Einführung in den Radikalen Konstruktivismus


Seminararbeit, 1999

17 Seiten, Note: bestanden


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Gliederung

1. Einleitung

2. Einführung in den Radikalen Konstruktivismus
2.1. Ernst von Glasersfeld
2.2. Heinz von Foerster
2.3. Die Theorie lebender Systeme
2.4. Theorien der Selbstorganisation

3. Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit: neurophysiologische und neurobiologische Belege

4. Die konstruktivistische Sozialtheorie von Peter Hejl

5. Kritik am Radikalen Konstruktivismus

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang: Erklärung

1. Einleitung

Anhand der konstruktivistischen Literatur wird deutlich, dass es den Radikalen Konstruktivismus (RK) als einheitliche, monolithische Theorie nicht gibt. Vielmehr handelt es sich um ein transdisziplinäres Gebiet (bzw. eine interdisziplinäre Diskussion), indem Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen, wie z.B. der Psychologie, Philosophie, Sozialwissenschaft, Kybernetik zweiter Ordnung, den Neurowissenschaften, der Biologie usw. hineinfliessen. Die Grundannahme aller Ansätze ist, dass Erkenntnis als Konstruktionsprozess zu verstehen ist und die Wirklichkeit das Produkt dieses Prozesses ist, d.h. die Wirklichkeit wird nicht gefunden, sondern sie wird von einem Beobachter operativ erfunden/erzeugt, deutlicher ausgedrückt bedeutet dies: „Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (Foerster, 1997a, S. 26). Der RK kann als nicht-reduktionistische kognitionstheoretische Erkenntnistheorie aufgefasst werden (Schmidt, 1996). Er versucht den Begriff „Wissen“ von seiner Verknüpfung mit der Ontologie zu befreien (Glasersfeld, 1997). Gegenpole aus konstruktivistischer Sicht sind z.B. erkenntnistheoretische Realisten1 und erkenntnistheoretische Idealisten, die beide die Möglichkeit, gesichertes Wissen zu erlangen, vertreten. Erkenntnistheoretische Realisten halten die Erfahrung der Dinge einer Aussenwelt als die einzige Quelle gesicherten Wissens, während erkenntnistheoretische Idealisten die einzige Möglichkeit, Wissen über die Welt in Erfahrung zu bringen, in der Vernunft sehen (vgl. Roth, 1999).

Die ontologische Realität (Kant’s „Ding an sich“) wird im RK keineswegs geleugnet, wie dies Kritiker unterstellen, sondern der Zugang zu der Realität, die unabhängig vom erkennenden Individuum existiert und eine autonome Ordnung besitzt, wird geleugnet. Damit verabschiedet sich der RK von einem Wissensbegriff, der Wissen als Repräsentation oder Bild der ontischen (vom Bewusstsein unabhängigen) Realität ansieht. Wissen wird als „... Repertoire an Begriffen, begrifflichen Beziehungen und Handlungen oder Operationen, die sich in der Verfolgung unserer Ziele als viabel erwiesen haben“ (Glasersfeld, 1997, S. 202) angesehen.

Ernst von Glasersfeld ist der Gründer des RK. Neben ihm sind Heinz von Foerster und Humberto R. Maturana zu nennen, deren gemeinsamer Hintergrund die kybernetischsystemtheoretische Forschung bildet.2

Theorien der Selbstorganisation und die Prozesse der Selbstreferenzialität haben entschieden mitgewirkt, die Erkenntnistheorie des RK weiter zu entwickeln.

2. Einführung in den Radikalen Konstruktivismus

2.1. Ernst von Glasersfeld:

Um sich von anderen Arten des Konstruktivismus abzugrenzen, nennt Glasersfeld seinen „Radikalen Konstruktivismus“. Das Radikale an diesem Ansatz ist, dass Glasersfeld eine Erkenntnistheorie etabliert, die ohne Ontologie und damit ohne Repräsentation von Wahrnehmung und Realität auskommt. Seine Grundprinzipien sind:

- Wissen wird nicht passiv aufgenommen, sondern aus der eigenen Erfahrung abstrahiert und damit aktiv von jedem Individuum selbst aufgebaut, ähnlich einer körperlichen Fertigkeit (Glasersfeld, 1997, S. 147).
- Kognition ist eine adaptive Funktion und dient der Erzeugung viabler Verhaltensweisen und nicht der Entdeckung oder Abbildung einer ontologischen Realität.

Der RK interessiert sich dafür, wie Wissen gewonnen wird und bezieht sich dabei nur auf Erfahrungswissen, nicht auf metaphysisches Wissen. Die Annahmen der Wissenskonstruktion orientieren sich an Piaget’s Kognitionstheorie.

Das Erfahrungswissen wird induktiv aufgebaut und setzt sich aus dem figurativen Wissen, das auf Koordination und Abstraktion von sensomotorischen Erfahrungen aufbaut, und dem operativen Wissen, das durch reflexive Abstraktion aufgebaut wird, zusammen.

Wissen bezieht sich demnach auf begriffliche Strukturen, die erkennende Individuen innerhalb ihrer traditionellen Denk-Sprech-und Schreibmuster als viabel (gangbar) erachten. Damit ist Wissen „... eine Landkarte dessen, was die Realität3 uns zu tun erlaubt“ (Glasersfeld, 1997, S. 202).

Die Ziele des Wissens liegen auf zwei Ebenen, auf der biologischen und der begrifflichen.

Die Viabilität4 (Gangbarkeit) auf der biologischen Ebene bezieht sich auf die evolutive Angepasstheit, d.h. ein Organismus muss unter den einschränkenden Bedingungen seiner Umwelt in der Lage sein, sein Gleichgewicht zu erhalten und zu überleben. Dies bedeutet aber nicht, dass viable Organismen durch den Druck der Umwelt erzeugt werden, sondern sie sind schon vor der Umweltänderung da (Glasersfeld, 1998b). Der Begriff „passen“ meint hier nur ein Durchkommen und nicht ein Angleichen an die Umwelt.

Die Viabilität auf der begrifflichen Ebene bezieht sich auf das begriffliche Gleichgewicht der kognitiven Strukturen, die erwartbare Ergebnisse geliefert haben und diese auch in Zukunft liefern werden, ohne begriffliche Widersprüche auftreten zu lassen. Ein Gleichgewicht (Äquilibrium) ist dann hergestellt, wenn die eigenen Begriffe und Vorstellungen mit der Erlebniswelt harmonisch verbunden sind.

Damit ein Individuum Wissen aus seiner Erfahrung abstrahieren5 kann, muss es erstens ein Gedächtnis besitzen, damit es Erfahrungen als Vorstellungen rekonstruieren kann, und zweitens die Fähigkeit der Reflexion, um die jeweiligen Erfahrungen zu untersuchen und zu ordnen, indem es Wiederholungen feststellen kann.

Um Wiederholungen erkennen zu können, muss das Individuum die Fähigkeit zur Re- Präsentation6 von Gegenständen besitzen. Die Fähigkeit der Re-Präsentation und die individuelle Identität, welche die Gleichsetzung eines Objektes als ein und dasselbe schaffen, sind die wesentlichen Bestandteile der Objektpermanenz. Erst durch die Objektpermanenz wird dem Objekt Fortdauer zugeschrieben, ob es faktisch erfahren wird oder nicht. Wiederholungen werden dadurch erkannt, dass das Individuum neue Erfahrungen in seine bereits verfügbare begriffliche Struktur assimiliert. Das Individuum vergleicht Neues in Bezug auf Bekanntes und betrachtet Übereinstimmungen in bestimmten Beziehungen zwischen neuen und bekannten Erfahrungen als identisch. Dabei werden Unterschiede übersehen. Das Individuum kann nur das wahrnehmen (assimilieren), was in seine kognitiven Strukturen passt (vgl. Glasersfeld, 1998a). Auf Grund mehrmaliger Assimilation werden wiederholbare Konstrukte (Entitäten) als regelmässig angesehen. Diese Regelmässigkeiten können eingeteilt werden in Korrelationen, bei denen die Reihenfolge der Entitäten beliebig ist, in feste Folgen, bei denen stets dieselbe Reihenfolge der Entitäten auftritt, und in Kausalfolgen, bei denen eine Entität stets die Ursache einer folgenden ist (Glasersfeld, 1997, S. 98). Alle drei Regeln können zur Vorhersage verwendet werden. Kausalregeln können zusätzlich auch der Erklärung und Kontrolle von erlebten Folgen dienen.

Entspricht das Ergebnis der Handlung nicht den Erwartungen des Individuums, dann entsteht eine Perturbation (Störung), die z.B. Überraschung oder Enttäuschung sein kann (Glasersfeld, 1998a, S. 117). In diesem Fall wird versucht, die Ausgangssituation, wenn sie wieder herstellbar ist, erneut zu überprüfen und Aspekte zu finden, die bei der Assimilation nicht berücksichtigt wurden. Die Perturbation kann dazu führen, dass zu den Wiedererkennensprozessen eine neue einschränkende Bedingung hinzugefügt wird, welche die Bedingungen verändert, unter denen die Aktivität ausgelöst wird oder die hinzugefügte Bedingung kann ein neues schème7 bilden (Akkomodation). Bei Akkomodation unterscheidet Glasersfeld zwischen bewusster und unbewusster Akkomodation. Unbewusste Akkomodationen werden der Anpassung zugeschrieben. Bewusste Akkomodationen führen zu Einsicht und damit zu einem Verstehen der Zusammenhänge.

Lernen findet nach diesem Modell dann statt, wenn ein Ereignis nicht das erwartete Ergebnis erbringt und die daraus entstandene Perturbation zu einer Akkomodation führt, die das Gleichgewicht wiederherstellt.

Bei der Konstruktion des Wissens betont Glasersfeld auch die soziale Komponente8, durch die das Individuum in die Lage versetzt wird, eine höhere intersubjektive Wirklichkeit zu konstruieren (zweite Ebene der Viabilität).

Innerhalb der individuellen Wissenskonstrukte muss eine Person Konstrukte aufbauen, die Wesen konstruieren, die ähnlich wie das Individuum selber wahrnehmen, sich bewegen und auch Ziele verfolgen, d.h. es muss Konstrukte von Menschen aufbauen. Das Individuum muss diesen Wesen Fähigkeiten zuschreiben, die zu verlässlichen schèmes führen. Diese perzeptuellen und kognitiven Zuschreibungen können aber nur anhand der Fähigkeiten, die das Individuum an sich selber feststellt, den anderen untergeschoben werden. Kant (1781, S. 223; nach Glasersfeld, 1997, S. 206) beschreibt dies sehr genau: „Es ist offenbar: daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will, man sich selbst an seine Stelle setzen und als dem Objecte, welches man erwägen wollte, sein eigenes Subject unterschieben müsse...“. Wenn sich die Erwartungen (die subjektiven Unterschiebungen) des Individuums bestätigen, dann kann es berechtigterweise davon ausgehen, dass die Anderen eine ähnliche Wirklichkeitskonstruktion aufgebaut haben und aus ihr ähnliche Konsequenzen gezogen haben. Dies führt dazu, dass ein schème eine zweite Ebene der Viabilität erreicht, welche die Erfahrungswirklichkeit des Individuums verstärkt. Daher besitzt der Begriff des „anderen“ eine entscheidende Rolle im RK.

Als Begründungsansatz seiner Theorie bezieht sich Glasersfeld auf ein kybernetisches Modell der Wahrnehmung von William T. Powers (1973), indem davon ausgegangen wird, dass Wahrnehmung von Verhalten gesteuert wird. Wahrnehmung und alle darauf aufbauenden höheren Erkenntnisfunktionen werden nach diesem Modell als Konstruktion von Invarianten verstanden. Das Modell arbeitet mit drei kreisförmig wechselwirkenden Einheiten, einer Sensor- Funktion (Input), einem Vergleichselement (Komparator) und einer Effektor-Funktion (Output) (Richards & Glasersfeld, 1996, S. 197). Der Sensor erzeugt ein Signal, das an den Komparator weitergeleitet wird. Hier wird es mit einem vorweg festgelegten Referenzwert verglichen. Bei einer Differenz zwischen dem Sensor-Signal und dem Referenzwert entsteht ein Fehlersignal, das an den Effektor weitergeleitet wird und dort eine spezifische Aktivität auslöst. Auf Grund der Effektor-Aktivität wird eine Handlung ausgelöst, die zu einer Veränderung des Sensor-Signals führt. Diese Handlung wird so lange fortgesetzt, bis die Diskrepanz des Signals zu dem Referenzwert verschwunden ist. Der Zweck dieses Prozesses besteht nicht darin, vorgegebene Eigenschaften der Welt in den Organismus aufzunehmen, sondern dafür zu sorgen, dass ausserhalb des Organismus nichts anderes ist, als das, was den internen Bedürfnissen des Organismus entspricht. Hierbei gibt es Ebenen ansteigender Ordnung. Diese höheren Prozesse lassen sich verstehen, wenn man annimmt, dass die Schleifen (Kreisanordnung von Sensor- Funktion, Komparator, Effektor-Funktion) erster Ordnung ihrerseits wieder durch Rückkopplungsschleifen zweiter Ordnung geregelt werden, diese wiederum durch Schleifen dritter Ordnung usw. Dabei bestimmen die Referenzwerte der höheren Ebenen die Referenzwerte der niedrigeren Ebenen. Auf diese Weise entstehen Invarianzkonstruktionen. Diese beziehen sich nicht nur auf einfache Grössen, sondern auch auf abstrakte Gegenstände, wie z.B. elementare Sinnessignale, Wahrnehmungsobjekte, einfache Prozessabläufe bis hin zu organisierten Systemen, Theorien und Modellen (Richards & Glasersfeld, 1996, S. 208-209). Durch die Hierarchisierung von Schleifen entsteht eine zunehmende Abkopplung von der Umwelt.

Dieses Modell bildet für Glasersfeld (Richards & Glasersfeld, 1996, S. 221) die Begründung dafür, dass es weder gute Gründe gibt, anzunehmen, dass unsere Sinne uns die Dinge so zeigen wie sie sind noch dass „... die ontologische Realität etwas besitzt, das wir >>Struktur<< nennen könnten.“

2.2. Heinz von Foerster

Heinz von Foerster gilt als der Vater der Kybernetik zweiter Ordnung. Der Begriff „Kybernetik“ wurde von Norbert Wiener im Jahre 1948 geprägt. Die Kybernetik beschäftigt sich mit Regelungszusammenhängen und Nachrichtenübertragungen in Lebewesen und Maschinen. Das fundamentale Prinzip ist dabei die Zirkularität. Diese Kybernetik erster Ordnung trennt Subjekt und Objekt voneinander und verweist somit auf eine unabhängige Welt ausserhalb des Individuums.

Die Kybernetik zweiter Ordnung beschäftigt sich dagegen mit Systemen, die ihrerseits Beobachtungen ausführen. Dadurch wird die Beobachterabhängigkeit allen Erkennens thematisiert. Die gesamte Begrifflichkeit ändert sich in der Kybernetik zweiter Ordnung, die Beschreibungen werden immer zu Beschreibungen von sich selbst (Beschreibungen von Beschreibungen), z.B. Verstehen verstehen, Lernen lernen, Erkennen erkennen usw. Die grundlegenden Themen der Kybernetik zweiter Ordnung sind die Selbstreferenz und die Geschlossenheit. Dies versucht Foerster anhand von Nicht-Trivialen Maschinen zu verdeutlichen (vgl. Foerster, 1997d; 1997f; 1998).

Foerster unterscheidet zwischen Trivialen Maschinen (TM) und Nicht-Trivialen Maschinen (NTM).

Eine TM ist syntethisch und analytisch determiniert, vorhersagbar und geschichtsunabhängig. Eine TM verbindet ihren Input mit ihrem Output auf eindeutige und fehlerfreie Weise. Auf Grund der eindeutigen Festlegung der Funktion f ist sie ein synthetisch deterministisches System. Ein Beobachter, der die Input-Output Beziehung nicht kennt, kann diese nach wenigen Versuchen erschliessen (analytische Determination). Ein Output (y) der nach einem bestimmten Input (x) beobachtet wird, tritt jederzeit wieder auf, sobald der gleiche Input (x) erfolgt. Damit ist eine triviale Maschine vorhersagbar und geschichtsunabhängig.

Eine NTM hingegen ist synthetisch determiniert, geschichtsabhängig, unvorhersagbar und analytisch indeterminierbar. Ein Output (y) der nach einem einmaligen Input (x) beobachtet worden ist, muss nicht noch einmal beobachtet werden, wenn der gleiche Input (x) wieder auftritt. Die Operationen einer NTM hängen von ihren internen Zuständen ab, die sich selbst wieder auf die vorausgegangenen Operationen beziehen. Der jeweilige interne Zustand liefert (1) zusammen mit dem Input (x) einen Input für eine TM F innerhalb einer NTM, die den Output (y) für die NTM berechnet und (2) einen Input für eine zweite TM Z innerhalb einer NTM, die den nachfolgenden internen Zustand (z) errechnet (Foerster, 1997d, S. 248).9 Aus diesem Grund ist eine NTM synthetisch determiniert.

NTM sind unvorhersagbar, weil sie sich laufend auf ihre Geschichte (Geschichtsabhängigkeit) beziehen. Diese Geschichte kann einem Beobachter nie vollständig zur Verfügung stehen. Ein Beobachter, der die Input-Output-Funktion einer NTM nicht kennt, kann diese nicht nach einer endlichen Anzahl von Versuchen erschliessen (analytische Indeterminiertheit). Durch rekursive Berechnungen, wie sie NTM durchführen, bilden sich dynamische Gleichgewichtszustände aus. Diese bezeichnet Foerster, in Anlehnung an den Mathematiker David Hilbert, als Eigenwerte10.

Eigenwerte haben folgende Eigenschaften: sie sind diskret, d.h. sie stellen einen Gleichgewichtszustand dar, die Eigenwerte und ihre jeweiligen Operationen implizieren sich gegenseitig und sie sind selbstreferenziell, da sie sich selbst erzeugen (Foerster, 1997b; 1997d).

Ein Beispiel anhand der Sensomotorik eines Organismus (Foerster, 1997e, S. 276-278) verdeutlicht die Eigenwertthematik. Die Ausgangsthese Foerster’s besagt, dass das Motorium die Interpretation des Sensoriums liefert, und das Sensorium die Interpretation des Motoriums liefert.

(1) Die Aktivität des Sensoriums s0 wird durch eine Funktion M der motorischen Aktivität m0 erzeugt und (2) die motorische Aktivität m1 wird durch eine Funktion S der sensorischen Aktivität so erzeugt11:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Lösungen für (9) stellen damit alle Werte von m• dar, die sich unter Anwendung von OP selbst erzeugen. Dies bedeutet, dass ein Organismus sein Verhalten so lange rekursiv errechnet bis sich ein stabiles Verhalten ausgebildet hat. Dabei müssen die Operationen mit den jeweiligen einschränkenden Bedingungen übereinstimmen. Ein Organismus kann Wissen, auf Grund seiner kognitiven Prozesse, nur für sein eigenes Verhalten ausbilden. Daraus folgt, dass das Ergebnis von Beobachtungen keine subjektunabhängige objektive Welt abbildet, sondern von dem Organismus errechnet/erzeugt wird.

Als Begründungsannahme für die interne Errechnung der Welt nimmt Foerster das Prinzip der undifferenzierten Codierung (Foerster, 1996; 1998). Dieses Prinzip besagt, dass Wahrnehmung ausschliesslich von den Operationen des Gehirns abhängt und nicht in den Sinnesorganen stattfindet. Die Erregungszustände der Nervenzellen codieren nur die Intensität und die Topologie der Erregungsursache, also ein <wie viel> und ein <woher>, aber nicht die physikalische Natur der Erregungsursache, das <was>.

Foerster bringt die Erkenntnisse, dass Organismen als kognitive Systeme nur innerhalb ihrer kognitiven Bereiche agieren, die Umwelt nur als Perturbation erfahren wird und sie dabei versuchen interne Stabilitätszustände zu errechnen, auf das Prinzip <Ordnung aus Störung> (order from noise) (Foerster, 1997c). Um den Aufbau der Ordnung zu errechnen, operieren verschiedene Faktoren zusammen: die Störung, die aus der Umwelt auf den Organismus einwirkt, schèmes12 zur Ordnungsbildung, gehirninterne Bewertungen der Operationen, die Sensomotorik, Gedächtnisleistungen und gesellschaftliches Wissen (Schmidt, 1992, S. 430).

Für die systemtheoretische Soziologie lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Kybernetik zweiter Ordnung aus zwei Gründen: (1) wird hier der Einfluss des Beobachters während des Beobachtens auf das System thematisiert und (2) operieren in der Kybernetik zweiter Ordnung Systemzustände nur mit sich selber und bilden dabei Eigenwerte aus, die eine Wirklichkeit mit eigenen Regeln konstruieren. Diese Regeln müssen von der Soziologie zur Bewältigung von Komplexität und Kompliziertheit identifiziert werden (vgl. Degele, 1997).

2.3. Die Theorie lebender Systeme:

Die Erkenntnisse des Konstruktivismus können in die Theorie lebender Systeme der beiden chilenischen Biologen Maturana und Varela eingeordnet werden.

Die Grundannahme der Theorie lebender Systeme besteht darin, dass lebende Systeme autopoietische Systeme sind, d.h. es sind selbsterzeugende, selbstorganisierende, selbstreferenzielle und selbsterhaltende Systeme.

Ein autopoietisches System ist als ein Netzwerk von Produktionsprozessen (der Transformation und der Destruktion) der jeweiligen Komponenten organisiert, die wiederum die Komponenten erzeugen, die (1) durch ihre Interaktionen und Transformationen kontinuierlich das Netzwerk der Prozesse, die sie erzeugen, realisieren und regenerieren und (2) den Organismus als zusammengesetzte Einheit in dem Raum konstituieren und realisieren, in welchem die Komponenten existieren (Varela, 1979). Vereinfacht ausgedrückt, bedeutet dies, dass das System zirkulär die Komponenten erzeugt, aus denen es besteht und sich damit über die Bestandteile seiner Komponenten selbst erzeugt. Die Komponenten hingegen erhalten sich selbst, indem sie die Erhaltung aller anderen Komponenten Gewähr leisten, die für ihre eigene Erhaltung notwendig sind.

Autopoietische Systeme weisen eine Struktur und Organisation auf, die zueinander komplementär sind, d.h. Organisation und Struktur sind voneinander abhängig, aber das eine kann nicht auf das andere reduziert werden.

Autopoietische Systeme sind selbstreferenzielle Systeme, die sich zur Aufrechterhaltung ihrer Organisation ausschliesslich auf sich Selbst beziehen und dementsprechend gegenüber ihrer Umwelt autonom bleiben (organisationelle Geschlossenheit) und informationsdicht sind. Es kommt weder informationeller Input in ein autopoietisches System hinein noch Output heraus. Sie sind informationell geschlossen, aber thermodynamisch offen. Das System erzeugt die Information, die es benötigt, innerhalb seiner eigenen kognitiven Prozesse.

Autopoietische Systeme sind struktur-spezifizierte/strukturdeterminierte Systeme. Die Struktur legt sowohl die Organisation eines Organismus fest als auch die Veränderungen, die ein autopoietisches System durchmachen kann. Die Struktur determiniert „...the space in which it exists and can be perturbed” (Maturana, 1975, S. 316).

Während die Organisation invariant gehalten werden muss, kann sich die Struktur innerhalb der strukturell vorgegebenen Möglichkeiten (strukturelle Determination) laufend verändern. Auf Grund der Invarianz der Organisation bewahren lebende Systeme eine spezifische Identität. Die Organisation legt die Grenzen fest, innerhalb derer die Veränderungen stattfinden können, ohne dass die Klassenidentität des Systems verloren geht.

Auf Grund der Strukturdeterminiertheit sind autopoietische Systeme operationell geschlossen, ihre jeweiligen Operationen hängen von dem Zustand der jeweiligen vorherigen Operationen ab.

Autopoietische Systeme operieren induktiv und konservativ. Die Handlungsweisen, die erfolgreich waren (funktioniert haben), werden beibehalten.

Autopoietische Systeme sind einerseits mit einem Medium und andererseits mit interagierenden lebenden Systemen durch strukturelle Kopplung verbunden. Kontinuierliche Interaktionen strukturell plastischer Einheiten13 in einer Umgebung mit rekurrenten Perturbationen erzeugen eine kontinuierliche Selektion der Systemstruktur. Diese Struktur determiniert den Zustand des Systems und seiner Bereiche erlaubter Perturbationen und gestattet einem Organismus, ohne Verlust seiner Autopoiesis, in seiner Umgebung zu operieren. Die Kopplung eines Organismus an sein Medium wird ontogenetische Anpassung genannt. Ist ein Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht an sein Medium gekoppelt zerfällt er.

Durch die strukturelle Kopplung zweier plastischer Systeme bildet sich ein konsensueller Bereich14 aus. Konsensuelle Bereiche werden definiert durch die Strukturen ihrer interagierenden plastischen Einheiten und der Entstehungsgeschichte der Einheiten. Die strukturell plastischen Einheiten dienen sich gegenseitig auf reziproke Weise als Quelle von Perturbationen.

Sprachliche Interaktionen koppeln die kognitiven Bereiche der jeweiligen Akteure miteinander.15 Die Funktion der Sprache liegt nach Maturana nicht darin, Information zu übertragen, sondern stellt eine gegenseitige Orientierung der Organismen innerhalb ihrer kognitiven Bereiche dar. Der Orientierte entscheidet, unabhängig von der Bedeutung der Botschaft für den Orientierenden, wohin er seinen kognitiven Bereich orientiert. Ein Konsens ergibt sich dabei nur, wenn das entstehende Verhalten für beide Organismen dienstbar gemacht werden kann.

Ein zentraler Punkt in der Theorie lebender Systeme ist der Beobachter, denn „Everything said is said by an observer“ (Maturana & Varela, 1980, S. XIX).

Ein System, das mit seinen internen Zuständen interagieren kann und von diesen Zuständen Beschreibungen konstruieren kann, operiert als Beobachter und erzeugt über seine kognitiven Prozesse die Konstrukte seines Systems und seiner Umwelt.

Der Beobachter wird in internen und externen Beobachter geschieden. Der interne Beobachter beobachtet seine internen Zustände, z.B. seine Denk- und Wahrnehmungsakte. Der externe Beobachter beobachtet Organismen und ihre Umwelt und versucht Gesetzmässigkeiten festzustellen.

Beobachter operieren in einem konsensuellen Bereich und können ausserhalb dieser Bereiche nicht existieren. Daher ist jede Feststellung eines Beobachters notwendig konsensuell. Die primäre Operation eines Beobachters besteht darin, Unterscheidungen zu treffen, welche die Umgebung eines Systems in Objekt und andere (Maturana, 1978) trennt. Durch rekursive Unterscheidungen von Entitäten wird der Beobachter in die Lage versetzt, so zu operieren, als ob er eine distinkte Einheit darstellt, die getrennt von seiner Umgebung, in der er sich selber wieder findet, operiert. Der Beobachter kann aber nicht abseits von seiner Umgebung stehen, da der einzige Bereich, indem er operieren kann, sein organisationell und operationell geschlossener kognitiver Bereich ist.

Die Einführung des Beobachters führt dazu, dass autopoietische Systeme relativistisch sind in Bezug auf (1) die Person des Beobachters (2) die Geschichte des Beobachters und (3) die Interaktionen der Beobachter.

2.4. Theorien der Selbstorganisation:

Unter Selbstorganisation versteht man die Evolution einer Systemstruktur, unter Abwesenheit spezifischer externer Einschränkungen. Die Einschränkungen der Organisation befinden sich innerhalb des Systems. Sie entstehen durch die Interaktion der Komponenten der Organisation. Die Organisation kann sich sowohl im Raum als auch in der Zeit entwickeln, sie kann dabei eine dauerhafte oder eine kurzfristige Form aufrechterhalten.

Neuere Konzepte der Selbstorganisation zeigen zwei gemeinsame Merkmale auf: erstens sind sie energetisch offen. Dadurch können sie den Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts nicht erreichen. Zweitens sind sie operational geschlossen (Krohn et al., 1996). Das Forschungsfeld der Selbstorganisation sucht nach allgemeinen Regeln der Evolution von Systemstrukturen, nach den Formen, welche die Organisation annehmen kann und nach Methoden, um zukünftige Organisationsformen, die aus dem Zusammenspiel der vorhandenen Komponenten entstehen könnten, vorherzusagen.

Hierbei lassen sich fünf Entwicklungsstränge verfolgen (vgl. Krohn et al., 1996, S. 447-452):

1. Heinz von Foerster’s Arbeiten (siehe 2.2.)

2. Die Arbeiten der irreversiblen Thermodynamik und die Theorie der dissipativen Strukturen von Ilya Prigogine. Chaotische Systeme, die vom thermodynamischen Gleichgewicht weit entfernt sind, können sich selbst organisieren. Ihr zufälliges Verhalten führt bei kritischen Werten zu komplexen Rückkopplungen und spontanen Ordnungen. Dies wird als dissipative Struktur bezeichnet (vgl. Prigogine & Stengers, 1989).

Ein Prinzip hierbei ist „order through fluctuation“. Fluktuationen, Externe Perturbationen und Eigenfluktuationen können ein instabiles System in einen neuen Zustand versetzen. Dadurch wird das System in die Lage versetzt sich zu entwickeln.

3. Die Arbeiten zur molekularen Selbstorganisation von Manfred Eigen. Das Modell des Hyperzyklus zeigt, dass Selektions- und Evolutionsprozesse schon auf der molekularen Ebene auftreten. Basalsätze passender Nukleinsäuren und Proteine unterliegen einem Selektionsdruck. Ihre Evolutions-Geschwindigkeit unterscheidet sich dabei von der EvolutionsGeschwindigkeit der Organismen, aus denen sie isoliert wurden.

In einem Hyperzyklus instruiert ein Nukleinsäuremolekül die Synthese vieler gleichartiger Proteinmoleküle, die wiederum die Synthese neuer Nukleinsäuremoleküle bewirken. Die Menge des synthetisierten Materials steigt dementsprechend exponenziell an.

4. Herrmann Haken’s Theorie des Lasers. Haken konnte zeigen, wie die Interaktion zwischen vielen unabhängigen Laseratomen und einem fotoelektrischen Feld unter bestimmten Einschränkungen zu einer Koordination der Aktivitäten der Laseratome und damit zu einem praktisch endlosen monochromatischen Lichtstrahl führte. Die Laseratome werden durch ihr eigenes Lichtfeld versklavt (Enslaving-Prinzip) und gezwungen sich rhythmisch zu bewegen. Diese Versklavung stellt eine zirkuläre Kausalität zwischen Lichtfeld (Makroebene) und Laseratomen (Mikroebene) dar. Hieraus ist die Synergetik entstanden.

5. Der letzte Ansatz stammt aus der modernen Ökologie. In der Mitte der 60er-Jahre wurden hier die Untersuchungen über die Stabilität von Ökosystemen jenseits des Gleichgewichts und das Konzept der Koevolution zu neuen Modellkonstrukten (Krohn et al., 1996).

Kennzeichen selbstorganisierender Systeme sind (nach Krohn et al., 1996, S. 460-463):

1. Systembegriff:

Es handelt sich hierbei um offene Systeme mit selbsterzeugter Hierarchie. Deren Gleichgewichte sind stationär (dynamisch) und befinden sich auf Grund ihrer Offenheit fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht. Die komplexen Eigenschaften werden erst bei Berücksichtigung der Nichtlinearität eines Systems sichtbar. Auf Grund der Nichtlinearität verhält sich ein Systemoutput disproportional zu seinem Stimulus (DeGreen, 1990).

2. Umweltbegriff:

Die Umwelt wirkt in unspezifischer Weise durch Perturbationen auf das System ein. Das selbstorganisierende System greift dabei aktiv in seine Umwelt ein und manipuliert innerhalb gewisser Grenzen die Bedingungen unter denen es sich erhalten kann. Das System setzt sein Medium voraus, aber produziert es ebenso mit.

3. Randbedingungen:

Die Randbedingungen gehören zum System. Die Möglichkeit über sie zu verfügen, trägt zur Selbsterhaltung und zur Regulation der Systemidentität bei.

4. Dynamik:

Hier steht der Prozesscharakter eines Systems mit seiner Irreversibilität im Vordergrund. Systeme sind irreversibel, wenn ihre ursprünglichen Zustände entweder nicht mehr wiederholbar oder nicht mehr erreichbar sind.

5. Kausalität:

Die Kausalität ist zirkulär. Systemoutputs können wieder als Systeminputs dienen.

6. Zeitbegriff:

Das System koordiniert seine internen Prozesse innerhalb seiner eigenen Zeit (systemischer Zeitrelativismus). Das System setzt mit seiner eigenen Zeitstruktur eine bestimmte Struktur des Mediums voraus, die das System selber in der Realisation seiner internen Zeitstruktur konstruiert.

7. Gesetzesbegriff:

Ordnung konstituiert sich emergent durch Fluktuationen. Emergent sind Systeme dann, wenn nach Erreichen eines kritischen Wertes, das Verhalten eines Systems nicht mehr auf die Summe seiner Teile zurückführbar ist. Im Rahmen der Chaostheorie können selbstorganisierende Systeme niemals auf ihre Teile reduziert werden, da die Teile durch Iteration und Rückkopplung ständig miteinander wechselwirken und ihre Anfangsbedingungen niemals genau bestimmbar sind.

3. Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit: neurophysiologische und neurobiologische Belege

Die Sinnesorgane übersetzen die Umweltreize in eine neuronale Einheitssprache, die das Gehirn verstehen kann. Hierbei verlieren die Umweltreize ihre Spezifität (Prinzip der Neutralität des neuronalen Codes). Die Modalität eines Reizes (Sehen, Hören usw.) und ihre Qualität (Farbe, Tonhöhe) werden durch den Verarbeitungsort und durch das Prinzip der getrennten Verarbeitungsbahnen16 codiert, die Intensität (hell/dunkel, leise/laut) wird über die Frequenz der neuronalen Entladung, d.h. in die Zahl von Aktionspotenzialen pro Zeiteinheit codiert, die Zeitstruktur (kurz/lang, periodisch/aperiodisch) wird über Beginn und Ende einer Entladung codiert und der Ort wird über die zeitliche und/oder räumliche Beziehung innerhalb der Rezeptoroberfläche codiert (Roth, 1996a, 1998, 1999). Aus diesen Ergebnissen folgt, dass in den Sinnesorganen keine Wahrnehmung stattfindet. Die Sinnesorgane können eine Welt <da draussen> nicht abbilden. Der Sinneseindruck eines Organismus entsteht im Gehirn. Das Gehirn ist ein kognitiv geschlossenes System, dass neuronale Signale nach seinen eigenen Kriterien deutet und bewertet. Das Gehirn ist ein selbstreferenzielles nicht-autopoietisches17 System, dessen neuronale Zustände zirkulär angeordnet sind und rekursiv miteinander wechselwirken. Das Gehirn kann durch Perturbation von der Umwelt beeinflusst werden, aber die Qualität und Quantität dieses Einflusses sind durch die funktionale Organisation festgelegt und damit vollständig durch das selbstreferenzielle System. Das Gehirn ist dadurch ein selbstexplikatives System, d.h. es weist seinen Zuständen Bedeutungen zu, die nur aus ihm selbst genommen sind, aus der eigenen internen Erfahrung und aus phylogenetischer Festlegung. Fehler in einem Sinnessystem können nur anhand widersprüchlicher Information aus anderen Sinnessystemen erkannt werden. Dabei besitzen verschiedene Sinnessysteme unterschiedliche Glaubhaftigkeit. Die grösste Bedeutung haben das Gleichgewichtssystem und danach das Tastsystem. Alle anderen Systeme ordnen sich diesen beiden unter.

Auf Grund der Selbstreferenzialität erzeugt das reale Gehirn eine Wirklichkeit18, die aus drei Bereichen besteht: der Außenwelt, der Körperwelt und der Ich-Welt (die Welt der geistigen und emotionalen Zustände) (Roth, 1992, 1996a, 1999).

Diese drei kognitiven Welten werden nach bestimmten Kriterien abgegrenzt.

Die Aussenwelt und die Körperwelt unterscheiden sich grundlegend voneinander, während sich die Körperwelt und die Ich-Welt kaum voneinander abgrenzen lassen.

Die Körperwelt ist sensorisch und motorisch repräsentiert, d.h. alles was sensomotorisch rückgekoppelt wird, ist Körperwelt. Die Aussenwelt hingegen unterliegt weder motorischen Kommandos noch enthält sie sensorische Rückmeldungen. Die Aussenwelt wird in den visuellen, auditorischen, gustatorischen usw. Zentren repräsentiert. Für die Aussenwelt können syntaktische, semantische und pragmatische Wirklichkeitskriterien unterschieden werden (nach Stadler & Kruse, 1990; vgl. auch Roth, 1999).

Die syntaktischen Kriterien hängen von den Sinnesempfindungen selbst ab, von der Schärfe der Konturen, dem Kontrast zur Umgebung, der strukturellen Reichhaltigkeit (der Farbe, der Gestalt), der Grössen- und Formkonstanz, der Wahrnehmung durch mehrere verschiedene Sinnessysteme und der eindeutigen Lokalisation im Raum. Je lebhafter die Wahrnehmungen hinsichtlich dieser Eigenschaften sind, desto eher wird das Wahrgenommene als tatsächlich vorhanden in der Aussenwelt interpretiert.

Semantische Kriterien sind die Bedeutungshaltigkeit eines Ereignisses, die Kontextstimmigkeit, d.h. das Ereignis muss in den vorhandenen Kontext passen, und die Valenz, d.h. ein Objekt wird umso eher als tatsächlich vorhanden angesehen, je attraktiver es ist. Pragmatische Kriterien stellen das Einwirken auf Objekte, die Erwartbarkeit der Ereignisse und die intersubjektive Bestätigung dar. Objekte/Ereignisse werden dann als tatsächlich vorhanden angesehen, wenn auf sie eingewirkt werden kann, z.B. durch anfassen, wenn sie erwartbar sind und wenn sie von mehreren verschiedenen Individuen berichtet und bestätigt werden.

Der Ich-Welt wird alles das, was nicht aktuelle Wahrnehmung darstellt oder mit aktuellem Handeln zusammenhängt, zugeordnet.

Intersubjektives Verstehen ist daher nur möglich, wenn sich konsensuelle Bereiche im Sinne Maturana’s (siehe 2.3.) ausbilden. In diesem Bereich werden Signalen von individuellen kognitiv geschlossenen Gehirnen dieselben Bedeutungen zugewiesen. Verstehen und Nicht-Verstehen hängen somit von den gemeinsamen Vorerfahrungen und dem Vorwissen ab. „Mißverstehen ist ein Normalfall, Verstehen hingegen der Sonderfall“ (Roth, 1999, S. 336). Nur unter spezifischen sozialen Bedingungen kann das reale Gehirn die Wirklichkeit erzeugen. Daher ist die individuelle Wirklichkeit immer auch eine soziale Wirklichkeit.

4. Die konstruktivistische Sozialtheorie von Peter M. Hejl

Hejl berücksichtigt in seiner konstruktivistischen Sozialtheorie bewusst die Annahmen von Glasersfeld, Foerster und Maturana.

Nach Hejl ist eine konstruktivistische Sozialtheorie eine spezifische Form des Problemlösens, die sich durch ihre Viabilität auszeichnet und nicht durch Abbildung mit einer transphänomenalen Realität. Zusammenfassend gilt, dass eine konstruktivistische Sozialtheorie Konstrukte erarbeitet, welche die Wahrnehmungen sozialer Phänomene durch lebende Systeme dadurch erklären, dass „... die Komponenten der Modelle/Systeme durch ihre Interaktion die als Problem gewählten Phänomene erzeugen“ (Hejl, 1998, S. 112), dass die Überprüfungskriterien der jeweiligen Konstrukte (Modelle) nicht die Entsprechung mit der ontologischen Realität sind, sondern ihre Problemlösungskapazität, Konsistenz und Verknüpfbarkeit mit anderen Modellen/Theorien, und dass soziale Prozesse dementsprechend als Prozesse der Wirklichkeitserzeugung und darauf abgestimmte Handlungen angesehen werden.

Hejl sieht lebende Systeme als selbsterhaltende Verknüpfungen selbstorganisierender oder selbsterzeugender Prozesse an.

Aufbauend auf diesen Annahmen versucht Hejl darzustellen wie und warum Gesellschaften entstanden sind. Dabei bezieht er sich auf die evolutionäre Vergrösserung des Hirnvolumens, vor allem des Frontalhirns. Die Zunahme des Hirnvolumens und die Evolution von primitiven Nervensystemen zu komplexen Nervensystemen führt zu einer Zunahme und Komplexifizierung der internen Möglichkeiten lebender Systeme zur Erzeugung von Wirklichkeiten. Das Gehirnwachstum stellt sowohl eine Gefahr dar als auch einen Vorteil. Die Gefahr besteht darin, dass lebende Systeme auf Grund zunehmender Komplexität und zunehmenden internen kognitiven Möglichkeiten, nicht mehr entscheiden können, welche Wirklichkeiten sie aus den Perturbationen (Signale) konstruieren sollen, um aktuell handeln und ihr Überleben sichern zu können. Durch die Möglichkeit zur Konstruktion neuer Wirklichkeiten erhält ein lebendes System aber auch Überlebensvorteile „für den Fall, daß es aufgrund von Veränderungen, die nicht seiner Kontrolle unterliegen, nicht mehr in der bis dahin erfolgreichen Weise seine Selbsterhaltung sichern kann“ (Hejl, 1998, S. 122).

Um die Gefahr zu vermeiden, aber die Vorteile weiter zu behalten haben lebende Systeme Gesellschaft erfunden. Die Erfindung der Gesellschaft erlaubte sowohl eine Kanalisierung der zunehmenden Gehirnkapazitäten durch die Erfindung von Mythen, Religion, Kunst und Wissenschaft als auch eine Umwandlung möglicher Gefahren in Elemente des Zusammenhalts (ders. S. 123). Die Verknüpfungen von individuellen mit sozialen Wirklichkeitsdefinitionen sicherte das biologische Überleben und erzeugte gleichzeitig Bereiche, in denen kognitive Systeme innovativ werden konnten. Subjektiv empfundene Objektivität wird von lebenden Systemen dann konstruiert, wenn Interaktionen nicht mehr zu weiteren Zustandsveränderungen des Systems führen. Wechselseitige Interaktionen führen zu einer partiellen Parallelisierung der kognitiven Systeme der interagierenden Systeme. Dadurch werden vergleichbare Wirklichkeitskonstrukte gebildet. In dem Ausmass, indem vergleichbare Wirklichkeitskonstrukte ausgebildet werden, sind soziale Bereiche entstanden.

Soziales Verhalten ist jedes Verhalten, das durch sozial erzeugte Wirklichkeitskonstruktionen gebildet wird oder das zu ihrer Bildung oder Veränderung führt (ders., S. 125).

Ein soziales System wird als eine Gruppe lebender Systeme angesehen, deren Mitglieder eine gemeinsame Wirklichkeit als Bereich sinnvollen Handelns und Kommunizierens konstruiert haben und auf diesen Bereich bezogen interagieren.

Um den Typ von System für soziale Systeme festzulegen zeigt Hejl auf, dass soziale Systeme nicht selbstorganisierend, selbsterhaltend und selbstreferenziell sind und damit keine autopoietischen Systeme sind (wie Luhmann annimmt), sondern synreferenzielle Systeme darstellen.

Selbstorganisierend sind sie nicht, weil die Bildung eines spezifischen sozialen Systems nicht wiederholt werden kann, wie dies im physikalisch-chemischen Bereich stattfindet. Selbsterhaltend sind sie nicht, weil lebende Systeme in physischer Hinsicht nicht ihre Komponenten selber erzeugen, d.h. „Soziale Systeme erzeugen nicht die lebenden Systeme, welche die sozialen Systeme konstituieren“ (ders., S. 131).

Selbstreferenziell sind sie nicht, weil sie nicht alle Zustände ihrer Komponenten organisieren und sie legen dementsprechend nicht die jeweilige systemrelative Wirklichkeit als die Einzige für die Komponenten zugängliche Wirklichkeit fest (ders., S. 135).

Synreferenzialität bezieht sich auf die im sozialen System ausgebildeten und/oder für dieses konstitutiven Zustände. Die „... Zustände der Komponenten, auf die Synreferentialität sich bezieht, [ist] die Menge der selbstreferentiellen kognitiven Zustände..., die ein Individuum zu einer Komponente in einem Sozialsystem machen“ (Hejl, 1992, S. 195). Das Relevanzkriterium der Synreferenzialität trennt Ereignisse danach, ob sie für das System relevant sind oder vernachlässigt werden können und trennt aktive Einheiten danach, ob sie Komponenten des jeweiligen Sozialsystems sind oder nicht.

Sozialer Wandel wird nach Hejl dann erzeugt, wenn sich in den unterschiedlichen sozialen Systemen, in denen ein Individuum Mitglied sein kann, Änderungen in der Wirklichkeitskonstruktion und dem damit verbundenem Verhalten ergeben. Dadurch werden die Individuen gezwungen, die sich widersprechenden Handlungsanforderungen, die durch inkompatible Wirklichkeitskonstruktionen entstanden sind, durch Ausscheiden aus dem sozialen System, durch Auflösen des sozialen Systems, durch Verhaltensänderung oder durch Variation verschiedener Wirklichkeitskonstrukte, auszugleichen.

5. Kritik am Radikalen Konstruktivismus

Der RK verwendet zur Begründung seiner Thesen wissenschaftliche Ergebnisse, vor allem aus den modernen Naturwissenschaften, obwohl diese den eigenen Prämissen zufolge nicht begründbar sind.19 Maturana z.B. hebt die Biologie zur unhinterfragten Grundlage jeder Erkenntnistheorie20. Die Argumentationsgrundlage des RK stellt somit die Biologie und die Physik dar. Daher kann der RK als Radikaler Physikalismus und Biologismus angesehen werden (Janich, 1992). Damit argumentiert der RK auf Grund der naturwissenschaftlichen Grundlagen reduktionistisch. Dies ist ein interessanter Einwand, da von Radikalen Konstruktivisten, wie z.B. Schmidt und Roth, immer wieder betont wird, dass der RK eine nicht- reduktionistische Erkenntnistheorie darstellt.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Rolle des Beobachters. Die Interaktionen des Beobachters beschränken sich rein auf das Beschreiben, auch dort wo der Beobachter als Akteur betrachtet wird, somit entsteht in der Theorie des Beobachters ein pragmatisches Defizit (Janich, 1992). Fraglich erscheint die Aufteilung des Beobachters in internen und externen Beobachter. Es wird im RK nicht geklärt, woher der externe Beobachter wissen kann, dass der interne Beobachter nur innerhalb seiner geschlossenen kognitiven Welt operieren kann, und dabei nur der externe Beobachter feststellen kann, welche Input- und Outputgrössen auf den Organismus einwirken (wie dies im kybernetischen Modell von Powers vertreten wird) und warum der interne Beobachter solche Entscheidungen nicht selber treffen kann (Locker, 1998).

Der RK enthält ein Selbstanwendungsproblem: Wenn ein Individuum keinen Zugang zur Realität besitzt, dann kann es auch nicht erkennen, dass es diesen Zugang nicht hat (Groeben, 1998, S. 155). Wenn alles menschliche Denken eine kognitive Konstruktion ist, dann stellen auch die Theorien des RK eine solche Konstruktion dar, denen nichts in der Realität entspricht (Groeben, 1998). Anhand solcher Kritiken zeigt sich ein typisches Missverständnis, da der RK die Realität nicht leugnet und damit auch eine mögliche Übereinstimmung nicht abstreitet, sondern das Wissen über die Realität als nicht zugänglich ansieht und daher annimmt, dass keine sinnvollen Aussagen über die Realität gemacht werden können.

Kritisiert wird vor allem die Aussage des RK, dass das Gehirn keinen direkten Zugang zur Welt hat. Nüse (1998) z.B. unterscheidet, aufbauend auf die „Picture Theory“, zwischen phänomenaler Welt und wirklicher Welt, zwischen denen es Zuordnungen von Eigenschaften der phänomenalen Welt und der wirklichen Welt gibt. Phänomenale Welt und wirkliche Welt weisen nach dieser Theorie unterschiedliche Eigenschaften auf, die aber miteinander kovariieren (ders., S. 178). Auf Grund der Kovariation (Synchronisation) der beiden Welten führen Änderungen in der wirklichen Welt zu gleichen Änderungen in der phänomenalen Welt. Für Nüse stellt sich auch das Problem der Wahrnehmung von Wahrnehmung21 nicht mehr, denn es gibt nur Hirnzustände, die Wahrnehmungen sind, d.h. die Aktivität des Gehirns ist Wahrnehmung. „Es gibt keine Wahrnehmung von Wahrnehmungen. Stattdessen gibt es das subjektive Erleben neuronaler Zustände... als Wahrnehmung von Objekten“ (ders., S. 184).

Weiterhin wäre hier zu fragen, ob das reale Gehirn in der Konstruktion seiner Wirklichkeit nicht Repräsentationen von realen Verhältnissen widerspiegelt und dies dann eine Rekonstruktion der Realität in unserer Wirklichkeit zur Folge hätte.

6. Zusammenfassung

In dieser Hausarbeit wurde versucht, eine kurze Einführung der verschiedenen Hauptströmungen, die den Radikalen Konstruktivismus (RK) konstituieren, zu geben. In 2.1. wurde auf die Wissenskonstruktion bei Ernst von Glasersfeld, dem Gründer des RK, eingegangen. In 2.2. wurde gesondert auf Heinz von Foerster eingegangen, der wichtige Annahmen des RK innerhalb der Kybernetik zweiter Ordnung herausgearbeitet hat. Hier vor allem die Bildung von Eigenwerten in Nicht-Trivialen Maschinen und die Konsequenzen, die sich für die Wahrnehmung daraus ergeben. In 2.3. wurde auf die Theorie lebender Systeme aus der Biologie eingegangen, deren Autopoiesis-Konzept als Grundstein konstruktivistischer Annahmen gilt. Es wurde kurz Autopoiesis erklärt und die Konsequenzen die sich daraus für lebende Systeme ergeben aufgezeigt. In 2.4. wurde auf das Konzept der Selbstorganisation eingegangen, da im RK die Begriffe der Regelung, Geschlossenheit und damit verbunden der Selbstorganisation grundlegend sind. Hierbei wurde die Entwicklungsgeschichte wichtiger voneinander unabhängiger Theorien zur Selbstorganisation und zusätzlich Kennzeichen der Selbstorganisationstheorien aufgezeigt. Dabei werden von unterschiedlichen Forschern nicht alle dargestellten Kennzeichen akzeptiert.

In 3. wurden neurophysiologisch und neurobiologisch konstruktivistische Annahmen, wie sie in Deutschland vor allem von Roth vertreten werden, dargestellt. Hier wurde das Prinzip der neutralen Codierung, auf das sich auch Foerster bezieht, und die Folgen aus diesem Prinzip erläutert.

In 4. wurde die konstruktivistische Sozialtheorie von Peter Hejl erklärt. Diese Theorie ist für den RK besonders wichtig, da hier eine konstruktivistische Sozialtheorie auf der Grundlage der radikal konstruktivistischen Kognitionstheorie entworfen wurde und damit soziologische Vorwürfe der Gesellschaftsblindheit und der Missachtung makrosozialer Prozesse im RK zurückgewiesen werden können.

Punkt 5 gibt eine kurze Übersicht über die wichtigsten Kritikpunkte am RK.

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[...]


1 Im Rk wird nicht weiter berücksichtigt, dass es den „starken“ Realismus mit seinen Annahmen der Realität von Entitäten, einer beobachterunabhängigen Realität und der Übereinstimmung von Realität und Wahrnehmung, kaum noch gibt. Die Kontextgebundenheit sämtlicher Wahrnehmungen, Urteile und Denkprozesse wird im Realismus längst nicht mehr geleugnet.

2 Ernst von Glasersfeld gibt Foerster als Mitbegründer des RK an (Glasersfeld, 1999) und stimmt mit ihm zu 95% überein und zum grössten Teil auch mit Maturana (Maresch, 1998). Maturana sieht sich selber aber nicht als Radikalen Konstruktivisten (Ziemke & Stöber, 1992).

3 Realität zeigt sich als Hindernis, an dem unser Handeln und Denken fehlschlägt.

4 Der Begriff der Viabilität ersetzt bei Glasersfeld den Begriff der Wahrheit.

5 Abstraktion wird (nach Piaget) in empirische und reflexive Abstraktion aufgeteilt. Durch die empirische Abstraktion werden Kategorien gebildet und generalisiert. Durch die reflexive Abstraktion werden Muster aus Handlungen oder Operationen abgeleitet.

6 Glasersfeld benutzt den Bindestrich in Re-Präsentation, um deutlich zu zeigen, dass der Begriff „Re-Präsentation“ als Rekonstruktion einer früheren Erfahrung angesehen werden muss und nicht als Abbild einer realen Welt.

7 In der deutschen Übersetzung wird Piaget’s Begriff „schème“ mit Schema übersetzt. Hierbei verwechseln die Übersetzer das Wort mit dem französischen Begriff „schèma“, das Piaget als vereinfachte begriffliche Anordnung verwendet, während Piaget „schème“ als dynamische Folge innerhalb des Erlebensflusses ansieht (Glasersfeld, 1997, S. 168). Ein schème besteht aus einer wahrgenommenen Situation, einer motorischen Handlung (figurative Bedeutung) bzw. mentaler Operation (operative Bedeutung), d.h. eine bestimmte Aktivität muß mit einem Gegenstand verknüpft sein, und einem befriedigenden Ergebnis, dass aufgrund früherer Erfahrungen erwartet wird (Glasersfeld, 1997, S. 168 und 180).

8 Durch die Betonung der sozialen Komponente können sowohl Einwände von Soziologen, welche die Individuenfixiertheit des RK kritisieren, als auch der Vorwurf des Solipsismus zurückgewiesen werden. Allerdings ist Glasersfeld tatsächlich primär an dem einzelnen Individuum interessiert. Für Glasersfeld kann eine sinnvolle Gesellschaftstheorie erst entwickelt werden, wenn ein hinreichend viables Modell des einzelnen erfunden wurde. Glasersfeld (1998a, S. 343-344) schreibt „... es ist absolut wahr, daß ich mich nur für das einzelne Individuum interessiere. Aber darum, weil es mir um Wissen geht. Und das Wissen... ist unweigerlich in einem Kopf“. Weiter schreibt Glasersfeld (1998a, S. 348) aber auch, dass er sehr dafür ist „... das Soziale zu berücksichtigen, zu erforschen, zu erklären, Modelle zu bauen“.

9 F bezeichnet die Antriebsfunktion y = F (x, z), Z bezeichnet die Zustandsfunktion z‘ = Z (x, z). Unter „Rechnen“ versteht Foerster jede Operation die Objekte und Symbole transformiert, strukturiert, modifiziert usw.

10 In der RK Literatur wird der Begriff „Eigenwert“ gelegentlich mit dem Begriff „Attraktor“ belegt. Hier werden Punktattraktoren, periodische Attraktoren (Grenzzyklen), quasiperiodische Attraktoren (Torusse) und chaotische Attraktoren unterschieden.

11 Auch in nicht-konstruktivistischen Kognitionstheorien, wie z.B. in der Handlungsregulationstheorie von Dörner et al. (1988), wird ein dynamischer Interaktionismus von sensorischem Netzwerk, motorischem Netzwerk und zusätzlich motivatorischen Netzwerk angenommen. Das motorische Netzwerk (motorische Aktionsprogramme) kann das sensorische Netzwerk (Schemata) über Erwartungen aktivieren. Ebenso werden sensorische Schemata von motorischen Aktionsprogrammen aktiviert. Zusätzlich ist das sensorische mit dem motivatorischen Netzwerk verbunden, um die Entstehung und Befriedigung von Mangelzuständen zu regulieren.

12 Foerster orientiert sich bei der Konstruktion von Schemata an Piaget. 6

13 Eine strukturell plastische Einheit ist eine zusammengesetzte Einheit, deren Struktur sich verändern kann, ohne dass sich die Organisationsform wandelt.

14 Der Begriff „Bereich“ stellt ein zentrales Konzept in der Theorie lebender Systeme dar. Ein Bereich bezeichnet im Allg. die Relationen zwischen beobachteten Systemen und ihren jeweiligen Medien oder die potentiellen Zustände der Relationen zwischen den gegebenen plastischen Einheiten. Maturana und Varela unterscheiden zwischen folgenden Bereichen: (1) der interaktionelle Bereich stellt die gesamten Interaktionsmöglichkeiten dar, die eine Einheit zur Verfügung hat, (2) der relationale Bereich stellt das gesamte Set an Relationen dar, durch das eine Einheit beobachtet werden kann, definiert durch die Einheiten, die sie konstituieren, (3) der kognitive Bereich stellt das Set aller Interaktionen dar, in die ein autopoietisches System treten kann ohne seine Identität zu verlieren (Maturana & Varela, 1980), (4) der phänomenologische Bereich stellt das Set an Aktionen und Interaktionen dar (Varela, 1979), (5) der konsensuelle Bereich stellt den strukturell gekoppelten Zustand mindestens zweier strukturell plastischer Einheiten dar (Maturana, 1975) und (6) der sprachliche Bereich stellt den konsensuellen Bereich kommunikativer Interaktion dar. (Maturana & Varela, 1980).

15 Maturana benutzt den Begriff „languaging“ (der Akt des Sprechens) und stellt ihm den Begriff „language“ (als symbolisches Schema) gegenüber.

16 Das Prinzip der getrennten Verarbeitungsbahnen besagt, dass alle Primärinformationen (z.B. Wellenlänge und Helligkeit des Lichts) und Sekundärinformationen, wenn sie auf höheren Stufen benötigt werden, auf getrennte Verarbeitungsbahnen weitergeleitet werden müssen. Durch Konvergenz werden Informationen zusammengefügt und auf informationsverarbeitende Zentren weitergeleitet (Divergenz). Dies bedeutet, dass sich Axone zur Bewahrung der Information aufspalten und mindestens eines dieser Axonkollaterale separat gehalten werden muss. Wenn dies nicht der Fall wäre, würde die Information aufgrund der konvergenten Verarbeitung unwiderbringlich vernichtet (Roth, 1998, 1999).

17 Autopoietische Systeme sind für Roth im strengen Sinne nicht operational geschlossen, da die Autonomie des Organismus darauf beruht, ihre Struktur gegen interne und externe Störungen aufrecht zuerhalten, während kognitive Systeme frei steuerbar sind, weil das kognitive System keinen physikalisch-chemischen Stabilitätsbeschränkungen unterliegt. Für Roth ist nur das kognitive System operational geschlossen. Damit sind kognitive Zustände, Zustände der Selbsbeschreibung und existieren nicht außerhalb dieser Systeme. Daher bezeichnet er das Gehirn als nicht- autopoietisch (Roth, 1996b).

18 Roth unterscheidet zwischen Realität (bewusstseinsunabhängige transphänomenale Welt) und Wirklichkeit (phänomenale Welt), die ein Konstrukt des realen Gehirns darstellt. „Die Wirklichkeit wird in der Realität durch das reale Gehirn hervorgebracht. Sie ist damit Teil der Realität, und zwar derjenige Teil, indem wir vorkommen“ (Roth, 1999, S. 325). Das außerhalb wird der Außenwelt somit durch interne kognitive Kriterien zugeordnet und existiert nur innerhalb der Wirklichkeit: „Ich sehe wirkliche, nicht reale Gegenstände“ (ebd.). Die Wirklichkeit ist aber kein Konstrukt des Ichs, denn das Ich ist selbst nur ein Konstrukt des realen Gehirns. Unser Ich ist somit „... eine Fiktion, ein Traum eines Gehirns, von dem wir, die Fiktion, der Traum, nichts wissen können“ (Roth, 1996a, S. 253).

19 Roth antwortet auf diese Kritikpunkte, dass es durchaus widersprüchlich wäre, wenn der RK naturwissenschaftliche Ergebnisse als objektive Wahrheiten ansehen würde, aber nach Roth ist das einzige was Naturwissenschaftler machen “.. ein Gebäude von Aussagen zu errichten, daß hinsichtlich der empirischen Daten und seiner logischen Struktur für eine bestimmte Zeitspanne ein Maximum an Konsistenz aufweist“ (Roth, 1999, S. 351).

20 „Cognition is a biological phenomenon and can only be understood as such; any epistemological insight into the domain of knowledge requires this understanding” (Maturana & Varela, 1980, S. 7).

21 Um feststellen zu können ob unsere Wahrnehmungen eine reale Welt widerspiegeln, müssten wir unsere Wahrnehmung von der Welt mit der realen Welt vergleichen können (die Wahrnehmung selber wahrnehmen können), dies ist aber wieder nur über unseren eigenen Erkenntnisapparat möglich; daher kann ein Individuum nie wissen ob es die Realität erkennen kann oder nicht. Bei Glasersfeld (1998c, S. 12) heißt es: „...denn niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstandes mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen.“

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Einführung in den Radikalen Konstruktivismus
Veranstaltung
Geschichte und Theorien der Soziologie
Note
bestanden
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V96657
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Theorien werden hochkompetent aufgearbeitet, aber es fehlt eine soziologische Einbettung
Schlagworte
Einführung, Radikalen, Konstruktivismus, Geschichte, Theorien, Soziologie
Arbeit zitieren
Marcel Baumgärtler (Autor), 1999, Einführung in den Radikalen Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96657

Kommentare

  • Gast am 6.4.2001

    Die beste Zusammenfassung, sehr informativ.

    Diese Hausarbeit stellt eine sehr kompetente und aktuelle Zusammenfassung dieses Forschungszweiges dar.
    Man kann sie quasi als Einstieg in dieses nicht einfache Gebiet, jederzeit empfehlen.

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