Marguerite de Navarre und der Protestantismus


Seminararbeit, 1998

14 Seiten, Note: 2,3


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Inhaltsübersicht

0. Einleitung

1. Reformbedarf im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert

2. Verlauf der Reformation in Frankreich zu Marguerites Zeiten

3. Analyse der 22. Novelle

4. Marguerite - Protestantin oder Katholikin?
4.1 Indizien für protestantische Neigungen
4.1.1 Novellen mit Klerikern in negativen Rollen
4.1.2 Häufige Erwähnung der Bibel
4.1.3 Nicht-Thematisierung von Maria, Papst und Heiligen
4.1.4 Nomerfides Ablehnung der Beichte
4.2 Indizien für katholische Neigungen
4.3 Schlußfolgerung

5. Zitierte Literatur

0. Einleitung

Gegenstand des Seminars war Marguerite de Navarres Novellensammlung Heptaméron. Beim Lesen fallen die vielen Erzählungen auf, in denen die Verfasserin negativ über Bettelmönche und andere Kirchenangehörige schreibt. Da sie zu Beginn der Reformation lebte (*1492, †1549), drängt sich die Frage auf, ob sie mit den Reformern sympathisierte oder gar als Protestantin bezeichnet werden kann.

Zunächst soll der Reformbedarf des ausgehenden 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts dargestellt, danach der Verlauf der Reformation in Frankreich zu Marguerites Zeiten grob umrissen und ihre Bedeutung für die Reformation dargestellt werden, woraufhin ich - ausgehend von der Analyse einer Novelle - versuchen möchte festzustellen, ob Marguerite eher katholisches oder protestantisches Gedankengut vertrat.

1. Reformbedarf im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert

Die Reformation ist nicht „plötzlich ausgebrochen“. In der katholischen Kirche gärte es schon lange vor Luthers Thesenveröffentlichung 1517: In England unter John Wyclif be- reits Ende des 14., in Böhmen mit Jan Hus Anfang des folgenden Jahrhunderts. In Frank- reich wirkten vor allem der oft als „Weltbürger“ bezeichnete niederländische Humanist Desiderius Erasmus von Rotterdam (1466 - 1536), Jacques Lefèvre d’Étaples (1455 - 1536) und dessen Schüler, Guillaume Briçonnet (1470 - 1534), Bischof von Meaux. Die beiden letzteren bildeten hier, unter Marguerite de Navarres schützender Hand, mit Gleichgesinnten den cénacle de Meaux, das französische Zentrum der Reformation.

Was waren die Gründe dieser Bewegungen, wonach strebten die Reformer?

Hauptkritikpunkt war der sittliche Verfall, der die Kirche fast gänzlich ergriffen hatte: Ziel vieler Geistlicher war nicht mehr die Vereinigung mit Gott, statt dessen lebten sie zügellos bis - in gehobeneren Positionen - luxuriös. IMBART DE LA TOUR (1909: 297) zitiert einen Zeitgenossen, der über die Äbte urteilt: „ A les voir passer, vous ne diriez pas les p è res de leur couvent, mais des seigneurs de ch â teaux.

Derselbe Autor (1909: 299) zeichnet ein düsteres Bild mehrerer Klöster: „ [...] il n ’ y a plus de r è gle : les moines vivent publiquement en concubinage, dilapident les joyaux, les meubles,l’argent pour se faire des revenus.

Den Grund für das Lotterleben der Mönche kann man in dem schon erwähnten Streben der Äbte nach Luxus sehen: „ Qu ’à de telles conditions la vie religieuse s ’ anémie, que dans les monast è res grondent les révoltes, on ne saurait s ’ enétonner.“ (ebd.: 295).

Papst Leo X. kommt 1516 zu dem Schluß: „ L ’ absence de r è gle dans la plupart des monast è res de ce royaume [sc. la France], la vie impudique des moines sont arrivéesàun tel point, que nuls, rois, princes, fid è les, ne gardent plus le respect... “ (ebd.: 306).

Am schlimmsten von allen Mönchen scheinen es die Bettelmönche zu treiben: Dominikaner, Karmeliter, Augustiner, Jakobiner und natürlich die Franziskaner (cordeliers), die im Heptaméron so oft eine Rolle spielen: „ Ce sont surtout les Mendiants qui, par leur violence, leur insoumission, leur grossi è retébrutale, sont trop souvent un objet de scandale public. “ (ebd.: 301 f.). Und auch unter den Mendiants scheint es noch Abstufungen zu geben: Ganz unten stehen Dominikaner und „unsere“ Franziskaner:

Ce qui est pis encore,àce contact journalier avec le peuple, beaucoup trop ont pris les m œ urs du peuple. Ils n ’ en ont pas seulement le verbe, mais les vices ; ils se m ê lentàla canaille, auxétudiants et aux laquais, vont faire le coup de poing dans la rue ou le coup de gueule sur la place publique. Les incartades de ces singuliers disciples de Françoisd’Assise ou de Dominique ne se comptent plus. (ebd.: 302)

Primär stößt man sich also an der Unzucht der Kleriker. Vermutlich ist es diese, die ei- nige Theologen dazu veranlaßt, auch über grundlegende Ansichten der Kirche kritisch nachzudenken.

Das wichtigste Postulat der Reformer ist zunächst der Primat der Bibel vor dem Papst, welcher in der katholischen Kirche in theologischen und moralischen Fragen das letzte Wort hat. Jeder sollte durch das Studieren der Bibel selber Antwort auf alle Fragen finden. Daraus folgte eine weitere Forderung: Die Bibel sollte der breiten Masse in ihrer Volks- sprache zugänglich sein, und Gottesdienste und Predigten sollten in der Landessprache abgehalten werden. Aus diesem Grund widmen sich die Reformer einer exakten Bibelüber- setzung: in Deutschland Luther und in Frankreich (nach anderen weniger exakten Überset- zern einiger Bibelteile Ende des 15. Jahrhunderts) Lefèvre, der sein Werk 1523 veröffent- licht (IMBART 1509: 547 f.).

Wichtige theologische Reformationsgedanken sind die Prädestinationslehre (der Glau- be, daß das Schicksal jedes Menschen von Gott vorherbestimmt und unabänderlich sei), die Ablehnung der Transsubstantiationslehre (welche besagt, daß sich beim Abendmahl Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln), eine von sieben auf zwei reduzierte Anzahl der Sakramente und die Verurteilung des Ablaßhandels.

2. Verlauf der Reformation in Frankreich zu Marguerites Zeiten

Aus den genannten Forderungen erwächst zunächst nicht der Wunsch, sich von der Kirche abzuspalten. Sowohl Luther, als auch Calvin, Erasmus und der cénacle de Meaux wollen die Kirche von innen heraus ändern: „ La renaissance religieuse ne sera donc pour Lef è vre [...] une rénovation intérieure, individuelle: la pénétration pacifique de l’Évangile dans les â mes. Avec cet idéal, on ne peut ê tre surpris que l ’é cole de Meaux n ’ ait jamais voulu se séparer de la vieille É glise. “ (ebd.: 121).

Tatsächlich bewegt sich zunächst etwas in der Kirche: Zu frappierend sind die Mißstände. In zwei Bullen (1501 und 1503) wird der Kardinal d’Amboise mit der Reform der französischen Klöster betraut, welche über Jahrzehnte andauern soll: Der Kardinal und seine Nachfolger, bzw. ihre Beauftragten besuchen die Klöster, tauschen gegebenenfalls den Abt oder die Äbtissin oder sogar die Mönche aus: „ [...] il faut un si è ge en r è gle, enfoncer les portes, expulser les religieux, repousser plus de deux cents manifestants en armes, qui essayent de soulever la ville. Force reste enfin la loi; les Jacobins sont expulsés et des moines réformés introduits dans leur couvent. “ (IMBART 1909: 512)

Was es allerdings genau ausmacht, ein moine réform é zu sein, erfährt man auch bei IMBART nicht - vermutlich sind dies einfach Mönche, die neu auf die ja eigentlich alten Werte eingeschworen wurden.

Diese Art der Reformen liegt natürlich auch im Interesse der Kirche - nicht aber die theologischen Bedenken: Die Reformer rütteln schließlich an den Stühlen des Papstes und seiner Vertreter, indem sie behaupten, daß deren Wort weniger Gewicht habe als die Bibel. Und auch ein Nachgeben bei anderen Streitfragen, etwa dem ja nun offensichtlich unchristlichen Ablaßhandel, würde zu dieser Zeit einen Autoritätsverlust bedeuten.1

Das Maß der Toleranz ist bei den Reformern und ihren Sympathisanten unterschiedlich groß: Einige, wie Luther, Calvin und ihre Gefolgsleute, sagen sich von der Kirche los (bzw. die Kirche von ihnen...), andere schwenken von reformerischen auf kirchentreue Positionen um, z.B. François Ier. Zunächst hatte er die Reformbewegung unterstützt: „ D è s la premi è re année de son r è gne[1515], François Ier avait en effet annoncéson projetd’achever l ’œ uvre entreprise [sc. de réformer les couvents] “ (IMBART 1909: 517), und gegen den Willen des Parlaments und der konservativen Sorbonne „[...] entriß [er] dem Zensor ab und an ein Opfer [...]“ (HAUSMANN 1997: 130). Doch auf die Dauer werden ihm die Reformer zu aufsässig. Als im Oktober 1534 im ganzen Land antikatholische Plakate verbreitet werden, von denen eines sogar an seiner Schlafzimmertür angebracht wird (affaire des placards), reißt ihm der Geduldsfaden. Während seiner Abwesenheit läßt das Parlament wahllos 200 Bürger verhaften und einige von ihnen verbrennen, doch François schreibt am 9. Dezember nach Paris: „ On ne sçauroit me faire chose plus agréable que de contynuer en sorte que cette mauldicte et abominable secte ne puisse prendre pied ni racine en mon royaulme. “ (zit. nach IMBART 1914: 555). Den Grund für diesen Sinnes- wandel sieht HAUSMANN (1997: 40) darin, daß „die Monarchie schon bald in den Anhän- gern der Reform [...], deren Kirche im Prinzip demokratisch organisiert war, eine Gefahr für die staatliche Einheit und das monarchische Prinzip [sah].“ Damit wird natürlich eine offene Diskussion in Frankreich unmöglich gemacht, und wichtige Köpfe, allen voran Cal- vin, gehen ins Exil. Dieser hat sich schon im November 1533 als Reformer „geoutet“, als sein Freund Nicolas Cop, der neuernannte Direktor der Sorbonne, seine Antrittsrede hielt, die Calvin mit ihm zusammen verfaßt hatte und die durchblicken ließ, welche theologische Position die beiden vertraten. Zunächst versteckt Calvin sich bei Freunden in Frankreich, doch nach der affaire des placards ist die Lage zu unsicher geworden (vgl. IMBART 1935: 20-32).

Die Gründe, weshalb die Reformation sich beispielsweise in Deutschland besser etablie- ren kann als in Frankreich, ist, daß ihr in Frankreich die weltliche Unterstützung fehlt (nach der affaire des placards), die sie in Deutschland von einigen Fürsten erfährt. Das wiederum liegt u. a. am konservativen Gegengewicht der Sorbonne und dem Pariser Par- lament. Vergleichbares „gab es in Deutschland nicht, und sie haben in Frankreich wesent- lich zur Bremsung des revolutionären reformatorischen Schwungs beigetragen“ (HAUS- MANN 1997: 129).

Welchen Einfluß hat nun Marguerite auf die französische Reform? Vorwiegend politi- schen. Sie wirkt auf ihren Bruder, François Ier, ein, die reformatorische Bewegung zu tole- rieren. Außerdem bietet sie selbst den Reformern an ihrem Hof eine Zuflucht. Hier können sie sich austauschen, doch auch wenn Marguerite diese Diskussion aktiv verfolgt, so bringt sie doch nicht etwa Streitschriften oder Bibelübersetzungen heraus. Auch spielt sie im cénacle de Meaux keine führende Rolle, sondern wird vielmehr von dessen Mitglied Briçonnet, mit dem sie eine vierjährige Korrespondenz unterhält, zur Beeinflussung ihres Bruders François Ier im Sinne der Reformer „mißbraucht“: „Er forderte in manchmal hundertseitigen Brieftraktaten seinen geistigen Zögling Marguerite unverblümt zur religionspolitischen Aktion auf, zumal er hoffte, über die Prinzessin an den König selber herantreten zu können [...]“ (HAUSMANN 1997: 153).

Inwieweit sich in ihrem literarischen Werk protestantische Forderungen widerspiegeln, soll nun anhand des Heptamérons untersucht werden.

3. Analyse der 22. Novelle

Die 22. Novelle bietet einige interessante Aspekte zu diesem Thema und soll einmal ge- nauer betrachtet werden. Sie wird von Géburon erzählt und handelt von einem Prior, der sich bei der Inspektion eines Frauenordens in eine junge Nonne, Marie Héroët, verliebt und sie zu verführen versucht. Als sie trotz allerlei Bitten und Drohungen standhaft bleibt, sorgt er dafür, daß sie bei Wasser und Brot jahrelang keinen Kontakt mehr zur Außenwelt haben darf. Sie schafft es aber, ihrem Bruder, der sich nach ihrem Verbleib erkundigt, einen Brief zuzustecken, woraufhin dieser Marguerite de Navarre um Hilfe bittet, so daß die Gepeinig- te schließlich glänzend rehabilitiert wird.

Zunächst läßt sich sagen, daß Géburon, der Erzähler, gewiß derjenige der fünf Männer unter den devisants ist (vielleicht zusammen mit Dagoucin), der am ehesten dem heutigen Männerideal entspricht und nicht u. a. durch das Gutheißen von Vergewaltigungen2 die Antipathie eines modernen Lesers auf sich zieht. Zu diesem Bild paßt auch seine Geschich- te, denn er zeichnet nicht nur das Porträt eines niederträchtigen Mannes, dessen Lüsternheit und Aufdringlichkeit sogar dann abstoßen würden, wenn dieser kein Zölibatsgelübde abge- legt hätte, und welcher seine Machtposition zu seinen niederen Zwecken ausnutzt. Gébu- ron stellt dem auch eine weibliche Hauptperson gegenüber, deren Tugendhaftigkeit in den Augen der anderen Erzähler beispielhaft wirken muß, auch wenn diese seltsamerweise kein Wort darüber verlieren.

Schon im dritten Satz wird der Leser mit dem Thema Reform(ation) konfrontiert, denn der Prior ist mit der oben beschriebenen Neuordnung der Klöster betraut: „ Et ne se faisait réformation de religion qui ne fût faite pas sa main [...] “ (S 224). Aber wie schon erwähnt handelt es sich hierbei nicht um Auflehnung gegen die Kirche, sondern vielmehr um eine Erneuerung in ihrem Auftrag. Das bedeutet, daß die Lebensweise der Ordensangehörigen gewandelt werden soll. Dazu gehört scheinbar für den Prior, daß auf Fleischkonsum verzichtet werden soll, welcher früher ein Luxus war: „ [...] combien que sa r è gle port â t de jamais ne manger chair, il s ’ en dispensa lui-m ê me [...] “ (S 225).

Wie im Zitat gesehen, nimmt er sich selbst jedoch von dieser Regel aus. Dies ist in zweierlei Hinsicht von Bedeutung: Zum einen wird er, wenn er später versucht, Marie Hé- roët zum Beischlaf zu überreden, die gleiche arrogante Inkonsequenz an den Tag legen (nach dem Motto: „Eigentlich darf man nicht, aber für mich gibt es da eine Ausnahme.“), mit der er den christlichen Grundsatz verleugnet, daß vor Gott alle gleich sind, also auch den gleichen Geboten gehorchen müssen. Zum anderen gibt es für Marguerite zwischen der Lebensführung und der Denkweise einen Zusammenhang. Nahegelegt wird dies zu- mindest durch das direkte Aufeinanderfolgen der beiden Aussagen, auch wenn sie nicht durch eine kausale Konjunktion verknüpft sind: „ Etàcette mutation de vivre se fit une mutation de c œ ur telle qu ’ il commençaàregarder les visages dont paravent avait fait conscience, et en regardant les beautés que les voiles rendent plus désirables, commençaàles convoiter. “ (S.225).

Marguerite benutzt zur Beschreibung seines Tuns biblisches Vokabular (vgl. z.B. Psalm 23): „ [...] en lieu de faire fin de pasteur, il devint loup [...] “; „ [...] la Bontédivine [...] prit pitiédes pauvres brebiségarées [...] “ (S. 225).

Nach dieser Einleitung kommt es zur Haupthandlung: Bei einem seiner Besuche im Kloster verliebt sich der Prior in Schwester Marie Héroët. Da er zu Recht davon ausgeht, daß sie ihr Gelübde nicht aus Liebe zu ihm brechen wird, beschließt er, sie unter Druck zu setzen („ [...] il délibéra de ne lui parler point, mais de chercheràla gagner par crainte “ (S. 226)). Die Tatsache, daß er seine Sünde plant und sie ihm nicht einfach „passiert“, verleiht ihr eine besondere Schwere.

Die Umsetzung seines Vorhabens wird nun sehr dramatisch in einer Klimax geschildert: Seine Versuche werden mit jedem Mal heftiger. Nach dem ersten Mal läßt er die Äbtissin, ihre Tante, versetzen, nach dem zweiten Mal nimmt er ihr den vertrauenswürdigen Beicht- vater, und nach dem dritten Mal die Würde, indem er sie vor allen Nonnen demütigt und ihr schlimmste Strafen auferlegt. Als vierte Versuchung schickt er ihr einen jungen, schö- nen Mönch in der Hoffnung, daß er sie nachher mit ihrer Sünde erpressen kann.

Obwohl laut Anmerkungen die Protagonisten als reale Personen identifiziert worden sind und im gesamten Werk viele Male betont wird, daß nur Wahres erzählt werden soll, nährt der Detailreichtum der Beschreibung den Verdacht, daß Marguerite auch ihre Phan- tasie hat spielen lassen. Damit könnte sie bewirkt haben wollen, daß das geschehene Un- recht noch offensichtlicher wird, vielleicht um den Prior und damit die Kirche noch schlechter dastehen zu lassen.

Auffällig ist die Anzahl der Versuche des Priors und die Art und Weise, in der sie wie- dergegeben werden: vier insgesamt, aber nur drei werden direkt, sozusagen „live“ be- schrieben, und einer als Rückblende „nachgeschoben“, wenn Marie ihrem Bruder den ge- heimen Brief zusteckt. Warum hat Marguerite diese „3+1-Form“ gewählt? Weil die ersten Versuche dann in magischer und auch biblischer Dreizahl dastehen: Sie lassen zum einen an den dreieinigen Gott denken, zum anderen handelt es sich mit Sicherheit um eine Allu- sion an Jesu dreifache Versuchung durch den Teufel in der Wüste (vgl. Mt. 4, 1-11 und Lk. 4, 1-13). Der Vergleich drängt sich geradezu auf: Der Teufel verspricht Jesus alle Reiche der Erde, wenn dieser ihn dafür anbetet; der Prior bietet Marie an, sie zur Äbtissin zu ma- chen (S. 228), wenn sie mit ihm schläft. Doch genauso selbstsicher wie Jesus tritt Marie ihrem Versucher entgegen. Gerade die Details der Versprechungen und der Antworten sind wahrscheinlich von Marguerite erfunden worden, um eine effektvolle Parallele zum Evan- gelium zu ziehen, denn diese bewirkt, daß der Kontrast zwischen Marie und dem Prior noch deutlicher hervortritt: Ihr verleiht sie etwas Heroisches, Heiliges, ihn läßt sie teuflisch erscheinen.

Tatsächlich verkörpert der Prior alles, was Marguerite den Klerikern vorwirft: „ Que leur reproche donc la princesse? Elle le dit en termes on ne peut plus clairs: leur hypocrisie, leur cupidité, leur inconduite, tous vices par quoi ils manquent aux devoirs de leurs minist è re, aux v œ ux qu ’ ils ont prononcés “ (JOURDA 1930: 908). Scheinheilig und verlogen ist er z.B., wenn er vorgibt, Maries Jungfräulichkeit überprüfen zu müssen, da er nicht nur „ visiteur des â mes “, sondern auch „ visiteur des corps “ sei (S. 230) - seine Be- gierde (cupidit é) und sein Fehlbetragen (inconduite) müssen nicht gesondert belegt wer- den...

Die positive Darstellung einiger Kleriker fällt außerdem an dieser Novelle auf. ATANCE (1974: 188) behauptet, Marguerite setze nie gute Kirchenleute in Szene, aber diese Novelle beweist das Gegenteil: Da ist erstens die jesusgleiche Marie, zweitens die vielleicht leichtgläubige, aber nicht schlechte Tante Maries, die Äbtissin, und drittens der Beichtvater (S. 229: „ fort vieil et homme de bien “), den der Prior beseitigen läßt.

Das kontrastiert mit den vielen negativen religieux des Heptamérons und auch mit den meisten Aussagen der Erzähler. So sagt Nomerfide in der Diskussion dieser Novelle (S. 234): „ [...] j ’ ai une si grande horreur quand je vois un religieux, que seulement je ne m ’ y saurais confesser, estimant qu ’ ils sont pires que tout les autres hommes, et ne hantent jamais maison qu ’ ils n ’ y laissent quelque honte o ù quelque zizanie!3

Daß dieser Widerspruch beispielhaft für Marguerites Position ist, soll im folgenden gezeigt werden.

4. Marguerite - Protestantin oder Katholikin?

Daß Marguerite irgendwo zwischen den beiden Polen steht, ist offensichtlich; schwieriger ist es festzustellen, wo genau. Eine Auflistung der Indizien soll etwas Klarheit bringen.

4.1 Indizien für protestantische Neigungen

4.1.1 Novellen mit Klerikern in negativen Rollen

In 13 der 72 Novellen (18 %) spielen Mönche, Pfarrer und Bischöfe die Hauptrolle, die sich eines Vergehens oder Verbrechens schuldig machen (nur in der 72. Novelle kommt eine Nonne vor, die zwar eine Sünde begeht, indem sie mit einem Mönch schläft aber eher eine Opferrolle einnimmt). Es sind dies die Novellen 1, 5, 22, 23, 29, 31, 33, 41, 46, 48, 56, 61 und 72. Der hohe Anteil ist schon erstaunlich und ein Indiz für die reformatorische Haltung der Verfasserin. Er darf aber auch nicht überbewertet werden, denn Marguerite führt mit diesen Novellen eine alte literarische Tradition fort, die schon seit den Fabliaux besteht, die bis ca. 1350 entstanden. Auch hier spielten Priester und Mönche oft negative Rollen:

L ’ attitude générale des fabliauxàl ’é gard du clergépeut se résumer en ces mots: plus il est purement ecclésiastique et moins onl’aime. Les clercsécoliers ont des vices, mais ils sont pardonnables; les pr ê tres et les moines en ont aussi, mais il faut que ces vices soient bien inoffensifs pour qu ’ ils ne deviennent pas ha ï ssables. Pour lesév ê ques, aucun pardon. (NYKROG 1957: 135)

Scheinbar war die Verachtung des Klerus also schon lange vor der Reformation üblich.

Noch kirchenfeindlicher als die Geschichten, bei denen es sich ja um wahre Begebenheiten handeln mag, sind die Kommentare der Erzähler: Diese geben vermutlich die Meinung der Verfasserin wieder, die sie selbst vom Klerus hat. JOURDA (1930: 909-911) listet einige der Aussagen auf - von Oisilles „ on les devrait brûler tout en vie! “ (S. 242) bis Ennasuites „ ils sont si tr è s inutiles que, s ’ ils ne font quelque mal digne de mémoire, on n ’ en parlerait jamais “ (S. 376). Dieser Masse von Haßparolen stehen nur wenige ausgleichende Bemerkungen gegenüber, wie Oisilles in der Diskussion der 22. Novelle: „ Il y en a de bons [...] et ne faut pas que pour les mauvais ils soient jugés “ (S. 234). Man kann fast annehmen, daß Marguerite solche Sätze nur als Alibi aufgenommen hat.

4.1.2 Häufige Erwähnung der Bibel

Natürlich soll nicht der Eindruck entstehen, nur Protestanten seien bibelfest. Tatsächlich konnten aber vor der Reformation und den ersten Bibelübersetzungen nur Kleriker und die gebildete Oberschicht die Bibel lesen. Die Reformatoren wollten, daß sich jeder mit ihr selbst beschäftigt. JOURDA (1930: 904) schreibt:

Il ressort del’ensemble du livre, - du prologue général comme de chacun des prologues quotidiens, - que Marguerite est conquise parl’idée essentiellement neuve ver 1545 que rien ne vaut, pour la perfection de l ’â me, la lecture assidue et personnelle , et la méditation de l’Écriture.

Marguerite beweist im Heptaméron durch die vielen Zitate ihre eigene Bibelfestigkeit 1und läßt ihre Erzähler jeden Tag dieses reformatorische Prinzip des Bibelstudiums umsetzen. Das kann schon als starkes Indiz für ihre Zustimmung zur Reformation - zumindest in diesem Punkt - gelten.

4.1.3 Nicht-Thematisierung von Maria, Papst und Heiligen

JOURDA (1930: 908) bemerkt: „ Il n ’ est pas une fois question dans l ’ Heptaméron de la Vierge et des saints, et ce silence en dit long,évidemment. Iléquivaut presqueàune profession de foi protestante.“ Seine Schlußfolgerung ist vielleicht ein bißchen überspitzt, aber natürlich tendentiell richtig, denn Gelegenheit, hier und da einen Heiligen, z.B. als Schutzpatron, zu erwähnen, hätte Marguerite sicherlich gehabt. Allerdings kommen Heili- ge in der Literatur auch wiederum nicht so häufig vor, daß ihre Nicht-Erwähnung direkt auffällt, wenn man nicht besonders darauf achtet. Auch Maria und vor allem den Papst vermißt man nicht sofort, dennoch kann man diese Beobachtung als Indiz registrieren.

4.1.4 Nomerfides Ablehnung der Beichte

Nomerfide sagt auf S. 234: „ [...] seulement je ne m ’ y [sc.àun religieux] saurais confesser [...] “. Damit lehnt sie (und - man darf vermuten - durch sie auch Marguerite) die Beichte ab, eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche. Da die evangelische Theologie nur zwei Sakramente (Taufe und Abendmahl) anerkennt, ist diese Bemerkung schon ein deutliches Indiz für eine protestantische Neigung der Autorin des Heptamérons.

4.2 Indizien für katholische Neigungen

Als solche lassen sich nennen, daß Marguerite der katholischen Liturgie keineswegs abgeschworen hat: Wie selbstverständlich besuchen ihre devisants zweimal täglich die Messe.

Auch werden nicht, wie bereits in 3. angesprochen, ausschließlich schlechte Kirchenleu-te beschrieben. Außer in der besprochenen 22. Novelle tauchen auch an anderer Stelle des Heptamérons gute Kleriker auf: „ L ’ abbé, quiétait de fort bonne maison, les logea honorablement. “ (S. 42); „ un Cordelier tenu de tout le peuple un saint homme, pour sa tr è s grande austéritéet bontéde vie “ (S. 309).

Klöstern ist sie nicht generell abgeneigt, im Gegenteil: „ Elle a fondédes couvents, comme il convenait alorsàune princesse [...] “(CAZAURAN 1991: 261). Und: „ Elle y faisait m ê me volontiers retraite dans des moments difficiles [...] “ (ebd.). Sie verurteilt lediglich Sittenlosigkeit.

HAUSMANN (1997: 152) will sogar wissen, daß sie 1545 mit Calvin bricht, führt aber keine Quellen an.

4.3 Schlußfolgerung

Wie gesehen gibt es also sowohl für katholische als auch für protestantische Tendenzen Marguerites Belege: „ On voitàquel point il est difficile de fixer en termes précis la doctrine de Marguerite, ou plut ô t combien il est délicat - les points essentiels de cette doctrineétablis, - de la cataloguer et de la définir “ (JOURDA 1930: 909).

Für eine katholische Marguerite scheint am stärksten zu sprechen, daß sie selbst dem Klosterleben nicht abgeneigt war, für eine protestantische die Kommentare der devisants, sowie die Ablehnung der Beichte durch Nomerfide. Dennoch glaube ich, daß sie ähnlich wie Erasmus und Lefèvre d’Étaples keineswegs eine Trennung von der Kirche befürwortet hätte, sondern lediglich ihre Reform wünschte. Diese Annahme wird davon gestützt, daß sie neben den vielen Beispielen sittenloser Mönche auch solche erwähnt, die ihren Anfor- derungen genügen. Damit scheint sie sagen zu wollen: „So geht es auch.“

Meiner Meinung beschreibt man sie mit „kritische Katholikin“ am besten.

5. Zitierte Literatur

Benutzte Ausgabe des Heptamérons:

Heptaméron. 1982. Paris: Flammarion [mit Anmerkungen von Simone de Reyff].

Sekundärliteratur:

ATANCE, Félix R. 1974. „Les Religieux de l’Heptaméron: Marguerite de Navarre et les novateurs“. Archiv f ü r Reformationsgeschichte. LXV. S. 185-210.

CAZAURAN, Nicole. 21976. L ’ Heptaméron de Marguerite de Navarre. Paris: SEDES.

HAUSMANN, Frank-Rutger. 1997. Franz ö sische Renaissance. (Lehrbuch Romanistik). Stuttgart/Weimar: Metzler.

IMBART DE LA TOUR, Pierre. 1905. Les origines de la Réforme. Bd. II : L ’ Eglise catholique - la crise et la Renaissance. Paris. Nachdruck Genf: Slatkine 1978.

----------. 1914. Les origines de la Réforme. Bd. III: L’Évangélisme (1521-1538). Paris. Nachdruck Genf: Slatkine 1978.

----------. 1935. Les origines de la Réforme. Bd. IV: Calvin etl’institution chrétienne. Pa- ris. Nachdruck Genf: Slatkine 1978.

JOURDA, Pierre. 1966. Marguerited’Angoul ê me, Duchessed’Alençon, Reine de Navarre. Turin: Bottega d’Erasmo.

NYKROG, Per. 1957. Les Fabliaux. Étuded’histoire littéraire et de stylistique médiévale. Kopenhagen: Ejnar Munksgaard.

[...]


1 Hier muß allerdings erwähnt werden, daß es einen Ablaßhandel in Frankreich nicht gibt, da Frankreichs Kirche im Gegensatz zu denen anderer Länder bereits eine Nationalkirche ist (Stichwort Gallikanismus), weswegen Rom in Frankreich finanziell nicht walten kann, wie es will (HAUSMANN 1997: 128).

2 Z.B. Hircan, S. 124: „ Et si Amadour eûtétéplus amoureux que craintif, il n ’ eût pas laissépour si peu son entreprise. “ Oder Saffredent, S. 185 f.: „ Il me semble [...] quel’on ne saurait faire plusd’honneuràune femme de quil’on désire telles choses que de la prendre par force [...]. “

3 Dieses Zitat ist übrigens unabhängig vom ausgedrückten Klerikerhaß sehr interessant (s. 4.1.4).

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Marguerite de Navarre und der Protestantismus
Note
2,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
14
Katalognummer
V96758
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit war nicht besonders gut (eine 2-, und auch die nur wegen der Mitarbeit im Seminar), kann aber vielleicht wenigstens zur Inspiration dienen. Bemängelt wurde v.a. der geringe Anteil eigener Interpretation.
Schlagworte
Marguerite, Navarre, Protestantismus
Arbeit zitieren
Guido Reineke (Autor), 1998, Marguerite de Navarre und der Protestantismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96758

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