einfluß der Französischen Revolution erkennen. Aus den Widersprüchen des Feudalismus geboren, wird sie zum Modell für das, was man erwarten darf, wenn die Widersprüche des Kapitalismus die Klassengegensätze auf die Spitze getrieben haben. Dies ist dann der Fall, wenn den verarmten Massen von Proletariern wenige Kapitalisten gegenüberstehen, die sich die ganze Verfügungsmacht an den Produktionsmitteln durch Ausbeutung der Arbeiter angeeignet haben.

Auch seine stark materialistische Sichtweise läßt sich sicher zum Teil aus den Erfahrungen der Industriellen Revolution herleiten, die zu einer stark beschleunigten technologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung führte.

II. Max Weber 1864-1920

Max Weber blickte von einer anderen Warte auf den Kapitalismus und seine Entstehungsgeschichte. Auch für ihn geht es um den Kausalzusammenhang zwischen materialistischen Zuständen und dem entsprechenden Bewußtsein, dem Geist, der sich daraus entwickelt bzw. der vorherrscht. Für ihn wird die geistige Einstellung der Menschen jedoch nicht ausschließlich durch ihre materialistische Entwicklung hervorgerufen, sondern entwickelt sich entscheidend auch durch eine, von den Menschen verfolgte Ethik. Nach Weber entwickelte sich der ursprüngliche Kapitalismus nicht da, wo entsprechende Geldvoräte oder bestimmte Organisationsformen vorhanden waren, sondern dort, wo der entsprechende Geist vorhanden war. Er interessierte sich zeitlebens für den Zusammenhang zwischen Religion und wirtschaftlichem Erfolg und versuchte an einer Reihe von Beispielen über das Verhalten der Protestanten und die damit in Verbindung stehenden Inhalte ihrer Religion in verschiedenen Ländern, die er wiederum mit anderen Religionsgruppen verglich, zu beweisen, daß es einen engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalismus und der Doktrin des Protestantismus gegeben hat.

Gleich vorweg ist es aber wichtig zu sehen, daß Max Weber „sein eigenes Forschen nicht als prinzipielle Alternative oder gar als Gegenentwurf zur auch für ihn wichtigen Antwort von Karl Marx (betrachtet). Ihm geht es um eine ergänzende Korrektur sowohl der zu seiner Zeit dominierenden, stärker materialistischen, ökonomischen Erklärungen als auch der ausschließlich historistischen Erklärungen der Ursprünge des Kapitalismus.“ [2, 195] Für Weber beginnt die Fragestellung nach der Entstehung des Kapitalismus mit einigen statistischen und empirischen Beobachtungen seiner Zeit, von denen ich an dieser Stelle einen Ausschnitt präsentieren möchte. Seine Aufsatzsammlung „Die protestantische Ethik“ basiert auf solchen Beobachtungen - Weber erklärt, „ein Blick in die Berufsstatistik eines konfessionell gemischten Landes“ zeige „den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums sowohl, wie der oberen gelernten Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen“ [6, 29]. Diese kapitalistische Oberhand der Protestanten läßt sich auch an anderen Stellen, wie z.B. an der höheren Zahl von Protestanten, die moderne Berufe (also technische Studien und gewerblich-kaufmännische Berufe) erlernen sowie des höheren Prozentsatzes von Protestanten an der gelernten Arbeiterschaft der modernen Großindustrien beobachten. „In diesen Fällen liegt zweifellos das Kausalverhältnis so“, schreibt Weber, „daß die anerzogene geistige Eigenart, und zwar hier die durch die religiöse Atmosphäre der Heimat und des Elternhauses bedingte Richtung der Erziehung, die Berufswahl und die weiteren beruflichen Schicksale bestimmt hat.“ [6, 32]

Ein weiterer interessanter Ausgangspunkt ist auch Webers Auseinandersetzung mit der Frage, ob eine auffallende ökonomische Stärke bestimmter Volksgruppen nicht primär in der jeweiligen äußeren historisch-politischen Lage der Konfessionen begründet liegt; ob sie also Mehrheit oder Minderheit, politisch mächtig oder von außen gehemmt wird, sich strategisch günstig befindet usw. Die Protestanten haben aber, „sowohl als herrschende, wie als beherrschte Schicht, sowohl als Majorität, wie als Minorität eine spezifische Neigung zum ökonomischen Rationalismus“ [6, 33], der sich auch direkt auf ihre ökonomische Stellung auswirkt.

Die Protestanten zeichnen sich, so Weber, durch eine ganz bestimmte Art zu wirtschaften aus, die die Entwicklung des Kapitalismus begünstigt und beeinflußt hat. Nun stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage: was ist dieses Besondere, das nur durch die Protestanten verkörpert wurde? Für Weber führt diese Frage zunächst einmal zu der Auseinandersetzung mit dem speziellen Knackpunkt des Kapitalismus, der ihn zu dem macht, was er ist - er nennt dies den „Geist des Kapitalismus“. Erwerbstrieb, Streben nach Gewinn, nach Geldgewinn, nach möglichst hohem Geldgewinn sind nicht die wesentlichen Eigenschaften des Kapitalismus, wie Weber ihn sieht. Dies Streben fand und findet sich bei Kellnern, Ärzten, Kutschern, Künstlern, Kokotten, bestechlichen Beamten, Soldaten, Räubern, Kreuzfahrern, Spielhöllenbesuchern, Bettlern: - man kann sagen: bei Typen von Menschen zu allen Epochen aller Länder der Erde, wo die objektive Möglichkeit dafür irgendwie gegeben war und ist. „´Kapitalismus` hat es in China, Indien, Babylon, in der Antike und im Mittelalter gegeben. Aber jenes eigentümliche Ethos fehlte ihm [...] [6, 43]. In Wirklichkeit ist es also etwas anderes, was den Kapitalismus ausmacht- es ist eben dieses eigentümliche Ethos: „der Geist des Kapitalismus“.

Weber geht davon aus, daß es eine bestimmte Lebens- und Berufsauffassung spezieller Lebensgruppen gegeben hat, die sich in der Ökonomie über andere als dominant erwies [vgl. dazu 6, 45f]. Zwei Tugenden des modernen Berufsmenschen führten, so glaubte Weber, zum Geist des Kapitalismus, bezeichnen also diese bestimmte Lebens- und Berufsauffassung: der ungeheure Wille zur Arbeit und der asketische Konsumverzicht. Denn, so sagt Weber, „vor allem ist das `summum bonum´ dieser Ethik: der Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens“ [6, 44]. Es formierte sich ein im Privatleben anspruchsloser Unternehmertyp heraus, der nichts anderes im Sinn hatte, als zu sparen und sein Kapital zu vergrößern.

Gerade in der Phase des Aufbaus neuer wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Praktiken sieht Weber einen interessanten Beobachtungspunkt für das Auffinden der entsprechenden Antriebsmechanismen. Hier beobachtet er den Übergang des traditionalistischen zum kapitalistischen Wirtschaften. Der traditionalistische Geist bestand in seinem Wesen darin, daß der Mensch nicht „´von Natur` [...] Geld und mehr Geld verdienen (wollte, d.A.), sondern einfach leben, so leben, wie er zu leben gewohnt ist, und soviel erwerben, wie dazu erforderlich ist.“ [6, 50] Der Einzug des kapitalistischen Geistes, also des modernen Unternehmertums, „pflegte kein friedlicher zu sein. Eine Flut von Mißtrauen, gelegentlich von Haß, vor allem von moralischer Entrüstung stemmte sich regelmäßig dem ersten Neuerer entgegen“ [6, 58] Und gerade ein solcher Neuerer benötigt einen „ungewöhnlich festen Charakter“ der ihn „vor dem Verlust der nüchternen Selbstbeherrschung und vor moralischem wie ökonomischem Schiffbruch bewahren kann“. „Traditionale Hemmungen werden nicht durch den Erwerbstrieb als solchen durchbrochen.“ [6, 361] Hinzu kommen „neben Klarheit des Blickes und Tatkraft, vor allem doch auch ganz bestimmte und sehr ausgeprägte ´ethische` Qualitäten [...], welche bei solchen Neuerungen ihm das schlechthin unentbehrliche Vertrauen der Kunden und der Arbeiter gewinnen und ihm die Spannkraft zur Überwindung der ungezählten Widerstände erhalten, vor allem aber die so unendlich viel intensivere Arbeitsleistung, welche nunmehr von dem Unternehmer gefordert wird und die mit bequemen Lebensgenuß unvereinbar ist, überhaupt ermöglicht haben:- nur eben ethische Qualitäten spezifisch anderer Art als die dem Traditionalismus der Vergangenheit adäquaten.“ [6, 58] Sowohl im traditionalistischen als auch im kapitalistischen Geist können Wirtschaften entstehen und Gewerbe geführt werden nur differenzieren sich die Ziele zwischen Verbrauch und Erhalt des Lebensstandarts auf traditionalistischer Seite und Mehrerwerb, Verbesserung und Leistungssteigerung auf kapitalistischer Seite.

Das eigentlich Interessante am kapitalistischen Geist ist, daß der frühe Kapitalist seinen Geschäftswillen nicht unter Motiven wie Streben nach Macht oder mehr gesellschaftlichem Ansehen oder Erhöhung des Lebensstandards entwickelt, sondern dem Beruf ausschließlich um des Berufs Willen so strebsam folgt. Dieses asketische Verhalten, welches „gegenüber dem Glück oder dem Nutzen des einzelnen Individuums jedenfalls als etwas gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint“ [6, 44] ist „nichts Naturgegebenes“, sondern es muß „das Produkt eines lang andauernden Erziehungsprozesses sein.“ [6, 52] Wie kommt es also zu Stande? Die Vorstellung des Berufs als Lebenszweck läuft der Auffassung ganzer Epochen zuwider und kann keinesfalls aus dem katholischen Mittelalter stammen, in dem der Beruf eigentlich als störend oder als gerade noch tolerierbar gegenüber Gott empfunden wurde [vgl. dazu 7, 62]. Weber sieht die Wendung dieser Vorstellung in der Reformation begründet.

Schon Martin Luther (1483-1546) hatte nämlich bei seiner Bibelübersetzung den Grundstein für eine anders geartete Gesinnung gelegt. Erstmals taucht bei seiner Übersetzung der Begriff „Beruf“ auf, der mit dem Wort „Berufung“ in unübersehbarer Verbindung steht. In Luthers Bibelübersetzung steht er im Zusammenhang mit einer göttlichen Vorgabe an das menschliche Leben, bei dem „eine religiöse Vorstellung - die einer von Gott gestellten Aufgabe - wenigstens mitklingt“ [6, 66] Dieser Begriff ist ein durch Luther neu erschaffenes Produkt der lutherschen Kirche, denn es stammt „aus dem Geist der Übersetzer, nicht aus dem Geist des Originals.“ [ebda.] Luther hat also mit dem Begriff „Beruf“ dem religiösen Streben der Menschen eine vorher nicht dagewesene Gesinnungsrichtung gegeben, nämlich die der innerweltlichen Pflichterfüllung durch strebsame Arbeit im Beruf, der von Gott gestellten „Berufung“. Damit rückt der Beruf, die Arbeit, in ein völlig neues Licht. Der Begriff existierte seit dem in dieser Form des Arbeitens als Berufung nur bei allen vorwiegend protestantischen Völkern, nicht aber bei katholischen Volksmehrheiten oder in der klassischen Antike, „und wie die Wortbedeutung, so ist auch - das dürfte im ganzen ja bekannt sein - der Gedanke neu und ein Produkt der Reformation.“ [6, 67] „Unbedingt neu war jedenfalls zunächst eins: die Schätzung der Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des höchsten Inhaltes, den die sittliche Selbstbetätigung überhaupt annehmen könne.“ [ebda.] Luther wendete sich von der mönchischen Lebensführung ab, und im Kontrast zu dieser egoistischen, sich den Weltpflichten entziehenden Lieblosigkeit, erscheint ihm die weltliche Berufsarbeit als äußerster Ausdruck der Nächstenliebe als gottgefällige Lebensart, viel besser geeignet. Weber betont allerdings, „daß nicht etwa Luther als mit dem ´kapitalistischen Geist` in dem Sinne, den wir hier bisher mit diesem Wort verbunden haben, - oder übrigens in irgendeinem Sinne überhaupt - innerlich verwandt angesprochen werden darf.“ [6, 68] Luther stand im Gegenteil dem Kapitalismus überwiegend ablehnend gegenüber. Was durch die Reformation entstand, war zunächst auch nur, „daß, im Kontrast gegen die katholische Auffassung, der sittliche Akzent und die religiöse Prämie für die innerweltliche, beruflich geordnete Arbeit mächtig schwoll.“ [6, 69f] Überhaupt ist Luthers Bibelinterpretation für die Entstehung des kapitalistischen Geistes zwar nicht unbedeutend, aber nur als Meilenstein zu betrachten und auch als Einflußgröße in der Entwicklung des Kalvinismus. Es fehlte Luthers Interpretation jener entscheidende Stachel zum ökonomischen Aufschwung.

Im Vergleich zu Luthers Ethik trägt die Ethik des Kalvinismus einen ausgesprochen aktiven Charakter, der u.a. darin liegt, nicht um die Vergebung der Sünden zu flehen, sondern sie durch vermehrte innerweltliche Strebsamkeit wieder gut zu machen. Der Kalvinismus treibt, so Weber, die Menschen zu harter Arbeit an und verbietet ihnen ein Luxusleben. Er predigt völlige Herrschaft über das eigene Selbst. Asketische Lebensführung sei darum die Ursache für die Kapitalanhäufungen der Protestanten. Der Schweizer Reformator Johannes Calvin (1509 bis 1564) predigte eine neue Prädestinationslehre, die Gott als allmächtigen Weltregierer beschreibt, der schon seit Ewigkeiten festgelegt habe, wer als Erwählter in den Himmel und wer als Verdammter in die Hölle komme. Nur der Erwählte ist beruflich erfolgreich und kann durch harte Arbeit Gottes Ruhm vermehren. Gelungene Arbeit galt als ein Zeichen dafür, wonach der religiöse Mensch sein Leben lang strebt: „Gnadengewissheit“. Max Weber entdeckte im Kalvinismus die ethischen Grundlagen für den neuzeitlichen Berufsmenschen. In dem steten Bemühen, Gnadengewissheit zu erlangen und Gottes Ruhm zu mehren, ordnete der Kalvinist seine Lebensführung der „Berufsarbeit“ unter. 1 Und dabei ging der Berufsmensch rational vor. Denn der Erfolg- und damit die Gnadengewissheit- war um so größer, je intelligenter und disziplinierter die Arbeit erledigt wurde. Nicht Reichtum ist nach Calvin sündhaft, sondern Sünde begeht nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden missbraucht. Gerade auch diese Rationalität im Wirtschaften ist ein weiterer wichtiger Punkt des „kapitalistischen Geistes“.

In Anlehnung an Werner Sombart (1863-1941) greift Weber ein weiteres Motiv der modernen Wirtschaft, den „ökonomischen Rationalismus“ auf. [vgl. dazu 6, 63] Er ist allerdings mit Sombart nur einverstanden unter der Bedingung, daß darunter jene Ausweitung der Produktivität der Arbeit verstanden wird, welche durch die Gliederung des Produktionsprozesses unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten dessen Gebundenheit an die natürlich gegebenen ´organischen` Schranken der menschlichen Person beseitigt hat.“ [6, 63f Hervorhebung im Original] „Der „Rationalismus“ ist ein historischer Begriff, der eine Welt von Gegensätzen in sich schließt“- „man kann eben [...] das Leben unter höchst verschiedenen letzten Gesichtpunkten und nach sehr verschiedenen Richtungen hin `rationalisieren´.“ [6, 65] Für Weber bedeutet „Rationalisierung“ vor allem Rationalisierung der menschlichen Lebensführung, Prozesse der Ordnungsschaffung und der Systematisierung, sowie die Trennung von Haushalt und Betrieb, welche das heutige Wirtschaftsleben schlechthin beherrscht und, damit eng zusammenhängend, die rationale Buchführung. Nach seinen Aufsätzen über die „protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus“ arbeitet er an der „Rationalisierung aller Lebensbereiche in allen Kulturen und zu allen Zeiten“. Er kommt zu folgendem Schluß: „Was letzten Endes den Kapitalismus geschafffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein; es mußte ergänzend hinzutreten: die rationale Gesinnung, die Rationalisierung der Lebensführung, das rationale Wirtschaftsethos.“ [6, 360] Und eben dieser basiert auf der rationalen Planung der beruflichen Pflichterfüllung gegenüber Gott, wie sie der Kalvinismus predigt.

Abschließend halte ich es für notwendig, nochmal klar zu stellen, in welche Richtung Weber mit seinen Studien genau zielt und welche Aussagen er trifft. Weber verfechtet nicht die These, der „kapitalistische Geist“ oder der Kapitalismus überhaupt wäre ausschließlich auf Grund der Reformation entstanden. Es waren ja schon vor der Reformation kapitalistische Geschäftsbedingungen und -ausführungen vorhanden. Weber will nur festhalten, in wieweit sich dieser Kapitalismus qualitativ und quantitativ so derartig expandieren konnte, in wieweit daran der Protestantismus beteiligt war, sowie welche konkreten Seiten der kapitalistischen Kultur auf den Protestantismus zurückzuführen sind. Webers Problemstellung war nicht, die Entstehung des Kapitalismus überhaupt zu klären, sondern es geht ihm um die Entstehung des „kapitalistischen Geistes“ als besondere Antriebskraft des Kapitalismus.

Er befaßt sich, was seine Protestantismusthese betrifft, ausschließlich mit der Entstehung des Kapitalimus, also dem Wendepunkt der ökonomisch-gesellschaftlichen Abläufe. In der weiteren Entwicklung des Kapitalismus sieht er den Protestantismus einem Auflösungsprozess gegenüber gestellt. Nach einiger Zeit verschwindet der religiöse Sinn, der bisher die Grundlage des Erwerbslebens war. Der Kapitalist arbeitet nicht mehr aus Motivation der Askese und zur Ehre Gottes. Er verfolgt eine Wendung zum Erwerb nur um des Erwerbs Willen mit seinem harten und brutalen Konkurrenzkampf, seinem Siegesbedürfnis und seiner weltlich orientierten Freude an des Kaufmanns Herrschgewalt. Damit löst sich die kapitalistische Tätigkeit völlig aus ihrem ursprünglichen Boden und wird zu einer dem echten Protestantismus und Kalvinismus entgegengesetzten Macht. Ab einer gewissen Höhe der Wirtschaftsführung war der Kapitalist zu einer Verleugnung der Ideale bereit. Es entwickelte sich der Utilitarismus.

„Die heutige (Webers Lebzeit, d.A.) kapitalistische Wirtschaftsordnung ist ein ungeheuerer Kosmos, in den der Einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als Einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse gegeben ist, in dem er zu leben hat. Er zwingt dem Einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf.“ [6, 45] Der Protestantismus legte also einen Grundstein, der mit einer Eigendynamik, so könnte man interpretieren, noch heute den Gang der Wirtschaft beeinflußt, auch wenn er selbst verloren gegangen ist.

III. Emile Durkheim (1858-1917)

Emile Durkheims Theoriebildung fußt auf einem völlig anderen Ansatz mit einer von Marx und Weber verschiedenen Fragestellung. Im Zentrum seiner Betrachtungen steht die Fortentwicklung der Arbeitsteilung und der damit einhergehende Wandel des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Moral. Er sieht in der Arbeitsteilung die Möglichkeit schlechthin zur Entwicklung einer modernen Gesellschaft, in der der „lange gehegte Traum der Menschen [...], endlich das Ideal der menschlichen Brüderlichkeit zu verwirklichen“ [8, 475], realisiert werden kann. Diese menschliche Brüderlichkeit bedeutet für ihn friedliches Zusammenleben ohne Krieg, eine Zusammenarbeit aller Menschen am gleichen Werk und ein System, welches trotz eines Gruppenzusammenhalts Freiraum für Individualität bietet. Seine grundsätzliche Fragestellung also lautet: „Wie müßte eine dynamische und gerechte Gesellschaft aussehen, die soziale Ordnung und individuelle Freiheit ermöglicht, die soziale Solidarität und moralische Autonomie eröffnet?“ [2, 150]

Er sieht die Soziologie als die Wissenschaft von den Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart. Gesellschaften bestehen aus einer begrenzten Zahl von Strukturvariationen gewisser Elemente und sind charakterisierbar durch die Rekombination dieser Elemente und der Art ihrer Zusammensetzung. Seine Studie „Über die soziale Arbeitsteilung“ spielt in Bezug auf die hier gestellte Fragestellung die zentrale Rolle. Durkheim untersucht in ihr die Entwicklung der modernen Gesellschaft, deren wesentliche Ausprägung die Arbeitsteilung ist, durch welche sich für ihn eine Reorganisation des funktionalen, sozialen und moralischen Zusammenhalts ergibt. Er bezeichnet diese Studie selbst als „Studie zur Organisation höherer Gesellschaften“ [vgl. 8]. Wo für Marx aus Arbeitsteilung Klassenbildung und Ausbeutung resultieren, sieht Durkheim soziale Differenzierung als positives Strukturprinzip moderner Gesellschaften. Diese Differenzierung und Funktionalisierung ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozeß, dessen sichtbarste Ausprägung in der Organisation der Arbeit und Produktion liegt. Gewisse soziale Ungleichheiten und Spannungen sind weniger ein Charakteristikum der Arbeitsteilung als solches, sondern vielmehr Folge der raschen Entwicklung, in der sich „tiefgreifende Veränderungen [...] innerhalb sehr kurzer Zeit in der Struktur [...] (der, d.A.) Gesellschaft vollzogen (haben, d.A.)“ [8, 479]. „Das neue Leben, das sich plötzlich entfaltet hat, hat sich noch nicht vollständig organisieren können, und es hat sich vor allem nicht so organisiert, daß es das Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu befriedigen vermöchte, das in unseren Herzen so glühend erwacht ist.“ [ebda.] Diese Kluft zwischen Regeln bzw. Organisation und Organen bzw. Funktionen ist Grund der Mißstände seiner Zeit. Er nennt einen solchen Zustand Anomie.

Nach Durkheim muß sich also im Übergang von der feudalistisch organisierten Ständegesellschaft zur strukturdifferenzierten Industriegesellschaft durch bestimmte Umstände eine neue Art von Zusammenhalt, Zusammenleben und besonders auch eine anders charakterisierte und organisierte Stellung des Einzelnen im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge gebildet haben und weiterhin bilden. Als Hauptträger der gesellschaftlichen Struktur bezeichnet er die von gemeinsamen Anschauungen und Gefühlen getragene Solidarität der Individuen untereinander und innerhalb der Gemeinschaft. Sie ist für Durkheim Grundvoraussetzung des sozialen Zusammenlebens. Diese Solidarität war, je nach dem Entwicklungsniveau einer Gesellschaft, unterschiedlich ausgeprägt. Um Durkheims geschichtliche Analyse der Solidarität verständlich zu machen, soll im folgenden die vorindustrielle Gesellschaft kurz beleuchtet werden.

Die traditionelle Adelsgesellschaft Europas war eine Schichtengesellschaft. Die Schichten waren keine Klassen, sondern Stände, die verschiedene Lebensformen darstellten. Die oberste Schicht bestand aus dem Adel und dem hohen Klerus, in der Mitte kamen die ständischen Bürger, Handwerker, Kaufleute, Gelehrte und andere Berufstätige, und ganz unten waren die Bauern, Knechte und Dienstleute. Das Prinzip gesellschaftlicher Organisation war die Einteilung von Menschen in Gruppen, also in Familien, Haushalte, Klans und Stände. Man gehörte nur einem Stand an und das mit der ganzen Person. Man war also in allen Aspekten - physisch, juristisch, ökonomisch, sozial etc. - entweder Herzog, Bäuerin oder Schreinermeister. Persönliche Identität war dasselbe wie soziale Identität; es gab noch keinen Unterschied zwischen Ich und Rolle. Die Individualität in unserem heutigen Sinne von Eigenartigeit, Einzigartigeit und Selbstbestimmung einer Person gab es zu dieser Zeit nicht. Die gesellschaftliche Regelung war ein strenger Mechanismus, der für individuelle Ausprägungen wenig Raum ließ. Das Individuum war, so Durkheim, ein unselbstständiger Teil der Gesellschaft und direkt mit ihr und ihrer Regelhaftigkeit verbunden. Die gesellschaftliche Gemeinschaft und der Individualismus sind nun aber beides menschliche Bedürfnisse. In Durkheims Worten: „Wir haben zwei Bewußtseinsweisen in uns: die eine enthält Zustände, die nur jedem von uns eigen sind und die uns charakterisieren, während die der anderen jedem Mitglied der Gesellschaft gemeinsam sind. Die erste stellt nur unsere individuelle Persönlichkeit dar und konstituiert diese; die zweite stellt den Kolletivtyp dar und folglich die Gesellschaft, ohne die er nicht existieren würde.“ [8, 156] In der frühzeitlichen Gesellschaft waren nun eben diese Zustände, die jedem Mitglied der Gesellschaft gemeinsam sind, dominierend: insbesondere charakterisiert durch eine stark religiöse Kultur und ein, die gemeinsamen Gefühle verkörperndes Strafrecht. Durch sie war der Einzelne direkt in die Gemeinschaft integriert, er solidarisierte sich mit ihr über Ähnlichkeiten mit anderen Individuen, die hauptsächlich aus dem streng geregelten Mechanismus und geringen Individualismus resultierten, der die Ständegesellschaft charakterisierte. Durkheim bezeichnet dies als mechanische Solidarität oder Solidarität der Ähnlichkeiten.

Nun setzte im 19.Jh. ein enormes Bevölkerungswachstum ein, die Städte wuchsen, Handels- und Verkehrswege wurden ausgebaut, der Lebensraum verdichtete sich, die Kommunikation nahm zu. Es entstand „ein Bewegungsaustausch zwischen den Teilen der sozialen Masse, die sich bis dahin nicht gegenseitig beeinflußt hatten.“ [8, 314] Daraus resultierte eine höhere soziale Dichte, die sozialen Beziehungen vervielfachten sich, der Wettbewerb um Lebenschancen wurde immer stärker. Diese Entwicklung ist die Ursache der Arbeitsteilung. Wachstum und Verdichtung der Gesellschaft rufen nach Durkheim die Arbeitsteilung zwangsläufig hervor [vgl. dazu 8, 321]. Um nämlich in dem verschärften Überlebenskampf in der sozialen Verdichtung bestehen zu können, weichen die Menschen so gut wie möglich der Konkurrenz aus und diese ist um so stärker, je größer die Ähnlichkeiten sind [vgl. dazu 8, 325]. „Alles geht mechanisch vor sich. Ein Bruch des Gleichgewichts in der sozialen Masse ruft Konflikte hervor, die nur durch eine noch entwickeltere Arbeitsteilung gelöst werden können: das ist der Motor des Fortschritts.“ [8, 329] Gleichzeitig bedarf es aber auch dem „Bedürfnis nach reichhaltigeren und besseren Erzeugnissen“ [8, 331], da nur dann die Spezialisierung Sinn macht. Auch diese erklären sich nach Durkheim durch den heftigeren Überlebenskampf, da dieser Kräfte mobilisiert, verstärkte Ermüdung hervorruft und zur Wiederherstellung dieser Kräfte neue Bedürfnisse erzeugt. Ähnliche Zusammenhänge bestehen auch zur Differenzierung von Wissenschaft und Kultur.

Die Arbeitsteilung wird nun zur Hauptquelle der sozialen Solidarität und zur Basis der moralischen Ordnung. Der moralische Wert der Arbeitsteilung liegt darin, daß die „Bande, die [...] (das Individuum, d.A.) an die Gruppe binden, stärker und zahlreicher werden.“ [8, 471] Diese Bande bestehen in der Interdependenzen bildenden Vernetzung der Individuen. Das Individuum wird patizipativer Teil der Gesellschaft. Es entwickelt sich eine „Berufsmoral“ als Bindeglied der gemeinsamen Solidarität. Im Rahmen der sozialen Kontrolle verlagert sich der Schwerpunkt von den äußeren Zwangsmechanismen zu der inneren, individualpsychischen Kontrollinstanz; das Privatrecht übernimmt gegenüber dem Strafrecht die dominierende Rolle. „In den fortgeschrittenen Gesellschaften [...] besteht [...] (die, d.A.) Natur (des Menschen, d.A.) zum größten Teil darin, ein Organ der Gesellschaft zu sein, und seine Hauptaufgabe besteht folglich darin, seine Rolle als Organ zu spielen.“ [8, 473] Daher bezeichnet Durkheim den Zusammenhalt der modernen Welt als organische Solidarität. Sie beruht auf freiwilliger Zusammenarbeit, die auf die Interessen der Einzelnen abgestimmt ist.

Die organische Solidarität ergibt sich aber „nicht nur [...], weil sie aus jedem Individuum einen Austauschpartner macht“ [8, 477], sie ist also nicht nur ein Produkt des egoistischen Nutzenkalküls jedes Einzelnen. Das liegt daran, daß die Arbeitsteilung neben individuellen und temporären Interessen auch Regeln erzeugt, die den friedlichen und regelmäßigen Zusammenschluß der geteilten Funktionen sichern. [vgl. dazu 8, 477] „Die Arbeitsteilung stellt nicht Individuen einander gegenüber, sondern soziale Funktionen.“ [8, 478] Diese sozialen Funktionen sind der eigentliche Zusammenhalt der modernen Gesellschaft. Die Regeln werden zur Sicherung des Zusammenhalts erschaffen, denn „entsprechend der Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit, mit der diese Funktionen ablaufen, ist die Gesellschaft gesund oder krank.“ [ebda.] So kann sich trotz der starken Individualisierung über die Assoziation des Individuums mit der jeweiligen sozialen Funktion, die es einnimmt, ein Gemeinschaftsgefühl, ja eine Solidarität entwickeln.

Einen Ausblick in die wünschenswerte zukünftige Entwicklung liefert Durkheim am Ende seines Werks. Zunächst sind für die positive Entwicklung gerechte Regeln wichtig, „und dazu ist es nötig, daß die äußeren Konkurrenzbedingungen gleich sind.“ [8, 478] Die „Moral der organisierten Gesellschaften (wird, d.A.) im Vergleich zu jener der segmentären Gesellschaften durch etwas Menschlicheres und daher Rationaleres charakterisiert [...] (sein, d.A.) [ebda]. Wir sind nicht länger ein „Diener idealer Mächte“, sondern sind nur noch jener `rationalen´ Solidarität verpflichtet, die nur verlangt „unsere Nächsten zu lieben und gerecht zu sein, unsere Augabe gut zu erfüllen, darauf hinzuwirken, daß jeder in die Funktion berufen wird, die ihm am besten liegt, und daß er den gerechten Lohn für seine Mühe bekommt.“ [ebda.] Allerdings fühlen wir „nur zu sehr, wie schwer es ist, diese Gesellschaft zu erbauen, in der jedes Individuum seinen verdienten Platz findet, in der jeder nach seinem Verdienst belohnt wird, in der folglich jedermann spontan zum Wohlergehen eines jeden beiträgt.“ [8, 479] Und eben dieses Wohlergehen aller ist, wie schon einleitend erwähnt, Durkheims Ziel. „Unsere erste Pflicht heute besteht darin, uns eine, (eben diese, d.A.), neue Moral zu bilden. [...] (Und eine solche Moral, d.A. ) muß aus sich selbst entstehen, nach und nach, unter dem Druck innerer und notwendiger Ursachen.“ [8, 480] Die Arbeitsteilung ist für ihn der erste Schritt zu einer dynamischen und gerechten Gesellschaft, die soziale Ordnung und individuelle Freiheit ermöglicht und die soziale Solidarität und moralische Autonomie vereinen kann.

Schlußbetrachtung

Im Folgenden möchte ich die drei besprochenen Klassiker nebeneinander betrachten bzw. einander gegenüber stellen. Ich halte es für notwendig, ihre grundsätzlichen Betrachtungsweisen und zentralen Blickpunkte der, in der Einleitung aufgezeigten, Entwicklungen ihrer Zeit zu klären, da ihre, den Theorien zu Grunde liegenden, grundsätzlichen Schwerpunkte völlig andere sind. Emile Durkheims zentraler Ausgangspunkt ist das Erforschen des Wirkens und Zusammenwirkens verschiedener sozialer Elemente - sei sie nun in Form von Individuen, oder in Form von Institutionen wie z.B. des Rechts oder der Religion. Ihm geht es primär um die Frage, welche Art des Zusammenlebens von Menschen aus welchem Grund stabil ist. Er betrachtet die Entwicklung der modernen Gesellschaft, der Arbeitsteilung oder des Kapitalismus nicht im Hinblick auf eine isolierte Ursache wie der eines menschlichen Gesetzes, der Religion, bestimmter Machtverhältnissse etc., sondern stellt vielmehr den Wandel des allgemeingesellschaftlichen Zusammenhalts der Individuen in den Vordergrund. Die Gesellschaft ist sozusagen vorstellbar als Zusammenspiel verschiedener Einzelströmungen oder (wie Durkheim sagt) „Strukturvariationen“, die zu einer bestimmten Wesensart der Gemeinschaft zusammenlaufen, welche wiederum ihren Fortbestand ausmacht. Arbeitsteilung, Funktionalisierung, Spezialisierung, Individualisierung und Rationalisierung sind nichts anders als derartige Strukturvariationen und als Ergebnis der allgemeinen gesellschaftlichen Verdichtung Merkmalsträger des gesellschaftlichen Wandels. Keine von ihnen ist aber der gesellschaftliche Wandel selbst, oder genauer der zentrale Aspekt desselben. Dieser ist nämlich nach Durkheim eine sich aus all den veränderten Strukturen ergebene neue Solidarität.

So gesehen steht Durkheims Theorie denen von Marx und Weber deutlich gegenüber, die unter diesem Aspekt mehr Gemeinsamkeiten haben. Beide betrachten den neuen Unternehmertyp der modernen Gesellschaft, der als ihre auffälligste Figur Kapitalanhäufung in einem nicht gekannten Ausmaß bzw. auf eine neue Art und Weise betreibt. Er ist tonangebender, isolierter Antrieb der Modernisierung bzw. sogar Unterdrücker anderer Individuen. Die Modernisierung ist nicht mehr, wie bei Durkheim, ein allgemeiner Prozess allgemein veränderter Umstände, sondern, so kann man vereinfacht sagen, Resultat bestimmter Einzelfaktoren, die mehr Gewicht als andere haben. Bei Weber sind dies die Protestanten, die auf Grund ihrer Geisteshaltung eine besonders starke kapitalistische Kraft innehaben, bei Marx sind es Eigentümer von Produktionsmitteln, die durch Ausbeutung von Arbeitern Kapital anhäufen und vermehren können.

Dennoch treffen auch innerhalb dieser Gemeinsamkeit Marx und Weber völlig unterschiedliche Aussagen. Marx dialektischer Materialismus beruht auf der Annahme eines grundliegenden Gesetzes, welches daraus hervorgeht, daß aus bestimmten materiellen Verhältnissen logisch bestimmte Gesellschaftsentwicklungen folgen. Dies ist nur in sich stimmig, da er bestimmte Eigenschaften das Menschen als konstant voraussetzt und vor allem, da er das Verhalten des Menschen direkt aus seiner materiellen Lage resultieren sieht. Für ihn existiert davon abgetrennt kein Bewußtsein.

Und genau an dieser Stelle möchte ich bei Weber ansetzen. Ein zentraler Aspekt seines Denkens ist das „sinnhafte Handeln“ des Menschen, welches zwar auch bestimmtes „zweckrationales“, also ökonomischen Nutzen bringendes Handeln hervorbringt, dessen Sinn aber ebenso auf ethischen, moralischen oder, wie hier, religiösen Überlegungen beruhen kann. Seine Theorie erweitert also die von Marx in dem Punkt, warum sich der moderne Mensch mit Kapitalanhäufung beschäftigt; und zwar von reiner Nutzenorientierung auf religiöse Wertvorstellungen.

Grundsätzlich kann man bei Marx, Weber und Durkheim von sehr verschiedenen Gesellschafts- und Geschichtsauffassungen sprechen. Marx Materialismus besagt, daß die uns umgebende Welt und der Mensch als Teil dieser Welt ihrem Wesen nach materiell sind, daß die Materie (Natur) sowohl ihrer zeitlichen Entstehung nach, wie auch kausal das Ursprüngliche, nur aus sich selbst zu Erklärende ist. Er setzt als selbstverständlich voraus, daß die soziale Entwicklung ein Problem der Logik, des Kalküls und der Deduktion sei.

Webers Protestantische Ethik dagegen führt zu der Sicht auf ein unabhängig vom Sein entstandenes Bewußtsein. Dieser allein durch das menschliche Denken entstandene, schaffende Geist ist in der Lage, das materielle Handeln und damit die Gesellschaftsentwicklung zu lenken.

Durkheim hingegen betrachtet den Menschen als soziales Wesen, dessen Handeln danach ausgerichtet ist, innerhalb der be- und entstehenden Lebensumstände in einem, für das Individuum tragbaren Gruppenzusammenhalt der gesamten Gesellschaft zu leben. Obwohl alle Autoren in ihren Analysen und Urteilen zu verschiedenen Ergebnissen kommen, bleiben sie für die heutige Gesellschaftstheorie insofern interessant, als sie alle in ihren Theorien Tendenzen wiederspiegeln, die für die weitere gesellschaftliche Entwicklung relevant waren und sind.

Literaturverzeichnis

1. Meyers Lexikonredaktion (Hrsg.) 1995: Meyers großes Taschenlexikon. Bd.1. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: BI Taschenbuchverlag
2. Kaesler, Dirk (Hrsg.) 1999: Klassiker der Soziologie. Bd.1. Von Auguste Comte bis Norbert Elias. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung
3. Smith, Adam 1974: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen und mit einer Würdigung von H.C. Recktenwald. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung (erstmals erschienen 1776)
4. Marx, Karl 1958: Thesen über Feuerbach. Bd. 3. MEW. Berlin
5. Friedell, Egon 1997: Kulturgeschichte der Neuzeit. Bd. 2. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung
6. Weber, Max 1991: Die protestantische Ethik. Eine Aufsatzsammlung. Bd.1. [Hrsg. von Johannes Winckelmann]. 8. Aufl. Gütersloh: Siebenstern
7. Weber, Max 1991: Die protestantische Ethik. Kritiken und Antikritiken. Bd.2. [Hrsg. von Johannes Winckelmann]. 8. Aufl. Gütersloh: Siebenstern
8. Durkheim, Emile 1999: Über soziale Arbeitsteilung. Eine Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. 3. Aufl. Frankfurt/ Main: Suhrkamp (erstmals erschienen 1893)

[...]


1 Ähnlich wie der Kalvinismus schreiben andere Richtungen des Protestantismus wie z.B. der Pietismus, der Babtismus und der Methodismus eine derartige Lebensführung vor. Sie haben allerdings etwas andere Abstufungen und Begründungen.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Betrachtung von Karl Marx, Max Weber und Emile Durkheim auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Freie Universität Berlin
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V96651
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Betrachtung, Karl, Marx, Weber, Emile, Durkheim, Wandel, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Anonym, 2000, Aspekte der Betrachtung von Karl Marx, Max Weber und Emile Durkheim auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96651

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