Welche Schwimmart sollte als Anfangsschwimmart bei Kindern im Vorschulalter gewählt werden?


Seminararbeit, 1998
12 Seiten, Note: Buchpreis

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Gliederung

1. Einleitung

2. Vier Möglichkeiten stehen zur Wahl der Anfangsschwimmart
2.1. Brustschwimmen
2.2. Kraulschwimmen
2.3. Rückenschwimmen
2.4. Kombinationsprinzip

3. Äußere Faktoren bei der Wahl der Anfangsschwimmart
3.1. Der organisatorische Rahmen
3.2. Das Kind
3.3. Der Schwimmlehrer

4. Schluß

Literatur

1. Einleitung:

Ich leite schon seit mehr als sechs Jahren in einem Verein das Anfängerschwimmen für Kinder im Vorschulalter. Dabei mußte ich die Frage, welche Schwimmart die Anfangsschwimmart sein soll, schon mehrmals praktisch beantworten. Bei dieser Entscheidung habe ich mich in erster Linie auf die von meinem Vorgänger übernommene Tradition und die mittlerweile vielleicht veraltete Literatur gestützt.

So möchte ich mit dieser Hausarbeit klären, ob es aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine eindeutige begründete Antwort auf diese Frage gibt. Darüber hinaus will ich hiermit auch dem Schwimmlehrer in der Praxis helfen, die richtige Anfangsschwimmart zu wählen.

Dafür ist es nötig, daß zuerst die Vorteile und Nachteile aller zur Zeit praktizierten Möglichkeiten für die Anfangsschwimmart, diese sind das Brustschwimmen, das Kraulschwimmen, das Rückenschwimmen und das Kombinationsprinzip, aufgeführt werden. Diese Vorteile und Nachteile sind wegen der Übersichtlichkeit tabellarisch geordnet. Da diese sachlichen Argumente jedoch nicht zu einer konkreten Wahl führen, wird danach in Kapitel drei auf äußere Entscheidungskriterien, die von dem Schwimmlehrer, dem lernenden Kind und dem organisatorischen Rahmen abhängen, eingegangen. Hierbei werden konkretere Entscheidungshilfen geboten. Zum Schluß folgt ein Fazit und eine eigene Stellungnahme.

2. Vier Möglichkeiten stehen zur Wahl der Anfangsschwimmart

Welche Möglichkeiten stehen zur Wahl? Man kann mit Brustschwimmen anfangen, was in Europa Tradition hat. In Amerika und Australien fängt man seit je her mit Kraulschwimmen an (vgl. Wilke 1976, 14-15). Auch findet man Rückenschwimmen als erste Schwimmart (vgl. ebd. 1976, 16). Schmetterlingsschwimmen kommt aufgrund seiner motorischen Komplexität gar nicht in Frage, wie sich alle Autoren einig sind. Ein weiterer Vorschlag liegt in dem Kombinationsprinzip. Was ist das Kombinationsprinzip?

"Das Kombinationsprinzip basiert auf der Erkenntnis, daß in jeder Schwimmtechnik einfache und schwierige Bewegungsabläufe und -verbindungen aufeinander aufbauen. Werden einfache Teiltechniken aus allen Schwimmarten als Grundlage für aufbauende Übungen ausgewählt, so kann sich dieser methodische Werdegang bis hin zu fertigen Bewegungszyklen in ihrer Grobform, schließlich sogar Feinform steigern. Es ergibt sich daraus zwar ein langer methodischer Weg, andererseits aber auch der Vorteil motorischer Vielseitigkeit, starker Motivation und allseitigen Ansprechens der Muskulatur. Die Zielvorstellung ist der wassergewandte und wasserfreudige Schwimmer" (GRAUMANN/PFLESSER 1988, 254).

Bei dem Kombinationsprinzip wird also die Wasserbewältigung mit der Erarbeitung der Grundstrukturen der Schwimmarten und deren Kombinationen verbunden (vgl. WILKE 1976, 16). In den Tabellen sind die in der Literatur gefundenen Vorteile und Nachteile der einzelnen Schwimmarten aufgeführt.

2.1 Brustschwimmen

Vorteile:

- Das Kind "gelangt in recht kurzer Zeit zu ausdauerndem Schwimmen"(3, 215).
- Die Atmung ist relativ unbehindert(8, 17).
- Man kann dabei gut zuhören und sich sogar unterhalten(3, 215).
- Das Kind hat "eine gute Orientierung in der Bewegungsrichtung und nach beiden Seiten", das gibt Sicherheit(3, 215).
- Alle Gliedmaße sind unter Wasser, so ist der spürbare Auftrieb groß und der Kopf ragt recht weit aus dem Wasser(8, 17).
- "Die lange Gleitphase erlaubt eine optimale Entspannung zwischen den einzelnen Bewegungszyklen"(3, 215).
- Der Vortrieb wird überwiegend vom Beinschlag bestimmt. Die Beine besitzen von vornherein eine kräftigere Muskulatur als die Arme, so sind schnelle Erfolge beim Vortrieb zu erwarten(3, 215).
- Der Beinschlag "führt zu einem guten Vortrieb, was vornehmlich bei der Wasserrettung wesentlich ist"(3, 215).
- Fuß- und Hüftgelenke werden mobilisiert(8, 17).

Nachteile:

- Dies ist die langsamste Schwimmtechnik(8, 17).
- Es gibt nur wenige "Gemeinsamkeiten mit anderen Schwimmtechniken"(8, 17).
- Das Erlernen dieser ruhigen, strenger festgelegten Bewegungsabläufe entspricht nur wenig dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder(4, 22).
- Die Beinbewegung ist "eine synchrone Bewegung", die für Kinder komplett neu und damit schwer zu lernen ist(5, 211).
- Besonders die Fußstellung ist für viele schwer zu erlernen. "Ein fehlerhafter Beinschlag schleift sich häufig ein und begleitet dann den Schwimmer bis ans Lebensende"(3, 215).
- "Die Gesamtkoordination von Teilbewegungen und Atmung" stellt das Kind vor Probleme(3, 215).
- Kinder, die noch nicht wassergewöhnt sind, also z. B. Angst vor dem Untertauchen haben, können diese Schwimmart erlernen. In einer plötzlich auftretenden Gefahrensituation sind diese Kinder überfordert, gerade weil sie ihre Fähigkeiten überschätzen(3, 215).
- Es besteht eine Dauerspannung der Hals- und Rückenmuskulatur(8, 17).
- Nacken, Kreuz und Knie werden stark belastet(8, 17).
- Es gibt ein "späteres erstes Schwimmerlebnis als durch Paddelbewegungen"(4, 22).
- "Brustschwimmbewegungen lassen sich nicht gut in Spielformen einbauen"(4, 22).

2.2 Kraulschwimmen

Vorteile:

- "Als Wechselschwimmart" gilt es "als eine natürliche Bewegungsform". Arme und Beine machen das gleiche, jedoch abwechselnd. Man bezeichnet diese Bewegungsform auch als alternierend. Sie ist durch das Krabbeln, "Gehen und Laufen vorbereitet"(3,214), (9, 15).
- "Ein Kind, das Kraulen kann, ist wassersicher", also mit den Eigenheiten des Wassers so vertraut, daß das Kind in einer Gefahrensituation aufgrund des Wassers nicht in Panik geraten kann(3, 215).
- Erste Erfolgserlebnisse gibt es beim Erlernen sehr früh, wenn auch "nur über kurze Strecken"(3, 215).
- Es gibt viele Gemeinsamkeiten mit Rückenkraulen und Schmetterlingsschwimmen(8, 17).
- Kraulen ist "schnellste Schwimmart", was viele motiviert(3, 215).
- Die Atmung und der Kreislauf werden besonders gut angesprochen(3, 214).
- Die Wirbelsäule wird mobilisiert(8, 17).
- "Arm- und Beinbewegungen lassen sich in viele Spielformen einbauen"(4, 22).
- Es gibt meist ein "früheres erstes Schwimmerlebnis"(4, 22).

Nachteile:

- Die Orientierung und Übersicht ist eingeschränkt, Gespräche beim Schwimmen sind nicht möglich, Zurufe werden meist nicht einmal gehört(8, 17).
- Einerseits ist die Koordination zwischen Atmung und Wechselbeinschlag nicht unproblematisch, andererseits muß die Atmung in den Bewegungszyklus der Arme eingepaßt werden(3, 215).
- Eine exakte Atmungskoordination ist notwendig, diese ist für die Kinder schwer zu erlernen(8, 17).
- Die Fußüberstreckung beim Beinschlag ist nicht leicht für jedes Kind auszuführen. Fehler führen dazu, daß das Kind kaum Vortrieb hat(8, 17).
- Die hohen motorischen Anforderungen erlauben es dem Schwimmer anfangs nicht, während des Schwimmens zu entspannen, dies kann zu Krämpfen führen(3, 215).
- "Gute Armarbeit setzt gute Gelenkigkeit der Schultergelenke voraus"(4, 22).
- Es werden "hohe Anforderungen an die Armkraft und Kondition" gestellt(4, 22).

2.3 Rückenschwimmen

Vorteile:

- Die alternierende Bewegungsform ist wie beim Kraulen leichter zu erlernen(3, 216).
- Es gibt viele Gemeinsamkeiten mit dem Kraulen und dem Schmetterlingsschwimmen(2, 252).
- Wegen der ungehinderten Atmung ist es leichter zu erlernen(3, 216).
- "Schon bei geringem Vortrieb gerät der Körper schnell in die flache Rückenlage"(2, 252).
- Das Kind kann seinen Beinschlag beim Schwimmen beobachten und dadurch besser kontrollieren(2, 252).
- "Rückenschwimmen gilt als ausgezeichnetes Mittel der Haltungsschulung"(3, 216).
- Die Wirbelsäule wird optimal entlastet. Die Nackenmuskulatur ist optimal entspannt(8, 17).
- Der Rücken wird gekräftigt und der Brustkorb wird gedehnt. Die Wirbelsäule und der Schultergürtel werden mobilisiert(8, 17).
- Die "Grundformen lassen sich in viele Spielformen einbauen"(4, 22).

Nachteile:

- Mit anderen zu reden, ist nur eingeschränkt möglich(8, 17).
- Die Einnahme der Rückenlage macht vielen Kindern ungeheure Schwierigkeiten. Das Kind "besitzt noch nicht das Geschick, sich aus dieser Lage wieder aufzurichten"(3, 216).
- Die Fußüberstreckung beim Beinschlag macht vielen Kindern Probleme(8, 17).
- Das Erlernen des Armzuges bereitet den Kindern Schwierigkeiten, weil sie ihn beim Schwimmen nicht sehen und damit nicht kontrollieren können(3, 216).
- Die meisten Kinder haben beim Rückenschwimmen "nur einen geringen Vortrieb". Die Armkraft ist oft noch gering(3, 216).
- Das Gesicht wird "häufig von Wasser umspült", das Unterbrechen des Schwimmens ist oft die Folge(3, 216).
- Die Orientierung im Wasser ohne Blick nach vorn ist sehr schlecht. Es entsteht "Angst vor dem Aufprall" auf eine Wand oder ein anderes Kind. Deswegen wird das Rückenschwimmen ebenfalls häufig unterbrochen(3, 216).
- Kinder neigen dazu, sich ins Wasser zu setzen, anstatt sich lang zu strecken. Die Kinder nehmen aus Angst das Kinn auf die Brust, der Fehler ist nun, daß sie die Wirbelsäule im Nacken strecken wollen, ein Beugen der Hüfte folgt unmittelbar. So befindet sich das Kind in einer sitzenden Position(8, 17).
- In überfüllten Bädern ist das Rückenschwimmen unbrauchbar(4, 22).

2.4 Kombinationsprinzip

Vorteile:

- Individuelle Vorlieben und Veranlagungen könnten eher Beachtung finden, die Freude an der Bewegung im Wasser bleibt eher erhalten(2, 255).
- Durch eine parallele Ausbildung "der verschiedenen Schwimmtechniken ergibt sich eine optimale Ausbildung der motorischen Fähigkeiten" des Kindes(3, 216).
- Durch die vielen unterschiedlichen Aufgabenstellungen ist das Kind "ständig neu motiviert"(3, 216).
- Das Ergebnis der Ausbildung ist ein wassergewandtes und wassersicheres Kind sein(3, 216).
- Spezielle Begabungen des Kindes können zeitig erkannt werden(2, 255).
- Durch das große Bewegungsangebot ist "eine vielseitige Kräftigung der Skelettmuskulatur möglich"(3, 216).
- "Das Prinzip bietet optimale Möglichkeiten zum Abbau von Haltungs- und Organleistungsschwächen und fördert die koordinationsfähigkeit"(3, 216).

Nachteile:

- "Der Weg vom Nichtschwimmer zum Schwimmer" dauert erheblich länger als bei dem Festlegen auf eine Schwimmart(3, 216).
- Motorisch schwächer begabte Kinder können durch die "Fülle von Bewegungsreizen überfordert" sein, so daß Spaß und Freude am Wasser getrübt werden(3, 216).

3. Äußere Faktoren bei der Wahl der Anfangsschwimmart

Die Vor- und Nachteile der vier Möglichkeiten wurden in den Tabellen vorgestellt und es lassen sich sicherlich noch weitere finden, jedoch stellt sich immer noch die Frage: Welche Schwimmart soll denn nun Anfangsschwimmart sein? Alle Entscheidungen sind denkbar und auch zu rechtfertigen. Dies scheint nur von der Gewichtung der einzelnen Argumente abzuhängen. So haben einige Autoren Empfehlungen und Vorlieben bei der Wahl der Anfangsschwimmart, jedoch ist keiner so vermessen, seine Empfehlung als einzige Wahrheit zu präsentieren. Ganz im Gegenteil wird immer wieder von allen Seiten darauf hingewiesen, daß diese Entscheidung viel diskutiert ist, und jeder Schwimmlehrer zu seiner eigenen Lösung kommen muß. Dabei sollen natürlich die oben genannten Vorteile und Nachteile in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Wesentlich für die Entscheidungsfindung sind jedoch nicht nur die bereits genannten Argumente, sondern die Möglichkeiten der Wahl werden stark durch konkrete Rahmenbedingungen eingegrenzt.

Das sind zum Beispiel die konkrete Situation vor Ort, die vorhandenen Geräte und der gegebene Zeitrahmen, sowie bestimmte Vorlieben, Fähigkeiten und Fertigkeiten des Lehrers und seine Vorstellung von der Anwendung des Schwimmens. Jedoch nicht nur der Lehrer sondern auch das Kind hat verschiedene Vorlieben und Talente.

Diese Rahmenbedingungen lassen sich in drei Komplexe unterteilen:

1. Der organisatorische Rahmen.
2. Das Kind.
3. Der Schwimmlehrer.

Zu diesen drei Punkten werden in den drei folgenden Abschnitten jeweils anfangs die wesentlichen Fragen gestellt und im weiteren konkrete Antworten gesucht.

3.1. Der organisatorische Rahmen

1. Welchen Einfluß hat der Faktor Zeit auf die Wahl der Anfangsschwimmart?
2. Welchen Einfluß haben Geräte und Räumlichkeiten?

1. Der wichtigste Faktor ist oft der Faktor Zeit. Steht nur wenig Zeit zur Verfügung ist das Brustschwimmen erste Wahl(8, 18). Hat man mehr Zeit, so sollte man bedenken, daß die erste Schwimmart gegenüber einer kurze Zeit später gelernten Schwimmart technisch nicht so gut ausgeführt wird. Dies wurde von ILJIN in einer empirischen Untersuchung von 1955 festgestellt(ILJIN nach WILKE 1976, 15). So ist es vorteilhafter, wenn ausreichend Zeit vorhanden ist, zuerst Kraul und in dichter Folge das strukturell andersartige Brustschwimmen zu erlernen. Das Erlernen der Atmung beim Kraul ist sehr zeitaufwendig und ohne korrekte Atmung ist das Kraulschwimmen nicht viel wert. Deswegen sollte bei wenig Zeit das Kraulschwimmen nicht als einzige und erste Schwimmart erlernt werden(8, 18).
2. Räumlichkeiten und Geräte haben nur geringen Einfluß auf die Wahl. Als Mindestausstattung ist ein Flachwasserbecken und ein Brett für zwei Kinder anzusehen(8, 18), je mehr Geräte und Objekte zur Verfügung stehen, desto leichter ist es nach dem Kombinationsprinzip vorzugehen, weil eine große motorische Vielfalt in der Bewegung besser mit verschiedenen Objekten möglich ist(2, 250).

3.2. Das Kind

1. Soll das Kind die Anfangsschwimmart selbst wählen?
2. Welchen Entwicklungsstand, insbesondere welche motorischen Fähigkeiten hat das Kind?
3. Wieviele Kinder sind in der Gruppe?
4. Was kann das Kind jetzt besonders gut lernen?
5. Wie steht es um die Gesundheit des Kindes?

1.Nach BRUNHÖLZL soll die Entscheidung über die Anfangsschwimmart jedem Kind selbst überlassen werden, so meint er zu sichern, daß die Kinder motiviert sind(1, 27). Ich habe dies noch nicht in der Praxis umgesetzt. Mir scheint, daß der Erfolg dieser Möglichkeit im Wesentlichen von zwei Dingen abhängig ist, erstens davon, wie der Schwimmlehrer die Entscheidung vorbereitet und an das Kind heranträgt, zweitens davon, wie fähig das Kind überhaupt ist, derartige Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Darüber sollte der Schwimmlehrer nachdenken, wenn er die Entscheidung dem Kind überlassen will. BRUNHÖLZL meint, das Kind sollte diese Entscheidung an seinen Vorlieben und Bewegungsfertigkeiten festmachen, die es in der Wasserbewältigungsphase kennengelernt hat. Er fordert auch nicht die Konsequenz, die man sonst mit Entscheidungen verbindet: "Entscheidend ist jedoch, daß sie dabei nicht die Freude an der Bewegung im Wasser verlieren"(5, 27). Die Entscheidung dem Kind zu überlassen, ist bei BRUNHÖLZL also eine Form der Mitbestimmung der Kinder über ihren Schwimmunterricht, jedoch keine unumstößliche Verpflichtung und diese Entscheidung darf auch folglich nicht als Druckmittel zur Motivation mißbraucht werden. Die Wahl dem Kind zu überlassen fördert sicherlich die Entscheidungsfreudigkeit der Kinder, sie fördert damit auch die Autonomie des Kindes. Auch HILLBRECHT fordert: "Jedem Schwimmschüler sollte die Gelegenheit gegeben werden, sich die Lage, die seinen Neigungen und Fähigkeiten am ehesten entspricht, auszuwählen (natürlich nach Anleitung und Empfehlung des Schwimmlehrers). Der Schüler kann erst dann eine Wahl treffen, wenn ihm die Grundformen aller Lagen (Schwimmarten) vermitttelt worden sind". Der Lehrer achtet im weiteren Verlauf des Kurses darauf, daß der Anfänger diese korrekt lernt. HILLBRECHTs Erfahrung dabei ist, daß 90 % als erste Schwimmlage das Brustschwimmen wählen(4, 23).

2. Besonders SCHNEIDER gibt zu bedenken, daß man den motorischen Entwicklungsstand nicht außer acht lassen darf. Die synchronen Bewegungen des Brustschwimmens liegen den meisten Kindern nicht so sehr, wie die alternierenden Bewegungen des Kraul oder Rückenkraul (5, 211). Wie schon erwähnt, sind sie durch das Krabbeln, Gehen, Laufen und Treppensteigen vorbereitet. So ist auch im Vergleich mit Erwachsenen bei Kindern die Beinmuskulatur meist viel kräftiger als die Armmuskulatur ausgebildet. Jede Schwimmart hat ihren Rhythmus und diesen zu erlernen ist eine der schwersten Aufgaben beim Schwimmenlernen, hierbei müssen Atmung, Arm- und Beinbewegung gekoppelt werden. SCHNEIDER gibt zwar keine Empfehlung, jedoch unter diesem Gesichtspunkt erscheint mir das Rückenschwimmen am leichtesten zu erlernen, denn hierbei ist der Rhythmus fast frei wählbar.

Wenn der Schwimmlehrer die Anfangsschwimmart vom Entwicklungsstand des Kindes her wählen soll, dann muß er ganz individuell die Fertigkeiten und anatomischen Möglichkeiten jedes einzelnen Kindes feststellen und so eine dem Kind entgegenkommende Anfangsschwimmart wählen. Zum Beispiel ist der Spielraum und die "natürliche" Stellung der Fußgelenke entscheidend, ob Kraul- oder Brustbeinschlag guten Vortrieb bringen. Ein anderes Beispiel: nur bei einer bereits kräftigeren Armmuskulatur kann man auf baldige Erfolge beim Kraulschwimmen hoffen. Die individuelle Wahl ist dann am leichtesten, wenn eine breite Wassergewöhnungs- und Wasserbewältigungsphase vorangegangen ist. In dieser sollten schon die Grundzüge der Arm- und Beinbewegungen der einzelnen Schwimmarten geübt werden (5, 210). Koordinative Schwierigkeiten, fehlende Kraft oder schwache Auftriebskräfte fallen dabei bereits auf und können positiv beeinflußt werden. Frustrierende Erlebnisse, die durch Forderungen entstehen, die das Kind anatomisch nur schwer bewältigen kann, können verhindert werden.

3. Zu beachten ist jedoch: Je größer eine Lerngruppe ist, desto schwieriger und aufwendiger wird es für den Schwimmlehrer, eine individuelle Entscheidung für die Wahl der Anfangsschwimmart zu treffen. Ansonsten ist die Gruppengröße für die Wahl der Anfangsschwimmart nicht entscheidend.

4. Gerade im Vorschulalter ist die Gewandtheit und Koordination besonders gut schulbar und viele variable Übungen erleichtern das Lernen von neuen Bewegungen im Alter. Deswegen ist das Kombintionsprinzip aus dieser Sicht günstig.

5. Betrachtet man den Punkt Gesundheit, so gibt es bei Organleistungs- und Haltungsschwächen Sinn mit dem Rückenschwimmen zu beginnen (8, 18). Vor dem Brustschwimmen muß nur bei höherem Trainingspensum gewarnt werden, jedoch nicht im Anfängerbereich bei einem Kind mit gesunden Nackenwirbeln (8,18).

3.3 Der Schwimmlehrer

1. Was kann der Schwimmlehrer überhaupt aufgrund seiner Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln? Bei welcher Schwimmart kann er ein gutes Vorbild sein?
2. Hängt die Entscheidung davon ab, ob der Schwimmlehrer privat, im Verein oder in der Schule Schwimmunterricht gibt? Ist der Schwimmlehrer in seiner Entscheidung anderen gegenüber verpflichtet?
3. Wozu soll das Kind seine schwimmerischen Fähigkeiten benutzen?

1. Beherrscht zum Beispiel der Lehrer bestimmte Schwimmtechniken überhaupt nicht, wird er diese auch nicht unterrichten können, bis er sich weitergebildet hat. Meine Arbeit hat jedoch das Thema, welche Schwimmart für das Kind als erste Schwimmart am besten geeignet ist. Die Antwort auf diese Frage fordert von den Schwimmlehrern eine entsprechende Ausbildung ihrer Fähigkeiten; umgekehrt darf die Argumentation nicht vorgehen und nach den Fähigkeiten, Motivationen und Vorlieben des Lehrers die Wahl im vorhinein einschränken, auch wenn dies in der Praxis manchmal der einzige Weg ist, damit überhaupt etwas vermittelt werden kann.
2. Oft gibt es im Verein Vereinbarungen darüber, welche Schwimmart zuerst gelernt werden soll. GRAUMANN/PFLESSER weisen ausdrücklich darauf hin, daß der Schwimmlehrer derlei Abmachungen entgegenwirken und auf seiner Entscheidung beharren sollte(2, 250). Im Schwimmverein scheint es für eine reibungsarme Organisation besser, wenn alle das gleiche zur gleichen Zeit erlernen. Ob dies jedoch didaktisch und methodisch wirklich notwendig und sinnvoll ist, müßte erst nachgewiesen werden(6, 118). Für die Schule empfiehlt VOLCK den Schwimmlehrern, den Kindern möglichst viele Angebote zu machen und auch selbst neue Dinge auszuprobieren, z. B. Brustarme mit Kraulbeinschlag, was bei 5 - 6jährigen Kindern bei einem Versuch im Sportinstitut Tübingen große Erfolge brachte(6, 118).
3. Wozu soll das Kind seine schwimmerischen Fähigkeiten benutzen? Soll das Kind größere Strecken überwinden können, wird das Brustschwimmen erste Wahl sein. Wer ein sportliches, schnelles Schwimmen zum Ziel hat, wird dem Kraulen den Vorzug geben. Ist es Ziel, Haltungs- und Organleistungsschwächen abzubauen, dann wird mit Rücken begonnen. Das Kombinationsprinzip wirkt mit seiner motorischen Vielfalt dem heute stark verbreiteten Bewegungsmangel entgegen und bietet eine gute Basis für Bewegungen, die in der Zukunft gelernt werden sollen (2, 250).

4. Schluß

Wie wir gesehen haben, hängt die Wahl der Anfangsschwimmart von Faktoren ab, die in jeder Situation vom Lehrer neu überdacht werden müssen, um die richtige Wahl zu treffen. Diese Faktoren sind einerseits der organisatorische Rahmen, die Kinder und der Lehrer, andererseits die Vor- und Nachteile der einzelnen Schwimmarten, des Brust-, Kraul- und Rückenschwimmen, sowie des Kombinationsprinzips. Es gibt keine Anfangsschwimmart, die unabhängig von diesen Faktoren als optimal angesehen werden kann. Es stellt sich wiederum und unerbittlich die Frage nach der Gewichtung der Argumente und damit in den meisten Fällen auch die Frage nach dem Ziel und Sinn des Schwimmenlernens.

Eine Entscheidung über die Anfangsschwimmart ohne Einbeziehung des Kindes, seiner Vorlieben, Fertigkeiten und Fähigkeiten, ist aus meiner Sicht nicht zu empfehlen. Wie sehr auf das einzelne Kind eingegangen werden kann, hängt in erster Linie vom Zeitrahmen und der Gruppengröße ab. Je weniger Zeit und je mehr Kinder, desto weniger individuelle Betreuung und desto schwieriger eine gute Wahl. Eine gute Organisation des Schwimmunterrichts und regelmäßige Notizen können hier helfen, in großen Gruppen allen Kindern gerecht zu werden. Dies wird oft vernachlässigt. Je mehr das Kind selbst Anteil hat, desto motivierter wird es sein und desto schneller wird es vermutlich das Schwimmen erlernen. Abschließendes Fazit: Die Entscheidung über die Anfangsschwimmart und inwiefern er sie dem Kind überläßt bleibt weiterhin beim Schwimmlehrer.

Mir scheint nach dieser Literaturrecherche sicher zu sein, daß es in der Zukunft auch keine feste Empfehlung für die Anfangsschwimmart geben wird. Auch die neuere Literatur bringt immer wieder die alten Vorschläge. Bei den Vorteilen und Nachteilen stehen zur Zeit Argumente, die die Gesundheit des Kindes betreffen, im Vordergrund. Der ins Bewußtsein gerückte Bewegungsmangel und Krankheiten wie Osteoporose sind sicherlich dafür ausschlaggebend.

Ich werde nach wie vor nach dem Kombinationsprinzip vorgehen und dabei individuelle Schwerpunkte setzen, die sich an den Neigungen und Fähigkeiten der Kinder orientieren. Wichtiger als die Wahl der Anfangsschwimmart ist mir, daß die Kinder nicht die Freude am Wasser verlieren. Eine Gefahr besteht, wenn die Kinder vor Abschluß der Wasserbewältigung mit den Schwimmversuchen starten. Diese haben folglich oft Angst und unnötige, frustrierende Mißerfolge. Deswegen verknüpfe ich die Wasserbewältigung mit dem Kombinationsprinzip. Dabei erlernen die Kinder das Brust- und Rückenschwimmen, Grundzüge des Kraulschwimmens und Delphinsprünge. Die Möglichkeit, den Kindern die Entscheidung zu überlassen, werde ich demnächst im Rahmen des Kombinationsprinzips einmal ausprobieren. Denn wie schon bei den Nachteilen erwähnt, das Kombinationsprinzip fällt keine Entscheidung über die Anfangsschwimmart. Ich erhoffe mir davon, daß die Motivation noch größer ist. Über die genannten Vorteile hinaus bietet das Kombinationsprinzip eine gute Möglichkeit, das Schwimmenlernen als Experimentieren und Spielen aufzufassen. Für die Kinder ergeben sich sehr viele interessante Aufgabenstellungen, die ihre motorische Entwicklung fördern. Die lange Ausbildungszeit nehme ich in Kauf.

Literatur:

1. BRUNHÖLZL, R.: Entwicklungsgemäßes Schwimmen im Vorschulalter. In: Bewegungserziehung 51 (1997) 1, 25-27.
2. GRAUMANN, D. / PFLESSER, W.: Übungsleiter- Ausbildung - Anfängerschwimmen,249-256. Flintbek 1988.
3.GRAUMANN, D. / PFLESSER, W.: Zielgerichtete Wassergewöhnung. Celle 1981.
4. HILLBRECHT, H.- J.: Das Problem der Erstschwimmlage im Anfängerunterricht. In: Sportunterricht 25 (1976), Folge 2, 21-23.
5. SCHNEIDER, W. : Auch die Kopplungs- und Rhythmusfähigkeit im Anfängerschwimmen entwickeln. In: Körpererziehung 47 (1997), 210-214.
6. VOLCK, G.: Grundlegung : Anfängerschwimmen. In: VOLCK, G.: Schwimmen in der Schule.
7. WESTDEUTSCHER SCHWIMM-VERBAND e. V. (Hrsg.): Leitfaden des Sportschwimmens, 17-18. Bockenem am Harz 1981.
8. WILKE, K. / DANIEL, K.: Schwimmen - Lernen . Üben . Trainieren,17-18. Wiesbaden 1996.
9. WILKE, K.: Anfängerschwimmen. Eine Dokumentationsstudie,14-16. Schorndorf 1976.
10. WILKE, K.: Anfängerschwimmen. Training, Technik, Taktik. Reinbek 1979. Schorndorf 1977.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Welche Schwimmart sollte als Anfangsschwimmart bei Kindern im Vorschulalter gewählt werden?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
Buchpreis
Autor
Jahr
1998
Seiten
12
Katalognummer
V96734
Dateigröße
353 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Schwimmart, Anfangsschwimmart, Kindern, Vorschulalter
Arbeit zitieren
Thomas Meyer (Autor), 1998, Welche Schwimmart sollte als Anfangsschwimmart bei Kindern im Vorschulalter gewählt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96734

Kommentare

  • Gast am 16.5.2001

    Kopf über Wasser?.

    .... alles gut und recht, aber mich als auch schon langjährige Schwimmlehrerinn, bringt immer wieder das Problem:" Kopf aus dem Wasser" ins kapitulieren, weil meist einfach die Zeit fehlt!
    In 1o Übungseinheiten ist es immer wieder ein Problem, den Kindern das Kopf hoch-halten, mit exaktem Stil zu erklären. Auf anraten von Kollegen
    die Styropor-Schlangen zu zu probiern gelang mir nicht ausreichend.Was bitte kann ich tun?
    Bitte wer kan mir Tips und Erfahrungsaustausch anbieten? Wäre echt dankbar! Ingrid

  • Gast am 6.1.2002

    Naja ob das stimmt.

    Hallo

    ich möchte nur zu dieser Arbeit sagen, dass es mitlerweile schon eine feste vorgehensweise im bereich des Anfängerschwimmens gibt.
    Natürlich hängt sa uch von den äußeren Faktoren ab. Aber aufgrund, dass si´ch Kinder, die nicht schwimmen können mit einer Art Hundebewegung überwasser halten, wird immer häufiger das Kraulschwimmen als erste schwimart gewählt, da diesem am ahnlichstem zum Hundeschwimmen ist.

  • Gast am 22.2.2005

    feste vorgehensweise ?.

    zum vorangegangenen beitrag: so etwas gibt es niemals, da man eigentlich immer eine "neue" "andere" zielgruppe hat. wer nach patentrezepten sucht (alles für alle gruppen) ist in meinen augen eher der schlechte lehrer/trainer, weil nicht flexibel. im sinne einer inneren differenzierung im unterricht kann man mit patentrezepten den unterschiedlichen individuen nicht gerecht werden.
    immer variabel sein und ganzheitlich, das ist der weg. so hat man immer etewas für alle in der "tasche".

  • Gast am 17.4.2005

    kopf über wasser ?.

    aus meiner sicht ist das erlernen, den kopf über wasser zu halten doch echt aus der methodik "wir vermitteln brustschwimmen als erste schwimmtechnik" geboren. mein tipp: die kinder nach neigung das seepferdchen schwimmen lassen. es gibt nunmal schwimmer, die nie richtig brustschwimmen werden können, dafür aber spitzenkraulschwimmer sind. vielseitig ausbilden ist hier genauso das zauberwort wie vielseitig ausgebildet sein. meine ansicht: alle lagen vermitteln, nicht nur brust und schon ist das problem "kopf aus dem wasser" gelöst, da die kinder z.b. beim rückenkraul sowieso frei für die atmung sind und beim kraul nur kurz den kopf drehen brauchen.
    gruß marcus
    http://people.freenet.de/ats hier findet ihr zusätzliche tipps zum thema anfängerschwimmen.

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