Zu Hobbes Menschenbild - unterwerfen sich diese menschen wirklich einem unkontrollierbaren Leviathan?


Seminararbeit, 1999

15 Seiten, Note: sehr gut


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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Zur Person Thomas Hobbes
2. Zur Zeitgeschichte von Thomas Hobbes
3. Hintergrund zu Hobbes Philosophie
4. Zur Hausarbeit

II. Hauptteil
1. Hobbes Anthropologie
Der mechanische Mensch
Die Vernunft
Die Leidenschaften und der Wille
Glückseligkeit und Macht
2. Der Krieg aller gegen alle und sein Ausweg
Der Naturzustand
Das natürliche Recht und das Gesetz der Natur
Der Vertrag

III. Schluß
Errichteten die Menschen wirklich diesen absoluten Staat, um dem Naturzustand zu entkommen?

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Zur Person Thomas Hobbes

Thomas Hobbes wurde am 5. April in Westport bei Malmesburg in der Grafschaft Wiltshire als Sohn eines ungebildeten Landvikars geboren. Vor Schreck über die Nachricht des Herannahens der spanischen Armada brachte seine Mutter das Kind vorzeitig zur Welt, und Hobbes wird später sagen, sie gebar Zwillinge, „both Me, and Fear“1.

Bereits mit 14 Jahren ermöglicht ihm ein fürsorglicher Onkel nach dem Besuch einer Privat- schule auch das Studium an der Universität Oxford, wo er bereits 1607 seinen Abschluß und eine Lehrerlaubnis für Logik erhält. Hobbes wird Tutor bei der einflußreichen Familie des Ba- rons Cavendish of Hardwick, die ihm Reisen nach Frankreich und Italien ermöglicht, bei de- nen er auch mit René Descartes, Pierre Gassendi und vorallem mit Galileo Galilei zusammen- trifft, mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelt. In England gerät er in den Kreis um Francis Bacon, mit dem ihn trotz einiger Gegensätze die Abneigungen gegenüber der Scholastik verbindet2.

1640 beginnen republikanische Unruhen gegen König Stuart I., Hobbes veröffentlicht seine „The Elements of Law, Natural and Politic“, in denen er den absoluten Anspruch der Krone unterstützt und flieht schließlich Ende 1640 nach Paris als sich das „Long Parliament“ gegen den König und seine Anhänger durchsetzt. Im Exil arbeitet Hobbes unter anderem sein Hauptwerk „Leviathan or The Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil“ aus, das 1651 in London erscheint und auch Gegenstand dieser Hausarbeit ist. Da der „Leviathan“ auch Oliver Cromwells republikanische Diktatur legitimiert, sieht sich Hobbes durch die Royalisten Frankreichs bedroht und flieht zurück nach England3. Dort genießt er die Unterstützung Cromwells und auch, nach Wiedererrichtung der Monarchie, die Karls II. Stuart, die ihn vorallem gegen Angriffe seitens der Kirche verteidigen, die ihn besonders seit Erscheinen seines „Leviathan“ des Atheismus beschuldigen.

Hobbes stirbt 1679, also neun Jahre vor der „Glorious Revolution“, die den von ihm geforderten Absolutismus verwirft und statt dessen eine konstitutionelle Monarchie einführt.

2. Zur Zeitgeschichte von Thomas Hobbes

Das 16. Jahrhundert war durch eine Fülle von konfessionellen (Bürger-)kriegen gekennzeich- net, die durch die Reformation Luthers und Calvins, sowie der Gegenreformation katholischer Päpste, Kaiser und Könige entstanden. Die „Glaubensfrage“ führte häufig zu innerstaatlichen Auseinandersetzungen, wie z.B. die Hugenottenkriege (1562-1598) in Frankreich oder die Spaltung der Niederlande, die natürlich auch eng mit territorialen Interessen Spaniens ver- flochten war. Zwischenstaatlich gipfelten diese Auseinandersetzungen im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen. Nahezu alle Staaten Europas waren in diesen Krieg verwickelt, der einen vierzigprozentigen Bevölkerungsverlust des Reiches zur Folge hatte.

Auch England wurde von diesen Entwicklungen nicht verschont, zumal hier auch noch ein in Europa einmaliges „Parlament“, ein vom König einberufener „Großer Rat“, der sich zuerst aus dem englischen Hochadel, später auch aus dem kleinen Landadel, zusammensetzte, an der Macht beteiligt war. Dieses „Parlament“ entstand als Beratungsorgan des Königs, doch bereits 1215 wurden diesem im Rahmen der „Magna Charta“ erhebliche Zugeständnisse abgerungen. 1295 schließlich rief König Eduard I. sogar gewählte Vertreter der einzelnen Grafschaften in sein Parlament, welche die Befolgung der gefaßten Beschlüsse durchsetzen sollten. Dieses „Parlament“ beanspruchte bereits Mitsprache besonders bei der Steuererhebung und damit auch der Kriegspolitik. Zwar ließ sich diese Repräsentationsform in der Folgezeit nicht auf- rechterhalten, dennoch blieb die Krone in der Steuerfrage abhängig von unabhängigen Bera- tungsversammlungen. Dies sollte Karl I. 1642 zum Verhängnis werden. Als sich im Zuge der Konfessionskonflikte die katholischen Schotten gegen das anglikanische Kirchensystem und zusätzlich eine Revolte in Irland ausbrach, mußte Karl I. das Parlament, ohne das er ebenfalls aus religiösen Gründen seit 1629 regierte, 1640 zur Geldbeschaffung wieder einberufen , 1641 verweigerte es ihm aus Mißtrauen den Oberbefehl über die gegen die Iren kriegführende Ar- mee , was eine Spaltung des Parlaments und damit Englands zur Folge hatte. 1642 brach der Bürgerkrieg aus, der mit der Hinrichtung Karls I. 1649 endete.

Der Heerführer Oliver Cromwell errichtete eine „Republik“ unter seinem Protektorat, die aber 1660 durch die Wiedererrichtung des Königtums beendet wurde. Jedoch brach unter der Herr- schaft König Jakobs II. (1685-88) der Gegensatz zwischen Krone und Parlament wieder aus und mündete in der „Glorious Revolution“, die mit der Thronbesteigung Wilhelms III. von Oranien und einer konstitutionellen Monarchie endete.

3. Hintergrund zu Hobbes politischer Theorie

Die mittelalterliche Philosophie war geprägt von der sogenannten Scholastik.

Die Scholastik betrachtete die Offenbarung des Neuen Testaments als die dem Menschen von Gott zugänglich gemachte Wahrheit, die nach Möglichkeit mit der Vernunft und den von Aris- toteles formulierten Grundsätzen der Logik, sowie anderen „Autoritäten“ (meistens Bibelstel- len, aber auch andere klassische Denker) begriffen werden sollte. Ein Ziel der Scholastiker war es also, die christliche Weltsicht der Offenbarung (und somit der römischen Kirche) mit den Lehren der alten Griechen in Einklang zu bringen, also durch genaue, vernünftige Betrachtung den Willen Gottes oder die gottgewollte Weltordnung zu erkennen und zu lehren. Sollte diese grundsätzlich erwartete Übereinstimmung zwischen Vernunft und Offenbarung nicht gefun- den werden, so sei dies der Fehler der Vernunft, da die Offenbarung immer als die höchste Instanz gewertet wurde.

Nun waren aber durch die Reformation sämtliche den Glauben betreffende Gewissheiten weggefegt worden, und auch das Aufkommen der individueller geprägten Bürger in den Städ- ten schien die Frage einer festgefügten, gerechten, göttlichen Ordnung obsolet gemacht zu haben.

Hobbes schien also versuchen zu müssen, eine andere, diesseitige Staatsordnung zu entwi- ckeln, die ganz auf dem Wesen des Menschen beruht (daher auch seine ausführliche Anthro- pologie, Teil I des „Leviathan“). Er bedient sich hierbei der Methodik der damals aufkommen- den Naturwissenschaften und gibt zumindest vor, ganz „more geometrico“, also nach Art der Geometrie, „der einzigen Wissenschaft, die Gott bisher den Menschen gnädig schenkte“4, vorzugehen. Außerdem klammert er Gott auf diese Weise vollständig aus der Legitimation seines Staates aus, indem er Gott im Sinne des Deismus so hoch hängt, daß er zwar noch vor- handen ist, der direkte Kontakt zu diesseitigen, politischen Fragen aber abgebrochen ist5. Hobbes politische Theorie richtet sich demnach, auch vor dem Hintergrund der zeitlichen Um- stände, ganz darauf, diese einander feindlich (nämlich in Bürgerkriegen) gegenüberstehenden Individuen wieder in eine friedliche Koexistenz zu zwingen.6 An den zahlreichen Polemiken gegen die Scholastik im Leviathan7 erkennt man, daß Hobbes diese zur Bewältigung dieser Aufgabe für ungeeignet hielt.

4. Zur Hausarbeit

In dieser Hausarbeit werde ich die Frage untersuchen, ob die Menschen des Hobbeschen „Naturzustands“ wirklich um des Friedens Willen sämtliche ihrer Rechte aufgeben und somit durch einen derartigen Vertrag den absoluten Staat, den „sterblichen Gott“ schaffen würden, oder ob nicht schon in Hobbes Menschenbild, seiner Anthropologie begründet ist, daß eben dieser Akt selbst theoretisch nicht so vollzogen würde. Denn im Gegensatz zu Hobbes Auffassung ist es für mich zumindest offen, ob sich die Menschen, so wie Hobbes sie darstellt, sich diesem allmächtigen Staat unterwerfen würden.

Hierzu werde ich die wichtigsten Grundannahmen der Hobbeschen Anthropologie, seine me- chanistische Sicht des Menschen, sowie Begriffe wie Vernunft, Macht und Glückseligkeit herausarbeiten, den „Naturzustand, „die natürlichen Bedingungen der Menschheit“ und schließlich den Vertrag beschreiben, durch den der „Leviathan“, Hobbes Staat endlich ge- schaffen wird.

II. Hauptteil

1. Hobbes Anthropologie

Der mechanische Mensch

Wie schon erläutert muß Hobbes in Anbetracht der zeitlichen - aber wohl auch auf Grund sei- ner eigenen Charaktereigenschaften8 Umstände seiner politischen Theorie einen anderen An- satzpunkt als den der Scholastik voraussetzen, den Menschen. Sicherlich geprägt durch seinen Freund Galilei, aber wohl auch durch den Zeitgeist, bedient er sich hierbei ganz des Bildes des Mechanik.

Sinneseindrücke, „Empfindungen“, sind für ihn der Druck äußerer Objekte auf die Sinnesor- gane, wie Augen oder Ohren, der seinerseits über die Nervenverbindungen auf das Gehirn wirkt, wo er einen Gegendruck hervorruft, was der Wahrnehmung der äußeren Objekte ent- spricht. Je größer also der äußere Druck, desto stärker die Empfindung, desto stärker die Erin-nerung, desto stärker auch die empfundene Zu- oder Abneigung hinsichtlich des empfunden Objekts9.

Ich wollte diese mechanische Sicht der Dinge nur aus dem Grund kurz darstellen, da sie für Hobbes Weltbild, Denken und damit seine Theorie von Bedeutung ist. Zum einen ist sie zur damaligen Zeit die aufstrebende Naturwissenschaft (der große Vertreter der klassischen Physik, Isaac Newton wurde 1642 geboren), zum anderen funktioniert sie streng nach ermittelten Gesetzmäßigkeiten. Hobbes greift also auf die gerade entstehende moderne Naturwissenschaft zurück und versucht seinerseits den Menschen und die Politik in ähnlichen Gesetzmäßigkeiten, somit in kausalen Zusammenhängen zu begreifen10.

Die Vernunft

Hobbes prägt wiederum einen sehr (natur-) wissenschaftlichen Vernunftbegriff. Er definiert sie als das „Rechnen ... mit den allgemeinen Namen“11, also Subtraktion und Addition der durch Sprache geprägten Begriffe oder „Kennzeichen“12.

Somit ist es für den richtigen Vernunftgebrauch von entscheidender Bedeutung die Begriffe, die man zum „Rechnen“ gebraucht vorher exakt zu definieren, denn „klare Wörter sind das Licht des menschlichen Geistes, aber nur, wenn sie durch exakte Definitionen geputzt ... sind.“13.

Die Vernunft ist also das Mittel des Menschen, ähnlich der Arithmetik, über sprachliche Beg- riffe durch Rechnen zu Schlußfolgerungen über bestimmte Dinge zu kommen. Man stellt Wörter zu einer Behauptung zusammen, Behauptungen zu Syllogismen und Syllogismen zu einer Beweisführung14. Ohne ihren richtigen Gebrauch ist es also unmöglich, Ursachen einer Tatsache zu erkennen, aber auch Folgen aus dieser zu bestimmen. Sie ist nicht, wie etwa die Güte des Gedächtnisses, angeboren, sondern muß durch Fleiß erworben und verbessert wer- den und ist das Mittel der Wissenschaft, die allein unfehlbare Schlüsse aus der Beobachtung von Tatsachen ziehen kann.

Die Leidenschaften und der Wille

Leidenschaft ist Zu-, Abneigung oder Gleichgültigkeit gegenüber einem Ding oder Menschen.

Sie bewirkt Gefühle wie Liebe oder Haß, Verlangen oder Verachtung, Hoffnung und Ver-zweiflung, aber auch Charaktereigenschaften wie Ruhmsucht, Habgier, Ehrgeiz und Großzügigkeit, Güte oder Mut.

Ihre Ursache liegt in erfahrenen Sinneseindrücke, d.h. je nachdem was und wie stark ein Mensch etwas erlebt hat, beeinflußt es seine Haltung dem empfundenen oder ähnlichen Ob-jekten gegenüber. Aus diesem Grund sind Leidenschaften nicht absolut, für immer gleich stark ausgeprägt, sondern können sich durchaus im Laufe der Zeit, bei anderen Sinneseindrücken verändern.

Leidenschaft ist „der Anfang der willentlichen Bewegung“15, der Wille kommt in ihnen zum Ausdruck. Sie bestimmt, ob ein Mensch etwas für gut oder böse, bzw. nützlich oder unnütz- lich befindet und ist Grundlage, dessen was Hobbes „Überlegung“16 nennt. Denn in einer Ü- berlegung kommen abwechselnd gegensätzliche Leidenschaften, Hoffnung und Verzweiflung, Abneigung und Verlangen zum Ausdruck, die im Geist solange gegeneinander „aufgerechnet“ werden, bis schließlich am Ende das Ergebnis, also das Überwiegen einer der konträren Lei- denschaften feststeht. Der Mensch erkennt also ein Ziel oder ein Mittel zur Erreichung eines Ziels als Gut oder böse, bzw. nützlich oder unnützlich an. Dieser Abschluß der Überlegung, diese Leidenschaft ist das, was als Willen im Menschen zum Ausdruck kommt und ihn schließlich veranlaßt, etwas zu tun oder nicht zu tun. Wille ist deshalb kausal bedingt und nicht willkürlich, da der Mensch auf seine Erfahrungen und somit auf seine Leidenschaften natürlich keinerlei Einfluß hat.

Der Wille bezieht sich also auf die Zukunft und die ihn betreffenden Menschen, Objekte oder Handlungen sind damit immer nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeit als gut oder böse zu fassen. Der Mensch mit der meisten Erfahrung und geübtesten Vernunft kann daher die am ehesten zutreffende Voraussagen machen17.

Glückseligkeit und Macht

„Ständigen Erfolg im Erlangen der Dinge, die man von Zeit zu Zeit begehrt, das heißt ständiges Wohlergehen, nennt man Glückseligkeit“18.

Nach Hobbes ist das Leben geprägt durch ein ständiges Verlangen nach wechselnden Dingen,„wobei jedoch das Erlangen des einen Gegenstands nur der Weg ist, der zum nächsten Gegenstand führt“19. Denn für den Menschen ist es von entscheidender Bedeutung einen Gegenstand nicht nur einmal zu genießen, sondern den Genuß auch für die Zukunft sicherzustellen und sich auch alle Optionen auf andere Gegenstände offen zu halten. Seinen Bewegungsradius sichern und erweitern ist also die Grundvoraussetzung menschlicher Glückseligkeit und das Mittel das dies gewährleistet ist Macht.

Nur Macht sichert also die menschliche Glückseligkeit, Macht über Dinge, wie Land, Vermö- gen oder Waren, aber auch über Menschen, z.B. Diener oder Arbeiter. Selbst die Meinung anderer Menschen kann für den einzelnen Macht bedeuten, wenn diese ihn z.B. für besonders Erfahren, Vernunftreich oder mutig und klug halten und die größte Macht ist diejenige, die sich aus der Macht vieler einzelner zusammensetzt20. Macht ist für jeden Menschen eine Grundvoraussetzung des Überlebens und daher „ein allgemeiner Trieb der gesamten Mensch- heit, der nur mit dem Tod endet“21.

2. Der Krieg aller gegen alle und sein Ausweg

Der Naturzustand

Der Naturzustand oder „die natürlichen Bedingungen der Menschheit“22, ist Hobbes theoretische Vorstellung eines vorstaalichen Zusammenlebens der Menschen.

Die Menschen zeichnen sich durch eine relative Gleichheit der körperlichen und geistigen Fä- higkeiten aus. Sicherlich kann einer stärker oder schlauer als ein anderer sein, aber er ist es niemals in dem Maße, als daß er nicht durch Unachtsamkeit oder Zusammenschluß anderer besiegt und gar getötet werden könnte. Diese Gleichheit der Menschen hat eine „Gleichheit der Hoffnung“23 zur Folge, daß jeder seine Ziele zu erreichen kann. Das bedeutet, daß jeder Mensch seinen Zielen und seinem Charakter entsprechend versucht, seine Macht so gut und weit wie möglich zu festigen und auszubauen. Streben also mehrere nach ein- und demselben Gegenstand, den sie nicht teilen können, so entsteht zwischen ihnen notwendigerweise Krieg, der bis zur Vernichtung des Unterlegenen führen kann. In diesem Zustand, wo also jeder stän- dig um seine Besitz, wie zum ein Stück Acker, fürchten muß, herrscht ein stetes Mißtrauen untereinander. Die einzige Möglichkeit in diesem Zustand sein Überleben zu sichern ist also,„nach Kräften jedermann zu unterwerfen, und zwar solange, bis er (der Mensch, Anm. d. A.) keine andere Macht mehr sieht, die groß genug wäre, ihn zu gefährden.“24. Eine dritte Konfliktursache neben Konkurrenz und Mißtrauen ist drittens die Ruhmsucht, die eine Leidenschaft ist und auf Machtgewinnung abzielt, da Ruhm wie oben gezeigt im Hobbeschen Sinn ebenfalls macht bedeutet.

Hobbes folgert hieraus, daß sich die Menschen im Naturzustand in einem ständigen „Krieg eines jeden gegen jeden“25 befinden, was für ihn nicht bloß die tatsächliche Kampfhandlung, sondern schon die bloße Bereitschaft zu jener einschließt. In Kriegszeiten ist für Fleiß und Muße, ja auch Kultur und Wissenschaft kein Platz, da niemand sicher sein kann, die Früchte seiner Arbeit auch genießen zu können - „das menschliche Leben ist einsam, armselig, tierisch und kurz.“26.

Allerdings sieht Hobbes einen Ausweg aus diesem unwürdigen Zustand, nämlich die Leidenschaften „Todesfurcht, das Verlangen nach Dingen, die zu einem angenehmen leben notwendig sind und die Hoffnung, sie durch Fleiß erlangen zu können.“27.

Das natürliche Recht und das Gesetz der Natur

Wie oben gezeigt ist im Naturzustand jeder Mensch gezwungen, so viel Macht (über Men-schen) wie möglich an sich zu reißen und da es zu seinem Überleben notwendig ist, ist es ihm auch erlaubt28. Hobbes formuliert hier heraus das „natürliche Recht“29, das eben jedem Men- schen zubilligt, seine Machtmittel so, wie es seine eigene Vernunft fordert, einzusetzen, um sein eigenes Leben zu schützen. Hobbes nennt dies, den Naturzustand betreffend, auch ein „Recht auf alles“30, einschließlich des Rechts auf den Körper oder das Leben eines anderen. Dem gegenüber steht eine, nach Hobbes, aus der Vernunft entwickelte Vorschrift, das „Gesetz der Natur“31, das jeden dazu verpflichtet, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um Frieden mit seinen Mitmenschen zu schließen. Erst wenn dies nicht möglich ist, ist man befugt sein Recht auf alles wieder geltend zu machen.

Es sind also zum einen Leidenschaften wie Todesfurcht die den Menschen friedfertig werden lassen. Zum anderen legt die Vernunft die geeigneten Prinzipien des friedlichen menschlichen Zusammenlebens dar, nämlich in Form „natürlicher Gesetze“, wie Gerechtigkeit, Dankbarkeit oder Bescheidenheit32, die alle eine Folge aus dem „Gesetz der Natur“ - „suche Frieden und halte ihn ein“33 - sind.

Der Vertrag

Um Frieden zwischen den Menschen zu ermöglichen, muß also dieses „Recht auf alles“ auf irgendeine Art eingeschränkt bzw. ganz aufgehoben werden. Hobbes hält eine Einschränkung für unzureichend, die Begründung werde ich später erläutern.

Hobbes Vorstellung ist es nun, daß die Menschen, und zwar jeder einzelne von ihnen, unter- einander einen Vertrag schließen, in dem sie alle ihre Rechte gleichermaßen an einen dritte, nicht am Vertrag beteiligte Person oder Versammlung von Personen übertragen. Ihre Rechte zu übertragen bedeutet hierbei gleichzeitig, daß sie sich ihrer Macht berauben, denn Dinge oder auch Menschen an denen man kein Recht besitzt, stehen sozusagen nicht in der Macht desjenigen34.

Durch diese vollständige Übertragung der Rechte und damit auch der Macht entsteht der Hobbsche Staat, der seinen Untertanen keinerlei Rechenschaft schuldet, da er nicht an diesem Vertrag beteiligt, sondern lediglich, als unbeteiligter dritter, Nutznießer dieses Kontrakts ist. Vielmehr sind durch diese Art der Staatsgründung sämtliche späteren Handlungen des Staates durch seine Untertanen „autorisiert“, da sie ja selber aus ihrem eigenen Willen heraus ihren Staat mit sämtlicher Macht und ohne Vertragsbindung ausgestattet hatten35. Seine einzige Aufgabe ist die Aufrechterhaltung des Friedens unter seinen Untertanen. Dies ist jedoch keine einklagbare Verpflichtung gegenüber seinen Bürgern, vielmehr löste sich der Staat, der „Leviathan“, im (Bürger-) Kriegsfall einfach auf, da dann nämlich der Naturzustand wieder hergestellt wäre und er wieder nur einer der vielen sich bekämpfenden Individuen oder Gruppen wäre36.

Hobbes hält es, wie oben schon angedeutet, für unabdingbar, den Staat, den Souverän mit sämtlichen Rechten, der absoluten Macht auszustatten. Nach seinen Überlegungen über den Naturzustand scheint dies auch zwingend, denn einjeder muß sämtliche Handlungen des Sou-veräns als von ihm autorisiert ansehen, damit nicht Privatmeinungen diese oder jene Sache betreffend Streit und Unfrieden in der Gesellschaft hervorrufen37. Eine lediglich teilweise Ü- bertragung der Rechte könnte dies nicht gewährleisten und der Staat, „eine wirkliche Einheit aller in ein und derselben Person“38, wäre zerrüttet und der Gefahr des Krieges ausgeliefert. Der „Leviathan“ muß also mit aller verfügbaren Macht ausgestattet sein, um seine Herrschaft und damit auch den Frieden unter seinen Bürgern absolut durchsetzen zu können.

III. Schluß

Errichteten die Menschen wirklich diesen absoluten Staat, um dem Naturzustand zu entkommen?

Vorweg: Sicherlich kann man Hobbes nicht Staatsvergötzung vorwerfen, der Staat ist für ihn kein Zweck an sich, sondern bleibt immer nur Mittel, den Frieden unter den Menschen inner- halb dieses Staates aufrechtzuerhalten39. Er erschafft keinen Souverän „von Gottes Gnaden“, wie er z.B. im französischen Absolutismus entstand, sondern seine Staatsgewalt liegt aus- schließlich im Menschen begründet und richtet sich nach seinem vielleicht wichtigstem Be- dürfnis, nämlich dem Frieden.

Dennoch schafft er eine absolute Gewalt, die durch den betroffenen Menschen nicht mehr kontrollierbar ist, die allenfalls noch den „natürlichen Gesetzen“, also z.B. Gerechtigkeit, un- terworfen ist. Der Untertan ist aber nicht in der Lage den Leviathan in irgendeiner Weise zur Befolgung dieser Gesetze zu zwingen ( „...es gibt keinen Gerichtshof der natürlichen Gerech- tigkeit...“40 ) , nur der Leviathan selbst begibt sich so in die Gefahr seinen Rückhalt, seine Macht in der Bevölkerung zu verlieren. Die Menschen hätten in diesem Fall allerdings nichts gewonnen, sie wären zwar den Despoten los, befänden sich aber wieder im „elenden Kriegs- zustand“41.

Wie oben gezeigt ist, ist die wichtigste Triebfeder des Menschen das Streben nach Glückselig- keit, dem Streben nach zukünftigen und anhaltendem Genuß und damit verbunden das Stre- ben nach Macht, um eben dies zu ermöglichen. Das sieht auch Hobbes, immerhin mißt er dem Leviathan auch etliche Aufgaben zu, die dem Menschen diese irdische Glückseligkeit ermögli-chen sollen42. Doch wieder handelt es sich hierbei nicht um eine Pflicht des Souveräns, es kann nach der Hobbschen Logik auch keine sein, denn der Leviathan muß vor seinen Untertanen absolut unabhängig sein.

Die Menschen machten sich so völlig von dem Willen einer für sie total unbeeinflußbaren In- stanz abhängig, sie hätten keinerlei Sicherheit, daß ihre Wünsche und Bedürfnisse auch erfüllt würden.

Man könnte hier als Einwand entgegnen, daß der Leviathan an seinem Machterhalt interessiert wäre und daher schon dies alles berücksichtigte. Für einen klugen, vernünftigen Leviathan träfe dies auch sicherlich zu, doch immerhin wird diese souveräne Gewalt selbst wieder nur von mindestens einem Menschen ausgefüllt. Es ist also durchaus möglich, daß der Souverän selbst aus Leidenschaften wie Ruhmsucht, Habgier oder einfach nur Bosheit die Bedürfnisse seiner Bürger mißachtet, oder auch einfach nur inkompetent, also so unvernünftig ist, Hobbes Lehren vom Menschen einfach nicht umzusetzen.

Sicherlich hat Hobbes in der Beschreibung des Machtstrebens des Menschen ein Stück weit Recht, auch, wenn er den Menschen für prinzipiell ungesellig hält43, trifft das doch einen wichtigen Wesenszug vieler. Der Naturzustand ist also eine nicht völlig abwegige Annahme eines unkontrollierten Zusammenlebens der Menschheit, und auch ist sicher, daß die Menschen sich über kurz oder lang aus diesem Krieg aller gegen alle befreien wollten.

Den Weg den Hobbes hier jedoch für den einzig gangbaren hält, würde denke ich aus den oben genannten Gründen von Menschen wohl kaum gewählt. Sicher, den Frieden zu gewin- nen ist sehr viel, doch die Risiken die dieser Leviathan, diese despotische Staat mit sich bräch- te, wäre glaube ich vielen, wenn nicht den meisten zu groß. Zumindest könnte sich keine ge- nügend große Anzahl von Menschen auf diesen Staat einigen, der Krieg ginge also weiter. Hobbes Suche nach einer die Menschen befriedenden Staatsgewalt ist angesichts seiner zeit- geschichtlichen Umstände durchaus verständlich und selbst heute findet man in Krisenzeiten häufig den Ruf nach dem sogenannten Starken Mann, doch ist die Neuzeit, deren Anfänge Hobbes miterlebt und gerade die auf sie folgende Moderne geprägt durch eine zunehmende Ausdifferenzierung der neuen (Konkurrenz-) Gesellschaften. Hobbes beschreibt nun gerade diese in Konkurrenz zueinander stehenden Individuen. Ein allumfassender, totaler Staat scheint mir nun vor dem Hintergrund dieser Entwicklung nicht mehr geeignet, die nach Frei- heit und Individualität strebenden Menschen in ein friedliches Miteinander zu zwingen. Gera-de auch die Entwicklung des Parlaments in England zeigt doch eindeutig, daß zuerst natürlich nur der Adel und die Vermögenden nach Mitsprache und Kontrolle der sie beherrschenden Staatsgewalt streben. Hobbes Forderung nach einem absoluten Staat wird dem überhaupt nicht gerecht, sondern versucht die Menschen wieder in die politische Unmündigkeit zurückzuwerfen bzw. sie dort zu halten.

Literaturverzeichnis

Dallinger, Gernot/Golz, Hans-Georg/Krüger, Heike u.a. Schlaglichter der Weltgeschichte. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1996

Diverse (CD-ROM). Encarta `98 Enzyklopädie

Redmond, WA, U.S.A.: Micorsoft Corporation, 1997

Hobbes, Thomas. Leviathan, oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen Staates. Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetcher

Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1998

Kastendiek/Rohe/Volle (Hrsg.). Länderbericht Großbritannien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1998

Lieber, Hans-Joachim (Hrsg.). Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1991

Schnur, Roman. Individualismus und Absolutismus. Berlin: Duncker & Humblot, 1963

[...]


1 Iring Fetcher in Leviathan, S. XI

2 vgl. Alexander Schwan in Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, S. 179

3 vgl. a.a.O.

4 Leviathan, S. 28

5 vgl. Schnur, S. 63

6 vgl. Alexander Schwan in Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, S. 180

7 vgl. z.B. Leviathan, S. 117 f

8 vgl. Iring Fetcher in Leviathan, S. XI

9 vgl. Leviathan, S. 11 ff, sowie S. 40, 41 ff

10 vgl. Alexander Schwan in Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, S. 180 f

11 Leviathan, S. 32

12 vgl. Leviathan, S. 24 ff

13 Leviathan, S. 37

14 vgl. Leviathan, S. 32

15 Leviathan, S. 39

16 Leviathan, S. 46

17 vgl.. Leviathan, S. 48

18 Leviathan, S. 48

19 Leviathan, S. 75

20 Leviathan, S. 66 ff

21 Leviathan, S. 75

22 Leviathan, S. 94

23 Leviathan, S. 94

24 Leviathan, S. 95

25 Leviathan, S. 96

26 Leviathan, S. 96

27 Leviathan, S. 98

28 vgl. „Leviathan“, S. 95

29 vgl. Leviathan, S. 99

30 Leviathan, S. 99

31 Leviathan, S. 99

32 vgl. Leviathan, S.110 ff

33 Leviathan, S. 100

34 vgl. Leviathan, S. 102 + S. 134

35 vgl. Leviathan, S.134 f

36 vgl. Leviathan, S. 137 + S. 255

37 vgl. Leviathan, S. 132 + S. 134

38 Leviathan, S. 134

39 vgl. Iring Fetcher in Leviathan, S. XXXI

40 Leviathan, S. 270

41 Leviathan, S. 131

42 vgl. Leviathan, S. 255 ff

43 Leviathan, S. 95

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Zu Hobbes Menschenbild - unterwerfen sich diese menschen wirklich einem unkontrollierbaren Leviathan?
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V96725
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Hausrabeit, die sich mit dem Menschenbild und seiner Entstehung und seinen Folgen in Hobbes "Leviathan auseinandersetzt.
Schlagworte
Hobbes, Menschenbild, Leviathan
Arbeit zitieren
Andreas Franck (Autor), 1999, Zu Hobbes Menschenbild - unterwerfen sich diese menschen wirklich einem unkontrollierbaren Leviathan?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96725

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