Komik und Sozialkritik in Dickens` The Pickwick Papers


Seminararbeit, 1999

22 Seiten, Note: 1,7


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I.Einleitung

In Charles Dickens’ erstem Roman regiert die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit des Lebens einer Gruppe von Londoner Männern der gehobenen Mittelschicht, die das Leben mit Hilfe von Ausflügen mit dem Pferdewagen und dem Besuch von gesellschaftlichen Veranstaltungen kennenlernen und dokumentarisch festhalten möchten. Die Idee zu dieser Geschichte stammte von Dickens’ Verleger Seymour der an Hand von Bildern eine monatlich erscheinende, episodisch gegliederte Schrift veröffentlichen wollte. Die anfängliche Idee, die sogar dem Autor selbst vage erschien1, verselbständigte sich zunehmend, je mehr Charles Dickens daran arbeitete. Neue Figuren kamen hinzu, andere verschwanden nach ihrem Auftritt, weil sie sich als wenig erfolgreich herausstellten. Das Phänomen der seriellen Veröffentlichung beeinflußte Dickens’ Werk, da sich die unmittelbaren Reaktionen des Lesepublikums auf das Geschehen im Werk auswirkten. Aus diesem Grund betrat beispielsweise Samuel Weller die Szene, obwohl er zu Beginn nicht vorgesehen war. Aber gerade Weller war es, der das Geschehen am meisten beherrschte und der als herausragende Figur im Roman noch heute Analysen bedarf. Seine Redensarten, die Wellerisms, sein Cockney-Akzent und die trockene, aber durchaus sozialkritische Art verwandelten ihn in den typischen Londoner der Unterschicht.

Es ist von großer Wichtigkeit zu wissen, daß The Pickwick Papers aus einer spontanen Idee entstand, da somit auch deutlich wird, daß Dickens kein sozialkritisches Werk im Ganzen verfassen wollte. Der Gedanke, Sozialkritik zu üben, entwickelte sich im Verlauf der Arbeit. Dennoch ist dieser Roman einer seiner wenigen komischen Romane, der auf Pathos, wie ihn seine späteren Werke gekannt haben, und auf übertriebene Dramatik verzichten kann. Diese Kombination mag widersprüchlich erscheinen, doch The Pickwick Papers lebt geradezu von der Zusammenfügung von Komik und Sozialkritik. Im folgenden wird somit die Art und Weise untersucht werden, wie Dickens ein komischer und zugleich kritischer Roman gelang.

II. Komik und Sozialkritik in Charles Dickens’ The Pickwick Papers

Dickens war stets an gesellschaftlichen Umbrüchen interessiert und freute sich, wenn er seine Ideen in die Tat umgesetzt sah. In einer späten Ausgabe der Pickwick Papers schrieb er über wichtige soziale Veränderungen der vergangenen zehn Jahre:

Legal reforms have pared the claws of Messrs. Dodson and Fogg; a spirit of self-respect, mutual forbearance, education, and co-operation, for such good ends, has diffused itself among their clerks; places far apart are brought together, to the present convenience and advantage of the Public, and to the certain destruction, in time, of a host of petty jealousies, blindnesses and prejudices, by which the Public alone have always been the sufferers; the laws relating to imprisonment for debt are altered; and the Fleet Prison is pulled down!“2

1. Komik und Lachen

Charles Dickens schuf sein Werk zu Beginn des Viktorianismus, versetzte es jedoch in das Jahr 1827, eine Zeit, in der es keine Eisenbahnen gab und in der Reisen mit dem Pferdewagen noch durchaus üblich, wenn auch nicht mehr so populär wie früher waren. Die Gesellschaft war zwar bereits von der Industrialisierung geprägt, doch in nahezu eskapistischem Bestreben verzichtet Dickens in seinem Werk auf jede Erwähnung industrieller Errungenschaften und Kinder- oder Frauenarbeit, wie sie in dieser Zeit üblich waren. Sein frühes Werk spiegelt noch die kindliche Freude über Ausflüge auf das Land und die zum Teil karikaturhafte Darstellung der vorviktorianischen Gesellschaft wider. England scheint noch ein friedliches und idyllisches Land zu sein. Dies wird beispielsweise in der Präsentation der Fahrt in den Pferdewagen deutlich, die, verglichen mit der Kutschfahrt in A Tale of Two Cities, das 50 Jahre später erschien, noch naiv und äußerst unterhaltsam erscheint3

Das Lachen spielt in seinem Roman eine sehr große Rolle, wobei es sich nicht ausschließlich um Auslachen , sondern durchaus um mitfühlendes Lachen bis hin zum mitleidigen Schmunzeln handelt. Das Lachen als Instrument des Autors, die Leserschaft sowohl zu unterhalten, als auch sie im Leben zu unterweisen, erinnert an das Ideal des Horaz, daß Literatur „unterrichten und unterhalten“ müsse. Dabei bedient sich Dickens diverser Formen, Lachen oder Schmunzeln beim Leser hervorzurufen. Um ein besseres Verständnis des komplexen Themas zu erreichen, werden die wichtigsten Theorien der Komik und des Lachens in angemessener Kürze dargestellt werden.

1.1 Henri Bergson

In seinem Essay „Le Rire. Essai sur la signification du comique“4 geht Bergson vor allem auf die Mechanisierung als komischen Aspekt ein. So wirkt es komisch, wenn Personen wie Marionetten handeln bzw. wenn unbelebte Gegenstände personifiziert werden. Lachen ergibt sich also hierbei aus einer starken Distanz zum zu verlachenden Objekt heraus, da sich der Lachende nicht mit der mechanischen Art des Verlachten identifizieren kann. Das Lachen führt zur Entladung von zeitweise aggressiven Gefühlen dem Lachobjekt gegenüber. Dabei ist es unwichtig, ob der Lachende dem Lachobjekt Sympathie oder Antipathie entgegenbringt, denn für den Augenblick des Lachens werden Mitleid und Sympathie außer Acht gelassen. Bergson spricht hierbei von der „Betäubung des Herzens“5, die aufgrund des mechanisierten Verhaltens des Lachobjekts ausgelöst, die aber jederzeit auch unterbrochen werden kann.

Freuds Thesen überschneiden sich größtenteils mit denen Bergsons. Freud fügt allerdings das libidinöse Verhältnis von Witz und Lachen hinzu, das das Lachen in eine Entladung obszöner oder aggressiver Gefühle, die durch den Witz ausgedrückt werden, verwandelt. Freud geht auch vom rein lustvollen, also mit Spaß und kindlicher Freude verbundenen Lachen aus, das das Spielerische am Witz betont6.

1.2 Thomas Hobbes

7 Hobbes vertritt die Ansicht, daß das Lachen aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus entsteht. Seine Lachtheorie geht also von zwei Schichten aus, der des Lachenden, der über dem Lachobjekt steht, und der des Lachobjekts, der aufgrund seines sozialen oder geistigen Niveaus deutlich unter dem Lachenden steht. Die Überlegenheit, die durch Sprache, Stil und Verhalten ausgedrückt wird, führt zu einer starken Distanz zwischen Lachendem und Lachobjekt und somit zum komischen Effekt. Die Theorie basiert auf dem aufklärerischen Gedanken des grundsätzlich Bösen im Menschen8.

1.3 Francis Hutcheson

Hutcheson vertritt die Theorie der Inkongruenz, so daß der Aspekt des Auslachens nicht mehr der ausschließliche Grund für das Lachen sein muß, wie dies noch Hobbes vertrat. Bei Hutcheson wird das Lachen durch eine plötzlich auftretende Inkongruenz zwischen zwei gleichzeitig auftretenden Punkten, beispielsweise wenn eine Romanfigur die Situation, in der sie sich befindet anders sieht, als sie in Wirklichkeit dem Leser bekannt ist. Hutcheson erkennt ein Ridiculum an, also den Aspekt der Überlegenheit, im Gegensatz zum Ludicrum, dem Aspekt des Lachens als innere Befriedigung9. Somit entwertet er Hobbes‘ Thesen, die seiner Meinung nach zu einseitig moralisierend sind. Hutcheson selbst definiert das gutmütige Lachen, den Aspekt der Benevolenz, der gerade für The Pickwick Papers von großer Bedeutung ist.

1.4 Lachen und Ordnung

10 Beobachtet man die Gründe für das Lachen, so findet man heraus, daß das Lachen einerseits die bestehende oder gezeigte Gesellschaftsform kritisiert oder aber eine neue Ordnung herstellen will. Das Lachen hat somit einerseits eine anarchische, als auch eine ordnende Seite, die also die Starrheit der Gesellschaft auflösen möchte, um eine neue und spontane Ordnung herzustellen. Beim Lachen, das ein individueller Akt ist, finden dennoch Menschen zusammen, die sich an der Freiheit und am Spiel erfreuen. Die Ordnung, die dadurch hergestellt wird, wird zweitrangig, sobald die Lachenden ihre eigene Ordnung gefunden haben. Das Paradoxon von Ordnung und Freiheit ist somit auch eine der bedeutendsten Komponenten des Lachens als subversiven Akt Wer beispielsweise über eine politische Rede lacht, verneint die darin dargestellten Gesellschaftsideale und handelt subversiv. Wer aber in diesem Akt viele Menschen vereinen kann, bildet eine neue Ordnung. Wenn sich ein Romanautor der Komik bedient und Lachen bei der Leserschaft hervorruft, erreicht er sein Ziel, Bestehendes anzuzweifeln und Neues zu erreichen.

2. Komik in The Pickwick Papers

Wie bereits festgestellt wurde, ist Komik und der damit verbundene Lacheffekt von der Nähe bzw. Distanz zum Lachobjekt sowie von der Perspektive abhängig. Die Diskrepanz zwischen dem, was beschrieben wird und der Art und Weise, wie es umgesetzt wird, hat einen komischen Effekt auf die Leserschaft. Vornehmheit vorzugeben und auf ungebildete Art zu reden, sich als Sportler auszugeben und völlig unsportlich zu sein, dies erhöht den komischen Charakter einer Erzählung. Bei Dickens ist das Lachen über diese kleinen Makel der Figuren jedoch nicht boshafter Natur, sondern gutmütig und beinahe mitleidig. Das gutmütige Lachen, das sich auf der Tradition der Spätaufklärung gründet, die besagt, daß der Mensch an sich nicht böse sei, seine Taten also auch nicht von Grund auf böse seien, fördert einerseits die Sympathie der Leserschaft den Figuren gegenüber, deckt andererseits aber ebenfalls kleine Fehler und Eitelkeiten auf, die der Autor kritisieren möchte. Die Anwendung von komischen Effekten zu eben diesem Zweck ist in den Pickwick Papers charakteristisch.

2.1 Satire und Karikatur

Bei oberflächlicher Lektüre scheinen die Pickwick Papers ausschließlich der Unterhaltung des Lesepublikums zu dienen. Dies war zunächst Sinn und Zweck der Veröffentlichung gewesen, und nicht die Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Doch die offenkundig karikierende Darstellung mancher Figuren, sogar Samuel Pickwicks selbst, sowie die satirische Verarbeitung gesellschaftlicher Umstände gewinnen im Verlauf des Romans derart an Bedeutung, daß sie nicht übersehen werden können. Doch es stellt sich die Frage, was Dickens in seinem Roman satirisiert. Es kann einerseits die viktorianische Gesellschaft mit ihren Sitten und Bräuchen sein. Dies geschieht beispielsweise in der Episode in Bath (Kap. XXXV), in der ein Ball zu einem gesellschaftlichen Ereignis der Oberschicht mit all den damit verbundenen Neidern und Oberflächlichkeiten aufgebläht wird. Weitaus naheliegender erscheint jedoch die These, daß Dickens, der seinen Roman nicht in die Zeit des Viktorianismus, sondern zehn Jahre früher gesetzt hat, und somit jede Satire auf den Viktorianismus unnötig und unmöglich macht, vielmehr die allgemeinen und allgegenwärtigen Unarten der britischen Gesellschaft der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Dies geschieht dadurch, daß er die verschiedenen Figuren karikiert:

Time and feeding had expanded that once romantic form; the black silkwaistcoat had become more and more developed; inch by inch had the gold watch-chain beneath it disappeared from within the range of Tupman’svision; and gradually had the capacious chin encroached upon the bordersof the white cravat, but the soul of Tupman had known no change -admiration of the fair sex was still its ruling passion.11

Doch nicht nur die Karikatur des äußeren Erscheinungsbildes der Figuren ruft Komik hervor, sondern auch die innere Entwicklung der Charaktere im Verlauf des Romans. Winkle, der zu Beginn ein Dummkopf war, Pickwick selbst nennt ihn gar einen „humbug“12, entwickelt sich zu einem feurigen Liebhaber, der sogar versucht, über eine Mauer zu klettern, um seine Geliebte zu erreichen13. Ähnliches geschieht mit Snodgrass oder Pickwick selbst. Auch Sam Weller, der zunächst die Ernsthaftigkeit und den kritischen Aspekt in den Roman zu tragen scheint, ist eine sehr komische Figur, wobei seine Komik jedoch nicht auf seiner Person, sondern auf seinem Humor und seinem Umgang mit dramatischen Situationen ruht. Er zeigt, daß die englische Unterschicht humorvoll lebt und denkt. Er erklärt beinahe unmögliche oder ungerechte Verhältnisse mit Hilfe seiner Sprüche, die auf sarkastische Art und Weise komisch und kritisch zugleich sind. Die Figur des Sam Weller ist, im Gegensatz zu den meisten anderen, nicht überzeichnet oder karikiert. Sam übertreibt den Witz der Londoner Straße nicht, sondern er lebt ihn aus14.

Zum einen scheint es, daß Sam und Mr. Pickwick in cervantesker Symbiose zusammenleben, Sam quasi als treuer und loyaler Sancho Panza des ähnlich aufrechten und gutherzigen „Don Quijote“ Pickwick15. Doch dem ist nicht vollkommen so, denn Sam steht auch für eine unterschiedliche Weltanschauung. Chesterton gelingt eine passende Umschreibung der beiden Charaktere: „[...] Sam Weller stands in some ways for a cheerful knowledge of the world; Mr. Pickwick stands for a still more cheerful ignorance of the world.“16

Man mag der Meinung sein, daß derart zum Teil lächerliche, zum Teil kindliche Figuren dem Gespött der englischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Doch die Tatsache, daß der Roman erst ansetzt, als die Clubmitglieder schon reiferen Alters sind, läßt den Leser nicht weiter darüber nachdenken. Pickwick und seine Freunde haben ein beträchtliches Vermögen im Laufe der Jahre angesammelt, was ihnen eine große Sicherheit bietet. Aus diesem Grund können sie auch auf gutmütige und philanthrope Art und Weise an eine ihnen nur in ihren Grundzügen bekannte Gesellschaft herangehen.17 Die Diskrepanz zwischen diesem naiven Mikrokosmos und dem real existierenden Makrokosmos der Außenwelt ruft deshalb Schmunzeln und Lachen hervor. Die Naivität führt zudem zu manch farcenhaftem Erlebnis: Die Wahl in Eatanswill18 und das lächerliche Gerichtsverfahren zwischen Mrs. Bardell und Mr. Pickwick19 belegen dies zu Genüge.

Doch niemals fühlt sich das Lesepublikum hingerissen, die Figuren böswillig auszulachen, denn dazu sind diese zu gutmütig und kindlich naiv. Der Leser spürt ein Schmunzeln aufsteigen, so wie bei einem Kind, das tolpatschig die Welt entdeckt. Nicht einmal gegen Jingle, den Schwindler, der Miss Rachael Wardle denken läßt, er sei in sie verliebt und der sie dann für eine geringe Geldsumme wieder ablöst20, kann man bösartige Gedanken hegen, denn gerade die Episode mit der Ablösung durch Tupman ist so amüsant, daß Jingle zum wahren Held der Szene wird21.

Dies ist schließlich die wahre Komik des Romans, denn Dickens verwendet stets Übertreibungen, Farcen und Karikaturen, doch niemals überschreitet er die Grenze der Sympathie. Damit, wiederum, gelingt es ihm, die Sympathie der Leserschaft auf die Figuren zu lenken, die, obgleich manche ihre negativen Seiten haben, immer positiv gezeichnet werden.

2.2 Verschiedene Formen der Komik

2.2.1 Situationskomik

The Pickwick Papers ist stark von verschiedenen komischen Situationen geprägt, die deshalb komisch wirken, weil sie durch die Inkongruenz der augenblicklichen Ereignisse die bestehende Ordnung stört. Als ein gutes Beispiel eignet sich die Szene, in der Mrs. Bardell der Meinung ist, Mr. Pickwick halte um ihre Hand an. Dem Leser wird klar, daß es sich bei beiden um ein Mißverständnis handelt, doch da weder Mrs. Bardell noch Mr. Pickwick die wahre Situation erkennen, erscheint sie dem Leser komisch. Der Effekt wird gesteigert, als Pickwicks Freunde das Zimmer betreten, gerade als Mrs. Bardell Mr. Pickwick umschlungen hält. Die mißverständliche Situation erscheint den Beteiligten schockierend, doch nicht dem Lesepublikum, das um die wahren Umstände weiß.

Der Leser hat einerseits Mitleid mit Pickwick und der Witwe, doch andererseits ist der komische Effekt so stark, daß das Lachen nicht unterdrückt werden kann.

2.2.2 Sprachkomik

Besonders im Cockney Sam Wellers zeigt sich oft Sprachkomik. Durch seine Aussprache kommt es zu manchen Mißverständnissen, die komisch wirken:

„What’s your name, Sir?“enquired the Judge.

„Sam Weller, my Lord,“replied that gentleman.

„Do you spell it with a‚V‘or a‚W‘?“enquired the Judge.

„That depends upon the taste and fancy of the speller, my Lord,“replied Sam, „I never had occasion to spell it more than once or twice in my life, but I spells it with a‚V‘.“22

Der typische Londoner Dialekt fördert den komischen Effekt, so daß die ernsthafte Figur des Sam Weller dadurch etwas Steifheit verliert.

2.2.3 Absurditätskomik

Viele Episoden leben von der Absurdität ihrer Darstellung. Farcenhafte Situationen sind an der Tagesordnung, um die Naivität der Beteiligten und die daraus erwachsenden Probleme aufzuzeigen. Gerade in der Episode in Bath findet sich eine Fülle absurder Ereignisse, beispielsweise Lord Mutanheds Schwärmerei für die Nachbildung einer Postkutsche und nicht zuletzt das Kartenspiel, das für Miss Bolo beinahe tragisch endet. Wenn man bedenkt, daß ein Kartenspiel keine lebenswichtige Bedeutung haben kann, erkennt man Miss Bolos Reaktion als völlig absurd an. Das darauffolgende Wortspiel unterstreicht dies um so mehr: „[...] Miss Bolo rose from the table considerably agitated, and went straight home in a flood of tears, and a sedan chair.“23

Dickens‘ Wortspiel, das sowohl die Trauer über eine Lappalie, als auch das finanzielle Vermögen der jungen Frau darstellt, erscheint dem Leser als absurd und unbegründet. Das Kartenspiel gerät somit zur Farce.

3. Sozialkritik

Bereits in Dickens‘ erstem Roman zeichnet sich seine Tendenz zur Kritik am bestehenden sozialen System ab. Noch stark von der Fröhlichkeit und der leichten Nostalgie geprägt, erlebt der Leser die Kritik als leisen Hinweis auf Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Unarten. Doch Dickens wußte bereits um sein Ziel, mehr Gerechtigkeit in seine Zeit zu bringen. Daß The Pickwick Papers anfänglich nicht als sozialkritischer Roman konzipiert war, ändert nichts an dieser Tatsache. Das Erscheinen Samuel Wellers, das zwei unterschiedliche Gesellschaftsschichten zusammenbringt sowie die Auftritte von Jingle und Job Trotter, die die Unterwelt Londons zeigen, dienen der Gesellschaftskritik. Auch innerhalb der illustren Gesellschaft zeichnet sich manche negative Seite ab, diverse Berufsgruppen und Handlungsweisen werden zum Ziel der Kritik durch den Autor. Doch Dickens verzichtet bei seinen Beschreibungen weitestgehend auf den Pathos, der erst in seinen späteren Werken zu Tage tritt. Als humorvolles Werk mußte die Trauer, die er möglicherweise in verschiedenen Szenen und Episoden fühlen mochte, z. B. beim Tod des Clowns24, unterdrückt werden. Und gerade dies führt dazu, daß Dickens mit auftretender Trauer auf eine respektvolle und dadurch wirklich traurige Art und Weise umgeht. Der Leser, der die genaue, aber auch wenig emotionale Beschreibung von Leid liest, kann sich um so mehr damit identifizieren. So gelingt es Dickens, wirkliche Kritik an der Gesellschaft zu üben.

3.1 Ziel der Gesellschaftskritik

Charles Dickens‘ Ziel ist keine aggressive Kritik am Gesellschaftssystem, sondern vor allem Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, damit die Leser diese dann selbst vermeiden. Der nostalgische Erzählstil, die eskapistische und übertrieben idyllische Darstellung der Zeit vor der Einführung der Eisenbahn zeigen deutlich, daß Dickens auf die „guten alten Zeiten“ verweisen möchte. Durch den Gegensatz zwischen den noch in der Vergangenheit lebenden Clubmitglieder und der sich wandelnden Gesellschaft und deren Normen und Werte werden Schwächen an den neuen Idealen deutlich. Materialismus, übertriebenes Wirtschaftsdenken und fehlende Gemütlichkeit und Langsamkeit ersetzen die Behaglichkeit der Vergangenheit zunehmend. Das Leben wird mehr und mehr von finanziellen Aspekten beherrscht, Beziehungen auf das Materielle reduziert25. Gleichzeitig aber gibt es viele Menschen, die aufgrund von Schulden ins Gefängnis gebracht werden. Diese Diskrepanz zwischen Vermögen und Armut ist einer der Hauptkritikpunkte Dickens‘.26

Die Ungerechtigkeit weitet sich zu anderen Bereichen aus: Durch die Augen Pickwicks sieht der Leser die unhaltbare Situation der Strafgefangenen der Fleet Prison 27 und versteht, wogegen sich Dickens‘ Kritik richtet. Auch vor Korruption scheint die Gesellschaft nicht zurückzuschrecken, wenn sogar ein Gefängniswärter für besondere Vergünstigungen von den Gefangenen bestochen wird28.

Doch Dickens geht es in seiner Kritik nicht ausschließlich um die Gesellschaft und deren Schwächen. Er wählt gezielt Personengruppen und Eigenschaften aus, die er näher beschreibt und sie seiner Kritik aussetzt.

3.2 Kritisierte Berufsgruppen

Wenngleich alle Figuren in The Pickwick Papers ihre guten und schlechten Seiten haben, wählt Dickens bestimmte Berufsgruppen aus, die stark typisiert den jeweiligen Berufsstand und seine Schwächen und Fehler darstellen. Dabei stellen die Rechtsanwälte und Richter die weitaus größte Gruppe dar, die Dickens in seinem Roman angreift. Dodson und Fogg, die Verteidiger im Fall Bardell gegen Pickwick, die Pickwick aufsucht, um sie von seiner Unschuld zu überzeugen, reagieren gleichgültig und interpretieren seine Erklärungsversuche absichtlich falsch, um ihn zu einer Bußgeldzahlung zu bewegen, da in diesem Fall auch sie davon profitieren. Zu spät erkennt Pickwick, daß die Anwälte selbst die Verschwörung angezettelt haben: „It’s a conspiracy, [...] a base conspiracy between these two grasping attorneys, Dodson and Fogg“29. Hier und auch später wird deutlich, daß die Anwälte versuchen, Interpretationen zu ihrem Gunsten zu manipulieren30, was ihnen in dieser Episode auch gelingt. Für die Berufsgruppe der Anwälte und Richter scheint es nur Regeln und Gesetze zu geben, aber keine Menschlichkeit. Im Mittelpunkt der Welt von Anwälten und Gesetzen steht im Roman der lächerliche Prozeß zwischen Mrs. Bardell und Mr. Pickwick. Mit falschen Verhören, mißverständlichen Zeugenaussagen, die mit angeblichen Briefen an Mrs. Bardell durchsetzt sind31 und einem verwirrenden Prozeßverlauf wird das Endurteil durch Dickens selbst relativiert. Der Leser weiß um die Ungerechtigkeit des gesamten Prozesses und um die Habgier der Anwälte, die letztendlich das Urteil beeinflußt hat. Auf diese Weise übt Dickens Kritik am seiner Meinung nach korrupten Berufsstand derer, die sich eigentlich um die Umsetzung der Gerechtigkeit kümmern sollten. Gerade an diesem Gerichtsverfahren und an der Charakterisierung von Dodson und Fogg lassen sich auch alle weiteren Anwälte messen, die zwar weniger deutlich, aber dennoch klar den von Dickens kritisieren Beruf vertreten.

Dickens‘ Kritik gilt weiterhin der Politik und den Verfahren, die bei Wahlen angewendet werden. Er widmet eine Episode den untragbaren Zuständen in Eatanswill32, dessen Hauptakteur ein Kandidat zum Amt des Gouverneurs und Anwalt ist. In einer Zeit in der die Politik in England aufgrund der Verabschiedung der First Reform Bill im Jahre 1839 sehr aktuell war, da die Mittelschicht mehr Mitspracherechte erhielt, schien die Episode einer Wahl für Dickens wichtig, auch wenn diese eigentlich in der Zeit vor den Reformen stattfand. Er setzt dabei die Wahlen mit einem Machtkampf zwischen den beiden Parteien gleich: Während eine Partei Bier ausschenkt, sperrt die andere ihre potentiellen Nichtwähler ein, bis sie sich zu einer Wahl durchringen. Daß solche Methoden illegal sind, steht außer Frage, doch dies scheint den Kandidaten egal zu sein, wie Mr. Perker erklärt:

„We are pretty confident, though,“said Mr. Perker, sinking his voice almost to a whisper.„We had a little tea-party here, last night - five-and-forty women, my dear Sir - and gave every one of‘em a green parasol when she went away.“33

Obgleich die Frauen noch nicht wählen dürfen, werden sie im schmutzigen Kampf um Stimmen benützt, damit diese ihre Männer dazu bewegen, die entsprechende Partei zu wählen. Dickens wußte als Reporter um solche Mißstände, und mit Hilfe einer Episode über Pickwicks Naivität im Bereich der Politik konnte er diese publik machen.

Ein weiterer Bereich der Gesellschaft, den Dickens in The Pickwick Papers kritisiert, ist die Kirche, obgleich er nicht die Kirche als Institution, sondern nur eine bestimmte Art von Kirchendienern anprangert. Ein solcher Kirchendiener ist Mr. Stiggins, der der Baptistenkirche anzugehören scheint. Nach dem Tod von Tony Wellers Ehefrau, Sam Wellers Stiefmutter, erhofft er sich einen Teil der Erbschaft. Als er erfährt, daß sie nichts hinterlassen hat, ist er schockiert, daß nicht einmal er etwas erben wird:

„Nothing for me , Mr. Samuel?“Sam shook his head.

„I think there’s something,“said Stiggins, turning as pale as he could turn.„Consider, Mr. Samuel; no little token?“34

Stiggins wird nur oberflächlich skizziert, so daß keine religiöse Gemeinschaft in Wirklichkeit daran Anstoß nehmen kann. Zudem verzichtet Dickens darauf, Stiggins‘ Religionsgemeinschaft näher zu charakterisieren, obgleich es nicht schwer ist, seine Herkunft festzustellen.35

Es ist interessant, daß Dickens mit der Wahl der Institutionen, die er der Kritik unterzieht, eine Gegenwelt zum Pickwick’schen Mikrokosmos schafft. So kann der Leser besser manche Naivität verstehen, aber auch die geübte Kritik nachvollziehen.

3.3 Eitelkeit

Am Verhalten der dargestellten Figuren ist oftmals Eitelkeit festzustellen, doch Dickens überschreitet nie die Grenze zur Heuchelei. Seine Figuren , selbst die korrupten oder kriminellen, bleiben bis zum Schluß sympathisch und kennzeichnen sich lediglich durch die menschliche Schwäche der Eitelkeit, die jedoch meist auf lächerliche Art und Weise bestraft wird. Eitelkeit wird als Versuch definiert, attraktive oder aufgezwungene soziale Rollen zu erfüllen, ohne dabei die mit diesen verbundenen schlechten Seiten ebenfalls erfüllen zu müssen. Prätentionen und Blamage sind die Folge dieser oftmals unfreiwilligen Eitelkeiten. Eitles und dummes Verhalten zeigt sich bei den vorgeblichen Gentlemen, die Duelle ausmachen und keines durchführen, aus Angst, getötet zu werden. Im Kapitel XXXVIII36 zeigt sich eines dieser Duelle zwischen Winkle und Dowler als peinliches Treffen, das niemals in ein wirkliches Duell übergehen wird. Diese Einstellung zum Duell und seine Präsentation basiert auf Dickens‘ negativer Einstellung zu einem zu seiner Zeit üblichen Brauch. Prominente Zeitgenossen, wie Wellington und Molesworth waren in Duelle verwickelt, doch Dickens konnte dies nicht gutheißen, da ein Duell für ihn nicht der Beweis für Mut war37. Gerade deshalb wählte er eine ins Lächerliche gehende Präsentation des Themas.

Eitelkeit in Bezug auf die eigenen (pseudo-)wissenschaftlichen Errungenschaften bilden einen Kernpunkt in Dickens‘ Kritik an der Gesellschaft, und dabei wird nicht einmal Pickwick in Schutz genommen. Im Zeitalter der Entdeckungen wurden viele unnütze Erfindungen vorgenommen, die Dickens seiner Kritik unterziehen wollte. Besonders die leichte Arroganz eines Pseudowissenschaftlers entsprach nicht dem wahren wissenschaftlichen Charakter. Eine wissenschaftliche Demonstration stellt Dickens wie folgt dar:

As to the scientific gentleman, he [Winkle] demonstrated in a masterlytreatise that these wonderful lights were the effect of electricity, and clearlyproved the same by detailing how a flash of fire danced before his eyeswhen he put his head out of the gate, and how he received a shock whichstunned him for a full quarter of an hour afterwards; which demonstrationdelighted all the Scientific Associations beyond measure, and caused him to be considered a light of science ever afterwards.38

Diese Darstellung endet mit dem Verb considered, was deutlich werden läßt, daß es sich im Fall von Winkle in keiner Weise um einen Wissenschaftler handelt, sondern um jemanden, der wissenschaftliche Allüren an den Tag legt. Das Aufkommen sportlicher Betätigung in Dickens‘ Zeiten schien ihn ebenfalls zu Kritik zu verleiten. Nicht, daß er körperliche Ertüchtigung nicht gutgeheißen hätte, doch vorzugeben, man sei sportlich, um sich dann vor der Gesellschaft zu blamieren, überschritt für ihn die Grenze zur Eitelkeit. Winkle wird in seinem Roman zum Opfer der Kritik. Zunächst gibt er vor, ein passionierter Jäger zu sein, schießt anschließend allerdings auf das falsche Ziel, nämlich auf Tupman39. In einem späteren Kapitel versucht er sich als Eisläufer, um den anwesenden Damen zu imponieren. Dies endet für ihn jedoch sogar mit einem Disput mit Pickwick, bei welchem Pickwick ihn als „humbug“ bezeichnet40.

Einen Höhepunkt der Eitelkeit findet der Leser in der Darstellung der versammelten Gesellschaft von Bath. Hier wird deutlich, daß Dickens Adelige allgemein als lächerlich überzogene Menschen ansah41: Die Szene, in der Lord Mutanhed seine Abenteuer mit einer nachgebauten Postkutsche ohne Briefe erzählt42, erscheint nur zu lächerlich. Auch das übertreiben pathetische Verhalten von Miss Bolo angesichts des verlorenen Kartenspiels43 zeigt Dickens‘ Einstellung zu gesellschaftlichen Ereignissen in adeligen Kreisen.

Vorgebliche Frömmigkeit und übertriebene Prüderie sind ein weiterer Kritikpunkt in The Pickwick Papers. Stiggins nutzt seine Stellung als Kirchenvertreter aus, um mit Hilfe seiner Frömmigkeit, die er bei jeder Gelegenheit zur Schau stellt, ein Vermögen zu sammeln44. Prüderie und falsche Vermutungen stellen schließlich ebenfalls einen Stein des Anstoßes für Dickens dar. Die Episode im Mädcheninternat zeugt davon, denn die Leiterin des Internats vermutet in jedem Wort Pickwicks eine böse Absicht:

„Ladies - dear ladies,“said Mr. Pickwick.

„Oh, he says we’re dear,“cried the oldest and ugliest teacher.„Oh the wretch.“45

Daß Pickwick nicht in der Lage zu einer kriminellen Tat wäre und er nur aufgrund eines bösen Streichs von Job Trotter in diese prekäre Lage gerät, kann er nicht erklären, denn die Frauen fürchten um ihre Tugend und beschützen sie auf übertriebene Art und Weise. Doch gerade diese überzogene Prüderie führt dazu, daß sie in allem etwas ihre Tugend gefährdendes finden. Diesen paradoxen Umgang mit Tugend und Prüderie versucht Dickens hier zu kritisieren.46

3.4 Die interpolierten Erzählungen in The Pickwick Papers und ihre gesellschaftskritische Bedeutung

Die Tradition der eingeschobenen Erzählungen geht auf den Schelmenroman des 16. Jahrhunderts mit seinem Paradebeispiel Don Quijote de la Mancha zurück. Eingeschobene und unterhaltsame Erzählungen sollten hier einen Zusammenhang zwischen der realen und der fiktiven Welt herstellen. Dies ist beispielsweise bei der Geschichte der Leonora in Henry Fieldings Joseph Andrews der Fall, denn hier greifen alle Figuren in den Fortgang der Erzählung ein und bilden somit eine Brücke zwischen Schein und Wirklichkeit47. Die interpolierten Erzählungen, insgesamt sind es neun im gesamten Roman, lassen sich vom Zusammenhang ablösen. Sie leben ohne die Erlebnisse und Episoden um sie herum. Und dennoch haben sie eine wichtige Bedeutung für den Roman und für die Fortentwicklung der Charaktere. Die Vermutung, die Erzählungen wären einem anderen Werk zugedacht gewesen, und Dickens habe sie aus Zeitgründen und ohne konkrete Absicht in seinen Serienroman eingebaut48, was gleichzeitig bedeuten würde, daß er ein unverantwortlicher und einfallsloser Autor gewesen sei, kann nicht bestätigt werden, obgleich diese Hypothese beispielsweise bei Edgar Johnson oder Earle Davis bis hin zu Kathleen Tillotson großen Anklang fand49. Dennoch zeigen die fehlenden Reaktionen der beteiligten Zuhörer, daß die Erzählungen selbst nicht in den gesamten Rahmen des Romans aufgenommen werden können. Ihre Bedeutung kann demnach nicht aus einer Bindung an die Erlebnisse der Figuren erwachsen, sind die Erzählungen ja weitestgehend isoliert50.

Nun stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Erzählungen für das Gesamtwerk haben. Es ist möglich, den tieferen Sinn der Erzählungen mit Hilfe von Interpretationen über tiefere Schichten des Romans herauszufinden. Die Welt, in der Pickwick und seine Freunde leben, ist geprägt von Naivität und Philanthropie. Die Männer kennen Probleme nur von ihrer harmlosen Seite, so daß sie beschließen, als Weltbeobachter ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. Nun ergeben aber die Erzählungen, die scheinbar wahllos und zur Unterhaltung eingestreut werden, einen Dualismus zwischen Wirklichkeit und Schein51: Pickwick und seine Freunde erleben die Welt aus der bürgerlich-naiven Perspektive, während Sam und sogar sein Vater Tony Weller versuchen, die Eitelkeiten und Selbsttäuschung mit Hilfe von parabelartigen Erzählungen aufzudecken und sie dem kindlichen Entdeckerkreis zu präsentieren.

Doch nicht immer läßt sich dieser Dualismus zwischen Schein und Sein finden, ohne die Erzählungen in ihrer Bedeutung zu beschneiden. Während „The Stroller’s Tale“, „A Madman’s Manuscript“ oder „The Parish Clerk“ in dieses Muster passen, enthüllen Erzählungen wie „The Bagman’s Story“ oder „The Old Man’s Tale about the Queer Client“ neue Perspektiven und sogar Verbindungen mit dem wirklichen Leben52.

Darüber hinaus kann man parallele Zusammenhänge zwischen den Erlebnissen der Pickwickianer und den Erzählungen feststellen: Die Abenteuer, die Gabriel Grub in „The Story of the Goblins who stole a Sexton“53 bestehen muß, stehen antithetisch zu Pickwicks Erlebnissen. Gabriel Grub als bekennender Misanthrop gelingt es am Ende gerade deshalb gerettet zu werden, während Pickwick in seiner Philanthropie oft den Zugang zu wahren Ungerechtigkeiten zu verlieren droht. Dies wiederum führt sowohl bei Pickwick, als auch beim Leser zu einem Lernprozeß. Indem Pickwick sich mit seinem Gegenbild konfrontiert sieht, muß er seine eigenen Handlungsweisen analysieren und findet dadurch zu einem Mittelweg. Dasselbe gilt für die Leser, die mit Hilfe des Vergleichs zwischen Pickwick und Grub erkennen, daß keine der beiden Extrempositionen die richtige sein kann54.

Die meisten Erzählungen und Romane haben eine didaktische Funktion, doch die Tatsache, daß die interpolierten Erzählungen als eigenständige Geschichten von fiktiven Figuren erzählt werden, verstärkt die Annahme, daß diese nicht unmittelbar einen erzählimmanenten Zusammenhang aufweisen, sondern weit darüber hinaus die didaktische Funktion übernehmen. Es soll somit nicht nur die persönliche Entwicklung Pickwicks dargestellt , sondern ebenfalls die der Leserschaft angestrebt werden.

Nun ist es folglich einfacher, die wahre Bedeutung der scheinbar zusammenhanglosen Erzählungen zu filtrieren: Dickens sah in ihnen eine Möglichkeit, seine Anliegen, die kritischer Natur waren, in seinem Roman zu thematisieren, ohne dem Gesamtwerk jedoch seine Leichtigkeit und Fröhlichkeit zu nehmen. Die eingeschobenen Erzählungen dienen somit der Sozialkritik, die, im Gegensatz zu subtilerer Kritik an anderen Stellen des Romans, hier direkt angesprochen wird. Doch da sich die Geschichten vom Gesamtzusammenhang lösen lassen, erwecken sie beim Leser den Eindruck, das heitere Gesamtbild der Pickwick Papers nicht zu stören. Es wird deutlich, daß die angesprochenen Themen in den interpolierten Erzählungen für Dickens von größter Bedeutung waren, wenn er sich entschied, sie gerade als Teil eines komischen Romans zu schreiben55.

III. Die Verbindung von Komik und Sozialkritik

Es ist interessant herauszufinden, auf welche Weise es Dickens gelang, einen gleichzeitig komischen und sozialkritischen Roman zu schreiben, der die Aspekte der Unterhaltung und Didaktik in sich vereinen mußte.

Dickens war sich zumindest in seinem ersten Roman darüber bewußt, daß er die Leser von seinen didaktischen Absichten nur dann überzeugen konnte, wenn er sie auf unterhaltsame Art und Weise auf diese hinführte. Er beschloß, die Fröhlichkeit und das Gelächter der Clubmitglieder auf die Leser zu übertragen, um ihnen ein Gefühl der Freude und einen positiven Eindruck zu hinterlassen.

Gleichzeitig jedoch präsentierte er soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Heuchelei auf oftmals farcenhafte Weise - man denke nur an den Prozeß zwischen Mrs. Bardell und Mr. Pickwick - um den Lesern zu zeigen, daß diese Verhaltensweisen letztendlich lächerlich seien. Dies bewirkt auch Dickens‘ generelle Akzeptanz in allen Bevölkerungsschichten56.

Natürlich gibt es Romanfiguren, die zu kritisierende Tendenzen aufweisen, während andere die komischen Rollen übernehmen. Doch bei The Pickwick Papers handelt es sich nie um reine Schwarz-Weiß-Malerei. Es gibt keine eindeutigen Schurken und keine eindeutigen Helden, denn jeder weist positive und negative Seiten auf. Dennoch fungieren vier Figuren als Brücken zwischen der Kritik und der Komik, indem sie sich im verlauf des Werks einer Entwicklung unterziehen.

1. Samuel Pickwick

Zu Beginn weiß der Leser nur wenig von Pickwick: Er scheint ein exzentrischer und etwas dümmlich-naiver, vermögender Mann mittleren Alters zu sein, der aufgrund von Beobachtungen und Erfahrungen eine Erklärung für die Zustande der Welt finden möchte. Doch im Verlauf des Romans und mit jeder neuen Erfahrung, die er macht, entwickelt er sich von einem weltfremden Beobachter in einen involvierten Teilnehmer und Kritiker. Chesterton beschreibt seine Entwicklung folgendermaßen: „[...] the character of Mr. Pickwick changes from that of a silly buffoon to that of a solid merchant.“57. Die Figur, die schon zu Beginn des Romans Sympathie beim Leser erweckt, wird mit dem Lauf der Erzählung immer sympathischer.

Der Aufenthalt in der Fleet Prison58 bildet einen Höhepunkt für Pickwicks Entwicklung. Da er selbst nie ernsthaft in Gefahr ist, da er finanziell abgesichert ist, hat der Leser keine Angst um sein Schicksal und kann sich somit auf seine Beobachtungen und oftmals kritischen Kommentare konzentrieren. Hier wird erstmals deutlich, daß Pickwick seine kleine Welt verlassen hat und an der eigentlichen Welt teilnimmt.

Auch die interpolierten Erzählungen dienen der Entwicklung Pickwicks. Durch sie erkennt er eine dunkle Seite des Lebens, die ihm bis dahin verschlossen war oder die er leichtfertig zu ignorieren versuchte. Durch die Konfrontation mit Tragik und Horror bis hin zu Wahnsinn muß er sich mit den negativen Aspekten und ihren Ursachen auseinandersetzen. Gerade hier setzt die didaktische Funktion der eingeschobenen Geschichten ein.

Am Ende des Romans verläßt Pickwick seine Pickwick’sche Weltsicht, die in ihrer Naivität sogar eigene Definitionen prägte59, und kann als völlig autonomer Mensch von den Zuständen in der Welt berührt werden. Aus einem kindlichen, naiven und gutmütigen Mann wird ein fröhlicher, teilweise noch naiver und gutmütiger Mensch. Seine Philanthropie wird nur beinahe enttäuscht, denn am Ende des Werks liebt er die Menschheit nach wie vor, doch sein übertriebener Idealismus und seine ungerechtfertigten Vorstellungen einer durchwegs positiven Welt wandeln sich und lassen erwachsene und menschliche Züge in ihm erkennen. Am Ende benötigt er den Club nicht mehr, so daß er ihn, als Quelle vieler Mißverständnisse, auflöst und sogar die finanzielle Zuwendung von Sam Weller annimmt. Damit ist Pickwicks Lernprozeß abgeschlossen.

Pickwick ist die eigentlich zentrale Gestalt, durch die die didaktische Funktion auch den Leser erreichen kann.

2. Sam und Tony Weller

Sam und sein Vater übernehmen im Roman die ernste Rolle, obgleich man von ihnen nicht als von tragischen Rollen sprechen kann. Sie verlieren aber niemals den Überblick und fungieren als Brücke zwischen der naiven Welt der Pickwicker und der wahren Welt außerhalb. Seine für die Unterschicht typischen Aussprüche und seine teilweise makabren Kommentare und Weisheiten machen Sam zum Symbol der Engländer und ihres Humors60.

Doch Sams und Tonys Fähigkeiten gehen weiter, denn beide erkennen stets die wahre Natur der Menschen und ihre Schwächen. Sie sind in der Lage, durch die Fassaden der Eitelkeit und gesellschaftlichen Rollen durchzusehen und die wahren, verborgenen und affektierten Menschen darunter zu entlarven. Sam hat ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden und fühlt mit, auch wenn er selbst nicht betroffen ist: „‘It’s unekal‘, as my father used to say ven his grog worn’t made half- and-half - ‚It’s unekal, and that’s the fault on it.‘“61. Dies weist ihm die Rolle des weisen und loyalen Dieners zu, der für Pickwick eine didaktische Funktion übernimmt. Pickwick kann von den simplen, aber durchaus durchdachten und auf Erfahrung basierenden Lebensmottos der Wellers lernen, denn Vater und Sohn sind bereits mitfühlende und involvierte Mitglieder einer teilweise ungerechten Gesellschaft. Durch die Zusammenfügung von Arm und Wohlhabend kann Pickwick von seinem Diener lernen, ein besserer Mensch zu werden.

Da Sam und Tony Weller eine moralische Funktion im Werk übernehmen, entwickeln sie sich nicht weiter, sondern bleiben die ganze Erzählung durch gute und loyale Menschen.

3. Jingle

Zu Beginn scheint Jingle eine ähnliche Gestalt wie Sam Weller zu sein, denn er stellt sich selbst als loyal und welterfahren dar, doch mit dem Fortschreiten des Romans zeigt er zunehmend sein wahres Wesen. Auch er ist in der Lage, die Menschen hinter ihrer Fassade zu erkennen, doch er benutzt die Eitelkeit und Prätention der Menschen für seine eigenen Zwecke. Dies kann man ihm jedoch nicht gänzlich übelnehmen, sind es doch gerade die Eitelkeiten seiner Mitmenschen, die sich geradezu anbieten, ausgenützt zu werden.

Sein wahrer Fehler und sein wahres Glück zugleich ist aber, daß Jingle erst in der Fleet Prison die wahre Natur und die wahren Gefühle Pickwicks erkennt. Zunächst hatte er geglaubt, Pickwick sei genauso affektiert wie seine Anhänger und hatte versäumt, ihn wirklich kennenzulernen. Doch im Gefängnis vollzieht sich seine Entwicklung, die aus ihm doch noch einen guten Menschen macht. Pickwicks gutherzige Art lassen ihn in ihm einen Helfer erkennen und helfen ihm dabei, seine eigenen Fehler zu bereuen.

Doch nicht nur Jingle lernt von Pickwick, denn der didaktische Effekt ist hier für Pickwick mindestens ebenso wichtig. Pickwick kann durch die Erfahrungen mit Jingle erkennen, daß nicht alle Menschen gut sind und daß Eitelkeit und Prätention zu großen Problemen und traurigen Situationen führen kann. Die Wandlung Jingles bestätigt Pickwick jedoch wiederum in seinem philanthropen Denken.

IV. Ergebnis

Dickens‘ erster Roman ist heute noch sehr aktuell, denn er verbindet komische Situationen mit kritischen Anmerkungen. Farcenhafte Ereignisse hinterlassen beim Leser Fröhlichkeit, aber verfehlen ihre Wirkung keineswegs. Sobald der Leser durch seine eigene Distanz zu den beschriebenen Ereignissen erkennt, daß er sich nicht mit ihnen identifizieren kann, ist ein weiterer Schritt zur Besserung getan. Auf diese Weise wird der Leser mehr und mehr in die Situationen eingeführt und kann, ähnlich Pickwick, auf amüsante Art und Weise seine anfängliche Naivität ablegen.

Dickens hatte niemals eine Revolution auf der Basis seines Romans im Sinn. Durch die humorvolle Kritik an den Gesetzen, am Staat, am sozialen System und an der Politik, an festgelegten sozialen Rollen und der selbst auferlegten Eitelkeit der Menschen weckte er die kritischen Sinne der Leserschaft. Doch niemals fühlten sich die Leser zu Rache oder Revolution verleitet, niemals erwuchs unter dem Lesepublikum eine unbegründete Abneigung gegen bestimmte Gesellschaftsschichten oder Berufsgruppen62. Dickens ist gelungen, was pathetische und emotionale Protestreden von Politikern nicht erreichen konnten: Die Aufmerksamkeit der Menschen auf bestehende Ungerechtigkeiten und Mißverhältnisse in der Gesellschaft zu lenken. Der humorvolle Ton, der niemals anklagend ist, sondern in den schillerndsten Farben so manche Farce beschreibt, bezweckt die Aufklärung der Leser. Und gerade dies gelingt Dickens auch, indem er auf Pathos verzichtet und zwei gegensätzliche Bereiche miteinander verbindet: Die Komödie und den sozialkritischen Roman.

[...]


1 Mary Colwell: „Organization in Pickwick Papers “. In: Dickens Studies. Boston. Okt. 1967. III, 2. 90.

2 Dickens in: Octavius F. Christie. Dickens and His Age. An Essay. New York. 1974. 21 f.

3 Christie. 46.

4 Bergson: „Le Rire. Essai sur la signification du comique“. In: Kindlers Literaturlexikon. München.1988. 567 f.

5 Bergson. 567.

6 James R. Kincaid. Dickens and the Rhetoric of Laughter. Oxford. 1971. 11.

7 Kincaid. 13 f.

8 Vgl. „Homo homini lupus est.“

9 Lothar Fietz: „Versuche einer Theorie des Lachens im 18. Jahrhundert: Addison, Hutcheson, Beattie.“ In: Lothar Fietz et al. (Hg.). Semiotik Rhetorik und Soziologie des Lachens: Vergleichende Studien zum Funktionswandel des Lachens vom Mittelalter zur Gegenwart. Tübingen. 1996. 247 ff.

10 Kincaid. 14.

11 Charles Dickens. The Pickwick Papers. Hg. v. James Kinsley. Oxford. 1988. 3.

12 Dickens. 369.

13 Gilbert Keith Chesterton. Appreciations and Criticisms of the Works of Charles Dickens. Washington. 1966. 19.

14 Chesterton. 22.

15 Albert Canning. Dickens and Thackeray Studied in Three Novels. Washington. 1967. 34.

16 Chesterton. 22

17 Canning. 33.

18 Dickens. 146.

19 Dickens. 237 f.

20 Dickens. 99 - 107.

21 Canning. 35.

22 Dickens. 434.

23 Dickens. 453.

24 Dickens. 254.

25 Vgl. die Episode über die vermeintliche Beziehung zwischen Mr. Jingle und Miss Wardle, die mit der Zahlung einer geringen Geldsumme aufgelöst wird.

26 Grahame Smith. Dickens, Money, and Society. Los Angeles. 1969. 15 ff.

27 Dickens. 516 und 533 f.

28 Dickens. 519 f.

29 Dickens. 326.

30 Jonathan Grossman: „Representing Pickwick: The Novel and The Law Courts“. In: NineteenthCentury Literature. Los Angeles. Sept. 1997. 52:2. 178.

31 Vgl. die Aussagen von Sgt. Buzfuz. Dickens. 421 ff.

32 Dickens. 142 - 159.

33 Dickens. 146.

34 Dickens. 662.

35 Canning. 54.

36 Dickens. 484 f.

37 Christie. 21 f.

38 Dickens. 501 f.

39 Dickens. 77.

40 Dickens. 367 ff.

41 Christie. 110.

42 Dickens. 451.

43 Dickens. 453.

44 Vgl. Stiggins‘ wirtschaftliches Talent als Geldverleiher (Dickens. 330 f.)

45 Dickens. 200.

46 Christie. 143 ff.

47 Karl L. Klein: „Die interpolierten Geschichten in Charles Dickens‘ ‚The Pickwick Papers‘: Überlegungen gegen eine Integration.“ In: Kuno Schuhmann et al. (Hg.). Miscellanea AngloAmericana: Festschrift für Helmut Viebrock. München. 1974. 329.

48 Walter Dexter und J. W. T. Ley. The Origin of Pickwick. London. 1936. 49.

49 Klein. 323.

50 Klein. 322 f.

51 Klein. 324.

52 Klein. 326.

53 Dickens. 354 - 363.

54 Klein. 327 f.

55 Klein. 332.

56 Canning. 44.

57 Chesterton. 19.

58 Dickens. 513 ff.

59 Vgl. „[...] he had merely considered him a humbug in a Pickwickian point of view.“ Dickens. 6.

60 Chesterton. 22.

61 Dickens. 517.

62 Canning. 46.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Komik und Sozialkritik in Dickens` The Pickwick Papers
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
22
Katalognummer
V96712
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komik, Sozialkritik, Dickens`, Pickwick, Papers
Arbeit zitieren
Mariana Teuscher (Autor), 1999, Komik und Sozialkritik in Dickens` The Pickwick Papers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96712

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