William Perkins: "The Foundation of Christian Religion" & Thomas Hobbes: "Leviathan" - Eine Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997
23 Seiten

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Inhalt

1 VORBEMERKUNG

2 WILLIAM PERKINS
2.1 DAS VIERTE PRINZIP
2.2 DAS FÜNFTE PRINZIP
2.3 DAS SECHSTE PRINZIP

3 THOMAS HOBBES
3.1 AUTORIT ÄT DER OFFENBARUNG
3.2 DIE S AKRAMENTE
3.3 VERGEBUNG UND AUFNAHME IN DAS HIMMELREICH

4 ERKENNTNISSE
4.1 WEITERE BEOBACHTUNGEN
4.2 GNADE UND VERGEBUNG

5 ABSCHLIEßENDE BEMERKUNGEN

LITERATUR

ANHANG
ÜBERSETZUNG VON
Perkins, William: „The Foundation of Christian Religion: Gathered into Sixe Principles“, London 1597
Prinzipien 4-6

1 Vorbemerkung

Mit Thomas Hobbes wird weithin seine Anthropologie und seine staatsrechtliche Konzeption verbunden. Nicht unmittelbar und erst in deren Schatten nimmt man wahr, daß sich Hobbes auch mit dem Bereich befaßt hat, der nicht unbedingt synchron mit seinem Namen fällt: der Rolle von Religion, Bibel und letztlich Gott für das Miteinander der Menschen im Staat. Allgemein vernachlässigt wird der Aspekt, daß Hobbes’ politische Theorie sich nicht auf die Beschreibung und Konzeption eines funktionierenden Systems beschränkt, sondern explizit den Bereich des Transzendenten in seine Überlegungen mit einbezieht. Letztlich sind es aber eben diese Überlegungen, die dazu führen, daß Hobbes in die Ecke des Nihilisten gedrängt wird, dem der Staat über alles geht, dem Religion und Gott nichts bedeuten - sie sind ja scheinbar nur untergeordnete Größen unter dem alles beherrschenden, machtvollen Leviathan, der einzig zum Erhalt von Recht und Ordnung unter seinen Bürgern beitragen kann.

Sicherlich ist dies keine an den Haaren herbeigezogene, sondern eine durchaus naheliegende Kurzinterpretation des Verhältnisses, welches Hobbes zur Theologie hat. doch ist verwunderlich, daß gerade jemand, für den es nichts mächtigeres als den Leviathan gibt, für den Religion nur ein Teilbereich des von diesem Leviathan organisierten und auch legitimierten Staates ist, sich derart detailliert mit der Frage nach Transzendenz, Glauben und Gott auseinandersetzt, wie Hobbes dies Tut.

Wesentlich unzweifelhafter ist die Rolle Gottes bei einem zweiten Denker, der guten Gewissens als Puritaner bezeichnet werden kann. William Perkins und seine Ausführungen sollen als Ausgangspunkt für die Analyse der Gedanken Hobbes’ präpariert werden. Sie sollen im Folgenden das Kontrastmittel sein, durch das eine genauere Betrachtung der Darlegungen Hobbes’ möglich wird. Dabei befaßt sich diese Arbeit ausschließlich mit den letzten drei Prinzipien. Die ersten Drei werden an anderer Stelle näher untersucht.

Ziel ist es, zum einen wesentliche Differenzen im Gedankengerüst Hobbes’ und Perkins’ aufzuzeigen, zum anderen die Frage zu streifen, welche Rolle die Theologie für Hobbes gehabt haben könnte.

2 William Perkins

Bei Perkins ist Gott nicht eine Regelgröße unter vielen im Mechanismus „Staat“. Das Reich Gottes ist vielmehr das, worauf alles menschliche Denken und Handeln ausgerichtet sein soll - unter anderem auch das staatliche. In seinem Aufsatz „The Foundation of Christian Religion: Gathered into Sixe Principles“ legt Perkins seine in sechs Prinzipien gegliederte Konzeption der christlichen Religion dar. Diese Konzeption ist nicht Selbstzweck. Für ihn steht es außer Frage, daß es des rechten Glaubens und der rechten Meinung von Gott bedarf. „To all ignorant people that desire to be instructed“ lautet die Überschrift seiner Ausführungen, die also nicht Beiwerk eines großen Gedankenkonstruktes sind, sondern den Unterschied ausmachen zwischen Ignoranten und Unterwiesenen, die Wesentliches erkannt haben.

Prinzipiell ist die Form auffällig, in der Perkins mit dem Leser kommuniziert. Im Dialog gibt der wissende Perkins dem fragenden Leser seine Ideen zu lesen und zu verstehen. Es ist der Ignorant, der den Weisen befragt. Auf die naheliegende Frage, woher Perkins die Autorität nimmt, auf diese Art und Weise zu argumentieren, gibt im ersten Moment lediglich die Form des Textes Aufschluß. Jede seiner Aussagen gibt er deutlich als direktes Bibelzitat zu erkennen oder führt sie zumindest auf ein solches zurück. Er baut also zunächst voll und ganz auf die Geltung der Überlieferung der Heiligen Schrift, indem er lediglich Zitate anbringt. In einem zweiten Teil, der wesentlich ausführlicheren Exposition, geht er - wieder in Dialogform - auf die Texte ein. Die Exposition ist eine Mischung aus Zitaten und Feststellungen Perkins’, die er in der Überlieferung begründet sieht. Auf die Frage nach der Zuverlässigkeit der Schrift als Quelle von Wahrheit „How know you that y scriptures are the word of God and not mere policies?“1 antwortet Perkins lapidar: „I am assured of it. First, because the Holly Ghost persuaded my conscience that it is so. Secondly, I see by experience, for the preaching of the scriptures have the power of God in them to humble a man, when they are preached, and to cast him down to hell and afterward to restore and raise him up again.“2

Nachfolgend sollen nun einige Prinzipien ausführlicher betrachtet werden.

2.1 Das vierte Prinzip

„ Der Mensch, der eine aufrichtige und demütige Gesinnung hat, der Christus allein durch seinen Glauben begreift, der Christus mit all seinen Verdiensten für sich selbst annimmt, derjenige ist gerechtfertigt vor Gott und geheiligt. “ 3

In der Exposition geht Perkins zunächst auf den Glauben an sich ein. Er stellt klar, daß Glaube dadurch entsteht, daß die Menschen auf Erden sich der Gnade und der Liebe Gottes im Himmel sicher sein können. Diese Versicherung der Zuneigung und der Vergebung ist es, die sie zum Glauben befähigt. Perkins hebt denjenigen hervor, dessen Glauben die Ungewißheit hinsichtlich der Vergebung überwunden hat. Für diesen ist aus Hoffnung auf Vergebung die Gewißheit geworden, daß Gott ihn in seiner Liebe aufnehmen und ihm die Sünden vergeben wird. Auch derjenige glaubt, der auf die Vergebung hofft und um sie betet, aber sein Glauben ist nicht stark ausgeprägt. Bei ihm ist lediglich Hoffnung, nicht Gewißheit. Beiden gemeinsam ist die Zuversicht, mit der sie die Gnade durch Beten erbitten.

Darüber hinaus bereitet Gott die Herzen der Menschen auf ein demütiges Leben vor, indem er ihnen vor Augen hält, wie unterlegen sie ihm gegenüber sind. Hat der Mensch dies einmal erkannt, kommt er beinahe zwangsläufig zur Reue. Diese tritt ein, sobald sich der Mensch bewußt wird, daß er ewige Scham und Strafe Gottes verdient hat. „Denn Gott, der die absolute Rechtschaffenheit selbst ist, wird auch in unseren besten Taten mehr Anzeichen für Verdammnis als für das Heil finden.“4 Ein Maß für die Reue ist es, wenn man das ‘Verdienen der Strafe’ verspürt, gerade dann, wenn eine Strafe gar nicht zu erwarten ist. Eine solche Reue aus freiem Willen, ohne die Vergeltung im Hinterkopf, ist es, die Perkins als einzig wahre anerkennt.

Schließlich wird auch klar, wozu dieser Gedankengang überhaupt notwendig war: Er führt letzten Endes zum Ziel menschlichen Daseins: „…alle Sünden hinter sich zu lassen und ein christliches Leben im Einklang mit Gottes Geboten zu leben“5.

2.2 Das fünfte Prinzip

Nachdem Perkins im vorangegangenen Prinzip Ursprung und Bedeutung des Glaubens herausgestellt hat, klärt er im fünften Prinzip die Frage, wie man überhaupt zum Glauben gelangen kann.

„ Glaube kommt nur durch die Verkündigung des Wortes Gottes und wird jeden Tag aufs neue bestärkt. Das Spenden der Sakramente und das Gebet tragen dazu bei. “ 6

Gleich beim ersten der drei Wege zum Glauben taucht ein Problem auf, das auch Perkins nicht ungelöst auf sich beruhen lassen will: „Wie weiß man, daß die Schriften tatsächlich das Wort Gottes sind“7 ? Für ihn ist es klar, daß die Worte der Überlieferung von Gott her stammen. Er zweifelt weder an der Authentizität noch an der Autorität des Bibelwortes. Durch dieses Wort wird denjenigen der Geist erhellt, die „zum Heil auserwählt“8 sind, denjenigen bringt es Verdammnis, die verdorben im Herzen sind.

Der zweite Weg ist der des Sakraments. Das Sakrament erfüllt drei Funktionen: Zum einen ist es Zeichen. Es steht stellvertretend für Jesus Christus, dessen Gnade der Mensch - hätte jener kein ihn verkörperndes Zeichen - mangels Wahrnehmung nicht verspüren würde. Zum zweiten ist das Sakrament Siegel für den Bund, den der Mensch mit Gott geschlossen habt. Das Siegel bewahrt ihn vor einem Aufbrechen der Bande zwischen ihm und Gott und wehrt so Unglauben ab. Drittens schließlich ist das Sakrament Werkzeug, um uns den Glauben zu vermitteln. Die Zeichen und Rituale des Sakraments sind es, die den Glauben in unsere Herzen einprägen, wie Perkins sagt9. Da die Sakramente stets den Bund zwischen Gott und dem Menschen besiegeln, gibt es derer nur zwei. Das erste ist die Taufe, in der der Bund erstmals eingegangen wird und in der sich der Mensch verpflichtet, zu glauben und Reue für seine Sünden zu empfinden. Im Gegenzug verspricht Gott dem Menschen die Gemeinschaft in Christus. Das zweite Sakrament ist das des Abendmahls. Damit wird der in der Taufe eingegangene Bund immer wieder aufs neue bekräftigt. Der Mensch, der aufrichtig seine Sünden bereut hat, kann damit seinen Glauben festigen und die Bande mit Christus verstärken. Zugleich weist Perkins jedoch darauf hin, daß es sich bei den Sakramenten nicht um bloße Äußerlichkeiten handelt. So kann ein Mensch zwar alle Sakramente empfangen haben, dennoch keineswegs mit Gott im Einklang leben und sich dessen Liebe erfreuen. Denn die richtige innere Haltung ist vom Sakrament nicht zu trennen. Bußfertigkeit und Demut sind es, die das Ritual des Sakraments erst vervollständigen.

So schließt das fünfte Prinzip mit der Frage: „Nach was muß das Herz eines Christenmenschen verlangen?“10 Nachdem die äußeren Rituale erklärt worden sind, die den Sakramenten ihre Form geben, geht es jetzt ausschließlich um die bereits erwähnte innere Haltung. Perkins läßt keinen Zweifel daran, daß es die innere Haltung ist, die unser Leben und Handeln bestimmen soll. Für ihn bedeutet Leben im Glauben ein Leben in der „Überzeugung, daß diejenigen Dinge, die wir wirklich wünschen, uns von Gott um Christi Willen auch gegeben werden“11.

2.3 Das sechste Prinzip

Letzten Endes aber steht der Tod, der das Leben eines jeden Menschen beendet - zumindest das Leben, wie wir es kennen. So befaßt sich das sechste Prinzip Perkins’ mit der Frage nach dem Tod.

„ Alle Menschen werden mit ihren Körpern wieder auferstehen und zum jüngsten Gericht gerufen werden. Danach werden diejenigen das Himmelreich besitzen, die gut waren. Ungläubige aber und Ruhelose werden in der Hölle sein und mit dem Teufel und seinen Engeln gepeinigt werden. “ 12

In der Exposition erklärt Perkins dem unwissenden Befrager den Zeitraum zwischen Tod und Jüngstem Tag. Tod ist derjenige Zeitpunkt, zu dem Leib und Seele voneinander getrennt werden. Daraufhin werden die Seelen der Gottlosen in die Hölle geworfen, die der Gläubigen gelangen in den Himmel.

Am Tag des Gerichts nun vereinen sich Leib und Seele wieder miteinander und Jesus Christus kommt, um über die Menschen zu richten. Die Rechtschaffenen werden zu seiner Rechten sitzen und in Gemeinschaft mit ihm fortan herrschen. Die Bösen werden verdammt. In der Hölle müssen sie künftig drei ewige Strafen erdulden: den Entzug der Liebe Gottes, an die sie sich zu Lebzeiten gewöhnt hatten, die Gemeinschaft mit dem Teufel und dessen Engeln und schließlich schrecklichen, ewigen Schmerz. „Und wenn schon der Schmerz eines einzigen Zahnes für einen einzigen Tag sehr groß ist, dann wird der Schmerz des ganzen Menschen unendlich sein, den Leib und Seele für immer und ewig erdulden müssen.“13

Grundlage für das große Gericht und das Urteil sind die Werke eines jeden Menschen. Einfluß auf die Entscheidung, ob guter oder schlechter Mensch, hat darüber hinaus auch das Gewissen. Über beide Kriterien gibt das „Buch der Taten“14 Aufschluß, welches Christus zum Jüngsten Gericht über jeden einzelnen aufschlagen wird.

3 Thomas Hobbes

Nur wenige Zeit später erscheint 1651 Hobbes’ Werk mit dem Titel Leviathan. Was allgemein als ‘bloße’ Staatsphilosophie bezeichnet wird, befaßt sich in seinem dritten und vierten Teil jedoch ausgiebig mit der Frage nach der Rolle von Religion und Gott für das Leben im Staat. Allerdings ist es längst nicht mehr so klar, daß das überlieferte Wort Gottes auch tatsächlich dessen Autorität innehat oder daß etwa Gott konkret zur Richtschnur für menschliches Denken und Handeln herangezogen werden kann oder gar muß.

Auch spielt die Vernunft eine ganz andere Rolle als beispielsweise noch bei Perkins. Während es dort noch die Liebe Gottes war, die dem Menschen die Offenbarung als Geschenk darbrachte, versucht Hobbes mit den Mitteln der rationalen Argumentation und Erkenntnis Gott zu vermitteln.15

Anhand von drei Problemstellungen soll nachfolgend erläutert werden, wie sich Hobbes auf rationale Art und Weise dem offensichtlichen Widerstreit zwischen Leviathan und Kirche um die Stellung als oberste Instanz stellt. „Sind die christlichen Könige und die souveränen Versammlungen christlicher Staaten in ihrem eigenen Gebiet absolut, unmittelbar unter Gott, oder sind sie einem Stellvertreter Christi untertan, der von der universalen Kirche gebildet wird, damit sie gerichtet, verurteilt, abgesetzt und mit dem Tode bestraft werden können, wie dieser es für zweckmäßig oder für das allgemeine Wohl notwendig hält?“16

3.1 Autorität der Offenbarung

Eines der grundlegenden Probleme, das sich für Hobbes in seiner Betrachtung des Transzendentalen auftut, ist das der Autorität der überlieferten Schrift und der darin niedergelegten Offenbarung. Ziel seiner Argumentation ist es, die offenbarte Schrift den Mitteln der Vernunft zugänglich zu machen. Denn einzig die Vernunft ist es, die es jedem Menschen ermöglicht, auch Jahrhunderte nach dem eigentlichen Akt der Offenbarung das Wort Gottes als solches zu erkennen. Denn nicht Gott selbst spricht zum Menschen, sondern diejenigen, die behaupten, Gott habe zu ihnen gesprochen. Es sind die Propheten, die Apostel oder die Evangelisten, die den Menschen das Wort Gottes verkünden. Hier sieht Hobbes die Gefahr der falschen Propheten, die die Autorität Gottes für ihre persönlichen Zwecke mißbrauchen und ihren eigenen Worten Geltung verschaffen, indem sie ihnen göttliche Qualitäten zusprechen.

Auch für Hobbes gibt es durchaus sogenannte Wunder, die sich der Vernunft einzelner entziehen. Sie zu begreifen ist nicht jeder Mensch in der Lage. „Es können einem Menschen viele Dinge offenbart werden, die die natürliche Vernunft übersteigen, aber nichts, was ihr widerspricht.“17 Gleichzeitig warnt Hobbes davor, die Kraft der eigenen Vernunft der bloßen Meinung anderer zu unterwerfen. Denn wo die Vernunft in der Lage ist, zu begreifen, da muß sie auch genutzt werden. Der Mensch, der nicht besonnen prüft, was ihm Dritte als Wahrheit auftischen, der hat nur eine Ahnung dessen, was er glaubt - er weiß ja nicht einmal, Kraft wessen er dies nun glauben soll. Wer aber seine Vernunft gebraucht, der weiß um das, was er glauben soll.18

Für die Betrachtung von Glaubensfragen mit Hilfe der Vernunft legt Hobbes zwei Kriterien vor, die, treffen sie beide gemeinsam zu, den Autor einer angeblichen Offenbarung legitimieren. Zum einen ist es das Vollbringen von Wundern, zum anderen die Tatsache, daß er nichts lehrt, was der bereits eingeführten Religion widerspricht.

Um seinen Dualismus aus innerer Überzeugung und öffentlichem Handeln zu überwinden zeigt Hobbes daraufhin, wie aus der anerkannten Offenbarung tatsächlich Gesetz wird. Denn Offenbarung allein kann nicht mehr sein, als eine bloße Regel. Sie ist lediglich eine Sammlung von Bedingungen, „…die denjenigen vorgeschlagen wurde, die nach Erlösung strebten und sie auf eigene Gefahr annehmen oder verwerfen konnten“19. Erst in Verbindung mit der Autorität des Souveräns erhalten offenbarte Gebote den Charakter von Gesetzen. Denn Gesetz ist - einzig und allein - „… der Befehl des Menschen oder der Versammlung, denen wir die souveräne Gewalt übertragen haben“20. Einzig und allein der Souverän kann also aus Regeln oder Geboten Gesetze machen. So war Gott zur Zeit Moses der erklärte König der Israeliten und hatte somit die Macht, seine Regeln zu Gesetzen zu erklären.

Zusammenfassend lassen sich demnach zwei wesentliche Aussagen über Offenbarung festhalten: Erstens liegt auch Offenbarung nicht außerhalb der Vernunft, und der Mensch muß sie - wo möglich - vernünftiger Prüfung unterziehen. Zweitens macht erst der bürgerliche Souverän aus regelhaften Geboten Gesetze, die für alle Bürger des Staates bindend sind und so Recht und Unrecht bestimmen.

3.2 Die Sakramente

Auch bei Hobbes tauchen lediglich die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl auf. Er bezeichnet diese zwei Sakramente als die einzigen, die „einen Eid oder ein Versprechen“21 beinhalten. Andere Rituale, zur Weihe zum Gottesdienst verhelfen werden darüber hinaus auch oft als Sakrament bezeichnet, sind dies aber im eigentlichen Sinne nicht. Auffallend ist auch hier, daß beide Sakramente lediglich ein Verhältnis zwischen Gott und dem einzelnen Menschen begründen oder bestätigen. Zwischenmenschliche Sakramente, wie sie der katholische Glaube kennt, - die Ehe beispielsweise - finden keine Erwähnung.

Die Unterteilung erfolgt in ein Aufnahmesakrament und in ein Erinnerungssakrament. Den heutigen Sakramenten liegt dabei jeweils ein Ritual aus dem Alten Testament zugrunde. So steht die Taufe für die Aufnahme in den Bund, den Gott mit dem Menschen schließt. Im Alten Testament entsprach die Beschneidung dem Sakrament der Taufe. Mit äußerlich sichtbaren Zeichen, die keinerlei alltägliche Bedeutung haben, also unmittelbar dem religiösen Leben zugerechnet werden können, wird die Aufnahme des Menschen durch Gott zum Ausdruck gebracht. Als Erinnerungssakrament ist das Abendmahl und sein Ursprung, das Essen des Passahlammes im Alten Testament, aufgeführt. Dezidiert stellt Hobbes allerdings fest, daß sich der Mensch durch die Sakramente nicht seinem bürgerlichen Herrschaftsverhältnis entzieht und Untertan eines höheren wird - Untertan Gottes nämlich. Insbesondere das Sakrament der Taufe heißt nicht, daß „wir … eine andere Gewalt über uns einsetzen, die über unsere äußeren Handlungen in diesem Leben herrschen soll, sondern daß wir geloben, uns von der Lehre der Apostel auf dem Weg zum ewigen Leben führen zu lassen“22.

Im Gegensatz zu anderen christlichen Religionsauffassungen ist das Sakrament im christlichen Staat Hobbes’ ausschließlich Zeichen der Verbindung zwischen Gott und dem Menschen, der das Sakrament empfängt. Nirgends findet sich in den Sakramenten die Kirche als ein mit Autorität ausgestattetes Vollzugsorgan, ohne dessen „sakramentale Zeichenhaftigkeit“ kein Bund möglich wäre.23

3.3 Vergebung und Aufnahme in das Himmelreich

Hier ergibt sich die Frage, was geschieht, wenn der Mensch all die Regeln und Gesetze, die er eigentlich beachten sollte, eben nicht befolgt. Somit spielen auch bei Hobbes die Begriffe der Gnade und der Vergebung eine wichtige Rolle im theologischen Zusammenhang. Er versäumt es aber nicht, die Verbindung zwischen theologischer Erklärung und seiner politischen Konzeption herzustellen und das eine als immanent mit dem anderen verbunden aufzuzeigen.

In der Frage nach Gnade und Vergebung unterscheidet Hobbes zwischen der Vergebung, wie sie durch diejenigen gewährt wird, die damit beauftragt worden sind und der, die Gott erweist. So hat der Mensch, der vergeben soll, keinen Einblick in ein „Buch der Taten“, wie es bei Perkins auftaucht. Er muß vergeben aufgrund wesentlich offensichtlicherer Indizien. Die äußere Bußfertigkeit des reuigen Sünders ist das Kriterium, welches diesem Gnade und Vergebung auf Erden bringt. Jedoch kann keine Person für sich beanspruchen, „… schlechthin und vollkommen Sünden zu vergeben oder zu erhalten, wie sie Gott, der die Herzen der Menschen und die Aufrichtigkeit ihrer Reue und Bekehrung kennt, vergibt oder behält, sondern nur bedingt den Bußfertigen“.24 Somit steht dem Menschen ein Mittel zur Verfügung, den Reuigen wieder wirkungsvoll in die Gemeinschaft der Gläubigen aufzunehmen. Um denjenigen zu strafen, der vom Glauben abgefallen ist, steht ihm hingegen ein zunächst wenig wirkungsvolles Instrument zur Verfügung: Exkommunikation bezeichnet den Ausstoß eines Menschen aus dem Gottesreich25. Damit kann die Gemeinschaft der Gläubigen den Sünder nicht nur meiden, sondern gänzlich ausstoßen. Jedoch ist dies für den Sünder nur unter zwei Voraussetzungen Strafe: Zum einen dann, wenn er Interesse an der Gemeinschaft mit den Gläubigen hat, eben aufgrund seines eigenen Glaubens und seiner inneren Überzeugung. Die Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen darf ihm nicht gleichgültig sein. In diesem Fall muß man sich allerdings fragen, was ihn dann überhaupt dazu gebracht hat, derart gegen das Gebot Gottes zu verstoßen und dies auch nicht im nachhinein bereuen zu wollen. Zum anderen trifft ihn der Ausschluß hart, wenn die Glaubensgemeinschaft identisch mit der Lebensgemeinschaft ist. Dies ist dann der Fall, wenn der bürgerliche Souverän die christliche Religion autorisiert hat und damit in seine Gesellschaftskonzeption integriert hat. Jeder, der nun gegen staatlich legitimierte Gebote verstößt, die in diesem Fall Gesetze sind, handelt gegen den bürgerlichen Souverän und muß dessen Strafe fürchten. Erst durch die politische Einsetzung der Religion in den Staat gewinnt das Instrument der Exkommunikation an Bedeutung.

Wie bereits oben erwähnt, gibt es jedoch darüber hinaus einen wesentlich berufeneren Richter über Recht und Unrecht. Allein die Bezeichnung Gottes als Richter dürfte für Hobbes schon äußerst problematisch gewesen sein. Stellt die Benennung dich eine für den hobbesschen Absolutheitsanspruch des Leviathan eine entscheidende Frage: Wem ist zu gehorchen - dem bürgerlichen Souverän, der Verstöße gegen seine Gesetze bestraft oder den Geboten Gottes, die zum ewigen Leben führen? Die Schwierigkeit der konkurrierenden Befehlsgewalt löst Hobbes elegant auf, indem er zeigt, daß es für den gläubigen Staatsbürger keinerlei Normenkonflikt gibt - es ihn nicht einmal geben kann. Die einzige Schwierigkeit für den Untertan besteht darin, zu erkennen, welche Weisungen in wessen Kompetenzbereich fallen. „Deshalb muß allen Menschen … notwendig gelehrt werden, zwischen dem zur ewigen Errettung Notwendigen und dem hierfür nicht Notwendigen zu unterscheiden.“26

Zunächst führt Hobbes zwei Tugenden auf, die er für unverzichtbar im Hinblick auf die Errettung der Menschen hält: erstens der Glaube an Christus, zweitens der Gehorsam gegen die Gesetze. Schwachstelle insbesondere der letzteren Tugend ist die Natur des Menschen selbst. Nur allzu oft folgt dieser den Bedürfnissen des Fleisches und eben gerade nicht denen der Tugend. Um diesem Mißstand entgegenzuwirken, führt Hobbes die Vergebung als notwendige Handlung ein. Erst durch sie rücken die beiden Tugenden nebeneinander in greifbare und praktikable Nähe für den Menschen, der sie zu erlangen sucht.

Auffallend ist allerdings, wie schroff und lapidar sich Hobbes scheinbar um die soeben aufgezeigte Problematik um Gnade und Vergebung zu drücken scheint. Während die Gnadenlehre bei Augustinus oder Thomas von Aquin vieldiskutierte Probleme und vielschichtigste Facetten mit sich brachte, stellt Hobbes lediglich fest: „Vergebung ist die Belohnung für unseren Glauben“27. Da die Vergebungsproblematik trotz ihrer eher stiefmütterlichen Erwähnung m.E. bei Hobbes eine wesentliche Rolle spielt, werde ich an späterer Stelle nochmals im Detail darauf zurückkommen.

Nachdem die Tugenden formuliert sind, die ein christliches Leben überhaupt erst ermöglichen, stellt sich im folgenden die Frage nach den zu beachtenden Gesetzen. An dieser Stelle stellt Hobbes die göttliche Autorität ganz in den Dienst der bürgerlichen Gewalt: „Denn unser Heiland Jesus Christus hat uns keine neuen Gesetze gegeben, sondern nur den Rat, jene zu beachten, denen wir unterworfen sind, das heißt den Gesetzen der Natur und den Gesetzen unserer verschiedenen Souveräne“28. Hierbei ist das wichtigste Naturgesetz, „… daß wir unsere Treuepflicht nicht verletzen sollen, das heißt ein Gebot, unseren bürgerlichen Souveränen zu gehorchen“29. Diese Sichtweise hat ihm vielleicht auch den Ruf der „bête noire de l’establishment“30 eingebracht.

Neben den unumstößlichen Gesetzen der Natur gibt es jedoch nach Hobbes einen Grundsatz des Glaubens, ein „unum necessarium“31, welches den Kern des christlichen Glaubens ausmacht. Hobbes destilliert32 diesen Glaubensgrundsatz aus der Schrift: ‘Jesus ist der Christus - der König’. Aus diesem einen Grundsatz lassen sich zwar einige weitere ableiten, die jedoch nicht die Bezeichnung ‘Grundsatz’ verdienen. Denn der Glaube daran, daß Jesus der Christus ist, ist der einzige, ohne den kein anderer Glaubenssatz gedacht werden kann. Somit gelten zwei Gesetze, die unabdingbar sind, um zum Himmelreich zu gelangen: Das Naturgesetz der Treuepflicht gegenüber dem Souverän und der Glaubensgrundsatz ‘Jesus ist der Christus’. Die Frage bleibt, ob die beiden Gesetze möglicherweise im Widerspruch zueinander stehen, oder ob sie problemlos in Einklang miteinander gebracht werden können. Um dies zu untersuchen, führt Hobbes die unterschiedlichen Konstellationsmöglichkeiten vor.

Der Souverän kann ein christlicher sein, der aus seinem Glauben auch die richtigen Schlüsse gezogen hat. Er wird schon aus Eigeninteresse den Glaubensgrundsatz, Jesus sei der Christus, problemlos zulassen, ja er wird ihn sogar fördern und in seine Gesetzgebung einfließen lassen. Einem solchen Souverän kann bedenkenlos gehorcht werden, ohne Gefahr zu laufen, in Konflikt mit den Geboten Gottes zu geraten. Somit sind beide o.g. Gesetze vom Einzelnen leicht zu erfüllen.

Zieht der christliche Souverän aus dem ‘unum necessarium’ fehlerhafte Schlüsse, so ist dies an sich nicht verwerflich. „Er würde nach den Worten des hl. Paulus errettet werden.“33 Überdies hat auch der Untertan nichts zu befürchten, der die Gesetze dieses Souveräns befolgt. Der Treuepflicht ist er nachgekommen. Für Vertrauen in eine rechtmäßige Autorität, die falsche Lehren und Gesetze verbreitet, kann er nicht gestraft werden. Letztlich gibt es den Fall des ungläubigen Souveräns, der auf falschen Grundannahmen seinen fehlerhaften Staat aufbaut. Hier kommt einzig das Naturgesetz der Treuepflicht zum Tragen. Gehorcht er dem Souverän nicht, so macht er sich des Verstoßes gegen göttliches Gesetz schuldig. Was den Glauben an das ‘unum necessarium’ anbelangt, so steht dessen Beachtung nichts im Wege. „Denn der innere Glauben ist seiner Natur nach unsichtbar und folglich aller menschlichen Rechtssprechung entzogen.“34 Somit auch der Rechtssprechung des gottlosen Souveräns.

4 Erkenntnisse

In weiten Teilen, insbesondere in der Frage der Sakramente und in der Einsicht der Notwendigkeit von Gnade und Vergebung liegen beide Denker erstaunlich nahe beieinander. Es verwundert, daß der Puritaner Perkins sowie der Aufklärer Hobbes zu teilweise kongruenten Ergebnissen kommen. Dies rührt vielleicht auch daher, daß sich weder der eine noch der andere idealtypisch in die entsprechende Kategorie einordnen läßt. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Differenzen, die die Provenienz der Aussagen eindeutig erkennen die Predigt der Apostel wiedergibt, einer weiteren, in der es keine Unklarheit über die Auslegung gibt, und so fort. (vgl. Hobbes a.a.O.; S. 450 ff.) lassen. Einige von ihnen sollen nachfolgend aufgeführt werden. Die Aufzählung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, doch ist sie als wertvoller Ausgangspunkt für die persönliche Bewertung beider Ansätze durchaus hilfreich.

4.1 Weitere Beobachtungen

Perkins wertet in seinem vierten Prinzip die Gram ohne Furcht vor der Strafe höher als die erzwungene Reue, die des Druckmittels der Strafe bedarf, um sich durchzusetzen. Der Mensch ist hier nicht im Billardspiel der Kräfte zwischen Versuchung und Strafe hin und her gerissen. Er hat die Kraft, aus eigenem, freiem Willen die Versuchung zu überwinden. Ganz anders stellt sich die Situation bei Hobbes dar. Pragmatisch sieht er im Prinzip von Belohnung und Strafe das einzige funktionsfähige Verfahren, um die Stabilität des Staates aufrechterhalten zu können. ‘Gut’ und ‘Schlecht’ sind hier nicht die entscheidenden Kriterien, sondern nützlich oder schädlich für den Staat.

Ebenfalls im vierten Prinzip stellt Perkins das Ziel menschlichen Handelns als ‘Aufgabe des Herzens’ vor. Ein christliches Leben gemäß den Zehn Geboten ist, neben der Bereitschaft zur Buße, der Motor christlichen Denkens und Handelns. Völlig außer Frage steht die Autorität dieser Gebote. Gott selbst vermittelt jedem einzelnen Menschen durch sein Gewissen die Achtung vor seinen Geboten. Hobbes hingegen kann eine solche Autorität nicht unmittelbar erkennen. Er beschränkt sich auf ein hergeleitetes ‘unum necessarium’, welches darüber hinaus völlig im verborgenen Bereich des reinen Glaubens angesiedelt ist. Der Glaube an ‘Jesus ist der Christus’ bewirkt nämlich keineswegs zwangsläufig eine Veränderung im Handeln des Menschen. Das Handeln beeinflussen kann Gottes Gebot nach Hobbes nur, wenn es der staatliche Souverän Kraft seiner bürgerlichen Gewalt anordnet. Nicht Herz und Gewissen bestimmen den Menschen in seinen Entscheidungen, was zu tun, was zu unterlassen sei. Es ist einzig die Macht des Souveräns, die alles bedingt.

Dieser Aspekt kommt auch im fünften Prinzip Perkins’ zum Tragen. Indem Glaube für ihn bedeutet, daß „diejenigen Dinge, die wir wirklich wünschen, uns von Gott um Christi Willen auch gegeben werden“35, bildet eine Geisteshaltung, ein Wunsch, die Antriebskraft für das Handeln. Der Mensch handelt von innen heraus. In Hobbes’ Modell ist hingegen das äußere Verhältnis zwischen Souverän und Untertan die Kraft, die die Weichen stellt. Hobbes erkennt zwar die Wünsche und Bedürfnisse des Einzelnen, doch schließt er aus, daß sie das Tun des Menschen bestimmen. Den Dualismus zwischen Denken und Handeln kennt Perkins nicht. Für ihn ist Glaube eben nicht die geheime Privatangelegenheit, die er für Hobbes darstellt. „Aber aus dem Alten Testament zu lehren, daß Jesus der Christus, das heißt der König und von den Toten auferstanden war, heißt nicht, daß die Menschen verpflichtet sind, nachdem sie es glauben, entgegen den Gesetzen und Befehlen denen zu gehorchen, die ihnen dies sagen, sondern daß sie gut daran tun, hiernach das Kommen Christi in Geduld und im Glauben zu erwarten und dabei ihrer derzeitigen Obrigkeit zu gehorchen.“36 Bei Perkins hingegen bestimmt Glaube unmittelbar das Handeln. Aus diesem Grund kann der Mensch überhaupt erst seinem Glauben nach beurteilt werden. Seine Handlungen drücken seinen Glauben aus.37

Was die Sakramente anbelangt, so kommen beide zu vermeintlich kongruenten Schlüssen. Doch ist die Partnerschaft zwischen dem Sakramentsempfänger und dem -spender unterschiedlich geregelt. Perkins läßt Gott und den Menschen in ein gegenseitiges Bundesverhältnis treten, in dem beide Seiten sowohl Ansprüche als auch Pflichten gegen die anderen haben. So verpflichtet sich der Mensch zu Reue und Glauben, nicht aber, ohne daß ihm Gott die Gemeinschaft mit Christus zugesichert hat. Hobbes hingegen setzt das Gottesreich mit einem bürgerlichen Königreich gleich. Das bedeutet für dessen Bürger - in dem Fall die Gläubigen, die sich im Namen Christi zusammentun - eine Verpflichtung untereinander und einseitig dem Souverän gegenüber. Der Souverän schließt jedoch mit seinen Untertanen keinen Vertrag ab und steht somit auch nicht in deren Schuld.38 Stets ist nicht Partnerschaftlichkeit und wechselseitiges Vertrauen die Grundlage des Verhältnisses, sondern Abhängigkeit und Untertänigkeit.

Doch lassen sich nicht nur Unterschiede feststellen. Auch signifikante Gemeinsamkeiten sind zu entdecken. Beiden ist die Vorstellung gemeinsam, daß anhand der bloßen Taten der Menschen kein einziger gerichtet werden könne. Beide entwickeln eine Form von Gewissen, wobei Perkins das Gewissen explizit nennt: „Die Gewissen der Menschen werden dazu herangezogen werden, sie entweder zu verurteilen oder sie zu entlasten.“39. Hobbes hingegen umschreibt es mit dem Bewußtsein über den Willen zu einem Werk des Menschen. „Und wird … unter Rechtschaffenheit die Gerechtigkeit der Werke selbst verstanden, so gibt es niemanden, der errettet werden kann, denn es gibt niemanden, der nicht die Gesetze Gottes übertreten hat. Und wenn es deshalb von uns heißt, daß wir durch die Werke gerechtfertigt werden, so ist damit der Wille gemeint, den Gott immer für das Werk annimmt“40.

4.2 Gnade und Vergebung

Mit ‘Gnade’ und ‘Vergebung’ tauchen im Leviathan zwei Begriffe auf, die man in Hobbes’ Gesellschaftskonzeption zunächst nicht vermutet. Auch für Perkins spielt Gnade eine wichtige Rolle. Sie ist der Schlüssel zwischen Himmel- und Erdenreich am Tag des Gerichts. Für beide ist die Gnade allerdings logische Folge aus dem Glauben an Jesus Christus. Nur durch diesen Glauben ist Gnade überhaupt realisierbar.

Hinterfragt man nicht die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden Autoren dem Leser die Kausalkette ‘Glaube-Gnade-Himmelreich’ präsentieren, könnte man meinen, es hätte zu dieser Frage noch nie anderslautende Meinungen gegeben. Das bedeutet, daß die göttliche Gnade in jedem Einzelnen überhaupt erst die Voraussetzung für den Glaube Schafft. Gnade und Liebe Gottes sind also zwei Merkmale des Menschen, die ihn ontologisch prägen. Durch sie nämlich erhält er überhaupt erst die Voraussetzung für den Glauben an Christus.

Darüber hinaus liegt es ganz und gar nicht auf er Hand, daß Gnade so etwas wie eine geschaffene Gabe Gottes ist, die den Menschen nach Prüfung der persönlichen, menschlichen Leistung zuteil wird. Für Thomas ist Gnade vielmehr ein Verhältnis zwischen dem Beschenkten und dem Schenker. Diese Erkenntnis führt weg von einem statischen Gnadenverständnis, wie es bei Hobbes und zum Teil auch bei Perkins zu lesen ist. Gnade bei Thomas ist eine dynamische Bezeichnung für die sowohl im Vorfeld formende als auch für die im nachhinein belohnende Beziehung zwischen Gott und den Menschen seiner Gnade. „Gnade ist das schöpferische Ankommen der ewigen Liebe Gottes in der Ich-Mitte des Menschen. Der Mensch wird dadurch … mit den Fähigkeiten ausgestattet, … die es ihm leicht verständlich machen: aus der Gnade ‘fließen’ Glaube, Hoffnung und Liebe.“41

Bei Perkins lassen sich - wenn auch nur gewollt - Ansätze der tomistischen Erkenntnis finden. „Zuerst bereitet er (Gott) ihre (der Menschen) Herzen so, daß sie zum Glauben fähig sind, dann arbeitet er ihnen Glauben ein.“42 Hobbes hingegen kann einem Gott, der „auf sanfte Art beherrscht - durch die unwiderstehliche Anziehungskraft der Liebe“43 als Herrschaftsprinzip gebraucht, sicherlich nicht allzu viel abgewinnen. Die Prinzipien, nach denen die hobbesschen Herrscher regieren, sehen anders aus: Macht, Stärke und Gewalt.

5 Abschließende Bemerkungen

Perkins verfolgt mit seiner Schrift gegen die Ignoranz des Sünders das Ziel, dem Menschen zu Erlösung und Auferstehung zu verhelfen. Der Heilsgedanke des Einzelnen bestimmt seine Ausführungen. Für ihn ist der christliche Glaube und die mit ihm verbundene Eintracht mit Gott und die Gemeinschaft mit Christus Ziel aller menschlichen Bemühungen. Er will mit seinen Prinzipien dem Menschen zur Seite stehen, der den Weg des Glaubens an Christus als den rechten Weg erkannt hat.

Bei Hobbes hingegen hält sich Verdacht stetig, daß der gesamte theologische Entwurf lediglich Mittel zum Zweck ist. „The focus of Scripture becomes the lessening of the division between man and God by radically minimizing the division between civil authority - that is Leviathan - and God.“44 Nicht das eigentlich Schlechte der Sünde stellt er heraus, sondern das für den Staatsapparat schädliche, indem Sünde zivilen Ungehorsam bedeutet - das schrecklichste, was in der durch Druck, Macht und Sicherheit bestimmten Welt Hobbes’ überhaupt passieren kann.

Eine Rationalisierung jeglicher religiös-moralischen Vorstellung tritt nicht nur im Zweck der Erkenntnis, sondern auch in deren Perzeption deutlich zutage. Nahmen die Reformatoren die Überlieferung noch als Geschenk des Heiligen Geistes auf, verläßt sich Hobbes voll und ganz auf die menschliche Vernunft und letztlich auf das Wohlwollen des Souveräns. Ob dies den Vorwurf der kritiklosen Obrigkeitsallmacht, den man ihm häufig macht, letztlich rechtfertigt, bleibt ungeklärt. Doch trägt diese Analyse sicherlich zur Erhärtung dieses Verdachtes bei.

Literatur

- Brakelmann, Günther: „Zur Arbeit geboren?“, Bochum 1988

- Cooke, Paul: „Hobbes and Christianity. Reassessing the Bible in Leviathan“, London 1996

- Gillioz, Stéphane: „Dieu et Léviathan“, Bern 1990

- Hobbes, Thomas: „Leviathan“, Frankfurt am Main 1996

- Perkins, William: „The Foundation of Christian Religion: Gathered into Sixe Principles“, London 1597

- Pesch, Otto Hermann, Peters, Albrecht: „Einführung in die Lehre von Gnade und Rechtfertigung“, Darmstadt 1981

- Saxer, Ernst: „Vorsehung und Verheißung Gottes“, Zürich 1980

[...]


1 Perkins, William: „The Foundation of Christian Religion: Gathered into Sixe Principles“, London 1597; S. 13

2 ebd.

3 ebd.; S. 3

4 ebd.; S. 12

5 ebd.; S. 13

6 ebd.; S. 4

7 ebd.; S. 13

8 ebd.; S. 14

9 ebd.

10 ebd.; S. 15

11 ebd.

12 ebd.

13 ebd.; S. 16

14 ebd.

15 vgl. Brakelmann, Günther: „Zur Arbeit geboren?“, Bochum 1988

Cooke, Paul: „Hobbes and Christianity. Reassessing the Bible in Leviathan“, London 1996; S. 121 f.

16 Hobbes, Thomas: „Leviathan“, Frankfurt am Main 1996; S. 299

17 ebd.; S. 91

18 vgl. ebd.; S. 33 f.

19 ebd.; S. 401

20 ebd.; S. 398

21 ebd.; S. 319

22 ebd.; S. 385

23 vgl. Katholischer Erwachsenen-Katechismus, S. 324 f.

24 Hobbes a.a.O.; S. 386

25 vgl. ebd.; S. 387

26 ebd.: S. 447

27 ebd.

28 ebd.; S. 448

29 ebd.

30 Gillioz, Stéphane: „Dieu et Léviathan“, Bern 1990; S. 19

31 Hobbes a.a.O.; S. 450

32 Er führt mehrere Zitate der Überlieferung an, in denen er unter verschiedenen Kategorien zum Ergebnis des o.g. Glaubensgrundsatzes gelangt. So entnimmt er den Grundsatz einer Textstelle, die das Leben beschreibt, einer anderen, die

33 ebd.; S. 458

34 ebd.; S. 399

35 Perkins a.a.O.; S. 15

36 Leviathan a.a.O.; S. 384

37 Diese Auffassung teilt erstaunlicherweise auch Hobbes. Auch er spricht von der „Gerechtigkeit der Werke selbst“ (Hobbes a.a.O.; S. 457), jedoch versäumt er es m.E., die Taten an das Denken zu koppeln, nachdem er beides zuvor fein säuberlich voneinander getrennt hat.

38 vgl. Hobbes a.a.O.; S. 136 ff.

39 Perkins a.a.O.; S. 16

40 Hobbes a.a.O.; S. 457

41 Pesch a.a.O.; S. 89

42 Perkins a.a.O.; S. 10

43 ebd.

44 Cooke a.a.O.; S. 222

22 von 23 Seiten

Details

Titel
William Perkins: "The Foundation of Christian Religion" & Thomas Hobbes: "Leviathan" - Eine Analyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hauptseminar Thomas Hobbes` Theology - Reading and Interpretation
Autor
Jahr
1997
Seiten
23
Katalognummer
V96676
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
William, Perkins, Foundation, Christian, Religion, Thomas, Hobbes, Leviathan, Eine, Analyse, Hauptseminar, Hobbes`, Theology, Reading, Interpretation
Arbeit zitieren
Marc-André Souvignier (Autor), 1997, William Perkins: "The Foundation of Christian Religion" & Thomas Hobbes: "Leviathan" - Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96676

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